Book: Die Ernte des Bosen



Die Ernte des Bosen

Robert Galbraith

Die Ernte


des Bösen

Roman

Aus dem Englischen von


Wulf Bergner, Christoph Göhler


und Kristof Kurz




Die Ernte des Bosen

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Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel


Career of Evil bei Sphere, An Imprint of Little, Brown Book Group, London.

1. Auflage


Copyright © 2015 J.K. Rowling


The moral right of the author has been asserted.

All characters and events in this publication, other than those clearly in the public domain, are fictitious, and any resemblance to real persons, living or dead, is purely coincidental.

All rights reserved.


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Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2016 by Blanvalet Verlag,


in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München.

Vollständige Copyright-Angaben zu den zitierten Songtexten siehe am Ende des Buches


Die ausgewählten Texte von Blue Öyster Cult 1967 – 1994 wurden abgedruckt mit freundlicher Genehmigung von Sony/ATV Music Publishing (UK) Ltd.


www.blueoystercult.com


Don’t Fear the Reaper: The Best of Blue Öyster Cult von Sony Music Entertainment Inc.jetzt überall erhältlich, wo es Musik gibt.

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de


Umschlagmotiv: Getty Images/WireImage/Rob Ball


Satz: Uhl + Massopust, Aalen


ISBN 978-3-641-18858-0


V001

www.blanvalet.de


Für Séan und Matthew Harris



Ihr könnt mit dieser Widmung machen, was ihr wollt,


aber haltet sie –


unbedingt –


von euren Augenbrauen fern.


I choose to steal what you choose to show


And you know I will not apologize –


You’re mine for the taking.


I’m making a career of evil …

BLUE ÖYSTER CULT, »CAREER OF EVIL«


TEXT VON PATTI SMITH

1

2011

This Ain’t the Summer of Love

Es war ihm nicht gelungen, ihr Blut vollständig zu entfernen. Unter dem Nagel seines linken Mittelfingers zeichnete sich eine dunkle, sichelförmige Linie ab. Er würde sie herausschaben müssen, obwohl ihm der Anblick eigentlich ganz gut gefiel: eine Erinnerung an die Freuden des vergangenen Tages. Nachdem er eine Minute lang vergeblich an dem blutigen Nagel herumgekratzt hatte, steckte er den Finger in den Mund und lutschte daran. Der metallische Geschmack erinnerte ihn an den Geruch der Fontäne, die auf den Fliesenboden und über die Wände gespritzt war, seine Jeans durchnässt und die pfirsichfarbenen, flauschigen, sorgfältig zusammengefalteten Handtücher in blutgetränkte Lumpen verwandelt hatte.

An diesem Morgen erschienen ihm die Farben kräftiger und die Welt ein angenehmerer Ort als sonst. Er war heiter und gelassen. Als hätte er sie absorbiert, ihr Leben in sich aufgesaugt. Wenn man tötete, nahm man seine Opfer ganz in Besitz. Dann stellte sich eine Verbundenheit ein, die selbst durch Sex nicht zu erreichen war. Der Anblick im Moment ihres Todes war von einer Intimität, die zwei lebendige Körper auf anderem Wege nie erfuhren.

Eine gewisse Erregung erfasste ihn, als er sich wieder in Erinnerung rief, dass niemand ahnte, was er getan hatte oder was er als Nächstes plante. Glücklich und in aller Seelenruhe saugte er an seinem Mittelfinger, lehnte sich gegen die von der schwachen Aprilsonne warme Mauer und betrachtete das Haus gegenüber.

Das nicht besonders ansprechend aussah. Gewöhnlich. Zugegeben, dort ließ es sich garantiert besser leben als in der kleinen Wohnung, wo die blutige Kleidung von gestern in schwarzen Müllsäcken darauf wartete, verbrannt zu werden. Wo er seine Messer – gesäubert und auf Hochglanz poliert – hinter dem Abflussrohr der Küchenspüle versteckt hatte.

Um den kleinen Vorgarten des Hauses verlief ein schwarzer Zaun. Der Rasen musste dringend gemäht werden. Die beiden schmalen, direkt nebeneinanderliegenden Eingangstüren ließen darauf schließen, dass das dreistöckige Gebäude inzwischen als Mietshaus für mehrere Parteien diente. Im Erdgeschoss wohnte eine Frau namens Robin Ellacott. Obwohl er gewaltige Anstrengungen unternommen hatte, um ihren Namen in Erfahrung zu bringen, nannte er sie insgeheim immer noch »die Sekretärin«. Gerade war sie am Erkerfenster vorübergegangen. Er hatte sie deutlich an ihrem rotblonden Haar erkannt.

Die Sekretärin zu beobachten war eine nette Dreingabe, ein vergnüglicher Bonus. Er hatte ein paar Stunden zur freien Verfügung gehabt und beschlossen herzufahren und sie zu observieren. Zwischen seiner gestrigen Großtat und der morgigen, zwischen der Befriedigung über das Geleistete und der Vorfreude auf das Kommende war der heutige Tag der Ruhe gewidmet.

Plötzlich öffnete sich die rechte Eingangstür. Die Sekretärin verließ in Begleitung eines Mannes das Haus.

Mit dem Rücken an der warmen Mauer starrte er quer über die Straße zu ihnen hinüber. Er hatte den Kopf zur Seite gedreht, damit es so aussah, als würde er auf einen Bekannten warten. Keiner der beiden würdigte ihn auch nur eines Blicks. Seite an Seite gingen sie die Straße hinauf. Er ließ ihnen eine Minute Vorsprung, dann ging er ihnen nach.

Sie trug Jeans, eine leichte Jacke und Stiefel mit flachen Absätzen. Im Sonnenlicht schimmerte ihr Haar rötlich. Das Pärchen machte einen seltsam reservierten Eindruck. Sie wechselten kein Wort.

Andere Menschen zu durchschauen fiel ihm leicht. So wie er auch das Mädchen, das gestern zwischen den blutdurchtränkten Pfirsichhandtüchern gestorben war, durchschaut und verführt hatte.

Mit den Händen in den Taschen schlenderte er dem Pärchen die lange Wohnstraße hinauf nach, als wäre er zu einem Einkaufsbummel aufgebrochen. Seine Sonnenbrille fiel an diesem hellen Morgen nicht weiter auf. Die Bäume wiegten sich sanft in der leichten Frühlingsbrise. Das Pärchen bog nach links in eine breite, stärker befahrene und von Bürogebäuden gesäumte Durchfahrtsstraße ein. Sonnenlicht spiegelte sich in den Glasfassaden hoch über ihm, als sie am Gebäude der Gemeindeverwaltung von Ealing vorübergingen.

Der adrette junge Mann mit dem edlen Profil – Mitbewohner, Freund oder was immer er sein mochte – sagte irgendwas. Die Sekretärin antwortete kurz angebunden und mit versteinertem Gesichtsausdruck.

Frauen waren dumm, gemein, schmutzig und schwach. Launische Zicken allesamt, die wie selbstverständlich von ihren Männern erwarteten, dass sie jedes ihrer Bedürfnisse befriedigten. Erst wenn sie tot und leer vor einem lagen, waren sie geheimnisvoll, rein und sogar wunderschön. Da erst besaß man sie vollends. Dann konnten sie weder keifen noch sich wehren noch weglaufen. Man konnte mit ihnen machen, was immer man wollte. Der Körper gestern war schwer und schlaff gewesen, nachdem er ihn hatte ausbluten lassen: sein ganz persönliches lebensgroßes Spielzeug.

Er folgte der Sekretärin und ihrem Freund durch das belebte Arcadia-Einkaufszentrum, schwebte hinter ihnen her wie ein Gespenst oder ein göttliches Wesen. Nahmen ihn die Shopper überhaupt zur Kenntnis? Oder hatte er sich verwandelt, hatte ihm die verdoppelte Lebenskraft die Gabe der Unsichtbarkeit verliehen?

Vor einer Bushaltestelle blieben sie stehen. Er hielt sich in ihrer Nähe, tat so, als würde er sich für ein indisches Restaurant interessieren, für das vor einem Supermarkt aufgestapelte Obst und die Pappmasken von Prince William und Kate Middleton in einem Kioskfenster. Insgeheim beobachtete er jedoch das Spiegelbild der beiden in der Schaufensterscheibe.

Sie warteten auf die Linie 83. Er hatte kaum Bargeld bei sich, fühlte sich aber zu wohl in seiner Rolle als Beobachter, um die Observierung jetzt schon zu beenden. Als er hinter ihnen einstieg, hörte er, wie der Mann »Wembley Central« sagte. Er löste eine Fahrkarte bis zu derselben Haltestelle und folgte ihnen aufs Oberdeck des Busses.

Das Pärchen setzte sich direkt in die erste Reihe. Er nahm neben einer mürrischen Frau Platz, die seinetwegen ihre Einkaufstaschen beiseiteschieben musste. Hin und wieder vernahm er ihre Stimmen über dem Gemurmel der anderen Fahrgäste. Wenn die Sekretärin nicht gerade etwas sagte, blickte sie missmutig aus dem Fenster. Ganz offensichtlich hatte sie keine allzu große Lust auf diese Unternehmung. Als sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich, entdeckte er den Verlobungsring. Sie würde also heiraten … glaubte sie zumindest. Er verbarg sein Lächeln hinter dem hochgeklappten Kragen seiner Jacke.

Die warme Mittagssonne fiel durch die mit Dreckspritzern übersäten Busfenster. Eine Gruppe von Männern stieg ein und belegte die umliegenden Plätze. Ein paar von ihnen trugen rot-schwarze Rugbytrikots.

Mit einem Mal schien es dunkler um ihn herum zu werden. Die Trikots mit dem Halbmond und dem Stern darauf weckten unliebsame Assoziationen an frühere Zeiten, als er sich noch nicht wie ein göttliches Wesen gefühlt hatte. Seine gute Laune war auf einen Schlag dahin, der Freudentag besudelt von alten, schlimmen Erinnerungen. Ein Teenager aus der Gruppe warf ihm einen Blick zu und sah schnell wieder weg; wütend stand er auf und ging zur Treppe.

Unten hielten ein Mann und sein kleiner Sohn die Haltestange zwischen den Bustüren fest umklammert. Der Zorn explodierte regelrecht in seinen Eingeweiden: Er sollte ebenfalls einen Sohn haben. Oder besser: Er sollte immer noch einen Sohn haben. Er stellte sich vor, wie der Junge neben ihm stand, zu seinem großen Vorbild aufsah – aber sein Sohn war lange tot. Und das war einzig und allein die Schuld eines gewissen Cormoran Strike.

Er würde sich an Cormoran Strike rächen. Er würde dessen Welt zum Einsturz bringen.

Nachdem er ausgestiegen war, erhaschte er durch die Frontscheibe des Busses noch einen letzten Blick auf das goldene Haar der Sekretärin. In weniger als vierundzwanzig Stunden würde er sie wiedersehen. Der Gedanke daran linderte die durch den Anblick der Saracens-Trikots heraufbeschworene Wut ein wenig. Der Bus rumpelte davon. Er wandte sich in die entgegengesetzte Richtung und versuchte, wieder zur Ruhe zu kommen.

Er hatte einen genialen Plan. Niemand wusste davon. Niemand ahnte etwas. Und zu Hause im Kühlschrank wartete etwas ganz Besonderes auf ihn.

2

A rock through a window never comes with a kiss.

BLUE ÖYSTER CULT, »MADNESS TO THE METHOD«

Robin Ellacott war sechsundzwanzig Jahre alt und seit mehr als einem Jahr verlobt. Die Hochzeit hätte eigentlich vor drei Monaten stattfinden sollen, doch der unerwartete Tod ihrer zukünftigen Schwiegermutter hatte zu einer Verschiebung der Feier geführt. In der Zwischenzeit war viel geschehen. Sie fragte sich, ob sie und Matthew sich wieder zusammenraufen würden, wenn sie erst einmal ihren Eheschwur abgelegt hätten. Würden sie weniger streiten, wenn neben dem saphirbesetzten Verlobungsring, der mittlerweile ein bisschen zu locker an ihrem Finger saß, ein goldener steckte?

Es war Montagmorgen. Sie kämpfte sich durch den Schutt der Baustellen entlang der Tottenham Court Road und ließ die Auseinandersetzung vom Vorabend noch einmal Revue passieren. Das Ganze hatte begonnen, noch ehe sie zum Rugbyspiel aufgebrochen waren. Wann immer sie Sarah Shadlock und ihren Freund Tom trafen, war dicke Luft vorprogrammiert – eine Tatsache, die Robin während ihres Streits, der nach dem Match entbrannt war und bis in die späte Nacht angedauert hatte, nicht unerwähnt gelassen hatte.

»Himmelherrgott, sie hat doch in einer Tour gestichelt, hast du das nicht gemerkt? Sie hat mich über ihn ausgequetscht. Ich hab nicht von ihm angefangen …«

Die nicht enden wollenden Straßenbauarbeiten entlang der Tottenham Court Road behinderten Robins Weg zur Arbeit seit ihrem ersten Tag bei der kleinen Privatdetektei in der Denmark Street. Dass sie jetzt über einen großen Schuttbrocken stolperte, besserte ihre Laune mitnichten; erst nach ein paar wackligen Schritten erlangte sie das Gleichgewicht zurück. Ein Chor aus anerkennenden Pfiffen und anzüglichen Bemerkungen ertönte aus einer Grube in der Straße, in der sich Bauarbeiter mit Helmen und Warnwesten drängten. Verlegen warf sie das lange, rotblonde Haar zurück und bemühte sich, so gut es ging, die Männer zu ignorieren. Unwillkürlich kehrten ihre Gedanken zu Sarah Shadlock und den unaufhörlichen hinterlistigen Fragen über Robins Chef zurück.

»Auf gewisse Art ist er echt attraktiv, oder nicht? Ein bisschen zerknittert vielleicht, aber mir würde das nichts ausmachen. Ist er im richtigen Leben auch so sexy? Er ist ziemlich groß, oder?«

Robin hatte knapp und nüchtern geantwortet, doch Matthews angespannte Kiefermuskeln waren ihr nicht entgangen.

»Seid ihr eigentlich allein im Büro? Echt? Sonst niemand?«

Schlampe, dachte Robin. Ihr sonst so gutmütiges Naturell war bei Sarah Shadlock von jeher an seine Grenzen gestoßen. Sie wusste ganz genau, was sie da tat.

»Stimmt es, dass er in Afghanistan einen Orden bekommen hat? Wirklich? Ein richtiger Kriegsheld, ja?«

Robin hatte nach Kräften versucht, Sarahs überschwänglichen Lobeshymnen auf Cormoran Strike Einhalt zu gebieten – vergebens. Als das Spiel vorbei war, hatte Matthew für seine Verlobte nur mehr kühle Verachtung übrig gehabt. Seine Verstimmung hatte ihn allerdings nicht daran gehindert, auf dem Rückweg vom Vicarage-Road-Stadion mit Sarah zu lachen und zu scherzen. Tom, den Robin für sterbenslangweilig und etwas schwer von Begriff hielt, hatte munter mitgekichert, ohne den ungemütlichen Unterton auch nur ansatzweise wahrzunehmen.

Unter diversen Remplern von Passanten, die sich ebenfalls um die Löcher in der Straße herumschlängelten, erreichte sie schließlich die andere Straßenseite. Im Schatten des waffelähnlichen Betonklotzes, der den Centre-Point-Bürokomplex beherbergte, fiel ihr wieder ein, was Matthew ihr gegen Mitternacht an den Kopf geworfen und damit erneut Öl ins Feuer gegossen hatte. Und wieder stieg Wut in ihr auf.

»Musst du ständig über ihn reden? Ich hab doch gehört, wie du Sarah …«

»Ich habe überhaupt nicht über ihn geredet, sondern sie. Hättest du zugehört …«

»Ach, er hat so tolle Haare«, hatte Matthew sie mit jener hohen, debil klingenden Stimme nachgeäfft, mit der das weibliche Geschlecht oft diffamiert wurde.

»Du bist doch völlig paranoid!«, hatte Robin ihn angeschrien. »Sarah hat Jacques Burgers verfluchte Haare gemeint, nicht die von Cormoran. Und ich hab nur gesagt, dass …«

»Nicht die von Cormoran«, hatte er mit dieser idiotischen Quietschstimme wiederholt. Als Robin in die Denmark Street einbog, hatte sie wieder genauso viel Wut im Bauch wie vor acht Stunden, als sie aus dem Schlafzimmer gestürmt war und ihr Lager auf dem Sofa aufgeschlagen hatte.

Sarah Shadlock. Diese verdammte Sarah Shadlock, die mit Matthew studiert und alles darangesetzt hatte, um ihn seiner Freundin Robin auszuspannen, die allein in Yorkshire zurückgeblieben war … Am liebsten hätte Robin sie ein für alle Mal aus ihrem Leben verbannt. Doch bedauerlicherweise würde sie zu ihrer Hochzeit im Juli erscheinen und auch danach nicht aufhören, ihnen das Eheleben zu versauern. Wahrscheinlich würde sie eines Tages sogar unter irgendeinem bescheuerten Vorwand in Robins Büro auftauchen, um Strike kennenzulernen. Vorausgesetzt, dass ihr Interesse an ihm echt war und sie ihn nicht nur als Mittel zum Zweck benutzte, um Zwietracht zwischen Robin und Matthew zu säen.

Darauf kann sie lange warten, dachte Robin und marschierte auf einen Motorradkurier zu, der vor der Eingangstür stand. Er trug Handschuhe, hielt ein Klemmbrett in der einen und ein langes, rechteckiges Paket in der anderen Hand.

»Ist das für Ellacott?«, fragte Robin, sowie sie sich in Hörweite befand. Sie erwartete einen ganzen Schwung mit elfenbeinfarbenem Karton verkleideter Einwegkameras, die bei der Hochzeit verteilt werden sollten. In letzter Zeit waren ihre Arbeitszeiten so unregelmäßig gewesen, dass sie sich die Online-Bestellungen lieber ins Büro als nach Hause schicken ließ.

Der Kurierfahrer nickte und hielt ihr das Klemmbrett hin, ohne den Helm abzusetzen. Robin unterzeichnete und nahm das längliche Paket entgegen, das wesentlich schwerer war, als sie erwartet hatte. Sobald sie es sich unter den Arm geklemmt hatte, rutschte ein größerer Gegenstand darin herum.

»Danke«, sagte sie, doch der Kurierfahrer hatte sich bereits umgedreht und war auf das Motorrad gestiegen. Noch während sie die Tür aufsperrte, bretterte er davon.

Sie ging die Treppe hinauf, die sich um den Gitterkäfig des defekten Aufzugs wand. Ihre Absätze klapperten auf den Metallstufen. Als sie das Büro aufschloss, fiel Licht auf die Glastür, auf der sich dunkel der eingravierte Schriftzug C. B. Strike, Privatdetektiv abhob.

Sie war absichtlich so früh gekommen. Momentan ertranken sie förmlich in Aufträgen, und sie wollte Ordnung in den Papierkram bringen, bevor sie sich der täglichen Observierung einer russischen Stripperin widmete. Nach den schweren Schritten zu urteilen, die sie von oben hörte, war Strike immer noch in seiner Wohnung.

Robin legte das sperrige Paket auf den Schreibtisch, zog den Mantel aus, hängte ihn zusammen mit ihrer Handtasche an den Haken hinter der Tür, machte das Licht an, füllte den Wasserkocher und schaltete ihn ein. Dann griff sie nach dem Brieföffner. Matthew hatte ihr einfach nicht glauben wollen, dass sie die lockige Mähne des Stürmers Jacques Burger und nicht Strikes kurzen und offen gestanden an Schamhaar erinnernden Schopf bewundert hatte. Wütend stieß sie den Brieföffner in das Paket, schlitzte es auf und klappte den Karton auseinander.

Ein abgetrenntes Frauenbein lag seitlich in dem Karton. Die Zehen waren nach oben gebogen worden, damit es hineinpasste.

3

Half-a-hero in a hard-hearted game.

BLUE ÖYSTER CULT, »THE MARSHALL PLAN«

Robins Schrei hallte von den Fensterscheiben wider. Sie wich vom Schreibtisch zurück, ohne auch nur für eine Sekunde den Blick von dem abscheulichen Objekt abzuwenden. Das blasse Bein war schlank und glatt; beim Öffnen der Schachtel hatte sie es mit dem Finger gestreift, die kalte, gummiartige Haut gespürt.

Sie schlug die Hände vor den Mund und war kaum verstummt, als auch schon die Glastür neben ihr aufflog und der gut eins neunzig große Strike mit finsterer Miene hereinstürmte. Er hatte nicht einmal sein Hemd zugeknöpft, sodass sein dichtes dunkles Brusthaar zu sehen war.

»Was zum …«

Er folgte ihrem entsetzten Blick. Sowie er das Bein entdeckt hatte, packte er Robin grob am Oberarm und schob sie ins Treppenhaus.

»Wo kommt das her?«

»Kurier«, sagte sie und ließ sich von ihm in die nächsthöhere Etage führen. »Motorradkurier.«

»Warte hier. Ich rufe die Polizei.«

Nachdem er hinter ihr die Wohnungstür zugezogen hatte, stand sie stocksteif und mit rasendem Herzen da und lauschte seinen verhallenden Schritten. Magensäure stieg in ihrer Kehle auf. Ein Bein. Sie hatte soeben ein Bein in Empfang genommen. Sie hatte soeben in aller Seelenruhe ein Bein – ein Frauenbein in einer Schachtel – die Treppe hochgetragen. Wem gehörte es? Wo war der Rest der Frau?

Sie steuerte auf den nächstbesten Stuhl zu – ein billiges gepolstertes Metallgestell mit Kunststoffüberzug – und setzte sich, die Finger immer noch auf die betäubten Lippen gepresst. Das Paket, kam es ihr wieder in den Sinn, war an sie persönlich adressiert gewesen.

Unterdessen hielt Strike mit dem Handy am Ohr in seinem Büro am Fenster, das zur Denmark Street hinausging, nach dem Motorradkurier Ausschau. Erst als er ins Vorzimmer zurückkehrte, um das geöffnete Paket auf dem Schreibtisch einer genaueren Prüfung zu unterziehen, wurde sein Anruf entgegengenommen.

»Ein Bein?«, wiederholte Detective Inspector Eric Wardle am anderen Ende. »Scheiße, ein Bein

»Und es hat nicht mal meine Größe«, erwiderte Strike. In Robins Anwesenheit hätte er sich einen solchen Scherz niemals erlaubt. Sein Hosenbein war hochgekrempelt, sodass die Metallkonstruktion darunter zu sehen war, die ihm als rechtes Sprunggelenk diente. Er war gerade erst dabei gewesen, sich anzuziehen, als er Robins Schrei gehört hatte.

Noch während er sprach, dämmerte es ihm, dass es sich um ein rechtes Bein handelte – genau wie der Körperteil, den er selbst eingebüßt hatte. Und dass es unter dem Knie abgetrennt worden war – exakt an der Stelle, an der man sein Bein amputiert hatte. Mit dem Telefon am Ohr nahm Strike die Extremität in Augenschein. Ein unangenehmer Geruch wie von aufgetautem Tiefkühlhühnchen stieg ihm in die Nase. Weiße Haut: glatt, bleich und bis auf einen beinahe verheilten grünlichen Bluterguss auf der nachlässig rasierten Wade makellos. Die Haarstoppeln waren blond, die unlackierten Zehennägel nicht ganz sauber. Der durchtrennte Schienbeinknochen stach schneeweiß aus dem umgebenden Fleisch hervor. Ein glatter Schnitt – entweder von einer Axt oder einem Fleischerbeil, vermutete Strike.

»Ein Frauenbein, sagten Sie?«

»Sieht zumindest …«

Dann fiel ihm noch etwas auf. Auf der Wade, in unmittelbarer Nähe des Schnitts, waren alte Narben zu erkennen, die augenscheinlich nichts mit der Amputation zu tun hatten.

Wie oft war er während seiner Kindheit in Cornwall hinterrücks überrascht worden, sobald er dem trügerischen Wasser den Rücken zugekehrt hatte. Wer das Meer nicht genau kannte, unterschätzte seine Härte und Brutalität. Umso erschreckender war es dann, wenn eine Welle mit der Wucht eiskalten Metalls gegen den Körper krachte. Strike hatte sich in seinem Berufsleben den verschiedensten Ängsten gestellt, sich mit ihnen auseinandergesetzt und sie im Zaum gehalten, so gut es ging. Doch beim Anblick dieser Narben und dem damit einhergehenden unerwarteten Grauen verschlug es ihm die Sprache.

»Sind Sie noch dran?«, fragte Wardle.

»Was?«

Strikes zweifach gebrochene Nase war mittlerweile nur mehr Zentimeter von der Stelle entfernt, an der der Unterschenkel vom Körper abgetrennt worden war. Er musste an das vernarbte Bein eines Mädchens denken, das er nie vergessen hatte … Wann hatte er sie zum letzten Mal gesehen? Wie alt war sie inzwischen?

»Sie haben mich doch angerufen, oder?«, fragte Wardle.

»Ja«, sagte Strike und zwang sich zur Konzentration. »Mir wär’s am liebsten, wenn Sie die Sache übernehmen könnten, aber wenn das nicht geht …«

»Schon unterwegs«, fiel Wardle ihm ins Wort. »Ich bin gleich bei Ihnen. Halten Sie durch.«

Strike beendete das Telefonat und legte das Handy beiseite, den Blick immer noch starr auf das Bein gerichtet. Jetzt erst bemerkte er das Blatt Papier darunter. Eine ausgedruckte Nachricht. Die Army hatte ihm eine gründliche Ausbildung in Sachen Spurensicherung angedeihen lassen, daher widerstand er der fast übermächtigen Versuchung, den Zettel hervorzuziehen und die Nachricht zu lesen. Keinesfalls durfte er Beweismittel kontaminieren. Stattdessen ging er etwas unsicher in die Knie, um den Adressaufkleber zu inspizieren, der verkehrt herum auf dem geöffneten Deckel angebracht worden war.

Das Paket war an Robin adressiert. Das gefiel ihm ganz und gar nicht. Ihr Name war korrekt buchstabiert und zusammen mit der Adresse des Büros auf den Aufkleber gedruckt worden. Darunter befand sich ein weiteres Etikett, das er mit zusammengekniffenen Augen musterte, ohne den Karton auch nur um einen Millimeter zu verschieben. Der Absender hatte das Paket zunächst an »Cameron Strike« adressiert, bevor er das zweite, mit »Robin Ellacott« beschriftete Etikett darübergeklebt hatte. Weshalb hatte er es sich anders überlegt?

»Scheiße«, flüsterte Strike.

Mühsam richtete er sich auf, nahm Robins Handtasche vom Haken hinter der Tür, schloss die Glastür ab und ging nach oben.

»Die Polizei ist unterwegs«, sagte er und stellte die Handtasche vor ihr ab. »Willst du einen Tee?«

Sie nickte.

»Mit einem Schuss Brandy?«

»Du hast doch gar keinen Brandy«, sagte sie mit leicht brüchiger Stimme.

»Hast du geschnüffelt?«

»Natürlich nicht!«

Dass sie derart empört über die Unterstellung war, seine Schränke kontrolliert zu haben, entlockte ihm ein Schmunzeln.

»Du bist nur … Ich kann mir einfach nur nicht vorstellen, dass du zu medizinischen Zwecken Branntwein im Haus hast.«

»Ein Bier vielleicht?«

Sie schüttelte den Kopf. Ein Lächeln brachte sie nicht zustande.

Sobald der Tee fertig war, nahm er mit seinem Becher in der Hand gegenüber Robin Platz. Strike war groß gewachsen, ein Exboxer, der zu viel rauchte und zu viel Fast Food zu sich nahm, und dementsprechend sah er aus. Er hatte buschige Augenbrauen, eine breite, schiefe Nase und trug – wenn er nicht gerade lächelte – stets eine verdrießliche Miene zur Schau. Seine dichten, dunklen Locken waren noch feucht vom Duschen. Robin kamen auf der Stelle wieder Jacques Burger und Sarah Shadlock in den Sinn. Der Streit mit Matthew schien plötzlich eine Ewigkeit her zu sein. Seit ihrer Ankunft in Strikes Wohnung hatte sie nur einmal kurz an ihren Verlobten gedacht. Sie würde ihm wohl oder übel von diesem Vorfall erzählen müssen. Und natürlich würde er wieder wütend werden. Er war ohnehin dagegen, dass sie für Strike arbeitete.

»Hast du … es dir angesehen?«, flüsterte sie, nachdem sie ihren Becher mit dem kochend heißen Tee erst angehoben und dann wieder abgesetzt hatte, ohne einen Schluck zu trinken.

»Ja«, sagte Strike.

Sie wusste nicht, was sie sonst hätte fragen sollen. Ein abgetrenntes Bein. Das Ganze war so grässlich, so grotesk, dass ihr jedes weitere Nachbohren lächerlich und unangemessen vorgekommen wäre. Hast du es erkannt? Weshalb hat man es hierhergeschickt? Und – was am wichtigsten war – warum gerade mir?

»Die Beamten werden dir Fragen über den Kurier stellen.«

»Ich weiß«, sagte Robin. »Ich versuche schon die ganze Zeit, mich an möglichst viele Details zu erinnern.«

Unten klingelte es an der Tür.

»Das wird Wardle sein.«

»Wardle?«, wiederholte sie erschrocken.

»Von allen Polizisten kann er uns noch am besten leiden«, erklärte Strike. »Du bleibst hier, ich hole ihn.«

Es war nicht allein Strikes Schuld, dass er in der Gunst der Metropolitan Police im letzten Jahr dramatisch gesunken war. Seine beiden großen detektivischen Glanzleistungen hatten ein überschwängliches Medienecho nach sich gezogen. Verständlich also, dass die für die Ermittlungen zuständigen und von ihm ausgebooteten Beamten nicht sonderlich gut auf ihn zu sprechen waren. Wardle dagegen – der ihm bei der Lösung des ersten Falles behilflich gewesen war – hatte sich zumindest für eine Weile in Strikes Ruhm sonnen können, sodass ihre Beziehung nicht ganz so stark gelitten hatte. Robin indes kannte Wardle nur aus Zeitungsartikeln über den Fall. Bei Gericht waren sie sich nie begegnet.

Wardle war, wie sich herausstellte, ein gut aussehender Mann mit dichtem braunem Haar und schokobraunen Augen. Er trug eine Lederjacke und Jeans. Amüsiert und verärgert zugleich bemerkte Strike, wie Wardle Robin bei Betreten des Zimmers begutachtete – blitzschnell wanderte sein Blick über ihr Haar und ihre Figur und verharrte dann eine Sekunde lang auf dem mit einem Saphir und Diamanten besetzten Verlobungsring an ihrer linken Hand.

»Eric Wardle«, stellte er sich mit tiefer Stimme und einem nach Strikes Dafürhalten unnötig charmanten Lächeln vor. »Und das hier ist Detective Sergeant Ekwensi.«

Er hatte eine schlanke dunkelhäutige Beamtin mitgebracht, die sich das Haar zu einem Dutt aufgesteckt hatte. Sie schenkte Robin ein kurzes Lächeln. Diese wiederum fand die Anwesenheit einer weiteren Frau überaus tröstlich. Detective Sergeant Ekwensi sah sich in Strikes feudalen Gemächern um.

»Wo ist das Paket?«, fragte sie.

»Unten«, erklärte Strike und zog seinen Büroschlüssel aus der Tasche. »Ich zeige es Ihnen. Wie geht’s der werten Gattin, Wardle?«, fügte er hinzu, ehe er mit Detective Sergeant Ekwensi die Wohnung verließ.

»Was geht Sie das an?«, rief Wardle ihm nach, doch zu Robins Erleichterung legte er seine forsche Art ab, sowie er ihr gegenüber Platz genommen hatte und seinen Notizblock aufklappte.

»Er stand vor der Tür, als ich die Straße hochkam«, erklärte Robin auf Wardles Frage hin, wie das Bein in ihrem Büro gelandet war. »Ich hab ihn für einen Motorradkurier gehalten. Er trug eine schwarze Lederkombi mit blauen Streifen an den Schultern. Der Helm war ebenfalls schwarz, das Visier heruntergeklappt und verspiegelt. Er war über eins achtzig, also mindestens zehn Zentimeter größer als ich – auch ohne den Helm.«

»Körperbau?«, hakte Wardle nach und machte sich eifrig Notizen.

»Ziemlich kräftig, würde ich sagen, aber das kann auch an der Jacke gelegen haben.« Unwillkürlich sah Robin zu Strike auf, der gerade wieder die Wohnung betrat. »Also nicht …«

»Nicht so ein Fettsack wie der Boss?«, brachte Strike, der alles mit angehört hatte, den Satz zu Ende. Wardle, der ebenfalls gut austeilen konnte und einem Scherz auf Strikes Kosten selten abgeneigt war, kicherte leise.

»Und er trug Handschuhe«, fuhr Robin fort, ohne mit der Wimper zu zucken. »Schwarze Motorradhandschuhe aus Leder.«



»Handschuhe, natürlich«, sagte Wardle und schrieb es auf. »Ist Ihnen an dem Motorrad etwas aufgefallen?«

»Es war eine schwarz-rote Honda«, sagte Robin. »Ich hab das Logo mit dem Flügel erkannt. 750 Kubik, würde ich sagen. Eine schwere Maschine.«

Wardle sah erstaunt und beeindruckt aus.

»Sie hat ein Faible für alles, was motorisiert ist«, erklärte Strike. »Sie fährt wie Fernando Alonso.«

Robin fand Strikes betont fröhliches Gehabe äußerst unpassend. Unten lag ein Frauenbein. Wo war der Rest? Sie durfte jetzt nicht in Tränen ausbrechen. Hätte sie doch nur besser geschlafen. Das verfluchte Sofa … In letzter Zeit hatte sie viel zu viele Nächte darauf verbracht …

»Und er hat sie gedrängt zu unterzeichnen?«, fragte Wardle.

»Na ja, nicht gerade ›gedrängt‹«, sagte Robin. »Er hat mir das Klemmbrett hingehalten, und ich hab ohne nachzudenken unterschrieben.«

»Was war auf dem Klemmbrett?«

»Es sah aus wie eine Rechnung oder …«

Sie schloss die Augen und versuchte, es sich wieder ins Gedächtnis zu rufen. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie amateurhaft das Formular gewirkt hatte. Als hätte es jemand auf seinem heimischen Laptop zusammengebastelt. Auch diese Beobachtung teilte sie Wardle mit.

»Haben Sie denn ein Paket erwartet?«, erkundigte er sich.

Robin erzählte ihm von den Einwegkameras für die Hochzeit.

»Was hat er getan, nachdem Sie die Sendung entgegengenommen hatten?«

»Er ist aufgestiegen und davongefahren. In Richtung Charing Cross Road.«

Es klopfte an der Wohnungstür. Mit der Notiz, die Strike unter dem Bein bemerkt hatte und die jetzt in einem Asservatenbeutel steckte, gesellte sich Detective Sergeant Ekwensi wieder zu ihnen.

»Die Spurensicherung ist jetzt da«, sagte sie. »Diese Nachricht lag übrigens in dem Paket. Vielleicht sollte Miss Ellacott mal einen Blick darauf werfen.«

Wardle nahm die Botschaft in der durchsichtigen Folie entgegen und überflog sie mit gerunzelter Stirn.

»Was für ein Blödsinn«, stellte er fest. »A harvest of limbs, of arms and of legs, of necks …«

»… that turn like swans«, fiel ihm Strike ins Wort, der am Herd lehnte und von seiner Position aus den Zettel unmöglich lesen konnte, »as if inclined to gasp or pray

Ungläubig starrten die anderen ihn an.

»Das ist ein Songtext«, erklärte Strike. Sein Gesichtsausdruck verursachte Robin Unbehagen. Offensichtlich hatten die Worte bei ihm ungute Assoziationen geweckt. »Aus der letzten Strophe von ›Mistress of the Salmon Salt‹. Von Blue Öyster Cult.«

Detective Sergeant Ekwensi zog die sorgfältig nachgezogenen Augenbrauen hoch. »Von wem?«

»Das war in den Siebzigern eine angesagte Rockband.«

»Und anscheinend sind Sie mit ihren Songs vertraut«, meinte Wardle.

»Mit diesem Lied schon.«

»Haben Sie denn eine Vermutung, wer Ihnen das Bein geschickt haben könnte?«

Strike zögerte. Unter den Augen der Anwesenden wurde er von einer Flut unzusammenhängender Bilder und Erinnerungen heimgesucht. Sie wollte sterben, hörte er eine tiefe Stimme sagen. Sie war das Quicklime Girl. Dann das dünne Bein eines zwölfjährigen Mädchens, auf dem kreuz und quer dünne, silbrige Narben verliefen. Dunkle Augen wie die eines Frettchens. Zusammengekniffen und voller Hass. Die Tätowierung einer gelben Rose.

Und plötzlich tauchte eine weitere Erinnerung auf, die einem anderen wohl als Erstes in den Sinn gekommen wäre – ein Polizeibericht, in dem von einem abgetrennten Penis die Rede war, den man einem Beamten zugestellt hatte.

»Wissen Sie, wer es geschickt hat?«

»Vielleicht«, sagte Strike und sah erst Robin und dann Detective Sergeant Ekwensi an. »Aber das möchte ich lieber unter vier Augen besprechen. Haben Sie noch Fragen an Robin?«

»Wir müssen noch ihre Personalien und so weiter aufnehmen«, sagte Wardle. »Vanessa, können Sie das erledigen?«

Detective Sergeant Ekwensi trat mit ihrem Notizblock vor, während die Schritte der beiden Männer allmählich im Treppenhaus verhallten. Robin verspürte nicht das Bedürfnis, das abgetrennte Bein noch ein weiteres Mal zu sehen. Andererseits kam sie sich mit einem Mal beinahe ausgeschlossen vor. Immerhin hatte ihr Name auf der Schachtel gestanden.

Das grausige Paket lag immer noch auf dem Schreibtisch im Büro. Detective Sergeant Ekwensi hatte zuvor zwei weitere Kollegen eingelassen. Einer machte Fotos, der andere telefonierte mit dem Handy, als sein Vorgesetzter und der Privatdetektiv an ihnen vorbeimarschierten. Beide Beamte sahen Strike neugierig an. Obwohl er bei Wardles Kollegen nicht sonderlich beliebt war, hatte er es doch zu einer gewissen Berühmtheit gebracht.

Strike machte die Tür zu seinem Büro zu und setzte sich hinter den Schreibtisch. Wardle nahm davor Platz und schlug eine neue Seite in seinem Notizblock auf.

»Na schön. Wer wäre Ihrer Meinung nach fähig, Leichen zu zerstückeln und Ihnen per Post zuzuschicken?«

»Terence Malley«, antwortete Strike nach kurzem Zögern. »Zum Beispiel.«

Wardle starrte ihn über seinen Notizblock hinweg an.

»Terence ›Digger‹ Malley?«

Strike nickte.

»Vom Harringay-Syndikat?«

»Wie viele Terence ›Digger‹ Malleys kennen Sie?«, fragte Strike ungeduldig zurück. »Und wie viele davon haben die Angewohnheit, anderen Leuten Körperteile zu schicken?«

»Wann zum Teufel sind Sie denn mit Digger aneinandergeraten?«

»2008, während einer gemeinsamen Operation mit der Sitte. Es ging damals um einen Drogenring.«

»Deswegen wurde er doch verhaftet, oder nicht?«

»Stimmt genau.«

»Heilige Scheiße«, stieß Wardle hervor. »Das ist es! Der Kerl ist ein verfluchter Psychopath – er ist vor Kurzem erst aus dem Gefängnis entlassen worden, und er kennt die Hälfte der Londoner Prostituierten. Was von der da übrig ist, werden wir dann wohl demnächst aus der Themse fischen.«

»Kann sein. Nur hab ich damals anonym gegen ihn ausgesagt. Er dürfte gar nicht wissen, dass ich gegen ihn ermittelt habe.«

»Na ja, da gibt es Mittel und Wege«, erwiderte Wardle. »Das Harringay-Syndikat ist schlimmer als die verdammte Mafia. Wussten Sie, dass er Ian Bevin den Schwanz von Hatford Ali geschickt hat?«

»Ja, hab ich gehört«, sagte Strike.

»Und was hat es mit diesem Song auf sich? Geerntete Körperteile? Was soll der Scheiß?«

»Tja, das bereitet mir am meisten Kopfzerbrechen«, sagte Strike vorsichtig. »Das ist einfach zu raffiniert für jemanden wie Digger – und deshalb glaube ich, dass einer der anderen drei Kandidaten dahintersteckt.«

4

Four winds at the Four Winds Bar,

Two doors locked and windows barred,

One door left to take you in,

The other one just mirrors it …

BLUE ÖYSTER CULT, »ASTRONOMY«

»Dir fallen vier Männer ein, die dir ein abgetrenntes Bein schicken würden? Vier

Strike sah Robins entsetzte Miene in dem runden Spiegel über dem Spülbecken, vor dem er sich gerade rasierte. Die Beamten hatten das Bein endlich abtransportiert, woraufhin Strike den heutigen Arbeitstag für beendet erklärt hatte. Robin saß mit einem zweiten Becher Tee in den Händen an dem kleinen Resopaltisch in Strikes Wohnküche.

»Eigentlich«, sagte er und entfernte die Bartstoppeln von seinem Kinn, »sind es nur drei. Es war ein Fehler, dass ich Malley in Wardles Gegenwart überhaupt erwähnt habe.«

»Warum?«

Strike erzählte Robin von seinem kurzen Kontakt mit dem Berufskriminellen, der seine jüngste Inhaftierung nicht zuletzt den von Strike beschafften Beweisen verdankte.

»… und jetzt glaubt Wardle, dass das Harringay-Syndikat irgendwie herausgefunden hat, dass ich dahintersteckte. Allerdings wurde ich unmittelbar nach der Gerichtsverhandlung in den Irak versetzt. Und ich habe auch noch nie gehört, dass ein SIB-Officer aufgeflogen wäre, nur weil er vor Gericht ausgesagt hat. Außerdem ist dieser Songtext überhaupt nicht Diggers Stil – das ist viel zu subtil für ihn.«

»Aber er ist doch bekannt dafür, den Leuten, die er umgebracht hat, Körperteile abzuschneiden?«

»Meines Wissens ist das nur ein einziges Mal vorgekommen – und es ist ja nicht gesagt, dass derjenige, der uns das Bein geschickt hat, auch ein Mörder ist«, führte Strike aus. »Womöglich war die Besitzerin des Beins schon tot. Oder es handelt sich um Krankenhausabfall. Wardle wird das überprüfen. Solange die Rechtsmedizin noch mit dem Bein beschäftigt ist, werden wir wohl nichts Neues erfahren.«

Die beunruhigende Möglichkeit, das Bein könnte von einer noch lebenden Person stammen, ließ er lieber unerwähnt.

In der darauffolgenden Gesprächspause reinigte Strike seinen Rasierer unter dem Wasserhahn in der Küche. Robin starrte gedankenverloren aus dem Fenster.

»Du musstest Malley erwähnen«, sagte sie schließlich und wandte sich wieder zu Strike um, der ihren Blick im Rasierspiegel erwiderte. »Immerhin hat er jemandem ein … Was genau hat er eigentlich verschickt?«, fragte sie nervös.

»Einen Penis«, antwortete Strike, wusch sich das Gesicht und trocknete sich mit einem Handtuch ab. »Ja, wahrscheinlich hast du recht. Aber je länger ich darüber nachdenke, umso sicherer bin ich mir, dass er es nicht gewesen ist. Einen Augenblick – ich muss mir nur schnell ein anderes Hemd anziehen. Als du geschrien hast, hab ich zwei Knöpfe abgerissen.«

»Tut mir leid«, murmelte sie Strike hinterher, der im Schlafzimmer verschwand.

Robin nippte an ihrem Tee und sah sich um. Sie war noch nie zuvor in Strikes Wohnung gewesen, sondern hatte lediglich hier und da an der Tür geklopft, um ihm etwas mitzuteilen oder um ihn während jener hektischen Arbeitsphasen zu wecken, in denen sie sonst kaum zum Schlafen kamen. Die Wohnküche war nicht sehr geräumig, aber sauber und ordentlich und bis auf mehrere bunt zusammengewürfelte Becher und ein billiges Spültuch neben dem Gasherd bar jeder persönlichen Note. Keine Fotos, nichts Dekoratives – die einzige Ausnahme stellte das augenscheinlich von Kinderhand gemalte Bild eines Soldaten an einer Schrankwand dar.

»Von wem ist das?«, fragte sie, als Strike in einem frischen Hemd zurückkehrte.

»Von meinem Neffen Jack. Aus unerfindlichen Gründen mag er mich.«

»Keine falsche Bescheidenheit.«

»Überhaupt nicht. Ich kann mit Kindern einfach nicht umgehen.«

»Also, deiner Meinung nach gibt es drei Männer, die …«, setzte Robin noch einmal an.

»Ich brauch erst mal ein Bier«, sagte Strike. »Gehen wir ins Tottenham.«

Das Rattern der Presslufthämmer, das aus den Gruben im Asphalt drang, machte jede Unterhaltung unmöglich, aber mit Strike an Robins Seite verkniffen sich die Arbeiter in den Warnwesten wenigstens ihre Pfiffe und Rufe. Als sie ihren Stammpub mit den großen Spiegeln in den reich verzierten Goldrahmen, der dunklen Holzverkleidung, den auf Hochglanz polierten Messingzapfhähnen, der Buntglaskuppel und den tanzenden Schönheiten auf den Gemälden von Felix de Jong erreichten, bestellte sich Strike ein Doom Bar, und Robin – der es allein bei dem Gedanken an Alkohol den Magen umdrehte – nahm einen Kaffee.

»Also?«, fragte Robin, sobald der Detektiv an den hohen runden Tisch unter der Glaskuppel zurückgekehrt war. »Wer sind die drei Männer?«

»Ich könnte mich irren, vergiss das nicht«, sagte Strike und nahm einen Schluck von seinem Pint.

»Schon klar«, sagte Robin. »Wer?«

»Perverse, die allen Grund haben, mich abgrundtief zu hassen.«

Vor seinem geistigen Auge sah Strike ein verängstigtes zwölfjähriges Mädchen mit einem vernarbten Bein, das ihn durch eine schief sitzende Brille anstarrte. Waren die Narben auf dem rechten Bein gewesen? Er konnte sich nicht mehr daran erinnern. Oh Gott, hoffentlich ist sie es nicht …

»Wer?«, fragte Robin noch einmal. Allmählich verlor sie die Geduld.

»Zwei davon waren früher bei der Army«, antwortete Strike und rieb sich das Kinn. »Beide wahnsinnig und gewalttätig genug, um … um …«

Unwillkürlich musste er gähnen. Robin wartete ab, bis er wieder verständlich reden konnte. Ob er den gestrigen Abend mit seiner neuen Freundin verbracht hatte? Elin war eine ehemalige Violinistin, die inzwischen eine Sendung auf Radio Three moderierte. Eine attraktive Blondine vom Typ Skandinavierin, die Robin aus zwei Gründen auf Anhieb unsympathisch gewesen war: Zum einen sah sie aus wie eine hübschere Version von Sarah Shadlock, zum anderen hatte sie Robin – in ihrem Beisein – als Strikes Sekretärin bezeichnet.

»Entschuldigung«, sagte Strike. »Ich hab mir bis spät in die Nacht Notizen zum Fall Khan gemacht. Ich bin todmüde.«

Er sah auf die Uhr.

»Sollen wir nach unten gehen und einen Happen essen? Ich bin am Verhungern.«

»Gleich. Es ist noch nicht mal zwölf. Erst will ich mehr über die drei Männer hören.«

Strike seufzte.

»Also gut«, sagte er und senkte die Stimme, als ein Mann auf dem Weg zur Toilette an ihrem Tisch vorbeikam. »Donald Laing. Er war bei den King’s Own Royal Borderers.« Von Neuem sah Strike die vor Hass regelrecht sprühenden Frettchenaugen und die Rosentätowierung vor sich. »Ich hab ihm zu lebenslänglich verholfen.«

»Aber wie …«

»Nach zehn Jahren kam er wieder raus«, erklärte Strike. »Seit 2007 ist er untergetaucht. Laing war nicht einfach nur verrückt, er war ein Tier. Ein schlaues, hinterlistiges Tier und der reinste Psychopath, wenn du mich fragst. Ich hab ihn für eine Sache dranbekommen, für die ich nicht mal zuständig gewesen wäre. Die ursprüngliche Klage hätte fallen gelassen werden sollen. Kein Wunder also, wenn Laing mich hassen würde.«

Was Laing getan und weshalb Strike gegen ihn ermittelt hatte, blieb unausgesprochen. Gelegentlich und insbesondere dann, wenn seine Zeit in der Special Investigation Branch zur Sprache kam, konnte Robin aus Strikes Tonfall heraushören, dass er nicht beabsichtigte, weiter ins Detail zu gehen, und sie hatte ihn auch nie dazu gedrängt. Wenn auch widerwillig, wechselte sie das Thema.

»Und der zweite?«

»Noel Brockbank. Eine Wüstenratte.«

»Eine was?«

»Er war bei der Seventh Armoured Brigade. Einer Panzerdivision.«

Strike wurde zusehends wortkarger, und seine Miene verdüsterte sich. Robin fragte sich, ob er einfach nur Hunger hatte. Wie sie wusste, bestand zwischen der Laune ihres Chefs und der regelmäßigen Nahrungsaufnahme ein direkter Zusammenhang. Oder hatte dieser Stimmungsumschwung einen beunruhigenderen Grund?

»Sollen wir was essen?«, fragte Robin.

»Gerne«, meinte Strike, leerte sein Pint und stand auf.

Der gemütliche Speiseraum im Keller mit eigener Bar war mit rotem Teppichboden ausgelegt. Gerahmte Drucke hingen an den Wänden. Sie waren die Ersten, die an einem der Holztische Platz nahmen und bestellten.

»Zurück zu Noel Brockbank«, drängte Robin, nachdem Strike Fish and Chips und sie selbst einen Salat bestellt hatte.

»Tja, der hätte wohl ebenfalls einen guten Grund, wütend auf mich zu sein«, meinte Strike kurz angebunden. Er hatte kaum über Donald Laing reden wollen, doch jetzt schien er völlig dichtzumachen. »Brockbank ist nicht ganz richtig im Kopf«, erklärte Strike nach einer längeren Pause, in der er über Robins Schulter hinweg ins Nichts gestarrt hatte. »Behauptet er zumindest.«

»Hast du ihn ins Gefängnis gebracht?«

»Nein.«

Inzwischen blickte Strike regelrecht feindselig drein. Robin wartete, bis zweifelsfrei feststand, dass von ihm keine weiteren Informationen über Brockbank kommen würden.

»Und der Letzte?«, fragte sie schließlich.

Diesmal antwortete Strike überhaupt nicht, sodass sie schon glaubte, er hätte sie nicht gehört.

»Wer ist …«

»Ich will nicht darüber reden«, knurrte Strike.

Er starrte finster in sein frisches Pint. Doch Robin ließ sich nicht beirren.

»Wer immer dieses Bein geschickt hat«, sagte sie, »er hat es mir geschickt.«

»Also gut«, lenkte Strike nach kurzem Zögern ein. »Jeff Whittaker.«

Robin war fassungslos. Sie musste nicht erst fragen, unter welchen Umständen Strike Jeff Whittaker kennengelernt hatte. Sie wusste es, obwohl sie beide nie auch nur ein einziges Wort darüber verloren hatten.

Cormorans Kindheit und Jugend wurden im Internet erschöpfend behandelt und waren nach seinen detektivischen Triumphen Gegenstand zahlreicher Presseberichte gewesen. Strike war der uneheliche und ungeplante Spross eines Rockstars und einer Frau, die gemeinhin als »Supergroupie« bezeichnet wurde. Als Strike gerade einmal zwanzig gewesen war, war sie an einer Überdosis gestorben, woraufhin man Jeff Whittaker, ihren um einiges jüngeren zweiten Ehemann, wegen Mordes angeklagt hatte. Er war freigesprochen worden.

Sie saßen schweigend da, bis das Essen serviert wurde.

»Nur ein Salat? Hast du gar keinen Hunger?«, fragte Strike und machte sich über seine Pommes her. Robins Ahnung war zutreffend gewesen: Die Zufuhr von Kohlenhydraten besserte seine Laune erheblich.

»Hochzeit«, sagte Robin nur.

Strike schwieg. Jeglicher Kommentar zu ihrer Figur hätte die Grenze überschritten, die er sich selbst gesteckt hatte, um ihre Beziehung nicht zu persönlich werden zu lassen. Trotzdem fand er, dass sie allmählich zu dünn wurde. Seiner Meinung nach (und auch das lag jenseits besagter Grenze) taten ein paar Kilo mehr ihrer Attraktivität keineswegs Abbruch.

»Willst du mir auch nicht verraten«, fragte Robin nach mehreren Minuten des Schweigens, »was es mit diesem Song auf sich hat?«

Strike kaute, nahm noch ein paar große Schlucke und bestellte sich das nächste Doom Bar, bevor er antwortete. »Meine Mutter hatte sich den Titel tätowieren lassen.«

Er fühlte sich nicht bemüßigt, Robin zu verraten, an welcher Stelle ihres Körpers sich die Tätowierung befunden hatte. Darüber wollte er nicht einmal nachdenken. Nichtsdestoweniger stimmten ihn Essen und Trinken gnädiger: Robin hatte nie unangemessenes Interesse an seiner Vergangenheit gezeigt, und heute hatte sie durchaus ein Recht darauf, derlei Fragen zu stellen.

»Es war ihr Lieblingslied. Und Blue Öyster Cult ihre Lieblingsband. Na ja, das ist noch untertrieben. Sie war besessen von ihnen.«

»Nicht von den Deadbeats?«, hakte Robin nach, ohne darüber nachzudenken. Strikes Vater war der Sänger der Deadbeats gewesen. Auch über ihn hatten sie nie gesprochen.

»Nein«, antwortete Strike und brachte ein schiefes Lächeln zustande. »Der gute alte Jonny belegte bei Leda immer nur den undankbaren zweiten Platz. Sie wollte Eric Bloom, den Sänger von Blue Öyster Cult – aber er war einer der wenigen, den sie nie ins Bett bekommen hat.«

Robin wusste nicht recht, was sie darauf erwidern sollte. Wie man sich wohl dabei fühlte, wenn das ausschweifende Sexleben der eigenen Mutter im Internet bis ins letzte Detail nachzulesen war?

Das nächste Bier kam. Strike nahm einen langen Schluck und fuhr dann fort: »Um ein Haar hätte sie mich Eric Bloom Strike getauft.« Robin verschluckte sich an ihrem Wasser und hustete in die Serviette. Er lachte. »Obwohl – Cormoran ist auch nicht besser. Cormoran Blue …«

»Blue?«

»Blue Öyster Cult, schon vergessen?«

»Oh Gott«, sagte Robin. »Das solltest du besser für dich behalten.«

»Ganz meine Meinung.«

»Und was bedeutet ›Mistress of the Salmon Salt‹?«

»Keine Ahnung. Die Songtexte sind ziemlich kryptisch. Science-Fiction. Verquastes Zeug.«

Sie wollte sterben, sagte eine Stimme in seinem Kopf. Sie war das Quicklime Girl.

Er nahm noch einen Schluck.

»Ich kenne kein einziges Lied von Blue Öyster Cult«, sagte Robin.

»Doch, bestimmt«, widersprach Strike. »›Don’t Fear the Reaper‹.«

»Was?«

»Das war ihr größter Hit. ›Don’t Fear the Reaper‹.«

»Ah … ach so. Verstehe.«

Einen verwirrten Augenblick lang hatte Robin geglaubt, Strike wollte ihr dazu raten, keine Angst vor dem Sensenmann zu haben.

Sie aßen eine Weile lang schweigend weiter. Dann hielt Robin es nicht länger aus und formulierte die Frage, die ihr am meisten auf den Nägeln brannte – und gab sich größte Mühe, um nicht allzu verängstigt zu klingen: »Warum wurde das Bein an mich geschickt?«

Darüber hatte Strike sich bereits Gedanken gemacht.

»Das habe ich mich auch gefragt«, sagte er. »Und ich glaube, dass es eine unterschwellige Drohung sein sollte. Bis wir herausgefunden haben, wer …«

»Ich arbeite auf jeden Fall weiter«, fiel Robin ihm entschieden ins Wort. »Ich bleibe unter keinen Umständen zu Hause. Genau das will Matthew ja.«

»Hast du es ihm schon erzählt?«

Sie hatte Matthew angerufen, als Strike mit Wardle unten im Büro gewesen war.

»Ja. Er ist sauer auf mich, weil ich den Empfang quittiert habe.«

»Vermutlich macht er sich nur Sorgen«, log Strike. Er hatte Matthew des Öfteren getroffen, und von Mal zu Mal war er ihm unsympathischer geworden.

»Er macht sich keine Sorgen«, zischte Robin. »Allerdings glaubt er, dass es jetzt vorbei wäre. Dass ich vor lauter Angst kündigen würde. Aber da hat er sich geschnitten.«

Matthew hatte die Nachricht mit Entsetzen aufgenommen. Trotz allem hatte sie eine leise Befriedigung aus seiner Stimme herausgehört, die unausgesprochene Gewissheit darüber, dass sie nun wohl endlich einsehen würde, wie lächerlich es gewesen war, sich mit einem abgehalfterten Privatdetektiv einzulassen. Strike konnte ihr noch nicht einmal ein anständiges Gehalt bezahlen und brummte ihr ständig unmögliche Arbeitszeiten auf, sodass sie sich sogar die Paketpost nicht mehr nach Hause schicken lassen konnte. (»Ich hab das Bein doch nicht bekommen, weil Amazon mir meine Einkäufe neuerdings ins Büro liefert!«, hatte Robin wütend entgegnet.) Dass Strike, der inzwischen so etwas wie eine Berühmtheit war, in ihrem Bekanntenkreis ein ewiges Faszinosum darstellte, setzte dem Ganzen die Krone auf. Matthews Tätigkeit als Bilanzbuchhalter hatte nicht annähernd den gleichen Stellenwert. Sein Neid und sein Groll saßen tief und suchten sich immer öfter ein Ventil.

Doch Strike war nicht so dumm, Robin zur Illoyalität gegenüber Matthew zu ermutigen. Er wollte nicht, dass sie etwas bedauerte, sobald sie sich wieder beruhigt hätte.

»Das Bein an dich statt an mich zu adressieren war ein nachträglicher Einfall«, sagte er. »Zuerst stand mein Name auf dem Paket. Entweder wollte mich der Täter aus der Fassung bringen, indem er mir zeigt, dass er deinen Namen kennt, oder aber er will dich so sehr einschüchtern, dass du hinwirfst.«

»Ich lasse mich aber nicht einschüchtern.«

»Robin, dies ist der falsche Zeitpunkt, um die Heldin zu spielen. Der Täter will uns klarmachen, dass er mit meiner Vergangenheit vertraut ist, dass er deinen Namen kennt und dass er spätestens seit heute Morgen auch weiß, wie du aussiehst. Er hat dich aus nächster Nähe gesehen. Das gefällt mir ganz und gar nicht.«

»Offensichtlich hast du keine sonderlich hohe Meinung von meinen Gegenobservationsfähigkeiten.«

»Immerhin habe ich dich in den besten Kurs geschickt, der verflucht noch mal aufzutreiben war«, hielt Strike dagegen. »Und ich hab das exzellente Abschlusszeugnis gelesen, das du mir unter die Nase gehalten hast …«

»Dann glaubst du also, dass es mit meiner Selbstverteidigung nicht weit her wäre.«

»Ich hab dich noch nie in Aktion gesehen. Da muss ich mich wohl oder übel auf dein Wort verlassen.«

»Habe ich dich bezüglich meiner Qualifikationen jemals angelogen?«, fragte Robin beleidigt, und Strike musste ihr gegenüber eingestehen, dass dies nie der Fall gewesen war. »Na also. Ich werde keine unnötigen Risiken eingehen. Schließlich hast du mir beigebracht, wie man nach verdächtigen Personen Ausschau hält. Und außerdem kannst du es dir nicht leisten, mich zu beurlauben. Wir schaffen es auch so schon kaum, all unsere Fälle zu bearbeiten.«

Strike seufzte und verbarg sein Gesicht hinter den großen, behaarten Handrücken.

»Aber du arbeitest nur noch tagsüber und hast ab sofort immer einen Handalarm bei dir«, sagte er. »Und zwar einen vernünftigen.«

»Einverstanden«, sagte sie.

»Und ab nächsten Montag übernimmst du sowieso den Fall Radford«, sagte er – ein Gedanke, der ihn halbwegs beruhigte. Radford, ein reicher Geschäftsmann, verdächtigte einen seiner Abteilungsleiter krimineller Umtriebe. Um diesen zu überführen, hatte er vorgeschlagen, einen als Teilzeitkraft getarnten Privatermittler in sein Büro einzuschleusen. Dafür kam ohnehin nur Robin infrage, nachdem Strike, der in der Vergangenheit zwei aufsehenerregende Mordfälle gelöst hatte, inzwischen bekannt war wie ein bunter Hund. Während der Detektiv sein drittes Pint leerte, dachte er darüber nach, wie er Radford davon überzeugen sollte, Robins Arbeitsstunden aufzustocken. In Radfords palastähnlichem Bürogebäude wäre sie so zumindest tagsüber sicher aufgehoben, solange der Wahnsinnige, der ihnen das Bein geschickt hatte, noch auf freiem Fuß war.

Unterdessen kämpfte Robin gegen die Erschöpfung und vereinzelte Übelkeitsanfälle an. Erst der Streit, zu wenig Schlaf, der grässliche Anblick des abgetrennten Beins – und jetzt musste sie auch noch nach Hause fahren und sich vor Matthew einmal mehr dafür rechtfertigen, weshalb sie für ein derart mickriges Gehalt einen so gefährlichen Beruf ausübte. Matthew, einst ihr Halt und Trost, kam ihr mittlerweile nur mehr wie ein weiteres Hindernis vor.

Unwillkürlich und widerwillig sah sie erneut das kalte, abgehackte Bein in dem Pappkarton vor sich. Würde sie es je vergessen können? Ihre Fingerspitzen, die damit in Berührung gekommen waren, prickelten unangenehm. Instinktiv ballte sie die Hand im Schoß zur Faust.

5

Hell’s built on regret.

BLUE ÖYSTER CULT, »THE REVENGE OF VERA GEMINI« TEXT VON PATTI SMITH

Viel später, nachdem er Robin sicher zur U-Bahn gebracht hatte, kehrte Strike ins Büro zurück und setzte sich tief in Gedanken versunken auf ihren Stuhl.

Er hatte im Leben schon zahlreiche grässlich zugerichtete Leichen gesehen. Verwesend in Massengräbern, in Stücke zerrissen im Straßengraben: abgetrennte Gliedmaßen, zerquetschtes Fleisch, zermalmte Knochen. Unnatürliche Todesfälle waren das tägliche Brot der Special Investigation Branch, der zivilen Abteilung der Militärpolizei. Strike und seine Kollegen hatten darauf nicht selten mit Humor reagiert. Nur so wurde man mit dem Anblick der verstümmelten Toten fertig. Ein gewaschener, geschminkter Leichnam in einer mit Satin ausgeschlagenen Kiste war ein Luxus, den sich die SIB nicht leisten konnte.

Apropos Kiste: Der Karton, in dem das Bein gelegen hatte, war völlig unscheinbar gewesen. Strike hatte nicht den geringsten Hinweis auf seine Herkunft erkennen können, keinen vorherigen Empfänger, nichts. Das Ganze war peinlich genau durchdacht gewesen – und genau das beunruhigte ihn viel mehr als das Bein an sich, so makaber das auch sein mochte. Was ihm eher Sorgen bereitete, war der sorgfältige, akribische, beinahe klinische Modus Operandi des Täters.

Strike sah auf die Uhr. Er war für heute Abend mit Elin verabredet. Im Lauf der nun schon zwei Monate andauernden Beziehung war er Zeuge ihres Scheidungsprozesses geworden, der mit dem kalkulierten Risiko einer Schachpartie unter Großmeistern geführt wurde. Ihr Noch-Ehemann war überaus gut betucht, was Strike erst in jener Nacht klar geworden war, da er zum ersten Mal ihr geräumiges, mit Parkett ausgelegtes Apartment mit Ausblick auf den Regent’s Park betreten hatte. Sie konnten sich nur sehen, wenn Elins fünfjährige Tochter beim Vater weilte, und weil Elin vermeiden wollte, dass ihr Mann von ihrer neuen Beziehung Wind bekam, suchten sie für gewöhnlich die ruhigeren und etwas abgelegeneren Restaurants der Hauptstadt auf – was Strike nur recht sein konnte. Dass er die Abendstunden, die andere Leute der trauten Zweisamkeit widmeten, oft mit der Observation untreuer Ehepartner zubrachte, hatte für alle seine bisherigen Beziehungen eine Zerreißprobe dargestellt. Außerdem verspürte er gar keine große Lust darauf, Elins Tochter näher kennenzulernen. In diesem Punkt war er aufrichtig zu Robin gewesen: Er konnte wirklich nicht besonders gut mit Kindern umgehen.

Er griff nach seinem Handy. Bevor er aufbrach, gab es noch einige Dinge zu erledigen.

Der erste Anruf landete direkt auf der Mailbox. Er hinterließ Graham Hardacre, seinem ehemaligen Kollegen bei der Special Investigation Branch, eine Nachricht mit der Bitte, ihn zurückzurufen. Strike wusste nicht einmal, wo Hardacre gegenwärtig stationiert war. Als sie sich zuletzt unterhalten hatten, war er kurz davor gewesen, aus Deutschland wegversetzt zu werden.

Zu Strikes Enttäuschung wurde auch sein zweiter Anruf nicht beantwortet, der einem alten Freund gegolten hätte, dessen berufliche Laufbahn sich in die mehr oder weniger entgegengesetzte Richtung zu der Hardacres entwickelt hatte. Strike hinterließ eine beinahe wortgleiche Nachricht und legte auf.

Dann rutschte er näher an Robins Schreibtisch heran, schaltete ihren Computer ein und starrte auf die Startseite des Browsers, ohne sie richtig wahrzunehmen. Völlig gegen seinen Willen konnte er an nichts anderes denken als an seine nackte Mutter. Wer wusste von der Tätowierung? Ihr Ehemann natürlich sowie die vielen anderen Männer in ihrem Leben, dazu alle, die sie in den vielen besetzten Häusern und schmuddeligen Kommunen nackt gesehen hatten, in denen sie im Lauf der Zeit gehaust hatten. Im Tottenham war ihm außerdem noch eine weitere Möglichkeit eingefallen, die er Robin allerdings vorenthalten hatte: dass Leda irgendwann einmal für Nacktfotos posiert haben könnte. Es wäre ihr auf jeden Fall zuzutrauen gewesen.

Seine Finger schwebten kurz über der Tastatur. Er kam gerade bis zu Leda Strike nack – und hieb dann wütend mit dem Zeigefinger auf die Löschtaste. Es gab gewisse Dinge, die ein geistig gesunder Mann wohl besser ruhen ließ, bestimmte Phrasen, die er nicht im Suchverlauf seines Browsers hinterlassen wollte. Dummerweise aber auch Aufgaben, die er nur ungern an andere delegierte.



Er starrte den leidenschaftslos blinkenden Cursor im Suchfeld an, dann tippte er wie immer im Adlersuchsystem: Donald Laing.

Donald Laings gab es diverse – vorwiegend in Schottland. Strike schloss all jene aus, die während Laings Inhaftierung Miete bezahlt hatten oder wählen gegangen waren. Nachdem er diese Kandidaten sorgfältig eliminiert hatte, blieb nur mehr ein Mann übrig, der in etwa in Laings Alter war. Er hatte im Jahr 2008 offenbar bei einer gewissen Lorraine MacNaughton in Corby gewohnt. Inzwischen war nur noch sie dort registriert.

Er löschte Laings Namen und gab stattdessen Noel Brockbank in die Suchmaske ein. Männer dieses Namens waren in Großbritannien zwar nicht annähernd so zahlreich vertreten wie Donald Laings, trotzdem führte Strikes Recherche in eine Sackgasse. Er fand einen N. C. Brockbank, der 2006 als allein lebend in Manchester registriert gewesen war. Augenscheinlich hatte er sich von seiner Frau getrennt. Strike wusste nicht recht, ob dies ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war …

Er lehnte sich in Robins Stuhl zurück und dachte eine Weile über die Konsequenzen nach, die das anonym verschickte Bein nach sich ziehen würde. Die Polizei würde sich alsbald an die Öffentlichkeit wenden. Wardle hatte Strike versprochen, ihn vorzuwarnen, ehe die Pressekonferenz abgehalten würde. Eine derart bizarre und groteske Geschichte wäre ein gefundenes Fressen für die Medien, insbesondere – wie er mit Unbehagen feststellte – wenn herauskäme, dass man es an seine Büroadresse geschickt hatte. Cormoran Strike war immer für einen Aufmacher gut. Er war den Behörden bei der Aufklärung zweier Mordfälle zuvorgekommen, die selbst ohne die Beteiligung des Privatdetektivs spektakulär gewesen wären: der erste, weil das Opfer eine bildschöne junge Frau gewesen war, und der zweite, weil es sich um einen bizarren Ritualmord gehandelt hatte.

Strike fragte sich, welche Auswirkungen das abgetrennte Bein auf die Detektei haben mochte, für deren Aufbau er so hart gearbeitet hatte. Er kam zu dem Schluss, dass die Lage überaus ernst war. Das Internet – gnadenloser Gradmesser des gesellschaftlichen Status – würde, sobald man Cormoran Strike googelte, nicht länger wohlwollende Artikel über seine beiden berühmten und erfolgreichen Fälle ausspucken, sondern lediglich das nüchterne Faktum, dass er einen Körperteil zugeschickt bekommen und demzufolge zumindest einen überaus brutalen Feind hatte. Strike war wohlvertraut mit jenem verunsicherten, verängstigten und wütenden Teil der Bevölkerung, mit dem ein Privatdetektiv seine Brötchen verdiente: Er wusste genau, dass die meisten Leute im Allgemeinen einen großen Bogen um einen Dienstleister machten, der abgetrennte Beine per Kurier erhielt. Bestenfalls würden potenzielle Klienten annehmen, dass er und Robin schon genug Probleme am Hals hätten; im schlimmsten Fall würden sie denken, dass die Detektei durch Unachtsamkeit oder Inkompetenz in eine Situation geraten wäre, derer sie offenkundig nicht mehr Herr wurden.

Er wollte gerade den Computer abschalten, als er es sich anders überlegte und mit noch größerem Widerwillen als bei der Suche nach seiner nackten Mutter Brittany Brockbank eintippte.

Mehrere Personen dieses Namens waren bei Facebook und auf Instagram registriert, arbeiteten für Firmen, die ihm kein Begriff waren, oder hatten Selfies eingestellt. Er sah sich die Bilder aufmerksam an. Die meisten Frauen auf den Fotos waren ungefähr Mitte zwanzig, also in jenem Alter, in dem sie ebenfalls inzwischen sein dürfte. Diejenigen mit schwarzer Hautfarbe konnte er ausschließen, doch welche der anderen – brünett, blond oder rothaarig, hübsch oder nicht, lächelnd, schmollend oder gar ohne ihr Wissen fotografiert – war diejenige, nach der er suchte? Keine trug eine Brille. War sie zu eitel, um sich mit Brille fotografieren zu lassen? Hatte sie sich die Augen lasern lassen? Womöglich mied sie auch soziale Medien. Dann fiel ihm wieder ein, dass sie vorgehabt hatte, ihren Namen zu ändern. Dass sie keine digitalen Spuren hinterlassen zu haben schien, konnte allerdings auch einen noch viel tragischeren Grund haben: dass sie nicht mehr am Leben war.

Er sah wieder auf die Uhr. Höchste Zeit, sich umzuziehen und auf den Weg zu machen.

Es ist nicht ihr Bein, dachte er – und dann: Das darf einfach nicht sein.

Denn wenn es doch so wäre, dann trüge er die Schuld daran.

6

Is it any wonder that my mind’s on fire?

BLUE ÖYSTER CULT, »FLAMING TELEPATHS«

An diesem Abend war Robin auf dem Nachhauseweg wachsamer als sonst. Heimlich nahm sie jeden Mann im U-Bahn-Wagen ins Visier, der Ähnlichkeit mit dem hochgewachsenen, in schwarzes Leder gekleideten Überbringer jenes abscheulichen Pakets hatte. Ein schlanker junger Asiat in einem billigen Anzug lächelte ihr hoffnungsvoll zu, als sich ihre Blicke zum dritten Mal begegneten; danach ließ sie ihr Handy nicht mehr aus den Augen, sondern durchforstete stattdessen die BBC-Homepage, wann immer die Verbindung es zuließ. Genau wie Strike fragte auch sie sich, wann die Medien wohl von dem Bein erfahren würden.

Vierzig Minuten nachdem sie das Büro verlassen hatte, betrat sie den großen Waitrose-Supermarkt neben ihrer Haltestelle. Ihr Kühlschrank war so gut wie leer. Matthew ging nicht gerne einkaufen, und sie vermutete (obwohl er es bei ihrer vorletzten Auseinandersetzung abgestritten hatte), dass er es als Robins Pflicht ansah, jene alltäglichen und ihm so verhassten Besorgungen zu übernehmen. Schließlich trug sie nicht einmal ein Drittel zum gemeinsamen Einkommen bei.

Alleinstehende Anzugträger füllten ihre Körbe und Einkaufswagen mit Fertiggerichten. Berufstätige Frauen eilten auf der Suche nach schnell zuzubereitender Pasta für die Familie durch die Gänge. Eine erschöpfte junge Mutter mit einem plärrenden Säugling im Kinderwagen taumelte orientierungslos wie ein verwirrter Falter durch die Regalreihen. In ihrem Korb lag eine einsame Tüte mit Karotten. Robin ging langsam und seltsam nervös an den Auslagen vorbei. Weit und breit war niemand zu sehen, der dem Mann in der schwarzen Motorradkombi geähnelt hätte. Niemand, der ihr auflauerte und dabei davon träumte, ihre Beine abzuschneiden … meine Beine abzuschneiden …

»Verzeihung!«, blaffte eine Frau mittleren Alters, die die Würstchen nicht erreichen konnte. Robin entschuldigte sich und machte einen Schritt zur Seite. Überrascht bemerkte sie die Packung mit Hühnerschenkeln in ihrer Hand. Sie warf sie in ihren Einkaufswagen und eilte weiter zur ruhigeren Wein- und Spirituosenabteilung. Dort zückte sie ihr Handy und rief Strike an. Er hob nach dem zweiten Klingeln ab.

»Alles in Ordnung?«

»Ja, natürlich …«

»Wo bist du?«

»Bei Waitrose.«

Ein kleiner glatzköpfiger Mann tat so, als würde er sich für das Sherry-Regal hinter Robin interessieren. Tatsächlich aber beäugte er bloß ihre Brüste. Als sie zur Seite ging, folgte er ihr. Sie funkelte ihn böse an; er errötete und machte sich aus dem Staub.

»Gut. In einem Supermarkt kann dir nichts passieren.«

»Hm.« Robin blickte dem davoneilenden Glatzkopf nach. »Ach ja, ich weiß nicht, ob es wichtig ist, aber mir ist gerade wieder eingefallen, dass wir in den letzten Monaten ein paar merkwürdige Briefe erhalten haben.«

»Spinnerpost?«

»Oh bitte …«

Robin war schon immer gegen diese Bezeichnung gewesen. Nachdem Strike seinen zweiten prominenten Mordfall gelöst hatte, war der Eingang exzentrischer Schreiben signifikant angestiegen. Diejenigen, die sich noch am verständlichsten ausdrückten, gingen von der Annahme aus, dass Strike nun in Geld schwämme und ihnen wohl einen Teil davon abgeben könnte. Dann gab es diejenigen, die einen Groll gegen eine bestimmte Person hegten und Strike damit beauftragen wollten, es dieser Person heimzuzahlen; diejenigen, die haarsträubende Theorien bewiesen haben wollten; und schließlich (»Und das sind jetzt wirklich Spinner«, hatte Robin angemerkt) die wenigen, männlich ebenso wie weiblich, die Strike attraktiv fanden.

»Waren die Briefe an dich adressiert?«, erkundigte sich Strike.

»Nein, an dich.«

Sie hörte, wie er beim Telefonieren durch die Wohnung lief. Wahrscheinlich war er mit Elin verabredet. Er hatte seine neue Flamme nie auch nur mit einem Wort erwähnt, und wäre sie nicht eines Tages im Büro vorbeigekommen, hätte Robin wohl nie von ihrer Existenz erfahren – oder erst wenn er irgendwann mit einem Ehering am Finger zur Arbeit erschienen wäre.

»Was stand denn so drin?«, fragte Strike.

»Einer war von einer jungen Frau, die sich ein Bein amputieren wollte. Sie hat um Rat gefragt.«

»Wie bitte?«

»Sie wollte sich ein Bein abschneiden«, wiederholte Robin betont deutlich. Die Frau neben ihr, die gerade eine Flasche Rosé begutachtet hatte, warf ihr einen entgeisterten Blick zu.

»Grundgütiger«, murmelte Strike. »Aber Spinner darf man sie ja nicht nennen … Glaubst du, dass sie es fertiggebracht hat und mich auf diese Weise davon in Kenntnis setzen wollte?«

»Ich dachte nur, der Brief könnte wichtig sein«, meinte Robin, ohne auf den Scherz einzugehen. »Es gibt tatsächlich Menschen, die sich von bestimmten Körperteilen trennen wollen. Das ist ein recht bekanntes Phänomen. Und nein, diese Personen werden nicht als Spinner bezeichnet«, sagte sie schnell, um ihm zuvorzukommen. Er lachte. »Ein anderer Brief war nur mit Initialen unterschrieben. Er war verhältnismäßig lang … und der Verfasser hat sich endlos über dein Bein ausgelassen und dass er es wiedergutmachen wolle …«

»Da hätte ich ein Männerbein aber besser gebrauchen können. Wie dämlich würde das denn aussehen, wenn …«

»Bitte«, unterbrach sie ihn. »Keine Witze. Wie kannst du nur?«

»Wie kannst du nicht?«, konterte er, allerdings in freundlichem Tonfall.

Sie hörte ein nur allzu vertrautes Kratzgeräusch, gefolgt von einem lauten Klirren. »Du bist an der Spinnerschublade!«

»Ich weiß nicht, ob ›Spinnerschublade‹ der korrekte Ausdruck ist, Robin. Bitte etwas mehr Respekt gegenüber unseren psychisch beeinträchtigten Mitbürgern.«

»Bis morgen«, sagte sie und legte in sein Gelächter hinein auf, allerdings nicht ohne selbst zu schmunzeln.

Die Erschöpfung, gegen die sie schon den ganzen Tag angekämpft hatte, suchte sie jetzt von Neuem heim. Sie schleppte sich weiter durch den Supermarkt. Allein die Entscheidung, was es zum Abendessen geben sollte, kam ihr unendlich anstrengend vor. Am liebsten wäre sie nach Einkaufszettel vorgegangen, allerdings hatte niemand einen solchen zusammengestellt. Am Ende resignierte sie, hielt wie die berufstätigen Mütter nach irgendeiner einfach zuzubereitenden Mahlzeit Ausschau und entschied sich schließlich ebenfalls für Pasta. An der Schlange vor der Kasse stand sie direkt hinter der jungen Frau, deren Baby sich endlich müde geschrien hatte und nun schlief wie ein Stein, die Fäustchen geballt, die Augen fest zusammengekniffen.

»Niedlich«, sagte Robin, die das Gefühl hatte, die Frau könnte etwas Zuspruch gebrauchen.

»Wenn er schläft, schon«, entgegnete die Mutter mit einem schwachen Lächeln.

Als Robin zu Hause ankam, konnte sie sich kaum noch auf den Beinen halten. Zu ihrer Überraschung wartete Matthew bereits im Flur auf sie.

»Ich hab eingekauft«, verkündete er. Dann fiel sein Blick auf die vier prall gefüllten Tüten in ihren Händen. »Ich hab dir doch eine SMS geschrieben.« Die Enttäuschung darüber, dass seine große Geste nicht die erhoffte Wirkung zeigte, war kaum zu überhören.

»Hab ich nicht gelesen«, murmelte Robin. »Tut mir leid.«

Wahrscheinlich hatte sie gerade mit Strike telefoniert. Womöglich waren sie beide sogar zur selben Zeit im Supermarkt gewesen, nur dass sie sich in der Spirituosenabteilung herumgedrückt hatte.

Matthew kam mit ausgestreckten Armen auf sie zu und zog sie in eine Umarmung, deren gönnerhafte Herzlichkeit sie allerdings noch weiter auf die Palme brachte. Trotzdem musste sie sich eingestehen, dass er in seinem schwarzen Anzug und mit dem dichten, über der Stirn zurückgestrichenen dunkelblonden Haarschopf wie immer blendend aussah.

»Du hattest sicher eine Heidenangst«, flüsterte er, und sie spürte seinen warmen Atem in ihrem Haar.

»Ja«, sagte sie und legte die Arme um seine Hüfte.

Einvernehmlich aßen sie ihr Nudelgericht, ohne Sarah Shadlock, Strike oder Jacques Burger auch nur mit einem Wort zu erwähnen. Ihren festen morgendlichen Vorsatz, Matthew ein für alle Mal klarzumachen, dass es Sarah gewesen war und nicht sie selbst, die ihrer Schwäche für lockiges Haar Ausdruck verliehen hatte, hatte sie mittlerweile über Bord geworfen.

»Ich muss nach dem Essen noch ein bisschen arbeiten«, sagte Matthew reumütig, was Robin wie eine Belohnung für ihre Nachsichtigkeit vorkam.

»Kein Problem. Ich wollte sowieso früh schlafen gehen.«

Sie nahm sich eine kalorienreduzierte heiße Schokolade und eine Grazia-Ausgabe mit ins Bett, konnte sich jedoch kaum auf die Zeitschrift konzentrieren. Zehn Minuten später stand sie wieder auf, schnappte sich den Laptop und googelte Jeff Whittaker.

Seinen Wikipedia-Eintrag hatte sie bereits gelesen, als sie einmal mehr mit leichten Gewissensbissen Nachforschungen über Strikes Vergangenheit angestellt hatte. Diesmal führte sie sich ihn mit umso größerer Aufmerksamkeit zu Gemüte. Er begann mit mehreren vertrauten Hinweisen:

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Die Neutralität dieses Artikels oder Abschnitts ist umstritten.

Jeff Whittaker

Jeff Whittaker (* 1969) ist ein Musiker, der hauptsächlich wegen seiner Heirat mit dem Siebzigerjahre-Supergroupie Leda Strike bekannt wurde. 1994 wurde er angeklagt, Strike ermordet zu haben. [1] Whittaker ist der Enkel des Diplomaten Sir Randolph Whittaker KCMG DSO.

Kindheit und Jugend

Whittaker wuchs bei seinen Großeltern auf, da seine sich noch im Teenageralter befindliche Mutter unter Schizophrenie litt. {{Belege fehlen|Hinweistext}} Seinen leiblichen Vater kannte Whittaker nicht. {{Belege fehlen|Hinweistext}} Er wurde von der Privatschule Gordonstoun verwiesen, nachdem er ein Mitglied des Lehrkörpers mit einem Messer bedroht hatte. {{Belege fehlen|Hinweistext}} Whittaker behauptet, danach drei Tage lang von seinem Großvater in einen Schuppen gesperrt worden zu sein – ein Vorwurf, den dieser zurückweist. [2] Whittaker lief von zu Hause weg und war während seiner Teenagerjahre längere Zeit obdachlos. Er gibt außerdem an, als Totengräber gearbeitet zu haben. {{Belege fehlen|Hinweistext}}

Musikalische Karriere

Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger spielte Whittaker Gitarre und schrieb die Texte für mehrere Thrash-Metal-Bands, darunter Restorative Art, Devilheart und Necromantic. [3][4]

Persönliches

1991 lernte Whittaker Leda Strike kennen. Die ehemalige Freundin von Jonny Rokeby und Rick Fantoni arbeitete zu dieser Zeit für die Plattenfirma, die Necromantic unter Vertrag nehmen wollte. {{Belege fehlen|Hinweistext}} Whittaker und Strike heirateten 1992. Im Dezember desselben Jahres brachte sie den gemeinsamen Sohn Switch LaVey Bloom Whittaker zur Welt. [5] Aufgrund seines exzessiven Drogenkonsums musste Whittaker Necromantic 1993 verlassen. {{Belege fehlen|Hinweistext}}

Als Leda Whittaker 1994 an einer Überdosis Heroin starb, geriet Whittaker unter Mordverdacht. Er wurde angeklagt und freigesprochen. [6][7][8][9]

1995 wurde Whittaker erneut wegen Körperverletzung und der versuchten Entführung seines Sohns verhaftet, der sich zu dieser Zeit in der Obhut von Whittakers Großeltern befand. Die Gefängnisstrafe für den Angriff auf seinen Großvater wurde zur Bewährung ausgesetzt. {{Belege fehlen|Hinweistext}}

1998 bedrohte Whittaker einen Kollegen mit einem Messer und wurde zu drei Monaten Haft verurteilt. [10][11]

2002 wurde Whittaker zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, da er die ordnungsgemäße Bestattung eines Leichnams verhindert hatte. Seine aktuelle Partnerin Karen Abraham war einem Herzanfall erlegen. Whittaker bewahrte die Leiche noch einen Monat lang in der gemeinsamen Wohnung auf. [12][13][14]

2005 wurde Whittaker wegen Handels mit Crack zu einer Haftstrafe verurteilt. [15]

Robin war inzwischen so unkonzentriert, dass sie sich die Seite zweimal durchlesen musste. Die Informationen schienen von ihrem Verstand regelrecht abzuperlen. Gewisse Punkte in Whittakers Biografie stachen in ihrer Skurrilität deutlich hervor. Warum versteckte jemand einen Monat lang einen Leichnam? Hatte Whittaker befürchtet, ein zweites Mal des Mordes angeklagt zu werden, oder hatte er dafür andere Beweggründe gehabt? Leichen, Körperteile, totes Fleisch … Sie nahm noch einen Schluck Kakao und verzog das Gesicht. Er schmeckte wie aromatisierter Staub. Um auch wirklich in ihr Hochzeitskleid zu passen, verzichtete sie schon seit einem Monat auf normale Schokolade.

Robin stellte den Becher auf den Nachttisch, legte die Finger erneut auf die Tastatur und gab Jeff Whittaker Gerichtsverhandlung in die Bildersuche ein.

Dem jungen Whittaker, dem man den Mord an seiner Ehefrau zur Last gelegt hatte, konnte man einen gewissen rauen Charme nicht absprechen. Er trug zu einem Pferdeschwanz zusammengebundene Dreadlocks sowie einen schwarzen Anzug mit passender Krawatte und überragte beinahe sämtliche Fotografen, die ihn umringten. Er hatte hohe Wangenknochen und kränklich blasse Haut. Die großen Augen standen ungewöhnlich weit auseinander: Es waren die Augen eines opiumvernebelten Poeten oder die eines ketzerischen Priesters.

Von seiner bohemehaften Attraktivität war bei dem älteren Whittaker, der die Bestattungspflicht verletzt hatte, nicht mehr viel übrig. Er hatte deutlich an Gewicht zugelegt, sich die Haare militärisch kurz geschoren und trug einen Bart. Nur die weit auseinanderstehenden Augen strahlten nach wie vor eine dreiste Arroganz aus.

Robin scrollte langsam durch die Fotos. Schon bald machten die Bilder von – wie sie ihn für sich nannte – »Strikes Whittaker« anderen sich in Rechtshandeln befindlichen Jeff Whittakers Platz, darunter auch einem Afroamerikaner mit Engelsgesicht, der einen Prozess gegen seinen Nachbarn anstrengte, weil dessen Hund regelmäßig seinen Rasen verschandelte.

Warum nur glaubte Strike, sein Exstiefvater (eine seltsame Vorstellung, schließlich betrug der Altersunterschied nur fünf Jahre) könnte ihm das Bein zugeschickt haben? Wann hatte er den Mann, den er für den Mörder seiner Mutter hielt, zum letzten Mal gesehen? Es gab so vieles, was sie nicht über ihren Boss wusste. Er sprach nicht gerne über seine Vergangenheit.

Robin tippte den Namen Eric Bloom in die Suchmaske ein.

Das Erste, was ihr beim Anblick des in Leder gekleideten Siebzigerjahre-Rockers ins Auge sprang, war die bestechende Ähnlichkeit seiner Frisur mit Strikes Haar: dicht, dunkel und lockig. Was sie wiederum von Neuem an Jacques Burger und Sarah Shadlock erinnerte und ihrer Laune einen empfindlichen Dämpfer verpasste. Sie versuchte, sich auf die anderen beiden Männer zu konzentrieren, die Strike als mögliche Verdächtige genannt hatte, konnte sich aber nicht mehr an deren Namen erinnern. Donald Soundso? Und ein merkwürdiger Name mit B … Für gewöhnlich hatte sie ein exzellentes Gedächtnis, wie ihr Strike des Öfteren bestätigt hatte. Warum fielen ihr jetzt diese Namen nicht mehr ein?

Andererseits … Was machte es für einen Unterschied? Nur von einem Laptop aus konnte man zwei Männer mit unbekanntem Aufenthaltsort unmöglich aufspüren. Robin hatte inzwischen genug detektivische Erfahrung, um zu wissen, dass sich diejenigen, die unter falschem Namen lebten, obdachlos waren oder einen sonst irgendwie unsteten Lebenswandel führten und sich daher auch nicht im Wählerverzeichnis registriert hatten, nur selten in den groben Maschen der Internetsuchmaschinen verfingen.

Nach einigen Minuten des Nachdenkens und mit dem Gefühl, ihren Chef gewissermaßen zu hintergehen, gab sie Leda Strike in das Suchfeld ein – gefolgt von noch schwereren Gewissensbissen und dem Suchbegriff nackt.

Auf dem Schwarz-Weiß-Foto posierte die junge Leda mit den Armen über dem Kopf. Eine dunkle Wolke langen Haars fiel über ihre Brüste. Selbst in der Miniaturansicht war der verschlungene Schriftzug über dem Schamhaardreieck nicht zu übersehen. Robin kniff die Augen zusammen, als würde die leicht verschwommene Betrachtung ihre Indiskretion irgendwie rechtfertigen, und öffnete das Bild zu seiner vollen Größe. Immerhin musste sie nicht näher heranzoomen. Die Worte Mistress of waren deutlich zu erkennen.

Nebenan schaltete sich die Badezimmerlüftung ein. Beschämt klickte Robin das Browserfenster wieder zu. In letzter Zeit hatte sich Matthew gelegentlich ihren Laptop ausgeliehen, und vor ein paar Wochen hatte sie ihn beim Lesen der E-Mails ertappt, die sie an Strike geschickt hatte. Daher öffnete sie den Browser erneut, löschte den Verlauf, rief die Systemeinstellungen auf und änderte ihr Passwort nach kurzer Überlegung in »DontFearTheReaper«. Daran würde er sich die Zähne ausbeißen.

Auf dem Weg zur Küchenspüle, wo sie ihren Kakao ausschütten wollte, fiel ihr wieder ein, dass sie keinerlei Recherchen über Terence »Digger« Malley angestellt hatte. Aber natürlich verfügte die Polizei über weitaus wirksamere Methoden als sie oder Strike, um einen Londoner Gangster aufzustöbern.

Egal, dachte sie müde und kehrte ins Schlafzimmer zurück. Malley war es ohnehin nicht.

7

Good to Feel Hungry

Er war wohl wirklich dumm wie Brot – das war einer der Lieblingssprüche dieser fiesen Schlampe von Mutter gewesen (Du bist doch dumm wie Brot, du kleiner Scheißer) –, sonst hätte er der Sekretärin nicht an einem Tag das Bein überreicht und sie am nächsten schon wieder observiert. Doch er hatte der Versuchung einfach nicht widerstehen können. Schließlich wusste er nicht, wann er das nächste Mal Gelegenheit dazu bekäme. Der Drang, sie zu beobachten, war die Nacht über gewachsen. Er musste in Erfahrung bringen, ob und wie sein Geschenk sie verändert hatte.

Ab morgen würde er in seiner Freiheit wieder einmal empfindlich beschnitten sein, weil Es zu Hause wäre, und wann immer Es zu Hause war, verlangte Es seine gesamte Aufmerksamkeit. Es bei Laune zu halten war unerlässlich, nicht zuletzt weil Es das Geld verdiente. Es war dumm und hässlich, dankbar für jedes bisschen Zuwendung und sich nicht im Klaren darüber, dass er sich aushalten ließ.

Sobald Es sich auf den Weg zur Arbeit gemacht hatte, war er aus dem Haus und zu der Haltestelle gelaufen, die der Wohnung der Sekretärin am nächsten lag. Eine kluge Entscheidung, denn sie war nicht ins Büro gefahren. Er hatte also recht gehabt: Das Bein hatte ihren Alltag durcheinandergebracht. Aber er hatte ja fast immer recht.

Und er wusste auch, wie man jemandem unauffällig folgte: Er hatte seine Mütze auf- und wieder abgesetzt, sich bis aufs T-Shirt ausgezogen, dann wieder seine Jacke übergeworfen oder sie auf links gewendet. Mit Sonnenbrille, ohne Sonnenbrille.

Die Sekretärin war wertvoll für ihn – wertvoller als alle anderen Frauen. Denn wenn er sie erst einmal in seiner Gewalt hätte, würde sie das ideale Mittel sein, um blutige Vergeltung an Strike zu üben. Sich an dem Detektiv nachhaltig und brutal zu rächen war mit der Zeit zu seinem Lebensinhalt geworden. Er vergaß niemanden, der ihm je in die Quere gekommen war. Niemanden. Und irgendwann, wenn die Gelegenheit günstig war, schlug er zu. Selbst wenn es Jahre dauerte. Cormoran Strike hatte ihm mehr Leid zugefügt als irgendein anderes menschliches Wesen. Und dafür würde er seine gerechte Strafe bekommen.

Für mehrere Jahre hatte er Strike aus den Augen verloren – bis der Dreckskerl ganz unverhofft ins Licht der Öffentlichkeit getreten war. Als Held, als Berühmtheit: als genau das, was er immer hatte sein wollen, was er so sehr begehrt hatte. Die Lektüre all dieser schmeichelnden Artikel über das Arschloch war ungefähr so angenehm gewesen, wie Säure zu schlucken. Trotzdem hatte er sie sich aufmerksam durchgelesen. Man musste seinen Feind ganz genau kennen, um ihm maximalen Schaden zufügen zu können. Und er würde Strike so viel Schaden zufügen, wie es menschenmöglich war – nein, mehr noch, denn er war ja auch mehr als ein einfacher Mensch. Es wäre bei Weitem nicht genug, dem Detektiv in irgendeiner dunklen Gasse ein Messer zwischen die Rippen zu jagen. Nein, für Strike hatte er ein langsames, bizarres Martyrium mit einem schrecklichen Ende vorgesehen.

Und niemand würde je erfahren, dass er hinter all dem steckte. Wie auch? Mittlerweile war er schon drei Mal ungeschoren davongekommen. Drei tote Frauen, und keiner hatte auch nur die leiseste Ahnung, wer sie ermordet hatte. Diese Gewissheit erlaubte es ihm, die heutige Ausgabe der Metro gänzlich ohne Beklemmung zu lesen, im Gegenteil, die reißerischen Berichte über das abgetrennte Bein erfüllten ihn förmlich mit Stolz und Befriedigung. Er genoss den Unterton der Angst und Verwirrung in jedem Artikel, das ahnungslose Blöken der großen Schafsherde um ihn herum, die einen Wolf in ihrer Mitte spürte.

Die Sekretärin müsste sich nur ein einziges Mal in eine verlassene Seitenstraße verirren … Mehr bräuchte er nicht. Dummerweise wimmelte es überall im geschäftigen London zu jeder Tages- und Nachtzeit von Menschen, und so konnte er derzeit nicht mehr ausrichten, als frustriert und müde vor der London School of Economics herumzustehen und sie im Blick zu behalten.

Auch sie beobachtete jemanden. Ihr Observationsobjekt, an den platinblonden Haar-Extensions unschwer zu erkennen, führte die Sekretärin am Nachmittag wieder zurück zur Tottenham Court Road.

Die Sekretärin betrat einen Pub gegenüber dem Stripclub, in den die Zielperson verschwunden war. Er dachte kurz darüber nach, ob er ihr folgen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Sie hatte heute ungewöhnlich aufmerksam gewirkt. Stattdessen setzte er sich in ein schlichtes japanisches Restaurant mit verglaster Vorderfront. Von seinem Fenstertisch aus konnte er den Pub auf der anderen Straßenseite gut im Blick behalten.

Früher oder später, dachte er und betrachtete die belebte Straße durch die Sonnenbrille, früher oder später würde er sie erwischen. Diese Hoffnung durfte er nur nicht verlieren, wenn er Es heute Abend wiedersah, wenn er zu dem Halbleben, dem Lügenleben zurückkehrte, in dem sich sein wahres Ich nur im Geheimen frei entfalten konnte.

Er betrachtete sein Spiegelbild in dem verschmierten, staubigen Fenster. Die zivilisierte Maske, mit der er seine weiblichen Opfer einlullte, bis sie seinem Charme erlagen und anschließend seinen Klingen zum Opfer fielen, war verschwunden, die Kreatur dahinter zum Vorschein gekommen. Jene Kreatur, die nur eines im Sinn hatte: Dominanz.

8

I seem to see a rose,

I reach out, then it goes.

BLUE ÖYSTER CULT, »LONELY TEARDROPS«

Sobald die Medien von dem abgetrennten Bein erführen, würde auch ein Anruf von Strikes altem Bekannten Dominic Culpepper nicht lang auf sich warten lassen. Und tatsächlich hatte Strike den wutschnaubenden Journalisten der News of the World bereits am frühen Dienstagmorgen am Telefon. Dass Strike gute Gründe gehabt hatte, Culpepper nicht in derselben Sekunde zu kontaktieren, da er das Bein auf Robins Schreibtisch zu Gesicht bekommen hatte, wollte der nicht akzeptieren. Strike brachte ihn zusätzlich in Rage, indem er Culpeppers Angebot, ihn für eine großzügige Summe über jede neue Entwicklung in dem Fall zu informieren, rundheraus ablehnte. Culpepper hatte ihm hin und wieder Aufträge zugeschanzt. Diese Einkommensquelle, so mutmaßte der Detektiv nach Beendigung des Telefonats, war hiermit wohl versiegt. Er hatte Culpepper gründlich vergrätzt.

Strike und Robin hatten erst nachmittags wieder Gelegenheit, miteinander zu telefonieren. Der rucksackbepackte Detektiv rief sie aus einem überfüllten Heathrow-Express-Zug an.

»Wo steckst du gerade?«, fragte er.

»In einem Pub namens The Court, direkt gegenüber vom Spearmint Rhino«, sagte sie. »Und du?«

»Auf dem Rückweg vom Flughafen. Zum Glück ist Mad Dad endlich in der Luft.«

Mad Dad war ein reicher Börsenmakler, den Strike im Auftrag der Noch-Ehefrau observierte. Das Paar lieferte sich einen hässlichen und erbitterten Sorgerechtsstreit. In den kommenden Nächten, die Mad Dad in Chicago verbringen würde, müsste Strike ihn wenigstens nicht dabei beobachten, wie er in seinem Wagen vor dem Haus seiner Frau saß und durch ein Nachtsichtgerät in das Schlafzimmerfenster seiner Söhne starrte.

»Ich komm zu dir«, sagte Strike. »Bleib, wo du bist. Es sei denn, Platin schleicht sich mit einem anderen davon.«

Platin war die russische BWL-Studentin und Teilzeitstripperin, die sie im Auftrag von deren Geliebten beobachteten. Besagter Geliebter, den Strike und Robin »Two-Times« getauft hatten – unter anderem, weil sie nun schon die zweite Blondine für ihn observierten –, wollte unbedingt wissen, ob und auf welche Art und Weise seine Partnerinnen ihn betrogen. Er schien geradezu süchtig nach derlei Informationen zu sein, was Robin ebenso unheimlich wie bemitleidenswert fand. Two-Times hatte Platin im selben Club kennengelernt, den sie gerade überwachten. Robin und Strike sollten herausfinden, ob noch andere Männer in den Genuss der gleichen Zusatzleistungen kamen, die Two-Times selbst in Anspruch nahm.

Two-Times schien sich dieses Mal – auch wenn er es nicht glauben konnte oder wollte – eine ungewöhnlich monogame Freundin angelacht zu haben. Nach mehrwöchiger Observation war Robin zu der Erkenntnis gelangt, dass Platin eine Eigenbrötlerin war, die allein über ihren Lehrbüchern zu Mittag aß und auch sonst wenig Kontakt zu ihren Kolleginnen pflegte.

»Offensichtlich arbeitet sie nur in dem Stripclub, um die Studiengebühren bezahlen zu können«, hatte Robin nach der ersten Woche der Observation leicht genervt festgestellt. »Wenn Two-Times nicht will, dass andere Männer sie begaffen, sollte er ihr finanziell unter die Arme greifen.«

»Dass sie sich anderen Männern auf den Schoß setzt, ist aber doch gerade das Besondere an ihr«, hatte Strike geduldig dagegengehalten. »Es ist ein Wunder, dass er überhaupt so lange gebraucht hat, um so eine zu finden. Immerhin erfüllt sie all seine Kriterien.«

Kurz nachdem sie den Auftrag angenommen hatten, war Strike in dem Club gewesen und hatte eine Brünette mit traurigem Blick und dem ungewöhnlichen Namen Raven dazu gebracht, die Freundin seines Klienten im Auge zu behalten. Raven sollte ihn einmal täglich über Platins Aktivitäten auf dem Laufenden halten und anrufen, sobald die Russin ihre Telefonnummer an irgendjemanden weiterzugeben oder einem neuen Kunden ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit zu schenken schien. Im Spearmint Rhino war jeder Körperkontakt oder gar Prostitution streng verboten, doch Two-Times (»die arme Sau«, so Strike) war nach wie vor der unerschütterlichen Überzeugung, dass er nur einer unter vielen war, die Platin zum Essen ausführten oder das Bett mit ihr teilten.

»Trotzdem will mir nicht einleuchten, warum wir den Club ständig beobachten müssen«, beklagte sich Robin nicht zum ersten Mal. »Ravens Anrufe können wir doch überall entgegennehmen.«

»Du weißt genau, warum«, sagte Strike, der sich zum Aussteigen bereit machte. »Er will die Fotos.«

»Aber auf denen ist doch nur zu sehen, wie sie zur Arbeit und wieder nach Hause geht.«

»Egal. Das macht ihn an. Außerdem hat er den Verdacht geäußert, sie könnte in den nächsten Tagen den Club mit einem russischen Oligarchen verlassen.«

»Kommst du dir bei solchen Aufträgen nicht manchmal schäbig vor?«

»Berufsrisiko«, sagte Strike stoisch. »Bis gleich.«

Zwischen vergoldeten Tapeten mit Blumenmuster, Brokatstühlen und bunt zusammengewürfelten Lampenschirmen, die in enormem Kontrast zu dem gewaltigen Plasmafernseher standen, über den abwechselnd ein Fußballspiel und die Colawerbung flimmerten, wartete Robin auf ihn. Die Wände waren in einem modischen Mischton aus Grau und Beige gehalten, in dem auch Matthews Schwester vor Kurzem erst ihr Wohnzimmer gestrichen hatte und den Robin insgeheim trostlos fand. Der Blick auf den Eingang des Clubs war teils durch das Holzgeländer einer Treppe verstellt, die ins Obergeschoss führte. Vor dem Pub herrschte konstant starker Verkehr. Die vorbeifahrenden Doppeldeckerbusse blockierten mit schöner Regelmäßigkeit die Sicht auf das Spearmint Rhino.

Als Strike den Pub betrat, wirkte er gereizt.

»Radford hat uns den Auftrag entzogen«, sagte er und warf seinen Rucksack neben den hohen Fenstertisch, an dem Robin sich niedergelassen hatte. »Er hat gerade angerufen.«

»Nein!«

»Doch. Er glaubt, dass du inzwischen zu bekannt bist, um sein Büro zu infiltrieren.«

Die Presse hatte um sechs Uhr morgens von dem Bein erfahren. Wardle hatte Wort gehalten und Strike rechtzeitig vorgewarnt, sodass der Detektiv seine Dachgeschosswohnung zu nachtschlafender Zeit hatte verlassen können, im Gepäck frische Kleidung für mehrere Tage. Schon bald würden sich die Fotografen vor dem Büro die Beine in den Bauch stehen.

»Khan haben wir ebenfalls verloren«, fuhr Strike fort, sobald er mit einem Pint in der Hand an den Tisch zurückgekehrt war und sich auf einen Barhocker gehievt hatte. »Er zieht eine Detektei vor, der man keine Leichenteile schickt.«

»Scheeeiße«, sagte Robin, und dann: »Was gibt’s denn da zu grinsen?«

»Ach, nichts.« Es gefiel ihm, wenn sie »Scheiße« sagte – jedes Mal schimmerte dabei ihr latenter Yorkshire-Akzent durch.

»Das waren gute Aufträge!«, meinte Robin.

Strike stimmte ihr zu, ohne dabei auch nur für eine Sekunde den Eingang des Spearmint Rhino aus den Augen zu lassen.

»Was treibt Platin so? Hat Raven sich schon gemeldet?«

Raven hatte tatsächlich gerade angerufen, sodass Robin Strike davon in Kenntnis setzen konnte, dass es wie immer nichts Neues zu berichten gab. Platin war bei den Kunden beliebt und hatte heute schon drei Lapdances absolviert, bei denen es – ganz im Sinne der Clubregeln – verhältnismäßig züchtig zugegangen war.

»Hast du die Nachrichten gelesen?«, fragte er und deutete auf eine verwaiste Ausgabe des Mirror auf dem Nebentisch.

»Nur online«, sagte Robin.

»Ich hoffe, die Polizei erhält wenigstens ein paar Hinweise«, sagte Strike. »Irgendwann muss einem doch auffallen, dass man ein Bein weniger hat.«

»Sehr witzig«, sagte Robin.

»Zu früh für Galgenhumor?«

»Ja«, entgegnete Robin frostig.

»Ich habe gestern Abend ein bisschen im Internet recherchiert«, fuhr Strike fort. »Brockbank könnte sich 2006 in Manchester aufgehalten haben.«

»Und woher weißt du, dass es der Brockbank ist, nach dem wir suchen?«

»Weiß ich nicht, aber der Kerl war im richtigen Alter, hatte das richtige Mittelinitial …«

»Du kannst dich an sein Mittelinitial erinnern?«

»Ja. Offenbar hat er Manchester schon vor längerer Zeit verlassen. Bei Laing war es das Gleiche. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er 2008 in Corby gewohnt hat. Inzwischen ist er allerdings weitergezogen. Wie lange«, fügte Strike hinzu und blickte über die Straße, »sitzt der Typ mit der Tarnjacke und der Sonnenbrille schon in dem Restaurant dort drüben?«

»Seit etwa einer halben Stunde.«

Strike hatte das untrügliche Gefühl, dass der Mann mit Sonnenbrille, der mit seinen langen Beinen und den breiten Schultern ein Stück zu groß für den silberfarbenen Stuhl wirkte, ihn durch die beiden Glasscheiben hindurch beobachtete. Aufgrund der vorüberfahrenden Fahrzeuge und der sich in den Fensterscheiben spiegelnden Passanten konnte er ihn nur undeutlich sehen, glaubte aber, einen Dreitagebart zu erkennen.

»Wie ist es da drinnen?«, fragte Robin und deutete auf die Doppeltür des Spearmint Rhino unter dem ausladenden Metallvordach.

»Wo, in dem Stripclub?«, fragte Strike verwirrt.

»Nein, in dem japanischen Restaurant«, entgegnete Robin sarkastisch. »Natürlich in dem Stripclub.«

»Ganz nett«, antwortete er diplomatisch. Er hatte keine Ahnung, worauf sie hinauswollte.

»Wie sieht’s dort aus?«

»Viel Gold, viele Spiegel. Schummrige Beleuchtung.« Sie sah ihn neugierig an. »In der Mitte ist eine Stange. Um die wird getanzt.«

»Und die Lapdances?«

»Dafür gibt es Separees.«

»Was haben die Frauen an?«

»Ich weiß nicht – nicht viel …«

Sein Handy klingelte. Es war Elin.

Robin wandte sich ab und spielte mit der Fake-Lesebrille, die vor ihr auf dem Tisch lag. In der Brille steckte eine winzige Kamera, mit der sie unbemerkt Fotos von Platin schießen konnte. Sie hatte dieses Wunderwerk der Technik mit Begeisterung von Strike entgegengenommen; inzwischen war der Reiz des Neuen allerdings verflogen. Sie nahm einen Schluck Tomatensaft, starrte aus dem Fenster und versuchte, Strikes Telefonat auszublenden. Immer wenn er seine Freundin am Apparat hatte, schlug er einen merkwürdig sachlichen, nüchternen Tonfall an. Andererseits konnte sie sich einen Süßholz raspelnden Strike nur schwer vorstellen. Wenn Matthew in der richtigen Stimmung war (was in letzter Zeit recht selten vorkam), nannte er sie entweder »Robsy« oder »Rosy-Posy«.

»… bei Nick und Ilsa«, sagte Strike. »Ja. Nein, da hast du recht … Ja … In Ordnung … Ich dich auch.«

Er beendete das Gespräch.

»Bist du bei Nick und Ilsa untergeschlüpft?«, fragte Robin. Die beiden gehörten zu Strikes ältesten Freunden. Sie hatten ein paarmal im Büro vorbeigeschaut. Robin hatte sie sofort ins Herz geschlossen.

»Ja. Ich kann bei ihnen bleiben, solange ich will, haben sie gesagt.«

»Warum denn nicht bei Elin?«, fragte Robin, selbst auf die Gefahr hin, einen Rüffel zu kassieren. Sie war sich der Grenze, die Strike zwischen Arbeits- und Privatleben zu ziehen pflegte, durchaus bewusst.

»Das geht nicht«, sagte er, ohne weiter ins Detail zu gehen. Immerhin schien ihn die Frage aber nicht verärgert zu haben. »Ach ja, fast hätte ich’s vergessen«, fügte Strike mit einem Blick auf das japanische Restaurant hinzu. Der Tisch, an dem der Mann mit der Sonnenbrille und der Tarnjacke gesessen hatte, war mittlerweile leer. »Hier, für dich.«

Ein Handalarm.

»Ich hab schon einen«, sagte Robin, zog ihr eigenes Gerät aus der Manteltasche und hielt es ihm hin.

»Aber der hier ist besser«, sagte Strike und demonstrierte ihr die Vorzüge des Apparats. »Der Alarm hat 120 Dezibel. Außerdem versprüht er abriebfeste rote Farbe.«

»Meiner schafft 140 Dezibel.«

»Der hier ist trotzdem besser.«

»Weil ein Gerät, das ein Mann gekauft hat, meinem zwangsläufig überlegen sein muss?«

Er lachte bloß und leerte sein Pint.

»Bis später.«

»Was hast du vor?«

»Ich treffe mich mit Shanker.«

Der Name war ihr unbekannt.

»Der Typ, der mich gelegentlich mit Informationen als Verhandlungsbasis für die Polizei versorgt«, erklärte Strike. »Der mir geflüstert hat, wer damals diesen Informanten erstochen hat – weißt du noch? Der mich dem Gangster als Mann fürs Grobe empfohlen hat?«

»Ach, der«, sagte Robin. »Ich wusste nicht, wie er heißt.«

»Wenn jemand herausfinden kann, wo Whittaker steckt, dann Shanker«, sagte Strike. »Vielleicht weiß er auch etwas über Digger Malley. Die beiden verkehren in denselben Kreisen.«

Er blickte mit zusammengekniffenen Augen über die Straße.

»Halt die Augen nach der Tarnjacke offen.«

»Nervös?«

»Das bin ich in der Tat, Robin«, sagte er und holte seine Zigaretten für den kurzen Weg zur U-Bahn-Haltestelle hervor. »Weil uns nämlich jemand ein verfluchtes Bein geschickt hat.«

9

One Step Ahead of the Devil

Was für eine freudige Überraschung, den einbeinigen Strike leibhaftig auf der anderen Straßenseite auf das Court zuhumpeln zu sehen.

Er war fett geworden seit ihrer letzten Begegnung. Und trotzdem marschierte dieser Trottel mit dem Rucksack über der Schulter herum, als wär er immer noch bei der Army – ohne zu ahnen, dass der Mann, der ihm ein Bein geschickt hatte, keine dreißig Meter von ihm entfernt war. Ein toller Detektiv! Strike war zu seiner kleinen Sekretärin in den Pub gegangen. Bestimmt vögelten sie miteinander. Das hoffte er zumindest. So würde das, was er mit ihr zu tun gedachte, umso befriedigender sein.

Er hatte durch seine Sonnenbrille den am Fenster sitzenden Strike beobachtet, als dieser plötzlich den Kopf gedreht und zurückgestarrt hatte. Seine Mimik hatte er durch die beiden Fenster und die getönte Brille natürlich nur undeutlich erkennen können. Trotzdem war er beim Anblick der wachsamen Gestalt, des ihm frontal zugewandten Gesichts hochgradig nervös geworden. Soweit es der Verkehr aus beiden Richtungen zuließ, hatten sie sich über die Straße hinweg unverwandt in die Augen geblickt.

Er hatte abgewartet, bis drei Doppeldeckerbusse hintereinander auf der Straße zwischen ihm und Strike angehalten hatten, dann war er aufgestanden, hatte schnell das Restaurant verlassen und war in eine Seitenstraße gehuscht.

Adrenalin strömte durch seine Adern, als er die Tarnjacke auszog und sie auf links drehte. Wegwerfen konnte er sie nicht: Seine Messer steckten gut verstaut in ihrem Futter. Er bog um die nächste Ecke und rannte los.

10

With no love, from the past.

BLUE ÖYSTER CULT, »SHADOW OF CALIFORNIA«

Strike musste lange auf eine Lücke im Verkehr warten, um die Tottenham Court Road überqueren zu können. Dabei ließ er den Blick über die andere Straßenseite schweifen. Als er endlich drüben angekommen war, spähte er in das japanische Restaurant. Von einer Tarnjacke war weit und breit nichts mehr zu sehen, und keiner der männlichen, mit Hemd oder T-Shirt bekleideten Gäste ähnelte in Größe oder Statur dem Unbekannten mit der Sonnenbrille.

Strikes Handy vibrierte. Er nahm es aus der Jackentasche. Robin hatte ihm eine SMS geschrieben:

Krieg dich wieder ein.

Er grinste, winkte zum Abschied in Richtung der Pubfenster und machte sich dann auf den Weg zur U-Bahn-Haltestelle.

Natürlich war er angespannt, genau wie Robin gesagt hatte. Dass der Spinner, der ihnen das Bein geschickt hatte, Robin am helllichten Tag verfolgte, war zwar höchst unwahrscheinlich. Trotzdem – der bohrende Blick des Mannes in der Tarnjacke hatte ihm ganz und gar nicht behagt. Genauso wenig wie die Sonnenbrille an diesem eher trüben Tag. War es Zufall oder Absicht gewesen, dass er genau in dem Augenblick verschwunden war, als die Busse ihm die Sicht versperrt hatten?

Bedauerlicherweise durfte Strike seinen Erinnerungen an das Aussehen der drei Männer nicht trauen, die er gegenwärtig im Verdacht hatte. Brockbank war er seit acht, Laing seit neun und Whittaker seit sechzehn Jahren nicht mehr begegnet. In der Zwischenzeit mochten sie an Gewicht zugelegt, eine Glatze bekommen oder sich einen Schnurr- oder Vollbart zugelegt haben. Auch dass sie vollkommen verwahrlost waren, an einer Behinderung litten oder sich Muskelberge antrainiert hatten, lag im Bereich des Möglichen. Strike hatte immerhin auch ein Bein verloren, seit er den Verdächtigen zum letzten Mal gegenübergestanden hatte. Nur die Körpergröße ließ sich nicht verändern. Alle drei Männer waren über eins achtzig gewesen – eine Größe, die die Tarnjacke nach Strikes Dafürhalten mit Leichtigkeit erreicht hatte. Allerdings hatte er ihn nur im Sitzen gesehen.

Auf dem Weg zur Haltestelle Tottenham Court Road vibrierte sein Handy erneut. Beim Blick aufs Display stellte er erfreut fest, dass Graham Hardacre ihn zurückrief. Strike trat zur Seite, um den anderen Fußgängern nicht im Weg zu stehen, und nahm den Anruf entgegen.

»Oggy«, begrüßte ihn sein Exkollege. »Wie geht’s dir, alter Freund? Und wieso kriegst du Beine zugeschickt?«

»Also bist du nicht mehr in Deutschland?«, fragte Strike.

»Edinburgh. Seit sechs Wochen. Hab gerade den Artikel über dich im Scotsman gelesen.«

Die Special Investigation Branch unterhielt im Edinburgh Castle eine Zweigstelle namens Sektion 35 – ein äußerst prestigeträchtiger Posten.

»Hardy, du musst mir einen Gefallen tun«, sagte Strike. »Ich brauche Infos über ein paar ehemalige Soldaten. Erinnerst du dich noch an Noel Brockbank?«

»Wie könnte ich den vergessen? Eine Wüstenratte, oder?«

»Genau. Und dann noch Donald Laing. Mit dem hatte ich zu tun, bevor wir uns kennengelernt haben. Er war bei den King’s Own Royal Borderers auf Zypern.«

»Mal sehen, was sich machen lässt, wenn ich wieder im Büro bin. Gerade stehe ich mitten auf einem Acker.«

Der Lärm des dichter werdenden Feierabendverkehrs setzte ihrem Geplauder ein Ende. Hardacre versprach zurückzurufen, sowie er sich die entscheidenden Personalakten angesehen hatte, und Strike ging weiter in Richtung U-Bahn.

Erst als er eine halbe Stunde später in Whitechapel ausstieg, bemerkte er zu seiner Enttäuschung eine SMS des Mannes, den er dort hätte treffen sollen:

Sorry Bunsen heute nicht ruf dich an

Die Absage kam ungelegen, aber nicht überraschend. In Anbetracht der Tatsache, dass Strike weder Drogen noch größere Mengen Bargeld in gebrauchten Scheinen bei sich trug, dass er weder eingeschüchtert noch zusammengeschlagen werden musste, war es Shanker hoch anzurechnen, dass er sich überhaupt zu einem Treffen hatte breitschlagen lassen.

Strike war den ganzen Tag lang unterwegs gewesen. Sein Knie protestierte. Da es im näheren Umkreis keine Sitzgelegenheiten gab, lehnte er sich gegen die gelbe Ziegelwand neben dem U-Bahn-Eingang und rief Shanker an.

»Was ist los, Bunsen?«

Strike hatte längst vergessen, warum Shanker Shanker hieß oder warum dieser ihn Bunsen nannte. Sie hatten sich im Alter von siebzehn Jahren kennengelernt. Ihr Verhältnis, so eng es auch sein mochte, hatte nie die üblichen Kriterien einer Teenagerfreundschaft erfüllt, sondern ließ sich am besten als erzwungene Bruderschaft beschreiben. Wenn Strike eines Tages das Zeitliche segnete, würde Shanker ihn zweifellos betrauern und – da war sich Strike hundertprozentig sicher – seinen Leichnam im selben Atemzug um alle Wertsachen erleichtern, sollte sich dazu die Gelegenheit ergeben. Shanker würde es in der Gewissheit tun, Strike im Jenseits würde sich darüber freuen, dass er und nicht irgendein anderer dahergelaufener Ganove seine Brieftasche eingesteckt hätte – ein Gedankengang, den wohl nicht jeder verstehen würde.

»Beschäftigt, Shanker?«, fragte Strike und zündete sich noch eine Zigarette an.

»Ja. Hab heute alle Hände voll zu tun, Bunsen. Worum geht’s?«

»Ich suche Whittaker.«

»Du willst’s zu Ende bringen, was?«

Die Härte, die sich in Shankers Stimme geschlichen hatte, hätte wohl jeden erschreckt, der nicht wusste, mit wem er es zu tun hatte. Für Shanker und seine Spießgesellen war Mord die einzig mögliche Lösung einer anhaltenden Meinungsverschiedenheit. Kein Wunder, dass er sein halbes Erwachsenenleben hinter Gittern verbracht hatte. Strike kam es wie ein Wunder vor, dass er überhaupt die dreißig überschritten hatte.

»Ich will nur wissen, wo er steckt«, gab Strike beschwichtigend zurück.

Er bezweifelte, dass Shanker von dem Bein erfahren hatte. In Shankers Welt waren die einzigen interessanten Nachrichten persönlicher Art und wurden für gewöhnlich mündlich überbracht.

»Ich hör mich mal um.«

»Zum üblichen Tarif«, sagte Strike. Sie hatten für diese Art der Informationsbeschaffung ein Pauschalhonorar vereinbart. »Ach, und – Shanker?«

Sein alter Freund hatte die Angewohnheit, bei der kleinsten Ablenkung einfach aufzulegen.

»Noch was?«

Shankers Stimme klang jetzt wieder etwas deutlicher. Strike hatte richtig vermutet, dass er in der Annahme, das Gespräch wäre beendet, das Handy schon vom Ohr genommen hatte.

»Ja«, sagte Strike. »Digger Malley …«

Das Schweigen am anderen Ende der Leitung sprach Bände. Strike war sich jederzeit durchaus bewusst, aus welcher Welt Shanker stammte. Genauso wenig vergaß Shanker, womit Strike seinen Lebensunterhalt verdiente.

»Keine Angst, das hier bleibt unter uns. Hast du je mit Malley über mich gesprochen?«

»Scheiße, nein«, entgegnete Shanker nach einer kurzen Pause mit gefährlich frostiger Stimme.

»Das wollte ich nur wissen. Ich erklär’s dir, wenn wir uns treffen.«

Das bedrohliche Schweigen dauerte an.

»Shanker, hab ich dich jemals auflaufen lassen?«, fragte Strike.

Es folgte eine weitere, etwas kürzere Pause.

»Schon gut, Bunsen«, sagte Shanker wieder in normalem Tonfall. »Whittaker, ja? Mal sehen, was sich machen lässt.«

Ohne ein weiteres Wort legte er auf. Von Formalitäten hielt er nichts.

Seufzend zündete sich Strike die nächste Zigarette an. Er war umsonst hierhergekommen. Jetzt würde er seine Benson & Hedges fertig rauchen und sich dann auf den Rückweg machen.

Vor dem U-Bahn-Eingang öffnete sich ein asphaltierter, von Rückfassaden umgebener Vorplatz. In der Ferne glitzerte The Gherkin. Das schwarze, gurkenförmige Hochhaus war damals, vor zwanzig Jahren, als die Strikes kurzzeitig in Whitechapel gewohnt hatten, noch nicht da gewesen.

Strike sah sich ohne den Hauch von Sentimentalität um. Weder der asphaltierte Platz noch die nichtssagenden Häuser darum herum kamen ihm bekannt vor. An die Haltestelle selbst konnte er sich nur mehr dunkel erinnern. Die endlose Reihe hastiger Wohnungswechsel, so typisch für seine Mutter, hatten die einzelnen Stationen verschwimmen lassen; bisweilen vergaß er sogar, welches Geschäft sich unter welchem der schäbigen Apartments befunden hatte und welcher Pub neben welcher Kommune.

Eigentlich hatte er die U-Bahn nehmen wollen. Stattdessen ertappte er sich unversehens dabei, wie er auf jenen Ort in London zuging, den er siebzehn Jahre lang gemieden hatte: das Gebäude, in dem seine Mutter gestorben war. Ihr letztes Heim, zwei besetzte Stockwerke eines baufälligen Gemäuers an der Fulbourne Street, nur eine Minute von der U-Bahn-Haltestelle entfernt. Auf dem Weg suchten Strike Erinnerungen heim. Richtig, diesen Bahnübergang hatte er während seines letzten Schuljahrs täglich überquert. Wenn er sich nicht täuschte, schloss sich die Castlemain Street daran an … Genau, und hier hatte irgendeine Mitschülerin gewohnt, die heftig gelispelt hatte …

Am Ende der Fulbourne Street verlangsamte er seine Schritte. Strike nahm seine Umgebung seltsam doppelt wahr. Undeutliche Erinnerungen – zweifellos zusätzlich verwässert durch seinen festen Vorsatz, so viel wie möglich zu vergessen – legten sich wie eine vergilbte Folie über die Szenerie, die sich vor ihm auftat. Die Häuser waren immer noch genauso schäbig wie früher. Grauweißer Putz blätterte von den Fassaden. Die Geschäfte und Läden dagegen waren ihm völlig neu. Ihm war, als kehrte er in eine leicht veränderte, verwandelte Traumlandschaft zurück. Natürlich war in den ärmeren Vierteln Londons noch nie irgendetwas von Bestand gewesen. Mit großen Hoffnungen und Erwartungen eröffnete Geschäfte gingen pleite und wurden durch neue ersetzt; billige Ladenschilder wurden aufgehängt und abgenommen; die Menschen kamen und gingen wieder, ehe auch sie selbst dem Vergessen anheimfielen.

Da er die Hausnummer vergessen hatte, fand er die richtige Tür erst nach ein, zwei Minuten wieder. Das Haus, in dem er einst gewohnt hatte, stand neben einem Bekleidungsgeschäft mit billiger asiatischer sowie westlicher Ware. Wenn er sich nicht täuschte, war es damals ein karibischer Supermarkt gewesen. Aus unerfindlichen Gründen erinnerte er sich allerdings immer noch genau an den Briefkasten, der laut geklappert hatte, wenn jemand durch die Tür gekommen war.

Scheiße, Scheiße, Scheiße …

Er zündete sich die nächste Zigarette an der Glut der vorigen an und marschierte entschlossen hinüber zu den Buden an der Whitechapel Road, wo ebenfalls Billigklamotten und eine Vielzahl grellbunter Plastikartikel feilgeboten wurden. Ohne festes Ziel vor Augen ging Strike ein wenig schneller durch die Straßen. Hier und da erwachten weitere Erinnerungen zum Leben: Der Billardsalon war schon vor siebzehn Jahren hier gewesen, genau wie die Glockengießerei … Die Erinnerungen schnappten förmlich nach ihm, als wäre er in ein Nest schlafender Schlangen getreten …

Je mehr sich seine Mutter ihrem vierzigsten Geburtstag genähert hatte, umso jünger waren die Männer geworden, für die sie sich interessiert hatte. Whittaker war mit Abstand der Jüngste von allen gewesen: Als sie ihn zum ersten Mal mit heimgebracht hatte, war er gerade einmal einundzwanzig und ihr Sohn sechzehn Jahre alt gewesen. Schon damals hatte der Musiker nicht gerade wie das blühende Leben ausgesehen. Unter seinen zugegebenermaßen auffallend goldbraunen, weit auseinanderstehenden Augen hatten sich dunkle Schatten abgezeichnet. Die Dreadlocks waren auf seine Schultern gefallen. Er hatte ständig ein und dasselbe T-Shirt und dieselbe Hose getragen und dementsprechend gestunken.

Während Strike die Whitechapel Road hinunterging, hallte in seinem Kopf ein wohlbekanntes geflügeltes Wort im Takt seiner Schritte wider: Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen.

Natürlich hätte man annehmen können, dass er besessen wäre, voreingenommen und nachtragend. Es lag durchaus nahe zu vermuten, dass er Whittaker nur deshalb ins Visier genommen hätte, sowie er das Bein in dem Karton gesehen hatte, weil er über dessen Freispruch nie hinweggekommen war. Aber selbst wenn Strike jemandem die Gründe sorgsam darlegen würde, warum er Whittaker verdächtigte, hätte man ihn doch nur ausgelacht. Schließlich war es unvorstellbar, dass ein so demonstrativer Liebhaber alles Perversen und Sadistischen tatsächlich dazu fähig wäre, einer Frau ein Bein abzuhacken. Es war immerhin allgemein bekannt, dass ein echter Übeltäter seine gefährliche Liebe zu Erniedrigung und Gewalt sorgfältig zu verbergen suchte. Wenn sich aber jemand mit derlei Obsessionen schmückte, sie regelrecht zur Schau stellte, ging die leichtgläubige Öffentlichkeit davon aus, dass es sich nur um eine – für manche nicht mal unattraktive – Marotte handeln musste.

Leda hatte Whittaker bei der Plattenfirma kennengelernt, für die sie als Empfangsdame gearbeitet hatte, als Randfigur der Rockgeschichte, die sich irgendwann nur mehr als Maskottchen ihr Gnadenbrot verdiente. Whittaker hatte in einer ganzen Reihe Thrash-Metal-Bands Gitarre gespielt und Lieder geschrieben, sie aber regelmäßig wegen seines exzentrischen Gehabes, seines Drogenkonsums und seiner Aggressivität wieder verlassen müssen. Er hatte immer behauptet, von der Firma einen Plattendeal angeboten bekommen zu haben. Leda allerdings hatte Strike irgendwann anvertraut, dass sie Whittaker bei ihrem ersten Zusammentreffen vor den Sicherheitsleuten gerettet habe, die den jungen Mann gerade hochkant hatten hinauswerfen wollen. Danach habe sie ihn mit zu sich nach Hause genommen, und Whittaker sei einfach geblieben.

Der sechzehnjährige Strike hatte nicht genau einschätzen können, ob Whittakers ostentative, unverhohlene Freude an allem Sadistischen und Dämonischen echt gewesen war oder nur Show. Mit Sicherheit wusste er nur, dass er Whittaker mit einer Inbrunst hasste, die seine Abneigung gegen Ledas zahlreiche andere Liebhaber weit in den Schatten stellte. Wenn er abends in der schäbigen Wohnung seine Hausaufgaben gemacht hatte, hatte er den üblen Geruch des Mannes einatmen müssen. Der Typ hatte förmlich zum Himmel gestunken. Und er hatte auch keine Gelegenheit ausgelassen, um den Teenager zu bevormunden – plötzliche Wutausbrüche hatten sich mit scharfzüngigen Demütigungen abgewechselt. Dabei hatte er eine Eloquenz an den Tag gelegt, die er vor Ledas weniger gebildeten Freunden sorgfältig verbarg, um sich nicht unbeliebt zu machen. Strike, der seinerseits nicht auf den Mund gefallen war, konnte seinem Widersacher leicht Paroli bieten – sein Vorteil bestand darin, dass er im Gegensatz zu Whittaker so nüchtern war, wie es in der cannabisgeschwängerten Wohnungsluft eben möglich war. Wann immer Leda gerade einmal weg war, machte Whittaker sich über Strikes Bemühungen lustig, seine häufig unterbrochene Schullaufbahn mit einem Abschluss zu krönen. Whittaker war groß, sehnig und für einen Mann mit einer so lethargischen Lebensweise überraschend muskulös; Strike indes war bereits über eins achtzig groß und boxte in einem örtlichen Verein. Sowie sich beide in ein und demselben Raum befanden, brachte die Spannung zwischen ihnen die verrauchte Luft zum Knistern. Es herrschte ständig eine Atmosphäre kurz bevorstehender Eskalation.

Whittakers Schikanen, seine sexuellen Anspielungen und sein Spott hatten Strikes Halbschwester Lucy irgendwann aus dem Haus getrieben. Er war nackt durch die Wohnung spaziert, hatte sich dabei den tätowierten Oberkörper gekratzt und sich über das Entsetzen der Vierzehnjährigen sichtlich amüsiert. Eines Abends war sie zur Telefonzelle an der Ecke gelaufen, hatte ihren Onkel und ihre Tante in Cornwall angerufen und sie angefleht, nach London zu kommen und sie abzuholen. Die beiden hatten noch am selben Abend St. Mawes hinter sich gelassen, waren die Nacht durchgefahren und erreichten im Morgengrauen die Wohnung. Lucy wartete da bereits vor der Tür, die wenigen Habseligkeiten in einem Koffer. Sie war nie wieder zu ihrer Mutter zurückgekehrt.

Ted und Joan hatten an der Schwelle gestanden und Strike beschworen, ebenfalls mitzukommen. Er hatte abgelehnt. Mit jeder flehentlichen Bitte, die Joan geäußert hatte, war seine Entschlossenheit gewachsen, Whittaker auszusitzen, seine Mutter nicht mit ihm allein zu lassen. Whittaker war inzwischen dazu übergegangen, auch in seinen nüchternen Momenten davon zu fantasieren, wie überaus reizvoll es wäre, einen Mord zu begehen. Damals hätte Strike ihm eine solche Tat nicht zugetraut, obwohl er genau wusste, dass Whittaker zu Gewalt fähig war. Er hatte immerhin des Öfteren mitbekommen, wie Whittaker andere Mitbewohner bedroht hatte, und einmal – und Leda hatte ihm kein Wort geglaubt – hatte Strike mit ansehen müssen, wie Whittaker eine Katze, die ihn unabsichtlich aus dem Schlummer geweckt hatte, schimpfend und schreiend durch die Wohnung gejagt hatte, und hätte Strike ihm nicht den schweren Stiefel aus der Hand gerissen, hätte er das verängstigte Tier damit totgeschlagen.

Strike ging schneller und schneller, bis sich das Knie, an dem seine Prothese befestigt war, schmerzhaft beschwerte. Wie gerufen tauchte zu seiner Rechten das gedrungene, kastenförmige Ziegelgebäude auf, das den Nag’s Head Pub beherbergte. Erst kurz vor dem Eingang bemerkte er den schwarz gekleideten Türsteher, und ihm fiel wieder ein, dass das Nag’s Head ebenfalls zu einem Stripclub umfunktioniert worden war.

»Verdammt«, murmelte er.

Er hatte prinzipiell nichts dagegen, dass leicht geschürzte Damen um ihn herumtanzten, während er sich das eine oder andere Pint genehmigte, aber er scheute die gesalzenen Preise, die in einem derartigen Etablissement üblich waren. Immerhin hatte er an diesem Tag bereits zwei Klienten verloren.

Stattdessen betrat er die nächste Starbucks-Filiale, setzte sich, bettete sein schmerzendes Bein auf einen freien Stuhl und rührte missmutig in einem großen schwarzen Kaffee herum. Die bequemen erdfarbenen Sofas, die großen Becher voller Milchschaum, wie er in den USA offenbar obligatorisch war, und all die beflissenen jungen Leute, die mit stiller Effizienz hinter dem sauberen Glastresen hin- und herhuschten, hätten eigentlich das ideale Gegengift zu Whittakers stinkendem Phantom darstellen müssen – das trotz allem nicht aufhören wollte, Strike heimzusuchen. Und so wurde er gegen seinen Willen gezwungen, alles noch einmal zu durchleben …

Solange Whittaker bei Leda und ihrem Sohn gewohnt hatte, war sein offizielles Sündenregister nur den Behörden Nordenglands bekannt gewesen. Er selbst hatte stattdessen eine Vielzahl schillernder und sich oft widersprechender Anekdoten über seine Jugend in Umlauf gebracht. Erst nachdem er wegen Mordes angeklagt und verhaftet worden war, tauchten frühere Bekannte auf und rückten das Bild gerade: einige, weil sie sich Geld von der Presse erhofften, andere, um es Whittaker heimzuzahlen. Manche versuchten indes, ihn auf unbeholfene Weise zu verteidigen.

Whittaker stammte aus der oberen Mittelschicht. Bis zu seinem zwölften Lebensjahr hatte er geglaubt, der Enkel des Familienoberhaupts zu sein, eines zum Ritter geschlagenen Diplomaten. Dann hatte er erfahren, dass seine vermeintliche ältere Schwester, die angeblich in London als Montessori-Lehrerin arbeitete, in Wahrheit seine Mutter war. Die von ihrer Familie verstoßene Frau lebte schwer alkohol- und drogenabhängig in bitterer Armut. Von jenem Augenblick an wurde Whittaker – schon zuvor ein zu Tobsuchtsanfällen und Gewaltausbrüchen neigendes Problemkind – vollends untragbar. Er flog vom Internat, schloss sich einer örtlichen Gang an und arbeitete sich dort bald zum Anführer hoch, eine Laufbahn, die schließlich zu einer Haftstrafe in einer Jugendstrafanstalt führte: Er hatte einem Mädchen ein Messer an die Kehle gehalten, während sie von seinen Kumpanen vergewaltigt worden war. Mit fünfzehn haute er nach London ab und hielt sich mit Bagatellvergehen über Wasser, bis es ihm schließlich gelang, seine Mutter aufzuspüren. Die überschwängliche Wiedersehensfreude währte allerdings nur kurz und schlug schon bald in Gewalt und beidseitigen Hass um.

»Ist der frei?«

Ein hochgewachsener junger Mann beugte sich über Strike. Er hatte die Hände bereits auf die Lehne des Stuhls gelegt, auf dem das schmerzende Bein ruhte. Mit seinem gewellten braunen Haar und dem hübschen Gesicht erinnerte er Strike an Robins Verlobten Matthew. Grunzend nahm der Detektiv das Bein von der Sitzfläche und nickte, woraufhin der junge Mann mit dem Stuhl zu einer mindestens sechsköpfigen Gesellschaft zurückkehrte. Die weiblichen Mitglieder der Gruppe erwarteten anscheinend sehnlich seine Rückkehr: Strike konnte sehen, wie sie sich gerade aufsetzten und übers ganze Gesicht strahlten, als er den Stuhl abstellte und sich zu ihnen setzte. Strike wusste nicht genau, ob seine spontane Abneigung gegen den jungen Mann daher rührte, dass er Matthew so ähnlich war, dass er ihm den Stuhl weggenommen hatte, oder vielmehr daher, dass Strike einen Wichser erkannte, wenn er einen vor sich hatte.

Wütend über die Störung ließ Strike den Kaffee stehen, richtete sich mühsam auf und ging. Auf dem Rückweg zur Whitechapel Road wurde er von ersten Regentropfen überrascht. Bei der nächsten Zigarette gab er den Widerstand gegen die Erinnerungen auf, die wie Wellen über ihm zusammenschlugen …

Whittakers Geltungssucht hatte nahezu pathologische Züge gehabt. Wann immer Leda ihre Aufmerksamkeit aus welchem Grund auch immer – Arbeit, Kinder, Freunde – auch nur kurz von ihm abgewandt hatte, hatte er seine magnetische Anziehungskraft umgehend auf eine andere Frau gerichtet. Selbst Strike, der ihn hasste wie die Pest, musste zugeben, dass Whittaker über einen nicht unerheblichen Sex-Appeal verfügte. So gut wie kein weibliches Wesen, das in dem besetzten Haus Unterschlupf fand, hatte sich ihm je entziehen können.

Obwohl man ihn gerade aus seiner Band geworfen hatte, träumte Whittaker auch weiterhin vom großen Ruhm. Er beherrschte drei Akkorde und kritzelte jeden Fetzen Papier, den er in die Finger bekam, mit seinen Texten voll, die stark von der Satanischen Bibel inspiriert waren. Jenes Buch mit dem schwarzen Einband, auf dem ein von einem Pentagramm umschlossener Ziegenkopf prangte, lag stets auf der Matratze, die Whittaker mit Leda teilte. Auch mit Leben und Werk des amerikanischen Sektenführers Charles Manson war Whittaker bestens vertraut. Das verkratzte Manson-Album LIE: The Love and Terror Cult bildete den Soundtrack zu Strikes Abschlussjahr.

Natürlich hatte Whittaker gewusst, mit wem er sich einließ, als er Leda kennenlernte. Nur zu gerne lauschte er ihren Geschichten über die wilden Partys, die sie besucht, und über die Männer, mit denen sie geschlafen hatte. Für ihn stellte sie seine Verbindung zu den Sternen am Rockhimmel dar. Strike begriff schon bald, dass Whittaker sich nichts sehnlicher wünschte, als selbst berühmt zu sein. Vom moralischen Standpunkt aus machte er keinen Unterschied zwischen seinem geliebten Manson und Rockstars wie Jonny Rokeby. Immerhin war es beiden gelungen, sich fest im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern. Dabei war Manson sogar noch erfolgreicher gewesen, denn seine Legende war keinen Moden und Trends unterworfen: Das Böse verlor nie seine Faszination.

Doch Ledas Berühmtheit war nicht der einzige Grund, warum Whittaker sich zu ihr hingezogen fühlte. Sie hatte Kinder von zwei reichen Rockstars, die fleißig Unterhalt zahlten. Whittaker hatte sich bei Leda in dem Glauben eingenistet, dass die mittellose Boheme Teil eines selbst gewählten Lebensstils wäre, aber zweifellos ganz in der Nähe enorme Schätze schlummerten, die Strikes und Lucys Väter – Jonny Rokeby beziehungsweise Rick Fantoni – stetig vergrößerten. Die Wahrheit konnte oder wollte er nicht begreifen: dass Leda das Geld jahrelang mit vollen Händen ausgegeben hatte, sodass die beiden Väter die Unterhaltszahlungen schließlich ihrem Zugriff hatten entziehen müssen. Im Lauf der Monate häuften sich Whittakers verbitterte Kommentare und Seitenhiebe bezüglich Ledas angeblicher Weigerung, ihm die angemessene finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen. Wenn Leda nicht für die Fender Stratocaster aufkommen wollte, die er sich einbildete, oder ihm die Samtjacke von Jean Paul Gaultier versagte, die der stinkende, verwahrloste Whittaker spontan begehrte, bekam er schlicht als grotesk zu bezeichnende Wutanfälle.

Er setzte sie immer stärker unter Druck, tischte ihr haarsträubende und leicht zu widerlegende Lügengeschichten auf: dass er dringend eine medizinische Behandlung benötigte, dass er einem Mann, der ihm ohne zu zögern die Beine brechen würde, zehntausend Pfund schuldete. Leda war darüber entweder amüsiert oder verärgert.

»Ich bin pleite, Schatz«, entgegnete sie nur. »Ehrlich. Sonst würde ich dir das Geld doch geben, oder?«

Als Strike achtzehn war und sich an der Universität einschreiben wollte, wurde Leda schwanger. Strike war entsetzt, hätte aber niemals damit gerechnet, dass sie Whittaker auch noch heiraten würde. Hatte sie ihrem Sohn gegenüber nicht oft genug erwähnt, wie sehr sie das Ehefrauendasein hasste? Sie war der ersten Ehe, die sie noch im Teenageralter eingegangen war, nach gerade einmal zwei Wochen entflohen. Und Whittaker kam ihm nicht gerade vor wie ein treu sorgender Ehemann.

Und trotzdem war es so gekommen – nicht zuletzt weil Whittaker sich ausgerechnet hatte, nur so an jene gut gehüteten Millionen zu kommen. Die Feierlichkeiten hatten im Standesamt Marylebone stattgefunden, wo auch zwei Mitglieder der Beatles geheiratet hatten. Ob Whittaker geglaubt hatte, wie seinerzeit Paul McCartney am Ausgang von Paparazzi empfangen zu werden? Für die Hochzeit interessierte sich nicht eine Menschenseele. Es bedurfte schon des Todes seiner strahlenden Braut, um die Reporterscharen anzulocken.

Unversehens fand Strike sich an der Haltestelle Aldgate East wieder. Er war weiter gegangen, als er vorgehabt hatte – ein, wie er sich streng ermahnte, völlig unnötiger Umweg. Wäre er in Whitechapel eingestiegen, hätte er jetzt schon bei Nick und Ilsa sein können. Stattdessen war er in die falsche Richtung gelaufen und musste sich nun ausgerechnet zur Stoßzeit in die rappelvolle U-Bahn quetschen.

Seine Körperfülle in Kombination mit dem sperrigen Rucksack provozierte bei den Pendlern um ihn herum stummen Groll. Strike, der einen Kopf größer war als die Umstehenden, fiel das nicht weiter auf. Er hielt sich an einer Halteschlaufe fest und betrachtete sein schaukelndes Spiegelbild in der dunklen Fensterscheibe. Erst jetzt erinnerte er sich auch wieder an das schlimme Ende der Geschichte: Whittaker, der vor Gericht um seine Freiheit gekämpft hatte, nachdem die Ermittler bezüglich seines Alibis für jenen Tag, an dem seine Frau einer Überdosis erlegen war, auf Ungereimtheiten gestoßen waren. Auch seine Behauptungen über Ledas Drogenmissbrauch und die Herkunft des Heroins waren widersprüchlich gewesen.

Eine ganze Heerschar heruntergekommener ehemaliger Mitbewohner hatte Zeugnis über Ledas und Whittakers turbulente, zerstörerische Beziehung abgelegt, über ihren Konsum von Heroin in all seinen Darreichungsformen, über seine Tiraden von Mord und Geld und schließlich über seine merkwürdig verhaltene Trauer, nachdem ihr Leichnam entdeckt worden war. Mit strategisch ungünstiger Inbrunst hatten sie wieder und wieder beteuert, wie sicher sie sich seien, dass Whittaker die Schuld trug. Für die Verteidigung war es ein Leichtes, sie samt und sonders für unglaubwürdig zu erklären.

Erst der Oxfordstudent hatte im Zeugenstand für eine willkommene Abwechslung gesorgt. Selbst der Richter hatte Strike mit Wohlwollen betrachtet. Mochte er ohne Anzug und Krawatte ungeschlacht und einschüchternd wirken – angemessen gekleidet erweckte er einen glänzenden Eindruck: gepflegt, eloquent und intelligent. Die Anklage hatte ihn vorgeladen, um ihm Fragen zu Whittakers Fixation auf Ledas vermeintliches Vermögen zu stellen. Strike berichtete seinen atemlos lauschenden Zuhörern von den Versuchen des Stiefvaters, an ein Vermögen zu gelangen, das mehr oder weniger lediglich in dessen Fantasie existiert hatte, und von seiner Forderung an Leda, ihn zum Beweis ihrer Liebe in ihrem Testament als Alleinerben einzusetzen.

Whittaker hatte sich all das mit seinen goldbraunen Augen beinahe teilnahmslos angesehen. Erst kurz bevor Strike seine Aussage beendete, kreuzten sich ihre Blicke quer durch den Gerichtssaal. Whittakers Mundwinkel verzogen sich zu einem kaum merklichen höhnischen Grinsen. Er hob den Zeigefinger wenige Zentimeter von der Bank und wischte damit kurz zur Seite.

Strike wusste genau, was das zu bedeuten hatte. Die winzige Geste war allein ihm zugedacht gewesen – eine Miniaturversion der Gebärde, die Strike nur zu gut kannte: Whittaker pflegte horizontale, ruckartige Handkantenschläge vor den Kehlen derjenigen zu verteilen, die ihn verärgert hatten. »Wart’s nur ab«, hatte Whittaker dann immer mit einem irren Funkeln in den weit aufgerissenen goldenen Augen gesagt. »Wart’s nur ab!«

Er hatte sich bei dem Prozess schwer ins Zeug gelegt. Seine reiche Familie war für einen kompetenten Rechtsanwalt aufgekommen, er selbst hatte sich gewaschen, trug einen Anzug und stritt sämtliche Vorwürfe mit leiser, ehrerbietiger Stimme ab. Er war bestens vorbereitet vor Gericht erschienen. Alles, was die Anklage vorbrachte, um den wahren Whittaker zu entlarven – das Charles-Manson-Album auf dem altersschwachen Plattenspieler, die Satanische Bibel am Bett, die drogengeschwängerten Reden über Mord als Zeitvertreib –, wurde von einem empörten und ungläubigen Whittaker weit von sich gewiesen.

»Was soll ich sagen … Ich bin Musiker, Euer Ehren«, hatte er zu Protokoll gegeben. »Die Dunkelheit hat nun mal ihre poetischen Seiten. Sie wusste das besser als alle anderen.« Woraufhin seine Stimme versagt und er mehrere trockene, melodramatische Schluchzer ausgestoßen und die Verteidigung ihn sofort gefragt hatte, ob er einen Augenblick Pause brauche.

Whittaker hatte tapfer den Kopf geschüttelt. Und dann hatte er seine kryptische Weisheit zu Ledas Ableben verkündet: »Sie wollte sterben. Sie war das Quicklime Girl.«

Das so beschworene »Löschkalk-Mädchen« war ein Zitat aus »Mistress of the Salmon Salt« gewesen. Außer Strike, der den Song während seiner Kindheit und Jugend oft genug gehört hatte, hatte es niemand als solches erkannt.

Whittaker wurde freigesprochen. Die Rechtsmedizin bestätigte zwar, dass Leda nicht heroinsüchtig gewesen sei, doch ihr Ruf war ihr vorausgeeilt. Außerdem hatte sie genügend andere Drogen genommen und als berüchtigtes Partygirl gegolten. Für die ehrwürdigen Richter mit ihren Lockenperücken, die über Mord und Totschlag urteilten, war der Fall klar gewesen: Eine derartige Person, die jede Gelegenheit und Substanz nutzte, um ihrem elenden Leben zu entfliehen, hatte zwangsläufig auf einer schmutzigen Matratze ihr Ende finden müssen.

Vor dem Gerichtsgebäude hatte Whittaker die Absicht verkündet, eine Biografie seiner verstorbenen Frau zu schreiben. Danach war er von der Bildfläche verschwunden. Das Buch war nie erschienen. Whittakers leidgeprüfte Großeltern hatten Whittakers und Ledas Sohn adoptiert. Strike, der Oxford verlassen und sich bei der Army verpflichtet hatte, hatte ihn nie wiedergesehen; Lucy war aufs College gegangen; die Welt hatte sich weitergedreht.

Dass Whittaker regelmäßig und stets in Zusammenhang mit einem Verbrechen in den Nachrichten wieder aufgetaucht war, war Ledas Kindern indes nicht verborgen geblieben. Selbstverständlich hatte er es nie wieder auf die Titelseite geschafft. Letztendlich war er ein Niemand, der mit einer Frau verheiratet gewesen war, die eine gewisse Berühmtheit erlangt hatte, indem sie mit ein paar berühmten Männern ins Bett gegangen war. Das spärliche Rampenlicht, das später auf ihn gefallen war, war schlicht die Reflexion einer Reflexion gewesen.

»Er ist das Stück Scheiße, das sich einfach nicht hinunterspülen lässt«, hatte Strike Lucy gegenüber bemerkt. Sie hatte nicht gelacht. Die Fähigkeit, unappetitlichen Tatsachen mit rustikalem Humor zu begegnen, war bei ihr noch schwächer ausgeprägt als bei Robin.

Strike wankte im Takt des U-Bahn-Wagens leicht hin und her. Sein Knie tat weh, er wurde immer hungriger, war müde, niedergeschlagen und wütend auf sich selbst. Jahrelang hatte er den Blick entschlossen nach vorn gerichtet, schließlich war die Vergangenheit ohnehin nicht zu ändern oder zu leugnen. Einen Grund, sich darin zu suhlen oder gar die Wohnung aufzusuchen, in der er zwanzig Jahre zuvor gehaust hatte, gab es de facto nicht. Er hatte sich nicht an das Klappern des Briefkastens erinnern wollen, an die kläglichen Schreie der panischen Katze oder an seine Mutter, die während der Totenwache in ihrem Kleid mit Glockenärmeln wächsern und bleich im Sarg gelegen hatte.

Du blöder Idiot, dachte Strike wütend und warf einen Blick auf den U-Bahn-Plan, um herauszufinden, wie oft und wo er würde umsteigen müssen, um bei Nick und Ilsa anzukommen. Whittaker hat dir das Bein nicht geschickt. Du suchst nur nach einem Vorwand, damit du ihn dir vorknöpfen kannst.

Der Absender des Beins war organisiert, berechnend und effizient; jener Whittaker von vor fast zwanzig Jahren war chaotisch, hitzköpfig und wankelmütig gewesen.

Und doch …

Wart’s nur ab …

Sie war das Quicklime Girl …

»Scheiße!«, rief Strike unvermittelt und sorgte damit für Irritation bei den anderen Fahrgästen.

Er hatte seine Haltestelle verpasst.

11

Feeling easy on the outside,

But not so funny on the inside.

BLUE ÖYSTER CULT, »THIS AIN’T THE SUMMER OF LOVE«

In den folgenden Tagen wechselten sich Strike und Robin mit Platins Observierung ab. Strike nutzte jeden erdenklichen Vorwand, um Robin so oft wie möglich zu treffen, und bestand darauf, dass sie nach Hause ging, solange es hell war und in der U-Bahn noch halbwegs Betrieb herrschte. Am Donnerstagmorgen verfolgte Strike Platin, bis die Russin sicher in Two-Times’ argwöhnische Obhut zurückgekehrt war. Dann machte er sich auf zur Octavia Street in Wandsworth, wo er sich immer noch vor der Presse versteckte.

Schon zum zweiten Mal in seiner Detektivlaufbahn war er gezwungen, Zuflucht bei seinen Freunden Nick und Ilsa zu suchen. Obwohl ihr Heim wahrscheinlich der Ort war, an dem er es am ehesten aushielt, kam er sich in ihrem Universum verheirateter Doppelverdiener wie ein Fremdkörper vor. Seine enge Dachwohnung über dem Büro mochte nicht ideal sein, doch dort konnte er zumindest ein und aus gehen, wann er wollte, konnte auch um zwei Uhr nachts nach Beendigung einer Observation einen Happen essen oder zu später Stunde die scheppernden Metallstufen erklimmen, ohne irgendwelche Nachbarn aufzuwecken. Jetzt verspürte er die unausgesprochene Pflicht, bei den gelegentlichen gemeinsamen Mahlzeiten anwesend zu sein, und kam sich fast schon asozial vor, wenn er zu nachtschlafender Zeit den Kühlschrank plünderte, obwohl man es ihm ausdrücklich erlaubt hatte.

Andererseits war Strike nicht erst seit seiner Zeit bei der Army ein reinlicher und ordentlicher Mensch. Vermutlich kompensierte er dadurch das Chaos und die Verwahrlosung in Jugendjahren. Ilsa war bereits aufgefallen, dass Strike sich durch das Haus bewegte, ohne den mindesten Hinweis auf seine Anwesenheit zu hinterlassen. Ihr Ehemann dagegen – ein Gastroenterologe – hinterließ in einem fort eine Spur aus achtlos fallen gelassenen Gegenständen und offen stehenden Schubladen.

Seine Bekannten aus der Denmark Street hatten Strike davon in Kenntnis gesetzt, dass sein Büro noch immer von Pressefotografen belagert wurde. Daher fand er sich damit ab, auch den Rest der Woche in Nicks und Ilsas Gästezimmer zu verbringen. Die hellen Wände des immer noch seiner wahren Bestimmung harrenden Zimmers stimmten ihn leicht melancholisch. Nick und Ilsa versuchten bereits seit Jahren erfolglos, ein Kind zu bekommen. Strike hatte sich in dieser Beziehung nie nach Fortschritten erkundigt – eine Diskretion, für die ihm insbesondere Nick sehr dankbar war.

Er kannte die beiden schon lange, Ilsa praktisch von Kindesbeinen an. Die blonde Brillenträgerin stammte aus St. Mawes in Cornwall, wo Strike die ruhigsten und schönsten Jahre seiner Kindheit verbracht hatte. Sie waren in dieselbe Grundschulklasse gegangen. Wann immer er wieder einmal bei Ted und Joan gewohnt hatte – was in seiner Kindheit regelmäßig vorgekommen war –, hatten die beiden ihre Freundschaft erneuert, die ursprünglich zustande gekommen war, weil auch Joan und Ilsas Mutter zusammen die Schulbank gedrückt hatten.

Nick wiederum, dessen strohblondes Haar sich schon in den Zwanzigern gelichtet hatte, hatte mit ihm zusammen die Gesamtschule in Hackney besucht, an der er auch seinen Abschluss gemacht hatte. Nick und Ilsa hatten sich während der Feier zu Strikes achtzehntem Geburtstag in London kennengelernt, waren ein Jahr zusammen gewesen und hatten sich dann getrennt, um an verschiedenen Universitäten zu studieren. Mit Mitte zwanzig hatten sie sich wieder getroffen. Damals war Ilsa mit einem Anwaltskollegen verlobt und Nick mit einer Ärztin liiert gewesen. Binnen Wochen waren beide Beziehungen beendet – und ein Jahr darauf hatten die zwei geheiratet. Strike war ihr Trauzeuge gewesen.

Der Detektiv kam um halb elf bei ihnen an. Als er die Haustür hinter sich zumachte, begrüßten Nick und Ilsa ihn vom Wohnzimmer aus und boten ihm die reichlichen Überreste des Currys an, das sie sich hatten liefern lassen.

»Was ist denn das?« Verdutzt betrachtete er die Union-Jack-Wimpel, die Stapel handgeschriebener Notizen und die große Einkaufstüte, in der offenbar zweihundert rote, weiße und blaue Plastikbecher steckten.

»Wir helfen bei der Organisation des Straßenfests zur königlichen Hochzeit«, erklärte Ilsa.

»Ach du liebes bisschen«, knurrte Strike und häufte sich lauwarmes Madras-Curry auf einen Teller.

»Das wird lustig – du solltest wirklich auch kommen.«

Strikes finsterer Blick brachte Ilsa zum Kichern.

»Harter Tag?«, fragte Nick und drückte Strike eine Dose Tennent’s in die Hand.

»Allerdings.« Dankbar nahm Strike das Bier entgegen. »Schon wieder ein Auftrag flöten. Jetzt hab ich nur noch zwei Klienten.«

Nick und Ilsa brachten mit Seufzern ihr Mitgefühl zum Ausdruck, und Strike nutzte das darauffolgende einvernehmliche Schweigen, um das Curry in sich hineinzuschaufeln. Er fühlte sich erschöpft und mutlos. Auf dem Heimweg hatte er sich einmal mehr bewusst gemacht, dass das abgetrennte Bein tatsächlich die Wirkung einer Abrissbirne auf seine mühselig aufgebaute Firma gehabt hatte. Gegenwärtig wurde sein Foto online und in den Printmedien ausschließlich im Zusammenhang mit einer entsetzlichen Gräueltat verwendet. Natürlich hatten es sich die Medien nicht nehmen lassen, die Öffentlichkeit daran zu erinnern, dass auch er selbst nur mehr ein Bein hatte. Er schämte sich zwar nicht für seine Behinderung, hätte sie jedoch niemals zu Werbezwecken missbraucht. Und nun haftete ihm auf einmal ein Hauch von Groteske, von Perversität an. Er war gebrandmarkt.

»Was ist mit dem Bein?«, fragte Ilsa, nachdem Strike eine beträchtliche Menge Curry vernichtet und die Bierdose zur Hälfte geleert hatte. »Hat die Polizei schon irgendetwas Neues rausgefunden?«

»Ich bin morgen Abend mit Wardle verabredet. Hat aber nicht so geklungen, als hätte er viel in der Hand. Er konzentriert sich in erster Linie auf diesen Gangster.«

Strike hatte Nick und Ilsa keinerlei Details zu den drei Männern verraten, die er für gefährlich und rachsüchtig genug hielt, um ihm ein Bein zu schicken. Die Episode mit dem Berufskriminellen, der schon einmal einen Körperteil abgetrennt und per Post verschickt hatte, hatte er allerdings erwähnt, woraufhin sich die beiden sofort auf Wardles Seite geschlagen und Digger als den wahrscheinlichen Schuldigen identifiziert hatten – was Strike ihnen natürlich nicht verdenken konnte.

Wie er so auf ihrem bequemen grünen Sofa saß, fiel ihm plötzlich wieder ein, dass auch Nick und Ilsa Jeff Whittaker getroffen hatten: bei der Feier zu Strikes achtzehntem Geburtstag im Bell Pub in Whitechapel. Seine Mutter war im sechsten Monat schwanger gewesen, seine Tante hatte wechselweise missbilligend und gezwungen fröhlich dreingeblickt, und selbst seinem harmoniebedürftigen Onkel Ted war es schwergefallen, seine Wut und seinen Abscheu zu verbergen, als ein bis in die Haarspitzen zugedröhnter Whittaker die Musik hatte abstellen lassen, um einen seiner selbst geschriebenen Songs zum Besten zu geben. Strike wusste noch genau, wie wütend er gewesen war, wie sehr er sich gewünscht hatte, irgendwo anders zu sein, alles hinter sich zu lassen und endlich nach Oxford zu gehen. Nick und Ilsa würden sich sicher nur noch undeutlich an jene Vorkommnisse erinnern. Sie waren an jenem Abend viel zu sehr miteinander beschäftigt gewesen – schier betäubt von der plötzlichen, tiefen Faszination für den jeweils anderen.

»Du machst dir Sorgen um Robin.« Es war eher eine Feststellung als eine Frage.

Strike hatte den Mund voll Naan-Brot und konnte Ilsa nur mit einem Grunzen beipflichten. In den vergangenen vier Tagen hatte er hinreichend Zeit gehabt, um über Robin nachzudenken. Ohne eigenes Verschulden war sie zu einem Schwachpunkt geworden, zu seiner Achillesferse. Was demjenigen, der das Bein im Nachhinein an sie adressiert hatte, gewiss bewusst war. Um einen männlichen Mitarbeiter hätte er sicherlich weit weniger Angst gehabt.

Selbstverständlich hatte er nicht vergessen, dass Robin sich bislang als überaus nützliche Kollegin erwiesen hatte. Sie brachte widerspenstige Zeugen zum Reden, die ansonsten – durch Strikes Größe und Leibesfülle eingeschüchtert – geschwiegen hätten. Ihr Charme und ihre Unbefangenheit öffneten Türen und hatten Strikes Leben in vielerlei Hinsicht erleichtert. Er stand tief in ihrer Schuld, und doch wünschte er sich nichts sehnlicher, als dass sie beiseiteträte und sich so lange versteckt hielte, bis der Absender des abgetrennten Beins gefasst wäre.

»Ich mag Robin«, sagte Ilsa.

»Alle mögen Robin«, murmelte Strike mit einem weiteren Bissen Naan im Mund. Und das war nicht gelogen: Seine Schwester Lucy, Bekannte, die im Büro vorbeischauten, Klienten – sie alle hatten Strike zu seiner liebenswürdigen Kollegin gratuliert. Bei dem Hauch von Neugierde jedoch, den er aus Ilsas Aussage herauszuhören meinte, wünschte er sich, das Gespräch würde wieder eine etwas unpersönlichere Richtung einschlagen.

»Wie läuft’s mit Elin?«

Ilsas Frage klang beinahe wie ein Vorwurf in seinen Ohren.

»Ganz okay«, antwortete Strike.

»Versteckt sie dich immer noch vor ihrem Ex?«, hakte Ilsa fast schon bissig nach.

»Du kannst Elin nicht leiden, stimmt’s?«, fragte Strike, der spontan beschlossen hatte, spaßeshalber zum Gegenangriff überzugehen. Er kannte Ilsa schließlich seit nunmehr dreißig Jahren – und wie erwartet stammelte sie eine Entschuldigung.

»Natürlich kann ich sie … Also, ich kenne sie ja kaum, aber sie scheint … Na ja, ist ja auch egal, Hauptsache, du bist glücklich.«

Er hatte gehofft, dass das ausreichen würde, um Ilsa vom Thema Robin abzubringen. Sie war nicht die Erste aus seinem Freundeskreis, die bemerkt hatte, wie gut Robin und er miteinander auskamen. Ob nicht die Möglichkeit bestünde …? Ob er schon mal darüber nachgedacht hätte …? Dummerweise war Ilsa Anwältin und daher von Natur aus hartnäckig.

»Robin hat ihre Hochzeit verschoben, oder? Gibt es schon einen neuen …«

»Ja«, fiel Strike ihr ins Wort. »Zweiter Juli. Sie macht ein langes Wochenende, fährt nach Yorkshire und … tut, was man vor einer Hochzeit eben tut. Am Dienstag ist sie wieder da.«

Als er darauf bestanden hatte, dass Robin sich den Freitag und Montag freinähme, hatte Strike in Matthew einen unverhofften Verbündeten gefunden. Es beruhigte ihn außerordentlich, sie zweihundertfünfzig Meilen entfernt bei ihrer Familie zu wissen. Robin war untröstlich gewesen, nicht zu dem Treffen mit Wardle im Old Blue Last in Shoreditch mitkommen zu können. Strike hatte jedoch bei der Aussicht, eine kleine Arbeitspause einzulegen, auch so etwas wie Erleichterung bei ihr gespürt.

Ilsa nahm die Nachricht, dass Robin nach wie vor einen anderen Mann als Strike zu heiraten gedachte, enttäuscht zur Kenntnis. Bevor sie jedoch etwas dazu sagen konnte, summte das Handy in Strikes Tasche. Es war Graham Hardacre, sein alter SIB-Kollege.

»Entschuldigt mich …« Strike stellte den Teller mit Curry ab und stand auf. »Das hier ist wichtig. Hardy!«

»Kannst du gerade ungestört reden, Oggy?«, erkundigte sich Hardacre, während Strike bereits zur Haustür eilte.

»Gleich schon.« Mit drei Schritten hatte er den kleinen Vorgarten durchquert und trat hinaus auf die dunkle Straße, damit er beim Telefonieren die nötige Bewegungsfreiheit hatte und gleichzeitig rauchen konnte. »Was hast du herausgefunden?«

»Ehrlich gesagt«, kam es ein wenig angespannt von Hardacre, »wäre es mir recht, wenn du raufkämst und es dir selbst ansähest. Meine Vorgesetzte ist eine richtige Schreckschraube. Wir kommen auch so schon nicht sonderlich gut aus, aber wenn sie spitzkriegt, dass ich hier Geheiminformationen rausschicke …«

»Und wenn ich zu dir käme?«

»Dann früh am Morgen. Könnte sein, dass ich vergessen hab, irgendein Bildschirmfenster zu schließen … versehentlich, versteht sich.«

Hardacre hatte Strike schon früher Informationen zukommen lassen, was er streng genommen nicht hätte tun dürfen. Er war gerade erst zur Sektion 35 versetzt worden. Strike hatte Verständnis dafür, dass er seinen neuen Posten nicht gleich wieder riskieren wollte.

Der Detektiv überquerte die Straße, setzte sich auf das Gartenmäuerchen des Nachbarhauses und zündete sich eine Zigarette an. »Würde sich die Reise nach Schottland denn lohnen?«

»Kommt drauf an, wonach du suchst.«

»Alte Adressen, Familienangehörige, medizinische oder psychiatrische Fallakten … Wann wurde Brockbank aus dem aktiven Dienst entlassen? 2003?«

»Stimmt genau«, sagte Hardacre.

Ein Geräusch – und erschrocken sprang Strike auf. Hinter ihm hatte der Besitzer des Mäuerchens, auf dem er gesessen hatte, Müll in den Abfallcontainer geleert. Im Schein der Straßenlaterne konnte Strike sehen, wie die verärgerte Miene des kleinen Mannes um die sechzig einem versöhnlichen Lächeln wich, sowie er Strikes Statur gewahr wurde. Trotzdem schlenderte der Detektiv weiter die Doppelhaushälften entlang. Bäume und Hecken raschelten in der Frühlingsbrise. Schon bald würde alles voller bunter Wimpel hängen, um das Jawort zweier junger Menschen zu feiern. Und Robins Vermählung würde kurz darauf folgen.

»Ich vermute mal, dass du zu Laing nicht allzu viel in Erfahrung bringen konntest«, sagte Strike mit leichtem Verhörton in der Stimme. Die Dienstzeit des Schotten war noch kürzer als die von Brockbank gewesen.

»Stimmt. Mann, der muss wirklich ein Riesenarschloch gewesen sein«, erwiderte Hardacre.

»Was war seine nächste Station nach dem Glashaus?«

Das »Glashaus« war die inoffizielle Bezeichnung für das Militärgefängnis in Colchester, in dem straffällig gewordene Soldaten landeten, ehe man sie in zivile Haftanstalten verlegte.

»Das HMP Elmley. Mehr haben wir nicht über ihn. Da musst du schon bei seinem Bewährungshelfer nachfragen.«

»Klar«, sagte Strike und blies Rauch in den Sternenhimmel. Beide wussten genau, dass Strike nicht länger einer Ermittlungsbehörde angehörte und ihm insofern die Akten des Bewährungsamts verschlossen waren wie jedem anderen gewöhnlichen Bürger auch. »Woher genau aus Schottland kommt er überhaupt, Hardy?«

»Aus Melrose. Als er sich verpflichtet hat, hat er seine Mutter als nächste Angehörige angegeben.«

»Melrose«, wiederholte Strike nachdenklich.

Er dachte an seine beiden verbliebenen Klienten: den reichen Trottel, dessen Obsession darin bestand, als gehörnter Liebhaber entlarvt zu werden, und die ebenso wohlhabende Ehefrau und Mutter, der Strike beweisen sollte, dass ihr Gatte die gemeinsamen Söhne stalkte. Besagter Gatte war derzeit in Chicago, und Platins Aktivitäten konnten guten Gewissens vierundzwanzig Stunden lang unbeobachtet bleiben.

Natürlich bestand immer noch die Möglichkeit, dass überhaupt keiner der Männer, die er verdächtigte, mit dem Bein zu tun hatte. Dass er sich das alles nur einbildete.

A harvest of limbs …

»Wie weit ist es von Edinburgh nach Melrose?«

»Mit dem Auto etwa eine Stunde, anderthalb.«

Strike trat seine Zigarette im Rinnstein aus.

»Ich könnte Sonntagabend den Nachtzug nehmen, Hardy, dann am nächsten Tag in aller Frühe bei dir im Büro aufschlagen und anschließend nach Melrose fahren. Mal sehen, ob Laing zu seiner Familie zurückgekehrt ist. Oder ob sie dort zumindest wissen, wo er steckt.«

»Guter Plan. Sag mir Bescheid, wann du ankommst, dann hol ich dich vom Bahnhof ab. Ach, und – Oggy …« Hardacre legte eine kurze Pause ein, um dem darauffolgenden generösen Angebot das nötige Gewicht zu verleihen. »Wenn du nur einen Tag bleibst, kann ich dir meinen Wagen leihen.«

Strike hatte es nicht eilig, zu seinen neugierigen Freunden und dem kalten Curry zurückzukehren. Er rauchte noch eine Zigarette, spazierte in der menschenleeren Straße ein wenig auf und ab und dachte nach. Dann fiel ihm wieder ein, dass er am Sonntagabend mit Elin zu einem Konzert im Southbank Centre verabredet war. Sie wollte sein Interesse für klassische Musik wecken, das er selbst bestenfalls als peripher bezeichnet hätte. Er sah auf die Uhr. Es war bereits zu spät, um sie noch anzurufen und abzusagen. Allerdings durfte er das morgen nicht vergessen.

Als er zum Haus zurückging, kreisten seine Gedanken erneut um Robin. Sie sprach kaum über ihre Hochzeit, obwohl sie schon in zweieinhalb Monaten stattfinden würde. Erst als sie Wardle gegenüber die bestellten Einwegkameras erwähnt hatte, war Strike wieder bewusst geworden, dass aus ihr bald Mrs. Matthew Cunliffe würde.

Ein bisschen Zeit bleibt noch, dachte er. Nur wozu, das wusste er selbst nicht genau.

12

… the writings done in blood.

BLUE ÖYSTER CULT, »OD’D ON LIFE ITSELF«

Die meisten Männer hätten den Auftrag, einer sexy Blondine gegen Bezahlung quer durch London zu folgen, wohl als willkommene Abwechslung bezeichnet. Strike dagegen ödete es zunehmend an, Platin zu observieren. Nachdem er mehrere Stunden an der Houghton Street zugebracht und die Teilzeitstripperin gelegentlich über die Brücke aus Glas und Stahl zwischen den Gebäuden der London School of Economics hatte hin- und herlaufen sehen, folgte er ihr zum Spearmint Rhino, wo sie für die Vier-Uhr-Schicht eingeteilt war. Dann zog er von dannen. Raven würde ihn ohnehin anrufen, sobald Platin irgendwas Verdächtiges unternahm. Außerdem war er für sechs Uhr mit Wardle verabredet.

In einem Imbiss in der Nähe des Pubs, in dem er sich mit dem Polizisten treffen wollte, nahm er ein Sandwich zu sich. Einmal klingelte sein Telefon: seine Schwester. Strike ließ die Mailbox rangehen. Wenn er sich recht erinnerte, stand der Geburtstag seines Neffen Jack ins Haus, und er hatte nicht die geringste Lust mitzufeiern. Er konnte sich noch gut an die neugierigen Mütter und das ohrenbetäubende Kreischen der überdrehten, tobsüchtigen Kinder beim letzten Mal erinnern.

Das Old Blue Last befand sich am Ende der Great Eastern Street in Shoreditch. Der imposante dreistöckige Ziegelbau ragte wie der Bug eines Schiffes in die Straße hinein. Früher war der Pub ein Stripclub und Bordell gewesen. Angeblich hatte ein alter Schulfreund von ihm und Nick dort seine Jungfräulichkeit an eine Frau verloren, die alt genug gewesen war, um seine Mutter zu sein.

Ein Schild direkt hinter dem Eingang wies auf die jüngste Wiedergeburt des Old Blue Last als Musikkneipe hin. Von acht Uhr an würde Strike in den Genuss einer Livedarbietung der Bands Islington Boys’ Club, Red Drapes, In Golden Tears und Neon Index kommen. Mit einem schiefen Grinsen im Gesicht bahnte er sich einen Weg über den dunklen Holzboden zum Tresen. Auf dem gewaltigen Spiegel dahinter priesen goldene Lettern Biermarken einer längst vergangenen Epoche an. Kugelförmige Glaslampen unter der hohen Decke beleuchteten eine Ansammlung junger Männer und Frauen. Die meisten schienen Studenten zu sein und waren so modisch gekleidet, wie es Strike in tausend Jahren nicht zustande bringen würde.

In seiner Jugend war er von seiner Mutter, die eigentlich die großen Stadionbands bevorzugt hatte, zu vielen solcher Veranstaltungen geschleift worden. Ledas Freunde hatten sich üblicherweise für ein, zwei Konzerte zu einer Band zusammengefunden und waren dann im Streit auseinandergegangen, nur um drei Monate später in veränderter Besetzung in einem anderen Pub aufzutreten.

Bisher hatten Strike und Wardle sich immer im Feathers direkt neben Scotland Yard getroffen. Das Old Blue Last war eine überraschende Wahl für Wardle, wie Strike fand. Als er zu dem Polizisten stieß, der allein mit einem Pint am Tresen stand, erfuhr er auch den Grund dafür: »Meine Frau steht auf den Islington Boys’ Club. Sie kommt nach der Arbeit her.«

Strike hatte Wardles Frau nie kennengelernt und auch kaum einen Gedanken an sie verschwendet. Er hatte sie sich vage als eine Mischung aus Platin (da Wardles Blick stets an solariumgebräunter Haut und knapper Kleidung hängen blieb) und der einzigen Polizistengattin vorgestellt, die er kannte – eine Frau namens Helly, die hauptsächlich an ihren Kindern, ihrem Haus und schlüpfrigem Tratsch interessiert war. Dass Wardles Ehefrau Fan einer Indie-Band war, von der Strike noch nie gehört hatte und die er bereits jetzt verachtete, ohne auch nur einen Ton vernommen zu haben, weckte in ihm eine unverhoffte Neugier.

»Was haben Sie für mich?«, fragte Strike, nachdem er von einem zunehmend ausgelasteten Barmann ein Pint entgegengenommen hatte. In wortloser Übereinkunft verließen sie den Tresen und setzten sich an den letzten verfügbaren Zweiertisch.

»Die Rechtsmedizin hat sich das Bein angesehen«, berichtete Wardle, sobald sie Platz genommen hatten. »Anscheinend stammt es von einer fünfzehn bis fünfundzwanzig Jahre alten Frau. Als man es ihr abgenommen hat, war sie bereits tot – nach der Blutgerinnung zu urteilen aber noch nicht lange. Das Bein wurde in einer Tiefkühltruhe aufbewahrt, bevor es Robin überbracht wurde.«

Fünfzehn bis fünfundzwanzig … Nach Strikes Rechnung musste Brittany Brockbank inzwischen einundzwanzig sein.

»Kann man das Alter der Frau nicht eindeutiger bestimmen?«

Wardle schüttelte den Kopf.

»Da wollen sie sich nicht genauer festlegen. Warum?«

»Sie wissen doch: Brockbank hatte eine Stieftochter.«

»Brockbank …«, wiederholte Wardle in jenem vorsichtigen Tonfall, den man anschlägt, wenn man sich an etwas nicht mehr erinnern kann.

»Einer der Typen, die ich verdächtige, uns das Bein geschickt zu haben«, sagte Strike, ohne seine Ungeduld länger kaschieren zu können. »Ehemals bei den Wüstenratten. Groß, dunkles Haar, Blumenkohlohr …«

»Ach so, der«, sagte Wardle, nun seinerseits verärgert. »Wenn Sie wüssten, wie viele Namen mir tagtäglich unterkommen. Brockbank – der mit der Tätowierung auf dem Unterarm …«

»Das ist Laing«, korrigierte Strike ihn, »der Schotte, dem ich zu zehn Jahren Gefängnis verholfen habe. Brockbank ist derjenige, für dessen Hirnschaden ich angeblich verantwortlich bin.«

»Ah ja.«

»Seine Stieftochter Brittany hatte Narben am Bein. Das hab ich Ihnen doch erzählt.«

»Ja, ja. Jetzt erinnere ich mich wieder.«

Mit einem Schluck Bier spülte Strike eine ätzende Bemerkung hinunter. Er hätte sich weitaus wohler gefühlt, wenn man ihn ein wenig ernster genommen hätte. Oder wenn ihm statt Wardle sein alter SIB-Kollege Graham Hardacre gegenübergesessen hätte. Die Beziehung zwischen Strike und Wardle war zunächst von Misstrauen und später von Konkurrenzdenken getrübt gewesen. Zwar schätzte Strike Wardles detektivische Fähigkeiten inzwischen höher ein als die vieler anderer Beamter der Met, war sich aber zugleich bewusst, dass Wardle Strikes Mutmaßungen im Vergleich zu seinen eigenen Theorien eher stiefmütterlich behandelte.

»Was weiß die Rechtsmedizin über die Narben auf der Wade zu berichten?«

»Dass sie lange vor dem Todeszeitpunkt entstanden sind.«

»Gottverdammt«, knurrte Strike.

Die Narben mochten für die Mediziner vielleicht nicht von Interesse sein, für Strike jedoch sehr wohl. Genau das hatte er befürchtet. Selbst Wardle, der sonst kaum eine Gelegenheit ausließ, um Strike in die Pfanne zu hauen, schien beim Anblick des besorgten Detektivs auf einmal so etwas wie Mitgefühl zu empfinden.

»Hören Sie mal, Kumpel«, sagte er. (Das »Kumpel« war ebenfalls neu.) »Es war nicht Brockbank. Es war Malley.«

Auch davor hatte Strike Angst gehabt: dass allein Malleys Erwähnung Wardle dazu gebracht hätte, alle weiteren Verdächtigen, die Strike ihm servierte, links liegen zu lassen. Zu stark war die Versuchung, einen so berüchtigten Gangster zur Strecke zu bringen.

»Beweise?«, fragte Strike unverblümt.

»Das Harringay-Syndikat hat Prostituierte aus Osteuropa nach London und bis hoch nach Manchester geschmuggelt. Behauptet jedenfalls das Sittendezernat. Sie haben letzte Woche ein Bordell hier in der Gegend hochgenommen und zwei blutjunge Ukrainerinnen rausgeholt.« Wardle senkte die Stimme. »Meine Kolleginnen haben sie befragt. Eine Freundin von ihnen ist wohl nach England gekommen mit dem Plan, Model zu werden. Die tatsächliche Arbeit hat ihr dann aber anscheinend nicht gefallen – selbst als sie halb totgeprügelt wurde. Vor zwei Wochen hat Digger sie an ihren Haaren aus dem Haus gezerrt. Seitdem hat keiner sie wieder gesehen. Digger übrigens auch nicht.«

»Klingt nicht ungewöhnlich für Digger«, bemerkte Strike. »Aber es beweist noch lange nicht, dass es ihr Bein war. Hat Digger mich überhaupt jemals erwähnt?«

»Allerdings«, verkündete Wardle triumphierend.

Strike ließ das Glas sinken, aus dem er gerade hatte trinken wollen. Das hatte er nicht erwartet.

»Ach ja?«

»Eines der Mädchen, das die Sitte aus dem Bordell geholt hat, behauptet steif und fest, dass Digger vor nicht allzu langer Zeit über Sie gesprochen hat.«

»Und in welchem Zusammenhang?«

Wardle stieß einen mehrsilbigen Laut aus – den Nachnamen eines reichen russischen Kasinobesitzers, für den Strike bis Ende letzten Jahres einen Auftrag ausgeführt hatte. Dass Digger diese Tatsache bekannt war, bedeutete allerdings immer noch nicht, dass er auch wusste, wem er seinen letzten Gefängnisaufenthalt zu verdanken hatte. Und dass sich sein russischer Klient in zwielichtigen Kreisen bewegte, war Strike ebenfalls nicht neu.

»Ja, ich hab für Arsamasow gearbeitet. Aber was hat das mit Digger zu tun?«

»Tja, wo soll ich anfangen?«

Strike vermutete, dass der Polizist seine Ahnungslosigkeit hinter Allgemeinplätzen zu verstecken suchte.

»Das Syndikat hat seine Finger überall drin«, erklärte Wardle. »Ein Typ, dem Sie mal auf den Schlips getreten haben und der schon früher Leichenteile verschickt hat, verschwindet mit einer jungen Frau, und kurze Zeit später bekommen Sie ein Bein zugestellt?«

»So ausgedrückt klingt das natürlich überzeugend«, entgegnete Strike, der jedoch alles andere als überzeugt war. »Haben Sie überhaupt irgendwelche Nachforschungen zu Laing, Brockbank oder Whittaker angestellt?«

»Selbstverständlich«, sagte Wardle. »Ich hab mehrere Leute auf sie angesetzt.«

Strike hoffte inständig, dass er die Wahrheit sagte, verzichtete aber darauf, noch einmal nachzuhaken. Schließlich wollte er seine gute Beziehung zu Wardle nicht aufs Spiel setzen.

»Außerdem haben mehrere Überwachungskameras den Kurier aufgezeichnet«, sagte Wardle.

»Und?«

»Ihre Kollegin ist eine wirklich aufmerksame Zeugin«, sagte Wardle. »Es war tatsächlich eine Honda. Mit gefälschten Nummernschildern. Auch die Lederkombi stimmte haargenau mit der Beschreibung überein. Er ist in Richtung Südwesten gefahren – wo sich tatsächlich ein Paketdepot befindet. Die letzte Aufnahme von ihm stammt aus Wimbledon. Danach verschwindet er von der Bildfläche. Wie gesagt, die Nummernschilder des Motorrads waren gefälscht. Er könnte mittlerweile also überall sein.«

»Gefälschte Nummernschilder«, wiederholte Strike. »Das alles war verdammt gut geplant.«

Der Pub füllte sich zusehends. Anscheinend fand das Konzert im Obergeschoss statt: Menschen drängten sich die Treppe hinauf. Dann hörte Strike das vertraute Kreischen einer Rückkopplung.

»Ich hab da noch etwas für Sie«, sagte Strike ohne große Begeisterung. »Ich hab Robin versprochen, Kopien für Sie zu machen.«

Er war noch vor der Morgendämmerung in sein Büro zurückgekehrt. Die Fotografen hatten die Belagerung schlussendlich aufgegeben. Strikes Bekannter aus dem Gitarrenladen gegenüber hatte ihm erzählt, dass noch bis zum Vorabend Reporter vor der Tür gelauert hätten.

Wardle nahm die beiden fotokopierten Briefe mit verhaltenem Interesse entgegen.

»Die sind beide in den letzten Monaten gekommen«, sagte Strike. »Robin möchte, dass Sie einen Blick darauf werfen. Noch eins?«, fragte er und deutete auf Wardles beinahe leeres Glas.

Während Strike zwei weitere Pints holte, überflog Wardle die kopierten Briefe. Als der Detektiv zurückkehrte, hielt er gerade den mit »RL« unterzeichneten in der Hand. Strike nahm sich das andere, in deutlich lesbarer, runder Schulmädchenschrift verfasste Dokument.

… dass ich erst wirklich ich und wirklich vollständig sein werde, wenn mein Bein weg ist. Niemand kapiert, dass es kein Teil von mir ist und auch nie sein wird. Mein Wunsch nach einer Amputation ist für meine Familie schwer zu begreifen. Sie glauben, ich wäre verrückt, aber Sie verstehen mich …

Da täuschst du dich aber gewaltig, dachte Strike und legte die Kopie auf die Tischplatte zurück. Dabei fiel ihm auf, dass die Absenderin ihre Adresse in Shepherd’s Bush so lesbar und ordentlich wie nur möglich aufgeschrieben hatte, damit seine Antwort mit den guten Ratschlägen, wie man sich eines Beins entledigte, sie auch bestimmt verlässlich erreichte. Der Brief war mit Kelsey unterschrieben. Der Nachname fehlte.

Wardle war in den zweiten Brief vertieft. Er gab einen amüsierten und zugleich leicht angewiderten Laut von sich.

»Ach du Scheiße, haben Sie das hier gelesen?«

»Nein«, antwortete Strike.

Immer mehr Jungvolk drängte sich in die Bar. Er und Wardle waren zwar nicht die einzigen Gäste, die die dreißig überschritten hatten, bewegten sich aber eindeutig am oberen Ende des Altersspektrums. Eine bildhübsche junge Frau, die sich wie ein Filmstar aus den Vierzigern zurechtgemacht hatte, fiel Strike ins Auge: dünne schwarze Augenbrauen, purpurroter Lippenstift und taubenblaues, zu Victory Rolls aufgetürmtes Haar. Anscheinend sah sie sich nach ihrer Verabredung um. »Um die Spinnerbriefe kümmert sich Robin. Wenn es sein muss, gibt sie mir eine Zusammenfassung.«

»›Ich will deinen Stumpf massieren‹«, las Wardle laut vor. »›Ich will für dich eine lebende Krücke sein. Ich will …‹ Heilige Scheiße, das ist doch rein physisch gar nicht …« Er drehte den Brief um. »›RL‹. Können Sie die Adresse entziffern?«

Strike kniff die Augen zusammen. »Nein.« Die Handschrift war extrem unleserlich. Das einzig einigermaßen deutlich zu erkennende Wort in dem hingekritzelten Adressblock lautete »Walthamstow«.

»Wolltest du nicht an der Bar auf mich warten, Eric?«

Die blasse junge Frau mit dem taubenblauen Haar und den roten Lippen war mit einem Drink in der Hand neben ihrem Tisch aufgetaucht. Sie trug eine Lederjacke über einem Vierzigerjahre-Sommerkleid.

»Entschuldige, Schatz. Wir hatten noch was Dienstliches zu besprechen«, meinte Wardle unbeeindruckt. »April, Cormoran Strike. Meine Frau«, fügte er hinzu.

»Hi«, sagte Strike und hielt ihr die große Hand hin. So hätte er sich Wardles Frau nicht in seinen kühnsten Träumen vorgestellt. Aus Gründen, zu deren Erforschung er gerade zu müde war, stieg der Kriminalbeamte dadurch in seiner Wertschätzung.

»Ach, Sie sind das!«, rief April und strahlte Strike an. Wardle nahm unterdessen die fotokopierten Briefe vom Tisch, faltete sie zusammen und steckte sie in die Tasche. »Cormoran Strike – ich hab schon eine Menge über Sie gehört. Sind Sie auch wegen der Band hier?«

»Eher weniger«, sagte Strike höflich. Sie war wirklich sehr, sehr hübsch.

April ließ nicht zu, dass er schon ging. Bekannte wollten zu ihnen stoßen, erklärte sie, und nur wenige Minuten später traf eine sechsköpfige Gruppe ein, darunter zwei Damen ohne Begleitung. Strike ließ sich breitschlagen, mit ihnen hinauf ins überfüllte Obergeschoss und vor zu der kleinen Bühne zu gehen. Auf seine Fragen hin erzählte April, dass sie Stylistin sei, tagsüber ein Fotoshooting für eine Zeitschrift gehabt habe und – ohne groß Aufhebens darum zu machen – nebenbei gelegentlich als Burlesque-Tänzerin arbeite.

»Burlesque?«, brüllte Strike, als eine weitere Rückkopplung durch den Raum schrillte und gequältes Stöhnen und Protestrufe unter den Konzertgängern hervorrief. Ist das nicht künstlerisch verbrämtes Strippen?, fragte er sich gerade, als April ihm mitteilte, dass ihre Freundin Coco – eine junge Frau mit tomatenroten Haaren, die ihn anlächelte und ihm mit den Fingern leicht zuwinkte – ebenfalls Burlesque-Tänzerin sei.

Es war eine angenehme Gesellschaft. Keiner der anwesenden Männer belästigte ihn mit jener gereizten Unfreundlichkeit, die Matthew jedes Mal an den Tag legte, wenn er in Strikes Nähe kam. Strike hatte seit Ewigkeiten keine Liveband mehr gesehen, und außerdem hatte die zierliche Coco bereits darum gebeten, von ihm hochgehoben zu werden, um besser sehen zu können …

Als allerdings der Islington Boys’ Club auf die Bühne trat, fühlte sich Strike unangenehm an Zeiten und Menschen erinnert, die er lieber vergessen hätte. Abgestandener Schweiß, das wohlvertraute Geräusch beim Stimmen von Gitarren, das Brummen des eingeschalteten Mikros – all das hätte er ertragen, wäre der Sänger in puncto geschmeidiger Androgynität Whittaker nicht so ähnlich gewesen.

Nach vier Akkorden beschloss Strike zu gehen. An dem gitarrenlastigen Indie-Rock lag es nicht: Die Band verstand ihr Handwerk, und trotz seiner unseligen Ähnlichkeit mit Whittaker hatte der Sänger eine ordentliche Stimme, doch Strike, der einer solchen Atmosphäre oft genug ohne Fluchtmöglichkeit ausgesetzt gewesen war, wollte sich die Freiheit nehmen, Ruhe, Frieden und ein wenig frische Luft zu genießen.

Brüllend verabschiedete er sich von Wardle und winkte April lächelnd zu, die den Gruß ebenfalls lächelnd erwiderte. Aufgrund seiner Größe und Breite machte ihm die schwitzende, atemlose Menge bereitwillig Platz. Als der Islington Boys’ Club den ersten Song beendet hatte, war Strike schon an der Tür. Der Applaus von oben klang wie gedämpfter Hagel auf einem Blechdach. Eine Minute später stand er erleichtert im beruhigenden Rauschen des Straßenverkehrs.

13

In the presence of another world.

BLUE ÖYSTER CULT, »IN THE PRESENCE OF ANOTHER WORLD«

Am Samstagmorgen fuhren Robin und ihre Mutter mit dem uralten Familien-Land-Rover aus ihrer kleinen Heimatstadt Masham nach Harrogate zum Atelier der Schneiderin, die Robins Brautkleid abgeändert hatte, nachdem das ursprünglich für eine Januar-Hochzeit angefertigte Kleid nun im Juli getragen werden sollte.

»Sie haben schon wieder abgenommen«, sagte die ältliche Schneiderin, während sie das Oberteil im Rücken mit Nadeln absteckte. »Dünner sollten Sie wirklich nicht werden. In dieses Kleid gehören ein paar Kurven.«

Stoff und Schnitt des Kleids hatte Robin vor über einem Jahr ausgesucht – lose angelehnt an ein Modell von Elie Saab, das ihre Eltern, die in einem halben Jahr auch die Hälfte der Kosten für die Hochzeit ihres älteren Bruders Stephen würden tragen müssen, sich niemals hätten leisten können. Doch selbst die Billigversion hätte Robin von dem Gehalt, das sie von Strike bekam, unmöglich bezahlen können.

Die Beleuchtung in der Umkleide schmeichelte, trotzdem wirkten Robins Bild in dem Spiegel mit Goldrahmen zu blass und ihre Augen mit den schweren Lidern übermüdet. Sie war sich nicht sicher, ob die neue, trägerlose Variante ihr gefiel. Was sie am ursprünglichen Schnitt besonders gemocht hatte, waren ausgerechnet die langen Ärmel gewesen. Vielleicht, dachte sie, bin ich nur übersättigt, weil ich mich in Gedanken schon so lange mit Ideen für dieses Kleid beschäftigt habe.

In der Umkleide roch es nach Möbelpolitur und frisch verlegtem Teppichboden. Während Robins Mutter Linda zusah, wie die Schneiderin meterweise Chiffon absteckte, zurechtzupfte und Abnäher vorsah, konzentrierte sich Robin, die ihr Spiegelbild einfach nur deprimierend fand, stattdessen auf den kleinen Ständer mit Kristalldiademen und Kunstblumen in der Ecke.

»Sagen Sie, haben wir uns eigentlich schon auf einen Kopfschmuck geeinigt?«, fragte die Schneiderin, die ähnlich wie viele Angehörige von Pflegeberufen die Gewohnheit hatte, in der ersten Person Plural zu sprechen. »Für die Winterhochzeit hatten wir zu einem Diadem tendiert, nicht wahr? Ich denke, bei dem Trägerlosen sollten wir es mal mit Blumen versuchen.«

»Blumen wären hübsch«, stimmte Linda aus ihrer Ecke der Umkleide zu.

Mutter und Tochter sahen einander sehr ähnlich. Auch wenn ihre einst schmale Taille fülliger geworden war und das ausgebleichte rotblonde Haar, das nachlässig auf ihrem Kopf aufgetürmt war, inzwischen von silbrigen Fäden durchzogen, hatte Linda immer noch die gleichen blaugrauen Augen wie ihre Tochter, und sie beobachtete ihr zweites Kind jetzt mit einer Mischung aus Besorgnis und Cleverness, die Strike fast schon komisch vertraut erschienen wäre.

Robin probierte mehrere Gestecke aus Kunstblumen aus, von denen ihr keines gefiel.

»Vielleicht bleibe ich doch bei dem Diadem«, sagte sie.

»Oder du nimmst frische Blumen«, schlug Linda vor.

»Ja«, antwortete Robin, die es plötzlich eilig hatte, von dem Teppichgeruch und ihrem blassen, eingerahmten Spiegelbild wegzukommen. »Komm, wir fahren zur Floristin und schauen, was sie machen kann.«

Sie war froh, die Umkleide ein paar Minuten lang für sich allein zu haben. Während sie wieder aus dem Kleid schlüpfte und Jeans und Pullover anzog, versuchte sie, ihr Stimmungstief zu ergründen. Obwohl sie es bedauert hatte, nicht an Strikes Seite mit Detective Inspector Wardle sprechen zu dürfen, war sie froh gewesen, mehrere Hundert Meilen zwischen sich und den gesichtslosen Mann in Schwarz zu bringen, der ihr ein abgetrenntes Bein überreicht hatte.

Trotzdem hatte sie nicht das Gefühl, aufatmen zu können. Im Zug nach Norden hatten Matthew und sie wieder mal gestritten, und selbst hier, im Brautatelier in der James Street, setzten die Ängste ihr zu: Angst wegen der sinkenden Auslastung des Detektivbüros und davor, was passieren würde, wenn Strike es sich nicht mehr würde leisten können, sie zu beschäftigen. Sobald sie fertig angezogen war, warf sie einen Blick auf ihr Handy. Keine Nachricht von Strike.

Eine Viertelstunde später schlenderte sie einsilbig zwischen Kübeln voller Lilien und Mimosen hin und her, während die Floristin mit viel Getue herumfuhrwerkte, Blumen an Robins Haar hielt und vom langen Stiel einer Rose versehentlich grünliches kaltes Wasser auf ihren cremeweißen Pullover tropfen ließ.

»Komm, wir gehen zu Betty’s«, schlug Linda vor, als der Kopfschmuck endlich bestellt war.

Betty’s of Harrogate war eine Institution, der seit Langem bestehende Tearoom des Kurorts. Draußen, wo die Gäste unter einem schwarz-goldenen Glasdach Schlange standen, hingen Blumenampeln; drinnen erwarteten sie Lampen aus blechernen Teekisten und reich verzierte Teekannen, weiche Sessel und Bedienungen in einheitlicher Kleidung mit Lochstickerei. Seit ihrer Kindheit hatte Robin Freude daran gehabt, die Reihen fetter Marzipanschweine in der Glasvitrine zu betrachten und zuzusehen, wie ihre Mutter einen der fabelhaften Früchtekuchen auswählte, die Alkohol enthielten und in einer Spezialdose verkauft wurden.

Am Fenster, das auf primärfarbene Blumenbeete hinausging, die an jene geometrischen Formen erinnerten, die kleine Kinder gern aus Plastilin schnitten, bestellte Robin sich statt etwas zu essen bloß ein Kännchen Tee und sah erneut aufs Handy. Immer noch nichts.

»Alles in Ordnung?«, fragte Linda.

»Mir geht’s gut«, sagte Robin. »Ich wollte nur sehen, ob eine Nachricht gekommen ist.«

»Was denn für eine Nachricht?«

»Wegen des Beins«, antwortete Robin. »Strike hat sich gestern Abend mit Wardle getroffen – dem Kriminalbeamten von der Met.«

»Oh.« Danach herrschte Schweigen, bis der Tee kam.

Linda hatte ein Fat Rascal bestellt, Bettys legendäres Scone. Sie bestrich das aufgeschnittene Brötchen mit Butter, bevor sie fragte: »Cormoran und du, ihr wollt versuchen, selbst herauszufinden, wer euch dieses Bein geschickt hat, oder?«

Irgendetwas im Tonfall ihrer Mutter veranlasste Robin dazu, vorsichtig zu antworten.

»Uns interessiert nur, was die Polizei unternimmt, das ist alles.«

»Ah.« Kauend betrachtete Linda ihre Tochter.

Robin hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie so gereizt war. Das Brautkleid war teuer gewesen, und sie hatte nicht allzu viel Dankbarkeit gezeigt.

»Tut mir leid, dass ich so bissig war.«

»Schon gut.«

»Es liegt nur daran, dass Matthew mir immer noch zusetzt, weil ich für Cormoran arbeite.«

»Ja, davon haben wir gestern Abend einiges mitbekommen.«

»Oh Gott, Mum, das tut mir leid!«

Robin hatte geglaubt, sie hätten sich leise genug gestritten, um ihre Eltern nicht zu wecken. Sie waren auf der Fahrt nach Masham aneinandergeraten, hatten die Kampfhandlungen während des Abendessens mit ihren Eltern vorübergehend eingestellt und den Streit später im Wohnzimmer fortgesetzt, nachdem Linda und Michael zu Bett gegangen waren.

»Cormorans Name fiel verhältnismäßig oft, was? Matthew ist vermutlich ein bisschen …«

»Er macht sich keine Sorgen«, fauchte Robin.

Matthew schien Robins Arbeit als eine Art Witz anzusehen, aber nachdem er jetzt gezwungen war, sie endlich ernst zu nehmen – weil jemand ihr ein abgetrenntes Bein geschickt hatte –, hatte er eher wütend als besorgt reagiert.

»Also, wenn das wirklich stimmt, dann sollte er sich besser Sorgen machen«, sagte Linda. »Immerhin hat irgendjemand dir einen Körperteil geschickt … Es ist noch gar nicht lange her, dass du mit einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus lagst. Ich verlange nicht, dass du kündigst«, fügte sie schnell hinzu, ohne sich von Robins vorwurfsvoller Miene einschüchtern zu lassen. »Ich weiß, dass du diese Arbeit liebst. Aber …« Sie legte den größeren Teil ihres Scones in Robins schlaffe Hand. »Ich wollte gar nicht fragen, ob Matthew sich Sorgen macht. Ich wollte fragen, ob er eifersüchtig ist.«

Robin nahm einen kleinen Schluck von ihrem starken Betty’s Blend. Sie spielte mit dem Gedanken, eine Packung fürs Büro zu kaufen. Bei Waitrose in Ealing gab es nichts annähernd so Gutes, und Strike mochte starken Tee.

»Ja, Matt ist eifersüchtig«, gab sie schließlich zu.

»Er hat vermutlich keinen Grund …«

»Natürlich nicht!«, gab Robin hitzig zurück. Sie fühlte sich verraten. Ihre Mutter hielt sonst immer zu ihr, immer.

»Kein Grund zur Aufregung«, sagte Linda gelassen. »Ich hab damit nicht andeuten wollen, dass du etwas getan haben könntest, was du nicht hättest tun sollen.«

»Na gut«, sagte Robin und knabberte geistesabwesend an dem Scone. »Weil ich nämlich nichts getan habe. Er ist mein Boss, das ist alles.«

»Und dein Freund«, mutmaßte Linda, »wenn ich danach gehe, wie du über ihn sprichst.«

»Ja«, sagte Robin, aber ihre Ehrlichkeit zwang sie dazu hinzuzufügen: »Allerdings ist das keine normale Freundschaft.«

»Und warum nicht?«

»Er redet nicht gern über persönliche Dinge. Als wollte man einen Stein zum Reden bringen.«

Abgesehen von einem berüchtigten Abend, den sie untereinander kaum mehr erwähnten, an dem sich Strike aber derart betrunken hatte, dass er kaum noch hatte stehen können, waren freiwillige Informationen über sein Privatleben buchstäblich nicht existent gewesen.

»Aber ihr kommt gut miteinander aus?«

»Ja, natürlich.«

»Es gibt Männer, die nicht gern hören, wie gut ihre besseren Hälften mit anderen Männern auskommen.«

»Was soll ich denn tun? Mein Leben lang nur noch mit Frauen zusammenarbeiten?«

»Nein. Ich will nur damit sagen, dass Matthew sich offenbar bedroht fühlt.«

Manchmal hatte Robin den Verdacht, ihre Mutter würde bedauern, dass ihre Tochter nicht mehr Freunde gehabt hatte, ehe sie sich für Matthew entschieden hatte. Linda und sie standen einander nahe; Robin war deren einzige Tochter. Während jetzt um sie herum der Tearoom gedämpft klirrte und klapperte, dämmerte es ihr, dass sie befürchtete, Linda könnte ihr erklären, es sei noch nicht zu spät, um die Hochzeit abzusagen, wenn sie das wünsche. Aber obwohl sie müde und deprimiert war und auch wenn ein paar schwierige Monate hinter ihnen lagen, war sie sich sicher, dass sie Matthew liebte. Das Kleid wurde umgeschneidert, die Kirche war gebucht, der Empfang war fast bezahlt. Jetzt musste sie nur noch weiterackern, bis die Ziellinie erreicht war.

»Ich bin nicht in Strike verliebt. Außerdem hat er eine neue Freundin. Elin Toft. Sie ist Moderatorin bei Radio Three.«

Diese Information würde ihre Mutter, die sich beim Kochen und Gärtnern begeistert Radiosendungen anhörte, hoffentlich ein wenig ablenken.

»Elin Toft? Ist das nicht diese hübsche Blondine, die neulich Abend im Fernsehen über Komponisten der Romantik gesprochen hat?«, fragte Linda.

»Möglich«, sagte Robin mit auffällig wenig Begeisterung. Obwohl ihr Ablenkungsmanöver erfolgreich gewesen war, wechselte sie das Thema. »Ihr wollt also den Land Rover verkaufen?«

»Ja. Wir kriegen natürlich nichts mehr dafür. Den Schrottpreis vielleicht noch … Es sei denn«, sagte Linda, der plötzlich etwas einfiel, »Matthew und du wollt ihn haben? Die Steuer ist fürs ganze Jahr bezahlt, und irgendwie schafft er’s trotz allem immer durch die Hauptuntersuchung.«

Robin nahm noch einen Bissen von ihrem Scone und dachte kurz darüber nach. Matthew beschwerte sich ständig darüber, dass sie kein Auto hatten – ein Mangel, den er auf Robins erbärmliches Gehalt zurückführte. Das Audi-A3-Cabrio seines Schwagers rief bei ihm beinahe schmerzhafte Neidanfälle hervor. Robin wusste, dass er von einem klapprigen alten Land Rover, der auf ewig nach nassem Hund und Gummistiefeln riechen würde, weit weniger begeistert wäre, aber gegen ein Uhr morgens hatte Matthew im Wohnzimmer ihrer Eltern die geschätzten Gehälter aller ihrer Freunde und Bekannten aufgelistet, um quasi mit einem Tusch hinzuzufügen, Robins Gehalt sei das mit Abstand niedrigste von allen. Mit jäh aufkeimender Boshaftigkeit stellte sie sich vor, wie sie ihrem Verlobten erklärte: »Aber wir haben doch den Land Rover, Matt, auf einen Audi brauchen wir jetzt wirklich nicht mehr zu sparen.«

»Für die Arbeit könnte er echt nützlich sein«, sagte sie laut, »wenn wir mal aus London rausfahren müssten. Dann bräuchte Strike kein Auto mehr zu mieten.«

»Hm.« Auch wenn Linda geistesabwesend aussah, hatte sie Robin keine Sekunde aus den Augen gelassen.

Als sie nach Hause kamen, deckte Matthew gemeinsam mit seinem zukünftigen Schwiegervater den Tisch. Bei ihren Eltern half er immer eifriger im Haushalt aus als daheim mit Robin.

»Wie sieht das Kleid aus?«, fragte er, was nach Robins Einschätzung ein Friedensangebot sein sollte.

»Brauchbar«, sagte Robin.

»Bringt es Unglück, wenn du mir davon erzählst?«, fragte er, und als sie nicht lächelte, sagte er: »Ich wette, du siehst darin in jedem Fall schön aus.«

Als sie versöhnlich die Hand ausstreckte, zwinkerte er ihr zu und drückte ihre Finger. Im selben Moment knallte Linda eine Schüssel mit Kartoffelbrei zwischen ihnen auf den Tisch und erzählte Matthew, sie habe ihnen den alten Land Rover geschenkt.

»Was?«, sagte Matthew, dessen Gesicht mit einem Mal ein Bild der Verzweiflung war.

»Du sagst doch immer, dass du ein Auto willst«, warf Robin sich für ihre Mutter in die Bresche.

»Klar, aber … der Land Rover, in London?«

»Warum denn nicht?«

»Der ruiniert sein Image«, rief ihr Bruder Martin, der eben mit der Zeitung in der Hand hereingekommen war. Er hatte sich das Startfeld für das Grand National an diesem Nachmittag angesehen. »Für dich passt er allerdings haargenau, Rob. Ich sehe Hopalong und dich schon mit Allradantrieb zu diversen Tatorten fahren.«

Matthew reckte sein kantiges Kinn leicht vor.

»Halt die Klappe, Martin!«, fauchte Robin und funkelte ihren jüngeren Bruder an, als sie sich an den Tisch setzte. »Allerdings würde ich gerne hören, wie du Strike von Angesicht zu Angesicht Hopalong nennst.«

»Er würde vermutlich drüber lachen«, sagte Martin leichthin.

»Weil ihr euch ebenbürtig seid oder was?«, fragte Robin mit brüchiger Stimme. »Beide mit einer beeindruckenden Soldatenlaufbahn, bei der ihr Leben und Gesundheit riskiert habt?«

Martin war der Einzige der vier Geschwister Ellacott, der nicht studiert hatte, und der Einzige, der noch bei den Eltern lebte. Auf leiseste Andeutungen, er könnte hinter den Erwartungen zurückgeblieben sein, reagierte er empfindlich.

»Was willst du mir jetzt damit sagen, verdammte Scheiße – dass ich zur Army gehen soll?«, fragte er aufgebracht.

»Martin!«, ging Linda scharf dazwischen. »Solche Ausdrücke will ich nicht hören!«

Robin ließ Messer und Gabel fallen und stürmte aus der Küche.

Wieder stand ihr das Bild des abgetrennten Unterschenkels vor Augen: mit dem leuchtend weißen Schienbein, das aus dem toten Fleisch ragte, und den leicht schmutzigen Zehennägeln, die seine Besitzerin vielleicht noch hatte waschen oder lackieren wollen, ehe jemand sie zu sehen bekäme …

Endlich weinte sie – und zwar erstmals, seit sie das Paket in Empfang genommen hatte. Das Muster des alten Treppenläufers verschwamm vor ihren Augen, und sie musste sich bis zur Klinke ihrer Zimmertür vortasten. Sie trat ans Bett und ließ sich vornüber auf die frisch bezogene Daunendecke fallen. Ihre Schultern bebten, und sie atmete schwer, während sie sich die Hände vor das tränennasse Gesicht schlug, um ihr lautes Schluchzen zu ersticken. Sie wollte nicht, dass einer der anderen kam und nach ihr sah; sie wollte nicht reden, nichts erklären müssen; sie wollte nur noch allein sein, um den Gefühlen, die sie bisher unterdrückt hatte, damit sie die Arbeitswoche überstand, freien Lauf lassen zu können.

Die Flapsigkeit, mit der ihr Bruder über Strikes Amputation gesprochen hatte, war fast ein Echo von Strikes eigenen Scherzen über das abgetrennte Bein gewesen. Eine Frau war unter vermutlich schrecklichen, brutalen Umständen gestorben, aber niemandem schien das so nahezugehen wie Robin. Der Tod und ein Beil hatten die Unbekannte in einen Fleischklumpen, in ein zu lösendes Problem verwandelt, und sie – Robin – hatte das Gefühl, die Einzige zu sein, die sich daran erinnerte, dass einst ein lebender, atmender Mensch dieses Bein benutzt hatte, vielleicht sogar noch letzte Woche …

Nachdem sie zehn Minuten lang hemmungslos geweint hatte, wälzte sie sich auf den Rücken, schlug die verweinten Augen wieder auf und sah sich in ihrem alten Kinderzimmer um, als erhoffte sie sich davon Beistand.

Früher war ihr dieser Raum wie der einzig sichere Ort auf Erden vorgekommen. Im ersten Vierteljahr nach Abbruch ihres Studiums hatte sie ihn kaum verlassen, nicht mal zu den Mahlzeiten. Damals waren die Wände in grellem Pink gestrichen gewesen – eine missglückte Farbwahl, die sie mit sechzehn getroffen hatte. Ihr war ziemlich bald klar gewesen, dass die Farbe ein Fehler gewesen war, aber weil sie ihren Vater nicht hatte bitten wollen, das Zimmer neu zu streichen, hatte sie die schrillen Wände mit möglichst vielen Postern tapeziert. Am Fußende ihres Betts hatte ein Destiny’s-Child-Poster gehangen. Obwohl dort jetzt die blassgrüne Tapete zu sehen war, die Linda angebracht hatte, nachdem Robin aus ihrem Elternhaus zu Matthew nach London gezogen war, glaubte sie, noch immer Beyoncé, Kelly Rowland und Michelle Williams vor sich zu sehen, die sie vom Cover ihres Survivor-Albums anstarrten. Das Bild war untrennbar mit der schlimmsten Zeit ihres Lebens verbunden.

Inzwischen hingen an den Wänden nur noch zwei gerahmte Fotos: eins von Robin am letzten Schultag mit ihrer alten Klasse (Matthew in der hintersten Reihe, der bestaussehende Junge des Jahrgangs, der sich obendrein geweigert hatte, eine Grimasse zu ziehen oder ein komisches Hütchen aufzusetzen), das andere von Robin, die als Zwölfjährige auf dem Hof ihres Onkels ihr altes Highlandpony Angus ritt: ein zottiges, starkes, störriges Tier, das sie trotz seiner Unarten heiß geliebt hatte.

Ausgelaugt und erschöpft blinzelte sie die letzten Tränen weg und rieb sich mit den Handballen über das nasse Gesicht. Aus der Küche unter ihrem Zimmer drang gedämpftes Murmeln. Ihre Mutter würde Matthew bestimmt raten, sie vorerst in Ruhe zu lassen. Robin hoffte, dass er auf Linda hören würde. Sie hatte gute Lust, das restliche Wochenende einfach durchzuschlafen.

Eine Stunde später lag sie noch immer auf dem Doppelbett und starrte schläfrig aus dem Fenster auf die Krone der Linde im Garten, als Matthew anklopfte und mit einem Becher Tee hereinkam.

»Deine Mum meint, du könntest das hier brauchen.«

»Danke«, sagte Robin.

»Wir wollen uns alle gemeinsam das National ansehen. Mart hat hoch auf Ballabriggs gewettet.«

Nicht eine Silbe von Robins Verzweiflung oder Martins geschmacklosen Kommentaren; Matthew schien ihr auf diese Weise unterschwellig mitteilen zu wollen, sie hätte sich irgendwie blamiert und er böte ihr nun einen Ausweg an. Er hatte ja nicht die geringste Vorstellung davon, was der Anblick und die Berührung des Frauenbeins in ihr bewirkt hatten. Nein, er ärgerte sich nur darüber, dass Strike, den keiner aus ihrer Familie persönlich kannte, wieder einmal eine Rolle in ihrer Wochenendunterhaltung gespielt hatte. Und da war sie wieder: Sarah Shadlock beim Rugbyspiel.

»Ich will nicht dabei zusehen, wie Pferde sich den Hals brechen«, entgegnete Robin. »Außerdem muss ich arbeiten.«

Er stand kurz da und blickte auf sie hinab, dann machte er auf dem Absatz kehrt und zog die Tür etwas zu nachdrücklich hinter sich zu, sodass sie hinter ihm wieder aufsprang.

Robin setzte sich auf, strich sich übers Haar, atmete tief durch und griff dann nach ihrer Laptoptasche, die auf dem Schminktischchen lag. Sie hatte Gewissensbisse gehabt, weil sie ihren Rechner mitgenommen und weil sie insgeheim gehofft hatte, Zeit für ihre Ermittlungslinien zu finden, wie sie es für sich nannte. Doch mit Matthews Geste großzügiger Vergebung hatte sich das schlechte Gewissen verflüchtigt. Sollte er sich doch das National ansehen. Sie hatte Besseres zu tun.

Sie kehrte aufs Bett zurück, stopfte sich Kissen in den Rücken, klappte den Laptop auf und rief einige mit Lesezeichen versehene Webseiten auf, über die sie noch mit niemandem gesprochen hatte, nicht mal mit Strike, der zweifellos der Ansicht wäre, sie würde ihre Zeit vergeuden.

Sie hatte bereits mehrere Stunden damit zugebracht, zwei separate, aber verwandte Ermittlungslinien zu verfolgen, die sich aus den Briefen ergaben, die Strike auf ihr Drängen Wardle vorgelegt hatte: aus dem Schreiben der jungen Frau, die ihr eigenes Bein amputieren wollte, und dem einer Person, die gewisse Dinge mit Strikes Beinstumpf unternehmen wollte, die bei Robin eine leichte Übelkeit hervorgerufen hatten.

Die menschliche Psyche hatte Robin schon immer fasziniert. Ihre vor der Zeit beendete akademische Laufbahn war dem Studium der Psychologie gewidmet gewesen. Die junge Frau, die an Strike geschrieben hatte, schien an Body Integrity Identity Disorder zu leiden, kurz BIID: dem irrationalen Wunsch, sich eines gesunden Körperteils zu entledigen.

Seit Robin im Netz mehrere wissenschaftliche Arbeiten gelesen hatte, wusste sie, dass BIID-Erkrankungen selten waren und die genaue Ursache des Leidens nach wie vor unbekannt war. Der eine oder andere Blick in Selbsthilfeforen hatte ihr vor Augen geführt, wie sehr BIID-Kranke verabscheut wurden. Die Chatforen strotzten von wütenden Kommentaren, die BIID-Kranken vorwarfen, sie strebten nach einem Zustand, in den andere durch Krankheiten oder Unfälle gerieten, und wollten auf grotesk widerwärtige Weise Aufmerksamkeit erregen. Auf derlei Angriffe folgten ebenso wütende Antworten: Glaubten die Verfasser wirklich, der Kranke wollte an BIID leiden? Begriffen sie denn nicht, wie schwierig es war, sich zu wünschen – den Drang zu verspüren –, amputiert oder gelähmt zu sein? Robin fragte sich, was Strike von den Fallgeschichten jener BIID-Kranken halten würde, wenn er sie läse. Sie hatte den Verdacht, er würde nicht gerade mitfühlend reagieren.

Unten wurde die Wohnzimmertür geöffnet, und sie hörte einige Wortfetzen der Berichterstattung über das Rennen, die Stimme ihres Vaters, der ihrem schokobraunen alten Labrador die Tür wies, weil er gefurzt hatte, und Martins Lachen.

Sie war frustriert, weil sie sich nicht mehr an den Namen der jungen Frau erinnern konnte, die an Strike geschrieben und ihn um Rat gebeten hatte, wie man sich das eigene Bein abschneiden sollte, meinte aber, er hätte Kylie oder so ähnlich gelautet. Während sie langsam durch das belebteste Selbsthilfeforum scrollte, das sie hatte finden können, hielt sie Ausschau nach Nutzernamen, die irgendwie mit ihr zusammenhängen mochten, denn wohin würde ein Teenager mit einer derart außergewöhnlichen fixen Idee sich wenden, um seine Fantasie mit anderen zu teilen, wenn nicht an den Cyberspace?

Die seit Matthews Abgang halb offen stehende Tür ihres Zimmers flog ganz auf, als Rowntree, der aus dem Wohnzimmer verbannte Labrador, hereingewatschelt kam. Er hielt auf Robin zu, die ihn eine Weile geistesabwesend zwischen den Ohren kraulte, und plumpste dann vor ihrem Bett zu Boden. Seine Rute pochte eine Zeit lang auf den Holzboden, dann schlief er mit einem Seufzer ein. Von seinem röchelnden Schnarchen begleitet durchsuchte Robin weiter die Chatforen.

Und da plötzlich erlebte sie einen dieser jähen Überraschungsmomente, die ihr vertraut geworden waren, seit sie angefangen hatte, für Strike zu arbeiten, und die unmittelbare Belohnung dafür waren, dass man einen winzigen Informationsschnipsel suchte, der etwas, nichts oder manchmal alles bedeuten konnte.

Nowheretoturn: Weiß wer irgendwas über Cameron Strike?

Robin hielt den Atem an, als sie den Thread anklickte.

[email protected]: dieser detektiv mit nur einem Bein? yeah, ist ein veteran.

Nowheretoturn: Ich hab gehört, dass er’s sich vielleicht selbst abgeschnitten hat.

[email protected]: nein, das kannst du nachschlagen er war in afganistan.

Das war alles. Robin durchsuchte noch diverse weitere Threads, aber Nowheretoturn hatte seine Nachforschungen nicht fortgeführt und sich auch sonst nicht wieder gemeldet. Aber das hatte nichts zu bedeuten; vielleicht hatte er ja auch bloß seinen Nutzernamen geändert. Robin fahndete weiter, bis sie jeden Winkel des Forums abgesucht hatte, doch Strike wurde nicht wieder erwähnt.

Ihre Aufregung ebbte ab. Selbst wenn man annahm, die Briefeschreiberin und Nowheretoturn seien ein und dieselbe Person, hatte sie doch ihre Annahme, Strike hätte sich das Bein selbst amputiert, in dem Brief unmissverständlich formuliert. Es gab nicht viele berühmte Amputierte, an denen man die Hoffnung festmachen konnte, sie hätten sich ihre Verstümmelung selbst zugefügt.

Aus dem Wohnzimmer unter ihr kamen jetzt Anfeuerungsrufe. Robin schloss die BIID-Foren und wandte sich ihrer zweiten Ermittlungslinie zu.

Sie bildete sich gern ein, dickhäutiger geworden zu sein, seit sie in einem Detektivbüro arbeitete. Trotzdem hatten ihre ersten Vorstöße in die Fantasiewelt von Menschen, die an Amelotatismus litten – sprich: an einer sexuellen Präferenz für Menschen mit fehlenden Gliedmaßen – und deren Tummelplätze mit nur wenigen Mausklicks zugänglich waren, sie mit verkrampften Magennerven zurückgelassen, die sich anschließend lange nicht wieder beruhigt hatten. Diesmal überflog sie widerstrebend die Ergüsse eines Mannes (sie vermutete, dass es ein Mann sein musste), dessen aufregendste sexuelle Fantasie um eine Frau kreiste, die oberhalb der Ellbogen- und Kniegelenke vierfach amputiert war. Wo genau ihre Gliedmaßen abgetrennt sein sollten, schien ihn besonders zu beschäftigen. Ein weiterer Mann (das konnte einfach keine Frau sein!) hatte seit frühester Jugend bei der Vorstellung masturbiert, er trenne seinem besten Freund und sich selbst mit einer Guillotine versehentlich beide Beine ab. Und wo sie hinsah, wurde über die Faszination der Stümpfe selbst, über alle möglichen Behinderungen und die eingeschränkte Beweglichkeit von Amputierten diskutiert, was Robin als extreme Manifestation von Bondage deutete.

Während unter ihr die unverwechselbar näselnde Stimme des Reporters beim Grand National Unverständliches vor sich hin brabbelte und die Anfeuerungsrufe ihres Bruders immer lauter wurden, klickte Robin sich durch weitere Foren, hielt Ausschau danach, ob Strike irgendwo erwähnt wurde, und suchte zugleich nach einem Zusammenhang zwischen Amputationsfetischismus und Gewalttätigkeit.

Sie fand es bemerkenswert, dass keiner der Leute, die ihre aktiven oder passiven Amputationsfantasien in den Foren ausbreiteten, Gewalt oder Schmerzen erregend zu finden schienen. Sogar der Mann, der sich ausgemalt hatte, wie sein bester Freund und er sich gemeinschaftlich die Beine abtrennten, hatte sich in diesem Punkt klar ausgedrückt: Die Guillotine sei lediglich Mittel zum Zweck, ein Werkzeug zur Erzeugung von Beinstümpfen.

Würde jemand, der Strike als Amputierten erregend fand, ein Frauenbein abtrennen und es ihm schicken? Das war die Art Theorie, zu der vermutlich Matthew neigen würde, dachte Robin verächtlich, weil er annähme, wer immer komisch genug sei, um Stümpfe attraktiv zu finden, sei auch verrückt genug, um eine Leiche zu zerstückeln. Tatsächlich würde er das sogar für wahrscheinlich halten. Nach allem, woran Robin sich aus RLs Brief erinnerte – und seit sie die Online-Ergüsse seiner acrotomophilen Gesinnungsgenossen gelesen hatte –, hielt sie es für weit wahrscheinlicher, dass RL unter »sich an Strike ranmachen« Verhaltensweisen verstand, die Strike vermutlich weit unappetitlicher finden würde als die ursprüngliche Amputation.

Aber natürlich konnte RL auch beides sein: Amputationsfetischist und Psychopath …

»JA! SCHEISSE, JA! FÜNFHUNDERT PFUND!«, kreischte Martin. Aus dem rhythmischen Poltern in der Diele schloss Robin, dass das Wohnzimmer ihm für seinen Siegestanz nicht ausgereicht hatte. Rowntree schreckte hoch, sprang auf und kläffte benommen. Bei dem Krach hörte Robin nicht, dass Matthew wieder auf dem Weg zu ihr war – bis er die Tür aufstieß. Sie klickte sich wie wild rückwärts durch die Webseiten, die von Amputationsfetischismus handelten.

»Hi«, sagte sie. »Ballabriggs hat also gewonnen, ja?«

»Ja.«

Diesmal hielt er ihr die Hand hin, Robin schob ihren Laptop beiseite, und Matthew zog sie vom Bett hoch und nahm sie in den Arm. Die Wärme seines Körpers bescherte ihr eine gewisse Erleichterung, die in sie einsickerte, sie beruhigte. Eine weitere nächtliche Auseinandersetzung hätte sie nicht ertragen.

Sein Blick über ihre Schulter hinweg blieb an irgendetwas hängen, und er löste sich aus Robins Umarmung.

»Was?«

Sie sah zurück auf ihren Laptop. Auf dem leuchtend weißen Bildschirm prangte eine große eingerahmte Definition:

Amelotatismus (m)

Eine Paraphilie, bei der sexuelle Befriedigung durch Fantasien über oder Handlungen an einem Amputierten erreicht wird.

Danach herrschte kurzes Schweigen.

»Und, wie viele Pferde sind tot?«, fragte Robin mit brüchiger Stimme.

»Zwei«, antwortete Matthew und verließ den Raum.

14

… you ain’t seen the last of me yet,

I’ll find you, baby, on that you can bet.

BLUE ÖYSTER CULT, »SHOWTIME«

Am Sonntagabend stand Strike um 21.15 Uhr vor dem Bahnhof Euston und rauchte eine Zigarette, die seine letzte sein würde, bis er acht Stunden später in Edinburgh ankäme.

Elin war enttäuscht gewesen, dass er das Konzert verpassen würde. Stattdessen hatten sie den größten Teil des Nachmittags im Bett verbracht – eine Alternative, auf die sich Strike nur allzu gern eingelassen hatte. Elin, die außerhalb des Schlafzimmers immer schön, beherrscht und unterkühlt auftrat, ging im Bett sehr viel mehr aus sich heraus. Die Erinnerung an bestimmte erotische Bilder und Laute – ihre Alabasterhaut unter seinem Mund, ihre blassen Lippen zu einem Stöhnen geöffnet – verlieh dem Geschmack des Nikotins zusätzliche Würze. In Elins spektakulärem Apartment in der Clarence Terrace herrschte Rauchverbot, weil ihre Tochter Asthma hatte, und so hatte Strikes postkoitales Vergnügen darin bestanden, gegen den Schlaf anzukämpfen, während sie auf ihrem Schlafzimmerfernseher die Aufzeichnung einer Sendung abspielte, in der sie über Komponisten der Romantik gesprochen hatte.

»Du siehst wie Beethoven aus, weißt du«, hatte sie nachdenklich zu ihm gesagt, als die Kamera eine Marmorbüste des Komponisten heranzoomte.

»Nur mit Boxernase«, hatte Strike erwidert. Die Ähnlichkeit hatten schon andere angesprochen.

»Und wozu fährst du gleich wieder nach Schottland?«, fragte Elin, als er in ihrem Schlafzimmer auf der Bettkante saß und seine Beinprothese anschnallte. Auch dieser Raum war in Cremetönen und Weiß gehalten, ohne dabei jedoch die deprimierende Nüchternheit von Ilsas und Nicks Gästezimmer auszustrahlen.

»Ich verfolge eine Spur«, antwortete Strike, der sich im Klaren darüber war, dass er übertrieb. Außer seinem eigenen Verdacht gab es nichts, was Donald Laing und Noel Brockbank mit dem abgetrennten Bein verband. Trotzdem – und auch wenn er die fast dreihundert Pfund, die ihn die Hin- und Rückfahrt kosten würde, im Stillen noch so sehr bedauerte – bereute er den Entschluss zu dieser Reise nicht.

Er trat den Zigarettenstummel unter dem Absatz seines künstlichen Fußes aus, betrat das Bahnhofsgebäude, kaufte sich im Supermarkt ein bisschen Proviant und bestieg den Nachtzug.

Sein Einzelabteil mit dem herunterklappbaren Waschbecken und der schmalen Koje war winzig, aber in der Army hatte er oft weit unbequemer schlafen müssen. Zufrieden stellte er fest, dass das Bett gerade eben für seine Größe von eins zweiundneunzig ausreichte. Außerdem kam er mit abgelegter Prothese in kleinen Räumen besser zurecht als in großen. Das einzige Manko war, dass das Abteil überheizt war; in seiner Dachgeschosswohnung herrschten stets Temperaturen, die jede Frau, die er kannte, als eisig beklagt hätte, auch wenn dort keine Frau je übernachtet hatte. Elin hatte die Wohnung nie auch nur zu sehen bekommen, und Lucy, seine Schwester, hatte er nie dorthin eingeladen, weil es ihre Illusion zerstört hätte, dass er inzwischen hinreichend verdiente. Wenn er jetzt darüber nachdachte, war Robin tatsächlich die einzige Frau, die jemals in seiner Wohnung gewesen war.

Der Caledonian Sleeper setzte sich mit einem Ruck in Bewegung. Sitzbänke und Säulen flitzten jenseits des Fensters vorbei. Strike ließ sich auf die Koje sinken, packte sein erstes Schinkenbaguette aus und biss herzhaft hinein, während er sich wieder daran erinnerte, wie Robin kreidebleich und zitternd an seinem Küchentisch gesessen hatte. Er war froh, sie in ihrem Elternhaus in Masham zu wissen, wo ihr bestimmt nichts zustoßen konnte; so hatte er zumindest eine quälende Sorge weniger.

Die Situation, in der er sich im Augenblick befand, war ihm bestens vertraut. Er hätte tatsächlich gerade genauso gut wieder in der Army sein und auf billigstem Wege quer durchs Vereinigte Königreich reisen können, um sich bei der SIB-Dienststelle in Edinburgh zu melden. Dort war er zwar nie stationiert gewesen, aber er wusste, dass die Dienststelle sich in der Burg befand, die mitten in der Stadt auf einem gezackten Felskegel thronte.

Später, nachdem er durch den schwankenden Korridor zum Pinkeln gegangen war, zog er sich bis auf die Boxershorts aus und legte sich auf die dünnen Decken, um zu schlafen oder vielmehr zu dösen. Das Schwanken lullte ihn ein, aber die Hitze und die Tempowechsel des Nachtzugs weckten ihn immer wieder auf. Seit der Viking-Schützenpanzer, mit dem er in Afghanistan unterwegs gewesen war, in die Luft geflogen war und sein halbes Bein und zwei Kameraden mitgenommen hatte, ließ Strike sich nicht mehr gern von anderen Leuten fahren, und diese milde Phobie erstreckte sich auch auf Züge, wie er jetzt erkannte. Dreimal ließ ihn der Pfiff der Lokomotive eines an seinem Fenster vorbeiratternden Gegenzugs wie von einem Wecker hochschrecken, und das leichte Schwanken, wenn der Nachtzug über Weichen fuhr, rief ihm wieder das schreckliche Bild ins Gedächtnis, wie das stählerne Ungetüm hochgeschleudert worden war, sich überschlagen hatte, zu Boden gekracht und zerborsten war …

Der Zug erreichte Edinburgh-Waverley um 5.50 Uhr. Frühstück wurde erst ab sechs serviert. Strike wachte davon auf, dass ein Kellner den Gang entlangging und Tabletts verteilte. Als Strike seine Abteiltür aufmachte, stieß der uniformierte junge Mann einen Schreckensschrei aus und starrte die Prothese an, die hinter Strike am Boden lag.

»Sorry, Kumpel«, brachte er schließlich mit starkem Glasgower Akzent hervor, nachdem er die Prothese ausgiebig in Augenschein genommen und endlich erkannt hatte, dass der Fahrgast sich doch nicht das eigene Bein abgehackt hatte. »Nichts für ungut.«

Amüsiert nahm Strike das Tablett entgegen und schob die Tür wieder zu. Nach einer durchwachten Nacht sehnte er sich vielmehr nach einer Zigarette als nach dem aufgewärmten Gummi-Croissant, also machte er sich daran, das Bein anzuschnallen und sich anzuziehen, während er mit großen Schlucken den schwarzen Kaffee hinunterstürzte, und gehörte so zu den Ersten, die in die schottische Morgenkühle hinaustraten.

Die Lage des Bahnhofs vermittelte einem das seltsame Gefühl, auf dem Grund einer Schlucht zu stehen. Durch das ziehharmonikaförmige Glasdach konnte Strike die Umrisse dunkler gotischer Bauten ausmachen, die ihn auf dem angrenzenden höheren Gelände turmhoch überragten. Er fand die Stelle in der Nähe des Taxistands, wo Hardacre ihn abholen wollte, und setzte sich mit dem Rucksack zu Füßen auf eine kalte Metallbank, um zu warten.

Hardacre kreuzte zwanzig Minuten später auf, und als er schließlich kam, befiel Strike eine schlimme Vorahnung. Er war so dankbar dafür gewesen, dass er sich das Geld für einen Leihwagen sparen konnte, dass er es als flegelhaft empfunden hätte, Hardacre zu fragen, was für einen Wagen er denn fahre.

Einen Mini. Einen beschissenen Mini.

»Oggy!«

Sie begrüßten sich auf die typisch amerikanische Art – halb Umarmung, halb Händedruck –, so wie es selbst beim Militär inzwischen üblich geworden war. Hardacre war nicht mal einen Meter fünfundsiebzig groß, ein freundlich wirkender Ermittler mit schütter werdendem aschblondem Haar. Strike wusste, dass sein unscheinbares Äußeres ein scharfes Ermittlergehirn tarnte. Bei der Verhaftung Brockbanks hatten sie Hand in Hand gearbeitet, und allein das hatte ausgereicht – auch wegen der Schwierigkeiten, die sie anschließend bekommen hatten –, um sie zusammenzuschweißen.

Erst als Hardacre sah, wie sein alter Freund sich in den Mini faltete, schien ihm aufzugehen, dass er hätte erwähnen sollen, welches Auto er fuhr.

»Hab vergessen, dass du so ein großer Kerl bist«, gab er unumwunden zu. »Glaubst du, dass du mit der Kiste zurechtkommst?«

»Sicher«, sagte Strike und schob den Beifahrersitz bis zum Anschlag zurück. »Bin dir fürs Ausleihen echt dankbar, Hardy.«

Wenigstens hatte der Mini ein Automatikgetriebe.

Der kleine Wagen schlängelte sich aus dem Bahnhof und bergauf zu den rußig schwarzen Gebäuden, die durch das Glasdach auf Strike hinabgeblickt hatten. Der frühe Morgen war kühl und grau.

»Später soll’s auflockern«, murmelte Hardacre, als sie die steile gepflasterte Royal Mile hinauffuhren – vorbei an Geschäften, die Tartans und Wimpel mit dem aufgerichteten schottischen Löwen verkauften, Restaurants und Cafés, Werbetafeln für Gespenstertouren und engen Gassen, die flüchtige Ausblicke auf die Großstadt boten, die sich rechter Hand erstreckte.

Auf dem Hügelkamm wurde die Burg sichtbar: vor dem grauen Himmel düster dräuend, von hohen Bogenwällen umgeben. Hardacre bog rechts ab, ließ das reich verzierte Portcullis Gate hinter sich, an dem sich bereits Touristen herumtrieben, die den Warteschlangen zuvorkommen wollten. An einem hölzernen Wachhäuschen nannte er seinen Namen, zeigte flüchtig seinen Dienstausweis vor und fuhr weiter auf einen durchs Vulkangestein gebohrten beleuchteten Tunnel zu, an dessen Wänden dicke Elektrokabel verliefen. Als sie den Tunnel verließen, fanden sie sich hoch über der Stadt wieder: zwischen Kanonen auf Befestigungsanlagen, von denen aus sich ein dunstig verschleierter Blick auf die Dächer und Türme der schwarz-goldenen Stadt bot, die sich in der Ferne bis zum Firth of Forth erstreckte.

»Hübsch«, sagte Strike und marschierte ein Stück auf die Kanonen zu, um besser sehen zu können.

»Ja, nicht übel«, bestätigte Hardacre mit einem beiläufigen Blick auf die unter ihnen ausgebreitete schottische Hauptstadt. »Komm jetzt, Oggy.«

Sie betraten die Burg durch eine hölzerne Seitentür. Strike folgte Hardacre durch einen schmalen, kalten, gepflasterten Korridor und eine Treppe hinauf, die seinem rechten Kniegelenk nicht gerade guttat. An den Wänden hingen in unregelmäßigen Abständen Drucke von viktorianischen Offizieren in Paradeuniform.

Auf dem ersten Treppenabsatz führte eine Tür in einen Korridor, der von Dienstzimmern mit schäbigen dunkelrosa Teppichböden und krankenhausgrünen Wänden gesäumt war. Obwohl Strike nie zuvor hier gewesen war, erschien ihm diese Umgebung auf eine Weise vertraut, an die das alte Gemäuer in der Fulbourne Street nicht herangekommen war. Dies hier war einmal sein Leben gewesen. Er hätte sich jederzeit an einen freien Schreibtisch setzen und binnen zehn Minuten wieder eingearbeitet sein können.

An den Wänden hingen Poster, von denen eines die Ermittler an die Brisanz und notwendigen Verfahren im Zusammenhang mit der sogenannten Goldenen Stunde erinnerte – jener kurzen Zeitspanne nach einer Straftat, in der Spuren und Hinweise noch zuhauf und leicht zu finden waren –, während das Schaubild daneben die gängigsten illegalen Substanzen auflistete. Es gab Whiteboards, die mit Zwischenberichten und Terminen für alle möglichen aktuellen Fälle zugepflastert waren – »warte auf Anruf & DNA-Analyse«, »SPA-Vordruck 3 erforderlich« –, und Karteischränke aus Stahlblech, auf denen tragbare Fingerabdruck-Kits standen. Die Tür zum Labor stand offen. Auf einem hohen Metalltisch lag ein mit dunkelbraunen Blutflecken besprenkeltes Kissen in einem durchsichtigen Asservatenbeutel. Der danebenstehende Karton war voller Spirituosen. Wo es zu Blutvergießen kam, gab es immer auch Alkohol. In einer Ecke stand eine leere Flasche Bell’s, der jemand eine rote Kappe aufgesetzt hatte – das Kleidungsstück, dem die Militärpolizei ihren Spitznamen »Red Caps« verdankte.

Eine kurzhaarige Blondine im Nadelstreifenkostüm kam ihnen entgegen.

»Strike!«

Er erkannte sie nicht sofort wieder.

»Emma Daniels. Catterick, 2002«, sagte sie mit einem Lächeln. »Sie haben damals unseren Staff Sergeant als faules Arschloch bezeichnet.«

»Richtig«, sagte er, während Hardacre kicherte. »Und er war wirklich eins. Sie haben sich die Haare abgeschnitten.«

»Und Sie sind berühmt geworden.«

»So weit würde ich nicht gehen«, entgegnete Strike.

Ein blasser junger Mann in Hemdsärmeln streckte den Kopf durch eine der Türen vor ihnen, als interessierte ihn die Unterhaltung auf dem Flur.

»Wir müssen weiter, Emma«, sagte Hardacre energisch. »Ich hab gewusst, dass sich alle für dich interessieren würden«, fuhr er fort, sobald er den Privatdetektiv in sein Dienstzimmer geschoben und die Tür hinter ihnen zugemacht hatte.

Der Raum war verhältnismäßig düster, was vor allem daran lag, dass das Fenster direkt auf eine kahle Felswand hinausging. Fotos von Hardacres Kindern und eine ansehnliche Sammlung von Bierkrügen lockerten das Dekor ein wenig auf, das genau wie draußen auf dem Flur aus einem schäbigen dunkelrosa Teppichboden und blassgrünen Wänden bestand.

»Also gut, Oggy«, sagte Hardacre, während er seinen Computer hochfuhr und dann zurücktrat, damit Strike sich davorsetzen konnte. »Hier hast du alles.«

Die SIB hatte Zugang zu sämtlichen Personalakten der drei Teilstreitkräfte. Auf dem Monitor vor Strike hatte sich ein Brustbild von Noel Campbell Brockbank aufgebaut. Es war aufgenommen worden, bevor Strike ihn kennengelernt hatte, bevor Brockbank eine ordentliche Tracht Prügel hatte einstecken müssen, seit der ein Auge tiefer in seiner Höhle lag als das andere und eines seiner Ohren größer als das andere war. Dunkler Bürstenhaarschnitt, langes, schmales Gesicht mit deutlichem Fünf-Uhr-Schatten, ungewöhnlich hohe Stirn. Bei ihrer ersten Begegnung hatte Strike den Eindruck gehabt, Brockbanks länglicher Schädel und das leicht schiefe Gesicht sähen aus, als wäre dessen Kopf in einem Schraubstock zusammengequetscht worden.

»Ich darf dich nichts ausdrucken lassen, Oggy«, sagte Hardacre, als Strike sich auf dem Bürostuhl mit fünf Rollen niederließ. »Aber du kannst natürlich den Bildschirm abfotografieren. Kaffee?«

»Tee, wenn du welchen hast. Danke.«

Als Hardacre das Zimmer verließ und sorgfältig die Tür hinter sich schloss, zückte Strike sein Handy, um den Bildschirm abzufotografieren. Als er sich sicher war, dass er ein scharfes Bild geschossen hatte, scrollte er weiter, um sich Brockbanks vollständigen Lebenslauf anzusehen und sich dessen Geburtsdatum und weitere persönliche Details zu notieren.

Brockbank war am ersten Weihnachtsfeiertag im selben Jahr wie Strike zur Welt gekommen. Bei seinem Eintritt in die Army hatte er als Heimatanschrift eine Adresse in Barrow-in-Furness angegeben. Kurz vor seiner Teilnahme am Unternehmen Granby – der Öffentlichkeit besser als Erster Golfkrieg bekannt – hatte er eine Soldatenwitwe mit zwei Töchtern geheiratet. Eine davon war Brittany gewesen. Während er in Bosnien stationiert gewesen war, war sein leiblicher Sohn zur Welt gekommen.

Strike arbeitete den Lebenslauf sorgfältig durch – bis hin zu der Verletzung, die Brockbanks Leben verändert und seine Laufbahn beendet hatte. Als Hardacre mit zwei vollen Bechern zurückkam, murmelte Strike einen Dank und blätterte dann weiter durch die digitale Personalakte. Das Verbrechen, das Brockbank vorgeworfen worden war und das er nach Überzeugung der beiden damaligen Ermittler Strike und Hardacre zweifelsfrei verübt hatte, wurde mit keinem Wort erwähnt. Dass er dafür nie vor Gericht gestellt worden war, gehörte zu den beruflichen Misserfolgen, die Strike am meisten bedauerte. Seine lebhafteste Erinnerung an den Mann war Brockbanks raubtierhaft wilder Gesichtsausdruck, mit dem er sich – mit einer abgebrochenen Bierflasche bewaffnet – auf Strike gestürzt hatte. Er war so groß wie Strike gewesen, vielleicht sogar ein Stückchen größer. Der dumpfe Aufprall, mit dem Brockbank an die Wand gekracht war, nachdem Strike zugeschlagen hatte, hatte geklungen, als wäre ein Militärlaster in eine Holzbaracke gedonnert, wie Hardacre es später formuliert hatte.

»Wie ich sehe, zahlt die Army ihm ein schönes Ruhegehalt«, murmelte Strike, während er sich die Orte notierte, an die das Geld seit Brockbanks Ausscheiden überwiesen worden war. Erst war er nach Barrow-in-Furness zurückgezogen. Dann weiter nach Manchester, wo er kaum ein Jahr geblieben war. »Ha«, sagte Strike ruhig. »Du warst es also, Scheißkerl.«

Aus Manchester war Brockbank nach Market Harborough gezogen und später nach Barrow-in-Furness zurückgekehrt.

»Was ist das hier, Hardy?«

»Der Untersuchungsbericht des Psychologen«, antwortete Hardacre, der sich ans Fenster gesetzt hatte und in einer Akte blätterte. »Den dürftest du eigentlich gar nicht sehen. Fahrlässig von mir, dass ich ihn überhaupt dort abgespeichert habe.«

»Sehr«, bestätigte Strike und klickte ihn an.

Allerdings enthielt der Untersuchungsbericht für Strike kaum Neues. Erst nach Brockbanks Einlieferung ins Krankenhaus war klar geworden, dass der Mann alkoholabhängig war. Die behandelnden Ärzte hatten ausführlich darüber diskutiert, welche seiner Symptome auf Alkoholmissbrauch, auf eine posttraumatische Belastungsstörung oder auf die jüngsten Hirnverletzungen zurückzuführen waren. Während der Lektüre musste Strike mehrere Worte googeln: Aphasie – eine Sprachstörung aufgrund einer Schädigung der dominanten Gehirnhälfte; Dysarthrie – die verformte bis unverständlich verwaschene Artikulation von Lauten; Alexithymie – die Unfähigkeit, die eigenen Gefühle zu erkennen oder auszudrücken.

Seine Erinnerungslücken waren damals für Brockbank überaus praktisch gewesen. Wie schwierig konnte es für ihn gewesen sein, einige dieser klassischen Symptome vorzutäuschen?

»Was sie allerdings nicht berücksichtigt haben«, sagte Strike, der andere Männer mit traumatischen Hirnschäden gekannt und gemocht hatte, »dass er von Anfang an ein Drecksack war.«

»Sehr richtig.« Hardacre nahm einen Schluck von seinem Kaffee und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

Strike schloss Brockbanks Personalakte und klickte die von Laing an. Sein Foto entsprach genau dem Bild, das Strike von dem Mann aus den schottischen Borders gehabt hatte. Er war erst zwanzig gewesen, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren: breitschultrig und blass, mit einem tiefen Haaransatz und den kleinen, dunklen Augen eines Frettchens.

Strike erinnerte sich gut an diverse Einzelheiten aus Laings kurzer Laufbahn in der Army, die er selbst beendet hatte. Nachdem er sich die Adresse von Laings Mutter in Melrose notiert hatte, überflog er auch den Rest des Dokuments und öffnete dann den angehängten Untersuchungsbericht eines Psychologen.

Deutliche Hinweise auf asoziales Verhalten und eine Borderline-Persönlichkeitsstörung … wegen fortbestehender Gewaltbereitschaft weiter für seine Umgebung gefährlich …

Als es an der Tür laut klopfte, schloss Strike das Dokument auf dem Bildschirm und stand auf. Hardacre hatte kaum die Tür erreicht, als eine streng dreinblickende Frau in einem Kostüm auf der Schwelle erschien.

»Haben Sie in der Sache Timpson irgendwas für mich?«, blaffte sie Hardacre an. Gleichzeitig musterte sie Strike misstrauisch. Er ahnte, dass sie von seinem Besuch bei Hardacre erfahren hatte.

»Ich will nicht weiter stören, Hardy«, sagte er daher. »War schön, mal wieder über alte Zeiten zu plaudern.«

Hardacre machte ihn mit der Warrant Officer bekannt, berichtete knapp von ihrer einstigen Zusammenarbeit als Ermittler und begleitete Strike hinaus.

»Ich bin heute ein bisschen länger hier«, sagte er noch, als sie sich an der Tür die Hand gaben. »Ruf an, sobald du weißt, wann du zurückkommst. Gute Fahrt!«

Als Strike vorsichtig die Steintreppe hinunterging, konnte er sich nur zu gut vorstellen, dass er hier hätte stationiert werden können: als Hardys Kollege, den vertrauten Anforderungen und Arbeitsabläufen der Special Investigation Branch unterworfen. Die Army hatte ihn selbst als Halbinvaliden behalten wollen. Seinen Entschluss, den Dienst zu quittieren, hatte er nie bereut, doch dieses jähe, kurze Wiedereintauchen in sein früheres Leben hatte unvermeidlich nostalgische Gefühle in ihm ausgelöst.

Als er in den blassen Sonnenschein hinaustrat, der durch eine Lücke in der weitgehend geschlossenen Wolkendecke fiel, war ihm die Veränderung seiner Lebensumstände stärker bewusst denn je. Inzwischen war er zwar frei und konnte sich den Befehlen inkompetenter Vorgesetzter und den Zwängen einer verkrusteten Bürokratie einfach entziehen, indem er ging. Aber er musste seither auch ohne die Macht und den Status der British Army auskommen. Er war völlig auf sich allein gestellt, als er jetzt etwas fortführte, was sich durchaus als aussichtsloses Unternehmen erweisen mochte: mit nur ein paar Adressen bewaffnet weiter nach dem Mann zu fahnden, der Robin ein abgetrenntes Frauenbein geschickt hatte.

15

Where’s the man with the golden tattoo?

BLUE ÖYSTER CULT, »POWER UNDERNEATH DESPAIR«

Wie Strike erwartet hatte, erwies sich der Mini für ihn als äußerst unbequem, selbst nachdem er sämtliche Möglichkeiten ausprobiert hatte, um den Sitz zu verstellen. Nachdem er rechts seine Prothese trug, musste er mit links Gas geben und bremsen, was in dem beengten Raum komplizierte, ungelenke Verrenkungen erforderte. Erst als er die schottische Hauptstadt unbeschadet hinter sich gelassen hatte und auf der wenig befahrenen, schnurgeraden A7 in Richtung Melrose unterwegs war, konnte er sich anstelle der problematischen Logistik beim Fahren eines fremden Autos endlich wieder dem Gefreiten Donald Laing von den King’s Own Royal Borderers zuwenden, mit dem er elf Jahre zuvor erstmals in einem Boxring zusammengetroffen war.

Der Kampf hatte am späten Abend in einer kahlen, düsteren Sporthalle stattgefunden, die von den heiseren Anfeuerungsrufen fünfhundert johlender Soldaten förmlich gebebt hatte. Damals war er Corporal Cormoran Strike von der Royal Military Police gewesen: topfit, durchtrainiert und muskulös, auf zwei gesunden Beinen, der beim Boxturnier des Regiments mal hatte zeigen wollen, was er draufhatte. Laing hatte mindestens dreimal mehr Unterstützer als Strike gehabt, wobei das nichts Persönliches gewesen war: Militärpolizisten waren aus Prinzip unbeliebt. Einen Red Cap ausgezählt zu sehen wäre der befriedigende Abschluss eines lohnenden Boxabends gewesen. Beide Männer waren groß, und es würde der letzte Kampf des Abends sein. Das wilde Gebrüll der Menge elektrisierte die Boxer wie ein zweiter Puls.

Strike erinnerte sich noch gut an die kleinen schwarzen Augen seines Gegners und an dessen Bürstenschnitt, der dem dunkelroten Fell eines Fuchses glich. Auf voller Länge seines linken Unterarms hatte er sich eine gelbe Rose tätowieren lassen. Sein Hals war breiter als das schmale Kinn, die blasse, unbehaarte Brust wies Muskeln auf wie eine marmorne Atlas-Statue, und die Sommersprossen auf Armen und Schultern hoben sich wie Mückenstiche von der weißen Haut ab.

Vier Runden lang waren sie einander ebenbürtig – der Jüngere vielleicht ein wenig flinker auf den Beinen, Strike dafür technisch im Vorteil.

In der fünften Runde wehrte Strike einen Angriff ab, täuschte eine Gerade an und schickte Laing dann mit einem Nierenhaken auf die Matte. Die Anti-Strike-Fraktion im Publikum verfiel zunächst in Schweigen, als sein Gegner zu Boden ging, doch dann kamen die ersten Buhrufe, die wie das Trompeten von Elefanten klangen.

Laing war bei sechs zwar wieder auf den Beinen, aber er hatte einen Teil seiner Selbstbeherrschung auf der Matte gelassen. Wilde Schwinger; eine Weigerung, das Kommando »Break!« zu befolgen, die eine strenge Ermahnung durch den Ringrichter nach sich zog. Ein Jab, nachdem der Gong ertönt war – und die zweite Verwarnung.

Gleich in der ersten Minute der sechsten Runde gelang es Strike, die nachlassende Technik seines Gegners auszunutzen und Laing, der mittlerweile Nasenbluten hatte, in die Seile zu treiben. Als der Ringrichter sie trennte und den Kampf anschließend wieder freigab, pfiff Laing vollends auf zivilisiertes Benehmen und versuchte, einen Kopfstoß anzubringen. Als der Ringrichter erneut eingreifen wollte, rastete Laing endgültig aus. Strike konnte einem Tritt zwischen die Beine gerade noch ausweichen, doch dann umklammerten ihn Laings Arme, während sich ihm die Zähne seines Gegners ins Gesicht gruben. Strike hörte die Stimme des Ringrichters nur mehr undeutlich und nahm kaum noch wahr, wie das Gejohle der Menge plötzlich verstummte, als die Begeisterung angesichts der von Laing ausgehenden rohen Gewalt in geradezu greifbares Unbehagen umschlug. Der Ringrichter musste rabiat dazwischengehen, um die beiden zu trennen, und schrie Laing an, der jedoch nichts mehr zu hören schien, sondern sich nur kurz sammelte und erneut auf Strike losging – der ihm wiederum mühelos auswich und einen Magenhaken setzte. Laing krümmte sich zusammen, rang nach Atem und sank schließlich auf die Matte. Strike, der aus einer schmerzenden Bisswunde über dem Wangenknochen blutete, kletterte unter verhaltenem Beifall aus dem Ring.

Vierzehn Tage später wurde Strike, der das Boxturnier hinter einem Sergeant vom 3 Para als Zweiter beendet hatte, routinemäßig aus Aldershot versetzt. Zuvor hörte er noch, Laing sei wegen Disziplinlosigkeit und Unsportlichkeit im Ring zu Stubenarrest verdonnert worden. Das Urteil hätte strenger ausfallen können, aber Strike erfuhr auch, dass Laings Vorgesetzter ihm mildernde Umstände zugebilligt hatte. Laing hatte behauptet, er sei durch die Nachricht, seine Verlobte habe eine Fehlgeburt erlitten, zutiefst deprimiert in den Ring geklettert.

Schon damals, Jahre bevor zusätzliche Hinweise auf Laing ihn dazu brachten, in einem geliehenen Mini auf der Landstraße unterwegs zu sein, hatte Strike keine Sekunde lang geglaubt, dass ein toter Fötus jener Bestie etwas bedeutete, die unter Laings unbehaarter, milchweißer Haut gelauert hatte. Als er Großbritannien verlassen hatte, waren auf seinem Gesicht immer noch die Spuren von Laings Schneidezähnen sichtbar gewesen.

Drei Jahre später war Strike auf Zypern eingetroffen, um dort im Fall einer angeblichen Vergewaltigung zu ermitteln. Als er den Vernehmungsraum betrat, sah er sich zum zweiten Mal Donald Laing gegenüber, der inzwischen zugenommen hatte und stärker tätowiert war als früher; sein Gesicht war von der zyprischen Sonne dicht mit Sommersprossen gesprenkelt, und er hatte Falten um seine tief in den Höhlen liegenden Augen.

Es kam nicht überraschend, dass Laings Anwalt Einspruch gegen den Ermittler einlegte, den sein Mandant einmal gebissen hatte. Deshalb tauschte Strike die Fälle mit einem Kollegen, der auf Zypern gegen einen Drogenhändlerring ermittelte. Als Strike sich eine Woche später mit seinem Kollegen auf einen Drink traf, erfuhr er zu seiner Überraschung, dass dieser dazu tendierte, Laings Version der Geschichte zu glauben: dass das vermeintliche Opfer, eine einheimische Kellnerin, und der Angeklagte unbeholfenen, betrunkenen, einvernehmlichen Sex gehabt hätten, den sie jetzt bedauerte, weil ihr Freund Gerüchte vernommen hatte, sie hätte die Bar, in der sie arbeitete, zusammen mit Laing verlassen. Für den angeblichen Übergriff, bei dem das Opfer mit einem Messer bedroht worden sein sollte, gab es keine Zeugen.

»Echt hübsches Mädchen« – so beschrieb der andere SIB-Mann das angebliche Opfer.

Strike konnte ihm nicht widersprechen, aber er hatte nicht vergessen, dass es Laing schon mal gelungen war, nach einem disziplinlosen Gewaltexzess, den Hunderte von Zeugen mit angesehen hatten, einen Vorgesetzten für sich einzunehmen. Als Strike sich nach den Einzelheiten von Laings Aussage und dessen Verhalten erkundigte, schilderte sein Kollege ihn als cleveren, liebenswerten Mann mit trockenem Humor.

»Seine Disziplin könnte besser sein«, gab der Ermittler zu, als das Gespräch auf Laings Personalakte kam, »aber ich sehe ihn nicht als Vergewaltiger. Mit einem Mädchen von daheim verheiratet. Sie ist mit ihm hier auf der Insel.«

Unter der brennenden Sonne kehrte Strike zu seinem Drogenfall zurück. Einige Wochen später – nun mit Vollbart, der praktischerweise rasch wuchs, wenn er »ziviler« aussehen wollte, wie es beim Militär hieß – lag er auf dem Bretterboden eines verrauchten Dachbodens und bekam dort eine merkwürdige Geschichte zu Ohren. Aufgrund von Strikes ungepflegter Erscheinung, seiner Jesussandalen, der ausgebeulten Shorts und der bunten Armbänder an seinen dicken Handgelenken war es vielleicht verständlich, dass der bekiffte junge zypriotische Dealer neben ihm gar nicht erst auf die Idee kam, er könnte es mit einem britischen Militärpolizisten zu tun haben. Während die beiden sich mit Joints zwischen den Fingern entspannten, vertraute der Zyprer ihm die Namen mehrerer Soldaten an, die auf der Insel dealten – und zwar nicht nur mit Cannabis.

Der junge Mann sprach mit so starkem Akzent, dass Strike derart damit beschäftigt war, sich Annäherungen an tatsächliche oder an Decknamen zu merken, dass der Name »Dunnullung« ihn nicht sofort an jemanden erinnerte. Erst als der andere begann zu erzählen, wie »Dunnullung« seine Frau gefesselt und misshandelt habe, brachte Strike ihn mit Donald Laing in Verbindung. »Verrückter Typ«, seierte der Zyprer mit schweren Augenlidern. »Bloß weil sie abhauen wollte.« Die behutsame, fast beiläufige Nachfrage ergab, dass er die Story von Laing selbst gehört hatte. Erzählt worden war sie einesteils anscheinend, um das Gegenüber zu amüsieren, andernteils aber auch, um dem jungen Mann klarzumachen, mit wem er es zu tun hatte.

Die Siedlung Seaforth Estate lag in der prallen Mittagssonne, als Strike sie tags darauf besuchte. Die Häuschen dort waren die ältesten Militärunterkünfte auf der ganzen Insel: weiß gestrichen und leicht heruntergekommen. Für seinen Besuch hatte er eine Zeit gewählt, in der Laing, der tatsächlich nicht wegen der Vergewaltigung angeklagt worden war, im Dienst war. Als er an der Haustür klingelte, hörte er, dass irgendwo im Haus ein Baby weinte.

»Anscheinend leidet sie an Platzangst«, teilte ihm eine geschwätzige Nachbarin unaufgefordert mit, die ins Freie getreten war, um ihre Meinung kundzutun. »Mit ihr stimmt irgendwas nicht, wenn Sie mich fragen. Sie ist irrsinnig schüchtern.«

»Was ist mit ihrem Mann?«, fragte Strike.

»Donnie? Oh, der ist immer nett und fröhlich, Donnie«, antwortete die Nachbarin heiter. »Sie sollten hören, wie er Corporal Oakley imitiert! Oh, das kann er wirklich gut. So witzig!«

Es gab Vorschriften – sogar viele –, die genau festlegten, unter welchen Umständen die Unterkunft eines Soldaten auch ohne seine ausdrückliche Zustimmung betreten werden durfte. Strike hämmerte an die Haustür, ohne eine Antwort zu bekommen. Das Baby weinte immer noch. Als Nächstes umrundete er das Haus. Sämtliche Vorhänge waren zugezogen. Er klopfte an die Hintertür. Nichts.

Falls er seine Handlungsweise rechtfertigen müsste, würde er sie nur mit dem weinenden Baby begründen können. Allerdings würde selbst das nicht als ausreichender Grund gelten, um sich ohne Durchsuchungsbeschluss Zutritt zu dem Haus zu verschaffen. Doch auch wenn Strike jedem misstraute, der sich allzu sehr auf Instinkt oder Intuition verließ, war er doch der Überzeugung, dass hier irgendwas nicht stimmte. Er besaß ein sicheres Gespür für Dinge, die seltsam oder böse waren. In seiner Kindheit hatte er Situationen miterlebt, von denen andere sich lieber vorstellten, sie passierten nur im Film.

Die Tür gab nach und flog auf, als er sich zum zweiten Mal dagegenwarf. In der Küche roch es faulig. Der Mülleimer war tagelang nicht mehr geleert worden. Er ging weiter ins Haus hinein.

»Mrs. Laing?«

Keine Antwort. Die schwachen Schreie des Babys kamen aus dem Obergeschoss. Er stieg die Treppe hinauf und rief wiederholt nach Mrs. Laing.

Die Tür zum Elternschlafzimmer stand offen. Der Raum dahinter lag im Halbdunkel – und stank entsetzlich.

»Mrs. Laing?«

Sie war nackt, mit einem Handgelenk ans Kopfende des Betts gefesselt und nur teils mit einem blutbefleckten Laken bedeckt. Das Baby, das bloß eine Windelhose trug, lag neben ihr auf der Matratze. Strike konnte auf einen Blick erkennen, dass es irgendwie verschrumpelt, ungesund aussah.

Sobald er den Raum durchquerte, um sie loszubinden, und gleichzeitig nach seinem Handy angelte, um einen Krankenwagen anzufordern, krächzte sie heiser: »Nein … Gehen Sie weg … Verschwinden Sie …«

Ein solches Entsetzen hatte Strike nur selten erlebt. In seiner Unmenschlichkeit hatte ihr Ehemann fast übernatürliche Züge angenommen. Selbst während Strike sich bemühte, ihr blutiges, geschwollenes Handgelenk loszubinden, flehte sie ihn an, sie liegen zu lassen. Laing hatte ihr gedroht, sie umzubringen, wenn das Baby bei seiner Heimkehr nicht besser aussähe. Sie schien sich keine Zukunft vorstellen zu können, in der Laing keine Übermacht über sie hatte.

Donald Laing wurde wegen fortgesetzter Misshandlung seiner Frau zu sechzehn Jahren Haft verurteilt, und Strikes Ermittlungen hatten ihn hinter Gitter gebracht. Laing hatte bis zuletzt alles geleugnet und behauptet, seine Frau hätte sich selbst gefesselt, ihr gefiele das, sie wäre in dieser Hinsicht pervers, sie hätte das Baby vernachlässigt und versucht, ihm etwas anzuhängen, das Ganze wäre eine abgekartete Sache.

Die Erinnerungen daran gehörten zu den schmutzigsten, die er besaß, und Strike durchlebte sie nochmals, während er mit dem Mini über sanfte Hügel fuhr, die in der stärker werdenden Sonne grün leuchteten. Mit Landschaften dieser Art war Strike nicht vertraut. In ihrer Kargheit, ihrer stummen Majestät besaßen die riesigen Granitfelsen, diese sich endlos aneinanderreihenden Hügel eine für ihn fremdartige Grandeur. Einen Großteil seiner Kindheit hatte er hoch über der Küste verbracht, wo der Geschmack von Salz in der Luft hing; dies hier – die Wälder und Flüsse – war auf ganz andere Weise geheimnisvoll und rätselhaft als St. Mawes, die Kleinstadt mit der langen Schmugglergeschichte, in der bunte Häuser wie willkürlich hingeworfen bis hinunter an den Strand erbaut worden waren.

Während er an einem spektakulären Viadukt rechts der Straße vorbeifuhr, dachte er über Psychopathen nach – und dass sie offenbar überall anzutreffen waren, nicht nur in heruntergekommenen Mietskasernen und Slums und besetzten Häusern. Sogar hier in dieser bukolisch heiteren Umgebung. Leute wie Laing glichen Ratten: Man wusste, dass sie da waren, aber man dachte nicht über sie nach, bis man tatsächlich einer begegnete.

Beiderseits der Straße hielten zwei steinerne Miniaturburgen Wache. Als Strike in Donald Laings Heimatstadt einfuhr, brach die Sonne gleißend hell durch die Wolken.

16

So grab your rose and ringside seat,

We’re back home at Conry’s bar.

BLUE ÖYSTER CULT, »BEFORE THE KISS«

Hinter der Glastür eines Geschäfts an der High Street hing ein Geschirrtuch, das mit schwarzen Strichzeichnungen von hiesigen Sehenswürdigkeiten bedruckt war. Was aber Strikes Aufmerksamkeit geweckt hatte, waren die stilisierten gelben Rosen, die genau wie die Tätowierung aussahen, die er auf Donald Laings muskulösem Unterarm gesehen hatte. Er blieb stehen, um das Loblied auf Melrose in der Mitte zu lesen:

It’s oor ain toon

It’s the best toon

That ever there be:

Here’s tae Melrose,

Gem o’ Scotland,

The toon o’ the free.

Er hatte den Mini auf dem Parkplatz der Abtei abgestellt, deren dunkelrote Gewölbebogen vor einem blassblauen Himmel aufragten. Dahinter stand im Südosten der dreigipflige Eildon Hill, den Strike schon auf dem Stadtplan entdeckt hatte und der die Skyline wirkungsvoll umrahmte. Nach einem Schinkenbrötchen, das er in einem benachbarten Café gekauft und an einem der Tische auf dem Gehweg vertilgt hatte, ehe eine Zigarette und sein zweiter starker Tee an diesem Tag gefolgt waren, machte Strike sich zu Fuß auf die Suche nach dem Wynd – der Heimatadresse, die Laing sechzehn Jahre zuvor bei seinem Eintritt in die Army angegeben hatte und von der Strike nicht genau wusste, wie sie richtig ausgesprochen wurde: einfach als »Wind« wie in Brise? Wie »Wünd« oder »Weind«?

Bei Sonnenschein strahlte die Kleinstadt regelrecht, als Strike die leicht ansteigende High Street zum Market Square hinaufschlenderte, wo eine von einem Einhorn gekrönte Säule in einer riesigen Blumenschale stand. Ein ins Pflaster eingelassener runder Stein trug den alten römischen Stadtnamen Trimontium, der sich auf den dreigipfligen Hügel hinter Melrose bezog, wie Strike wusste.

Er schien das Wynd verpasst zu haben, das dem Stadtplan auf seinem Smartphone zufolge von der High Street abzweigte. Als er zurückging, entdeckte er rechter Hand den schmalen Durchgang – gerade breit genug für einen Fußgänger –, der in einen düsteren Innenhof mündete. Laings Elternhaus hatte eine leuchtend blaue Haustür, zu der eine kleine Treppe hinaufführte.

Auf Strikes Klopfen kam fast augenblicklich eine hübsche Schwarzhaarige an die Tür, die zu jung war, um Laings Mutter sein zu können. Als Strike ihr erklärte, weshalb er gekommen war, antwortete sie mit jenem weichen hiesigen Akzent, den er so anziehend fand: »Mrs. Laing? Die wohnt seit zehn Jahren oder noch länger nicht mehr hier.« Und noch ehe Strike enttäuscht sein konnte, fügte sie hinzu: »Sie ist in die Dingleton Road gezogen.«

»Dingleton Road? Ist das weit?«

»Gleich dort oben.« Sie deutete nach rechts hinter sich. »Die Hausnummer weiß ich allerdings nicht, sorry.«

»Kein Problem. Danke für Ihre Hilfe.«

Als Strike durch den düsteren Durchgang auf die in der Sonne liegende High Street zurückkehrte, fiel ihm auf, dass er Donald Laing nie sprechen gehört hatte, wenn er von den unflätigen Beschimpfungen absah, die der junge Soldat ihm im Boxring ins Ohr gefaucht hatte. Weil Strike auf Zypern mit Bart als verdeckter Ermittler gegen Drogenhändler im Einsatz gewesen war, hatte er im britischen Oberkommando nicht ein und aus gehen dürfen, sodass Laing nach seiner Verhaftung von anderen vernommen worden war. Als Strike dann seine Ermittlungen erfolgreich abgeschlossen hatte und wieder glatt rasiert gewesen war, hatte er zwar gegen Laing ausgesagt, war aber bereits wieder auf dem Heimflug gewesen, bis Laing bei Gericht aufgesprungen war, um den Vorwurf zurückzuweisen, er habe seine Frau gefesselt oder misshandelt. Während Strike den Market Square überquerte, fragte er sich, ob sein Borders-Akzent zu den Gründen gehört hatte, warum so viele bereit gewesen waren, an Donnie Laing zu glauben, ihm zu verzeihen, ihn zu mögen. Der Detektiv meinte, irgendwo einmal gelesen zu haben, dass Werbeagenturen schottische Akzente gezielt einsetzten, um Integrität und Ehrlichkeit zu suggerieren.

Der einzige Pub, den er bislang gesehen hatte, befand sich direkt an einer Straßenecke auf dem Weg zur Dingleton Road. Melrose schien eine Vorliebe für Gelb zu haben: Während das Mauerwerk weiß gestrichen worden war, waren die Fensterrahmen und die zweiflügelige Tür des Pubs giftgelb-schwarz abgesetzt. Strike mit seinem kornischen Background amüsierte sich darüber, dass ein Pub in einer im Hinterland liegenden Stadt sich Ship Inn nennen konnte. Er marschierte weiter zur Dingleton Road, die unter einer Brücke hindurch und dann über einen steilen Hügel weiterführte.

Die Auskunft »nicht weit« war relativ, wie Strike schon oft hatte feststellen müssen, seit er seinen rechten Unterschenkel eingebüßt hatte. Nach einem zehnminütigen Marsch den Hügel hinauf bedauerte er allmählich, dass er nicht zum Parkplatz der Abtei zurückgegangen war und den Mini genommen hatte. Unterwegs fragte er zwei Frauen, ob sie wüssten, wo Mrs. Laing wohnte; beide waren freundlich und höflich, konnten ihm aber nicht weiterhelfen. Schwitzend stapfte er an einer Reihe weißer Bungalows entlang weiter, bis er einem älteren Mann begegnete, der eine Tweedkappe trug und mit einem schwarz-weißen Border Collie Gassi ging.

»Entschuldigung«, sagte Strike. »Wissen Sie zufällig, wo Mrs. Laing wohnt? Ich hab die Hausnummer vergessen.«

»Messus Laing?«, wiederholte der Hundebesitzer und musterte Strike unter buschigen, grau melierten Augenbrauen hervor. »Aye, das ist meine Nachbarin.«

Gott sei Dank.

»Drei Häuser weiter«, sagte der Mann und wies in die entsprechende Richtung, »mit dem steinernen Wunschbrunnen im Vorgarten.«

»Ich danke Ihnen sehr«, sagte Strike.

Als er in Mrs. Laings Einfahrt abbog, sah er aus dem Augenwinkel, dass der alte Mann noch immer dastand und ihn beobachtete, obwohl der Collie versuchte, ihn bergab weiterzuziehen.

Mrs. Laings Bungalow wirkte gepflegt und anständig. Steintiere von disneyhafter Niedlichkeit bevölkerten den Rasen und lugten aus den Blumenbeeten. Die Haustür lag im Schatten an der Seite des Hauses. Erst als Strike die Hand nach dem Türklopfer ausstreckte, wurde ihm klar, dass er vielleicht binnen Sekunden Donald Laing gegenüberstehen würde.

Nachdem er angeklopft hatte, passierte eine ganze Minute lang gar nichts, außer dass der ältliche Hundebesitzer umkehrte und nun ungeniert von Mrs. Laings Gartentor herüberstarrte. Wahrscheinlich bereute er es mittlerweile, die Adresse seiner Nachbarin herausgegeben zu haben, und wollte sich vergewissern, dass der große Kerl keine bösen Absichten hegte. Aber da lag Strike falsch.

»Sie ist daheim«, rief der Mann ihm zu, gerade als Strike überlegte, ob er noch mal anklopfen sollte. »Aber sie ist mall.«

»Was ist sie?«, rief Strike zurück, während er erneut anklopfte.

»Mall. Plemplem.«

Der Hundebesitzer machte ein paar Schritte die Einfahrt herauf und kam auf Strike zu.

»Dement«, übersetzte er für den Engländer.

»Ah«, sagte Strike.

Die Haustür ging auf. Dahinter kam eine zierliche, blasse, weißhaarige alte Frau in einem dunkelblauen Morgenrock zum Vorschein. Sie starrte mit einer Art planloser Bösartigkeit zu Strike empor. Auf ihrem Kinn sprossen mehrere borstige weiße Barthaare.

»Mrs. Laing?«

Sie sagte nichts, sondern musterte ihn nur mit Augen, die einst – das wusste Strike – glänzend und frettchenartig gewesen sein mussten, auch wenn sie jetzt blutunterlaufen und verblasst waren.

»Mrs. Laing, ich suche Ihren Sohn Donald.«

»Nein«, sagte sie überraschend nachdrücklich, »nein!«, wich zurück und knallte die Haustür zu.

»Scheiße«, murmelte Strike und musste unwillkürlich wieder an Robin denken. Sie hätte es wahrscheinlich besser verstanden, die kleine alte Frau für sich einzunehmen. Als er sich langsam abwandte, fragte er sich, ob es in Melrose vielleicht sonst jemanden gab, der ihm helfen könnte – die Suchmaschine 192.com hatte an diesem Ort noch weitere Laings verzeichnet –, und stand plötzlich dem Hundebesitzer direkt gegenüber, der bis ganz zu ihm herangekommen war und verhalten aufgeregt wirkte.

»Sie sind der Detektiv«, stellte er fest. »Sie sind der Detektiv, der ihren Sohn hinter Gitter gebracht hat.«

Strike war verblüfft. Er konnte sich nicht vorstellen, woher ein ältlicher Schotte, den er noch nie gesehen hatte, ihn kennen sollte. Seine sogenannte Berühmtheit reichte nicht allzu weit, wenn es darum ging, von Fremden wiedererkannt zu werden. Er war täglich auf den Londoner Straßen unterwegs, ohne dass sich jemand darum scherte, wer er war, und außer in Fällen, in denen jemand ihn kennenlernte oder im Zusammenhang mit Ermittlungen seinen Namen hörte, wurde er selten mit der Berichterstattung über seine erfolgreich gelösten Fälle in Verbindung gebracht.

»Aye, das waren Sie!«, sagte der alte Mann noch aufgeregter. »Meine Frau und ich sind mit Margaret Bunyan befreundet.« Und als er sah, dass der Name Strike nichts sagte, fügte er hinzu: »Rhonas Mutter.«

Strikes Gedächtnis brauchte ein paar Sekunden, um die Information auszuspucken, dass Laings junge Ehefrau, die er in blutbefleckten Laken ans Bett gefesselt aufgefunden hatte, Rhona geheißen hatte.

»Als Margaret Ihr Bild in der Zeitung gesehen hat, hat sie zu uns gesagt: ›Das ist er, das ist der Bursche, der unsere Rhona gerettet hat!‹ Sie sind jetzt sehr erfolgreich, nicht wahr? Platz, Wullie!«, schalt er den zappligen Collie, der weiter an der Leine zerrte und auf die Straße zurückwollte. »Oh, aye, Margaret verfolgt alles, was Sie tun, alle Storys in den Zeitungen. Sie haben rausgekriegt, wer dieses Model ermordet hat … und diesen Schriftsteller! Margaret wird Ihnen nie vergessen, was Sie für ihre Tochter getan haben, niemals!«

Strike murmelte etwas, was hoffentlich so klang, als wäre er für Margarets Wertschätzung dankbar.

»Weshalb wollen Sie denn mit der alten Mrs. Laing reden? Hat er wieder was angestellt, Donnie?«

»Ich bin bloß auf der Suche nach ihm«, antwortete Strike ausweichend. »Wissen Sie, ob er zurück in Melrose ist?«

»Nein, das glaub ich nicht. Vor ein paar Jahren war er wieder hier, hat seine Mutter besucht, aber ich wüsste nicht, dass er seitdem noch mal zurückgekommen wäre. Das hier ist eine kleine Stadt: Wenn Donnie Laing wieder da wäre, würden wir’s mitbekommen, verstehn Sie?«

»Glauben Sie, dass Mrs. – Bunyan, haben Sie gesagt? –, dass sie vielleicht mehr …«

»Sie würde Sie liebend gerne kennenlernen«, sagte der alte Mann aufgeregt. »Nein, Wullie!«, blaffte er den winselnden Collie an, der ihn zum Tor zurückzerren wollte. »Ich ruf sie an, soll ich? Sie wohnt gleich drüben in Darnick. Im nächsten Dorf. Soll ich sie anrufen?«

»Das wäre sehr hilfreich.«

Strike begleitete ihn ins Nachbarhaus und wartete in einem kleinen, mustergültig aufgeräumten Wohnzimmer, während der alte Mann aufgeregt ins Telefon brabbelte, ohne sich um das immer drängendere Winseln des Collies zu kümmern.

»Sie kommt rüber«, verkündete der alte Mann und hielt die Sprechmuschel mit einer Hand bedeckt. »Wollen Sie hier mit ihr reden? Das können Sie gern. Meine Frau macht Tee …«

»Danke, aber ich hab noch einiges zu erledigen«, log Strike, der bezweifelte, dass in Anwesenheit dieses geschwätzigen Zeugen eine erfolgreiche Befragung möglich sein würde. »Könnten Sie sie vielleicht fragen, ob sie Zeit hätte, mit mir im Ship Inn zu Mittag zu essen? In einer Stunde?«

Die Waagschale senkte sich zu Strikes Gunsten, auch weil der Collie zusehends auf seinen Auslauf drängte. Die beiden Männer verließen das Haus und gingen miteinander den Hügel hinunter, wobei der Collie so zerrte, dass Strike ein rascheres Tempo einschlagen musste, als ihm bei dem starken Gefälle angenehm war. Auf dem Market Square verabschiedete er sich erleichtert von seiner hilfsbereiten Bekanntschaft. Der Alte ging fröhlich winkend weiter in Richtung River Tweed, und Strike, der jetzt leicht hinkte, schlenderte die High Street entlang, um die Zeit totzuschlagen, bis er ins Ship Inn zurückkehren müsste.

Am unteren Ende der Straße stieß er auf eine weitere Explosion aus giftigem Gelb und sattem Schwarz, die – das erkannte er erst jetzt – die Farbgebung des Ship Inn erklärte. Auch hier war wieder die gelbe Rose zu sehen – auf einer Tafel mit der Aufschrift MELROSE RUGBY FOOTBALL CLUB. Strike blieb mit den Händen in den Hosentaschen stehen und betrachtete über eine niedrige Mauer hinweg das von Bäumen umstandene ebene Spielfeld aus smaragdgrünem Samt mit gelben Rugbytoren, die in der Sonne leuchteten, einer Tribüne am rechten Rand und den dahinter aufragenden sanften Hügeln. Das Feld war genauso gut gepflegt wie jedes Gotteshaus und eine außergewöhnlich luxuriöse Anlage für eine so kleine Stadt.

Während Strike über den weiten Samtteppich hinausstarrte, erinnerte er sich wieder an Whittaker, der sich rauchend und stinkend in der Ecke ihrer Wohnung gefläzt hatte, während Leda neben ihm lag und sich mit offenem Mund Beschreibungen seines harten Lebens anhörte – gutgläubig und gierig wie ein Vogeljunges, wie Strike jetzt erkannte, nach den Lügengeschichten, die Whittaker für sie erfand. In Ledas Augen hätte Gordonstoun ebenso gut Alcatraz sein können: Sie hielt es für geradezu empörend, dass ihr zarter Poet in den harten schottischen Winter hinausgetrieben worden war, um sich in Schlamm und Regen herumschubsen und auf sich eindreschen zu lassen.

»Doch nicht Rugby, Darling! Oh, mein armes Baby … Du als Rugbyspieler!«

Und als der siebzehnjährige Strike (damals gerade mit einer vom Boxtraining geschwollenen Unterlippe) bei seinen Hausaufgaben leise in sich hineinkicherte, rappelte Whittaker sich schwankend auf und plärrte in seinem widerlich nachgemachten Cockney-Einschlag: »Scheiße, was gibt’s da zu lachen, Blödmann?«

Whittaker konnte nicht ertragen, dass auf seine Kosten gelacht wurde. Er brauchte Bewunderung, gierte regelrecht danach; wann immer sie ausblieb, verbreitete er Angst und sogar Hass als Zeichen seiner Macht. Spott indes bewies, dass jemand anderes sich ihm überlegen fühlte, und das war für ihn unerträglich.

»Scheiße, dir würd’s gefallen, stimmt’s, du blödes kleines Aas? Hältst dich für beschissenes Offiziersmaterial, was? Du hättest Spaß mit diesen Rugbybumsern! Soll sein reicher Daddy ihn doch nach Gordonstoun schicken!«, kreischte Whittaker Leda an.

»Beruhige dich, Darling«, hatte sie ihn beschwichtigt, nur um sofort etwas bestimmter hinzuzufügen: »Nicht, Corm!«

Strike war aufgesprungen, hatte die Muskeln angespannt, bereit, Whittaker zu vermöbeln. So kurz davor war er noch nie gewesen, doch dann hatte sich seine Mutter leicht schwankend zwischen sie gedrängt und auf Whittakers und Cormorans keuchende Brust je eine schmale, vielberingte Hand gelegt.

Strike blinzelte, und das in hellem Sonnenschein vor ihm liegende Spielfeld – Ort harmloser Wettkämpfe und fröhlicher Aufregung – kehrte wieder in den Fokus zurück. Er konnte Laub, Gras und den warmen Asphalt neben sich riechen. Langsam machte er kehrt und trat den Rückweg zum Ship Inn an. Er sehnte sich nach einem Drink, aber sein heimtückisches Unterbewusstsein war immer noch nicht mit ihm im Reinen.

Der Anblick des glatten Rugbyfelds hatte weitere Erinnerungen in ihm geweckt, in denen der schwarzhaarige, dunkeläugige Noel Brockbank mit der abgebrochenen Bierflasche in der Hand auf ihn zustürmte. Brockbank war massig, stark und schnell gewesen: ein Flügelstürmer. Strike wusste noch gut, wie seine Hand sich um die Seite der abgebrochenen Flasche geschlossen hatte, als das gezackte Glas eben seinen Hals berührte …

Schädelbasisbruch – das war die Diagnose gewesen. Blutung aus dem Ohr. Schwerer Gehirnschaden.

»Scheiße, Scheiße, Scheiße«, murmelte Strike im Takt seiner Schritte halblaut vor sich hin.

Laing. Seinetwegen bist du hier. Laing.

Er ging unter der Galeere aus Metall mit leuchtend gelben Segeln hindurch, die über dem Eingang des Ship Inn hing. MELROSES EINZIGER PUB, verkündete ein Schild im Eingangsbereich.

Strike fand die Atmosphäre sofort beruhigend: überall warme Farben, glänzendes Glas und poliertes Messing; ein Teppichboden in verblichenen Braun-, Rot- und Grüntönen; dunkel pfirsichfarbene Wände, teilweise mit Sichtmauerwerk. Überall hingen weitere Beweise dafür, wie sportverrückt Melrose war: schwarze Bretter, auf denen Spiele angekündigt wurden, mehrere riesige Plasmabildschirme und an der Wand über dem Urinal (Strike hatte schon stundenlang nicht mehr gepinkelt) ein kleiner Fernseher für den Fall, dass zu einem Zeitpunkt, da eine volle Blase nicht länger ignoriert werden konnte, beim Rugby ein Versuch anstand.

Im Hinblick auf seine bevorstehende Rückfahrt nach Edinburgh in Hardacres Mini bestellte er sich nur ein halbes Pint John Smith’s, setzte sich auf ein Ledersofa gegenüber der Theke, studierte die laminierte Speisekarte und hoffte, Margaret Bunyan würde pünktlich kommen. Erst jetzt spürte er, wie ausgehungert er war.

Sie traf nur fünf Minuten später ein. Obwohl er sich kaum mehr daran erinnern konnte, wie ihre Tochter ausgesehen hatte, und Mrs. Bunyan nicht kannte, verriet sie ihr Gesichtsausdruck – die Mischung aus Besorgnis und gespannter Erwartung –, als sie ihm noch vom Fußabstreifer aus entgegenstarrte.

Als Strike aufstand, stolperte sie vorwärts. Ihre Hände umklammerten die Bügel einer großen Handtasche.

»Sie sind es wirklich«, sagte sie atemlos.

Sie war um die sechzig, wirkte klein und zerbrechlich, hatte eine Nickelbrille auf der Nase und blickte unter ihrem straff dauergewellten blonden Haar sorgenvoll drein.

Strikes Pranke schüttelte ihre zarte, kalte Hand, die leicht zitterte.

»Ihr Dad ist heute drüben in Hawick, er kann leider nicht kommen, ich hab ihn angerufen, aber er lässt Ihnen ausrichten, dass wir niemals vergessen werden, was Sie für unsere Rhona getan haben«, sagte sie in einem einzigen Atemzug. Sie sank neben Strike aufs Sofa und betrachtete ihn weiter mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Nervosität. »Wir haben’s nie vergessen. Wir haben in der Zeitung von Ihnen gelesen. Das mit Ihrem Bein hat uns sehr leidgetan. Was Sie für Rhona getan haben! Was Sie für …«

In ihren Augen standen plötzlich Tränen.

»Wir waren so …«

»Ich freue mich, dass ich …«

… Ihre Tochter nackt an ein blutbeflecktes Bett gefesselt auffinden konnte?

Mit Angehörigen darüber zu sprechen, was Menschen, die sie liebten, erlitten hatten, gehörte zu den unangenehmsten Pflichten, die sein Job mit sich gebracht hatte.

»… ihr helfen konnte.«

Mrs. Bunyan zog ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und putzte sich die Nase. Er konnte ihr ansehen, dass sie zu der Generation von Frauen gehörte, die normalerweise nicht allein in einen Pub gingen und sich erst recht keinen Drink an der Bar holen würden, solange ein Mann anwesend war, der ihnen diese Tortur ersparen konnte.

»Lassen Sie mich Ihnen was holen …«

»Nur einen Orangensaft«, sagte sie atemlos und tupfte sich die Augen trocken.

»Und etwas zu essen«, drängte Strike, der es kaum erwarten konnte, sich den Goldbarsch im Bierteig mit Pommes frites zu bestellen.

Als er von der Bar zurückkehrte, fragte sie ihn unumwunden, was ihn nach Melrose geführt habe – und offenbarte auch sogleich den Grund für ihre Nervosität. »Er ist doch nicht zurückgekommen? Donnie? Ist er etwa wieder da?«

»Meines Wissens nicht«, sagte Strike. »Ich habe keine Ahnung, wo er sich aufhält.«

»Glauben Sie, dass er etwas damit zu tun hat, dass …« Ihre Stimme war zu einem Flüstern herabgesunken. »Wir haben’s in der Zeitung gelesen … Wir haben die Meldung gesehen, dass jemand Ihnen ein … ein …«

»Tja«, sagte Strike. »Keine Ahnung, ob er was damit zu tun hat, aber ich würde ihn gerne finden. Anscheinend hat er seine Mutter nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis noch einmal besucht …«

»Ach, das ist mindestens vier, fünf Jahre her«, sagte Margaret Bunyan. »Er hat urplötzlich vor der Tür gestanden, hat sich gewaltsam Zutritt zu ihrem Haus verschafft. Sie hat Alzheimer. Sie konnte ihn nicht aufhalten, aber die Nachbarn haben seine Brüder angerufen, und die sind sofort vorbeigekommen und haben ihn rausgeworfen.«

»Ach ja?«

»Donnie ist der Jüngste. Er hat vier ältere Brüder. Alles ziemlich harte Kerls«, sagte Mrs. Bunyan. »Jamie lebt in Selkirk – er ist auf der Stelle rübergekommen, um Donnie rauszuwerfen. Angeblich hat er ihn bewusstlos geschlagen.« Das Glas zitterte in ihrer Hand, als sie einen Schluck Orangensaft nahm und dann fortfuhr: »Wir haben alles haarklein erzählt bekommen. Unser Freund Brian, mit dem Sie vorhin gesprochen haben, hat den Kampf auf offener Straße mit angesehen. Vier gegen einen – sie schrien herum und brüllten. Irgendwer hat dann die Polizei geholt. Jamie wurde verwarnt, aber das war ihm egal«, sagte Mrs. Bunyan. »Sie wollten ihn nicht in ihrer Nähe haben und erst recht nicht in der Nähe ihrer Mutter. Sie haben ihn aus der Stadt gejagt. Ich hatte schreckliche Angst«, fuhr sie fort, »wegen Rhona. Er hatte immerhin mehrmals damit gedroht, er würde sie nach seiner Entlassung aufspüren.«

»Und hat er’s getan?«, fragte Strike.

»Oh ja«, sagte Margaret Bunyan trübselig. »Wir wussten, das würde eines Tages passieren. Sie war nach Glasgow gezogen, hat dort in einem Reisebüro gearbeitet. Trotzdem hat er sie dort ausfindig gemacht. Ein halbes Jahr lang hatte sie in der Angst gelebt, er könnte irgendeines Tages aufkreuzen, und dann war er tatsächlich da. Ist eines Nachts in ihre Wohnung eingedrungen. Aber er war krank. Er war nicht mehr der Alte.«

»Krank?«, hakte Strike scharf nach.

»Ich weiß nicht mehr, was er hatte – wohl irgendeine Art Arthritis, und Rhona hat gesagt, er wäre richtig fett geworden. Ist eines Nachts einfach in ihre Wohnung marschiert, er hatte sie aufgespürt, aber Gott sei Dank«, sagte Mrs. Bunyan und atmete hörbar auf, »war ihr Verlobter über Nacht da. Er heißt Ben«, schloss sie triumphierend und mit hektischen roten Flecken auf den blassen Wangen, »und ist Polizeibeamter

Als erwartete sie, Strike würde das besonders gerne hören – als wären Ben und er Kameraden in irgendeiner hehren Gemeinschaft aus Ermittlern.

»Inzwischen haben sie geheiratet«, erzählte Margaret Bunyan. »Kinder haben sie nicht, weil … Na ja, Sie wissen, warum …«

Und im nächsten Augenblick strömten ihr hinter der Brille ganz ohne Vorwarnung Tränen über das Gesicht. Was vor einem Jahrzehnt Schreckliches passiert war, war mit einem Mal wieder so frisch und roh, als wäre auf den Tisch vor ihnen eine Fuhre Mist gekippt worden.

»Laing hatte sie mit dem Messer innerlich schwer verletzt«, flüsterte Mrs. Bunyan.

Sie vertraute sich Strike an, als wäre er ein Arzt oder irgendein Geistlicher, und offenbarte ihm all die Geheimnisse, die auf ihr gelastet hatten und die sie ihren Freundinnen nicht hatte erzählen dürfen, während er das Schlimmste bereits wusste. Während sie ihr Taschentuch wieder aus der quadratischen Handtasche angelte, erinnerte Strike sich an den großen Blutfleck auf dem Bettlaken und die aufgeschürfte Haut am Handgelenk, wo Rhona versucht hatte, sich zu befreien. Ein Glück, dass ihre Mutter nicht in seinen Kopf sehen konnte.

»Er hat sie innerlich verletzt … und die Ärzte haben noch versucht … Sie wissen schon … sie wieder zusammenzuflicken …«

Als die zitternde Margaret Bunyan eben tief Luft holte, wurden ihre Mahlzeiten serviert.

»Aber Ben und sie machen wundervolle Urlaube«, flüsterte sie verzweifelt, während sie sich wiederholt die eingefallenen Wangen abtupfte und dann die Brille anhob, um sich die Augen zu trocknen. »Und sie züchten … sie züchten Deutsche … Deutsche Schäferhunde.«

Obwohl Strike einen Bärenhunger hatte, brachte er unmittelbar nach der Schilderung von Rhona Laings Martyrium kaum einen Bissen herunter.

»Hatten Laing und sie nicht ein gemeinsames Kind?«, fragte er und konnte das leise Wimmern neben der blutenden, dehydrierten Mutter regelrecht wieder hören. »Der Junge muss jetzt – was – ungefähr zehn sein?«

»Er ist g-gestorben«, flüsterte sie, während ihr Tränen vom Kinn tropften. »P-plötzlicher Kindstod. Er war von klein auf kränklich gewesen, das arme Würmchen. Es ist z-zwei Tage nach D-Donnies Verhaftung passiert. Und da hat e-er – Donnie – sie aus dem Gefängnis angerufen und ihr vorgeworfen, sie hätte das Baby umgebracht … und er würde sie umbringen, sobald er wieder rauskäme …«

Strike legte der schluchzenden Frau kurz die Hand auf die Schulter, dann stemmte er sich hoch und ging zu der jungen Kellnerin hinüber, die sie mit offenem Mund anstarrte. Brandy erschien ihm zu stark für das zierliche Wesen hinter ihm auf dem Ledersofa. Strikes Tante Joan, die nur wenig älter war als Mrs. Bunyan, hatte Portwein immer schon als Medizin gepriesen. Also ließ er sich ein Glas Port geben und kehrte damit zurück.

»Hier. Trinken Sie das.«

Sein Lohn war eine neuerliche Tränenflut, aber nachdem sie sich das Gesicht noch einmal mit dem feuchten Taschentuch abgetupft hatte, sagte sie mit zittriger Stimme: »Sehr freundlich von Ihnen«, nahm einen kleinen Schluck, hüstelte und holte tief Luft und blinzelte ihn dann aus blass bewimperten Augen an, die rot wie die eines Ferkels waren.

»Haben Sie eine Ahnung, wohin Laing verschwunden ist, nachdem er bei Rhona aufgekreuzt war?«

»Ja«, flüsterte sie. »Ben hat übers Bewährungsamt ein paar Nachforschungen anstellen lassen. Er scheint nach Gateshead gegangen zu sein, aber ob er noch dort wohnt, weiß ich nicht.«

Gateshead. Unwillkürlich musste Strike an denjenigen Donald Laing denken, auf den er online gestoßen war. Und dann von Gateshead nach Corby? Oder waren das zwei verschiedene Männer?

»Jedenfalls«, sagte Mrs. Bunyan, »hat er Rhona und Ben nie mehr belästigt.«

»Das glaub ich gern«, sagte Strike und griff nach seinem Besteck. »Ein Cop und Deutsche Schäferhunde? Laing ist schließlich nicht dumm.«

Seine Worte schienen sie aufzumuntern und zu trösten, sodass sie mit verweinten Augen nun doch schüchtern von ihrem Nudelauflauf kostete.

»Die beiden haben jung geheiratet«, bemerkte Strike, der möglichst viel über Laing hören wollte. Er brauchte Hinweise auf dessen Umgang und Gewohnheiten.

Sie nickte, schluckte trocken und sagte: »Viel zu jung. Sie sind zusammengekommen, als Rhona gerade fünfzehn war. Uns hat das nicht gefallen. Wir hatten alles Mögliche über Donnie Laing gehört. Auch die Geschichte von dem Mädchen, das ihn angezeigt hat, weil er versucht haben soll, sie nach der Young Farmers’ Disco zu vergewaltigen. Aber daraus ist nie etwas geworden. Die Polizei meinte, es hätte nicht genug Beweise gegeben. Wir haben versucht, Rhona vor ihm zu warnen«, sagte sie mit einem Seufzer, »aber das hat sie nur umso mehr in seine Arme getrieben. Sie war immer schon sehr eigensinnig, unsere Rhona.«

»Er war bereits wegen versuchter Vergewaltigung angezeigt worden?«, fragte Strike. Der Pub füllte sich allmählich, wofür er dankbar war; so war die neugierige Kellnerin endlich abgelenkt.

»Oh ja! Die Laings sind samt und sonders ziemlich unangenehme Leute«, sagte Mrs. Bunyan und ließ einen Kleinstadt-Snobismus durchscheinen, den Strike aus seiner Kindheit und Jugend noch gut kannte. »Die Jungs … Sie haben sich in einem fort geprügelt, hatten ständig Ärger mit der Polizei … Aber er war der Schlimmste von allen. Nicht mal seine Brüder mochten ihn. Ich glaube ehrlich gesagt, nicht mal seine Mutter hat ihn leiden können. Gerüchteweise hieß es«, sagte sie plötzlich in verschwörerischem Ton, »er wäre gar nicht das Kind seines Vaters. Die Eltern hatten sich zerstritten und sich ungefähr zu der Zeit getrennt, als sie mit Donnie schwanger wurde. Angeblich hatte sie was mit einem hiesigen Polizisten. Ob das stimmt, weiß ich allerdings nicht. Der Polizist wurde versetzt, und Mr. Laing ist wieder eingezogen – aber Donnie hat er nie gemocht, das weiß ich sicher. Konnte ihn nicht ausstehen. Angeblich weil er wusste, dass Donnie nicht von ihm war. Und er war der Wildeste von allen. Ein großer, starker Bursche. Er hat’s in die Junior Sevens geschafft …«

»Sevens?«

»Die Rugby Sevens«, sagte sie, und selbst diese vornehme kleine Lady war überrascht, dass Strike nicht gleich erkannt zu haben schien, was für Melrose mehr Religion als eine Sportart war. »Wenig später ist er wieder rausgeflogen. Keine Disziplin. Eine Woche darauf hat irgendwer Greenyards verwüstet. Das Spielfeld«, fügte sie hinzu, als sie sah, dass der Engländer sie schon wieder nicht verstanden hatte.

Der Portwein hatte sie gesprächig gemacht, die Wörter purzelten nur so aus ihr heraus.

»Stattdessen hat er angefangen zu boxen. Und er konnte wunderbar reden, oh aye. Als Rhona sich mit ihm eingelassen hat – sie war fünfzehn, er siebzehn –, haben mir ein paar Leute erzählen wollen, er wär wirklich kein schlechter Junge. Oh aye«, wiederholte sie, als Strike ein ungläubiges Gesicht machte. »Leute, die ihn nur flüchtig kannten, ließen sich leicht von ihm einwickeln. Er konnte charmant sein, wenn er wollte, Donnie Laing. Aber fragen Sie mal Walter Gilchrist, wie charmant der ihn findet. Walter hat ihm auf seiner Farm gekündigt – ständig ist er zu spät zur Arbeit gekommen –, und danach hat irgendjemand ihm die Scheune angezündet. Natürlich konnte man Donnie nie was nachweisen. Auch nicht, dass er das Spielfeld verwüstet hatte. Aber ich weiß, was ich glaube. Nur Rhona wollte trotz alledem nicht auf uns hören. Sie dachte, sie wüsste über ihn Bescheid. Er würde missverstanden und all so was. Und wir wären engstirnig und voreingenommen. Er wollte damals zur Army. ›Den sind wir los!‹, hab ich mir gesagt und hab natürlich gehofft, dass sie ihn bald vergessen würde. Aber dann ist er zurückgekommen. Sie wurde schwanger, hat das Kind aber verloren. Sie war wütend auf mich, weil ich gesagt hatte …«

Sie wollte ihm nicht erzählen, was sie gesagt hatte, aber Strike konnte es sich denken.

»… und irgendwann hat sie dann gar nicht mehr mit mir geredet, ist einfach hingegangen und hat ihn geheiratet, als er das nächste Mal Urlaub hatte. Ihr Vater und ich waren nicht mal eingeladen«, sagte sie. »Und gleich darauf sind sie nach Zypern geflogen. Dabei weiß ich ganz sicher, dass er unsere Katze umgebracht hat.«

»Was?«, fragte Strike perplex.

»Ich weiß, dass er es war. Als wir Rhona vor der Hochzeit noch mal gesehen haben, haben wir versucht, ihr klarzumachen, dass sie drauf und dran war, einen schrecklichen Fehler zu begehen. Am selben Abend konnten wir Purdy nirgends finden. Tags darauf hat sie dann tot auf dem Rasen hinter unserem Haus gelegen. Erwürgt, hat der Tierarzt gesagt.«

Auf dem Plasmabildschirm über ihrer Schulter bejubelte Dimitar Berbatov in einem knallroten Trikot ein Tor gegen Fulham. Der Pub war inzwischen voller Gäste, die im Borders-Dialekt sprachen. Während Strikes Begleitung von Mord und Verstümmelung redete, klirrten Gläser, rasselte Besteck.

»Ich weiß, dass er’s war, ich weiß, dass er Purdy umgebracht hat!«, wiederholte sie wie im Fieber. »Sehen Sie sich doch nur an, was er Rhona und dem Baby angetan hat. Er ist böse.«

Ihre Hände fummelten am Verschluss der Handtasche herum und zogen schließlich einen kleinen Packen Fotos heraus.

»Mein Mann sagt immer: ›Wozu hebst du die auf? Verbrenn sie endlich.‹ Aber ich hab mir immer gedacht, wir würden eines Tages Bilder von ihm brauchen. Hier«, sagte sie und drückte die Fotografien in Strikes gierig ausgestreckte Hände. »Die können Sie behalten. Gateshead. Dorthin ist er als Nächstes gezogen.«

Als Mrs. Bunyan unter neuerlichen Tränen und Dankesbekundungen gegangen war und nachdem er die Rechnung beglichen hatte, ging Strike zu Millers of Melrose, einem Fleischerfachgeschäft, das ihm bei seinem Spaziergang durch die Stadt aufgefallen war. Dort gönnte er sich ein paar Wildpasteten, die vermutlich weit besser schmecken würden als alles, was er am Bahnhof würde kaufen können, ehe er den Nachtzug nach London bestieg.

Sein Rückweg zum Parkplatz führte über eine kurze Straße, an der goldgelbe Rosen blühten, und Strikes Gedanken wanderten wieder zu der Tätowierung auf einem muskulösen Unterarm.

Vor vielen Jahren hatte es Donnie Laing offenbar etwas bedeutet, zu dieser von Farmland umgebenen hübschen Kleinstadt unter dem dreigipfligen Eildon Hill dazuzugehören. Trotzdem war er kein ehrbarer Landwirt geworden, kein Teamplayer, und er war auch keine Bereicherung für die Gemeinschaft gewesen, die großen Wert auf Disziplin und strebsame Ehrlichkeit zu legen schien. Melrose hatte den Scheunenbrandstifter, den Katzenwürger, den Verwüster eines Rugbyfelds ausgespien, und genau deshalb hatte Laing sich in eine Einrichtung geflüchtet, in der gewisse Männer entweder Erlösung fanden oder ihre wohlverdiente Strafe erhielten: die Army. Als ihn dieser Weg ins Gefängnis geführt hatte, hatte er nach seiner Entlassung aus der Haft versucht heimzukehren. Allerdings hatte ihn in Melrose niemand haben wollen.

War Donald Laing in Gateshead freundlicher empfangen worden? War er von dort aus weiter nach Corby gezogen? Oder, fragte Strike sich, während er sich wieder in Hardacres Mini einfädelte, waren diese Orte nur Etappen auf seinem Weg nach London und zu Strike gewesen?

17

The Girl That Love Made Blind

Dienstagmorgen. Es schlief – nach einer langen, anstrengenden Nacht, wie Es gesagt hatte. Als wäre ihm das nicht völlig egal. Auch wenn er so tun musste, als ginge ihn das etwas an. Er hatte Es dazu überredet, sich direkt hinzulegen, und als Es endlich tief und gleichmäßig zu atmen begann, hatte er Es eine Zeit lang beobachtet und sich vorgestellt, wie er Es erwürgte, wie Es die Augen aufriss und nach Luft rang. Wie Es allmählich purpurrot anlief …

Als er sich sicher sein konnte, dass Es nicht aufwachen würde, war er aus dem Schlafzimmer geschlichen, in seine Jacke geschlüpft und in den frühen Morgen hinausgetreten, um die Sekretärin heimzusuchen. Erstmals seit Tagen hatte er wieder die Gelegenheit, sie zu beschatten, aber er war zu spät dran, um sie noch an der Haltestelle abzupassen, an der sie für gewöhnlich einstieg. Heute konnte er nichts anderes tun, als an der Einmündung zur Denmark Street herumzulungern.

Er entdeckte sie schon aus der Ferne. Die helle, lockige, rotblonde Mähne war einfach unverkennbar. Der eitlen Schlampe gefiel es, sich von der Menge abzuheben, sonst hätte sie ihr Haar bedeckt, kurz geschnitten oder gefärbt. Sie wollten alle doch nur Aufmerksamkeit erregen, das wusste er – eine wie die andere.

Als sie näher kam, sagte ihm sein unfehlbarer Instinkt für die Stimmungen anderer Menschen, dass sich etwas verändert hatte. Sie zog die Schultern hoch und sah zu Boden, ohne auf die übrigen Passanten zu achten, die sich mit Taschen, Kaffeebechern und Smartphones in den Händen um sie herum drängelten.

Er ging in der Gegenrichtung an ihr vorbei und kam ihr so nahe, dass er ihr Parfüm hätte riechen können, wenn sie sich nicht auf dieser belebten Straße voller Staub und Abgase befunden hätten. Er hätte ebenso gut ein Poller sein können – und das ärgerte ihn ein wenig, obwohl es seine Absicht gewesen war, unbemerkt an ihr vorbeizugehen. Seine Wahl war ausgerechnet auf sie gefallen, doch sie behandelte ihn wie Luft.

Andererseits fiel ihm noch etwas anderes auf: Sie musste stundenlang geheult haben. Er wusste, wie es aussah, wenn Frauen heulten; das hatte er schon oft gesehen. Aufgedunsen und gerötet und mit verquollenem Gesicht, flennend und winselnd: So machten sie’s alle. Sie stellten sich als Opfer dar. Manche musste man umbringen, nur damit sie endlich den Mund hielten.

Er machte kehrt und folgte ihr auf der kurzen Strecke zur Detektei. Frauen in ihrem Zustand waren oft auf eine Art und Weise formbar, wie sie es weniger verzweifelt oder ängstlich nicht gewesen wären. Sie vergaßen, all die Dinge zu tun, die Schlampen normalerweise taten, um Kerle wie ihn auf Abstand zu halten: Schlüssel zwischen den Fingerknöcheln, Smartphones in Händen, Handalarme in den Taschen, in Rudeln unterwegs. Sie wurden bedürftig, waren für ein freundliches Wort, ein zugeneigtes Ohr dankbar. So hatte er Es damals an Land gezogen.

Er beschleunigte seine Schritte, als sie in die Denmark Street abbog, aus der die Reporter nach acht erfolglosen Tagen endlich abgezogen waren. Sie schloss die schwarze Tür auf, hinter der die Treppe zum Büro lag, und trat ein.

Würde sie wieder herauskommen oder den ganzen Tag oben zusammen mit Strike verbringen? Er hoffte inständig, dass sie miteinander vögelten. Wahrscheinlich taten sie’s. Ständig zu zweit allein im Büro – da musste so was doch einfach passieren.

Er trat in einen Hauseingang und zog sein Smartphone aus der Tasche, während er weiter das Fenster im zweiten Stock der Hausnummer 24 im Auge behielt.

18

I’ve been stripped, the insulation’s gone.

BLUE ÖYSTER CULT, »LIPS IN THE HILLS«

Als Robin erstmals Strikes Büro betreten hatte, war es ihr erster Morgen als Verlobte gewesen. Als sie heute die Glastür aufsperrte, erinnerte sie sich wieder daran, wie der Saphir an ihrem Ring sich verdunkelt hatte, unmittelbar bevor Strike aus dem Büro gestürmt war und sie beinahe die Eisentreppe hinuntergestoßen hätte, was tödlich hätte enden können.

Inzwischen trug sie keinen Ring mehr am Finger. Die Stelle, wo er all die Monate gesteckt hatte, war empfindlich, als hätte er dort eine Art Brandmal hinterlassen. In einer Hand hielt sie eine kleine Reisetasche mit Kleidung zum Wechseln und ein paar Toilettenartikeln.

Hier kannst du nicht weinen. Hier darfst du nicht weinen.

Schlafwandlerisch erledigte Robin die zu Beginn eines jeden Arbeitstags nötigen Handgriffe: Sie legte ihren Mantel ab, hängte ihn mitsamt der Umhängetasche an den Garderobenhaken hinter der Tür, füllte den Wasserkocher und schaltete ihn ein. Dann verstaute sie die Reisetasche unter ihrem Schreibtisch, wo Strike sie nicht sehen würde. Sie kontrollierte alles mehrmals, um sich zu vergewissern, dass sie getan hatte, was sie hatte tun wollen. Sie fühlte sich körperlos wie ein Gespenst, dessen eisige Finger durch die Griffe von Taschen und Wasserkochern hindurchgehen könnten.

Es hatte vier Tage gedauert, eine Beziehung zu demontieren, die neun Jahre lang bestanden hatte. Vier Tage wachsender Feindseligkeit, zur Schau getragenen Grolls und unbeherrscht vorgebrachter Anschuldigungen. In der Rückschau wirkte vieles davon trivial. Der Land Rover, das Grand National, ihre Entscheidung, den Laptop übers Wochenende nach Masham mitzunehmen. Noch am Sonntag hatte es kleinliches Gezänk darüber gegeben, wessen Eltern die Hochzeitsautos bezahlen sollten, aus dem wiederum eine Diskussion über Robins erbärmliches Gehalt entstanden war. Als sie am Montagmorgen in den Land Rover gestiegen waren, um zurückzufahren, hatten sie kaum mehr miteinander gesprochen.

Zu Hause in West Ealing war es am Abend schließlich zu der explosiven Auseinandersetzung gekommen, vor der alle früheren Streitigkeiten verblasst waren, als wären sie nur kleine Erdstöße gewesen, die vor der seismischen Katastrophe gewarnt hatten, die alles in Trümmer legen würde.

Bald würde Strike herunterkommen. Sie konnte seine Schritte in der Wohnung über ihr hören. Robin wusste, dass sie kein bisschen zittrig oder arbeitsunfähig wirken durfte. Die Arbeit war alles, was sie jetzt noch hatte. Sie würde sich ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft suchen müssen. Von dem erbärmlichen Gehalt, das Strike ihr zahlte, konnte sie sich nicht mehr leisten. Sie versuchte, sich ihre zukünftigen Mitbewohner vorzustellen. Es würde sein, als wäre sie wieder zurück im Studentenwohnheim.

Daran darfst du jetzt nicht denken.

Erst als sie den Tee aufbrühen wollte, bemerkte sie, dass sie vergessen hatte, die Betty’s-Blend-Teebeutel mitzubringen, die sie gekauft hatte, kurz nachdem sie zum letzten Mal ihr Hochzeitskleid anprobiert hatte. Fast hätte dieser Gedanke sie aus dem Gleichgewicht gebracht, doch mit einer gewaltigen Willensanstrengung schaffte sie es, nicht zu weinen, und nahm ihren Becher mit an den Computer, um die E-Mails zu checken, die sie während ihrer fast einwöchigen Abwesenheit vom Büro nicht hatte lesen können.

Wie sie wusste, war Strike am frühen Morgen mit dem Caledonian Sleeper aus Schottland zurückgekehrt. Sobald er aufkreuzte, würde sie ihn in ein Gespräch darüber verwickeln, um von ihren geschwollenen roten Augen abzulenken. Bevor sie an diesem Morgen die Wohnung verlassen hatte, hatte sie versucht, mit Eis und kaltem Wasser dagegenzusteuern – mit mäßigem Erfolg.

Matthew hatte sich ihr in den Weg gestellt, als sie gehen wollte. Auch er hatte schrecklich ausgesehen.

»Hör zu, wir müssen miteinander reden. Wir müssen …«

Jetzt nicht mehr, dachte Robin, und als sie sich den Becher mit dem heißen Tee an die Lippen hob, zitterten ihre Hände. Ich muss überhaupt nichts, und ich will auch nichts mehr tun müssen.

Unterminiert wurde dieser tapfere Gedanke durch eine einzelne heiße Träne, die ihr ohne Vorwarnung über die Wange kullerte. Entsetzt wischte Robin sie weg. Sie hatte nicht geglaubt, noch Tränen übrig zu haben. Sie drehte sich zu ihrem Bildschirm um und begann, eine Antwort an einen Klienten zu tippen, der sich nach einem Rechnungsdetail erkundigt hatte. Ihr war kaum bewusst, was sie ihm schrieb.

Als sie die hallenden Schritte auf der Treppe vernahm, riss sie sich wieder zusammen. Die Tür ging auf, und Robin hob den Blick. Der Mann, der vor ihr stand, war nicht Strike.

Primitive, instinktive Angst brach über sie herein. Sie hatte keine Zeit zu analysieren, warum der Unbekannte eine derart starke Wirkung auf sie hatte – sie wusste lediglich, dass er gefährlich war. Blitzschnell rechnete sie sich aus, dass sie die Tür nicht rechtzeitig erreichen würde, dass der Handalarm in ihrer Manteltasche steckte und dass ihre beste Waffe der spitze Brieföffner wäre, der nur wenige Zentimeter von ihrer linken Hand entfernt lag.

Er war hager und blass, sein Kopf war kahl geschoren, einige wenige Sommersprossen verteilten sich über die breite Nase, und sein Mund war groß, die Lippen dick. Tätowierungen bedeckten Hals, Handgelenke und Fingerknöchel. In einem Mundwinkel glänzte ein Goldzahn. Eine tiefe Narbe, die von der Oberlippe bis zum Backenknochen verlief, verzerrte seinen Mund zu einem permanent höhnischen Elvis-Grinsen. Zu Baggy Jeans trug er das Oberteil eines Jogginganzugs, und er stank nach abgestandenem Rauch und Cannabis.

»Hey, was läuft?«, fragte er und schnippte mehrmals mit den Fingern seiner locker herabhängenden Hände. Schnipp, schnipp, schnipp. »Sind hier allein, yeah?«

»Nein«, sagte sie. Ihr Mund war völlig ausgetrocknet. Wenn er jetzt näher käme, würde sie nach dem Brieföffner greifen. Schnipp, schnipp, schnipp. »Mein Boss ist nur …«

»Shanker!«, ertönte Strikes Stimme von der Tür.

Der Unbekannte fuhr herum.

»Bunsen«, erwiderte er, hörte mit dem Schnippen auf, streckte die Hand aus und begrüßte Strike mit einem Handschlag und einer halben Umarmung. »Wie geht’s, Bro?«

Großer Gott, dachte Robin und sackte vor Erleichterung förmlich zusammen. Warum hatte Strike ihr nicht erzählt, dass dieser Mann auftauchen würde? Sie wandte sich ab und tat so, als würde sie sich mit ihren E-Mails beschäftigen, damit Strike ihr Gesicht nicht sehen konnte. Als er Shanker in sein Büro führte und die Tür hinter ihnen zumachte, hörte sie den Namen Whittaker.

Normalerweise hätte sie sich gewünscht, bei ihnen sein und zuhören zu können. Sie arbeitete die E-Mails ab und hielt es dann für angebracht, den beiden Kaffee anzubieten. Allerdings wusch sie sich zuvor noch das Gesicht mit kaltem Wasser – in der winzigen Toilette auf dem Treppenabsatz, in der es trotz aller Lufterfrischer, die Robin aus der Portokasse bezahlt hatte, nach wie vor nach Kanalisation roch.

Strike indessen hatte genug von Robin gesehen, um von ihrem Aussehen schockiert zu sein. Er hatte ihr Gesicht noch nie so blass oder ihre Augen so verschwollen und blutunterlaufen gesehen. Selbst als er sich an seinen Schreibtisch setzte – gespannt darauf, was Shanker ihm über Whittaker würde berichten können –, fragte er sich: Was hat der Dreckskerl ihr getan? Und bevor er seine Aufmerksamkeit vollends auf Shanker konzentrierte, stellte Strike sich für den Bruchteil einer Sekunde vor, wie er Matthew einen Kinnhaken verpasste – und Spaß daran hatte.

»Hey, was soll das finstere Gesicht, Bunsen?«, fragte Shanker, der sich in den Besuchersessel lümmelte und weiter mit den Fingern schnippte. Diesen Tic hatte er seit seiner Jugend, und Strike bemitleidete jeden, der versuchte, ihn davon abzubringen.

»Fix und alle«, erklärte Strike. »Bin gerade erst vor ein paar Stunden aus Schottland zurückgekommen.«

»War noch nie in Schottland«, bemerkte Shanker.

Strike war nicht bewusst, dass Shanker nie aus London herausgekommen war.

»Also, was hast du für mich?«

»’s gibt ihn noch«, sagte Shanker und hörte kurz mit dem Fingerschnippen auf, um eine Schachtel Mayfair aus seiner Jackentasche zu angeln. Er zündete sich die Zigarette mit einem Einwegfeuerzeug an, ohne Strike um Erlaubnis zu bitten. Gleichmütig zog Strike seine Benson & Hedges heraus und lieh sich Shankers Feuerzeug. »Hab mit seinem Dealer gesprochen. Der Kerl sagt, dass er inzwischen in Catford ist.«

»Er ist aus Hackney weggezogen?«

»Muss er wohl, wenn er keinen Klon von sich zurückgelassen hat, Bunsen. Hab nich’ nach Klonen gesucht. Leg noch ’n Zehner drauf, dann check ich das.«

Strike schnaubte belustigt. Wer Shanker unterschätzte, begab sich auf dünnes Eis. Weil er aussah, als hätte er seinerzeit sämtliche verfügbaren illegalen Substanzen durchprobiert, verleitete seine Ruhelosigkeit neue Bekannte oft zu der Annahme, er wäre von irgendetwas high. Tatsächlich war er cleverer und nüchterner als viele Geschäftsleute gegen Büroschluss – nur eben unverbesserlich kriminell.

»Hast du eine Adresse?«, fragte Strike und zog sein Notizbuch zu sich heran.

»Noch nich’«, sagte Shanker.

»Arbeitet er?«

»Er erzählt rum, dass er Road Manager bei irgendeiner Metalband ist.«

»Aber?«

»Er ist ’n Zuhälter«, erklärte Shanker nüchtern.

Im nächsten Moment klopfte es an der Tür.

»Möchte jemand Kaffee?«, fragte Robin. Nicht nur dass sie versuchte, ihr Gesicht aus dem Licht herauszuhalten, fiel Strike auf. Sein Blick streifte auch ihre linke Hand. Der Verlobungsring fehlte.

»Danke«, sagte Shanker. »Zwei Zucker.«

»Tee wäre nett, danke«, sagte Strike, der ihr nachsah, während er seinen alten Blechaschenbecher aus der Schublade holte, den er in irgendeiner Bar in Deutschland geklaut hatte. Er schob ihn zu Shanker hinüber, bevor er die Asche, die sich vorn an seiner Zigarette sammelte, auf den Fußboden schnippen konnte.

»Woher weißt du, dass er Zuhälter ist?«

»Ich kenn da diesen anderen Typ, der ihm mit seiner Schwalbe übern Weg gelaufen ist«, sagte Shanker. Strike kannte diesen Cockney-Ausdruck. Eine Schwalbe war eine Prostituierte. »Er behauptet, dass Whittaker mit ihr zusammenlebt. Ziemlich jung. Grad ma’ volljährig.«

»Okay …«

Mit Prostitution in all ihren Erscheinungsformen hatte er zu tun gehabt, seit er Ermittler geworden war, aber das hier war etwas anderes. Hier ging es um seinen ehemaligen Stiefvater – um einen Mann, den seine Mutter geliebt und verklärt und dem sie sogar ein Kind geschenkt hatte. Er konnte Whittaker beinahe wieder riechen: seine schmutzige Kleidung, seinen animalischen Gestank.

»Catford«, wiederholte er.

»Yeah. Ich kann mich weiter umsehen, wenn du willst«, sagte Shanker und aschte auf den Fußboden. »Wie viel is’ dir das wert, Bunsen?«

Noch während sie über Shankers Honorar verhandelten – eine Diskussion, die gut gelaunt und zugleich mit dem Ernst zweier Männer geführt wurde, die genau wussten, dass der eine ohne Bezahlung keinen Finger rühren würde –, kam Robin mit einem Tablett herein, auf dem zwei Becher standen. Diesmal fiel Licht auf ihr Gesicht. Sie sah grässlich aus.

»Die wichtigsten Mails sind beantwortet«, erklärte sie Strike und tat so, als würde sie seinen fragenden Blick nicht bemerken. »Ich zieh dann wohl mal los und kümmere mich um Platin.«

Shanker schien diese Ankündigung äußerst spannend zu finden, allerdings klärte ihn niemand auf.

»Alles in Ordnung?«, fragte Strike, der sich wünschte, Shanker wäre nicht hier.

»Alles bestens«, sagte Robin und unternahm den mitleid- erregenden Versuch zu lächeln. »Von deiner Reise kannst du mir später erzählen.«

»Zieht dann mal los und kümmert sich um Platin?«, wiederholte Shanker neugierig, als sich die Tür wieder geöffnet und gleich darauf geschlossen hatte.

»Dahinter steckt weniger, als du jetzt vielleicht denkst«, sagte Strike und lehnte sich zurück, um aus dem Fenster sehen zu können. Robin hatte in ihrem Trenchcoat das Haus verlassen, ging die Denmark Street entlang und verschwand aus seinem Sichtfeld. Ein großer Mann mit Beanie auf dem Kopf kam aus dem Gitarrenladen auf der gegenüberliegenden Straßenseite und ging in dieselbe Richtung davon. Strike konzentrierte sich wieder auf Shanker.

»Hat dir echt jemand ein beschissenes Bein geschickt, Bunsen?«

»Jepp. Abgesäbelt, eingepackt und persönlich ausgeliefert.«

»Gruseliger Scheiß, Mann«, erwiderte Shanker, der alles andere als leicht zu schockieren war.

Nachdem Shanker im Besitz eines Bündels Geldscheine für bereits geleistete Dienste und mit dem Versprechen, weitere Informationen über Whittaker würden ebenso honoriert, gegangen war, rief Strike Robin an. Sie meldete sich nicht, aber das war nicht ungewöhnlich, wenn sie irgendwo war, wo sie nicht ungestört reden konnte. Er schickte ihr eine Nachricht.

Sag Bescheid, wenn du irgendwo bist, wo wir uns treffen können.

Dann setzte er sich an ihren Schreibtisch, um seinen Teil dazu beizutragen, Anfragen zu beantworten und Rechnungen zu begleichen.

Schnell war ihm klar, dass er sich nach zwei nächtlichen Zugfahrten nicht auf die Arbeit würde konzentrieren können. Als er nach fünf Minuten auf sein Handy sah, hatte Robin ihm immer noch nicht geantwortet, also machte er sich einen weiteren Becher Tee. Als er ihn an die Lippen hob, nahm er den schwachen Cannabisduft wahr, der von Hand zu Hand übertragen worden war, als Shanker sich von ihm verabschiedet hatte.

Shanker stammte ursprünglich aus Canning Town, aber er hatte Cousins in Whitechapel, die vor zwanzig Jahren in eine Fehde mit einer rivalisierenden Bande geraten waren. Shankers Bereitschaft, seinen Cousins zu helfen, hatte dazu geführt, dass er am Ende der Fulbourne Street allein im Rinnstein gelegen und aus einer klaffenden Wunde von der Oberlippe bis zum Backenknochen geblutet hatte, die ihn noch heute entstellte. So hatte Leda Strike, die spätabends unterwegs gewesen war, um Zigarettenpapierchen zu besorgen, ihn gefunden.

An einem Jungen im Alter ihres eigenen Sohns vorbeizugehen, der blutend in der Gosse lag, wäre für Leda ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Die Tatsache, dass der Junge ein blutiges Messer umklammert hielt, Flüche und Verwünschungen ausstieß und offensichtlich unter Drogen stand, war ihr einerlei – und so durfte Shanker erleben, wie jemand seine Wunde versorgte und mit ihm redete, so wie niemand mehr mit ihm geredet hatte, seit seine Mutter gestorben war, als er gerade mal acht Jahre alt gewesen war. Nachdem er die fremde Frau hartnäckig davon abzubringen versuchte, einen Krankenwagen zu rufen, weil er fürchtete, die Polizei würde ihn einlochen (Shanker hatte seinem Angreifer das Messer in den Oberschenkel gerammt), tat Leda das aus ihrer Sicht einzig Mögliche: Sie nahm den Jungen mit zu sich nach Hause und kümmerte sich selbst um ihn. Als sie unbeholfen in Streifen geschnittenes Heftpflaster auf seine tiefe Wunde geklebt hatte, das die notwendigen Stiche ersetzen sollte, kochte sie ihm ein schlampiges Essen voller Zigarettenasche und schickte ihren irritierten Sohn auf die Suche nach einer Matratze, auf der Shanker schlafen konnte.

Leda behandelte Shanker von Anfang an wie einen lange vermissten Neffen, und er verehrte sie mit einer Inbrunst, zu der nur ein Junge imstande war, der sich an die Erinnerung an eine liebevolle Mutter klammerte. Sobald seine Verletzung abgeheilt war, kam er wiederholt ihrer ernst gemeinten Aufforderung nach vorbeizuschauen, wann immer er Lust darauf hatte. Shanker sprach mit ihr, wie er mit sonst niemandem sprechen konnte, und war vermutlich der einzige Mensch, der an ihr keinen Makel fand. Strike profitierte von Shankers Respekt für seine Mutter. Und obwohl die beiden Jungen nicht unterschiedlicher hätten sein können, verband sie ihr stummer, aber unerbittlicher Hass auf Whittaker, der auf dieses neue Element in Ledas Leben rasend eifersüchtig war, aber nicht den Mut hatte, Shanker mit der gleichen Verachtung zu behandeln, die er Strike entgegenbrachte.

Strike glaubte zu wissen, dass Whittaker in Shanker das gleiche Defizit erkannte, an dem er selbst litt: das Fehlen natürlicher Grenzen. Whittaker war – ganz richtig – zu dem Schluss gelangt, dass der Teenagerstiefsohn ihm zwar den Tod an den Hals wünschte, aber durch das Bedürfnis ausgebremst wurde, der Mutter keinen Kummer machen zu wollen, gegen kein Gesetz zu verstoßen und keinesfalls irgendeine Dummheit zu begehen, die seine Zukunftsaussichten auf ewig beeinträchtigen würde. Shanker dagegen kannte in dieser Hinsicht keine Zurückhaltung, und so trug jeder seiner langen Besuche bei der zersplitterten Familie dazu bei, Whittakers steigende Tendenz zur Gewalttätigkeit zumindest halbwegs einzudämmen.

Tatsächlich hatte allein Shankers regelmäßige Anwesenheit in dem besetzten Haus Strike das Gefühl vermittelt, unbesorgt sein Universitätsstudium aufnehmen zu können. Als er von Shanker Abschied nahm, war er zu unbeholfen gewesen, um in Worte zu fassen, was er am meisten fürchtete. Doch Shanker hatte ihn verstanden.

»Kein Problem, Bunsen, Kumpel. Kein Problem.«

Trotzdem hatte er nicht ständig anwesend sein können. An Ledas Todestag war Shanker auf einer seiner regelmäßigen Geschäftsreisen als Dealer unterwegs gewesen. Seine Trauer, die Schuldgefühle und sein hemmungsloses Schluchzen bei ihrem ersten Treffen nach Ledas Tod würde Strike nie vergessen. Während Shanker in Kentish Town um einen guten Preis für ein Kilo erstklassiges Kokain aus Bolivien gefeilscht hatte, hatte bei Leda Strike auf einer schmuddeligen Matratze langsam die Leichenstarre eingesetzt. Später hatte die Obduktion ergeben, dass sie mindestens sechs Stunden tot gewesen war, ehe einer der übrigen Hausbewohner versucht hatte, die augenscheinlich Schlafende zu wecken und dann wiederzubeleben.

Genau wie Strike war Shanker von Anfang an davon überzeugt gewesen, dass Whittaker Leda ermordet hatte. Seine Trauer war so gewalttätig, sein Wunsch nach sofortiger Vergeltung so heftig, dass Whittaker vermutlich von Glück sagen konnte, dass er in Untersuchungshaft genommen wurde, ehe Shanker ihn in die Finger bekam. Als er später – unklugerweise – in den Zeugenstand gerufen wurde, um eine mütterliche Frau zu schildern, die ihr Leben lang kein Heroin angerührt hatte, hatte Shanker losgekreischt: »Der Scheißkerl war’s!«, hatte versucht, über die Barriere zu klettern, um an Whittaker heranzukommen, und war kurzerhand aus dem Saal befördert worden.

Strike schob die Erinnerungen an jene längst begrabene Vergangenheit, die auch nicht besser rochen, wenn sie wieder ausgegraben wurden, weit von sich, nahm noch einen Schluck heißen Tee und warf einen weiteren Blick auf sein Handy. Noch immer keine Nachricht von Robin.

19

Workshop of the Telescopes

Sobald er die Sekretärin an diesem Morgen gesehen hatte, hatte er gewusst, dass sie aus dem Lot, aus dem Gleichgewicht geraten war. Er brauchte sich nur anzusehen, wie sie im Garrick, der großen Cafeteria der London School of Economics, am Fenster saß: ungeschminkt, blass und verschwollen, mit roten Augen. Vermutlich hätte er sich direkt neben sie setzen können, ohne dass die blöde Schlampe irgendwas bemerkt hätte. Sie konzentrierte sich auf die platinblond gefärbte Nutte, die ein paar Tische weiter an ihrem Laptop arbeitete. Auf Männer achtete sie nicht. War ihm nur recht. Sie würde ihn noch früh genug bemerken. Er würde ihr letzter Anblick auf Erden sein.

Heute brauchte er nicht wie Pretty Boy auszusehen; er suchte nie sexuellen Kontakt, solange sie durcheinander waren, sondern wurde vielmehr zu einem Freund in der Not, zum onkelhaften Unbekannten. Nicht alle Männer sind so, Schätzchen. Sie haben Besseres verdient. Kommen Sie, ich bringe Sie nach Hause. Oder ich nehme Sie im Auto mit. Wenn man sie dazu brachte zu vergessen, dass man einen Pimmel hatte, konnte man sie zu fast allem bringen.

Er betrat die Cafeteria, in der lebhafter Betrieb herrschte, lungerte kurz an der Getränketheke herum, kaufte sich einen Kaffee und steuerte dann einen Tisch an, von dem aus er sie von hinten beobachten konnte.

Ihr Verlobungsring war weg. Spannend. Das warf ein neues Licht auf die Reisetasche, mit der sie am Morgen aufgekreuzt war. Hatte sie vor, auswärts zu schlafen statt in ihrer Wohnung in Ealing? Vielleicht würde sie ja ausnahmsweise auf einer einsamen Straße unterwegs sein, auf irgendeiner schlecht beleuchteten Abkürzung, in einer einsamen Unterführung?

Bei seinem allerersten Mord war es so gewesen: einfach eine Frage des richtigen Augenblicks, den es zu nutzen galt. Weil alles spannend und neu gewesen war, hatte er den Ablauf wie bei einer Diaschau in Einzelbildern in Erinnerung. Das war allerdings noch vor der Zeit gewesen, da er bereits eine Kunst daraus gemacht und angefangen hatte, den Mord als Spiel zu betrachten – was es tatsächlich war.

Sie war mollig und schwarzhaarig gewesen. Ihre Freundin war eben weggefahren – zu einem Freier ins Auto gestiegen und verschwunden. Der Kerl am Steuer hatte ja keine Ahnung gehabt, dass er gerade entschieden hatte, welche von den beiden die Nacht überleben sollte.

Er selbst war mit einem Messer in der Tasche die Straße rauf- und runtergefahren. Als er sich sicher war, dass sie allein, wirklich allein war, hatte er angehalten und sich über den Beifahrersitz gebeugt, um durchs offene Fenster mit ihr zu reden. Seine Kehle war wie ausgedörrt gewesen, als er danach gefragt hatte. Sie hatte den Preis genannt und war eingestiegen. Sie waren zu einer Sackgasse in der Nähe gefahren, in der sie weder von Straßenlaternen noch von Passanten gestört werden würden.

Er bekam, was er verlangt hatte, und als sie sich gerade aufsetzte, noch ehe er den Reißverschluss seiner Hose wieder zugezogen hatte, traf seine Faust sie hart von der Seite und schleuderte sie gegen die Autotür, sodass ihr Hinterkopf gegen die Scheibe krachte. Bevor sie auch nur einen Laut von sich geben konnte, hatte er bereits das Messer gezückt.

Der dumpfe Schlag, der jeden Stich begleitete, ihr heißes Blut, das in Strömen über seine Hände lief … Sie schrie nicht mal, sondern sackte einfach nur keuchend und stöhnend zusammen, als er die Klinge wieder und wieder in ihren Leib rammte. Er hatte ihr die goldene Halskette mit dem Anhänger abgerissen. In diesem Augenblick hatte er nicht daran gedacht, eine bessere Trophäe – ein Stück von ihr – für sich zu behalten. Stattdessen hatte er sich die Hände an ihrem Kleid sauber gewischt, während sie im Todeskampf zuckend neben ihm zusammensank. Zitternd vor Angst und Erregung war er rückwärts aus der Sackgasse und mit der Leiche auf dem Beifahrersitz aus der Stadt hinausgefahren, hatte sich sorgfältig an jedes Tempolimit gehalten und alle paar Sekunden in den Rückspiegel gesehen. Ein paar Tage zuvor hatte er eine Stelle ausgekundschaftet: eine einsame Gegend, ein Brachfeld, ein zugewachsener Graben. Dumpf und schwer schlug sie darin auf, als er sie hineinwälzte.

Ihre Halskette und ein paar weitere Souvenirs besaß er noch heute. Sie waren sein Schatz. Was, fragte er sich, würde er sich von der Sekretärin nehmen?

Ein junger Chinese am Nebentisch las auf seinem Tablet. Verhaltensökonomie. Blöder Psychologiescheiß. Er war einmal bei einem Psychologen gewesen, war dazu gezwungen worden.

»Erzählen Sie mir von Ihrer Mutter.«

Das hatte der kleine Kahlkopf ernsthaft gesagt – die scherzhafteste aller Eröffnungen, das Klischee überhaupt. Eigentlich galten Psychologen als gewieft. Er hatte aus Spaß mitgespielt und dem Idioten von seiner Mutter erzählt: dass sie ein kaltes, verklemmtes Weibsstück gewesen sei. Seine Geburt sei ungelegen gekommen, habe sie in riesige Verlegenheit gebracht, und ihr sei es egal gewesen, ob er überlebte oder starb.

»Und Ihr Vater?

»Ich habe keinen Vater«, hatte er erwidert.

»Sie haben ihn nie gesehen, meinen Sie?«

Schweigen.

»Sie wissen nicht, wer er ist?«

Schweigen.

»Oder Sie mögen ihn einfach nur nicht?«

Er sagte gar nichts mehr. Er hatte es satt, weiter mitzuspielen. Wer auf diese Scheiße reinfiel, war doch hirntot – aber ihm war ohnehin seit Langem klar, dass die anderen Leute hirntot waren.

Immerhin hatte er die Wahrheit gesagt: Er hatte wirklich keinen Vater. Der Mann, der diese Rolle gespielt hatte, wenn man sie denn so nennen wollte – der Kerl, der ihn tagtäglich misshandelt hatte (»ein harter, aber gerechter Mann«) –, hatte ihn jedenfalls nicht gezeugt. Gewalt und Zurückweisung, nur darauf war es für ihn hinausgelaufen. Zugleich war sein »Elternhaus« der Ort gewesen, an dem er überleben und klug zu kämpfen gelernt hatte. Er hatte schon immer gewusst, dass er besser war, selbst als er noch als kleiner Junge ängstlich unterm Küchentisch gekauert hatte. Ja, schon damals hatte er gewusst, dass er aus einem anderen Holz geschnitzt war als der Mistkerl, der mit seinen Riesenfäusten und seinem verklemmten Gesicht hinter ihm her war …

Die platinblonde Nutte packte ihren Laptop in die Ledertasche und stand auf. Die Sekretärin tat es ihr gleich. Als sie die Cafeteria verließen, kippte er den Rest Kaffee in sich hinein und folgte ihnen.

Sie war heute so leicht zu beschatten, kinderleicht! Sie hatte alle Wachsamkeit eingebüßt, schaffte es gerade noch, die platinblonde Nutte im Auge zu behalten. Er stieg in denselben U-Bahn-Wagen ein wie sie, kehrte der Sekretärin den Rücken zu und beobachtete ihr Spiegelbild zwischen den hochgereckten Armen einer Gruppe neuseeländischer Touristen hindurch. Als sie ausstieg, mischte er sich mühelos in die Menge hinter ihr.

Die drei bildeten fast schon eine kleine Prozession: Die platinblonde Nutte, die Sekretärin und er fuhren die Rolltreppe hinauf, traten hinaus auf die Straße und marschierten in Richtung Spearmint Rhino … Er hätte längst zu Hause sein sollen, doch dieser Einladung konnte er unmöglich widerstehen. Sie war noch nie nach Einbruch der Dunkelheit allein unterwegs gewesen, und die Reisetasche und der fehlende Verlobungsring waren schlicht die Gelegenheit. Er würde für Es einfach eine Geschichte erfinden.

Die platinblonde Nutte verschwand in dem Stripclub. Die Sekretärin wurde langsamer und blieb dann unschlüssig auf dem Gehweg stehen. Er zog sein Handy heraus, trat in einen dunklen Hauseingang, beobachtete sie weiter.

20

I never realized she was so undone.

BLUE ÖYSTER CULT, »DEBBIE DENISE«


TEXT VON PATTI SMITH

Robin hatte schlicht vergessen, dass sie Strike versprochen hatte, nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr unterwegs zu sein. Dass die Sonne untergegangen war, nahm sie tatsächlich erst wahr, als auf einmal Autoscheinwerfer an ihr vorbeiflitzten und die Schaufenster beleuchtet waren. Platin war heute von ihrer Routine abgewichen. Normalerweise hätte sie schon stundenlang im Spearmint Rhino sein müssen, um dort halb nackt vor fremden Männern zu tanzen, statt vollständig bekleidet in Jeans, hochhackigen Stiefeln und einer mit Fransen besetzten Wildlederjacke die Straße entlangzugehen. Vermutlich hatte sie sich für eine spätere Schicht einteilen lassen. Trotzdem würde sie sich bald wieder sicher um die Pole-Dance-Stange winden – was die Frage aufwarf, wo Robin die Nacht verbringen würde.

Ihr Handy hatte schon den ganzen Tag über in ihrer Manteltasche vibriert. Matthew hatte ihr mehr als dreißig Nachrichten geschickt.

Wir müssen reden.


Ruf mich bitte an.


Robin, wir können das nicht wieder in Ordnung bringen, wenn du nicht mit mir sprichst.

Während die Stunden verstrichen waren, ohne dass Robin ihr Schweigen gebrochen hätte, hatte Matthew mehrmals versucht, sie zu erreichen. Dann hatte der Tonfall seiner Nachrichten sich verändert.

Robin, du weißt, dass ich dich liebe.

Ich wollte, es wäre nicht passiert. Ich wollte, ich könnte es ändern, aber das kann ich nicht.

Du bist es, die ich liebe, Robin. Das hab ich immer getan und werde es immer tun.

Sie hatte keine seiner Nachrichten beantwortet, keinen einzigen Anruf entgegengenommen und ihn auch nicht selbst angerufen. Sie wusste nur, dass sie nicht in die gemeinsame Wohnung zurückkehren konnte, nicht heute Abend. Wie es morgen oder übermorgen weitergehen würde, stand in den Sternen. Sie war hungrig und erschöpft, fühlte sich wie betäubt.

Im Lauf des Nachmittags war Strike beinahe ebenso nachdrücklich geworden.

Wo steckst du? Ruf mich bitte an.

Sie hatte ihm zurückgeschrieben, weil sie es nicht ertragen hätte, mit ihm zu reden.

Kann nicht sprechen. Platin ist nicht im Rhino.

Strike und sie hatten bislang stets eine gewisse emotionale Distanz gewahrt, und Robin fürchtete, wenn er jetzt freundlich zu ihr wäre, könnte sie in Tränen ausbrechen und damit die Art Schwäche zeigen, die er bei seiner Assistentin missbilligen würde. Weil sie praktisch keine Aufträge mehr hatten und die Gefahr durch den Mann, der ihr das Bein geschickt hatte, immer noch nicht gebannt war, durfte sie Strike keinen weiteren Grund liefern, sie nach Hause zu schicken.

Ihre Antwort hatte ihn wohl nicht zufriedengestellt.

Ruf mich so bald wie möglich an.

Diese Aufforderung hatte sie schlichtweg ignoriert. Sie würde behaupten können, sie gar nicht erst erhalten zu haben. Sie war beinahe schon in der U-Bahn gewesen, als die Nachricht eingegangen war, und hatte keinen Empfang gehabt, während Platin und sie zur Tottenham Court Road zurückgefahren waren.

Als Robin wieder auf die Straße getreten war, hatte ihr Handy einen weiteren versäumten Anruf von Strike und eine neue Nachricht von Matthew angezeigt.

Ich muss wissen, ob du heute Abend heimkommst. Ich mache mir schreckliche Sorgen um dich. Schreib mir bitte, nur damit ich weiß, dass du lebst, mehr verlange ich gar nicht.

»Da schmeichelst du dir aber gewaltig«, murmelte Robin. »Als ob ich deinetwegen Selbstmord verüben würde!«

Ein seltsam vertraut aussehender, dicklicher Mann in einem Anzug marschierte von der Neonreklame des Spearmint Rhino beleuchtet an ihr vorbei. Es war Two-Times. Robin fragte sich, ob sie sich das selbstgefällige Lächeln, mit dem er sie bedachte, bloß einbildete.

Würde er hineingehen, um zuzusehen, wie seine Freundin für andere Männer tanzte? Verschaffte es ihm einen Kick, sein Sexleben dokumentiert zu wissen? Was für eine Art Spinner war er eigentlich?

Robin wandte sich ab. Sie musste einen Entschluss in Bezug auf die bevorstehende Nacht fassen. Hundert Meter von ihr entfernt stand in einem dunklen Hauseingang ein großer Mann mit Beanie auf dem Kopf, der sich am Telefon mit jemandem zu streiten schien.

Platins Verschwinden hatte Robin ihrer Aufgabe beraubt. Wo also sollte sie schlafen? Noch während sie unschlüssig herumstand, schlenderte eine Gruppe junger Männer an ihr vorbei und kam absichtlich so nahe, dass einer von ihnen ihre Reisetasche streifte. Sie rochen nach Lynx-Deo und Lagerbier.

»Hast du da drin dein Kostüm, Darling?«

Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie vor einem Stripclub stand. Als sie sich abwandte, um wie ferngesteuert zurück zu Strikes Büro zu gehen, klingelte ihr Handy. Ohne darüber nachzudenken, nahm sie den Anruf entgegen.

»Wo zum Teufel hast du gesteckt?«, fragte Strikes aufgebrachte Stimme in ihrem Ohr. Sie hatte kaum Zeit, erleichtert darüber zu sein, dass der Anrufer nicht Matt war, als er auch schon weiterfauchte: »Ich hab den ganzen Tag versucht, dich zu erreichen! Wo bist du?«

»Tottenham Court Road«, antwortete sie und entfernte sich eilig von den jungen Männern, die weiter spöttische Bemerkungen machten. »Platin ist vorhin erst reingegangen – und Two-Times hat …«

»Hab ich dir nicht verboten, nach Einbruch der Dunkelheit draußen zu sein?«

»Hier ist’s überall hell«, sagte Robin.

Sie versuchte, sich wieder daran zu erinnern, ob sie hier jemals eine Travelodge gesehen hatte. Sie brauchte eine Unterkunft, die billig und sauber war – billig vor allem, weil Robin, die auf ein gemeinsames Konto zurückgriff, entschlossen war, nicht mehr auszugeben, als sie in der Vergangenheit eingezahlt hatte.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Strike jetzt etwas weniger aggressiv.

Und plötzlich hatte sie einen Kloß im Hals.

»Bestens«, sagte sie so energisch wie nur möglich in dem Versuch, ein Profi zu sein, wie Strike ihn sich wünschte.

»Ich bin noch im Büro«, sagte er. »Und du bist in der Tottenham Court Road, sagst du?«

»Ich muss weiter, sorry«, sagte sie knapp und legte auf.

Ihre Befürchtung, losheulen zu müssen, war mit einem Mal fast schon greifbar gewesen, sodass sie das Gespräch hatte abbrechen müssen. Wahrscheinlich war er gerade im Begriff gewesen, ein Treffen vorzuschlagen, und wenn es dazu gekommen wäre, hätte sie ihm alles erzählt. Was sie nicht tun durfte.

Im selben Moment liefen ihr die Tränen übers Gesicht. Sie hatte sonst niemanden. So, jetzt hatte sie es sich letztendlich eingestanden. Die Leute, mit denen sie sich am Wochenende zum Essen trafen, mit denen sie zum Rugby gingen, waren allesamt Matthews Freunde, Matthews Arbeitskollegen, Matthews frühere Kommilitonen. Sie selbst hatte niemanden – außer Strike.

»Oh Gott«, flüsterte sie und fuhr sich mit dem Mantelärmel über Augen und Nase.

»Alles okay, Sweetheart?«, fragte ein zahnloser Obdachloser aus einem Hauseingang.

Genau wusste sie selbst nicht, wieso sie ausgerechnet ins Tottenham ging, außer dass das Barpersonal sie kannte, dass sie wusste, wo die Damentoilette war, und dass Matthew noch nie hier gewesen war. Sie brauchte bloß eine ruhige Ecke, in der sie nach Billigunterkünften suchen konnte, um ein Dach über dem Kopf zu finden. Außerdem sehnte sie sich nach einem Drink, was für sie ungewöhnlich war. Nachdem sie sich auf der Toilette kaltes Wasser ins Gesicht geworfen hatte, bestellte sie sich ein Glas Rotwein, trug es an einen Tisch und nahm erneut ihr Handy heraus. Darauf war ein weiterer Anruf von Strike verzeichnet.

Die Männer an der Bar sahen zu ihr herüber. Ihr war nur zu bewusst, wie sie aussehen musste: verweint und allein, mit einer Reisetasche neben sich. Tja, das ließ sich wohl nicht ändern. Sie tippte Travelodges Nähe Tottenham Court Road ein, wartete auf die langsam eintrudelnden Treffer und leerte ihr Glas Rotwein sicher schneller, als auf praktisch nüchternen Magen ratsam gewesen wäre. Kein Frühstück, kein Mittagessen; eine Tüte Chips und ein Apfel in der Cafeteria, wo Platin am Laptop gearbeitet hatte – das war alles, was sie an diesem Tag zu sich genommen hatte.

In High Holborn gab es eine Travelodge. Die musste genügen. Sowie sie wusste, wo sie die Nacht verbringen würde, war Robin halbwegs beruhigt. Bedächtig mied sie jeden Blickkontakt mit den Männern an der Bar, als sie sich einen zweiten Rotwein holte. Vielleicht sollte ich meine Mutter anrufen, dachte sie plötzlich, doch allein bei dem Gedanken daran war sie wieder den Tränen nahe. Sie würde Lindas Liebe und Enttäuschung nicht ertragen können – noch nicht.

Eine große Gestalt mit Beanie auf dem Kopf betrat den Pub, während Robin sich dazu zwang, sich auf ihr Wechselgeld und ihren Wein zu konzentrieren, um keinem der hoffnungsvoll an der Bar stehenden Männer auch nur den geringsten Grund zu der Annahme zu liefern, sie würde Wert auf ihre Gesellschaft legen.

Mit dem zweiten Glas Wein setzte die Entspannung ein. Sie musste daran denken, wie Strike sich in genau diesem Pub einmal derart betrunken hatte, dass er kaum mehr hatte gehen können. Das war der einzige Abend gewesen, an dem sie je persönliche Informationen ausgetauscht hatten. Vielleicht war das ja auch der wahre Grund, warum ich hier ins Tottenham gekommen bin, überlegte sie und sah zu der farbenprächtigen Glaskuppel empor. Dies war die Bar, in die man ging, um zu trinken, wenn man erfuhr, dass der Mensch, den man liebte, untreu gewesen war.

»Sind Sie allein?«, fragte plötzlich eine Männerstimme.

»Warte auf jemanden«, murmelte sie.

Sie fühlte sich leicht beschwipst, als sie zu ihm aufsah. Vor ihr stand ein drahtiger blonder Mann mit blassblauen Augen.

»Darf ich zusammen mit Ihnen warten?«

»Scheiße, nein, darfst du nicht«, antwortete eine vertraute Stimme – und dann schob Strike sich in ihr Sichtfeld: massiv, mit einem finsteren Blick auf den Blonden, der sich prompt mürrisch zu seinen Freunden an der Bar zurückzog.

»Was machst du denn hier?«, fragte Robin, die überrascht bemerkte, wie taub und geschwollen ihre Zunge sich nach nur zwei Gläsern Wein anfühlte.

»War auf der Suche nach dir«, antwortete Strike.

»Woher hast du gewusst, dass ich …«

»Ich bin Detektiv. Wie viele von denen hast du getrunken?«, fragte er und zeigte auf ihr Weinglas.

»Nur eins«, log sie, also ging er zur Bar, um ihr noch ein weiteres Glas und ein Pint Doom Bar für sich selbst zu holen. Während er seine Bestellung abgab, verschwand ein großer Mann mit Beanie durch den Ausgang, aber Strike war mehr daran interessiert, den Blonden im Auge zu behalten, der weiter zu Robin hinüberstarrte und sie erst aufzugeben schien, als Strike finster dreinblickend mit zwei Gläsern zurückkam und sich ihr gegenübersetzte.

»Was ist passiert?«

»Nichts.«

»Red keinen Unsinn. Du siehst erbärmlich aus.«

»Danke«, sagte Robin und nahm einen großen Schluck Wein, »das baut echt auf.«

Strike schnaubte kurz.

»Wozu hast du die Reisetasche bei dir?« Und als sie nicht antwortete: »Wo ist dein Verlobungsring?«

Sie wollte schon antworten, doch der jäh in ihr aufsteigende tückische Drang loszuheulen raubte ihr die Worte. Sie rang kurz mit sich, nahm noch einen großen Schluck und sagte dann: »Ich bin nicht mehr verlobt.«

»Warum nicht?«

»Das musst ausgerechnet du fragen!«

Du bist betrunken, stellte sie fest, als würde sie sich selbst von außerhalb des eigenen Körpers beobachten. Sieh dich bloß an – von nur zweieinhalb Gläsern Wein ohne Essen, ohne Schlaf betrunken.

»Warum nicht?«, fragte Strike erneut.

»Wir reden nicht über persönliche … Du redest nicht über persönliche Dinge.«

»Wenn ich mich recht erinnere, hab ich dir genau in diesem Pub einmal mein Herz ausgeschüttet.«

»Ein Mal.«

Aus Robins geröteten Wangen und ihrer schweren Zunge schloss Strike messerscharf, dass sie sich keineswegs nur ein Glas Wein einverleibt hatte. Amüsiert und besorgt zugleich stellte er fest: »Ich glaube, du brauchst etwas zu essen.«

»Genau das hab ich zu dir auch gesagt«, erwiderte Robin, »an dem Abend, als du … Wir haben am Ende einen Kebab gegessen – und ich will keinen Kebab«, verkündete sie stolz.

»Na ja«, sagte Strike, »wir sind hier in London, weißt du – wahrscheinlich finden wir auch noch was anderes als Kebab.«

»Ich will Chips«, sagte Robin, und er holte für sie eine Tüte von der Bar.

»Was ist passiert?«, fragte er erneut, als er zurück war. Nachdem er einige Sekunden lang zugesehen hatte, wie sie versuchte, die Tüte aufzureißen, nahm er ihr die Arbeit ab.

»Nichts. Ich schlafe heute Nacht in einer Travelodge, das ist schon alles.«

»In einer Travelodge …«

»Genau. Es gibt eine in … Da gibt’s eine in …«

Sie starrte auf ihr Handy hinab. Der Monitor war schwarz. Sie hatte vergessen, den Akku über Nacht zu laden.

»Weiß nicht mehr genau, wo’s war«, murmelte sie. »Kümmer du dich nicht um mich, mir geht’s gut«, fügte sie hinzu und angelte ein Taschentuch aus ihrer Reisetasche.

»Aber klar«, sagte Strike mit Nachdruck. »Seit ich dich jetzt gesehen hab, bin ich vollkommen beruhigt.«

»Mir geht’s gut!«, rief sie aufgebracht. »Ich bin morgen wieder normal im Büro, wart’s nur ab!«

»Du glaubst, dass ich dich nur gesucht habe, weil ich mir wegen der Arbeit Sorgen mache?«

»Nicht nett sein«, ächzte sie und hielt sich das Taschentuch vor das Gesicht. »Das halt ich nicht aus. Sei einfach normal!«

»Was ist denn normal?«

»B-brummig und unkommuni… umkommunika…«

»Worüber willst du denn kommunizieren?«

»Nichts Bestimmtes«, log sie. »Ich dachte nur … Alles sollte professionell bleiben.«

»Was ist zwischen dir und Matthew vorgefallen?«

»Und was zwischen dir und Elin?«, lautete die Gegenfrage.

»Wieso ist das wichtig?«, fragte er verständnislos.

»Alles das Gleiche«, antwortete Robin vage und kippte den Rest Wein in sich hinein. »Ich will noch eins …«

»Diesmal kriegst du einen Saft oder ’ne Limo.«

Während sie auf ihn wartete, betrachtete sie die Decke des Pubs, die mit Szenen aus diversen Bühnenstücken bemalt war. Eine zeigte die Elfenkönigin Titania, die den eselsköpfigen Bottom liebkoste.

»Mit Elin läuft’s ganz gut«, erklärte er Robin, als er sich ihr wieder gegenübergesetzt hatte, weil er zu dem Schluss gelangt war, ein Informationsaustausch dürfte die einfachste Methode sein, um sie dazu zu bringen, über ihre Probleme zu reden. »Mir ist’s nur recht, wenn wir nicht allzu sehr aufeinanderglucken. Sie hat eine Tochter, zu der ich auf Abstand bleiben soll. Hässliche Scheidung.«

»Oh.« Sie blinzelte ihn über ihr Colaglas hinweg an. »Wie hast du sie kennengelernt?«

»Durch Nick und Ilsa.«

»Und woher kannten die beiden sie?«

»Sie kennen sie gar nicht. Sie haben eine Party veranstaltet, und Elin ist mit ihrem Bruder da gewesen. Er ist Arzt, arbeitet mit Nick zusammen. Das war ihre erste Begegnung.«

»Oh«, sagte Robin noch mal.

Ihre eigenen Sorgen waren vorübergehend vergessen, so faszinierend fand sie diesen kurzen Einblick in Strikes Privatleben. So normal, so wenig bemerkenswert! Eine Party bei Freunden, auf der er mit einer bildschönen Blondine ins Gespräch gekommen war. Frauen mochten Strike – das hatte sie im Lauf ihrer Zusammenarbeit mitbekommen. Worin sein Appeal lag, war ihr nicht klar gewesen, als sie angefangen hatte, bei ihm zu arbeiten. Er war einfach ganz anders als Matthew.

»Kann Ilsa sie leiden?«, erkundigte sich Robin.

Ihr intuitives Wahrnehmungsvermögen erstaunte Strike.

»Äh … ja, ich glaube schon«, log er.

Robin nahm ein paar Schlückchen Cola.

»Okay«, sagte Strike mit mühsam beherrschter Ungeduld, »du bist dran.«

»Wir haben uns getrennt.«

Als erfahrener Vernehmer wusste er, dass er jetzt schweigen sollte, und nach ungefähr einer Minute wurde seine Entscheidung belohnt.

»Er … hat mir etwas erzählt«, sagte sie. »Gestern Abend.«

Strike wartete ab.

»Und darüber komme ich nicht hinweg. Nicht darüber.«

Sie war blass, aber gefasst. Trotzdem konnte er den Schmerz hinter den Worten regelrecht greifen. Er wartete weiter.

»Er hat mit einer anderen geschlafen«, sagte sie leise und mit gepresster Stimme.

Danach entstand eine Pause. Sie griff nach der Chipstüte, stellte fest, dass sie leer war, und ließ sie auf den Tisch zurückfallen.

»Scheiße«, sagte Strike.

Er war überrascht: nicht darüber, dass Matthew mit einer anderen Frau geschlafen hatte, sondern dass er es Robin gegenüber zugegeben hatte. Er hatte den gut aussehenden jungen Bilanzbuchhalter als eine Person eingeschätzt, die es verstand, sich das Leben nach den eigenen Wünschen einzurichten sowie einzelne Bereiche zu kategorisieren und zu trennen, wo es nötig zu sein schien.

»Und nicht nur einmal«, sagte Robin mit derselben gepressten Stimme. »Er hat’s monatelang getan – mit einer Frau, die wir beide kennen. Sarah Shadlock. Eine seiner ehemaligen Studienfreundinnen.«

»Himmel«, sagte Strike. »Das tut mir leid.«

Sie tat ihm wirklich leid, aufrichtig leid, weil sie so sehr darunter litt. Zugleich aber weckte die Enthüllung noch andere Gefühle, die er normalerweise streng unter Kontrolle hielt, weil er sie als verfehlt und gefährlich erachtete, die jetzt jedoch an ihren Fesseln rüttelten.

Sei kein Idiot, ermahnte er sich. Das ist etwas, was nie passieren darf. Du würdest alles nur gründlich vermasseln.

»Was hat ihn dazu gebracht, dir alles zu erzählen?«, fragte Strike.

Sie antwortete nicht, aber seine Frage führte ihr die Szene noch einmal erschreckend klar vor Augen.

Ihr in Altweiß gestrichenes Wohnzimmer war schlicht zu klein gewesen für ein Paar, das derart wütend war. Sie waren mit dem Land Rover, den Matthew nicht gewollt hatte, aus Yorkshire heimgefahren, und irgendwann auf halber Strecke hatte er aufgebracht behauptet, es wäre nur eine Frage der Zeit, bis Strike sich an Robin heranmachte. Überdies hatte er den Verdacht geäußert, ein solcher Annäherungsversuch würde ihr willkommen sein.

»Er ist ein Freund, das ist alles!«, hatte sie Matthew später angefaucht, als sie neben ihrem billigen Sofa stand, während ihr Wochenendgepäck immer noch in der Diele wartete. »Allein dass du behauptest, mich könnte die Tatsache antörnen, dass er sein Bein …«

»Wie naiv bist du eigentlich!«, hatte Matthew gebrüllt. »Er ist so lange dein Freund, bis er versucht, dich ins Bett zu kriegen, Robin …«

»Schließt du da von dir auf andere? Wartest du nur auf den richtigen Augenblick, um dich auf eine deiner Kolleginnen zu stürzen?«

»Natürlich nicht, verdammt! Aber du bist in Bezug auf ihn dermaßen naiv – er ist ein Mann, ihr seid immer nur zu zweit im Büro …«

»Er ist ein Freund, genau wie du mit Sarah Shadlock befreundet bist, ohne dass du sie je …«

Sie sah es ihm sofort an. Ein Ausdruck, den sie noch nie zuvor an ihm bemerkt hatte, glitt wie ein Schatten über sein Gesicht. Geradezu greifbare Schuldgefühle schienen über die hohen Wangenknochen, das energische Kinn und die haselnussbraunen Augen zu kriechen, die sie seit Jahren liebte.

»Oder doch?«, fragte sie scharf. »Hast du’s getan?«

Er zögerte zu lange.

»Nein«, sagte er nach einer Weile, als liefe ein Film nur ruckelnd weiter. »Natürlich n…«

»Du hast’s getan«, stellte sie fest. »Du hast mit ihr geschlafen.«

Sie konnte es ihm ansehen. Er glaubte nicht an Freundschaften zwischen Männern und Frauen, weil er selbst nie eine erlebt hatte. Sarah und er hatten miteinander geschlafen.

»Wann?«, fragte sie. »Doch nicht etwa … damals?«

»Ich hab nicht …«

Sie konnte den schwachen Protest eines Mannes vernehmen, der wusste, dass er verloren hatte, der sogar hatte verlieren wollen. Genau das hatte Robin die ganze Nacht und den vergangenen Tag lang zugesetzt: Auf irgendeiner Ebene hatte er gewollt, dass sie davon erfuhr.

Ihre merkwürdige Ruhe, mehr verblüfft als anklagend, brachte ihn schließlich dazu, ihr alles zu beichten. Ja, es war damals gewesen. Er hatte ein schlechtes Gewissen deswegen, hatte immer eins gehabt – aber Robin und er hatten damals schon seit Monaten nicht mehr miteinander geschlafen, eines Nachts hatte Sarah ihn getröstet, und, na ja, die Dinge waren ein bisschen aus dem Ruder gelaufen …

»Sie hat dich getröstet?«, wiederholte Robin, und endlich empfand sie Wut, die sie aus ihrem Zustand fassungsloser Ungläubigkeit wachrüttelte.

»Für mich war’s damals auch nicht leicht, verstehst du das denn nicht?«, hatte er ihr entgegengeschrien.

Strike sah, wie Robin unbewusst den Kopf schüttelte, um wieder klar denken zu können, doch die Erinnerungen hatten ihren Teint rosig gefärbt, und ihre Augen blitzten wieder.

»Was hast du gesagt?«, fragte sie Strike verwirrt.

»Ich habe gefragt, was ihn zu seiner Beichte veranlasst hat.«

»Keine Ahnung. Wir hatten einen Streit. Er dachte …« Sie atmete tief durch. Zwei Drittel einer Flasche Wein auf leeren Magen, und sie nahm sich Matthews Ehrlichkeit zum Vorbild. »Er glaubt nicht, dass du und ich nur Freunde sind.«

Strike war wenig überrascht. Er hatte das Misstrauen in jedem Blick gesehen, den Matthew ihm je zugeworfen hatte, und Unsicherheit aus jeder gereizten Bemerkung herausgehört, die ihm gegolten hatte.

»Also«, fuhr Robin leise fort, »hab ich ihm entgegengehalten, dass wir nur Freunde sind – und dass er selbst eine platonische Freundin hätte, seine gute alte Sarah Shadlock … Auf diese Weise ist alles herausgekommen. Sarah und er hatten an der Uni eine Affäre, während ich … als ich zu Hause war.«

»So lange ist das her?«

»Findest du vielleicht, dass ich mich nicht darüber aufregen sollte, nur weil das sieben Jahre her ist?«, fragte sie scharf zurück. »Obwohl er mich seit damals belügt und wir sie ständig treffen?«

»Mich überrascht bloß«, sagte Strike, der sich in keinen Streit hineinziehen lassen wollte, »dass er es nach so langer Zeit noch eingestanden hat.«

»Oh«, sagte Robin. »Na ja, er hat sich wohl geschämt. Wegen des Zeitpunkts, als es passiert ist.«

»An der Uni?«, kam es verständnislos von Strike.

»Gleich nachdem ich mein Studium abgebrochen hatte«, antwortete Robin.

»Ah.«

Sie hatten nie darüber gesprochen, was Robin dazu bewogen hatte, ihr Psychologiestudium abzubrechen und nach Masham heimzukehren. Sie hatte auch nie vorgehabt, Strike davon zu erzählen – doch heute trieben ihre Vorsätze auf einem kleinen See aus Alkohol, den sie ihrem hungrigen, erschöpften Körper eingeflößt hatte. Was wäre schon dabei, wenn sie es ihm erzählte? Ohne diese Informationen wäre er nie völlig im Bilde und könnte ihr nicht raten, was sie als Nächstes tun sollte. Sie vertraute darauf, erkannte sie vage, dass er ihr helfen würde. Ob es ihr nun gefiel oder nicht, ob es ihm gefiel oder nicht: Strike war ihr bester Freund in London. Und dieser Tatsache hatte sie nie offen ins Gesicht gesehen. Alkohol munterte einen auf und schärfte den Blick. In vino veritas, so hieß es doch, oder nicht? Strike hätte es gewusst. Er hatte die kuriose Angewohnheit, manchmal lateinische Weisheiten zu zitieren.

»Ich wollte die Uni nicht verlassen«, sagte Robin langsam. Sie fühlte sich leicht schwindlig. »Allerdings war dort etwas passiert, und anschließend hatte ich ein paar Probleme …«

Das war nicht gut. Das war keine richtige Erklärung.

»Ich war bei einer Freundin in einem anderen Wohnheim und bin heimgelaufen«, hob sie neu an. »Es war nicht einmal spät … gegen acht Uhr oder so … aber es war vor ihm gewarnt worden – in den örtlichen Zeitungen und im Radio.«

Auch das war es nicht. Zu viele Details. Was sie brauchte, war eine klare Aussage, keine Schilderung sämtlicher Einzelheiten, die sie später vor Gericht hatte wiedergeben müssen.

Sie atmete tief durch, blickte Strike ins Gesicht und sah ihm an, dass es ihm bereits dämmerte. Erleichtert, weil sie nicht alles genau würde erklären müssen, fragte sie: »Kann ich bitte noch eine Tüte Chips haben?«

Als Strike von der Bar zurückkam, schob er ihr die Tüte schweigend hin. Sein Gesichtsausdruck gefiel ihr nicht.

»Glaub bloß nicht … Das macht keinen Unterschied!«, stieß sie verzweifelt hervor. »Das waren bloß zwanzig Minuten meines Lebens. Irgendwas, was mir zufällig zugestoßen ist … Das war nicht ich. Es definiert mich nicht.«

Strike ahnte, dass sie diese Sätze als eine Art Therapie verinnerlicht hatte. Er hatte früher auch das eine oder andere Vergewaltigungsopfer befragt und kannte die Worthülsen, die ihnen als Erklärung dafür dienen sollten, was jeder Frau unerklärlich vorkommen musste. Schlagartig sah er jetzt vieles an Robin klarer. Zum Beispiel ihr Festhalten an Matthew, dem ungefährlichen Jungen aus der Heimat.

Für die leicht angetrunkene Robin verhieß Strikes Schweigen jedoch, was sie am meisten gefürchtet hatte: nämlich einen Wechsel seiner Sichtweise – weg von der Mitarbeiterin hin zum Opfer.

»Es macht keinen Unterschied«, wiederholte sie aufgebracht. »Ich bin immer noch dieselbe!«

»Das weiß ich«, sagte er, »aber ich werde es doch wohl beschissen finden dürfen, dass dir das zugestoßen ist.«

»Na ja … Das war es …«, murmelte sie besänftigt, und dann wieder lebhafter: »Immerhin hat meine Aussage ihn überführt. Ich hab ihn mir genau angesehen, während er … Unter einem Ohr hatte er eine weiße Hautstelle – Vitiligo, eine Pigmentstörung –, und eine seiner Pupillen war ganz starr erweitert.« Sie plapperte weiter, während sie die dritte Tüte Chips verschlang. »Er hat versucht, mich zu erwürgen. Ich hab mich hinfallen lassen und hab mich tot gestellt, und da ist er geflüchtet. Vorher hatte er zwei weitere Frauen überfallen – er war maskiert gewesen, sodass sie der Polizei nichts über ihn hatten erzählen können. Erst durch meine Aussage ist er hinter Gittern gelandet.«

»Das wundert mich nicht«, sagte Strike.

Robin fand die Reaktion befriedigend. Eine Weile saßen sie sich schweigend gegenüber, bis sie mit ihren Chips fertig war.

»Aber danach hab ich mich nicht mehr aus dem Zimmer getraut«, sagte sie, als hätte es nie eine Pause gegeben. »Am Ende hat die Universität mich heimgeschickt. Ich sollte zunächst nur ein Semester lang pausieren, aber ich … Ich bin nie mehr zurückgegangen.«

Während Robin sich all das vergegenwärtigte, starrte sie ins Leere. Matthew hatte sie dazu gedrängt daheimzubleiben. Nachdem sie ihre Platzangst überwunden hatte, was über ein Jahr gedauert hatte, hatte sie ihn hin und wieder in Bath besucht, wo er studiert hatte, war Hand in Hand mit ihm die Straßen entlangspaziert, an denen Häuser aus dem weichen Gestein der Cotswolds standen, durch elegante Straßenbogen aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert und am baumbestandenen Ufer des Avon. Immer wenn sie mit seinen Freunden ausgegangen waren, war Sarah Shadlock mit von der Partie gewesen, hatte wiehernd über Matthews Witze gelacht, seinen Arm berührt und das Gespräch ständig darauf gebracht, wie herrlich sich alle amüsierten, wenn Robin, die lästige Freundin von daheim, nicht da war …

Sie hat mich getröstet. Für mich war’s damals auch nicht leicht, verstehst du das denn nicht?

»Na gut«, sagte Strike schließlich. »Und jetzt finden wir für heute Nacht eine Unterkunft für dich.«

»Ich übernachte in der Travel…«

»Nein, tust du nicht.«

Er wollte nicht, dass sie in einem Billighotel übernachtete, wo jeder von der Straße hereinkommen und durch die Korridore streifen konnte, ohne aufgehalten zu werden. Vielleicht war er ja ein wenig paranoid, aber er wollte sie an einem Ort wissen, an dem ein Hilfeschrei nicht im Gekreisch von Junggesellinnenabschieden untergehen würde.

»Ich könnte im Büro schlafen«, sagte Robin. Sie schwankte, als sie zu stehen versuchte, und er fasste sie am Arm. »Wenn du noch diese Camping…«

»Du schläfst nicht im Büro«, sagte er. »Ich kenne ein gutes Hotel. Meine Tante und mein Onkel haben dort immer gewohnt, wenn sie in London waren, um sich Die Mausefalle anzusehen. Komm, gib mir die Tasche.«

Er hatte Robin schon einmal den Arm um die Schultern gelegt, aber damals war die Situation eine ganz andere gewesen: Er hatte bei ihr Halt gesucht. Diesmal war sie es, die kaum imstande war, geradeaus zu gehen. Er legte ihr einen Arm um die Taille und stützte sie, als sie den Pub verließen.

»Matthew«, murmelte sie, als sie die Straße entlanggingen, »würde das nicht gefallen.«

Strike enthielt sich einer Äußerung. Trotz allem, was er gehört hatte, war er nicht annähernd so überzeugt wie Robin, dass die Beziehung der beiden zerbrochen war. Sie waren neun Jahre zusammen gewesen, und in Masham lag ein Hochzeitskleid für Robin bereit. Er hatte sich bewusst gehütet, Kritik an Matthew zu äußern, weil er genau wusste, dass ihr Exverlobter ebendiese Kritik zu hören bekommen würde, sobald die Feindseligkeiten wieder aufflammten, was unter Garantie der Fall sein würde, weil sich in neun Jahren geknüpfte Bande nicht in einer einzigen Nacht lösen ließen. Seine Zurückhaltung diente allein Robins Interesse. Vor Matthew hatte er keine Angst.

»Wer war dieser Mann?«, fragte Robin undeutlich, nachdem sie die ersten hundert Meter schweigend zurückgelegt hatten.

»Welcher Mann?«

»Der Mann von heute Morgen … Ich dachte schon, der Bein-Mann wäre … Er hat mir verdammt Angst gemacht.«

»Ach … Das war Shanker. Ein alter Freund von mir.«

»Er ist gruselig.«

»Shanker würde dir nie etwas tun«, versicherte Strike ihr. Dann fügte er jedoch hinzu: »Aber lass ihn nie im Büro allein.«

»Warum nicht?«

»Er würde alles klauen, was nicht niet- und nagelfest ist. Er macht nichts umsonst.«

»Woher kennst du ihn?«

Bis Strike die Geschichte von Shanker und Leda fertig erzählt hatte, waren sie bis zur Frith Street gelangt, in der stille Stadthäuser auf sie herabblickten, die Würde und Solidität ausstrahlten.

»Hier?«, fragte Robin und starrte mit offenem Mund das Hazlitt’s Hotel an. »Hier kann ich nicht übernachten – das ist viel zu teuer!«

»Die Rechnung geht auf mich«, erklärte Strike. »Versteh’s als Jahresbonus. Und keine Widerrede«, fügte er hinzu, als die Tür aufging und ein lächelnder junger Mann zur Seite trat, um sie einzulassen. »Schließlich ist es meine Schuld, dass du heute eine sichere Unterkunft brauchst.«

Die gemütliche, holzgetäfelte Hotellobby strahlte die Atmosphäre eines Privathauses aus. Es gab nur einen einzigen Eingang, dessen Tür von außen niemand öffnen konnte.

Nachdem Strike dem jungen Mann seine Kreditkarte überreicht hatte, begleitete er Robin, die nicht mehr sicher auf den Beinen war, zum Fuß der Treppe.

»Du kannst morgen freinehmen, wenn du …«

»Ich bin um neun Uhr da«, fiel sie ihm ins Wort. »Cormoran, ich danke dir für … für …«

»Kein Problem. Gute Nacht.«

Als Strike die Tür des Hazlitt’s Hotel hinter sich schloss, war es still auf der Frith Street. Mit tief in den Hosentaschen vergrabenen Händen schlenderte er gedankenverloren davon.

Robin war vergewaltigt und vermeintlich tot liegen gelassen worden. Heilige Scheiße.

Als ihr vor acht Tagen irgendein Dreckskerl ein abgetrenntes Frauenbein in die Hand gedrückt hatte, hatte sie kein Wort über ihre Vergangenheit verloren oder um eine Auszeit gebeten, was vollkommen verständlich gewesen wäre, sondern war auch weiter Tag für Tag mit der ihr ureigenen Professionalität im Büro erschienen. Er war es gewesen, der – ganz ohne ihre Geschichte zu kennen – auf dem besten Handalarm bestanden hatte, der nicht gewollt hatte, dass sie nach Einbruch der Dunkelheit allein unterwegs war, und der sich tagsüber in regelmäßigen Abständen nach ihr erkundigt hatte …

Im selben Augenblick, da Strike erkannte, dass er nicht zur Denmark Street, sondern in die Gegenrichtung unterwegs war, entdeckte er einen Mann mit Beanie, der sich an der Ecke zum Soho Square herumdrückte. Die Glut seiner Zigarette verschwand, als der Mann sich eilig umdrehte und davonmarschierte.

»Augenblick mal, Kumpel!«

Strikes Stimme hallte über den verwaisten Platz. Statt sich umzudrehen, begann der Mann mit der Mütze zu rennen.

»Hey! Kumpel!«

Auch Strike sprintete los, wobei sein Knie bei jedem Schrittstoß rebellierte. Der Gejagte sah sich kurz um, dann bog er scharf links ab, während Strike ihn so schnell verfolgte, wie er konnte. In der Carlisle Street musterte Strike kurz die vor dem Eingang des Toucan versammelte Menge – hatte der Mann sich daruntergemischt? Keuchend rannte er weiter an den Gästen des Pubs vorbei, erreichte die Kreuzung zur Dean Street, drehte sich dort einmal um die eigene Achse und hielt Ausschau nach dem Unbekannten. Sollte er nach links oder rechts abbiegen oder auf der Carlisle Street bleiben – wobei es entlang aller drei Straßen zahlreiche Haus- und Kellereingänge gab, in denen der Mann mit der Beanie sich verstecken könnte, sofern er nicht längst ein vorbeifahrendes Taxi angehalten hätte.

»Verdammt«, murmelte Strike. Sein Beinstumpf war von der Prothese wund gerieben. Er hatte den Mann lediglich als ziemlich groß und breit wahrgenommen, er hatte eine unauffällige dunkle Jacke und eine Mütze getragen, aber es kam Strike verdächtig vor, dass der Mann auf seinen Ruf hin weggelaufen war, ehe er ihn nach der Uhrzeit oder einer Wegbeschreibung hatte fragen oder um Feuer bitten können.

Seinem Instinkt folgend lief er nach rechts die Dean Street entlang. In beiden Richtungen rauschte der Verkehr an ihm vorbei. Fast eine Stunde lang durchstreifte er das Viertel, suchte dunkle Haus- und Kellereingänge ab. Er ahnte, dass dies vergebliche Mühe war, aber wenn … wenn ihnen der Mann gefolgt war, der das Bein geschickt hatte, war er zweifellos ein skrupelloser Kerl, der sich durch Strikes unbeholfenen Versuch einer Verfolgung nicht ohne Weiteres aus Robins Nähe vertreiben ließ.

Obdachlose in Schlafsäcken funkelten ihn böse an, sobald er ihnen näher kam, als Passanten sich im Allgemeinen trauten. Zweimal schreckte er Katzen hinter Mülltonnen auf. Doch der Mann mit Beanie war und blieb verschwunden.

21

… the damn call came,

And I knew what I knew and didn’t want to know.

BLUE ÖYSTER CULT, »LIVE FOR ME«

Am folgenden Morgen wachte Robin mit Kopfschmerzen und einem Stein in der Magengrube auf. In der Zeit, die sie brauchte, um sich auf ungewohnt gestärkten weißen Kissen umzudrehen, schienen die Ereignisse des vergangenen Abends mit neuer Wucht auf sie einzustürzen. Sie schüttelte sich die Haare aus dem Gesicht, setzte sich auf und sah sich um. Zwischen den geschnitzten Holzpfosten ihres Himmelbetts konnte sie in etwa die Konturen eines Zimmers sehen, das von durch einen Spalt zwischen Brokatvorhängen einfallendem Licht nur schwach erhellt wurde. Als ihre Augen sich an das vergoldete Dämmerlicht gewöhnt hatten, fiel ihr Blick auf das Porträt eines dicken Gentlemans mit Backenbart in einem Goldrahmen. Dies war die Art Hotel, in dem man einen teuren Stadturlaub verbrachte, statt sich verkatert auszuschlafen und nicht mehr bei sich zu haben als ein paar hastig zusammengeraffte Kleidungsstücke in einer Reisetasche.

Hatte Strike sie in diesem eleganten, altmodischen Luxus untergebracht, um sie im Voraus für das ernste Gespräch zu entschädigen, das er heute mit ihr führen würde? Du befindest dich offenbar in einer sehr emotionalen Phase … Ich denke, es wäre gut, wenn du dir für eine Weile von der Arbeit freinehmen würdest.

Zwei Drittel einer Flasche schlechten Weins, und sie hatte ihm alles erzählt. Leise stöhnend sank Robin in die Kissen zurück, legte sich einen Arm über die Augen und ergab sich den Erinnerungen, die jetzt erneut ihre ganze Gewalt entwickelten, während sie selbst sich schwach und elend fühlte.

Ihr Vergewaltiger hatte eine Gorillamaske aus Gummi getragen. Er hatte sie mit dem Arm über ihrer Kehle mit seinem vollen Gewicht zu Boden gedrückt und ihr gesagt, sie werde sterben, während er sie vergewaltigte, hatte ihr entgegengespien, er werde ihr Scheißleben beenden und sie erwürgen. Ihr Gehirn war zu einer scharlachroten Höhle aus kreischender Panik geworden, seine Hände zur Schlinge um ihren Hals, ihr Überleben abhängig von ihrer Fähigkeit, sich tot zu stellen.

Später hatte es Tage und Wochen gegeben, in denen sie sich vorgekommen war, als wäre sie wirklich gestorben und nur mehr in einem Körper gefangen, von dem sie sich komplett losgelöst fühlte. Die einzige Möglichkeit, sich zu schützen, schien darin zu bestehen, dass sie sich von ihrem eigenen Leib lossagte, jegliche Verbindung zu ihm leugnete. Es hatte lange gedauert, bis sie sich getraut hatte, ihren Körper wieder in Besitz zu nehmen.

Vor Gericht hatte er leise und ruhig gesprochen, duckmäuserisch, »Ja, Euer Ehren«, »Nein, Euer Ehren«, ein unscheinbarer Weißer mittleren Alters mit frischer Gesichtsfarbe – bis auf diesen weißen Fleck unter dem Ohr. Seine blassblauen Augen hatten zu oft geblinzelt: helle Augen, die hinter den Gucklöchern seiner Maske zu Schlitzen zusammengekniffen gewesen waren.

Was er ihr angetan hatte, hatte ihre Auffassung von ihrem Platz auf der Welt zerstört, ihrer akademischen Laufbahn ein Ende gesetzt und sie nach Masham zurückgeworfen. Sie war gezwungen gewesen, ein grausames Gerichtsverfahren durchzustehen, bei dem das Kreuzverhör fast so traumatisch war wie die Vergewaltigung selbst, weil er zu seiner Verteidigung behauptete, Robin hätte ihn zum Sex im Treppenhaus regelrecht eingeladen. Nachdem seine behandschuhten Hände sie aus den Schatten heraus gepackt und in die Nische unter der Treppe gezerrt hatten, hatte sie monatelang nicht den geringsten Körperkontakt ertragen können – nicht einmal eine sanfte Umarmung von einem Angehörigen. Er hatte ihrer ersten und einzigen sexuellen Beziehung solchen Schaden zugefügt, dass Matthew und sie ganz neu hatten anfangen müssen, wobei Angst und Schuldgefühle jeden Schritt begleitet hatten.

Robin hielt den Arm auf die Augen gedrückt, als versuchte sie, dies alles allein durch Kraft aus ihrem Gedächtnis zu tilgen. Inzwischen wusste sie natürlich, dass der junge Matthew, den sie für einen selbstlosen Tugendbold gehalten hatte, sich in Wahrheit im Studentenwohnheim in Bath mit der nackten Sarah vergnügt hatte, während sie selbst in Masham stundenlang einsam auf ihrem Bett gelegen und Destiny’s Child angestarrt hatte. In der schwelgerischen Ruhe des Hazlitt’s Hotel dachte Robin erstmals darüber nach, ob Matthew sie irgendwann wegen Sarah verlassen hätte, wäre sie selbst glücklich und unversehrt geblieben, und sogar darüber, ob Matthew und sie mit der Zeit womöglich auseinandergedriftet wären, wenn sie ihr Studium abgeschlossen hätte.

Sie ließ den Arm sinken und schlug die Augen auf. Diesmal waren sie trocken geblieben; Robin hatte das Gefühl, keine Tränen mehr übrig zu haben. Der Schmerz, der sie auf Matthews Beichte hin durchbohrt hatte, war abgeklungen. Sie spürte ihn nur mehr als dumpfes Pochen, das von der Panik überlagert wurde, die sie empfand, sobald sie darüber nachdachte, ob sie ihrem Arbeitsverhältnis geschadet haben könnte. Wie hatte sie so dumm sein und Strike erzählen können, was ihr zugestoßen war? Hatte sie nicht längst erfahren, was passierte, wenn man ehrlich war?

Ein Jahr nach der Vergewaltigung, als ihre Platzangst überwunden war, als sie ihr früheres Gewicht fast wieder erreicht hatte und endlich den Drang verspürte, wieder in die Welt zurückzukehren und all die verlorene Zeit wettzumachen, hatte sie einmal ein vages Interesse geäußert an irgendetwas, was mit polizeilicher Ermittlungsarbeit zu tun haben könnte. Ohne Uniabschluss und angesichts ihres jüngst zerschmetterten Selbstvertrauens hatte sie sich indes nicht getraut, ihren wahren Wunsch zu äußern, Kriminalermittlerin zu werden. Das war nur gut gewesen, denn ausnahmslos jeder, den sie kannte – sogar ihre Mutter, die sonst für alles Verständnis aufbrachte –, hatte versucht, sie von dem zaghaft geäußerten Wunsch abzubringen, sich mit den selbst entfernteren Bereichen der Polizeiarbeit zu beschäftigen. Sie alle hatten Robins seltsames neues Interesse für ein Zeichen fortbestehender Krankheit, für ein Symptom ihrer Unfähigkeit gehalten, endlich hinter sich zu lassen, was ihr zugestoßen war.

Aber das stimmte nicht: Den Wunsch hatte sie schon lange vor der Vergewaltigung gehabt. Mit acht Jahren hatte sie ihren Brüdern erklärt, sie werde Räuber fangen, und war dafür verspottet worden – aus dem einfachen Grund, weil sie nun mal ein Mädchen und die Schwester war. Auch wenn Robin hoffte, die Reaktion ihrer Brüder hätte nicht deren wahre Einschätzung ihrer Fähigkeiten widergespiegelt, sondern auf einem gewissen kumpelhaften männlichen Reflex beruht, war sie danach zusehends zurückhaltend gewesen, wenn es darum gegangen war, mit den drei lauten, rechthaberischen Jungen über Detektivarbeit zu reden. Und auch später hatte sie niemandem erzählt, warum sie sich ausgerechnet für ein Psychologiestudium entschieden hatte: weil ihr insgeheim vor Augen gestanden hatte, eines Tages vielleicht Täterprofile zu erstellen.

Den Weg zu diesem Ziel hatte der Vergewaltiger ihr gründlich verbaut. Auch das war etwas, was er ihr geraubt hatte. Als sie sich irgendwann von ihrem höchst fragilen Zustand erholt hatte und ihre Umgebung nur darauf zu warten schien, dass sie erneut zusammenklappte, hatte es sich als zu schwierig erwiesen, sich wieder ihrem alten Ziel zu widmen. Aus Erschöpfung und aus einem Gefühl der Verpflichtung gegenüber ihrer Familie, die sich in der größten Not als liebevoller Schutz bewährt hatte, hatte sie ihren lebenslangen Ehrgeiz aufgegeben, und der Verzicht schien alle anderen zu erleichtern.

Dann hatte eine Zeitarbeitsagentur sie versehentlich zu einem Privatdetektiv geschickt. Sie hätte bloß eine Woche bei ihm arbeiten sollen, war aber nie mehr gegangen. Es war ihr wie ein Wunder erschienen. Irgendwie – erst durch Glück, dann durch Talent und Hartnäckigkeit – war sie für Strike, der beruflich zu kämpfen gehabt hatte, von Wert gewesen und fast genau dort gelandet, wo sie sich in ihrer Fantasie gesehen hatte, bevor ein Unbekannter sie wie einen seelenlosen Wegwerfartikel für sein perverses Vergnügen benutzt und dann gewürgt und niedergeschlagen hatte.

Warum, warum hatte sie Strike erzählt, was ihr passiert war? Er war ohnehin um sie besorgt gewesen, auch schon bevor sie ihre Geschichte preisgegeben hatte. Was würde er jetzt tun? Bestimmt würde er jetzt denken, sie wäre zu fragil für diese Arbeit, davon war Robin überzeugt, und sie kurzerhand abservieren, weil sie außerstande wäre, den Verpflichtungen nachzukommen, für die er eine belastbare Kollegin brauchte.

Die Stille und Solidität des georgianischen Zimmers war bedrückend.

Robin kroch unter der schweren Bettdecke hervor und ging über den leicht abfallenden Fußboden ins Bad, in dem es zwar eine Wanne auf Löwentatzen, aber keine Dusche gab. Als sie sich eine Viertelstunde später anzog, klingelte auf dem Nachttisch ihr Handy. Zum Glück hatte sie gestern Nacht nicht schon wieder vergessen, den Akku aufzuladen.

»Hi«, sagte Strike. »Wie fühlst du dich?«

»Gut«, sagte sie mit brüchiger Stimme.

Jetzt rief er an, um ihr zu sagen, sie brauche gar nicht erst ins Büro zu kommen. Sie wusste es genau.

»Eben hat Wardle angerufen. Sie haben den Rest der Leiche gefunden.«

Robin sank kraftlos auf den Gobelinhocker und hielt ihr Handy mit beiden Händen fest ans Ohr gepresst.

»Was? Wo? Wer war es?«

»Das erzähle ich dir, wenn ich dich abhole. Sie wollen mit uns reden. Ich bin um neun Uhr unten. Vergiss nicht zu frühstücken«, fügte er hinzu.

»Cormoran!«, rief sie, bevor er auflegen konnte.

»Was?«

»Dann hab ich … Ich habe also noch einen Job?«

Eine kurze Pause.

»Was redest du denn da? Natürlich hast du noch einen Job.«

»Du hast nicht … Ich bin weiterhin … Nichts hat sich geändert?«, fragte sie.

»Machst du in Zukunft, was ich sage?«, fragte er zurück. »Hörst du auf mich, wenn ich dir sage, dass du nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr allein unterwegs sein sollst?«

»Ja«, sagte sie leicht zittrig.

»Gut. Wir sehen uns um neun.«

Robin stieß einen tiefen, schaudernden Seufzer der Erleichterung aus. Sie war immer noch im Boot. Er wollte sie weiterhin. Als sie das Handy gerade auf den Nachttisch zurücklegen wollte, sah sie, dass über Nacht die längste SMS eingegangen war, die sie je empfangen hatte.

Robin, ich kann nicht schlafen, weil ich an dich denken muss. Du weißt nicht, wie sehr ich mir wünsche, es wäre nicht passiert. Es war beschissen, das zu tun, und es gibt keine Rechtfertigung dafür. Ich war 21 und wusste nicht, was ich heute weiß: dass es niemanden gibt wie dich und dass ich niemals jemanden so sehr lieben könnte, wie ich dich liebe. Seit damals hat es nie mehr jemanden außer dir gegeben. Ich war auf Strike und dich eifersüchtig, und du wirst wahrscheinlich sagen, dass ich nach allem, was ich getan habe, kein Recht darauf habe, eifersüchtig zu sein. Aber vielleicht glaube ich auf irgendeiner Ebene, dass du einen besseren Mann verdienst als mich, und das setzt mir zu. Ich weiß nur, dass ich dich liebe und dich heiraten will, und wenn du das jetzt nicht mehr willst, muss ich mich damit abfinden, aber bitte melde dich, Robin, und lass mich wissen, dass du okay bist, bitte. Matt xxxxxxx

Robin legte das Handy auf den Nachttisch zurück und machte sich fertig, bestellte beim Zimmerservice ein Croissant und Kaffee und war überrascht, wie gut ihr beides tat. Erst dann las sie Matts Nachricht noch einmal.

… vielleicht glaube ich auf irgendeiner Ebene, dass du einen besseren Mann verdienst als mich, und das setzt mir zu …

Das war rührend. Und es klang so gar nicht nach Matthew, der normalerweise immer der Ansicht war, unterschwellige Motive anzuführen sei nichts anderes als Schikane. Doch dann schoss Robin wieder durch den Kopf, dass er Sarah nie aus seinem Leben gestrichen hatte. Sie war seine beste Studienfreundin geblieben, hatte ihn bei der Beerdigung seiner Mutter zärtlich umarmt, ging mit ihnen zum Essen aus, flirtete und stiftete auch weiterhin Unfrieden zwischen ihm und Robin.

Sie dachte kurz darüber nach und schrieb zurück:

Mir geht’s gut.

Als das schwarze Taxi um fünf vor neun vorfuhr, wartete Robin wie immer ordentlich gekleidet vor dem Eingang des Hazlitt’s Hotel auf Strike.

Er hatte sich nicht rasiert, und weil er starken Bartwuchs hatte, sah sein Kinn beinahe schmutzig aus.

»Hast du die Nachrichten gesehen?«, fragte er, sobald sie eingestiegen war.

»Nein.«

»Die Medien haben’s gerade erfahren. Ich hab’s im Fernsehen gesehen, kurz bevor ich losgegangen bin.«

Er beugte sich nach vorn, um das Plastikschiebefenster zwischen ihnen und dem Fahrer zu schließen.

»Wer ist sie?«, fragte Robin.

»Sie haben sie noch nicht offiziell identifiziert, aber sie gehen davon aus, dass es sich um eine vierundzwanzigjährige Ukrainerin handelt.«

»Ukrainerin?«, fragte Robin erstaunt.

»Jepp.« Er zögerte kurz und sagte dann: »Ihre Vermieterin hat sie zerstückelt in einer Kühlgefrierkombination gefunden – offenbar in ihrer eigenen Wohnung. Ihr rechtes Bein fehlt. Sie ist es, eindeutig.«

Der Nachgeschmack von Robins Zahncreme war plötzlich chemisch; das Croissant und der Kaffee strudelten in ihrem Magen.

»Wo liegt die Wohnung?«

»Coningham Road, Shepherd’s Bush. Kommt dir das bekannt vor?«

»Nein, ich … oh Gott. Oh Gott. Die junge Frau, die sich das Bein abschneiden wollte?«

»Offenbar.«

»Aber sie hatte doch gar keinen ukrainischen Namen, oder?«

»Wardle meint, sie könnte einen falschen benutzt haben. Du weißt schon – einen Künstlernamen als Prostituierte.«

Das Taxi fuhr über die Pall Mall in Richtung New Scotland Yard. Auf beiden Seiten glitten weiße neoklassizistische Gebäude an den Fenstern vorbei: erhaben, majestätisch und gegen sämtliche Schocks gefeit, die der schwachen Menschheit zusetzten.

»Wardle hat offenbar damit gerechnet«, sagte Strike nach längerer Pause. »Seiner Theorie zufolge gehört das Bein einer ukrainischen Prostituierten, die zuletzt mit Digger Malley gesehen wurde.«

Robin ahnte, dass noch mehr kommen würde. Besorgt starrte sie ihn an.

»In der Wohnung wurden Briefe von mir gefunden«, fuhr Strike fort. »Zwei Briefe, die in meinem Namen unterschrieben wurden.«

»Aber du hast ihr doch gar nicht geantwortet!«

»Wardle weiß, dass sie gefälscht sind. Offenbar hat irgendjemand meinen Namen falsch geschrieben – Cameron –, aber er muss mich trotzdem vorladen.«

»Und was steht in den Briefen?«

»Das wollte er mir nicht am Telefon sagen. Er benimmt sich ziemlich anständig«, sagte Strike. »Spielt nicht das Arschloch.«

Vor ihnen tauchte der Buckingham-Palast auf. Die riesige Marmorstatue Königin Victorias blickte missbilligend auf Robins Verwirrung und ihren Kater hinab. Dann glitt sie außer Sicht.

»Wahrscheinlich legen sie uns Fotos der Leiche vor, um zu sehen, ob wir sie identifizieren können.«

»Okay«, sagte Robin selbstsicherer, als ihr zumute war.

»Wie geht’s?«, erkundigte sich Strike.

»Mir geht’s gut«, antwortete sie. »Mach dir um mich keine Gedanken.«

»Ich wollte Wardle heute Morgen ohnehin anrufen.«

»Warum?«

»Als ich gestern Abend vom Hotel weggegangen bin, hab ich einen großen Kerl mit einer schwarzen Beanie auf dem Kopf in einer Seitenstraße herumlungern gesehen. Irgendwas an seiner Körpersprache hat mir nicht gefallen. Als ich zu ihm rübergerufen hab – ich wollte ihn um Feuer bitten –, ist er abgehauen. Erzähl mir nicht«, sagte Strike, obwohl Robin keinen Ton von sich gegeben hatte, »dass ich nervös bin oder mir Dinge einbilde. Ich glaube, dass er uns verfolgt hat, und ich will dir noch was sagen: Ich glaube, dass er auch im Pub war, als ich reingekommen bin. Allerdings hab ich sein Gesicht nicht gesehen, nur seinen Hinterkopf, als er gegangen ist.«

Zu seiner Überraschung legte Robin keinen Einspruch ein, sondern runzelte stattdessen konzentriert die Stirn, als versuchte sie, sich an ein verschwommenes Bild zu erinnern.

»Weißt du was? Ich hab gestern ebenfalls einen großen Kerl mit Beanie gesehen … Ja, genau, in der Tottenham Court Road, in einem Hauseingang. Sein Gesicht lag allerdings im Schatten.«

Strike fluchte leise in sich hinein.

»Bitte sag jetzt nicht, dass ich aufhören muss zu arbeiten«, stieß Robin mit höherer Stimme als sonst hervor. »Bitte. Ich liebe diesen Job.«

»Und wenn der Scheißkerl dich verfolgt?«

Sie konnte einen angstvollen Schauder nicht unterdrücken, aber ihre Entschlossenheit war stärker. Mitzuhelfen, diese Bestie, wer immer sie war, unschädlich zu machen, war beinahe jedes Opfer wert …

»Ich bin wachsam. Ich hab zwei Handalarme.«

Strike war alles andere als beruhigt.

Vor New Scotland Yard stiegen sie aus und wurden sofort nach oben in ein Großraumbüro geführt, in dem Wardle in Hemdsärmeln dastand und sich mit ein paar Untergebenen unterhielt. Als er Strike und Robin kommen sah, ließ er seine Kollegen stehen und marschierte mit dem Detektiv und dessen Mitarbeiterin in einen kleinen Besprechungsraum.

»Vanessa!«, rief er nach draußen, als Strike und Robin sich an den ovalen Tisch setzten. »Haben Sie die Briefe?«

Wenig später erschien Detective Sergeant Ekwensi mit zwei maschinenbeschriebenen Blättern Papier in Schutzhüllen und der Fotokopie eines der handgeschriebenen Briefe, die Strike Wardle im Old Blue Last übergeben hatte. Detective Sergeant Ekwensi, die Robin mit einem Lächeln begrüßte, das diese erneut über die Maßen beruhigend fand, setzte sich neben Wardle und schlug ihr Notizbuch auf.

»Möchte jemand Kaffee oder irgendetwas anderes?«, fragte Wardle. Als Strike und Robin den Kopf schüttelten, schob er die Briefe zu Strike hinüber. Strike las beide, bevor er sie seinerseits an Robin weitergab.

»Keiner davon ist von mir«, erklärte er Wardle.

»Das hab ich auch nicht angenommen«, sagte Wardle. »Und Sie haben auch nicht an Strikes Stelle geantwortet, Miss Ellacott?«

Robin schüttelte den Kopf.

Der erste Brief enthielt das Eingeständnis, Strike habe tatsächlich selber dafür gesorgt, dass ihm ein Bein amputiert wurde, das ihm lästig geworden war; die Geschichte mit der Sprengfalle in Afghanistan sei nur ein raffiniertes Täuschungsmanöver gewesen, er wisse nicht, wie Kelsey das herausbekommen hätte, flehe sie aber inständig an, ihn nicht zu verraten. Dann erbot der angebliche Strike sich, ihr bei ihrer eigenen »Behinderung« zu helfen, und fragte, wann und wo sie sich treffen könnten.

Der zweite, kürzere Brief bestätigte lediglich, dass Strike sie am dritten April um neunzehn Uhr besuchen werde.

Beide Briefe waren in dicker schwarzer Tinte mit »Cameron Strike« unterschrieben.

»Der hier«, sagte Strike und nahm den zweiten Brief wieder zur Hand, nachdem Robin ihn gelesen hatte, »suggeriert, dass sie mir geantwortet und einen Ort und eine Zeit vorgeschlagen hat.«

»Das wäre meine nächste Frage gewesen«, sagte Wardle. »Haben Sie einen zweiten Brief bekommen?«

Strike sah zu Robin hinüber, die den Kopf schüttelte.

»Okay«, sagte Wardle, »nur fürs Protokoll: Wann ist der ursprüngliche Brief von …« – er sah auf die Fotokopie hinab – »Kelsey, wie sie sich genannt hat, bei Ihnen eingegangen?«

Diesmal antwortete Robin.

»Ich hab den Umschlag in die Spin…«

Über Strikes Gesicht huschte die Andeutung eines Lächelns.

»… in die Schublade zurückgelegt, in der wir unverlangte Briefe aufbewahren. Wir müssten auf dem Stempel nachsehen, aber meiner Erinnerung nach war es Anfang des Jahres. Vielleicht im Februar.«

»Okay, ausgezeichnet«, sagte Wardle. »Wir schicken jemanden rüber, der den Umschlag abholt.« Er lächelte Robin zu, die besorgt wirkte. »Beruhigen Sie sich, ich glaube Ihnen. Irgendein Spinner versucht tatsächlich, Strike einen Mord anzuhängen. Hier fehlt jeglicher Zusammenhang. Wozu sollte er eine Frau erstechen, sie zerstückeln und sich eines ihrer Beine ins eigene Büro schicken? Und wieso würde er Briefe von sich in ihrer Wohnung liegen lassen?«

Robin versuchte, sein Lächeln zu erwidern.

»Sie ist erstochen worden?«, warf Strike ein.

»Woran sie wirklich gestorben ist, wird noch untersucht«, erklärte Wardle, »aber sie hat zwei tiefe Stichwunden im Oberkörper, die vermutlich zum Tod geführt haben, bevor er angefangen hat, sie zu zerstückeln.«

Robin ballte unter der Tischplatte die Fäuste, sodass ihre Fingernägel sich tief in die Handflächen gruben.

»So«, sagte Wardle, und Detective Sergeant Ekwensi ließ ihren Kugelschreiber klicken und war schreibbereit, »sagt Ihnen der Name Oxana Woloschina etwas?«

»Nein«, sagte Strike, und Robin schüttelte den Kopf.

»Das scheint der richtige Name der Ermordeten zu sein«, fuhr Wardle fort. »So hat sie zumindest ihren Mietvertrag unterschrieben, und die Vermieterin hat ihren Pass gesehen. Sie hat sich als Studentin ausgegeben.«

»Ausgegeben?«, fragte Robin.

»Wir ermitteln gerade, was sie wirklich war«, antwortete Wardle.

Natürlich, dachte Robin, erwartet er, dass sie eine Prostituierte war.

»Nach ihrem Brief zu urteilen war ihr Englisch gut«, bemerkte Strike. »Sofern sie ihn denn selbst geschrieben hat.«

Robin sah ihn verständnislos an.

»Wenn jemand Briefe von mir fälscht, hätte er auch ihren fälschen können, oder nicht?«

»Um zu versuchen, dich dazu zu bringen, dass du wirklich mit ihr kommunizierst, meinst du?«, hakte Robin nach.

»Ja – um mich zu einem Treffen zu locken oder eine Papierspur von mir zu ihr zu legen, die mich nach ihrem Tod belastet.«

»Van, sehen Sie nach, ob die Leichenfotos schon zur Verfügung stehen«, sagte Wardle.

Detective Sergeant Ekwensi verließ den Raum. Sie ging wie ein Model. Robins Magen krampfte sich zusammen, als die Panik einsetzte. Als hätte er es gespürt, wandte Wardle sich zu ihr um und sagte: »Sie müssen sie sich nicht ansehen, denke ich, wenn Strike …«

»Sie sollte sie sehen«, fiel Strike ihm ins Wort.

Wardle wirkte leicht verblüfft, und Robin fragte sich – auch wenn sie sich bemühte, sich nichts anmerken zu lassen –, ob Strike gerade versuchte, sie einzuschüchtern, damit sie sich auch ganz bestimmt an sein Ausgehverbot nach Einbruch der Dunkelheit hielt.

»Ja«, sagte sie mit gespielter Gelassenheit, »ich denke auch, das sollte ich.«

»Sie sind allerdings … nicht schön«, gab Wardle mit untypischem Understatement zu bedenken.

»Robin hat das Bein geschickt bekommen«, rief Strike ihm in Erinnerung. »Die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Frau schon mal gesehen hat, ist genauso groß wie bei mir. Sie ist meine Partnerin. Wir ermitteln parallel.«

Aus dem Augenwinkel warf Robin ihm einen Blick zu. Strike hatte sie noch nie jemandem gegenüber als seine Partnerin bezeichnet – oder zumindest nicht in ihrer Gegenwart. Als er ihren Blick nicht erwiderte, konzentrierte sie sich wieder auf Wardle. Obwohl sie besorgt war, seit sie gehört hatte, dass Strike sie beide beruflich auf eine Stufe stellte, wusste sie auch – unabhängig davon, was sie jetzt zu sehen bekommen würde –, dass sie weder sich selbst noch ihn enttäuschen durfte.

Als Detective Sergeant Ekwensi mit einem Stapel Fotos in der Hand zurückkehrte, schluckte Robin trocken und setzte sich gerade auf.

Strike sah sie sich zuerst an, und seine Reaktion war nicht beruhigend.

»Verdammte Scheiße …«

»Der Kopf ist noch am besten erhalten«, sagte Wardle ruhig, »weil er ihn eingefroren hat.«

Genau wie sie ihre Hand instinktiv von etwas Glühendem weggezogen hätte, musste Robin jetzt gegen den fast überwältigenden Drang ankämpfen, sich abzuwenden, die Augen zu schließen, das Foto umzudrehen. Stattdessen nahm sie es von Strike entgegen, sah es sich an und spürte, wie ihre Eingeweide sich förmlich verflüssigten.

Der abgetrennte Kopf saß auf einem kurzen Halsstumpf und starrte blind in die Kamera. Die Augen waren mit Eiskristallen bedeckt, sodass die Farbe nicht mehr zu erkennen war. Der Mund war eine dunkle Höhle. Ihr braunes Haar war steif, von Eis fleckig. Sie hatte ein pausbäckiges Gesicht mit ein paar Aknepusteln am Kinn und auf der Stirn. Sie sah jünger aus als vierundzwanzig.

»Kennen Sie sie?«

Wardles Stimme hatte erschreckend nahe geklungen, fand Robin. Sie hatte das Gefühl gehabt, eine riesige Distanz zurückgelegt zu haben, während sie den abgetrennten Kopf angestarrt hatte.

»Nein«, antwortete Robin.

Sie legte die Aufnahme beiseite und nahm die nächste entgegen. Ein linkes Bein und zwei Arme waren in den Kühlschrank gestopft worden, wo sie begonnen hatten zu verwesen. Nachdem sie sich mental auf den Kopf vorbereitet hatte, hatte sie nicht geglaubt, dass etwas anderes ebenso schlimm sein könnte, und genierte sich wegen des leisen Schreckenslauts, den sie nicht hatte zurückhalten können.

»Ja, die sind schlimm«, sagte Detective Sergeant Ekwensi ruhig, und Robin warf ihr einen dankbaren Blick zu.

»Am linken Handgelenk hat sie eine Tätowierung«, stellte Wardle fest und reichte ihnen ein drittes Foto, auf dem der betreffende Arm ausgestreckt auf einem Stahltisch lag. Robin, der jetzt eindeutig übel war, zwang sich dazu, ihn zu betrachten, und konnte die Tätowierung 1D in schwarzer Farbe ausmachen.

»Den Rumpf brauchen Sie sich nicht anzusehen«, sagte Wardle, schob die Fotos zusammen und gab sie zurück an Detective Sergeant Ekwensi.

»Wo haben Sie den gefunden?«, fragte Strike.

»Im Bad«, antwortete Wardle. »Dort hat er sie ermordet – im Badezimmer. Dort drin hat’s ausgesehen wie in einem Schlachthaus.« Er zögerte kurz. »Das Bein war nicht das Einzige, was er ihr abgeschnitten hat.«

Robin war froh, dass Strike nicht fragte, was sonst noch fehlte. Sie glaubte nicht, dass sie die Antwort ertragen hätte.

»Wer hat sie gefunden?«, fragte Strike.

»Die Vermieterin«, erklärte Wardle. »Sie ist schon etwas älter – und ein paar Minuten nach unserer Ankunft zusammengeklappt. Sieht aus wie ein Herzanfall. Sie liegt jetzt im Hammersmith Hospital.«

»Warum hat sie in der Wohnung nachgesehen?«

»Es hat gestunken«, sagte Wardle. »Und aus dem Erdgeschoss hatte sich jemand beschwert. Auf dem Weg zum Einkaufen wollte sie nur kurz vorbeischauen und versuchen, Oxana zu Hause zu erwischen. Als sie nicht an die Tür gekommen ist, hat die Vermieterin mit ihrem eigenen Schlüssel aufgemacht.«

»Und im Erdgeschoss hat niemand etwas gehört – keine Schreie, nichts?«

»In diesem Haus wohnen überall Studenten. Mit denen ist leider wenig anzufangen«, sagte Wardle. »Laute Musik, zu jeder Tages- und Nachtzeit Besuch von Freunden … Sie haben wie die Schafe geglotzt, als wir sie gefragt haben, ob sie etwas von oben gehört hätten. Das Mädchen, das die Vermieterin angerufen hat, war total hysterisch. Sie meinte, sie könnte es sich nie verzeihen, nicht sofort angerufen zu haben, als es anfing zu stinken.«

»Tja, das hätte ja auch viel geändert«, sagte Strike. »Ihr hättet ihr den Kopf wieder aufsetzen können, und sie wär so gut wie neu gewesen.«

Wardle musste laut lachen. Sogar Detective Sergeant Ekwensi rang sich ein Schmunzeln ab.

Robin stand abrupt auf. Der Wein vom Vorabend und das Croissant vom Morgen rebellierten in ihrem Magen. Sie entschuldigte sich mit leiser Stimme und hastete zur Tür.

22

I don’t give up but I ain’t a stalker,

I guess I’m just an easy talker.

BLUE ÖYSTER CULT, »I JUST LIKE TO BE BAD«

»Danke, ich bin mit dem Konzept von Galgenhumor durchaus vertraut«, sagte Robin eine Stunde später halb verärgert, halb amüsiert. »Können wir jetzt weitermachen?«

Strike hatte seinen Scherz im Besprechungsraum sofort bereut. Als Robin leicht käsig und verschwitzt nach zwanzig Minuten von der Toilette zurückgekehrt war, hatte ein Hauch von Pfefferminze verraten, dass sie sich noch einmal die Zähne geputzt hatte. Statt ein Taxi zu nehmen, waren sie auf seinen Vorschlag hin ein kurzes Stück an der frischen Luft über den Broadway bis zum nächsten Pub spaziert, dem Feathers, wo Strike ihnen beiden eine Kanne Tee bestellte. Persönlich hätte er nichts gegen ein Bier einzuwenden gehabt, aber Robin war nicht geübt darin, Blutvergießen und Alkohol als natürliche Paarung zu betrachten, und er hatte das Gefühl, dass sie ihn erst recht für abgestumpft halten könnte, wenn er jetzt ein Pint bestellte.

An einem Mittwochvormittag um halb zwölf war es noch ruhig im Feathers. Sie setzten sich an einen Tisch ganz hinten in den großen Gastraum, ein ganzes Stück entfernt von einigen Zivilbeamten, die vorn am Fenster saßen und sich gedämpft unterhielten.

»Ich habe Wardle von unserem Freund mit der Mütze erzählt, während du auf der Toilette warst«, berichtete Strike. »Er sagt, er wird einen Kriminalbeamten abstellen, der ein paar Tage lang rund um die Denmark Street die Augen offen halten soll.«

»Glaubst du, die Presse wird uns wieder belagern?«, fragte Robin, die bisher noch keine Zeit gehabt hatte, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

»Hoffentlich nicht. Wardle will die gefälschten Briefe vorerst unter Verschluss halten. Er sagt, sie zu veröffentlichen würde dem Irren in die Hände spielen. Er neigt zu der Ansicht, dass der Mörder gezielt versucht, mir etwas anzuhängen.«

»Du nicht?«

»Nein«, antwortete Strike. »So durchgeknallt ist er nicht. Was hier abläuft, ist bizarrer.«

Er verstummte, und Robin blieb ebenfalls still, um seinen Gedankengang nicht zu stören.

»Terror, das ist das richtige Wort«, sagte Strike bedächtig und kratzte sich dabei am unrasierten Kinn. »Er will uns Knüppel zwischen die Beine werfen, unser Leben so weit wie irgend möglich aus der Spur bringen. Und seien wir mal ehrlich: Er hat Erfolg damit. Die Polizei geht bei uns im Büro ein und aus und bestellt uns ins Yard, wir haben fast all unsere Klienten verloren, du bist …«

»Mach dir um mich keine Sorgen!«, fiel Robin ihm ins Wort. »Ich möchte nicht, dass du dich meinetwegen …«

»Ach, verdammte Scheiße, Robin«, brauste Strike unversehens auf. »Wir haben beide gestern diesen Kerl gesehen. Wardle meinte, ich sollte dich schleunigst nach Hause schicken, und ich …«

»Bitte.« Sofort flatterten ihre frühmorgendlichen Ängste wieder auf. »Sag jetzt nicht, dass ich aufhören soll zu arbeiten …«

»Es lohnt nicht, sich ermorden zu lassen – nur um aus deinem Privatleben zu flüchten.«

Er sah, wie sie zusammenzuckte, und bereute seine Worte augenblicklich.

»Das ist keine Flucht«, murmelte sie. »Ich liebe diesen Job. Als ich heute früh aufgewacht bin, war mir ganz schlecht bei dem Gedanken an all das, was ich dir gestern erzählt habe. Ich hatte Angst, du … du könntest jetzt glauben, ich wäre nicht belastbar genug für diese Arbeit.«

»Das hat doch nichts mit dem zu tun, was du mir gestern erzählt hast. Und es hat auch nichts damit zu tun, wie belastbar du bist. Es geht hier um einen Psychopathen, der bereits eine Frau in Stücke gehackt hat und der jetzt womöglich dich verfolgt.«

Robin trank ihren lauwarmen Tee und schwieg. Sie hatte rasenden Hunger. Trotzdem brach ihr allein bei dem Gedanken an irgendeinen Kneipenfraß, der im Zweifel auch noch Fleisch enthielt, der kalte Schweiß auf der Kopfhaut aus.

»Es kann unmöglich sein erster Mord gewesen sein, oder?«, fragte Strike rhetorisch, die dunklen Augen auf die handgeschriebenen Bierangebote über der Bar gerichtet. »Sie zu köpfen, ihr die Gliedmaßen abzuschneiden, sie stückweise abzutransportieren? Würde man auf so etwas nicht irgendwie hinarbeiten?«

»Sollte man annehmen«, stimmte Robin ihm zu.

»Das hat jemand aus schierer Lust an seiner Tat getan. Er hat in diesem Bad eine Ein-Mann-Orgie gefeiert.«

Inzwischen war Robin sich nicht mehr sicher, ob sie der Hunger oder ein Brechreiz plagte.

»Ein sadistischer Wahnsinniger, der es auf mich abgesehen und der beschlossen hat, seine zwei Hobbys zu vereinen«, sinnierte Strike laut.

»Passt das denn auf einen der Männer, die du im Verdacht hast?«, fragte Robin. »Hat einer von ihnen schon einmal getötet, soweit du weißt?«

»Ja«, sagte Strike. »Whittaker. Er hat meine Mutter umgebracht.«

Aber auf ganz andere Weise, dachte Robin. Eine Nadel und kein Messer hatte Leda Strike ins Jenseits befördert. Aus Respekt gegenüber Strike, der ihr finster gegenübersaß, sprach sie den Gedanken allerdings nicht aus. Dann fiel ihr etwas anderes ein.

»Ich nehme an, du weißt«, hob sie vorsichtig an, »dass Whittaker die Leiche einer weiteren Frau einen Monat lang in seiner Wohnung aufbewahrt hat.«

»Ja«, sagte Strike. »Hab ich gehört.«

Seine Schwester Lucy hatte ihm die Nachricht übermittelt, während er unten auf dem Balkan gewesen war. Im Internet hatte er ein Foto von Whittaker auf dem Weg ins Gericht gefunden. Mit kurz geschorenen Haaren und Bart hatte Strike seinen Exstiefvater kaum wiedererkannt, doch die starren, fast goldenen Augen waren dieselben gewesen. Wenn Strike sich recht erinnerte, hatte Whittaker damals behauptet, er habe sich gefürchtet, einmal mehr »unbegründet« des Mordes bezichtigt zu werden, und daher versucht, den Leichnam der Toten zu mumifizieren, indem er ihn in Müllsäcke gepackt und unter den Dielenbrettern versteckt hatte. Die Verteidigung hatte der wenig mitfühlenden Richterin gegenüber vorgebracht, dass der ungewöhnliche Problemlösungsversuch ihres Mandanten auf dessen schweren Drogenkonsum zurückzuführen sei.

»Aber er hatte sie nicht ermordet, oder?« Robin versuchte, sich wieder in Erinnerung zu rufen, was genau im Internet gestanden hatte.

»Sie war schon einen Monat tot. Ich denke mal, es war keine einfache Obduktion«, sagte Strike. Der Gesichtsausdruck, den Shanker als »finster« bezeichnet hatte, war wieder da. »Ich persönlich würde darauf wetten, dass er sie umgebracht hat. Wie viel Pech muss ein Mann haben, dass gleich zwei seiner Frauen tot umfallen, während er danebensitzt und Däumchen dreht? Whittaker mochte den Tod; und er mochte die Toten. Er hat immer wieder erzählt, er hätte in seiner Jugend als Totengräber gearbeitet. Er hatte eine echte Schwäche für Leichen. Die Leute hielten ihn für einen Hardcore-Gothic oder einfach nur für einen Poser wie tausend andere – mit seinen nekrophilen Songtexten, der Satanischen Bibel, Aleister Crowley und dem ganzen Müll. Dabei war er ein böser, amoralischer Bastard, der jedem erzählte, dass er ein böser, amoralischer Bastard war. Und was war das Ergebnis? Die Frauen lagen ihm reihenweise zu Füßen. Ich brauch jetzt was zu trinken«, sagte Strike kurz entschlossen, stand auf und ging zur Bar.

Leicht bestürzt über seinen plötzlichen Wutausbruch sah Robin ihm nach. Dass Whittaker zwei Frauen ermordet haben sollte, war weder von einem Gerichtsurteil noch, soweit es ihr bekannt war, von polizeilichen Beweisen gestützt worden. Mittlerweile war sie gewöhnt an Strikes hartnäckiges Beharren auf penibel gesammelten und dokumentierten Fakten, an seine oft wiederholte Ermahnung, dass Eindrücke oder persönliche Antipathien den Verlauf einer Ermittlung vielleicht anregen, aber nie diktieren durften. Wenn es aber um die eigene Mutter ging …

Er kehrte mit einem Pint Nicholson’s Pale Ale und zwei Speisekarten zurück.

»Entschuldigung«, murmelte er, als er sich wieder gesetzt und einen langen Schluck aus seinem Glas genommen hatte. »Mir gehen Sachen durch den Kopf, an die ich lange nicht gedacht habe. Diese verfluchten Songzitate …«

»Ja.«

»Verdammt, es kann unmöglich Digger gewesen sein«, erklärte Strike frustriert und fuhr sich durch die dichten Locken, ohne dadurch irgendwas an seiner Frisur zu ändern. »Er ist ein Berufsverbrecher – wenn der herausgefunden hätte, dass ich gegen ihn ausgesagt habe, und sich jetzt rächen wollte, dann würde er mich verflucht noch mal einfach erschießen. Er würde nicht mit abgetrennten Gliedmaßen und Songtexten rummurksen, weil er genau wüsste, dass er die Polizei damit auf seine Spur brächte. Er ist Geschäftsmann.«

»Glaubt Wardle immer noch, dass er es war?«

»Ja«, sagte Strike, »dabei sollte er besser als jeder andere wissen, dass derlei anonyme Zeugenaussagen zu hundert Prozent wasserdicht sind. Andernfalls würde an jeder Straßenecke ein toter Polizist liegen.«

Auch wenn es ihn Beherrschung kostete, enthielt er sich jeder weiteren Kritik an Wardle. Der Detective Inspector hatte sich als umsichtig und hilfsbereit erwiesen, dabei hätte er Strike genauso gut große Schwierigkeiten machen können. Strike hatte nicht vergessen, dass er beim letzten Mal, als er der Met ins Gehege gekommen war, geschlagene fünf Stunden in einem Vernehmungsraum gewartet hatte, allem Anschein nach aus reiner Willkür einiger ungehaltener Polizeibeamten.

»Was ist mit den beiden Männern, die du vom Militär kennst?«, fragte Robin ein wenig leiser, weil sich gerade eine Gruppe weiblicher Büroangestellter am Nachbartisch niederließ. »Brockbank und Laing? Hat einer von denen je getötet? Ich meine«, ergänzte sie, »ich weiß, dass sie Soldaten waren, aber außerhalb eines Kampfeinsatzes?«

»Es würde mich nicht überraschen, wenn Laing jemanden umgebracht hätte«, sagte Strike, »aber das hat er nicht, bevor er eingesperrt wurde, jedenfalls soweit mir bekannt ist. Allerdings weiß ich, dass er seine Exfrau mit einem Messer malträtiert hat – er hat sie gefesselt und dann zugestochen. Er hat ein Jahrzehnt im Gefängnis verbracht, und ich bezweifle, dass man ihn dort wieder geradebiegen konnte. Inzwischen ist er seit mehr als vier Jahren wieder draußen. Reichlich Zeit, um einen Mord zu begehen. Was ich dir aber noch gar nicht erzählt habe – ich hab in Melrose seine Exschwiegermutter getroffen. Sie vermutet, dass er nach Gateshead gezogen ist, nachdem er aus dem Knast kam, und 2008 hat er möglicherweise in Corby gewohnt … aber sie hat mir auch erzählt«, fuhr Strike nach einer kurzen Pause fort, »dass er krank war.«

»Inwiefern krank?«

»Angeblich irgendeine Form von Arthritis. Genaueres wusste sie nicht. Hätte ein Mann unter enormen Schmerzen tun können, was wir auf diesen Fotos gesehen haben?« Strike griff nach der Speisekarte. »Schön. Ich bin verflucht noch mal am Verhungern, und du hast seit zwei Tagen nichts gegessen außer ein paar Kartoffelchips.«

Nachdem Strike Fish and Chips und Robin einen Ploughman’s Lunch bestellt hatte, wechselte er erneut das Thema.

»Hat das Opfer für dich wie eine Vierundzwanzigjährige ausgesehen?«

»Ich … Ich könnte es nicht sagen.« Vergeblich versuchte sie, das Bild des Kopfes mit den glatten, vollen Wangen und den weißgefrosteten Augen auszublenden. »Nein«, antwortete sie nach einer Weile. »Ich fand, es … sie … sah jünger aus.«

»Ich auch.«

»Ich müsste … Toilette«, sagte Robin und war bereits aufgesprungen.

»Alles okay?«

»Ich muss nur mal pinkeln … zu viel Tee.«

Er sah ihr nach und folgte dann, während er sein Pint austrank, einem Gedankengang, den er bislang weder Robin noch sonst jemandem anvertraut hatte.

Den Kinderaufsatz hatte ihm eine Ermittlerin in Deutschland vorgelegt. Strike konnte sich immer noch gut an die letzten Zeilen erinnern, die in ordentlichen, mädchenhaften Buchstaben auf blassrosa Papier geschrieben worden waren.

Von da an nannte sich die Frau Anastassia und ferbte ihre Haare und niemand wusste, wohin sie gegangen war, sie war einfach weg.

»Würdest du das gern, Brittany?«, hatte die Ermittlerin auf dem Video leise gefragt, das Strike sich später angesehen hatte. »Würdest du gern weglaufen und verschwinden?«

»Das ist doch bloß ein Märchen!«, hatte Brittany energisch behauptet und sich an einem verächtlichen Lachen versucht, die kleinen Finger fest ineinander verknotet und ein Bein beinahe komplett um das andere geschlungen. Das dünne blonde Haar hatte ihr bleiches, sommersprossiges Gesicht schlaff umrahmt, die Brille hatte schief gesessen. Aus irgendeinem Grund hatte sie Strike an einen gelben Wellensittich erinnert. »Das hab ich mir alles doch bloß ausgedacht!«

Schon bald sollte der DNA-Test ergeben, wer die Frau im Gefrierschrank gewesen war, und dann würde die Polizei ihre Vergangenheit durchforsten, um festzustellen, wer Oxana Woloschina – wenn sie denn wirklich so geheißen hatte – tatsächlich gewesen war. Strike konnte nicht einschätzen, ob er gerade grundlos fürchtete, der Leichnam könnte der von Brittany Brockbank sein. Warum war der erste Brief an ihn mit Kelsey unterschrieben gewesen? Warum sah der Kopf so jung aus, so glatt und kindlich rund?

»Ich sollte mich allmählich wieder um Platin kümmern«, sagte Robin bekümmert und sah auf ihre Armbanduhr, als sie sich wieder an den Tisch setzte. Eine der Angestellten neben ihnen feierte anscheinend ihren Geburtstag; gerade hatte sie unter anhaltendem derben Gelächter vonseiten der Kolleginnen ein rot-schwarzes Mieder ausgepackt.

»Zerbrich dir deswegen nicht den Kopf«, sagte Strike gedankenverloren, weil in diesem Moment sein gebackener Fisch und Robins Käseteller gebracht wurden. Schweigend machte er sich über seine Mahlzeit her, legte dann aber nach einigen Minuten Messer und Gabel beiseite, zog sein Notizbuch hervor, schlug etwas in den Anmerkungen nach, die er sich in Hardacres Büro in Edinburgh gemacht hatte, und zückte sein Handy, um etwas einzutippen. Robin sah ihm fragend zu.

»Schön«, sagte Strike, nachdem er die Ergebnisse studiert hatte. »Morgen fahre ich nach Barrow-in-Furness.«

»Du – was?«, fragte Robin fassungslos. »Warum?«

»Da ist Brockbank – oder sollte es zumindest sein.«

»Und woher willst du das wissen?«

»Ich hab in Edinburgh herausgefunden, dass seine Pension dort ausbezahlt wird, und gerade eben die alte Adresse seiner Familie nachgeschlagen. Inzwischen wohnt in dem Haus eine gewisse Holly Brockbank. Wahrscheinlich eine Verwandte. Sie dürfte wissen, wo er steckt. Wenn sich herausstellen sollte, dass er während der vergangenen Wochen oben in Cumbria war, dann wissen wir jedenfalls, dass er keine Beine ausgeliefert und dich nicht quer durch London verfolgt haben kann, oder?«

»Was verschweigst du mir über Brockbank?« Robin kniff die blaugrauen Augen zusammen.

Strike ging auf ihre Frage nicht ein.

»Ich will, dass du zu Hause bleibst, bis ich zurück bin. Pfeif auf Two-Times, der hat es sich selbst zuzuschreiben, wenn Platin mit einem anderen Freier durchbrennt. Wir können auf sein Geld verzichten.«

»Dann bliebe uns nur noch ein einziger Klient«, wandte Robin ein.

»Ich habe das Gefühl, dass wir bald gar keinen mehr haben werden, falls dieser Irre nicht gefasst wird«, entgegnete Strike. »Solange wird sich kaum jemand in unsere Nähe wagen.«

»Und wie genau willst du nach Barrow kommen?«, fragte Robin.

Ein Plan nahm in ihr Gestalt an. Hatte sie nicht genau so eine Eventualität vorhergesehen?

»Mit dem Zug«, antwortete er. »Du weißt, dass ich mir im Augenblick einen Leihwagen nicht leisten kann.«

»Wie wäre es«, verkündete Robin triumphierend, »wenn ich dich in meinem neuen Land Rover fahren würde? Na ja, eigentlich ist er uralt, aber er läuft noch wie geschmiert …«

»Seit wann hast du einen Land Rover?«

»Seit Sonntag. Es ist der alte Wagen meiner Eltern.«

»Ach«, sagte er. »Also, das klingt fantastisch …«

»Aber?«

»Nein, es wäre mir eine echte Hilfe …«

»Aber?«, wiederholte Robin, die ihm anhören konnte, dass er Bedenken hatte.

»Ich weiß nicht, wie lange ich dort oben bleiben werde.«

»Und wenn schon. Du hast mir doch gerade erklärt, dass ich ansonsten so lange daheim versauern müsste.«

Strike zögerte. Er fragte sich, wie sehr ihr Eifer, ihn zu chauffieren, in der Hoffnung wurzelte, Matthew damit eins auszuwischen. Er konnte sich nur zu gut vorstellen, was der Bilanzbuchhalter von ihrem gemeinsamen Ausflug nach Nordengland halten würde – einem Ausflug mit offenem Ende, nur er und sie, Übernachtung inklusive. Eine saubere professionelle Partnerschaft sollte nicht dazu dienen, den jeweiligen Lebensgefährten eifersüchtig zu machen.

»Ach du Scheiße«, sagte er plötzlich und angelte nach seinem Handy.

»Was?«, fragte Robin erschrocken.

»Mir ist gerade eingefallen – ich war gestern mit Elin verabredet! Mist – das hab ich ja total vergessen! Warte kurz.«

Er stürmte auf die Straße hinaus und ließ Robin mit ihrem Essen allein zurück. Warum, rätselte sie, den Blick auf Strikes große Gestalt gerichtet, die draußen vor den bodentiefen Fenstern auf und ab patrouillierte, das Handy fest ans Ohr gedrückt, warum hatte Elin ihn nicht angerufen oder eine Nachricht geschickt, um nachzufragen, wo er blieb? Und von dieser Frage war es nur ein kleiner Schritt zu derjenigen, die sie sich bis dato noch gar nicht gestellt hatte, ganz gleich was Strike mutmaßte: was Matthew wohl sagen würde, wenn sie nur kurz nach Hause käme, um den Land Rover zu holen, und dann mit ihrer Reisetasche voller Wechselkleidung für mehrere Tage wieder abzöge.

Er braucht sich gar nicht zu beschweren, dachte sie in einem kühnen Versuch, Eigensinn zu entwickeln. Das geht ihn nichts mehr an.

Trotzdem sorgte die Vorstellung, Matthew gegenübertreten zu müssen, und sei es nur kurz, bei ihr für Unmut.

Als Strike zurückkam, verdrehte er demonstrativ die Augen.

»Hab verschissen«, erklärte er knapp. »Wir treffen uns stattdessen heute Abend.«

Warum die Ankündigung, dass Strike sich mit Elin treffen würde, ihr derart aufs Gemüt schlug, war ihr nicht klar. Wahrscheinlich war sie einfach müde. Die Strapazen und emotionalen Schocks der vergangenen sechsunddreißig Stunden ließen sich nun einmal nicht mit einem Mittagessen im Pub beheben. Die Büroangestellten am Nachbartisch kreischten inzwischen vor Lachen, weil aus einem weiteren Päckchen ein Paar flauschige Handschellen gefallen waren.

Sie hat gar nicht Geburtstag, dämmerte es Robin. Sie heiratet.

»Also, soll ich dich jetzt fahren oder nicht?«, fragte sie ruppig.

»Ja«, sagte Strike, der sich allmählich für die Idee zu erwärmen schien. (Oder baute ihn nur der Gedanke an seine Verabredung mit Elin auf?) »Weißt du was? Das wäre wirklich toll. Danke!«

23

Moments of pleasure, in a world of pain.

BLUE ÖYSTER CULT, »MAKE ROCK NOT WAR«

Am nächsten Morgen lag der Nebel spinnwebengleich in dichten, weichen Schwaden um die Wipfel der Bäume im Regent’s Park. Um Elin nicht aufzuwecken, hatte Strike mit einem behänden Schlag den Wecker zum Schweigen gebracht. Jetzt balancierte er auf einem Bein am Fenster – den geschlossenen Vorhang im Rücken, damit kein Licht ins Zimmer fiel. Eine Minute lang starrte er hinaus auf den gespenstischen Park und war gebannt vom Schein der aufgehenden Sonne auf den belaubten Zweigen, die aus dem wabernden Meer aufragten. Wenn man sich Zeit nahm und eigens danach Ausschau hielt, ließ sich beinahe überall Schönheit finden. Im täglichen Überlebenskampf vergaß man allzu leicht, dass dieser kostenlose Luxus existierte. Ein paar Erinnerungen wie diese hatte er sich noch aus seiner Kindheit bewahrt, hauptsächlich aus jenen Abschnitten, die er in Cornwall verbracht hatte: das Glitzern des Meeres, wenn man es am Morgen zum ersten Mal sah, blau wie der Flügel eines Schmetterlings; die geheimnisvoll smaragdgrüne Schattenwelt der Mammutblatt-Passage im Trebah Garden; ferne weiße Segel, die wie Möwen auf den stürmischen, metallisch blaugrauen Wellen schaukelten.

Hinter ihm im Bett bewegte sich Elin und seufzte. Leise stahl Strike sich hinter dem Vorhang hervor, griff nach seiner Prothese, die er in der vergangenen Nacht an die Wand gelehnt hatte, und setzte sich auf einen Stuhl, um sie anzulegen. Dann machte er sich, immer noch so leise wie nur möglich, mit seiner Kleidung über dem Arm auf den Weg zum Bad.

Am Vorabend hatten sie erstmals gestritten: ein Markstein in jeder Beziehung. Er hätte gewarnt sein müssen, nachdem jegliche Kommunikation unterblieben war, als er am Dienstag nicht zu ihrer Verabredung erschienen war. Aber er war zu beschäftigt mit Robin und dem verstümmelten Leichnam gewesen, um sich darüber Gedanken zu machen. Gut, sie hatte frostig reagiert, als er angerufen und sich entschuldigt hatte, aber nachdem sie bereitwillig einer neuerlichen Verabredung zugestimmt hatte, war er nicht auf einen derart unterkühlten Empfang vorbereitet gewesen, als er vierundzwanzig Stunden später als ursprünglich geplant persönlich aufgetaucht war. Nach einer gequälten, erzwungenen Unterhaltung während des Abendessens hatte er angeboten, wieder zu gehen, damit sie ungestört ihrem Ärger Luft machen konnte. Als er nach seinem Mantel gegriffen hatte, war sie kurz zornig geworden, aber es war das kurze Aufflackern eines nassen Zündholzes gewesen. Danach war sie in einer tränenreichen, teils selbstbezichtigenden Tirade zusammengebrochen, während der er zu hören bekommen hatte, dass sie erstens in Therapie sei, zweitens der Therapeut bei ihr eine Tendenz zu passiver Aggression erkannt und Strike sie drittens so tief verletzt habe, als er am Dienstag nicht aufgetaucht war, dass sie allein vor dem Fernseher eine ganze Flasche Wein geleert hatte.

Strike hatte sie erneut um Verzeihung gebeten, zu seiner Entschuldigung eine unerwartete und vertrackte Wendung in einem schwierigen Fall vorgebracht, sein aufrichtiges Bedauern darüber ausgedrückt, dass er ihre Verabredung vergessen hatte, aber dann angefügt, dass er doch besser gehen solle, falls sie ihm nicht vergeben könne.

Sie hatte sich ihm in die Arme geworfen – und dann waren sie geradewegs ins Bett gefallen und hatten den besten Sex in ihrer kurzen Beziehung gehabt.

Während Strike sich in Elins makellosem Badezimmer mit den Einbaustrahlern und den schneeweißen Handtüchern rasierte, kam er zu dem Schluss, dass er billig davongekommen war. Hätte er vergessen, zu einer Verabredung mit Charlotte aufzutauchen – jener Frau, mit der er mit Unterbrechungen sechzehn Jahre lang zusammen gewesen war –, hätte er jetzt Wunden verarztet, draußen in der kalten Morgendämmerung nach ihr gesucht oder sie womöglich mühsam davon abgehalten, sich vom Balkon zu stürzen.

Was er für Charlotte empfunden hatte, hatte er Liebe genannt, und es war bis zu diesem Tag das tiefste Gefühl, das er je einer Frau entgegengebracht hatte. In dem Leid, das damit verbunden gewesen war, und den lang anhaltenden Nachwirkungen hatte es regelrecht einem Virus geähnelt, gegen das er sich immer noch nicht völlig immun fühlte. Charlotte nicht wiederzusehen, sie niemals anzurufen, nie die neue E-Mail-Adresse anzuschreiben, die sie eigens eingerichtet hatte, um ihm am Tag ihrer Hochzeit mit einem alten Jugendfreund ihr verzweifeltes Gesicht zu zeigen – das war seine selbst verordnete Therapie, um die Symptome im Zaum zu halten. Und doch war ihm bewusst, dass er nicht unbeschadet davongekommen war, dass er nicht mehr die Gabe besaß, so intensiv zu empfinden wie früher. Elins Verzweiflung am Vorabend hatte ihn nicht annähernd so tief im Herzen berührt, wie Charlottes ihn einst berührt hatte. Es war, als wäre sein Liebesvermögen abgestumpft, als wären die Nervenenden abgeschnitten worden. Er hatte nicht vorgehabt, Elin zu verletzen. Es bereitete ihm keine Freude, sie weinen zu sehen. Doch seine Fähigkeit, Mitgefühl für sie aufzubringen, schien unwiederbringlich verloren. Tatsächlich hatte er noch während ihres Zusammenbruchs halb in Gedanken seinen Heimweg geplant.

Strike zog sich im Bad an und kehrte dann leise in den halbdunklen Flur zurück, wo er seine Rasierutensilien in die Reisetasche stopfte, die er für Barrow-in-Furness gepackt hatte. Rechter Hand stand eine Tür einen Spaltbreit offen. Spontan schob er sie weiter auf.

Das kleine Mädchen, dem er noch nie begegnet war, schlief hier, wenn es nicht bei seinem Vater übernachtete. Der rosa-weiße Raum war picobello aufgeräumt, die Decke mit einem Feen-Gemälde rund um den Vorhangkasten verschönert. Auf einem Regalbrett saßen ordentlich aufgereiht mehrere Barbies mit leerem Lächeln und unter einem Regenbogen von fröhlichen Kleidern verborgenen spitzen Brüsten. Ein Kunstpelz mit Eisbärenkopf lag neben einem winzigen Himmelbett am Boden.

Strike kannte nur wenige kleine Mädchen. Er hatte zwei Patensöhne, die man ihm mehr oder weniger aufgezwungen hatte, und drei Neffen. Seine ältesten Freunde in Cornwall hatten Töchter, aber mit denen hatte Strike so gut wie nichts zu tun. Sie waren für ihn kaum mehr als vorbeieilende Pferdeschwänze und beiläufiges Winken: »Hallo, Onkel Corm, und tschüss, Onkel Corm.« Natürlich war er mit einer Schwester aufgewachsen, aber Lucy war nie mit einem zuckergussrosa Himmelbett verwöhnt worden, sosehr sie sich auch danach gesehnt hätte.

Brittany Brockbank hatte einen Schmuselöwen gehabt. Plötzlich, aus heiterem Himmel, war es ihm wieder eingefallen, als er den Eisbären am Boden liegen sah: einen Schmuselöwen mit einem lustigen Gesicht. Sie hatte dem Löwen ein rosafarbenes Tutu angezogen. Das Plüschtier hatte auf dem Sofa gelegen, als ihr Stiefvater mit einer abgeschlagenen Bierflasche auf Strike losgegangen war.

Er drehte sich wieder zum Flur und tastete seine Tasche ab. Irgendwo da drinnen mussten sein Notizbuch und ein Stift liegen. Er schrieb Elin eine kurze Nachricht, in der er auf den schönsten Teil des gestrigen Abends anspielte, und ließ den Zettel auf dem Tischchen im Flur liegen, weil er auf keinen Fall riskieren wollte, dass sie aufwachte. Dann wuchtete er genauso leise, wie er alles andere getan hatte, seine Reisetasche über die Schulter und verließ die Wohnung. Um acht war er mit Robin am Bahnhof von West Ealing verabredet.

Die letzten Nebelschwaden verzogen sich eben aus der Hastings Road, als Robin aufgewühlt und übernächtigt das Haus verließ, in der einen Hand eine Tüte mit Proviant, in der anderen eine Reisetasche mit frischen Anziehsachen. Sie entriegelte die Heckklappe des grauen Land Rover, warf die Reisetasche hinein und hastete mit der Provianttüte zur Fahrertür.

Matthew hatte im Flur versucht, sie zu umarmen. Sie hatte sich ihm mit aller Kraft widersetzt, hatte die Hände zur Abwehr gegen seine glatte, warme Brust gestemmt und ihn angeschrien, er solle sie in Ruhe lassen. Er hatte nur seine Boxershorts angehabt, und sie befürchtete, dass er sich in Windeseile etwas überziehen und die Verfolgung aufnehmen könnte. Sie knallte die Autotür zu und zerrte sich den Gurt über, um endlich wegzukommen, aber noch während sie den Schlüssel im Zündschloss drehte, kam Matthew aus dem Haus gerannt, barfuß, in T-Shirt und Jogginghose. Noch nie war ihr sein Gesichtsausdruck so nackt und so verletzlich vorgekommen.

»Robin!«, rief er, während sie Gas gab und vom Randstein weglenkte. »Ich liebe dich. Ich liebe dich!«

Sie drehte das Lenkrad bis zum Anschlag, setzte verwegen aus der Parklücke und schrammte dabei um Haaresbreite am Honda ihres Nachbarn vorbei. Im Rückspiegel konnte sie sehen, wie Matthew immer kleiner wurde – er, dessen Selbstbeherrschung normalerweise durch nichts zu erschüttern war, beteuerte ihr lauthals seine Liebe, obwohl er damit riskierte, die Neugier, die Verachtung und den Spott der Nachbarn auf sich zu ziehen.

Robins Herz pochte schmerzhaft in ihrer Brust. Es war gerade erst Viertel nach sieben. Strike war bestimmt noch nicht am Bahnhof. Am Ende der Straße bog sie links ab, einzig und allein darauf bedacht, möglichst viel Abstand zwischen sich und Matthew zu bringen.

Er war im Morgengrauen aufgestanden, während sie gerade versucht hatte, heimlich ihre Sachen zu packen.

»Wo willst du hin?«

»Strike bei Ermittlungen helfen.«

»Ihr bleibt über Nacht weg?«

»Ich nehme es an.«

»Und wo?«

»Keine Ahnung.«

Sie wollte ihm ihr Reiseziel nicht verraten, damit er ihnen nicht nachfahren konnte. Matthews Verhalten bei ihrer Heimkehr am Vorabend hatte sie tief erschüttert. Er hatte geweint und gebettelt. Noch nie hatte sie ihn so erlebt, nicht mal nach dem Tod seiner Mutter.

»Wir müssen reden, Robin.«

»Wir haben genug geredet.«

»Weiß deine Mutter, wohin du fährst?«

»Ja.«

Das war gelogen. Robin hatte ihrer Mutter noch nichts von der geplatzten Verlobung erzählt – und auch nicht, dass sie mit Strike in den Norden fahren würde. Immerhin war sie sechsundzwanzig. So etwas ging ihre Mutter nichts mehr an. Sie wusste natürlich, dass Matthew in Wahrheit hatte wissen wollen, ob sie ihrer Mutter erzählt hatte, dass die Hochzeit geplatzt war. Ihnen war beiden klar, dass sie nicht in den Land Rover gestiegen wäre, um gemeinsam mit Strike eine Fahrt mit ungenanntem Ziel anzutreten, wenn ihre Verlobung noch intakt gewesen wäre. Der Saphirring lag immer noch dort, wo sie ihn abgelegt hatte: auf dem übervollen Bücherregal mit seinen alten Buchhaltungslehrbüchern.

»Ach Scheiße«, flüsterte Robin und blinzelte die Tränen weg, während sie ziellos durch die stillen Straßen kreuzte und sich die allergrößte Mühe gab, den Anblick ihres nackten Fingers und die Erinnerung an die Panik auf Matthews Gesicht auszublenden.

Es war nur ein kurzer Spaziergang, doch er führte Strike viel weiter als nur über die räumliche Distanz. Das hier, schoss es ihm durch den Kopf, während er die erste Zigarette des Tages rauchte, war London: Man startete in einer stillen Straße vor einer symmetrisch angelegten klassizistischen Häuserreihe, die an eine riesige Vanilleeisskulptur erinnerte. Elins in Nadelstreifen gekleideter russischer Nachbar stieg gerade in seinen Audi. Er hatte Strikes »Guten Morgen« mit einem knappen Nicken quittiert. Ein paar Schritte vorbei an den Sherlock-Holmes-Schattenrissen vor der Haltestelle Baker Street, und schon saß er in einer schmuddeligen U-Bahn, umgeben von schwatzenden polnischen Arbeitern, die in der Früh um sieben bereits frisch und tatendurstig wirkten. Danach Paddington, wo er sich mit der Reisetasche über der Schulter an Pendlern und Stehcafés vorbei durch das Gewühl kämpfen musste. Schließlich ein paar Stationen im Heathrow Connect in Gesellschaft einer Großfamilie aus dem West Country, die sich trotz der frühmorgendlich frischen Temperaturen schon für Florida eingekleidet hatte. Wie nervöse Erdmännchen fixierten sie die Schilder der Haltestellen, die Hände fest um die Koffergriffe gekrallt, als würden sie jederzeit damit rechnen, ausgeraubt zu werden.

Strike erreichte West Ealing fünfzehn Minuten zu früh und gierte nach einer Zigarette. Er ließ die Reisetasche fallen, zündete sich eine an und hoffte, dass Robin nicht allzu pünktlich käme, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass sie ihn im Land Rover rauchen lassen würde. Dummerweise bog, kaum dass er ein paar befriedigende Züge gemacht hatte, der kantige Wagen auch schon um die Ecke, und er erkannte hinter der Windschutzscheibe Robins leuchtend rotgoldenen Schopf.

»Mich stört das nicht«, rief sie über den laufenden Motor hinweg, als er die Reisetasche schulterte und die Zigarette austreten wollte, »solange du das Fenster offen lässt.«

Er kletterte in den Wagen, warf die Tasche auf den Rücksitz und schlug die Tür zu.

»Der Gestank kann unmöglich noch schlimmer werden«, fuhr sie fort und legte geschickt den hakeligen Gang ein. »Hier drinnen riecht es wie in einer Hundehütte.«

Strike legte den Gurt an, während sie vom Bürgersteig wegfuhren, und sah sich im Wagen um. Unverkennbar durchdrang der stechende Mief von Gummistiefeln und Labrador das schäbige, abgewetzte Wageninnere. Der Land Rover erinnerte Strike an die Militärfahrzeuge, mit denen er querfeldein durch Bosnien und Afghanistan gefahren war. Gleichzeitig verriet er ihm auch einiges über Robins Hintergrund. Der Wagen kündete von schlammigen Feldwegen und frisch gepflügten Feldern. Sie hatte sogar mal erzählt, dass ihr Onkel eine Farm hatte.

»Hattest du als Kind ein Pony?«

Verdutzt drehte sie sich zu ihm um. In diesem kurzen Moment fiel ihm auf, wie schwer ihre Lider waren, wie bleich sie aussah. Ganz eindeutig hatte sie kaum geschlafen.

»Wozu in aller Welt willst du das wissen?«

»Der Wagen kommt mir vor wie einer, mit dem man zu einem Reitstall fährt.«

Ihre Antwort klang beinahe kleinlaut: »Ja, ich hatte tatsächlich eins.«

Lachend ließ er das Fenster bis zum Anschlag hinunter und hielt die linke Hand mit der Zigarette daneben.

»Was ist daran so komisch?«

»Weiß ich selbst nicht. Und wie hieß es?«

»Angus«, sagte sie und bog links ab. »Ein richtiges Mistvieh. Ist dauernd mit mir durchgegangen.«

»Ich traue Pferden nicht«, sagte Strike und nahm einen weiteren Zug von seiner Zigarette.

»Hast du überhaupt schon mal auf einem gesessen?«

Diesmal war es an Robin zu lächeln. Hundertprozentig wäre dies einer der wenigen Plätze, an denen sich Strike unwohl fühlen würde: auf dem Rücken eines Pferdes.

»Nein«, antwortete er. »Und ich gedenke das auch weiterhin so zu halten.«

»Mein Onkel hätte eins, das dich tragen könnte«, sagte Robin. »Clydesdale. Ein Riesenvieh.«

»Schon kapiert«, sagte Strike trocken, und sie lachte.

Während er schweigend weiterrauchte und sie sich darauf konzentrierte, den Wagen durch den dichter werdenden Stoßverkehr zu lenken, stellte Strike fest, wie gut es ihm gefiel, Robin zum Lachen zu bringen. Und er erkannte auch, dass er sich jetzt, da er in diesem klapprigen Land Rover saß und mit Robin belanglosen Unsinn plauderte, wesentlich glücklicher und wohler fühlte als bei seinem gestrigen Abendessen mit Elin.

Er war kein Mensch, der sich in die eigene Tasche log. Natürlich hätte er sich vormachen können, dass Robin für die Leichtigkeit einer Freundschaft stand, Elin hingegen für die Verlockungen und Fallgruben einer erotischen Beziehung. Er wusste, dass es in Wahrheit komplizierter war, und zwar ganz entschieden angesichts der Tatsache, dass der Saphirring nicht mehr an Robins Finger steckte. Er hatte fast von ihrer ersten Begegnung an geahnt, dass Robin seinen Seelenfrieden gefährden würde, aber die beste Arbeitsbeziehung seines Lebens aufs Spiel zu setzen wäre ein Akt vorsätzlicher Selbstsabotage, den er nach all den Jahren in einer destruktiven On-Off-Beziehung, nach den vielen Mühen und Opfern, die ihn der Aufbau seiner Detektei gekostet hatte, nicht zulassen konnte und würde.

»Ignorierst du mich absichtlich?«

»Was?«

So laut, wie der Motor des alten Land Rover war, war es gerade noch glaubwürdig, dass er sie nicht gehört hatte.

»Ich habe dich gefragt, wie es mit Elin läuft.«

Sie hatte sich noch nie direkt nach einer seiner Beziehungen erkundigt. Strike nahm an, dass die Bekenntnisse des vorgestrigen Abends ihr Vertrauensverhältnis auf eine neue Ebene gehoben hatten. Das hätte er lieber vermieden.

»Ganz gut«, antwortete er knapp, schnippte den Zigarettenstummel aus dem Fenster und fuhr die Scheibe hoch, wodurch sich der Lärm marginal verringerte.

»Sie hat dir also verziehen?«

»Was?«

»Dass du eure Verabredung vergessen hast.«

»Ach das. Ja. Also, nein – und dann ja.«

Während sie auf die A40 auffuhren, stand Robin auf Strikes zweideutige Antwort hin blitzartig ein plastisches Bild vor Augen: von Strike – mit haarigem Rumpf und anderthalb Beinen – in leidenschaftlicher Umarmung mit Elin, blond und alabasterweiß auf den reinweißen Laken … Sie war sich sicher, dass Elin in weißen, nordischen, blitzsauberen Laken schlief. Wahrscheinlich hatte sie jemanden, der ihr die Wäsche machte. Elin war einfach zu sehr obere Mittelschicht, zu wohlhabend, um ihre Bettbezüge vor dem Fernseher in einem vollgestellten Wohnzimmer selber zu bügeln.

»Und was ist mit Matthew?«, fragte Strike, während sie sich in den Autobahnverkehr einordnete. »Wie ist’s gelaufen?«

»Gut«, sagte Robin.

»Bockmist«, entgegnete Strike.

Obwohl Robin wieder lachen musste, war sie halb geneigt, ihm seine Forderung nach weiteren Details zu verübeln, nachdem er selbst so wenig über Elin preisgegeben hatte.

»Na ja, er will, dass wir wieder zusammenkommen.«

»Natürlich«, sagte Strike.

»Warum ›natürlich‹?«

»Wie war das mit der falschen Bescheidenheit? Das Gleiche gilt für dich.«

Robin wusste nicht recht, was sie darauf erwidern sollte. Trotzdem verspürte sie ein leichtes, angenehmes Glühen. Möglicherweise hatte Strike gerade zum allerersten Mal durchblicken lassen, dass er sie als Frau ansah. Sie nahm sich vor, den Wortwechsel später in aller Ruhe zu analysieren.

»Er hat sich entschuldigt und mich immer wieder gebeten, den Ring zurückzunehmen«, sagte Robin. Aus einem letzten Rest Loyalität gegenüber Matthew heraus erwähnte sie weder das Heulen noch das Betteln. »Aber ich …«

Sie brach mitten im Satz ab, und Strike hakte nicht nach, so gern er mehr erfahren hätte. Stattdessen fuhr er stumm sein Seitenfenster hinunter und zündete sich die nächste Zigarette an.

An der Raststätte Hilton Park legten sie eine Kaffeepause ein. Während sich Strike am Burger-King-Schalter anstellte, um Kaffee zu holen, ging Robin auf die Toilette. Vor dem Spiegel checkte sie ihr Handy. Wie erwartet hatte Matthew ihr eine SMS geschrieben, nur dass er diesmal weder flehend noch versöhnlich klang.

Wenn du mit ihm schläfst, ist es endgültig aus. Du glaubst vielleicht, damit wären wir quitt, aber das lässt sich nicht vergleichen. Die Sache mit Sarah ist ewig her, wir waren quasi noch Kinder, und ich wollte dich damit nicht verletzen. Überleg dir gut, was du wegwirfst, Robin. Ich liebe dich.

»Entschuldigung«, murmelte Robin und trat zur Seite, um ein sich herandrängelndes Mädchen an den Händetrockner zu lassen.

Sie las Matthews Nachricht noch einmal. Heißer, wohltuender Zorn durchströmte sie und überschwemmte das Gemisch aus Mitleid und Schmerz, das er mit seiner Verfolgungsjagd am Morgen in ihr aufgerührt hatte. Das hier, dachte sie, war der wahre Matthew: Wenn du mit ihm schläfst, ist es endgültig aus. Er glaubte also immer noch nicht, dass sie es ernst gemeint hatte, als sie den Ring ablegte und ihm erklärte, sie wolle ihn nicht mehr heiraten? Endgültig war es also erst vorbei, wenn er – Matthew – es bestimmte? Das lässt sich nicht vergleichen. Ihre Untreue wäre also per Definition schlimmer als seine. In seinen Augen war ihre Reise in den Norden ein reiner Vergeltungsakt, eine Tote und ein Mörder auf freiem Fuß nur Ausreden für ihre typisch weibliche Trotzreaktion.

Leck mich doch, dachte sie und stopfte das Handy wieder in die Tasche, bevor sie in den Fast-Food-Laden zurückkehrte, wo Strike sich bereits über ein doppeltes Croissan’Wich mit Würstchen und Speck hergemacht hatte.

Ihr gerötetes Gesicht und der angespannte Kiefer blieben ihm nicht verborgen. Er vermutete, dass Matthew sich gemeldet hatte.

»Alles in Ordnung?«

»Alles bestens«, sagte Robin und dann, bevor er weiterfragen konnte: »Erzählst du mir jetzt endlich etwas über Brockbank?« Das hatte pampiger geklungen als beabsichtigt. Der Tonfall in Matthews Nachricht hatte sie erbost, genau wie die Tatsache, dass sie sich seither fragte, wo sie und Strike heute Abend schlafen würden.

»Wenn du möchtest«, sagte Strike milde.

Er zog sein Handy aus der Tasche, holte das von Hardacres Computer abfotografierte Brockbank-Foto aufs Display und reichte Robin das Gerät über den Tisch.

Nachdenklich betrachtete sie das lange, finstere Gesicht unter dem dichten dunklen Haar, das zwar ungewöhnlich, aber nicht unattraktiv aussah. Als hätte Strike ihre Gedanken gelesen, sagte er: »Heute sieht er nicht mehr annähernd so gut aus. Das Foto wurde kurz nach seinem Eintritt in die Army aufgenommen. Eine seiner Augenhöhlen ist gebrochen, und er hat ein Blumenkohlohr.«

»Wie groß ist er?«, fragte Robin und musste wieder an den Motorradkurier denken, der sie in seiner Ledermontur und mit dem verspiegelten Visier ein gutes Stück überragt hatte.

»So groß wie ich, vielleicht ein Stückchen größer.«

»Du hast gesagt, du hättest ihn beim Militär kennengelernt?«

»Jepp«, sagte Strike.

Für ein paar Sekunden glaubte sie, er würde es dabei bewenden lassen, doch dann begriff sie, dass er nur abwartete, bis ein älteres Pärchen, das sich nicht für einen Tisch entscheiden konnte, außer Hörweite gewackelt war. Als die beiden sich weit genug entfernt hatten, sagte Strike: »Er war Major in der Seventh Armoured Brigade. Mit der Witwe eines gefallenen Kameraden verheiratet. Sie hatte zwei Töchter. Später bekamen sie noch ein gemeinsames Kind, einen Jungen.«

Weil Strike Brockbanks Akte gerade erst wieder gelesen hatte, hatte er sämtliche Tatsachen parat, aber im Grunde hatte er sie nie vergessen. Es war einer jener Fälle gewesen, die einen nicht mehr losließen.

»Die älteste Stieftochter hieß Brittany. Sie war zwölf, als sie damals in Deutschland einer Schulfreundin anvertraut hat, dass sie sexuell missbraucht wurde. Die Freundin erzählte ihrer Mutter davon, und die erstattete Anzeige. Wir wurden hinzugerufen – ich hab das Mädchen nicht persönlich vernommen, das übernahm eine Beamtin. Ich habe nur das Video gesehen.«

Am qualvollsten war für ihn gewesen, wie gefasst, wie erwachsen Brittany sich zu geben versucht hatte. Sie hatte grauenhafte Angst gehabt, was aus ihrer Familie würde, jetzt da sie sich verplappert hatte, und hatte alles zurücknehmen wollen.

Nein, natürlich hätte sie Sophie nie erzählt, dass er ihr damit gedroht hatte, ihre kleine Schwester umzubringen, wenn sie ihn verpetzte. Aber Sophie hätte natürlich nicht direkt gelogen – es wäre ein Witz gewesen, nichts weiter. Und sie hätte Sophie nur gefragt, wie sie am besten verhinderte, dass sie ein Baby bekäme, weil … weil sie eben neugierig gewesen wäre, solche Sachen wollte doch jedes Mädchen wissen. Natürlich hätte er nicht gesagt, dass er ihre Mutter in Stücke hacken würde, wenn sie mit jemandem redete – und die Sache mit ihrem Bein? Ach, das – ja, das wäre ebenfalls ein Witz gewesen. Es wäre alles nur Spaß gewesen. Er hatte ihr erzählt, die Narben stammten von seinem Versuch, ihr das Bein abzuschneiden, als sie noch ein Baby gewesen war, aber dann wäre ihre Mutter hereingekommen und hätte ihn dabei gesehen. Er hatte behauptet, er hätte es getan, weil sie als Kleinkind durch seine Blumenbeete getrampelt wäre, aber natürlich war auch das ein Witz – sie brauchten nur ihre Mum zu fragen. Sie hatte sich in einem Stück Stacheldraht verfangen, nichts weiter, und sich schlimm verletzt, als sie sich hatte losreißen wollen. Er hatte sie nicht geschnitten. Er hatte sie niemals geschnitten, doch nicht ihr Daddy.

Die Grimasse, die sie unfreiwillig zog, als sie sich dazu zwingen musste, »Daddy« zu sagen, stand Strike immer noch vor Augen: Sie hatte ausgesehen wie ein Kind, das unter Androhung von Prügeln versuchte, kalte Kutteln zu schlucken. Zwölf Jahre alt, aber sie hatte bereits verinnerlicht, dass das Leben für ihre Familie nur erträglich bleiben würde, wenn sie den Mund hielt und klaglos alles hinnahm, was er mit ihr anstellen wollte.

Strike war von seinem ersten Gespräch an gegen Mrs. Brockbank eingenommen gewesen. Sie war dünn und zu dick geschminkt gewesen, auf ihre Weise zweifellos ebenfalls ein Opfer, aber Strike hatte den Eindruck gehabt, dass sie Brittany willentlich preisgegeben hatte, um die beiden anderen Kinder zu retten, dass sie sich blind gestellt hatte, wenn ihr Ehemann mit dem ältesten Kind verdächtig lange unterwegs gewesen war, und dass ihr Entschluss, nichts zu bemerken, an Mittäterschaft grenzte. Brockbank hatte Brittany erzählt, dass er ihre Mutter und ihre Schwester erdrosseln würde, falls sie jemals darüber redete, was er auf ihren langen Ausflügen in den Wald oder in irgendwelche dunkle Seitenstraßen im Auto mit ihr anstellte. Er würde sie alle in kleine Stücke hacken und im Garten vergraben. Dann würde er Ryan nehmen – Brockbanks kleinen Sohn, das einzige Familienmitglied, an dem ihm etwas zu liegen schien – und mit ihm irgendwohin verschwinden, wo niemand sie je finden würde.

»Das war ein Witz, bloß ein Witz. Ich hab das alles nicht so gemeint.«

Die Finger ineinander verkrallt, die Brille schief im Gesicht, die Beine noch nicht so lang, dass ihre Füße den Boden berührt hätten. Als Strike und Hardacre zu Brockbanks Haus gefahren waren, um ihn festzunehmen, hatte sie sich immer noch standhaft geweigert, sich von einem Arzt untersuchen zu lassen.

»Er war stinksauer, als wir dort aufkreuzten. Als ich ihm mitteilte, weshalb wir gekommen waren, ging er auf der Stelle mit einer abgeschlagenen Flasche auf mich los. Ich schlug ihn k. o.«, erzählte Strike ohne jeden Stolz. »Ich hätte ihn nicht anrühren dürfen. Es wäre auch gar nicht nötig gewesen.«

Das hatte er noch nie laut ausgesprochen, obwohl Hardacre (der ihm bei dem nachfolgenden Disziplinarverfahren rückhaltlos zur Seite gestanden hatte) es genauso gut gewusst hatte wie er.

»Aber wenn er doch mit der Flasche auf dich losgegangen ist …«

»Ich hätte ihm die Flasche abnehmen können, ohne ihn gleich umzuhauen.«

»Du hast gesagt, dass er groß war …«

»Er war stinksauer. Ich wäre mit ihm fertiggeworden, auch ohne ihn niederzuschlagen. Hardacre war dabei, wir waren zwei gegen einen. In Wahrheit war ich froh, dass er auf mich losgegangen war. Ich hab ihn umhauen wollen. Ein rechter Haken, mit dem ich ihn bewusstlos schlug – und dank dessen er davonkam.«

»Inwiefern davonkam?«

»Er kam ungestraft davon«, erklärte Strike. »Er ging straffrei aus.«

»Wie das?«

Mit leerem Blick und in Gedanken immer noch in der Vergangenheit nahm Strike einen Schluck Kaffee.

»Auf meinen Schlag hin wurde er ins Krankenhaus gebracht. Als er wieder zu Bewusstsein kam, hatte er einen massiven epileptischen Anfall. Schädel-Hirn-Trauma.«

»Oh Gott …«

»Er musste notoperiert werden, um die Blutung in seinem Hirn zu stoppen. Er bekam immer wieder Anfälle. Dann die Diagnosen SHT, posttraumatisches Stresssyndrom und Alkoholismus. Er war schlicht nicht verhandlungsfähig. Seine Anwälte schossen sich auf uns ein. Ich wurde wegen Körperverletzung angeklagt. Zum Glück fand mein Anwaltsteam heraus, dass er am Wochenende vor meinem rechten Haken Rugby gespielt hatte. Sie bohrten ein bisschen nach und brachten in Erfahrung, dass ein zweieinhalb Zentner schwerer Waliser ihm das Knie gegen den Kopf gerammt und dass man Brockbank auf einer Trage vom Platz hatte schleppen müssen. Weil er völlig verdreckt und mit blauen Flecken übersät gewesen war, hatte der Jungsanitäter vor Ort das Blut in Brockbanks Ohr übersehen und ihm geraten, einfach heimzugehen und sich ein bisschen auszuruhen. Wie sich herausstellte, hatte er einen Schädelbasisbruch erlitten, was meine Anwälte herausfanden, als sich die Ärzte irgendwann dazu bereit erklärten, die nach dem Match gemachten Röntgenaufnahmen zu kontrollieren. Den Schädelbruch hatte dieser Waliser ihm zugefügt, nicht ich. Trotzdem hätte ich bis zum Hals in der Scheiße gesteckt, wenn Hardy nicht hätte bezeugen können, dass der Mistkerl mit der Flasche auf mich losgegangen war. Letztendlich mussten sie hinnehmen, dass ich in Notwehr gehandelt hatte. Ich hätte schließlich unmöglich wissen können, dass sein Schädel bereits gebrochen war oder welchen Schaden ich ihm mit meinem Schlag zufügen würde. In der Zwischenzeit hatte man kinderpornografisches Material auf seinem Computer gefunden. Zum Verdachtsfall Brittany passte überdies, dass sie und ihr Stiefvater öfter dabei beobachtet worden waren, wie sie gemeinsam wegfuhren. Eine Lehrerin sagte aus, dass das Mädchen in der Schule immer verschlossener geworden sei. Über zwei Jahre hatte er sie immer wieder missbraucht und ihr angedroht, dass er ihre Mutter, ihre Schwester und sie selbst umbringen würde, falls sie irgendwem etwas erzählte. Er hatte sie so weit gebracht zu glauben, dass er schon einmal versucht hätte, ihr das Bein abzuschneiden. Sie hatte rund um das Schienbein Narben. Er hatte ihr erzählt, er wäre gerade dabei gewesen, es abzusägen, als ihre Mutter hereingekommen wäre und ihn aufgehalten hätte. Die Mutter sagte bei ihrer Befragung aus, dass die Narben von einem Unfall stammten, den sie als Kleinkind gehabt hatte.«

Robin brachte kein Wort heraus. Sie hatte sich die Hände auf den Mund gepresst und sah Strike mit großen Augen an. Sein Gesichtsausdruck war regelrecht beängstigend.

»Im Krankenhaus versuchten die Ärzte währenddessen, seine Anfälle unter Kontrolle zu kriegen, aber immer wenn ihn jemand vernehmen wollte, schützte er Gedächtnislücken und eine Amnesie vor. Die Anwälte umlagerten ihn, sie hatten fette Beute gewittert: einen ärztlichen Fehler plus gefährliche Körperverletzung. Er behauptete, er wäre selbst als Kind missbraucht worden, und die Kinderpornos wären nur Symptom seiner psychischen Probleme, seiner Alkoholkrankheit … Brittany beharrte weiter darauf, dass sie sich das alles nur ausgedacht hätte, die Mutter zeterte, Brockbank hätte keinem ihrer Kinder je ein Haar gekrümmt, er wäre ein perfekter Vater und dass sie schon einmal einen Mann verloren hätte und jetzt den zweiten zu verlieren drohte. Die Lamettahengste wollten nur noch, dass die Anklage endlich fallen gelassen würde. Am Ende wurde er als Invalide aus der Armee entlassen.« Strike richtete den dunklen Blick direkt in Robins blaugraue Augen. »Er kam ungeschoren davon, kassierte eine Abfindung und eine Pension dazu und verschwand dann von der Bildfläche. Mit Brittany im Schlepptau.«

24

Step into a world of strangers

Into a sea of unknowns …

BLUE ÖYSTER CULT, »HAMMER BACK«

Obwohl der klappernde Land Rover die Meilen stoisch fraß, zog sich die Reise schier endlos in die Länge, ehe zu guter Letzt die ersten Ausläufer von Barrow-in-Furness vor ihnen auftauchten. Die Landkarte hatte nicht annähernd genau wiedergegeben, wie weit entfernt die Hafenstadt tatsächlich lag, wie abgelegen. Barrow-in-Furness war beileibe keine Ortschaft, die man auf der Durchreise passierte oder auf einen kurzen Abstecher besuchte. In einer geografischen Sackgasse gelegen, war sie sich selbst genug.

Ihre Reise führte sie durch die südöstlichen Ausläufer des Lake District, vorbei an hügeligen Feldern voller Schafe, Bruchsteinmauern und pittoresker Weiler, die Robin an ihre Heimat in Yorkshire erinnerten, und durch Ulverston (»Geburtsort von Stan Laurel«), bis sie den ersten Blick auf eine weite Flussmündung erhaschten, die darauf schließen ließ, dass sie sich der Küste näherten. Endlich, schon gut nach Mittag, fanden sie sich in einem reizlosen Industrieareal wieder, auf einer von Lagerhäusern und Fabriken gesäumten Straße, die das Randgebiet der Stadt durchzog.

»Bevor wir zu den Brockbanks fahren, besorgen wir uns noch etwas zu essen«, beschloss Strike, der seit fünf Minuten den Stadtplan von Barrow studierte. Sein Widerwille gegen elektronische Navigationsgeräte gründete darauf, dass Papier keine Zeit für den Download brauchte und die Informationen sich unter ungünstigen Bedingungen nicht einfach in Luft auflösen konnten. »Da oben gibt es einen Parkplatz. Beim Kreisverkehr links.«

Sie passierten eine heruntergekommene Zufahrt zum Craven Park, dem Heimstadion der Barrow Raiders. Strike, dessen Blick bereits darauf geeicht war, Brockbank zu erspähen, nahm die spezifische Atmosphäre des Ortes in sich auf. Als gebürtiger Cornishman hatte er erwartet, das Meer zu sehen, es zu riechen, doch wie es hier aussah, hätten sie sich auch tief im Landesinneren befinden können. Der erste Eindruck war der eines gigantischen Einkaufszentrums auf einer grünen Wiese, wo einen von allen Seiten die knalligen Fassaden diverser Outlets ansprangen, nur dass sich hier und da, stolz und fehl am Platz inmitten der Baumärkte und Pizzarestaurants, architektonische Juwelen erhoben, die von einer florierenden industriellen Vergangenheit kündeten. Das Zollhaus im Art-déco-Stil war in ein Restaurant umgewandelt worden. Ein mit Statuen geschmücktes viktorianisches Technikkolleg trug die Inschrift Labor Omnia Vincit. Ein kurzes Stück weiter fuhren sie an zahllosen Reihenhauskolonnen vorbei – die Art von Stadtlandschaft, die Lowry gemalt hatte. Der Bienenstock, in dem die arbeitende Bevölkerung lebte.

»Ich hab noch nie so viele Pubs gesehen«, stellte Strike fest, als Robin auf den Parkplatz einbog. Er hätte gern ein Bier getrunken, aber mit Labor Omnia Vincit im Hinterkopf erklärte er sich mit Robins Vorschlag einverstanden, einen Happen in einem nahe gelegenen Café zu essen.

In der leichten Brise des klaren Apriltags lag die Kühle des unsichtbaren Meeres.

»Über Wert verkaufen die sich jedenfalls nicht, was?«, murmelte er, als er den Namen des Cafés erblickte: The Last Resort. Die letzte Zuflucht. Es befand sich gegenüber dem Second Chance, in dem gebrauchte Kleidung verkauft wurde, und einem augenscheinlich florierenden Pfandhaus. Dem unvorteilhaften Namen zum Trotz war das Last Resort gemütlich und sauber und voller plaudernder alter Ladys, und angenehm gesättigt kehrten Robin und Strike zum Parkplatz zurück.

»Falls niemand daheim sein sollte, wird es nicht ganz leicht werden, das Haus zu observieren«, bemerkte Strike, als sie wieder im Land Rover saßen, und hielt Robin die Straßenkarte hin. »Das Haus steht an einer Sackgasse. Schnurgerade und ohne jede Nische, wo wir uns verstecken könnten.«

»Ist dir schon mal der Gedanke gekommen«, fragte Robin nur halb im Scherz, während sie losfuhren, »dass Holly Noel sein könnte? Vielleicht hat er ja eine Geschlechtsumwandlung vornehmen lassen?«

»In dem Fall wäre es ein Kinderspiel, ihn zu identifizieren«, sagte Strike. »In High Heels minimum eins neunzig groß mit Blumenkohlohr. Hier rechts«, fügte er hinzu, während sie an einem Nachtclub namens Skint – Pleite – vorbeifuhren. »Mein Gott, in Barrow nennen sie die Dinge echt beim Namen, was?«

Vor ihnen verstellte ein gigantisches beigefarbenes Gebäude mit der Aufschrift BAE Systems den Blick aufs Meer. Das Bauwerk war komplett fensterlos und schien sich über eine ganze Meile zu erstrecken: ausdruckslos, gesichtslos, einschüchternd.

»Ich glaube eher, dass Holly sich als seine Schwester entpuppt, vielleicht auch als die neue Ehefrau«, sagte Strike. »Jetzt links abbiegen … Sie ist ungefähr in seinem Alter. Rechts, wir suchen nach der Stanley Road … So wie es aussieht, landen wir direkt bei BAE Systems.«

Wie Strike vorhergesagt hatte, führte die Stanley Road schnurgerade zwischen einer Häuserreihe und einer hohen stacheldrahtgekrönten Backsteinmauer entlang. Jenseits der abweisenden Barriere erhob sich das seltsam unheilverheißende Fabrikgebäude, beige, fensterlos und furchteinflößend durch seine schiere Größe.

»›Nukleare Einrichtung‹?«, las Robin von einem Schild an der Mauer ab und ging gleichzeitig vom Gas, sodass sie bald im Schritttempo durch die Straße rollten.

»Hier bauen sie U-Boote«, erklärte Strike und sah zu der Stacheldrahtkrone empor. »Überall Warnschilder – siehst du das?«

Die Sackgasse war menschenleer. Sie endete in einem kleinen Wendehammer neben einem Kinderspielplatz. Als Robin den Wagen abstellte, bemerkte sie eine Reihe von Gegenständen, die sich oben auf der Mauer im Stacheldraht verfangen hatten. Der Ball war gewiss versehentlich dort gelandet, aber ein Stück weiter hing auch ein kleiner rosafarbener Puppenwagen, der sich unwiederbringlich im Draht verheddert hatte. Bei dem Anblick wurde ihr leicht flau. Irgendjemand musste den Wagen mit voller Absicht außer Reichweite geschleudert haben.

»Wieso steigst du aus?«, fragte Strike kurze Zeit später und marschierte um das Heck des Wagens herum.

»Ich dachte …«

»Ich spreche allein mit Brockbank, falls er da ist«, sagte Strike und zündete sich eine Zigarette an. »Du kommst nicht in seine Nähe.«

Robin stieg wieder in den Land Rover.

»Schlag ihn bitte nicht wieder k. o., in Ordnung?«, murmelte sie Strikes kleiner werdender Gestalt nach, als er – mit steifem Knie nach der langen Fahrt – leicht humpelnd auf das Haus zuhielt.

Hinter den wenigen blank geputzten Fenstern einiger Häuser war Nippes aufgereiht; in anderen hingen Gardinen in unterschiedlichen Abstufungen von Sauberkeit. Einige wenige waren einfach nur schäbig und – nach den selbst innen schmierigen Fensterbrettern zu urteilen – strotzten vor Dreck. Als Strike fast an der kastanienbraunen Tür angekommen war, blieb er unvermittelt stehen. Erst jetzt entdeckte Robin, dass am anderen Ende der Straße eine Gruppe von Männern in blauen Overalls und mit Schutzhelmen aufgetaucht war. War Brockbank womöglich einer von ihnen? War Strike deshalb stehen geblieben?

Nein. Er nahm nur ein Telefonat entgegen. Er wandte der Tür und den Männern den Rücken zu und kehrte langsam zu Robin zurück, allerdings jetzt nicht mehr mit zielgerichtetem Schritt, sondern im Schlendergang eines Mannes, der sich ausschließlich auf die Stimme in seinem Ohr konzentrierte.

Einer der Männer in Blau war groß, dunkel und bärtig. Hatte Strike ihn gesehen? Robin kletterte erneut aus dem Land Rover und machte unter dem Vorwand, eine SMS zu schreiben, mehrere Fotos von den Arbeitern und zoomte die Männer so nah wie möglich ran, bis sie um eine Ecke bogen und verschwanden.

Strike war zehn Meter von ihr entfernt stehen geblieben, rauchte und lauschte immer noch dem Anrufer. Im Haus direkt vor ihnen spähte eine grauhaarige Frau aus einem Fenster im ersten Stock. Um jeden Verdacht zu zerstreuen, wandte Robin den Häusern den Rücken zu und spielte Touristin, indem sie ein Foto von der riesigen U-Boot-Werft machte.

»Das war Wardle.« Als Strike zu ihr herüberkam, sah er grimmig aus. »Die Tote ist nicht Oxana Woloschina.«

»Und woher wissen sie das?«, fragte Robin verdattert.

»Oxana ist seit drei Wochen zu Hause in Donezk. Auf der Hochzeit einer Verwandten – sie haben nicht persönlich mit ihr gesprochen, aber sie haben mit ihrer Mutter telefoniert, und die hat ihnen versichert, dass Oxana sich dort aufhält. Inzwischen hat sich auch die Vermieterin vom Schlimmsten erholt und der Polizei erzählt, dass sie besonders schockiert gewesen sei, als sie den Leichnam fand, weil sie gedacht hatte, Oxana sei zu Hause in der Ukraine. Und sie hat auch erwähnt, dass der Kopf ihr nicht besonders ähnlich gesehen habe.«

Stirnrunzelnd ließ Strike das Handy in die Jackentasche gleiten. Er hoffte inständig, dass sich Wardle nach dieser neuen Entwicklung nicht mehr ausschließlich auf Malley konzentrieren würde.

»Steig wieder ein«, sagte Strike gedankenverloren und machte sich von Neuem auf den Weg zu Brockbanks Haus.

Robin kehrte auf den Fahrersitz des Land Rover zurück. Die Frau im ersten Stock beobachtete sie noch immer.

Zwei Polizistinnen in Neonwesten kamen zu Fuß die Straße herauf. Strike hatte inzwischen die braune Tür erreicht. Das Klopfen von Metall auf Holz hallte durch die Straße. Niemand reagierte. Strike wollte gerade erneut anklopfen, als die Polizistinnen hinter ihm stehen blieben.

Robin setzte sich auf. Was in aller Welt wollte die Polizei von ihm? Nach einem kurzen Wortwechsel drehten sich alle drei um und kamen auf den Land Rover zu.

Unter unerklärlichen Gewissensbissen ließ Robin das Fenster herunter.

»Sie wollen wissen«, rief Strike, als er in Hörweite war, »ob ich Mr. Michael Ellacott bin.«

»Wie bitte?« Robin wusste beim besten Willen nicht, was ihr Vater mit Strike zu tun haben sollte. Und plötzlich kam ihr der absurde Gedanke, dass Matthew ihnen die Polizei auf den Hals gehetzt haben könnte – aber wieso hätte er behaupten sollen, dass Strike ihr Vater wäre? Dann dämmerte ihr die Erklärung, und im selben Moment sprach sie sie aus.

»Der Wagen ist auf meinen Vater zugelassen«, sagte sie. »Hab ich irgendetwas falsch gemacht?«

»Na ja, zum einen stehen Sie hier im absoluten Halteverbot«, antwortete eine Polizistin spröde und deutete auf den gelben Doppelstreifen, »aber deswegen sind wir nicht hier. Sie haben Aufnahmen des Sperrgeländes gemacht. Halb so wild«, erklärte sie, als Robin sie entsetzt ansah. »Das kommt hier ständig vor. Sie wurden von den Überwachungskameras erfasst. Kann ich bitte Ihren Führerschein sehen?«

»Oje«, sagte Robin belämmert und spürte dabei Strikes ironisch fragenden Blick. »Ich dachte nur … Ich dachte, das Motiv hätte was Künstlerisches, wissen Sie? Mit dem Stacheldraht und dem hellen Gebäude dahinter und … und den Wolken …«

Sie hielt ihnen die Papiere hin, wobei sie angestrengt und tief beschämt Strikes Blick auswich.

»Und Mr. Ellacott ist Ihr Vater, richtig?«

»Er hat uns den Wagen geliehen.« Robin graute vor dem Gedanken, dass sich die Polizei mit ihren Eltern in Verbindung setzen könnte und dass die beiden auf diese Weise erfahren würden, dass sie in Barrow war, ohne Matthew, ohne Verlobungsring, als Single …

»Und wo wohnen Sie beide?«

»Wir … Wir wohnen nicht zusammen«, entgegnete Robin.

Sie gaben ihre Namen und Adressen an.

»Sie besuchen hier jemanden, Mr. Strike, ist das richtig?«, wollte die zweite Polizistin wissen.

»Noel Brockbank«, antwortete Strike prompt. »Ein alter Freund. Wir waren zufällig in der Gegend, und da dachte ich, ich schaue mal bei ihm vorbei.«

»Brockbank«, wiederholte die Polizistin, während sie Robin den Führerschein zurückgab. Robin hoffte, dass die Frau Brockbank kannte, damit ihr Patzer halbwegs ausgebügelt wäre. »Ein guter alter barrowianischer Name. Na gut, das wär’s dann wohl. Und keine Fotos der Anlage mehr.«

»Tut. Mir. So. Leid«, flüsterte Robin Strike lautlos zu, während die Polizistinnen abzogen. Er schüttelte verärgert den Kopf, lächelte aber dabei.

»Künstlerisches Motiv … Stacheldraht … Himmel …«

»Was hättest du denn gesagt?«, wollte sie wissen. »Ich konnte ihnen doch wohl schlecht erzählen, dass ich ein paar Arbeiter fotografiert habe, weil ich dachte, einer davon könnte Brockbank sein … Guck mal …«

Aber sowie sie das Foto mit den Arbeitern aufs Display geholt hatte, war ihr klar, dass der größte unter ihnen mit seinen geröteten Wangen, dem kurzen Hals und den großen Ohren nicht der Mann war, den sie suchten.

Dann ging die Tür des Hauses vor ihnen auf, und die grauhaarige Frau, die sie durchs Fenster im ersten Stock beobachtet hatte, erschien mit einem schottengemusterten Einkaufstrolley. Ihre Miene hatte sich inzwischen aufgeheitert. Bestimmt hatte die Frau zugesehen, wie die Polizei eingetroffen und wieder abgezogen war, und war erleichtert darüber, dass sie keine Spione waren.

»Das passiert hier alle naselang.« Ihre Stimme schallte laut über die Straße. Sie sprach »passiert« wie »posiert« und mit gerolltem R aus. Der Einschlag war Robin fremd, dabei hatte sie geglaubt, mit dem kumbrischen Dialekt vertraut zu sein. Immerhin stammte sie aus der Nachbargrafschaft. »Die ham hier überall Kameras. Kontrolliern sämtliche Nummernschilder. Wir ham uns alle längs’ dran gewöhnt.«

»Und wieder haben wir uns als Londoner verraten«, antwortete Strike freundlich, woraufhin sie wissbegierig stehen blieb.

»Aus London? Und was führt Sie her nach Barra?«

»Ich wollte einen alten Freund besuchen. Noel Brockbank«, sagte Strike und deutete die Straße hinunter. »Aber da macht niemand auf. Wahrscheinlich ist er bei der Arbeit.«

Sie runzelte die Stirn.

»Noel, ham Sie gesagt? Nich’ Holly?«

»Wir würden natürlich auch Holly besuchen, wenn sie da wäre«, sagte Strike.

»Die is’ auf Arbeit«, sagte die Nachbarin mit einem Blick auf ihre Armbanduhr. »In der Bäckerei drüben in Vickerstown. Oder«, fuhr sie mit hochgezogenen Augenbrauen fort, »Sie probiern’s heut Abend im Crow’s Nest. Da is’ sie eigentlich immer.«

»Wir versuchen’s erst mal in der Bäckerei – vielleicht überraschen wir sie ja«, sagte Strike. »Wo ist denn diese Bäckerei genau?«

»Die kleine weiße, gleich die Straße rauf von der Vengeance Street.«

Sie bedankten sich bei ihr, und die Nachbarin spazierte sichtlich stolz darüber, ihnen geholfen zu haben, die Straße hinunter.

»Hab ich richtig gehört?«, murmelte Strike, sobald sie wieder im Land Rover saßen, und schüttelte den Stadtplan auf. »Vengeance wie ›Rache‹?«

»So hat es sich jedenfalls angehört«, sagte Robin.

Die kurze Fahrt führte sie auf einer Brücke über die Flussmündung, wo Segelboote auf dem verdreckten Wasser schaukelten oder im Schlick vertäut festsaßen. Hinter den schmucklosen Nutzbauten am anderen Ufer erstreckten sich weitere Straßen mit Reihenhäusern, die teils mit Kieselputz verkleidet waren, teils Backsteinfassaden aufwiesen.

»Lauter Schiffsnamen«, mutmaßte Strike, während sie die Amphitrite Street entlangfuhren.

Die Vengeance Street führte hügelaufwärts. Nach ein paar Minuten stießen sie dort auf eine kleine, weiß getünchte Bäckerei.

»Das ist sie«, sagte Strike sofort, kaum dass Robin den Wagen mit freiem Blick auf die Glastür der Bäckerei angehalten hatte. »Schau sie dir an, das muss einfach seine Schwester sein.«

Die Bäckereiangestellte sah härter aus, fand Robin, als die meisten Männer. Sie hatte das gleiche lange Gesicht und die gleiche hohe Stirn wie Brockbank; ihre kalten Augen waren dick mit Kajal umrahmt, und das pechschwarze Haar hatte sie in einen straffen, unvorteilhaften Pferdeschwanz zurückgekämmt. Die Flügelärmel des schwarzen T-Shirts unter ihrer weißen Schürze entblößten dicke Arme, die von der Schulter bis zum Handgelenk mit Tattoos überzogen waren. An beiden Ohren hingen mehrere Goldkreolen. Eine senkrechte Falte zwischen den Brauen ließ sie permanent schlecht gelaunt aussehen.

Die Bäckerei war beengt und gut besucht. Während Strike zusah, wie Holly süße Teilchen einpackte, fielen ihm die Wildpasteten aus Melrose wieder ein, und unwillkürlich lief ihm das Wasser im Mund zusammen.

»Ich könnte schon wieder was zu essen vertragen.«

»Da drinnen kannst du allerdings nicht mit ihr reden«, sagte Robin. »Wir sollten es lieber bei ihr zu Hause oder im Pub versuchen.«

»Du könntest kurz mal reinschauen und mir ein süßes Teilchen holen.«

»Wir hatten vor noch nicht mal einer Stunde Brote!«

»Na und? Ich mache keine Drecksdiät!«

»Ich auch nicht – nicht mehr«, entgegnete Robin.

Die tapferen Worte beschworen in ihr das Bild des ärmellosen Hochzeitskleids herauf, das immer noch in Harrogate auf sie wartete. Hatte sie wirklich nicht mehr vor, in dieses Kleid zu passen? Die Blumen, das Catering, die Brautjungfern, die Musik für den ersten Tanz – würde all das nicht mehr gebraucht? Verlorene Anzahlungen, zurückgeschickte Geschenke, die fassungslosen Gesichter von Freunden und Verwandten, wenn sie es ihnen eröffnete …

Der Land Rover war ausgekühlt und ungemütlich, sie war nach der stundenlangen Fahrt hundemüde, und für ein paar Sekunden – die wenigen Sekunden, die ihr Herz für einen schwachen, verräterischen Ruck brauchte – wäre sie bei dem Gedanken an Matthew und Sarah Shadlock am liebsten wieder in Tränen ausgebrochen.

»Stört es dich, wenn ich rauche?« Ohne ihre Antwort abzuwarten, ließ Strike das Fenster runter und kalte Luft herein. Robin schluckte ein Ja hinunter; immerhin hatte er ihr die Sache mit der Polizei verziehen. Und irgendwie half ihr die frische Brise auch, Mut zu sammeln für das, was sie ihm sagen musste.

»Du kannst nicht mit Holly sprechen.«

Er sah sie stirnrunzelnd an.

»Brockbank zu überrumpeln ist eine Sache, aber falls Holly dich wiedererkennt, dann wird sie ihn warnen, dass du hinter ihm her bist. Du wirst mich vorschicken müssen. Ich hab mir auch schon etwas überlegt.«

»Na klar … Kommt überhaupt nicht infrage!«, sagte Strike knapp. »Gut möglich, dass er entweder bei ihr oder nur ein paar Straßen weiter wohnt. Der Mann ist ein Fall fürs Irrenhaus. Falls er den Braten riecht, wird er eklig werden. Du machst hier gar nichts allein.«

Robin zog ihren Mantel enger und fragte kühl: »Willst du meine Idee jetzt hören oder nicht?«

25

There’s a time for discussion and a time for fight.

BLUE ÖYSTER CULT, »MADNESS TO THE METHOD«

Strike war nicht begeistert, aber er musste zugeben, dass Robins Plan gut war. Außerdem überwog die Gefahr, dass Holly Noel vorwarnen könnte, das zu erwartende Risiko für Robin. Und so wurde Holly, als sie um fünf Uhr mit einer Kollegin ihre Arbeitsstätte verließ, unbemerkt zu Fuß von Strike beschattet. Währenddessen fuhr Robin an einen verlassenen Straßenabschnitt neben einer weiten, sumpfigen Brachfläche, schnappte sich ihre Reisetasche aus dem Kofferraum, wand sich aus ihrer Jeans und zog stattdessen eine zwar verknitterte, aber dennoch elegantere Hose an.

Sie war gerade auf dem Rückweg über die Brücke in Richtung Stadtmitte, als Strike anrief, um ihr mitzuteilen, dass Holly nicht nach Hause gegangen, sondern direkt im Pub am Anfang ihrer Straße eingekehrt war.

»Sehr schön, ich denke mal, das macht die Sache leichter«, rief Robin in Richtung ihres Handys, das auf Lautsprecher geschaltet neben ihr auf dem Beifahrersitz lag. Der Land Rover bebte und schepperte um sie herum.

»Was ist?«

»Ich sagte, ich denke … Vergiss es, ich bin gleich da!«

Strike wartete auf sie am Parkplatz des Crow’s Nest. Er hatte gerade die Beifahrertür geöffnet, als Robin zischte: »Runter!«

Holly war mit einem Bierglas in der Hand im Eingang des Pubs erschienen. Sie war größer als Robin und sah in ihrem schwarzen T-Shirt und der Jeans doppelt so breit aus. Sie zündete sich eine Zigarette an und bedachte mit einem Blinzeln das Panorama, das ihr bestimmt in sämtlichen Einzelheiten vertraut war. Dann fixierte sie mit schmalen Augen kurz den unbekannten Land Rover.

Strike hatte sich, so gut er konnte, auf den Beifahrersitz gehievt und den Kopf gesenkt. Robin drückte das Gaspedal durch und fuhr los.

»Als ich ihr gefolgt bin, hat sie sich kein einziges Mal umgedreht«, merkte Strike an, nachdem er sich mühsam wieder aufgerichtet hatte.

»Trotzdem solltest du tunlichst vermeiden, dass sie dich sieht«, entgegnete Robin schulmeisterlich, »falls sie dich doch bemerkt hat und sie sich erinnert …«

»Entschuldige, ich hab vergessen, dass du mit Auszeichnung abgeschlossen hast«, sagte Strike.

»Ach, halt die Klappe«, schnauzte Robin ihn an.

Strike war überrascht.

»Das sollte ein Witz sein …«

Robin stellte den Wagen außer Sichtweite vom Eingang des Crow’s Nest in einer Parklücke weiter oben an der Straße ab und suchte dann in ihrer Handtasche nach einem kleinen Päckchen, das sie am Nachmittag erstanden hatte.

»Du wartest hier.«

»Den Teufel werd ich tun! Ich bin auf dem Parkplatz und halte nach Brockbank Ausschau. Gib mir die Schlüssel.«

Widerwillig überließ sie ihm die Schlüssel und marschierte los. Strike sah ihr nach, während sie zum Pub zurückging, und sinnierte über den plötzlichen Temperamentsausbruch nach. Vielleicht machte Matthew sich ja gern über ihre – in seinen Augen wahrscheinlich kläglichen – Erfolge lustig.

Das Crow’s Nest lag direkt an dem spitzen Winkel, in dem die Stanley in die Ferry Road mündete: ein mächtiger Bau mit halbrunder Fassade aus rotem Backstein. Holly stand immer noch mit Bier und Zigarette an der Tür. Robin spürte ein nervöses Flattern in der Magengrube. Aber sie hatte sich hierfür selbst bereit erklärt: Jetzt lag es allein in ihrer Verantwortung, ob sie erfuhren, wo Brockbank steckte. Seit sie zuvor mit ihrer idiotischen Aktion die Polizei auf sich aufmerksam gemacht hatte, war sie ausgesprochen dünnhäutig, und Strikes unangebrachter Scherz hatte sie an Matthews leicht abfällige Kommentare über ihre Gegenobservationsausbildung erinnert. Zwar hatte Matthew ihr vordergründig zu ihrer Bestnote gratuliert, doch gleichzeitig hatte er durchklingen lassen, dass sie in ihrem Kurs nichts gelernt hätte, was einem nicht auch der gesunde Menschenverstand raten würde.

Robins Handy klingelte in ihrer Manteltasche. Sie spürte Hollys aufmerksamen Blick auf sich, als sie es herauszog und kurz aufs Display schaute. Es war ihre Mutter. Da es sicher ungewöhnlicher gewirkt hätte, den Anruf wegzudrücken, als ihn entgegenzunehmen, hob sie das Handy ans Ohr.

»Robin?«, hörte sie Lindas Stimme, während sie, ohne Holly anzusehen, an ihr vorbei durch die Tür ging. »Bist du in Barrow-in-Furness?«

»Ja«, sagte Robin. Sie kam vor zwei Innentüren zu stehen, entschied sich für die linke und gelangte in einen großen, schmuddeligen Gastraum mit hoher Decke. An einem Pooltisch gleich hinter dem Eingang waren zwei Männer in ein Spiel vertieft. Beide trugen die ihr inzwischen wohlvertrauten blauen Overalls. Robin spürte eher, als dass sie es sah, wie sich mehrere Köpfe zu ihr umdrehten. Ohne irgendwem in die Augen zu sehen, ging sie langsam weiter bis zur Bar, das Handy immer noch am Ohr.

»Was machst du dort?«, fragte Linda und fuhr, ohne ihre Antwort abzuwarten, fort: »Die Polizei hat bei uns angerufen und wollte wissen, ob Dad dir das Auto geliehen hat.«

»Das war nur ein Missverständnis«, erklärte Robin. »Mum, ich kann jetzt wirklich nicht sprechen.«

Hinter ihr schwang die Tür auf, und Holly marschierte mit flächendeckend tätowierten, fest vor der Brust verschränkten Armen und einem abschätzenden, spürbar feindseligen Blick an ihr vorbei. Abgesehen von der kurzhaarigen Bedienung hinter der Bar waren sie die einzigen Frauen im Raum.

»Wir haben sofort bei euch zu Hause angerufen«, sprach ihre Mutter unbeirrt weiter, »und Matthew meinte, du wärst mit Cormoran weggefahren.«

»Das ist richtig«, sagte Robin.

»Und als ich ihn gefragt habe, ob ihr am Wochenende Zeit hättet, zum Mittagessen vorbeizukommen …«

»Wieso sollte ich am Wochenende in Masham sein?«, fragte Robin verdattert. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie, wie Holly sich auf einem Barhocker niederließ und mit ein paar blau gekleideten Männern aus der BAE-Fabrik redete.

»Matthews Dad hat Geburtstag«, erinnerte Linda sie.

»Ach, natürlich …« Den Geburtstag hatte sie komplett verdrängt. Der Termin für die Feier hatte so lange in ihrem Kalender gestanden, dass sie ihn nicht einmal mehr wahrgenommen hatte, und den Besuch in Masham hatte sie tatsächlich vergessen.

»Robin, ist alles in Ordnung?«

»Wie gesagt, Mum, ich kann gerade nicht reden«, sagte Robin.

»Ist alles in Ordnung?«

»Ja!«, entgegnete Robin ungeduldig. »Alles in bester Ordnung. Ich rufe später zurück.«

Sie legte auf und drehte sich zur Bar um. Die Bedienung, die bereits ihrer Bestellung harrte, sah sie mit der gleichen Skepsis an wie zuvor die neugierige Nachbarin aus der Stanley Road. In dieser Stadt reichte der Argwohn offensichtlich tiefer als andernorts, aber Robin war sich inzwischen sicher, dass sie es hier nicht mit der chauvinistischen Abneigung der einheimischen Bevölkerung gegenüber Fremden zu tun hatte. Es war eher die Verschlossenheit von Menschen, die nicht darüber sprechen durften, womit sie ihr Geld verdienten. Mit leichtem Herzklopfen und gespieltem Selbstvertrauen wandte sich Robin an die Frau hinter dem Tresen: »Hallo, ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob Sie mir helfen können … Ich bin auf der Suche nach Holly Brockbank. Man hat mir gesagt, dass ich sie hier eventuell finden könnte.«

Die Bedienung dachte kurz über Robins Frage nach und antwortete dann ohne jedes Lächeln: »Dahinten an der Bar, das is’ sie. Wollen Sie was trinken?«

»Ein Glas Weißwein bitte«, sagte Robin.

Die Frau, die sie im Augenblick verkörperte, würde Wein trinken, da war sich Robin sicher. Und sie würde sich von dem leisen Misstrauen, das sie im Blick der Bedienung wahrnahm, ebenso wenig einschüchtern lassen wie von Hollys reflexhafter Abneigung und den unverhohlen taxierenden Blicken der Billardspieler. Die Frau, die sie darstellte, war kühl, nüchtern und ehrgeizig.

Robin zahlte ihren Wein und marschierte mit dem Glas in der Hand auf Holly und die drei Männer zu, die sich an der Bar miteinander unterhielten. Sobald sich abzeichnete, dass Robin zu ihnen wollte, verstummten sie in einer Mischung aus Argwohn und Neugier.

»Hallo«, sagte Robin lächelnd. »Sind Sie Holly Brockbank?«

»Jupp«, antwortete Holly finster. »Onnsie?«

»Verzeihung?«

Trotz der amüsierten Blicke rundum hielt Robin mit purer Willenskraft ihr Lächeln aufrecht.

»Und … weeer … siiind … Siiie?«, fragte Holly übertrieben deutlich.

»Mein Name ist Venetia Hall.«

»Die Ärmste«, sagte Holly breit grinsend zu dem Arbeiter neben ihr, und er kicherte los.

Robin zog eine Visitenkarte aus der Handtasche, frisch gedruckt früher am Nachmittag an einem Automaten in einem Einkaufszentrum, während Strike auf seinem Posten vor der Bäckerei geblieben war und Holly im Blick behalten hatte. Strike hatte ihr vorgeschlagen, ihren zweiten Vornamen zu verwenden. (»Der hört sich richtig nach großkotziger Londonerin an.«)

Robin überreichte Holly die Karte, blickte furchtlos in die tiefschwarz umrandeten Augen und wiederholte: »Venetia Hall. Ich bin Anwältin.«

Hollys Grinsen erlosch. Mit finsterer Miene studierte sie die Karte, eine von zweihundert Stück, die Robin für vier Pfund fünfzig aus dem Automaten gezogen hatte.

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»Ich bin auf der Suche nach Ihrem Bruder Noel«, erläuterte Robin. »Wir …«

»Woher hamse gewusst, dass ich hier bin?«

In ihrem Misstrauen schien Holly sich aufzuplustern und sich zu sträuben wie eine Katze.

»Eine Nachbarin hat mir gesagt, dass ich Sie eventuell hier finden könnte.«

Hollys Begleiter in ihren blauen Overalls grinsten einander an.

»Wir haben möglicherweise eine gute Nachricht für Ihren Bruder«, preschte Robin tapfer vor. »Wir haben versucht, ihn ausfindig zu machen …«

»Keine Ahnung, wo er steckt, is’ mir auch wurst.«

Zwei der Arbeiter verzogen sich von der Bar an einen Tisch, womit nur noch einer zurückblieb, der Robins Unbehagen mit einem stummen Grinsen quittierte. Holly leerte ihr Glas, schob dem übrig gebliebenen Mann einen Fünfer zu und befahl ihm, ihr ein neues Pint zu holen, dann kletterte sie von ihrem Barhocker und marschierte, die Ellbogen leicht abgespreizt wie ein Mann, zum Klo.

»Ihr Bruder und sie sprechen nich’ mit’nander«, erklärte die Bedienung, die jenseits des Tresens näher gekommen war, um sie zu belauschen. Robin schien ihr irgendwie leidzutun.

»Sie wissen nicht zufällig, wo ich Noel finden kann, nehme ich an?«, fragte Robin halb verzweifelt.

»Der war sicher seit ’nem Jahr nich’ mehr hier«, antwortete sie vage. »Weiß’ du, wo er steckt, Kev?«

Hollys Freund antwortete mit einem wortlosen Achselzucken und bestellte dann das Bier für Holly. Dem Akzent nach stammte er aus Glasgow.

»Zu schade«, sagte Robin. Ihrer klaren, kühlen Stimme war das Herzklopfen nicht anzuhören, aber ihr graute davor, mit leeren Händen zu Strike zurückzukehren. »Es besteht nämlich die Möglichkeit einer beträchtlichen Schadensersatzzahlung, wenn ich ihn nur finden könnte.«

Sie wandte sich zum Gehen.

»Für ihn oder für seine Familie?«, fragte der Glasgower.

»Das kommt darauf an«, antwortete Robin kühl und drehte sich zu ihm um. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Venetia besonders offenherzig gegenüber Menschen wäre, die nichts mit ihrem Fall zu tun hatten. »Falls Familienangehörige Aufgaben bei der Pflege übernommen haben … Aber um das einschätzen zu können, bräuchte ich mehr Details. Einige Familien«, log Robin, »haben beträchtliche Ausgleichszahlungen erhalten.«

Im selben Moment kam Holly von der Toilette zurück und blickte schlagartig noch finsterer drein, als sie sah, dass Robin sich mit Kevin unterhielt. Während Robin ihrerseits mit wild klopfendem Herzen auf die Toilette verschwand, fragte sie sich, ob die Lüge, die sie ihm gerade aufgetischt hatte, Früchte tragen würde. Nachdem sie im Vorbeigehen in Hollys Gesicht geblickt hatte, hielt Robin es nicht mehr für ausgeschlossen, dass Holly sie vor den Waschbecken in die Ecke drängen und verprügeln könnte.

Doch als sie wieder in den Gastraum trat, sah sie, wie Holly und Kevin an der Bar die Köpfe zusammensteckten. Sie war klug genug, um nicht weiter nachzubohren. Entweder biss Holly jetzt an oder nicht. Robin schnürte ihren Mantel enger und ging ohne Eile, aber zielstrebig an den beiden vorbei in Richtung Tür.

»Oi!«

»Ja?«, fragte Robin leicht unterkühlt. Venetia Hall erwartete ein gewisses Maß an Respekt, und Holly war unhöflich gewesen.

»Na schön, worum geht’s genau?«

Obwohl Kevin offenkundig nur zu gern an ihrer Unterhaltung teilgenommen hätte, war seine Beziehung zu Holly anscheinend nicht so eng, als dass er hätte lauschen dürfen, während sie sich über ihre Finanzen unterhielt. Mürrisch verzog er sich an einen Spielautomaten.

»Wir können da drüben quatschen«, erklärte Holly und deutete mit ihrem frischen Pint auf einen Tisch in der Ecke neben einem Klavier.

Auf den Fensterbrettern des Pubs standen Buddelschiffe: hübsche, zerbrechliche Gebilde verglichen mit den riesigen, glatten Monstern, die jenseits der Fenster hinter der abweisenden Mauer gebaut wurden. Der bunt gemusterte Teppich schluckte beinahe jeden Fleck. Die Pflanzen hinter den Vorhängen sahen schlapp und traurig aus, und doch hatte der weitläufige Raum durch die zusammengewürfelte Dekoration und die Sporttrophäen etwas Heimeliges, während die leuchtend blauen Overalls der Gäste eher den Eindruck einer eingeschworenen Bruderschaft erweckten.

»Hardacre und Hall vertreten eine große Anzahl ehemaliger Militärangehöriger, die außerhalb von Kampfeinsätzen schwere abwendbare Verletzungen erlitten haben«, verfiel Robin in ihr eingeübtes Drehbuch. »Bei der Durchsicht der Akten sind wir auch auf den Fall Ihres Bruders gestoßen. Natürlich können wir nichts Konkretes sagen, solange wir nicht mit ihm direkt gesprochen haben, aber wir würden uns sehr freuen, wenn er seinen Namen ebenfalls auf unsere Liste von Klägern setzen würde. So wie es aussieht, entspricht sein Unfall jenen Fällen, bei denen wir mit einer Entschädigung rechnen. Wenn er sich von uns vertreten ließe, würde das den Druck auf die Armee erhöhen. Je mehr Klagen wir zusammenbekommen, umso besser. Natürlich würden Mr. Brockbank dadurch keine Kosten entstehen. Gebühren«, imitierte sie die Fernsehwerbung, »werden nur im Erfolgsfall fällig.«

Holly sagte erst einmal nichts. Ihr blasses Gesicht blieb reglos und hart. An jedem Finger trug sie billige Ringe aus Gelbgold, nur der Finger für den Ehering war nackt.

»Kevin hat gesagt, dass die Familie Geld kriegen könnte …«

»Oh ja«, erklärte Robin leichthin. »Falls Noels Verletzungen sich auch auf seine Angehörigen ausgewirkt haben …«

»Un’ wie!«, knurrte Holly.

»Inwiefern?« Robin zog ein Notizbuch aus ihrer Schultertasche und wartete mit gezücktem Stift darauf, dass Holly weitersprach. Der Alkohol und alter Groll waren dabei ihre wichtigsten Verbündeten, um der Frau so viele Informationen zu entlocken wie nur möglich. Und allmählich schien sich Noels Schwester tatsächlich für den Gedanken zu erwärmen, der Anwältin jene Geschichte zu erzählen, die sie ihrer Einschätzung zufolge hören wollte.

Erst musste sie allerdings den anfänglich erweckten Eindruck zerstreuen, dass sie ihrem verletzten Bruder nicht wohlgesinnt sei. Gewissenhaft beschrieb sie Robin, wie Noel mit sechzehn zum Militär gegangen war. Er hatte der Army alles gegeben – sie war sein Leben gewesen. Oh ja, kaum jemandem war klar, welche Opfer die Soldaten brachten … Wusste Robin eigentlich, dass Noel ihr Zwillingsbruder war? Genau, geboren am ersten Weihnachtsfeiertag … Noel und Holly …

Indem sie ihr eine beschönigte Biografie ihres Bruders schilderte, erhöhte sie sich gleichzeitig auch selbst. Der Mann, mit dem sie den Mutterleib geteilt hatte, war hinausgezogen in die Welt, er war herumgekommen und hatte gekämpft und sich in der britischen Armee hochgearbeitet. Seine Tapferkeit und seine Abenteuerlust zierten auch sie, die in Barrow zurückgeblieben war.

»… und dann hat er diese Frau geheiratet, Irene. Eine Witwe. Hat sie genommen, obwohl sie schon zwei Kinder hatte. Jesus. Keine gute Tat bleibt ungestraft, so sagt man doch?«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Venetia Hall höflich und hielt dabei den letzten Fingerbreit ihres warmen, sauren Weins umklammert.

»Hat sie geheiratet und ’nen Sohn mit ihr gekriegt. Richtig netter kleiner Junge … Ryan. Echt niedlich. Wir haben ihn seit … seit sechs Jahren nicht mehr gesehen. Oder sieben? Diese Schlampe. Irene hat sich einfach verkrümelt, als er eines Tages beim Arzt war. Die Kinder hat sie mitgenommen – dabei war sein Sohn alles für Noel, nur damit das klar is’. Einfach alles – so viel zu ›in guten wie in Scheißzeiten‹. Blöde Schnalle. Als er am dring’sten Hilfe gebraucht hätt. Schlampe.«

Noel und Brittany hatten sich also schon vor langer Zeit aus den Augen verloren. Oder hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, die Stieftochter wieder aufzuspüren, der er sicherlich genauso viel Schuld an seinen einschneidenden Verletzungen gab wie Strike? Äußerlich blieb Robin teilnahmslos, doch ihr Herz donnerte wie wild. Am liebsten hätte sie Strike sofort eine SMS geschrieben.

Nachdem Noels Frau ihn verlassen hatte, war er unangekündigt in seinem Elternhaus aufgetaucht, jenem Häuschen an der Stanley Road mit je zwei winzigen Zimmern oben und unten, in dem Holly ihr ganzes Leben verbracht hatte und das sie seit dem Tod ihres Stiefvaters allein bewohnte.

»Klar hab ich ihn aufgenommen.« Holly richtete sich gerade auf. »Familie is’ immer noch Familie.«

Brittanys Anschuldigung wurde mit keinem Wort erwähnt. Holly spielte die fürsorgliche Verwandte, die liebende Schwester, und selbst wenn sie dabei eine Schmierenkomödie aufführte, war Robin mittlerweile erfahren genug, um zu wissen, dass sich sogar aus scheinbar reinem Dreck fast immer ein paar Goldnuggets sieben ließen.

Sie fragte sich, ob Holly überhaupt von der Anzeige wegen Kindesmissbrauchs wusste: Immerhin war das in Deutschland passiert, und es war nie zu einer Anklage gekommen. Aber falls Brockbank bei seiner Entlassung tatsächlich an einem Hirnschaden gelitten hatte, wäre er dann raffiniert genug gewesen, seiner Schwester den Grund für seinen unehrenhaften Abschied aus der Armee zu verschweigen? Wenn er tatsächlich unschuldig und geistig beeinträchtigt gewesen wäre, hätte er dann nicht – und vielleicht endlos – über die Ungerechtigkeit lamentiert, die ihn in dieses Unglück gestürzt hatte?

Robin spendierte Holly ein drittes Pint und lenkte sie geschickt weiter zu der Frage, wie Noel sich nach seiner Entlassung aus der Armee verhalten habe.

»Da war er nich’ mehr er selber. Anfälle. Krämpfe. Bergeweise Medikamente. Ich hatt da eben erst meinen Stiefvater gepflegt – nach sei’m Schlaganfall –, und zack hatt ich dann Noel zu Hause hocken mit den Krämpfen und …«

Holly spülte das Ende des Satzes mit einem Schluck Bier hinunter.

»Das klingt ganz schrecklich«, sagte Robin, die inzwischen in ihrem kleinen Notizbuch mitschrieb. »Gab es denn irgendwelche Verhaltensauffälligkeiten? Viele Familien bezeichnen das als die größte Herausforderung …«

»Klar«, sagte Holly. »Na ja. Er war nich’ eben geduldiger geworden, nachdem sie ihm das Hirn aus dem Schädel gekloppt ham. Zweimal hat er uns das ganze Haus verwüstet – andauernd hat er getobt. Er is’ inzwischen berühmt, ham Sie das gewusst?«, fragte Holly düster.

»Verzeihung?« Kurzzeitig hatte Robin den Faden verloren.

»Der Gadgee, der ihn zusammengeprügelt hat.«

»Der Ga…«

»Dieser Scheißcameron Scheißstrike!«

»Ach so«, sagte Robin. »Ich glaub, von dem habe ich schon gehört.«

»Na logisch! Der Sack arbeitet jetzt als Scheißprivatdetektiv, das könn’se in allen Scheißzeitungen nachlesen! Der Arsch war bei der MP, als er Noel zu Brei geschlagen hat … Hat ihn für sein gesamtes beschiss’nes Scheißleben kaputt gemacht …«

Die Tirade ging noch eine Weile weiter. Robin machte sich Notizen und wartete die ganze Zeit darauf, dass Holly ihr erzählte, warum die Militärpolizei ihren Bruder damals hatte holen wollen, aber entweder wusste sie es wirklich nicht, oder sie war entschlossen, es nicht zu verraten. Fest stand für sie nur, dass Noel Brockbank seine epileptischen Anfälle ausschließlich auf Strikes Schlag zurückgeführt hatte.

Nach einem Jahr, das für Holly die Hölle gewesen sein musste und in dem Noel seine Zwillingsschwester wie auch deren Haus als allzeit verfügbare Ventile für seine Verbitterung und Wutausbrüche missbraucht hatte, hatte ihm ein alter Freund aus Barrow einen Job als Türsteher in Manchester vermittelt, und er war wieder verschwunden.

»Also war er gesund genug, um zu arbeiten?«, hakte Robin nach. Das Bild, das Holly zuvor gezeichnet hatte, war das eines Mannes ohne jede Selbstbeherrschung gewesen – das Bild eines Mannes, der quasi keine Kontrolle mehr über seine Wutausbrüche hatte.

»Ja, also, bis dahin war er wieder halb okay, er durfte bloß nix trinken und musste seine Medizin nehmen. Ich war gottfroh, als er die Fliege gemacht hat. Ich war echt am Ende«, sagte Holly, der plötzlich wieder eingefallen zu sein schien, dass all denen, deren Leben durch die Verletzungen ihrer Angehörigen in Mitleidenschaft gezogen worden war, eine Entschädigung winkte. »Ich hatte Panikattacken. War sogar beim Arzt deswegen. Steht alles in den Akten.«

Die folgenden zehn Minuten drehten sich ausschließlich darum, wie sich Brockbanks Bösartigkeit auf Hollys Leben ausgewirkt hatte. Robin nickte mitfühlend und ernst und gab in regelmäßigen Abständen aufmunternde Kommentare ab: »Ja, so etwas kenne ich auch aus anderen Familien« und »Oh ja, das wäre bei einer Klage äußerst hilfreich.« Dann lud sie die inzwischen vollends gefügige Holly auf ein viertes Bier ein.

»Das geht aber auf mich.« Holly unternahm halbherzige Anstalten, sich zu erheben.

»Nein, nein, das geht auf Spesen«, sagte Robin. Während sie darauf wartete, dass ein frisches Pint McEwan’s gezapft wurde, warf sie einen flüchtigen Blick auf ihr Handy. Sie hatte eine neue Nachricht von Matthew erhalten, die sie ignorierte, sowie eine von Strike, die sie anklickte.

Alles okay?

Ja, schrieb sie zurück.

»Ihr Bruder ist also in Manchester?«, fragte sie Holly, nachdem sie an den Tisch zurückgekehrt war.

»Nee«, sagte Holly nach einem großen Schluck McEwan’s. »Da hamse’n rausgeschmissen.«

»Ach?« Robin hatte bereits wieder ihren Stift gezückt. »Falls das etwas mit seinem gesundheitlichen Zustand zu tun hatte, wissen Sie, dann könnten wir auch dabei helfen, die Kündigung anzufechten …«

»Nich’ deswegen.«

Ein merkwürdiger Ausdruck huschte über das angespannte, verdrossene Gesicht: ein aufzuckender Blitz zwischen den Gewitterwolken, als wollte sich gleich etwas Mächtiges Bahn brechen.

»Er kam wieder her«, sagte Holly, »und alles fing von vorn an …«

Neuerliche Schilderungen von Gewaltausbrüchen, irrationalen Wutanfällen, zertrümmerten Möbeln – bis Brockbank zuletzt einen neuen, vage als »Security« bezeichneten Job ergattert hatte und nach Market Harborough gezogen war.

»Und von da kam er dann noch ma’ zurück«, sagte Holly, und Robins Puls beschleunigte sich.

»Also wohnt er jetzt wieder in Barrow?«, fragte sie.

»Nee«, sagte Holly. Sie war inzwischen betrunken und kaum noch fähig, im Gedächtnis zu behalten, was sie Robin eigentlich weismachen wollte. »Da war er nur ’n paar Wochen hier, aber ich hab ihm gesagt, ich würd die Bullen rufen, wenn er noch ma’ aufkreuzt, und da hat er endgültig Leine gezogen. Muss ma’ pinkeln«, sagte Holly, »und eine qualmen. Rauchste auch?«

Robin schüttelte den Kopf. Holly stand unsicher vom Tisch auf und verschwand auf die Damentoilette, und Robin nutzte die Gelegenheit, ihr Handy herauszuziehen und Strike zu schreiben.

Sie behauptet, er ist nicht hier bei ihr in Barrow. Hat aber einen sitzen. Bin noch dran. Sie kommt gleich zum Rauchen raus, also Achtung.

Kaum hatte sie auf Senden gedrückt, bereute sie auch schon die beiden letzten Worte, mit denen sie sich möglicherweise einen weiteren Seitenhieb auf ihren Kurs in Gegenobservierung eingehandelt hatte, doch im nächsten Moment summte ihr Handy, und sie las die knappe Antwort:

Okay.

Als Holly schließlich streng nach Rothmans riechend an ihren Tisch zurückkehrte, hielt sie in der einen Hand ein Glas Weißwein, das sie Robin zuschob, und in der anderen ihr fünftes Pint.

»Vielen Dank«, sagte Robin.

»Also«, sagte Holly klagend, als hätte es keine Unterbrechung in ihrem Gespräch gegeben, »dass er da war, hat mich gesundheitlich total ruiniert.«

»Davon bin ich überzeugt«, sagte Robin. »Und wohnt Mr. Brockbank jetzt …«

»Er war brutal. Hab dir doch erzählt, wie er mir den Kopf im Kühlschrank eingeklemmt hat.«

»Ja«, antwortete Robin geduldig.

»Und dass er mir ’n blaues Auge verpasst hat, weil ich ihm in die Quere gekomm’ bin, als er gerade Mams Geschirr zerdeppert hat …«

»Furchtbar. Ich glaube wirklich, Sie können mit einer Entschädigung rechnen«, log Robin und sprach dann ungeachtet ihrer leisen Gewissensbisse und ohne Umschweife ihr eigentliches Anliegen an: »Wir haben angenommen, dass Mr. Brockbank hier in Barrow wohnt, weil seine Pension hier ausbezahlt wird.«

Die viereinhalb Pints verzögerten Hollys Reaktion. Die Aussicht auf eine Entschädigung für ihr Leid hatte ihr Gesicht aufleuchten lassen. Selbst die tiefe Falte, die das Leben zwischen ihren Brauen gegraben hatte und die ihr einen permanent zornigen Ausdruck verlieh, schien sich ein wenig geglättet zu haben. Als jedoch die Sprache auf Brockbanks Pension kam, reagierte sie mit einem Mal unwirsch.

»Wird sie nich’«, lallte Holly.

»Laut unseren Unterlagen schon.«

Der Spielautomat dudelte und blinkte in der Ecke vor sich hin. Billardkugeln klickten gegeneinander und schlugen gegen die Bande. Nordenglische Stimmen mischten sich mit schottischen. Und Robins intuitive Ahnung kam der Gewissheit gleich: Die Militärpension landete bei Holly.

»Natürlich«, sagte Robin mit überzeugender Leichtigkeit, »ist uns bewusst, dass Mr. Brockbank das Geld unter Umständen nicht selbst abhebt. Manchmal werden auch Verwandte bevollmächtigt, das Geld abzuholen, wenn der Pensionsempfänger gehandicapt ist.«

»Genau«, sagte Holly sofort. Über ihrem blassen Gesicht breiteten sich rote Flecken aus, die ihr trotz der Tattoos und der Piercings beinahe etwas Mädchenhaftes verliehen. »Ich hab ’se für ihn geholt, als er das erste Mal heimkam. Und immer so Anfälle hatte.«

Wenn er wirklich so schwer geschädigt war, dachte Robin, warum hat er die Pension dann erst nach Manchester und später nach Market Harborough überweisen lassen, ehe er sie am Ende doch wieder nach Barrow schicken ließ?

»Dann überweisen Sie ihm das Geld weiter?«, fragte Robin, und ihr Herz hämmerte wieder. »Oder kann er es inzwischen selbst abholen?«

»Hör ma’ …«

An Hollys Oberarm prangte ein Hell’s-Angels-Tattoo, ein Totenschädel mit geflügeltem Helm, der sich in Falten legte, als sie sich zu Robin vorbeugte. Bier, Zigaretten und Zucker mischten sich in ihrem ranzigen Atem. Robin zwang sich, nicht zurückzuzucken.

»Hör ma’«, sagte sie wieder, »kannst du nich’ dafür sorgen, dass jemand ’ne Entschädigung kriegt, also, wenn er … verletzt worden ist oder so … was weiß ich.«

»Natürlich«, sagte Robin.

»Und was wär, wenn … Was wär, wenn … das Jugendamt was hätt machen sollen und nix unternommen hat?«

»Das hinge von den Umständen ab«, erklärte Robin.

»Unsre Mam is’ abgehauen, als wir neun waren«, fuhr Holly fort. »Hat uns mit unserm Stiefvater allein gelassen.«

»Das tut mir leid«, sagte Robin. »Das war bestimmt nicht einfach.«

»In den Siebzigern«, sagte Holly, »da hat sich keiner was geschissen. Kindesmissbrauch.«

Bleierne Schwere legte sich auf Robins Herz. Hollys Alkoholatem wehte ihr entgegen, und das rot gefleckte Gesicht schwebte jetzt direkt vor ihr. Holly hatte keine Ahnung, dass die mitfühlende Anwältin, die sich mit dem Versprechen von säckeweise Geld ihr Vertrauen erschlichen hatte, bloß eine Schimäre war.

»Hat uns beide missbraucht«, fuhr Holly fort. »Mein Stiefvater. Noel genau wie mich. Schon als wir ganz klein waren. Wir ham uns immer unter unsern Betten versteckt. Und später hat’s Noel mit mir gemacht. Aber«, korrigierte sie sich ernst, »er konnt trotzdem in Ordnung sein, Noel. Wir war’n uns nahe, und das war gewesen, als wir noch klein war’n. Jedenfalls« – ihr Tonfall verriet, dass sie sich damals doppelt verraten gefühlt hatte – »hat er die Fliege gemacht, als er sechzehn war, und is’ zur Army gegangen.«

Eigentlich hatte Robin nichts mehr trinken wollen, doch jetzt griff sie nach ihrem Weinglas und nahm einen großen Schluck. Hollys zweiter Vergewaltiger war gleichzeitig ihr Verbündeter gegen den ersten gewesen: das geringere von zwei Übeln.

»Das Dreckschwein«, sagte sie, und Robin konnte ihr anhören, dass sie damit ihren Stiefvater meinte, nicht den Zwillingsbruder, der sie erst missbraucht und sich anschließend ins Ausland abgesetzt hatte. »Dann hatte er ’n Arbeitsunfall im selben Jahr. Danach bin ich besser mit ihm fertiggeworden. Fabrikchemikalien. Danach war er gefickt. Hat ihn nich’ mehr hochgekriegt. Zu viele Schmerzmittel und so ’n Scheiß. Und dann hatte er sein’ Schlaganfall.«

Die böse Entschlossenheit in Hollys Miene verriet Robin nur zu deutlich, in den Genuss welcher Art von Pflege der Stiefvater danach gekommen war.

»Der Ficker«, sagte sie leise.

»Waren Sie jemals in Therapie?«, hörte Robin sich fragen.

Ich höre mich wirklich an wie eine großkotzige Londoner Anwältin.

Holly schnaubte.

»Scheiße, nein. Du bis’ die Erste, der ich überhaupt davon erzähle. Ich denk mal, du has’ schon ’ne ganze Reihe von Geschichten wie meine gehört.«

»Oh ja«, sagte Robin. Das war sie Holly schuldig.

»Als Noel letztes Mal hier aufgekreuzt is’«, sagte Holly und lallte nach dem fünften Pint heftig, »hab ich ihm gesagt, hau ab un’ lass mich in Ruhe. Hau ab, sonst erzähl ich den Bullen, was du uns angetan has’, ma’ sehn, wie die das finden, wo doch all die kleinen Mädels sagen, dass du sie angefasst hättest.«

Bei diesem Satz wurde der warme Wein in Robins Mund zu Essig.

»Deswegen hat er damals den Job in Manchester verlor’n. Weil er ’ne Dreizehnjährige begrapscht hat. In Market Harborough war’s wahrscheinlich das Gleiche. Er hat nie gesagt, warum er damals wieder aufgekreuzt is’, aber ich weiß, dass er was angestellt ham muss. Er ist bei ’nem Profi in die Lehre gegangen«, sagte Holly. »Also, könnt ich klagen?«

Robin scheute davor zurück, der verletzten Frau Ratschläge zu erteilen, infolge derer sie möglicherweise noch tiefer ins Unglück stürzte. »Ich denke, dass Sie sich damit besser an die Polizei wenden sollten. Wo lebt Ihr Bruder denn zurzeit?« Inzwischen konnte sie es kaum mehr erwarten, die ersehnte Information zu erhalten und von hier zu verschwinden.

»Wasweißich«, sagte Holly. »Als ich gesagt hab, ich geh zu den Bullen, da is’ er ausgeflippt, aber dann …«

Sie brummelte etwas Unverständliches, aus dem mit Mühe das Wort »Pension« herauszuhören war.

Er hat ihr gesagt, wenn sie nicht zur Polizei geht, kann sie die Pension behalten.

Und so saß sie hier fest mit dem Geld, das der Bruder ihr dafür überlassen hatte, dass sie seine Taten für sich behielt, und trank sich vorzeitig ins Grab. Holly konnte sich schließlich denken, dass er mit ziemlicher Sicherheit auch weiterhin junge Mädchen »angrapschte« … Hatte sie je von Brittanys Anschuldigung erfahren? Kümmerte sie das? Oder war das Narbengewebe über ihren eigenen Wunden inzwischen so fest verwachsen, dass es sie völlig gefühllos gegenüber den Qualen anderer kleiner Mädchen gemacht hatte? Sie lebte immer noch in dem Haus, in dem all das passiert war, und wenn sie aus dem Wohnzimmerfenster sah, blickte sie auf Stacheldraht und Backstein … Warum war sie damals nicht geflohen?, fragte sich Robin. Warum war sie nicht ebenfalls ausgerissen, so wie Noel? Warum nur war sie in dem Haus gegenüber der hohen, nackten Mauer geblieben?

»Sie haben nicht zufällig seine Telefonnummer oder irgendwelche Kontaktdaten?«, fragte Robin.

»Nee«, sagte Holly.

»Falls Sie uns in Kontakt bringen würden, könnte sich das für Sie wirklich lohnen …« Robin war so verzweifelt, dass sie alle Vorsicht über Bord warf.

»S-seine alte Bude«, lallte Holly, nachdem sie minutenlang starr und benebelt auf ihr Handy geglotzt hatte. »In Market Harborough …«

Sie brauchten eine Ewigkeit, um die Telefonnummer von Noels letztem Arbeitsplatz herauszusuchen, aber irgendwann hatten sie den Eintrag gefunden. Robin schrieb sich die Nummer auf, wühlte dann zehn Pfund aus ihrer Handtasche und drückte sie in Hollys offene Hand.

»Sie haben mir sehr geholfen. Wirklich sehr geholfen.«

»So sin’ die Gadgees, oder? Alle gleich.«

»Ja«, sagte Robin, ohne einen Schimmer zu haben, wobei genau sie Holly recht gab. »Ich melde mich bei Ihnen. Ihre Adresse habe ich ja.«

Sie stand auf.

»Klar. Wir sprechen uns. Alles Gadgees. Alle gleich.«

»Sie meint Männer.« Die Bedienung war an ihren Tisch gekommen, um die vielen leeren Biergläser abzuräumen, und musste über Robins augenfällige Verständnislosigkeit grinsen. »Ein Gadgee ist ein Mann. Sie sagt, dass alle Männer gleich sind.«

»Oh ja«, sagte Robin, ohne wirklich mitzubekommen, was sie da redete. »Wie wahr. Vielen Dank noch mal. Auf Wiedersehen, Holly … und passen Sie auf sich auf …«

26

Desolate landscape,

Storybook bliss …

BLUE ÖYSTER CULT, »DEATH VALLEY NIGHTS«

»Des Psychologen Leid«, sagte Strike, »ist des Privatdetektivs Freud. Das war verdammt gute Arbeit, Robin.«

Er hob sein McEwan’s an und prostete ihr mit der Dose zu. Sie saßen in dem geparkten Land Rover und aßen ihre Fish and Chips nur ein paar Schritte vom Olympic Takeaway entfernt, dessen strahlend helle Schaufenster die Dunkelheit rundum noch düsterer wirken ließen. In regelmäßigen Abständen huschten Silhouetten vor den beleuchteten Rechtecken vorbei und verwandelten sich in dreidimensionale menschliche Gestalten, sobald sie den geschäftigen Imbiss betraten, nur um beim Gehen wieder zu Schatten zu mutieren.

»Seine Frau hat ihn also verlassen.«

»Genau.«

»Und seither hat er die Kinder nicht mehr gesehen?«

»Richtig.«

Strike nippte nachdenklich an seinem McEwan’s. Er hätte nur zu gern geglaubt, dass Brockbank den Kontakt zu Brittany endgültig verloren hatte, aber was war, wenn dieser bösartige Bastard sie irgendwie wieder aufgespürt hatte?

»Allerdings wissen wir immer noch nicht, wo er steckt«, sagte Robin und seufzte.

»Na ja, zumindest wissen wir jetzt, dass er nicht hier ist und seit einem Jahr auch nicht mehr hier war«, sagte Strike. »Wir wissen, dass er mir immer noch die Schuld daran gibt, was ihm passiert ist, dass er immer noch kleine Mädchen missbraucht und dass er eindeutig zurechnungsfähiger ist, als sie damals im Krankenhaus dachten. Scheiße noch mal.«

»Wie kommst du darauf?«

»So wie es sich anhört, hat er alles unternommen, damit nirgends Anschuldigungen wegen Kindesmissbrauchs laut werden. Er geht arbeiten, dabei könnte er zu Hause sitzen und von seiner Invalidenrente leben. Ich nehme an, wenn er einen Job hat, bieten sich ihm mehr Gelegenheiten, Kontakte zu Mädchen zu knüpfen.«

»Nicht«, murmelte Robin, weil die Erinnerung an Hollys Geständnis plötzlich dem Bild des gefrorenen Kopfes wich, der so jung, so kindlich, so erstaunt und überrascht ausgesehen hatte.

»Damit sind Brockbank und Laing beide im Vereinigten Königreich und immer noch auf freiem Fuß – und beide hassen mich aus tiefster Seele.«

Mit dem Mund voller Pommes wühlte Strike im Handschuhfach, zog den Straßenatlas heraus und blätterte eine Weile stumm darin herum. Robin schlug den restlichen Fisch und ihre letzten Fritten wieder in der Zeitung ein und sagte dann: »Ich muss meine Mutter anrufen. Bin gleich wieder zurück.«

Ein paar Schritte weiter lehnte sie sich an eine Straßenlaterne und wählte die Festnetznummer ihrer Eltern.

»Ist alles in Ordnung, Robin?«

»Ja, Mum.«

»Was ist mit dir und Matthew?«

Robin sah in den schwach besternten Himmel auf. »Ich glaube, wir haben uns getrennt.«

»Du glaubst?«, wiederholte Linda. Sie klang weder schockiert noch traurig, sondern einzig und allein interessiert an Fakten.

Robin hatte befürchtet, dass sie in Tränen ausbrechen würde, sobald sie es ausspräche, aber ihre Augen blieben trocken, und sie musste sich nicht einmal dazu zwingen, ruhig zu bleiben. Vielleicht stumpfte sie allmählich ab. Holly Brockbanks erschütternde Lebensbeichte und das grausame Ende des unbekannten Mädchens aus Shepherd’s Bush rückten ihr eigenes Leben definitiv in eine angemessene Perspektive.

»Es war erst am Montagabend.«

»Hat das irgendetwas mit Cormoran zu tun?«

»Nein«, sagte Robin, »aber mit Sarah Shadlock. Es hat sich herausgestellt, dass Matt mit ihr geschlafen hat, während ich … daheim war. Nachdem … Du weißt schon. Nachdem ich mein Studium geschmissen hatte.«

Zwei junge Männer stolperten sturzbetrunken, schimpfend und krakeelend aus dem Olympic. Einer der beiden bemerkte Robin und stupste seinen Begleiter an. Beide torkelten auf sie zu.

»All’s okay, Süße?«

Strike stieg aus dem Wagen, eine dunkle Silhouette und einen Kopf größer als die beiden, und knallte die Autotür zu. Schlagartig stumm taumelten die jungen Männer weiter. Strike lehnte sich mit dem Rücken an den Wagen und zündete sich eine Zigarette an. Sein Gesicht lag im Schatten.

»Bist du noch dran, Mum?«

»Das hat er dir am Montagabend erzählt?«, hakte Linda nach.

»Ja«, sagte Robin.

»Und warum?«

»Wir hatten wieder Streit wegen Cormoran«, murmelte Robin, da Strike nur ein paar Meter von ihr entfernt stand. »Ich hab gesagt: ›Es ist bloß eine platonische Freundschaft, so wie bei dir und Sarah‹, und dann hab ich seinen Gesichtsausdruck gesehen … und da hat er es zugegeben.«

Ihre Mutter seufzte lang und tief. Robin hoffte auf einen tröstenden, weisen Rat.

»Du lieber Gott«, sagte Linda schließlich, dann blieb es wieder lange still. »Wie geht es dir wirklich, Robin?«

»Es geht schon, Mum, ehrlich. Ich arbeite. Das hilft.«

»Aber was in aller Welt machst du in Barrow?«

»Wir versuchen, einen der Männer aufzuspüren, denen Strike zutraut, dass sie ihm das Bein geschickt haben.«

»Und wo übernachtet ihr?«

»In einer Travelodge«, antwortete Robin. »In getrennten Zimmern natürlich«, ergänzte sie hastig.

»Hast du mit Matthew gesprochen, seit du losgefahren bist?«

»Er schickt mir ständig Nachrichten und schreibt, dass er mich liebt.«

Noch während sie das sagte, fiel ihr wieder ein, dass sie die letzte Nachricht noch gar nicht gelesen hatte. Sie war ihr eben erst wieder eingefallen.

»Es tut mir leid«, sagte Robin zu ihrer Mutter. »Mit dem Kleid und dem Empfang und allem … Es tut mir so leid, Mum.«

»Darüber zerbrech ich mir zuallerletzt den Kopf«, entgegnete Linda und fragte ein weiteres Mal: »Und es geht dir wirklich gut, Robin?«

»Ja, Ehrenwort.« Sie zögerte und ergänzte dann beinahe trotzig: »Cormoran war mir eine große Hilfe.«

»Du wirst trotzdem mit Matthew reden müssen«, sagte Linda. »Nach so langer Zeit … Du kannst unmöglich nicht mit ihm reden.«

Da endlich verlor Robin die Beherrschung. Ihre Stimme bebte vor Zorn, und ihre Hände zitterten, als es aus ihr herausbrach: »Erst vor zwei Wochenenden waren wir mit ihnen beim Rugby – mit Sarah und Tom. Sie schleicht um ihn herum, seit wir damals an der Uni waren – und sie haben miteinander geschlafen, während ich … während ich … Er hat nie wirklich mit ihr abgeschlossen, ständig umarmt sie ihn und flirtet mit ihm, sie vergiftet das Klima zwischen ihm und mir – beim Rugby war es Strike: Ach, er ist ja so attraktiv, und ihr seid wirklich nur zu zweit im Büro? –, und die ganze Zeit dachte ich noch, es ginge nur von ihr aus, ich wusste ja, dass sie an der Uni versucht hatte, ihn ins Bett zu kriegen, aber ich hätte nie … Achtzehn Monate lang haben sie miteinander geschlafen – und weißt du, was er zu mir sagt? Sie hätte ihn getröstet … Ich musste einwilligen, dass sie zur Hochzeit kommen darf, weil ich Strike eingeladen hatte, ohne erst mit Matt darüber zu sprechen. Das war meine Strafe – mir hätte sie gestohlen bleiben können. Und Matt geht jedes Mal mit ihr Mittag essen, wenn er zufällig in der Nähe ihres Büros ist …«

»Ich komme zu dir nach London«, beschloss Linda.

»Nein, Mum …«

»Nur für einen Tag. Dann gehen wir zusammen Mittag essen.«

Robin lachte zittrig. »Mum, ich habe keine Mittagspause. So läuft das nicht in meinem Job.«

»Ich komme nach London, Robin.«

Wenn ihre Mutter so energisch wurde, war jeder Widerspruch zwecklos.

»Ich weiß gar nicht, wann wir zurück sind …«

»Egal. Gib mir einfach rechtzeitig Bescheid, und ich reserviere einen Platz im Zug.«

»Ich … Na gut.«

Als sie sich verabschiedet hatten, spürte Robin, dass ihr endlich Tränen in den Augen standen. So ungern sie es sich auch eingestand, fand sie den Gedanken, dass Linda sie besuchen würde, ungemein tröstlich.

Sie sah zum Land Rover hinüber. Strike lehnte immer noch dagegen, und auch er telefonierte. Oder tat er bloß so? Sie war beim Reden laut geworden. Aber wenn er wollte, konnte er durchaus taktvoll sein.

Sie sah auf das Handy in ihrer Hand und klickte Matthews Nachricht an.

Deine Mutter hat angerufen. Ich hab ihr gesagt, du bist auf Dienstreise. Gib Bescheid, ob ich Dad ausrichten soll, dass du nicht zu seiner Geburtstagsfeier kommst. Ich liebe dich, Robin. Mxxxxxx

Und schon ging es wieder los: Er glaubte tatsächlich nicht, dass ihre Beziehung beendet war. Gib Bescheid, ob ich Dad ausrichten soll … Als wäre all das nur ein Sturm im Wasserglas gewesen, als würde sie auf keinen Fall so weit gehen, die Geburtstagsparty seines Vaters zu schwänzen … Ich kann deinen blöden Vater nicht mal leiden …

Wütend tippte sie die Antwort ein und schickte sie ab.

Natürlich komme ich nicht.

Sie stieg wieder ins Auto. Strike schien tatsächlich zu telefonieren. Der Straßenatlas lag auf dem Beifahrersitz: Er hatte Market Harborough in Leicestershire nachgeschlagen.

»Ja, ich auch«, hörte sie Strike sagen. »Ja, natürlich. Wir sehen uns, sobald ich zurück bin.«

Elin, dachte sie.

Er stieg wieder ein.

»War das Wardle?«, fragte sie unschuldig.

»Elin«, antwortete er.

Weiß sie, dass du mit mir unterwegs bist? Nur wir zwei?

Im selben Moment spürte Robin, wie sie rot wurde. Sie wusste selbst nicht, woher dieser Gedanke gekommen war. Es war schließlich nicht so, als ob …

»Willst du nach Market Harborough?«, fragte sie und hielt den Atlas hoch.

»Warum nicht?«, erwiderte Strike und nahm noch einen großen Schluck Bier. »Dort hat Brockbank zuletzt gearbeitet. Vielleicht stoßen wir da ja auf einen Hinweis. Wir wären blöd, wenn wir das nicht überprüfen würden … Und wenn wir dort durchfahren« – er nahm ihr den Atlas aus der Hand und blätterte ein paar Seiten weiter –, »dann sind es auch nur noch zwölf Meilen bis Corby. Da könnten wir ebenfalls vorbeischauen und uns danach erkundigen, ob der Laing, der dort im Jahr 2008 mit einer Frau zusammengelebt hat, derselbe ist wie unser Laing. Die Frau wohnt jedenfalls immer noch dort. Sie heißt Lorraine MacNaughton.«

An Strikes unfehlbares Namens- und Detailgedächtnis hatte sich Robin längst gewöhnt.

»Na gut«, sagte sie und freute sich im Stillen, dass der Tag für sie noch weitere Ermittlungen und nicht nur eine lange Rückreise nach London bereithielt. Vielleicht würden sie, falls sie auf etwas Interessantes stießen, ein zweites Mal übernachten müssen, und sie bräuchte Matthew weitere zwölf Stunden nicht zu sehen. Dann fiel ihr wieder ein, dass Matthew am kommenden Abend nach Masham zum Geburtstag seines Vaters fahren würde. Sie hätte die Wohnung ohnehin für sich allein.

»Könnte es sein, dass er sie wieder aufgespürt hat?«, fragte Strike laut, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte.

»Entschuldigung – was? Wer?«

»Könnte es sein, dass Brockbank Brittany nach all den Jahren wieder aufgespürt und umgebracht hat? Oder beiße ich mich gerade nur deshalb an ihm fest, weil ich so ein beschissen schlechtes Gewissen habe?«

Er schlug leicht mit der Faust gegen die Tür des Land Rover.

»Das Bein allerdings«, argumentierte Strike gegen seinen eigenen Einwand an, »ihres war genauso vernarbt … Das war bei den beiden ein richtiges Thema: ›Ich hab versucht, dein Bein abzusägen, als du noch klein warst, aber dann ist deine Mutter dazwischengegangen.‹ Dieses miese, gewissenlose Schwein. Wer sonst sollte mir ein vernarbtes Bein schicken?«

»Also«, sagte Robin nachdenklich, »mir fiele noch eine andere Erklärung ein, warum die Wahl auf ein Bein fiel. Das muss nicht notwendigerweise was mit Brittany Brockbank zu tun haben.«

Strike drehte sich zu ihr um.

»Schieß los.«

»Wer immer dieses Mädchen umgebracht hat, hätte dir jeden beliebigen Körperteil schicken können und damit dasselbe bewirkt«, sagte Robin. »Ein Arm oder … oder eine Brust« – sie gab sich alle Mühe, möglichst sachlich zu sprechen – »hätten uns die Polizei und die Reporter ganz genauso auf den Hals gehetzt. Die Aufträge wären zurückgegangen, und wir wären genauso fassungslos gewesen. Aber er hat sich dazu entschlossen, uns ein rechtes Bein zu schicken, das er an der gleichen Stelle abgeschnitten hat, wo auch dein rechtes Bein amputiert worden ist.«

»Ich nehme an, das passt zu diesem beschissenen Song. Obwohl …« Strike dachte kurz darüber nach. »Nein, das ist Quatsch, oder? Ein Arm hätte genauso gute Dienste geleistet. Oder der Hals.«

»Der Täter will ganz eindeutig auf deine Verletzung anspielen«, fuhr Robin fort. »Wofür steht in seinen Augen wohl dein abgenommenes Bein?«

»Weiß der Geier.« Strike betrachtete nachdenklich ihr Profil.

»Heldentum«, erklärte Robin, und Strike schnaubte.

»Zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein hat nichts mit Heldentum zu tun.«

»Du bist ein Kriegsveteran, der mit einem Orden ausgezeichnet wurde.«

»Den Orden hab ich nicht dafür bekommen, dass sie mich in die Luft gejagt haben. Den hatte ich schon vorher.«

»Das hast du mir nie erzählt.«

Sie wandte sich ihm zu, aber er ließ sich nicht beirren.

»Weiter. Warum das Bein?«

»Die Verletzung hast du dir im Krieg zugezogen. Sie steht für Tapferkeit, für überwundene Widrigkeiten. Jedes Mal, wenn die Presse über dich berichtet, wird dein amputiertes Bein erwähnt. Ich glaube, für ihn ist deine Verletzung mit Großtaten und mit Berühmtheit verbunden – und mit Ehre. Er versucht, sie abzuwerten, indem er sie mit etwas Schrecklichem in Verbindung bringt, damit die Öffentlichkeit dich nicht mehr als Helden, sondern nur noch als denjenigen Mann wahrnimmt, dem man den Körperteil eines zerstückelten Mädchens geschickt hat. Er will dir Ärger machen, ja, aber er will dich gleichzeitig auch diskreditieren. Im Grunde will er das, was du hast. Er will Anerkennung und Bedeutsamkeit.«

Strike beugte sich vor und holte eine zweite Dose McEwan’s aus der braunen Tüte zu seinen Füßen. Das Knacken des Verschlussrings hallte in der kalten Luft.

»Wenn das stimmt«, sagte Strike und sah dem Zigarettenrauch nach, der sich in die Dunkelheit davonkräuselte, »wenn es diesem Irren wirklich so zu schaffen macht, dass ich berühmt geworden bin, dann wandert Whittaker damit zuoberst auf die Liste. Denn genau das war immer sein einziges Bestreben: berühmt zu werden.«

Robin wartete ab. Er hatte seinen Stiefvater bislang so gut wie nicht erwähnt, allerdings hatte das Internet ihr massenhaft Details geliefert, die Strike zurückgehalten hatte.

»Dieses Arschloch war der größte Parasit, der mir je untergekommen ist«, erklärte Strike. »Es sähe ihm tatsächlich ähnlich, von jemand anderem Ruhm abzapfen zu wollen.«

Sie spürte, wie er in dem engen Wagen neben ihr allmählich wütend wurde. Sobald einer ihrer drei Verdächtigen erwähnt wurde, stellte sich augenblicklich eine Reaktion ein: Bei Brockbank bekam er ein schlechtes Gewissen, bei Whittaker wurde er wütend. Laing war der Einzige, über den er zumindest halbwegs objektiv sprechen konnte.

»Und Shanker hat noch nichts herausgefunden?«

»Er behauptet, er sei in Catford. Shanker wird ihn schon noch aufspüren. Garantiert wohnt Whittaker dort irgendwo in einem Drecksloch, aber definitiv immer noch in London …«

»Wieso bist du dir da so sicher?«

»Es geht nichts über London, oder?«, spöttelte Strike und starrte über den Parkplatz hinweg zu den Reihenhäusern hinüber. »Ursprünglich kam Whittaker aus Yorkshire, aber inzwischen ist er Londoner bis ins Mark.«

»Du hast ihn seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen, oder?«

»Das ist auch gar nicht nötig. Ich kenne ihn. Er gehört zu der Art menschlichen Treibguts, das auf der Suche nach Ruhm und Ehre in London angespült wird und nie weiterschwimmt. Er war immer schon überzeugt davon, dass London der einzige Ort wäre, der ihn verdiente. Für Whittaker musste es immer die größte Bühne sein.«

Und doch hatte Whittaker es nie geschafft, sich herauszukämpfen aus den Schmuddelwinkeln der Großstadt, in denen Verbrechen, Armut und Gewalt wucherten wie Bazillen, aus jenen Schatten, in denen auch Shanker hauste. Niemand, der nicht selbst in London gelebt hatte, würde je verstehen, dass diese Stadt fast wie ein autonomer Staat war. Womöglich lehnten Menschen aus dem Rest des Landes ihre Hauptstadt ab, weil sich dort deutlich mehr Macht, mehr Geld konzentrierte als in jeder anderen britischen Stadt. Aber sie würden nie verstehen, dass dort auch die Armut einen ganz eigenen Geschmack hatte, weil hier alles mehr kostete und weil die Kluft zwischen all jenen, die es hier geschafft hatten, und denen, die es nicht geschafft hatten, einem ununterbrochen aufs Schmerzlichste vor Augen geführt wurde. Die Distanz zwischen Elins Wohnung hinter den Vanillesäulen der Clarence Terrace und dem verdreckten Loch in Whitechapel, wo seine Mutter gestorben war, ließ sich nicht in bloßen Meilen messen. Zwischen beiden standen auch massive soziale Gegensätze, die Lotterie von Geburt und Möglichkeiten, unglückselige Entscheidungen und glückliche Zufälle. Seine Mutter und Elin – beides wunderschöne Frauen, beide intelligent: Die eine war in einem Morast aus Drogen und menschlichem Unrat versunken, die andere thronte hinter blank geputzten Scheiben hoch über dem Regent’s Park.

Auch Robin dachte über London nach. Die Stadt hatte Matthew in ihren Bann geschlagen, allerdings zeigte er dabei nicht das geringste Interesse an den labyrinthischen Welten, die sie bei ihrer Detektivarbeit tagtäglich durchstreifte. In seiner Begeisterung hatte er nur Augen für den oberflächlichen Glitzer: die besten Restaurants, die besten Wohngegenden, so als wäre London nichts als ein riesiges Monopoly-Spielbrett. Seiner Heimat Yorkshire und ihrer gemeinsamen Heimatstadt Masham hatte sich Matthew immer nur unter Vorbehalt verbunden gefühlt. Zwar war sein Vater in Yorkshire geboren, doch seine verstorbene Mutter hatte aus Surrey gestammt und immer eine gewisse stillschweigende Missbilligung für den Norden ausgestrahlt. Konsequent hatte sie bei Matthew und bei seiner Schwester Kimberley jeden nordenglischen Einschlag in der Sprache korrigiert. Matthews dialektfreie Aussprache war mit ein Grund gewesen, weshalb Robins Brüder nicht besonders begeistert gewesen waren, als sie sich mit ihm angefreundet hatte: Trotz ihrer erbitterten Proteste und seines typischen Yorkshire-Namens hatten sie in ihm den Möchtegernsüdengländer gespürt.

»Muss merkwürdig sein, aus so einem Ort zu stammen, oder?«, fragte Strike. Er hatte den Blick immer noch auf die Reihenhäuser gerichtet. »Es ist hier wie auf einer Insel … Und diesen Akzent habe ich auch noch nie gehört.«

Plötzlich ertönte aus der Nähe eine Männerstimme, die eine mitreißende Melodie sang. Im ersten Moment vermutete Robin ein Kirchenlied. Dann fielen mehr Stimmen in den Gesang ein, und der Wind drehte ein wenig, sodass sie ein paar Zeilen verstand:

Friends to share in games and laughter


Songs at dusk and books at noon …

»Eine Schulhymne«, stellte Robin mit einem Lächeln auf den Lippen fest. Dann wanderte eine Gruppe Männer mittleren Alters in schwarzen Anzügen und laut singend die Buccleuch Street herauf.

»Eine Trauerfeier«, mutmaßte Strike. »Ein alter Schulkamerad. Sieh sie dir an.«

Als die Männer in ihren schwarzen Anzügen auf einer Höhe mit ihrem Wagen waren, bemerkte einer von ihnen Robin hinter dem Lenkrad.

»Barrow Boys’ Grammar School!«, brüllte er und reckte die Faust, als hätte er gerade ein Tor geschossen. Die Männer johlten, doch ihr alkoholbeflügeltes Machogehabe hatte gleichzeitig etwas Melancholisches. Schon fast außer Sichtweite, stimmten sie ihr Lied von Neuem an.

Harbour lights and clustered shipping


Clouds above the wheeling gulls …

»Heimat«, sagte Strike nur.

Er musste an Männer wie seinen Onkel Ted denken, kornisches Urgestein, der sein ganzes Leben in St. Mawes verbracht hatte und dort eines Tages sterben würde, unauflöslich mit dem Ort verbunden, ein Mann, an den man sich erinnern würde, solange es dort Einheimische gab, die an den Wänden der Pubs von den verblichenen Fotografien strahlten. Wenn Ted eines Tages starb – und Strike hoffte, dass es bis dahin noch zwanzig, dreißig Jahre waren –, würde man ihn genauso betrauern, wie der unbekannte Mitschüler aus Barrow betrauert wurde: mit reichlich Alkohol und Tränen und in feierlichem Gedenken an alles, was er seiner Heimatstadt gegeben hatte. Was hatten Brockbank, der finstere, riesenhafte Mädchenschänder, und Laing, der rothaarige Frauenquäler, in ihren Heimatstädten hinterlassen? Ein erleichtertes Schaudern, dass sie endlich verschwunden waren. Angst, dass sie wieder zurückkehren könnten. Und eine Spur aus kaputten Leben und schlimmen Erinnerungen.

»Sollen wir fahren?«, fragte Robin leise, und Strike ließ mit einem Nicken seine brennende Zigarette in den letzten Rest McEwan’s fallen, wo der Stummel mit einem leisen, befriedigenden Zischen erlosch.

27

A dreadful knowledge comes …

BLUE ÖYSTER CULT, »IN THE PRESENCE OF ANOTHER WORLD«

Die Zimmer, die man ihnen in der Travelodge gegeben hatte, lagen fünf Türen auseinander. Robin hatte schon befürchtet, dass ihnen der Mann hinter dem Tresen ein Doppelzimmer anbieten würde, aber Strike hatte das mit einem gebieterischen »Zwei Einzelzimmer« verhindert, noch ehe der andere auch nur den Mund aufgemacht hatte.

Eigentlich war es lächerlich, dass sie sich plötzlich so unsicher fühlte. Sie waren sich in ihrem Land Rover den ganzen Tag lang näher gewesen als jetzt im Aufzug. Trotzdem war es ein befremdliches Gefühl, Strike eine gute Nacht zu wünschen, als sie ihre Zimmertür erreicht hatte. Nicht dass er neben ihr stehen geblieben wäre. Er sagte nur: »Nacht«, ging dann weiter zu seinem Zimmer, wo er vor der Tür kurz abwartete, bis sie die Keycard in den Schlitz geschoben hatte und mit einem verlegenen Winken in ihr Zimmer geschlüpft war.

Warum hatte sie gewinkt? Lächerlich.

Sie ließ die Reisetasche aufs Bett fallen und trat ans Fenster, das einen trostlosen Ausblick auf ebenjene Gewerbebauten bot, an denen sie ein paar Stunden zuvor auf der Fahrt in die Stadt vorbeigekommen waren. Ihrem Gefühl nach waren sie bereits viel länger weg aus London als nur einen Tag.

Die Heizung lief auf vollen Touren. Robin wuchtete das klemmende Fenster auf, und kühle Nachtluft schwappte herein, als könnte sie es kaum erwarten, diese stickige Schuhschachtel zu erobern. Nachdem Robin ihr Handy zum Laden verkabelt hatte, zog sie sich aus, streifte sich ihr Nachthemd über, putzte sich die Zähne und kroch zwischen die kühlen Laken.

Dass sie nur fünf Zimmer von Strike entfernt schlafen sollte, machte ihr aus unerfindlichen Gründen zu schaffen. Das war natürlich Matthews Schuld. Wenn du mit ihm schläfst, ist es endgültig aus. Und prompt präsentierte ihre widerborstige Fantasie ihr das Geräusch eines Klopfens an der Tür, das Bild von Strike, der sich unter einem fadenscheinigen Vorwand in ihr Zimmer einlud …

Mach dich nicht lächerlich.

Sie wälzte sich auf den Bauch und presste das erhitzte Gesicht ins Kissen. Was dachte sie sich nur dabei? Dieser verfluchte Matthew – ihr solche Bilder in den Kopf zu setzen, als wäre sie wie er …

Währenddessen hatte es Strike noch immer nicht ins Bett geschafft. Er war nach dem stundenlangen Sitzen im Auto von Kopf bis Fuß schier eingerostet. Es war ein gutes Gefühl, die Prothese abnehmen zu können. Die Dusche war für einen Einbeinigen zwar nicht besonders praktisch, trotzdem kletterte er hinein und versuchte – wohlweislich immer mit der Hand am Riegel auf der Innenseite der Tür –, sein pochendes Knie mit heißem Wasser zu besänftigen. Nach dem Abtrocknen arbeitete er sich vorsichtig zum Bett zurück, stöpselte das Handy zum Aufladen ein und legte sich nackt zwischen die Laken.

Mit hinterm Kopf verschränkten Händen starrte er an die dunkle Decke und dachte an Robin, die fünf Zimmer weiter schlief. Er fragte sich, ob Matthew ihr noch mal geschrieben hatte, ob sie gerade miteinander telefonierten, ob sie die ungestörte Ruhe nutzte und zum ersten Mal an diesem Tag ihren Tränen freien Lauf ließ.

Durch den Boden drang der Lärm einer Feier, die sich nach Junggesellenabschied anhörte: raues Männerlachen, Rufen, Johlen, Türenknallen. Jemand legte Musik auf, und der Bass wummerte durch sein Zimmer, was ihn wieder an die Nächte erinnerte, die er in seinem Büro geschlafen hatte und in denen die Musik aus dem 12 Bar Café im Erdgeschoss die Metallbeine seiner Campingliege zum Vibrieren gebracht hatte. Er hoffte, dass der Lärm nicht bis in Robins Zimmer drang. Sie brauchte Ruhe – sie musste morgen weitere zweihundertfünfzig Meilen fahren. Gähnend wälzte Strike sich auf die Seite und war, der hämmernden Musik und dem Geschrei zum Trotz, praktisch im nächsten Moment eingeschlafen.

Am folgenden Morgen trafen sie sich wie verabredet im Frühstücksraum, wo Strike Robin Deckung gab, während sie klammheimlich ihre Thermoskanne am Kaffeespender auf dem Buffet auffüllte, und beide sich anschließend Toastscheiben auf ihre Teller häuften. Strike entsagte dem kompletten englischen Frühstück und entschädigte sich selbst dafür, indem er mehrere süße Gebäckteilchen in seinen Rucksack verschwinden ließ. Um acht Uhr saßen sie wieder im Land Rover und kurvten durch die atemberaubende kumbrische Landschaft, ein sanft gewelltes Panorama aus Moorheiden und Torflandschaften unter einem diesig blauen Himmel, bevor sie schließlich auf die M6 in Richtung Süden auffuhren.

»Tut mir leid, dass ich dich nicht ablösen kann«, sagte Strike und nahm einen Schluck Kaffee. »Aber die Kupplung würde mich umbringen. Sie würde uns beide umbringen.«

»Mich stört das nicht«, sagte Robin. »Ich fahre gern, das weißt du doch.«

In einträchtigem Schweigen rauschten sie dahin. Robin war der einzige Mensch, von dem Strike sich bereitwillig fahren ließ, sogar trotz seines tief verwurzelten Vorurteils gegen Frauen am Steuer. Im Allgemeinen behielt er Letzteres für sich, aber die negativen Erfahrungen als Beifahrer – angefangen bei der unbeholfenen Nervosität seiner Tante in Cornwall über die mangelnde Konzentrationsfähigkeit seiner Schwester bis hin zu Charlottes verantwortungslosen Flirts mit der Gefahr – hatten nun einmal ihre Spuren bei ihm hinterlassen. Seine Exfreundin Tracey von der SIB war eine wirklich kompetente Fahrerin gewesen, und doch hatte sie sich einmal auf einer hohen, schmalen Bergstraße derart von ihrer Angst gefangen nehmen lassen, dass sie fast schon hyperventilierend anhalten musste, weil sie nicht mehr weiterfahren konnte, und sich anschließend trotz allem standhaft geweigert hatte, ihm das Steuer zu überlassen.

»Gefällt Matthew der Land Rover?«, fragte Strike, während sie über eine Überführung rollten.

»Nein«, sagte Robin. »Er hätte lieber ein A3-Cabrio gehabt.«

»Na klar«, murmelte Strike so leise vor sich hin, dass es über das Rütteln der Karosserie hinweg nicht zu hören war. »Wichser.«

Sie brauchten vier Stunden bis nach Market Harborough, wo – wie sie unterwegs festgestellt hatten – weder Strike noch Robin je gewesen waren. Die Anfahrt führte sie durch eine Reihe hübscher kleiner Dörfer mit Reetdächern, malerischen alten Kirchen, Formschnittgärten und stillen Sträßchen mit Namen wie Honeypot Lane. Strike musste an die nackte, hohe, stacheldrahtbewehrte Mauer und die drohend dahinter aufragende U-Boot-Werft denken, die in Noel Brockbanks Kindheit den Blick aus seinem Elternhaus begrenzt hatten. Was mochte Brockbank in diese bukolische, charmante Idylle geführt haben? Welcher Art Geschäft hatte er die Telefonnummer zu verdanken, die Robin von Holly bekommen hatte und die jetzt in Strikes Portemonnaie ruhte?

Der Eindruck kultivierter Altertümlichkeit verstärkte sich noch, als sie das Zentrum von Market Harborough erreichten. Die kunstvolle, in Würde gealterte St.-Dionysius-Kirche erhob sich stolz im Herzen der Stadt, und daneben, direkt an der Hauptstraße, stand ein aufsehenerregendes Bauwerk, das aussah wie ein kleines Fachwerkhaus auf hölzernen Stelzen.

Auf der Rückseite des eigenwilligen Gebildes fanden sie einen Parkplatz. Strike konnte es kaum erwarten, endlich wieder zu rauchen und sich die Beine zu vertreten. Er stieg aus, zündete sich sofort eine Zigarette an und schlenderte auf eine Plakette zu, die ihn davon in Kenntnis setzte, dass der Stelzenbau im Jahr 1614 errichtet worden war und als Schule gedient hatte. Bibelverse in goldenen Lettern zogen sich rund um das Gebäude.

Ein Mensch siehet, was vor Augen ist,


der Herr aber siehet das Herz an.

Robin war im Land Rover sitzen geblieben und suchte auf der Karte die kürzeste Route nach Corby, ihrem nächsten Stopp. Als Strike seine Zigarette ausgetreten hatte, wuchtete er sich wieder auf den Beifahrersitz.

»Na schön, ich probier jetzt mal die Nummer aus. Wenn du Lust hast, dir die Beine zu vertreten – meine Schachtel Zigaretten ist so gut wie leer …«

Robin verdrehte die Augen, nahm aber den Zehner aus seiner ausgestreckten Hand und machte sich auf die Suche nach einer Packung Benson & Hedges.

Als Strike die Nummer das erste Mal anwählte, war sie besetzt. Beim zweiten Versuch antwortete eine weibliche Stimme mit starkem Akzent: »Thai Orchid Massage, wie kann ich helfen?«

»Hi«, sagte Strike. »Ich habe Ihre Nummer von einem Freund. Wo genau finde ich Sie?«

Sie nannte ihm eine Adresse in der St. Mary’s Road, die nur ein paar Minuten entfernt lag, wie er mit einem kurzen Blick in die Karte feststellte.

»Hätte eine von Ihren Ladys heute Vormittag denn Zeit für mich?«, erkundigte er sich.

»Was für Lady mögen Sie?«, fragte die Stimme.

Im Seitenspiegel sah er, wie Robin zurückkam, eine golden glänzende Schachtel Benson & Hedges in der Hand, während ihr rotblondes Haar im Wind wehte.

»Dunkel«, antwortete Strike nach kurzem Zögern. »Thai.«

»Wir haben zwei Thailadys frei für Sie. Was für Service mögen Sie?«

Robin zog die Fahrertür auf und stieg wieder ein.

»Was steht denn zur Auswahl?«, fragte Strike.

»Ein-Lady sinnliche Massage mit Öl, neunzig Pfund. Zwei-Lady sinnliche Massage mit Öl, einhundertzwanzig. Ganzkörperkontaktmassage nackig mit Öl, einhundertfünfzig. Extras mit Mädchen aushandeln, okay?«

»Okay, dann hätt ich gern die … äh … Ein-Lady-Massage«, sagte Strike. »Ich bin gleich da.«

Er beendete das Gespräch.

»Das war ein Massagesalon«, erklärte er Robin, während er erneut die Karte studierte. »Allerdings keiner, in dem man sein schmerzendes Knie massieren lassen würde.«

»Wirklich?«, fragte sie erstaunt.

»Die gibt es überall«, sagte er. »Das weißt du doch.«

Er verstand natürlich, weshalb sie so irritiert war. Die Szenerie jenseits der Windschutzscheibe – St. Dionysius, die fromme Schule auf Stelzen, das Georgskreuz, das vor einem Pub ganz in der Nähe im Wind flatterte – hätte auch auf einem Werbeplakat für den Ort abgedruckt sein können.

»Und was willst du … Wo ist dieser Salon überhaupt?«, fragte Robin.

»Gar nicht weit weg«, sagte er und zeigte es ihr auf der Karte. »Aber zuerst brauche ich noch einen Geldautomaten.«

Wollte er tatsächlich für eine Massage bezahlen?, fragte Robin sich verdutzt, aber sie wusste weder, wie sie die Frage verpacken sollte, noch, ob sie die Antwort hören wollte. Nachdem sie an einem Geldautomaten angehalten hatten, wo Strike sein Konto um weitere zweihundert Pfund überzog, ließ sie sich von ihm in die St. Mary’s Road lotsen, die ein Stück weiter von der Hauptstraße abzweigte. Die Straße stellte sich als gediegene Durchgangsstraße mit Maklerbüros, Schönheitssalons und Anwaltskanzleien heraus, die mehrheitlich in großen Villen untergebracht waren.

»Da ist es.« Strike deutete im Vorbeifahren auf ein diskretes Etablissement an einer Straßenecke. Auf einem gelackten lila-goldenen Schild stand THAI ORCHID MASSAGE. Nur die dunklen Rollos hinter den Fenstern deuteten auf Aktivitäten jenseits der medizinisch gebotenen Behandlung verhärteter Muskeln hin. Robin parkte in einer Seitenstraße und sah Strike nach, bis er aus ihrem Blickfeld verschwunden war.

Als Strike sich dem Eingang des Massagesalons näherte, stellte er fest, dass die auf dem Lackschild über der Tür dargestellte Orchidee auffallend einer Vulva ähnelte. Er klingelte, und fast im selben Augenblick wurde die Tür von einem langhaarigen Mann aufgezogen, der fast so groß war wie er selbst.

»Ich habe gerade angerufen«, sagte Strike.

Der Türsteher grunzte und schickte Strike mit einem Nicken durch einen schweren schwarzen Vorhang. Direkt dahinter fand er sich in einer kleinen, mit Teppichboden ausgelegten Lounge mit zwei Sofas wieder. Dort saßen eine ältere Thai und zwei junge Frauen, von denen die eine aussah, als wäre sie gerade einmal fünfzehn. Auf einem Fernseher in der Ecke lief Wer wird Millionär?. Die Mienen der Mädchen wechselten von gelangweilt zu hellwach, und die ältere Frau stand auf. Sie kaute energisch auf einem Kaugummi herum.

»Sie angerufen, ja?«

»Genau«, sagte Strike.

»Sie etwas trinken?«

»Nein danke.«

»Sie mögen Thailady?«

»Ja«, sagte Strike.

»Welche?«

»Sie«, sagte Strike und deutete dabei auf die Jüngere der beiden, die ein rosafarbenes Neckholdertop, einen Wildledermini und billig aussehende Stilettos trug. Lächelnd stand sie von ihrem Sofa auf. Ihre dürren Beine erinnerten ihn an einen Flamingo.

»Okay«, sagte die Ältere. »Sie zahlen erst, danach gehen in Kabine, okay?«

Strike überreichte ihr neunzig Pfund, und sein auserwähltes Mädchen winkte ihn mit einem strahlenden Lächeln weiter. Abgesehen von ihren eindeutig operierten Brüsten, die ihn an die Plastikbarbies auf dem Regal von Elins Tochter erinnerten, hatte sie einen Knabenkörper.

Durch einen kurzen Flur gelangten sie zu ihrer Kabine: einen kleinen, schummrig beleuchteten Raum, dessen einziges Fenster mit einem schwarzen Rollo abgedeckt war und in dem es intensiv nach Sandelholz roch. In eine Ecke war eine Dusche gezwängt worden. Der Massagetisch war mit schwarzem Kunstleder überzogen.

»Erst duschen?«

»Nein danke«, sagte Strike.

»Okay, da drin ausziehen«, sagte sie und deutete auf eine winzige, mit einem Vorhang abgetrennte Ecke, die Strikes massigen Körper nur knapp verhüllt hätte.

»Ich fühle mich angezogen wohler. Ich möchte mit dir reden.«

Das schien sie nicht weiter zu verwundern. Sie hatte schon alles Mögliche erlebt.

»Top ausziehen?«, bot sie ihm fröhlich an und legte sofort eine Hand an die Schleife in ihrem Nacken. »Ohne Top zehn Pfund extra.«

»Nein«, sagte Strike.

»Handjob?«, bot sie ihm an und blickte dabei auf seinen Hosenschlitz. »Handjob mit Öl? Zwanzig extra.«

»Nein, ich will nur mit dir reden«, wiederholte Strike.

Zweifel huschte über ihr Gesicht, und dann blitzte Angst auf.

»Du Polizei.«

»Nein«, sagte Strike und hob die Hände, als wollte er sich ihr ergeben. »Ich bin nicht von der Polizei. Ich bin auf der Suche nach einem Mann namens Noel Brockbank. Er hat hier gearbeitet. Am Eingang, nehme ich an – wahrscheinlich als Türsteher.«

Er hatte sich für dieses Mädchen entschieden, weil es so jung aussah. Er kannte Brockbanks Neigungen und konnte sich gut vorstellen, dass Brockbank eher zu ihr als zu einem der anderen Mädchen Kontakt gesucht hatte. Aber sie schüttelte den Kopf.

»Er weg«, sagte sie.

»Ich weiß«, sagte Strike. »Ich möchte gerne wissen, wo er inzwischen lebt.«

»Mama hat rausgeschmissen.«

War die Puffmutter tatsächlich ihre Mutter, oder war das ein Ehrentitel? Strike wollte Mama lieber aus der Sache heraushalten, zu gerissen und tough war sie ihm vorgekommen. Ihm schwante, dass er gezwungen sein könnte, tief in die Tasche zu greifen, nur um am Ende trotzdem ohne brauchbare Information dazustehen. Das von ihm auserwählte Mädchen strahlte eine angenehme Naivität aus. Sie hätte ihn schon für die Bestätigung, dass Brockbank hier gearbeitet hatte, aber rausgeworfen worden war, zur Kasse bitten können, doch der Gedanke war ihr offenbar gar nicht gekommen.

»Hast du ihn gekannt?«, fragte Strike.

»Als ich gekommen, er selbe Woche rausgeschmissen«, sagte sie.

»Warum wurde er rausgeschmissen?«

Das Mädchen blickte verstohlen zur Tür.

»Weißt du, ob jemand hier seine Telefonnummer hat oder weiß, wohin er verschwunden ist?«

Sie zögerte. Strike zückte seine Brieftasche.

»Zwanzig«, sagte er, »wenn du mich mit jemandem zusammenbringen kannst, der weiß, wo er jetzt steckt. Die sind für dich.«

Wie ein kleines Mädchen nestelte sie am Saum ihres Wildlederrocks, starrte ihn an und zupfte dann blitzschnell die Zehner aus seiner Hand, um sie tief in ihrer Rocktasche zu versenken.

»Warte.«

Er setzte sich auf den Kunstledermassagetisch und wartete. Der kleine Raum war sauber wie in einem echten Massagebetrieb. So was gefiel ihm. Schmutz war für ihn ein Lustkiller, erinnerte er ihn doch unweigerlich an seine Mutter und an Whittaker in dieser verdreckten Wohnung, an fleckige Matratzen und den Pesthauch seines Stiefvaters, der ihm in die Nase stach. Hier, neben den ordentlich auf einem Schränkchen aufgereihten Ölen, drängten sich erotische Gedanken wie von allein auf. Die Vorstellung einer »Ganzkörperkontaktmassage nackig mit Öl« war wahrhaftig nicht unangenehm.

Aus ihm nicht nachvollziehbarem Grund wanderten seine Gedanken zu Robin, die draußen im Auto saß. Er sprang auf, als hätte man ihn in einer kompromittierenden Situation erwischt, und kurz darauf hörte er vor der Tür zornige Stimmen. Die Tür schlug auf, und vor ihm standen Mama und das Mädchen, das er auserwählt hatte und das ihn jetzt verängstigt ansah.

»Sie zahlen nur Ein-Lady-Massage!«, verkündete Mama wütend.

Genau wie zuvor ihre Schutzbefohlene senkte sie den Blick auf seinen Hosenschlitz, um zu überprüfen, ob das Geschäft bereits über die Bühne gegangen war und ob er nun eine Runde aufs Haus herauszuschlagen versuchte.

»Er will jetzt anders haben«, beschwor das Mädchen sie. »Er will zwei Ladys, ein Thai, ein blond. Wir tun nix. Er will jetzt anders haben.«

»Sie nur für ein Mädchen bezahlt«, zeterte Mama weiter und zielte dabei mit einem krallenbewehrten Finger auf Strike.

Er hörte, wie sich schwere Schritte näherten, und mutmaßte, dass der langhaarige Türsteher im Anmarsch war.

»Ich zahle natürlich gern«, erklärte er unter innerlichen Flüchen, »auch die Zwei-Lady-Massage.«

»Einhundertzwanzig mehr?«, gellte Mama ihn an, die ihren Ohren nicht trauen wollte.

»Meinetwegen«, sagte er. »In Ordnung.«

Sie beorderte ihn zum Bezahlen zurück in die Empfangslounge. Dort saß eine übergewichtige Rothaarige in einem tief ausgeschnittenen schwarzen Stretchkleid und sah ihn hoffnungsvoll an.

»Er will blond«, sagte Strikes Komplizin, während er weitere hundertzwanzig Pfund über den Tisch reichte, und das Gesicht der Rothaarigen fiel in sich zusammen.

»Ingrid hat Kunden«, sagte Mama und stopfte Strikes Scheine in eine Schublade. »Sie warten, bis fertig ist.«

Also saß er zwischen dem dürren Thaimädchen und der Rothaarigen und sah sich Wer wird Millionär? an, bis ein kleiner weißbärtiger Mann im Anzug aus dem Flur geeilt kam, unter Vermeidung jeglichen Blickkontakts durch die schwarzen Vorhänge schlüpfte und auf die Straße floh. Fünf Minuten später erschien eine schlanke Peroxid-Blondine, die Strikes Schätzung nach etwa so alt war wie er selbst, in violettem Spandex und schenkelhohen Stiefeln.

»Sie gehen mit Ingrid«, sagte Mama, und Strike tappte mit dem Thaimädchen gehorsam zurück in ihre Kammer.

»Er will keine Massage«, erklärte Strikes erstes Mädchen der Blondine atemlos, sobald sie die Tür hinter sich zugemacht hatten. »Er will wissen, wo Noel ist.«

Die Blondine musterte Strike stirnrunzelnd. Sie war wahrscheinlich mehr als doppelt so alt wie ihre Begleiterin, aber mit ihren dunkelbraunen Augen und den hohen Wangenknochen sah sie ausgesprochen gut aus.

»Was willste denn von dem?«, fragte sie in reinstem Essex-Dialekt, und dann schob sie ruhig hinterher: »Bist du ’n Bulle?«

»Nein«, sagte Strike.

Plötzlich hellte sich ihr hübsches Gesicht auf. »Moooment«, sagte sie gedehnt, »ich weiß, wer du bist – du bist dieser Strike! Cameron Strike! Der Privatbulle, der die Sache mit Lula Landry aufgeklärt hat, und – Jesus! Hat dir nicht irgendwer ein Bein geschickt?«

»Äh … ja, richtig.«

»Noel war voll besessen von dir, Mann. Hat praktisch über nichts anderes geredet. Nachdem du im Fernsehen warst.«

»Ach ja?«

»Ja, er hat immer gesagt, dass er dir einen Hirnschaden zu verdanken hätte.«

»Dafür übernehme ich die Verantwortung nur bedingt. Du hast ihn also gut gekannt, ja?«

»So gut auch wieder nicht!« Sie hatte Strikes Andeutung richtig interpretiert. »Bloß seinen Kumpel aus ’m Norden, John … Geiler Mann, einer meiner Stammkunden, bis er nach Saudi abgerauscht ist. Ja, die zwei waren zusammen auf der Schule, glaub ich. John hatte Mitleid mit Noel, weil er früher bei der Army war und weil er ein paar Probleme hatte, drum hat er ihn empfohlen. Hat gesagt, er hätte so was wie ’ne Pechsträhne. Hat mich sogar bequatscht, dass ich Noel ein Zimmer vermiete und so.«

Ihr Tonfall verriet allerdings, dass ihrer Ansicht nach Johns Mitleid mit Brockbank unangebracht gewesen war.

»Und wie ist es gelaufen?«

»Am Anfang war er ganz okay, aber als er sich irgendwann sicher gefühlt hat, hat er nur noch gestänkert. Über die Army, über dich, über seinen Sohn … Er ist besessen von seinem Sohn. Er will ihn zurückhaben. Er sagt, du wärst schuld, dass er ihn nicht mehr sehen darf. Keine Ahnung, wie er darauf kommt. Es ist doch jedem klar, warum seine Ex ihn von dem Kind fernhält.«

»Und warum?«

»Mama hat ihn mit ihrer Enkelin auf dem Schoß mit seinen Griffeln unterm Rock erwischt«, sagte Ingrid. »Die Kleine ist gerade mal sechs.«

»Aha«, sagte Strike.

»Er hat sich abgesetzt und mich auf zwei Wochen Miete sitzen lassen. Seitdem hab ich ihn nicht mehr gesehn. Ist auch besser so.«

»Hast du eine Ahnung, wohin er verschwunden ist, nachdem er hier rausgeworfen wurde?«

»Kein’ Schimmer.«

»Du weißt also nicht, wie ich ihn erreichen könnte?«

»Wahrscheinlich hab ich irgendwo noch seine Handynummer«, sagte sie. »Kein’ Schimmer, ob die noch stimmt.«

»Könnte ich …«

»Seh ich vielleicht aus, als hätt ich ein Handy einstecken?«, fragte sie und hob die Arme. Das Spandex lag genauso hauteng an wie ihre Stiefel. Ihre steifen Nippel stachen durch den dünnen Stoff. Trotz dieser unübersehbaren Einladung zwang Strike sich, mit ihr Blickkontakt zu halten.

»Könnten wir uns später treffen, und du gibst sie mir?«

»Wir dürfen uns nicht mit Freiern treffen. So sind die Geschäftsbedingungen, Süßer. Darum dürfen wir auch keine Handys dabeihaben. Aber ich sag dir was« – sie musterte ihn eindringlich –, »weil du ’s bist und weil ich weiß, dass du dem Arschloch eine gebrettert hast und weil du ’n Kriegsheld bist und alles, können wir uns meinetwegen in der Nähe treffen, wenn ich hier Feierabend hab.«

»Das wäre toll. Vielen Dank.«

Er wusste nicht, ob er sich das kokette Aufblitzen in ihren Augen eingebildet hatte oder nicht. Möglicherweise hatten ihn der Duft der Massageöle und seine plötzlich aufflackernden Fantasien von warmen, glitschigen Körpern abgelenkt.

Zwanzig Minuten später – gerade lange genug, um Mama in ihrem Glauben zu bestärken, dass Erfüllung gesucht und gefunden worden war – verließ Strike das Thai Orchid und lief zurück zu der Seitenstraße, wo Robin im Auto auf ihn wartete.

»Zweihundertunddreißig für eine alte Handynummer«, sagte er, als sie ausparkte und in Richtung Ortszentrum fuhr. »Scheiße, ich hoffe, der Einsatz lohnt sich. Wir suchen nach der Adam and Eve Street … Sie meint, die müsste hier gleich rechts sein, das Café heißt Appleby’s. Dort will sie sich später mit mir treffen.«

Robin entdeckte eine Parklücke, und während sie warteten und die süßen Teilchen futterten, die Strike vom Frühstücksbuffet geklaut hatte, besprachen sie, was Ingrid über Brockbank erzählt hatte. Allmählich ahnte Robin, warum Strike ein paar Extrakilo mit sich herumschleppte. Sie hatte noch nie länger als vierundzwanzig Stunden am Stück ermittelt. Wenn jede Mahlzeit spontan gekauft und hastig verspeist werden musste, landete man im Nu bei Fast Food und Schokolade.

»Da ist sie«, sagte Strike vierzig Minuten später, kletterte aus dem Land Rover und verschwand im Appleby’s. Robin sah, wie sich die Blondine, inzwischen in Jeans und Kunstpelzjacke gekleidet, dem Café näherte. Sie hatte den Körper eines Topmodels, und Robin musste unwillkürlich wieder an Platin denken. Zehn Minuten vergingen, dann fünfzehn. Weder Strike noch das Mädchen tauchte auf.

»Wie lange kann es denn dauern, eine Telefonnummer auszutauschen?«, fragte Robin säuerlich die Inneneinrichtung des Land Rover. Allmählich wurde es kühl im Auto. »Und ich dachte, du wolltest direkt weiter nach Corby?«

Er hatte ihr erzählt, dass nichts passiert sei, aber man konnte ja nie wissen. Vielleicht war doch etwas gelaufen. Vielleicht hatte das Mädchen Strike am ganzen Körper eingeölt und …

Robin trommelte mit den Fingern aufs Lenkrad. Ihre Gedanken wanderten zu Elin, und sie fragte sich, was die wohl davon halten würde, wenn sie wüsste, was Strike heute getan hatte. Dann fiel ihr zu ihrem Schreck ein, dass sie nicht nachgesehen hatte, ob Matthew ihr noch mal geschrieben hatte. Sie holte das Handy aus der Manteltasche und überzeugte sich davon, dass keine neuen Nachrichten eingegangen waren. Seit sie ihm mitgeteilt hatte, dass sie auf gar keinen Fall zum Geburtstag seines Vaters kommen würde, war er verstummt.

Die Blondine und Strike traten aus dem Café. Ingrid schien Strike nur widerwillig gehen lassen zu wollen. Als er zum Abschied die Hand hob, beugte sie sich kurz vor und küsste ihn auf die Wange, bevor sie davonstolzierte. Strike ertappte Robin beim Gaffen und zog beim Einsteigen eine halb verlegene Grimasse.

»Das sah ja interessant aus«, sagte Robin.

»War es nicht«, entgegnete Strike und zeigte ihr die Nummer, die er direkt in sein Handy abgespeichert hatte: NOEL BROCKBANK MOBIL. »Sie war bloß in Plauderlaune.«

Wäre Robin ein Mann gewesen, hätte er sich nicht verkneifen können zu bemerken: »Und sie hat sich mir ganz geöffnet.« Ingrid hatte ihn schamlos angeflirtet, betont langsam die Kontaktliste in ihrem Handy durchgescrollt, sich dabei laut gefragt, ob sie die Nummer wirklich noch hätte, sodass er schon halb befürchtet hatte, sie könnte ihn mit leeren Händen zurücklassen. Dann hatte sie sich erkundigt, ob er je eine echte Thaimassage bekommen hatte, nachgebohrt, was er eigentlich von Noel wollte, ihn nach seinen gelösten Fällen gefragt, besonders nach dem Fall mit dem schönen toten Model, mit dem er einst berühmt geworden war, und schließlich mit einem warmherzigen Lächeln darauf bestanden, dass er auch ihre Nummer abspeicherte: »Nur für alle Fälle.«

»Willst du Brockbanks Nummer jetzt gleich ausprobieren?«, fragte Robin und lenkte Strike so von der Rückenansicht der davonspazierenden Ingrid ab.

»Was? Nein. Das will gut bedacht sein. Wir haben vielleicht nur einen einzigen Schuss frei, sofern er überhaupt rangeht.« Er sah auf die Uhr. »Fahren wir. Ich will nicht allzu spät in Cor…«

In seiner Hand begann das Handy zu klingeln.

»Wardle«, sagte Strike.

Er nahm das Gespräch entgegen und schaltete das Handy auf Lautsprecher, damit Robin mithören konnte.

»Was gibt’s?«

»Wir haben die Leiche identifiziert«, verkündete Wardle. Aus dem Unterton in seiner Stimme zu schließen würde der Name ihnen etwas sagen. Die winzige Pause, die folgte, reichte aus, damit Strike in einem Anflug von Panik das Gesicht des kleinen Mädchens mit den schmalen, vogelartigen Augen vor sich sah.

»Sie hieß Kelsey Platt – dasselbe Mädchen, das Ihren Rat einholen wollte, um sich das Bein abzuschneiden. Sie hat es ernst gemeint. Sie war sechzehn.«

Eine Woge der Erleichterung und Fassungslosigkeit schlug über Strike zusammen. Er suchte nach einem Stift, aber Robin war bereits gewappnet.

»Sie hat eine Ausbildung zur Erzieherin an einem Berufskolleg gemacht, und dort lernte sie auch Oxana Woloschina kennen. Kelsey wohnte eigentlich in Finchley bei ihrer Halbschwester und deren Partner. Den beiden hat sie erzählt, sie würde auf ein zweiwöchiges Berufspraktikum mit Übernachtung geschickt. Darum haben die zwei sie auch nicht als vermisst gemeldet – sie haben sich keinerlei Sorgen um sich gemacht. Sie sollte erst heute Abend wiederkommen. Oxana meint, Kelsey wäre nicht mit ihrer Schwester ausgekommen und hätte sie gefragt, ob sie für ein paar Wochen bei ihr unterschlüpfen könnte, weil sie Abstand bräuchte. Sieht ganz so aus, als hätte Kelsey alles präzise geplant – immerhin hat sie Ihnen auch von dieser Adresse aus geschrieben. Die Schwester ist verständlicherweise völlig am Ende. Bisher habe ich kaum ein vernünftiges Wort aus ihr herausbekommen, aber immerhin hat sie bestätigt, dass die Handschrift auf dem Brief die ihrer Schwester ist. Und dass das Mädchen sein Bein loswerden wollte, scheint sie auch nicht völlig zu überraschen. Wir haben DNA-Proben aus Kelseys Haarbürste genommen. Sie stimmen überein. Sie ist es.«

Der Beifahrersitz knarzte vernehmlich, als Strike sich zu Robin beugte und ihre Notizen überflog. Sie konnte den Zigarettenrauch in seinen Kleidern riechen – und einen Hauch von Sandelholz.

»Die Schwester wohnt mit ihrem Partner zusammen?«, hakte er nach. »Einem Mann?«

»Dem können Sie das nicht anhängen«, sagte Wardle, und Strike hörte ihm an, dass Wardle das bereits versucht hatte. »Fünfundvierzig, Feuerwehrmann in Frührente, nicht gerade in bester Verfassung. Kaputte Lunge und ein wasserdichtes Alibi für das fragliche Wochenende.«

»Das Wochenende …«, setzte Robin an.

»Kelsey hat die Wohnung ihrer Schwester am ersten April abends verlassen. Wir wissen, dass sie am Zweiten oder Dritten gestorben sein muss – schließlich wurde Ihnen das Bein am Vierten zugestellt. Strike, Sie werden noch mal herkommen und mir ein paar Fragen beantworten müssen. Reine Routine, aber wir müssen wegen dieser Briefe Ihre Aussage aufnehmen.«

Viel mehr gab es nicht zu sagen. Wardle nahm Strikes Dank dafür entgegen, dass er sie informiert hatte, und legte auf. Er hinterließ eine Stille, die in Robins Ohren lange nachzuhallen schien.

28

… oh Debbie Denise was true to me,

She’d wait by the window, so patiently.

BLUE ÖYSTER CULT, »DEBBIE DENISE«


TEXT VON PATTI SMITH

»Die ganze Reise war reine Zeitverschwendung. Es war nicht Brittany. Also kann es Brockbank nicht gewesen sein.«

Strike war zutiefst erleichtert. Die Farben in der Adam and Eve Street wirkten auf ihn mit einem Mal wie reingewaschen, die Passanten fröhlicher und sympathischer als vor dem Anruf. Demnach war Brittany also – irgendwo – am Leben. Er selbst trug keine Schuld. Es war nicht ihr Bein gewesen.

Robin schwieg. Sie konnte den Triumph in Strikes Stimme hören und seine Erleichterung spüren. Sie selbst hingegen hatte Brittany Brockbank nie getroffen, und auch wenn sie froh war, dass dem Mädchen nichts passiert war, änderte dies alles doch nichts daran, dass eine andere junge Frau unter grauenhaften Umständen gestorben war. Die Last, die von Strike abgefallen war, schien direkt in ihren Schoß geplumpst zu sein. Sie war diejenige, die Kelseys Brief nur überflogen und dann unbeantwortet in die Spinnerschublade gelegt hatte. Hätte es irgendetwas geändert, fragte sich Robin, wenn sie Kelsey angeschrieben und sie beschworen hätte, sich helfen zu lassen? Oder wenn Strike sie angerufen und ihr versichert hätte, dass er sein Bein im Kampf verloren hatte und dass alles, was man ihr über seine Verletzung erzählt hatte, gelogen war? Die Reue tat Robin geradezu körperlich weh.

»Bist du dir sicher?«, fragte sie laut, nachdem sie beide gedankenverloren eine volle Minute geschwiegen hatten.

»Inwiefern sicher?«, fragte Strike und sah sie von der Seite an.

»Dass es nicht Brockbank gewesen sein kann.«

»Wenn es nicht Brittany war …«

»Du hast mir gerade erklärt, dass dieses Mädchen …«

»Ingrid?«

»Ingrid«, wiederholte Robin mit leiser Ungeduld, »genau. Du hast mir gerade erzählt, dass sie behauptet, Brockbank sei besessen von dir gewesen. Er gibt dir die Schuld an seinem Hirnschaden und daran, dass er seine Familie verloren hat.«

Strike betrachtete sie stirnrunzelnd.

»Alles, was ich dir gestern Abend erklärt habe – dass der Mörder dich diskreditieren und als Kriegsveteran abwerten will –, passt nach wie vor und ohne Weiteres zu allem, was wir über Brockbank wissen«, fuhr Robin fort. »Und hältst du es nicht für möglich, dass er diese Kelsey getroffen haben könnte und dass irgendetwas in ihm – was weiß denn ich – ausgelöst wurde, was ihn an Brittany erinnerte? Als er Kelseys vernarbtes Bein gesehen hat? Oder als er hörte, dass sie es loswerden wollte? Ich meine«, tastete sich Robin weiter vor, »wir wissen immer noch nicht genau, inwiefern dieser Hirnschaden …«

»Er ist verflucht noch mal nicht hirntot«, fuhr Strike sie an. »Im Krankenhaus hat er nur simuliert. Das weiß ich genau.«

Robin saß stumm hinter dem Lenkrad und sah den Einheimischen nach, die mit Einkäufen beladen auf der Adam and Eve Street unterwegs waren. Sie beneidete sie. Diese Menschen mochten private Sorgen haben, aber es war höchst unwahrscheinlich, dass Mord und Verstümmelung dazuzählten.

»Das sind ein paar gute Punkte«, sagte Strike schließlich, und Robin hörte ihm an, dass sie seiner Feierlaune einen Dämpfer verpasst hatte. Er sah wieder auf die Uhr. »Los, wir sollten uns auf den Weg nach Corby machen, wenn wir heute noch heimkommen wollen.«

Die zwölf Meilen zwischen den beiden Städten hatten sie im Handumdrehen zurückgelegt. Robin schloss aus Strikes verdrossener Miene, dass er immer noch über ihrem Disput über Brockbank brütete. Die Straße war nichtssagend, die Umgebung flach. Nur ab und zu säumten Hecken oder Bäume die Strecke.

»Also, Laing«, versuchte Robin, Strike aus seinen offenbar nicht sehr behaglichen Gedankengängen zu erlösen. »Wie war das noch …«

»Laing, genau«, sagte Strike langsam.

Sie hatte ganz richtig vermutet, dass er sich in seinen Überlegungen zu Brockbank verheddert hatte. Jetzt war er gezwungen, sich zu konzentrieren und seine Gedanken neu auszurichten.

»Laing hat seine Frau gefesselt und mit dem Messer malträtiert. Soweit mir bekannt ist, stand er zweimal wegen Vergewaltigung vor Gericht, wurde aber nie verurteilt – und er wollte mir im Boxring das halbe Gesicht abbeißen. Alles in allem ein brutaler, hinterhältiger Bastard«, sagte Strike, »aber wie ich schon erzählt habe, vermutet seine Schwiegermutter, dass er krank war, als er aus dem Knast entlassen wurde. Angeblich ist er damals nach Gateshead verschwunden, aber dort kann er nicht lange geblieben sein, wenn er 2008 mit dieser Frau in Corby zusammenlebte.« Auf der Straßenkarte suchte er nach Lorraine MacNaughtons Straße. »Passendes Alter, passender Zeitrahmen … Wir werden sehen. Wenn Lorraine nicht zu Hause sein sollte, fahren wir einfach am frühen Abend noch mal hin.«

Strike lotste Robin quer durch das Zentrum von Corby, das sich als Ansammlung von Beton und Backstein rund um ein alles überragendes Einkaufszentrum herausstellte. Die Skyline wiederum wurde von einem massiven Büroklotz der Stadtverwaltung dominiert, auf dessen Dach Antennen wucherten wie stählernes Unkraut. Hier gab es keinen Marktplatz, keine altertümliche Kirche und ganz bestimmt kein altes Fachwerkhaus auf Stelzen. Corby war geplant worden, um die Massen von Wanderarbeitern in den Vierziger- und Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts aufzunehmen. Die meisten Gebäude waren freudlose Nutzbauten.

»Die Hälfte der Straßennamen ist schottisch«, stellte Robin fest, als sie die Argyll und die Montrose Street passierten.

»Früher hieß Corby mal Little Scotland, hast du das gewusst?«, sagte Strike und entdeckte im selben Augenblick einen Wegweiser in Richtung Edinburgh House. Er hatte gehört, dass Corby in der Blütezeit der Industrialisierung die größte schottische Population südlich der schottischen Grenze beherbergt hatte. Hier und da flatterten weiße Andreaskreuze auf blauem Grund und gelbe Löwenflaggen von den Balkons. »Da kann man sich schon vorstellen, warum Laing sich hier wohler gefühlt hat als in Gateshead. Vielleicht hatte er aber auch Verbindungen in die Gegend.«

Fünf Minuten später fanden sie sich im alten Ortskern wieder, dessen hübsche Natursteinhäuser entfernt an jenes Dorf erinnerten, das Corby einst gewesen war, bevor die Stahlschmieden Besitz davon ergriffen hatten. Kurz danach erreichten sie die Weldon Road, wo Lorraine MacNaughton wohnte.

Die Häuser standen hier in dichten Sechserblocks in jeweils spiegelbildlichen Paaren, sodass die Haustüren direkt nebeneinanderlagen und die Fenster spiegelverkehrt zueinander angeordnet waren. In jeden steinernen Türsturz war ein Name gemeißelt.

»Das ist es«, sagte Strike und deutete auf Summerfield, das mit Northfield zusammengeschlossen war.

Der Vorgarten vor Summerfield war mit feinem Kies ausgelegt. Der Rasen vor Northfield hätte längst gemäht werden müssen. Sofort musste Robin an ihre Londoner Wohnung denken.

»Ich glaube, es ist besser, wenn du mitkommst«, sagte Strike und schnallte sich ab. »Wahrscheinlich fühlt sie sich wohler, wenn du dabei bist.«

Die Klingel schien kaputt zu sein. Also klopfte Strike scharf mit den Fingerknöcheln an die Tür. Eine Explosion wütenden Gebells verriet ihnen, dass zumindest ein lebender Bewohner zu Hause war. Dann hörten sie eine genervte, aber wenig durchsetzungsfähige Frauenstimme.

»Aus! Still! Schluss! Aus! Nein!«

Die Tür ging auf, und Robin konnte gerade noch einen kurzen Blick auf eine etwa fünfzigjährige Frau mit verhärmtem Gesicht werfen, ehe ein Jack Russell mit drahtigem Fell aus der Tür geschossen kam und unter scharfem Bellen und Knurren seine Zähne in Strikes Knöchel schlug. Zum Glück für Strike – allerdings weniger für den Jack Russell – trafen die Zähne dabei auf Stahl. Der Hund jaulte auf, und Robin nutzte den Schreck zu ihrem Vorteil, indem sie sich kurzerhand hinunterbeugte, den Hund am Nackenfell packte und hochhob. Er war so überrascht, plötzlich in der Luft zu baumeln, dass er sich nicht im Geringsten gegen ihren Griff wehrte.

»Nicht beißen!«, ermahnte Robin ihn.

Der Hund kam offenbar zu dem Schluss, dass eine Frau, die tapfer genug war, ihn im Genick zu packen, seinen Respekt verdient hatte, und ließ sich von ihr festhalten. Er versuchte sogar, sich in der Luft zu drehen und ihre Hand abzulecken.

»Verzeihung«, sagte die Frau. »Er hat meiner Mutter gehört. Ein einziger Albtraum. Aber er mag Sie, wer hätte das gedacht? Ein Wunder.«

Ihr schulterlanges braunes Haar war am Ansatz ergraut. Zu beiden Seiten des schmallippigen Mundes hatten sich tiefe Marionettenfalten eingekerbt. Sie stützte sich auf Krücken, ihr Knöchel war sichtlich geschwollen und bandagiert, und ihr Fuß steckte in einer Sandale, aus der vergilbte Zehennägel ragten.

Strike stellte sich vor und hielt ihr seinen Führerschein und eine Visitenkarte hin.

»Sind Sie Lorraine MacNaughton?«

»Ja«, antwortete sie zögernd. Ihr Blick zuckte zu Robin hinüber, die sie aufmunternd über den Kopf des Jack Russells hinweg anlächelte. »Und Sie sind … Was haben Sie noch mal gesagt?«

»Privatdetektiv«, sagte Strike, »und ich habe mich gefragt, ob Sie mir etwas über Donald Laing erzählen können. Wir wissen aus alten Telefonunterlagen, dass er vor ein paar Jahren bei Ihnen gewohnt hat.«

»Ja, das stimmt«, antwortete sie langsam.

»Wohnt er immer noch hier?«, fragte Strike, obwohl er die Antwort bereits kannte.

»Nein.«

Strike deutete auf Robin.

»Dürften meine Kollegin und ich kurz reinkommen und Ihnen ein paar Fragen stellen? Wir sind auf der Suche nach Mr. Laing.«

Es wurde kurz still. Lorraine nagte an ihrer Lippe und legte die Stirn in Falten. Robin hielt immer noch den Jack Russell im Arm, der inzwischen enthusiastisch ihre Finger ableckte, an denen er mit Sicherheit Spuren von süßem Gebäck schmeckte. Strikes zerfetztes Hosenbein flatterte in der leichten Brise.

»Na gut, kommen Sie rein«, sagte Lorraine und trat auf ihren Krücken beiseite, um ihnen den Weg frei zu machen.

In ihrem muffigen Wohnzimmer roch es durchdringend nach kaltem Zigarettenrauch. Der Raum war überhäuft mit altdamenhaften Accessoires: gehäkelten Zierhüllen für Kosmetiktuchkartons, billigen Kissen mit Spitzenborten und einer Garde modisch gekleideter Teddybären auf einem polierten Sideboard. Eine Wand wurde von dem Gemälde eines als Pierrot verkleideten Kindes mit untertassengroßen Augen beherrscht. Dass Donald Laing hier gewohnt hatte, konnte Strike sich genauso wenig vorstellen wie einen in der Zimmerecke schlafenden Stier.

Sobald sie im Haus waren, wand sich der Jack Russell zappelnd aus Robins Armen und begann sofort wieder, Strike anzukläffen.

»Ach, halt doch die Schnauze«, stöhnte Lorraine. Sie ließ sich auf das ausgeblichene braune Samtsofa sinken, hievte mit beiden Händen ihren bandagierten Knöchel auf einen Lederpuff und lehnte sich zur Seite, um nach einer Schachtel Superkings zu greifen und sich eine Zigarette anzuzünden.

»Ich soll ihn hoch lagern.« Die Zigarette wippte zwischen ihren Lippen, während sie nach einem vollen Kristallglasaschenbecher griff und ihn sich auf den Schoß stellte. »Der Pflegedienst kommt jeden Tag und wechselt den Verband. Setzen Sie sich doch.«

»Was ist denn passiert?«, fragte Robin und schob sich am Couchtisch vorbei, um sich neben Lorraine auf das Sofa zu setzen. Der Jack Russell sprang augenblicklich neben ihr aufs Polster und hörte endlich auf zu bellen.

»Die haben mir heißes Frittenfett drübergekippt«, sagte Lorraine. »Auf der Arbeit.«

»Mein Gott …« Strike ließ sich im Sessel nieder. »Das müssen Höllenqualen gewesen sein.«

»Allerdings. Ich muss wohl mindestens einen Monat zu Hause bleiben. Wenigstens hatte ich es nicht weit zur Notaufnahme.«

Lorraine arbeitete, wie sich herausstellte, in der Kantine des örtlichen Krankenhauses.

»Was hat Donnie denn wieder angestellt?«, murmelte Lorraine unter weiteren Qualmwölkchen, nachdem ihre Verletzung hinreichend besprochen war. »Hat er schon wieder jemanden ausgeraubt?«

»Wie kommen Sie darauf?«, fragte Strike vorsichtig.

»Weil er mich ausgeraubt hat«, antwortete sie.

Im selben Moment erkannte Robin, dass die schroffe Art der Frau Fassade war. Die Zigarette hatte in ihrer Hand gezittert, als Lorraine geantwortet hatte.

»Und wann war das?«, fragte Strike.

»Na, als er abgehauen ist. Meinen ganzen Schmuck hat er genommen. Mums Ehering, einfach alles. Er wusste genau, wie viel der mir bedeutet hat. Da war sie noch nicht mal ein Jahr tot. Tja, eines Tages ist er einfach aus dem Haus spaziert und nicht mehr zurückgekommen. Ich hab die Polizei angerufen. Ich dachte, ihm wäre was passiert. Dann hab ich gemerkt, dass mein Geldbeutel leer und mein ganzer Schmuck verschwunden war.«

Die Demütigung tat immer noch weh. Ihre eingefallenen Wangen brannten regelrecht, als sie das sagte.

Strike tastete in der Innentasche seines Sakkos herum.

»Ich will nur sichergehen, dass wir über dieselbe Person sprechen. Kommt Ihnen dieser Mann bekannt vor?«

Er reichte ihr eines der Fotos, die ihm Laings Exschwiegermutter in Melrose überlassen hatte. Auf dem Bild stand Laing vor einem Standesamt, groß und breit gebaut in einem blau-gelben Kilt, mit dunklen Frettchenaugen und tiefem, fuchsrotem Haaransatz. Rhonda hing an seinem Arm, nur halb so breit wie er, in einem offenbar schlecht sitzenden, möglicherweise secondhand gekauften Hochzeitskleid.

Lorraine sah lange auf das Foto hinab. Schließlich sagte sie: »Ich glaube, er ist es. Er könnte es sein.«

»Auf dem Bild ist es nicht zu erkennen, aber er hat sich eine große gelbe Rose auf den rechten Unterarm tätowieren lassen«, führte Strike aus.

»Ja«, bestätigte Lorraine niedergeschlagen. »Hat er.«

Sie starrte das Bild an und nahm noch einen Zug von ihrer Zigarette.

»Er war also doch schon mal verheiratet?«, fragte sie mit einem leichten Zittern in der Stimme.

»Hat er Ihnen das gar nicht erzählt?«, erkundigte sich Robin.

»Nein. Mir hat er erzählt, er wäre nie verheiratet gewesen.«

»Wie haben Sie sich kennengelernt?«, fragte Robin.

»Im Pub«, sagte Lorraine. »Aber als wir uns begegnet sind, sah er ganz anders aus.«

Sie drehte sich halb zu dem Sideboard in ihrem Rücken um und machte Anstalten aufzustehen.

»Kann ich helfen?«, bot Robin ihr an.

»In der mittleren Schublade. Da liegt vielleicht ein Bild.«

Unter neuerlichem Gekläffe des Jack Russells zog Robin die Schublade auf, die eine wilde Mischung aus Serviettenringen, gehäkelten Untersetzern, Zierlöffelchen, Zahnstochern und unsortierten Fotos enthielt. Von Letzteren zog Robin so viele heraus, wie sie halten konnte, und reichte sie Lorraine.

»Das da ist er«, sagte sie, nachdem sie eine Reihe von Bildern durchgegangen war, auf denen mehrheitlich eine ältere Frau zu sehen war; Lorraines Mutter, wie Robin vermutete. Lorraine gab das Bild direkt an Strike weiter.

Er hätte Laing nicht wiedererkannt, wenn er ihm auf der Straße begegnet wäre. Der ehemalige Boxer war extrem aufgedunsen, vor allem im Gesicht. Sein Hals war nicht mehr zu erkennen. Die Haut wirkte überdehnt, die Miene verzerrt. Den einen Arm hatte er um die Schultern der lächelnden Lorraine gelegt, der andere hing schlaff hinunter. Nicht die Spur eines Lächelns. Strike sah genauer hin. Das Tattoo mit der gelben Rose war zwar zu sehen, wurde aber teilweise von zornig roten Hautschuppen überdeckt, die seinen gesamten Unterarm sprenkelten.

»Stimmt irgendetwas nicht mit seiner Haut?«

»Psoriasisarthritis«, klärte Lorraine ihn auf. »Und zwar so richtig übel. Darum war er auch in Frührente. Musste aufhören zu arbeiten.«

»Ja?«, fragte Strike. »Als was war er denn zuvor beschäftigt?«

»Er kam als Manager einer größeren Baufirma hierher«, antwortete sie, »aber dann wurde er krank und konnte nicht mehr arbeiten. Ganz früher hatte er oben in Melrose ein eigenes Bauunternehmen. Das hat er selbst geleitet.«

»Wirklich?«, fragte Strike.

»Ja, ein Familienunternehmen«, sagte Lorraine und durchsuchte weiter den Fotostapel. »Er hatte es von seinem Dad geerbt. Da ist er noch mal, sehen Sie?«

Auf dem zweiten Bild, das aussah, als wäre es in einem Biergarten aufgenommen worden, hielten sie sich an den Händen. Lorraine strahlte, Laing stand ausdruckslos daneben, wohl auch weil sein Vollmondgesicht die Augen zu Schlitzen verengte. Er hatte das charakteristische Aussehen eines Mannes, der Steroide verschrieben bekam. Die Fuchspelzhaare waren dieselben geblieben, aber ansonsten musste Strike sich anstrengen, um auf dem Bild die Züge des einst fitten jungen Boxers auszumachen, der ihn vor vielen Jahren ins Gesicht gebissen hatte.

»Wie lange waren Sie mit ihm zusammen?«

»Zehn Monate. Ich hab ihn ziemlich bald nach Mums Tod kennengelernt. Sie wurde zweiundneunzig – sie hatte hier bei mir gewohnt. Damals half ich Mrs. Williams von nebenan und so … Die war da siebenundachtzig. Senil. Ihr Sohn lebt in Amerika. Donnie war richtig nett zu ihr. Hat ihr den Rasen gemäht und für sie eingekauft.«

Das Schwein wusste haargenau, wo es sich bequem einnisten konnte, dachte Strike. Krank, arbeitslos und pleite, wie Laing damals gewesen war, musste ihm eine einsame Witwe ohne Angehörige, die kochen konnte und ein eigenes Haus besaß und obendrein gerade erst Geld von ihrer Mutter geerbt hatte, wie ein Geschenk Gottes vorgekommen sein. Es hatte sich mit Sicherheit ausgezahlt, ein bisschen Mitgefühl vorzuschützen, damit er seine Füße unter ihren Tisch stellen konnte. Laing hatte durchaus charmant sein können, wenn es ihm nützlich erschienen war.

»Als wir uns kennengelernt haben, war er wirklich nett«, sagte Lorraine betrübt. »Anfangs hat er sich fast überschlagen für mich. Dabei ging es ihm ja selbst nicht gut – mit seinen geschwollenen Gelenken und allem … Musste sich selbst Spritzen setzen … Später wurde er ein bisschen launischer, aber ich dachte noch, das hängt unter Garantie mit dieser Krankheit zusammen. Dass ein Kranker immer fröhlich ist, kann man ja nicht erwarten, oder? Nicht jeder ist wie meine Mum. Sie war ein verfluchtes Wunder, gesundheitlich in miserabler Verfassung, und trotzdem lächelte sie immer und … und …«

»Warten Sie, ich gebe Ihnen ein Taschentuch«, sagte Robin und beugte sich langsam zu dem umhäkelten Behälter vor, um den Jack Russell, der mit dem Kopf in ihrem Schoß ruhte, nicht aufzuschrecken.

»Haben Sie ihn angezeigt, nachdem er Ihren Schmuck gestohlen hatte?«, fragte Strike, als Lorraine ihr Taschentuch erhalten und sich zwischen zwei tiefen Zügen von der Zigarette geschnäuzt hatte.

»Quatsch«, antwortete sie schroff. »Wozu denn? Die Sachen hätten sie doch sowieso nie wiedergefunden.«

Robin vermutete, dass Lorraine ihre Demütigung damals nicht hatte allgemein bekannt werden lassen wollen, und konnte es ihr nicht verdenken.

»War er Ihnen gegenüber je gewalttätig?«, tastete sich Robin vor.

Lorraine sah sie überrascht an.

»Nein. Sind Sie deswegen hier? Hat er jemanden verletzt?«

»Das wissen wir nicht«, sagte Strike.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass er jemanden verletzen würde«, sagte sie. »So ein Mensch war er nicht. Das hab ich auch der Polizei gesagt.«

»Verzeihung?«, sagte Robin und streichelte dabei den Kopf des inzwischen dösenden Jack Russells. »Ich dachte, Sie hätten den Diebstahl nicht angezeigt?«

»Das war später«, sagte Lorraine. »Vielleicht einen Monat, nachdem er weg war. Jemand ist in Mrs. Williams’ Haus eingebrochen, hat sie k. o. geschlagen und das Haus ausgeräumt. Da wollte die Polizei wissen, wo Donnie steckte. Ich hab ihnen gesagt: ›Der ist schon lange ausgezogen und verschwunden.‹ Jedenfalls würde er so was nicht machen, hab ich zu ihnen gesagt. Er war immer so nett zu ihr. Er würde keine alte Lady umhauen.«

Sie hatten im Biergarten Händchen gehalten. Er hatte der alten Dame den Rasen gemäht. Sie weigerte sich zu glauben, dass Laing so böse war.

»Ich nehme an, Ihre Nachbarin konnte den Täter nicht beschreiben?«, fragte Strike.

Lorraine schüttelte den Kopf.

»Sie kam nie mehr nach Hause. Ist in einem Heim gestorben. Jetzt wohnt eine Familie in Northfield«, sagte Lorraine. »Mit drei kleinen Kindern. Sie sollten hören, was die für einen Krach machen – und die haben die verfluchte Frechheit, sich über den Hund zu beschweren!«

Sie waren in einer Sackgasse gelandet. Lorraine hatte keine Ahnung, wohin Laing verschwunden war. Sie konnte sich auch nicht entsinnen, dass er abgesehen von Melrose je einen Ort erwähnt hätte, dem er sich irgendwie verbunden gefühlt hatte, und sie hatte auch nie irgendwelche Freunde von ihm getroffen. Nachdem sie begriffen hatte, dass er nicht mehr zu ihr zurückkommen würde, hatte sie seine Handynummer aus ihrem Telefon gelöscht. Sie war bereit, ihnen die beiden Fotos von Laing zu überlassen, aber abgesehen davon konnte sie ihnen nicht weiterhelfen.

Der Jack Russell protestierte lautstark, als Robin ihm ihren warmen Schoß entzog, und war drauf und dran, sein Missvergnügen erneut an Strike auszulassen, der sich aus seinem Sessel erhob.

»Schluss, Tigger«, befahl Lorraine säuerlich und hielt den zappelnden Hund mit Mühe fest.

»Wir finden raus«, rief Robin über das geifernde Kläffen hinweg. »Noch einmal vielen Dank für Ihre Hilfe!«

Lorraine blieb in ihrem vollgestellten, verqualmten Wohnzimmer sitzen, das bandagierte Bein hoch gelagert und wahrscheinlich ein bisschen trauriger und bedrückter als vor ihrem Besuch. Das hysterische Gebell folgte ihnen durch den Vorgarten bis auf die Straße.

»Wir hätten ihr zumindest eine Tasse Tee kochen sollen«, bekannte Robin schuldbewusst, als sie wieder im Land Rover saßen.

»Sie weiß gar nicht, wie viel Glück sie gehabt hat«, munterte Strike sie auf. »Denk nur an die arme nette Alte von nebenan.« Er deutete auf Northfield. »Zu Brei geschlagen nur für ein paar Mäuse.«

»Du glaubst, das war Laing?«

»Natürlich war es Laing, verflucht noch mal«, sagte Strike, während Robin den Motor anließ. »Er hat ihre Bude ausgekundschaftet, während er ihr angeblich geholfen hat. Glaubst du nicht? Und dir ist doch hoffentlich auch aufgefallen, dass er trotz seiner angeblich so schweren Arthritis immer noch in der Lage war, Rasen zu mähen – und alte Frauen niederzuschlagen?«

Hungrig und müde und mit leichten Kopfschmerzen vom kalten Zigarettenrauch nickte Robin. Es war ein deprimierendes Gespräch gewesen, und die Aussicht auf weitere zweieinhalb Stunden Rückfahrt nach London war nicht gerade verlockend.

»Stört es dich, wenn wir gleich heimfahren?«, fragte Strike nach einem Blick auf die Uhr. »Ich habe Elin versprochen, dass ich heute Abend noch vorbeikomme.«

»Kein Problem«, sagte Robin.

Doch ohne recht zu wissen, weswegen – vielleicht aufgrund der Kopfschmerzen, vielleicht auch wegen der einsamen Frau, die in Summerfield zurückgeblieben war, umgeben von ihren Erinnerungen an geliebte Menschen, die sie verlassen hatten –, hätte Robin auf der Stelle wieder losheulen können.

29

I Just Like to Be Bad

Die Leute, mit denen er zusammenarbeitete, wenn er knapp bei Kasse war, und die sich als seine Freunde bezeichneten, waren für ihn mitunter schwer zu ertragen. Ihre hauptberufliche Tätigkeit war Diebstahl, und samstagabends erholten sie sich davon bei einer Hure. Aber sie mochten ihn – den Freund, wie sie glaubten, den Kumpel, einen Ebenbürtigen. Ebenbürtig!

An dem Tag, als man ihren Leichnam gefunden hatte, hätte er sich am liebsten einfach nur ungestört den Zeitungsberichten gewidmet. Die Artikel waren eine anregende Lektüre und erfüllten ihn mit Stolz: Zum ersten Mal hatte er in Ruhe und Frieden getötet, hatte sich die Zeit genommen, alles nach seinen Bedürfnissen zu gestalten. Mit der Sekretärin würde er genauso verfahren. Er wollte sie lebendig genießen, bevor er sie umbrachte.

Der einzige Wermutstropfen war, dass die Briefe nirgends Erwähnung fanden. Sie hätten die Beamten auf Strikes Fährte locken sollen. Warum wurde Strike nicht verhört, warum nahmen sie ihn nicht gründlich in die Mangel, warum wurde sein Name nicht in den Schmutz gezogen, warum wurde gegenüber der tumben Öffentlichkeit nicht angedeutet, er könnte etwas mit der Sache zu tun haben?

Egal. Er bewahrte die seitenlangen Berichte mit den Fotos der Wohnung, in der er sich mit ihr vergnügt hatte, und die Interviews mit diesem Polizeischönling sorgsam auf. Als Andenken – genau wie die Stücke von ihr, die er sich für seine Privatsammlung mitgenommen hatte.

Es durfte von seinem Stolz und seiner Freude nur nichts mitbekommen. Momentan wollte Es behandelt werden wie ein rohes Ei. Es war ganz und gar nicht glücklich. Das Leben verlief nicht so, wie Es es sich vorgestellt hatte, und er musste so tun, als würde er Anteil nehmen, als wäre er besorgt, musste den netten Kerl spielen, weil Es ihm nützlich war: Es beschaffte das Geld und – für den Fall des Falles – auch ein Alibi. Schon einmal war er nur um Haaresbreite davongekommen.

Das war bei seinem zweiten Mord in Milton Keynes gewesen. Wie sonst auch hatte er nach dem Grundsatz gehandelt, nicht im eigenen Revier zu wildern. Er war weder zuvor noch danach noch mal in Milton Keynes gewesen, einer Stadt, mit der ihn rein gar nichts verband. Er hatte ein Auto gestohlen, allein, ohne die Hilfe der anderen. Die gefälschten Nummernschilder hatte er sich schon zuvor besorgt. Dann war er aufs Geratewohl losgefahren. Nach seinem ersten Mord hatte ihm nichts mehr glücken wollen. Mehrfach hatte er Frauen in Pubs und Clubs angesprochen und versucht, sie zu isolieren, doch es schien ihm nicht mehr annähernd so mühelos wie früher zu gelingen. Wahrscheinlich weil er auch nicht mehr so gut aussah wie früher. Andererseits wollte er tunlichst vermeiden, sich ausschließlich auf Prostituierte zu konzentrieren. Wenn er jedes Mal nach demselben Muster vorging, würde die Polizei früher oder später eins und eins zusammenzählen. Einmal hatte er eine angetrunkene Passantin in eine Seitengasse gelockt. Noch bevor er das Messer hatte zücken können, war eine Horde kichernder Teenies aufgetaucht, er hatte stante pede die Flucht ergriffen und nie wieder versucht, eine Frau allein mit seinem Charme zu bezirzen. Inzwischen half nur mehr blanke Gewalt.

Stundenlang war er mit wachsender Frustration durch Milton Keynes gefahren; weit und breit war kein Opfer in Sicht. Erst zehn Minuten vor Mitternacht, als er bereits kurz davor war aufzugeben und sich einfach wieder eine Nutte vorzunehmen, sah er sie: eine kurzhaarige Brünette in Jeans, die sich mitten auf einer Verkehrsinsel mit ihrem Freund stritt. Er fuhr an ihnen vorbei, beobachtete die beiden im Rückspiegel. Sie stürmte davon, wie trunken vor Zorn und Tränen. Der wütende Mann, den sie hatte stehen lassen, rief ihr noch irgendetwas nach und taumelte dann mit einer abfälligen Geste in die andere Richtung davon.

Er wendete und fuhr auf sie zu. Sie schluchzte beim Gehen und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.

Er ließ das Seitenfenster herunter.

»Kann ich Ihnen helfen?«

»Verpiss dich!«

Sie besiegelte ihr Schicksal, indem sie sich ins Gebüsch am Straßenrand schlug, um seinem langsam nebenherfahrenden Wagen zu entkommen. Nur hundert Meter weiter, und sie hätte einen bestens beleuchteten Straßenabschnitt erreicht.

So musste er einfach nur anhalten und die Sturmhaube überziehen. Mit gezücktem Messer stieg er aus und schlenderte zu dem Gebüsch zurück, in dem sie verschwunden war. Er hörte, wie sie versuchte, sich aus dem Dickicht zu befreien, das die Stadtplaner zur Verschönerung der breiten zweispurigen Asphaltstraße angelegt hatten. Hier gab es keine Straßenbeleuchtung. Im finsteren Gestrüpp war er für die vorbeifahrenden Verkehrsteilnehmer unsichtbar. Sobald sie sich aus dem Gebüsch gekämpft hatte, stand er vor ihr und zwang sie mit vorgehaltener Klinge wieder hinein.

Erst nach einer Stunde ließ er von dem Leichnam ab. Er hatte die Ohrringe aus ihren Ohrläppchen gerissen und anschließend die Klinge so fulminant geschwungen, dass buchstäblich die Fetzen geflogen waren. Danach wartete er auf eine Lücke im Verkehr und lief im Schutz der Dunkelheit keuchend zu dem gestohlenen Wagen zurück, die Sturmhaube immer noch auf dem Kopf.

Als er losfuhr, war jede Faser seines Körpers satt und zufrieden und seine Taschen vollkommen durchnässt. Allmählich lichtete sich der Nebel.

Beim ersten Mord hatte er den Dienstwagen genommen, den er danach unter den Blicken seiner Kollegen gründlich gereinigt hatte. Diesmal jedoch war seine DNA überall in dem gestohlenen Auto verteilt. Das Blut würde er aus dem Stoffbezug der Sitze ganz sicher nicht herausbekommen. Was tun? Zum ersten und einzigen Mal war er kurz davor, in Panik zu geraten.

Er fuhr meilenweit nach Norden und stellte das Auto schließlich auf einem einsamen Acker weitab der Straße und fern von allen Gebäuden ab. Zitternd vor Kälte schraubte er die falschen Nummernschilder ab, tränkte eine Socke mit Benzin aus dem Tank, warf sie auf den blutigen Vordersitz und zündete sie an. Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Wagen richtig Feuer fing. Mehrmals musste er nachhelfen. Endlich, gegen drei Uhr morgens, explodierte das Auto – ein Schauspiel, das er im Schutz der Bäume fröstelnd beobachtete. Dann lief er los.

Damals war es Winter, daher erregte seine Sturmhaube nicht allzu viel Aufsehen. Er verbuddelte die Nummernschilder in einem Wäldchen und lief dann mit gesenktem Kopf weiter, die Hände fest um die heiß geliebten Souvenirs in seiner Tasche geschlossen. Sie ebenfalls zu vergraben hatte er nicht übers Herz gebracht. Vor dem Einsteigen schmierte er sich Schlamm über die Blutflecken auf seiner Hose, im Zug behielt er die Sturmhaube an und spielte in einer Ecke des Abteils den Betrunkenen, damit die anderen Fahrgäste sich von ihm fernhielten. Gemurmelte Selbstgespräche und das Vortäuschen unberechenbaren Wahnsinns schirmten ihn wie eine unsichtbare Barriere vor seinen Mitmenschen ab.

Als er zu Hause ankam, hatten sie den Leichnam bereits gefunden. Mit einem Fertiggericht auf dem Schoß machte er es sich vor dem Fernseher gemütlich. Auch das ausgebrannte Auto war entdeckt worden. Die Nummernschilder nicht. Der Mann, mit dem sie sich gestritten hatte, wurde verhaftet, angeklagt und trotz der schwachen Beweislage verurteilt – ein weiterer unwiderlegbarer Beweis für den Schutz und Segen, den ihm der Kosmos hatte zuteilwerden lassen. Bei dem Gedanken daran, dass dieses Arschgesicht unschuldig hinter Gittern gelandet war, musste er noch heute schmunzeln …

Trotzdem – jene stundenlange Zugfahrt durch die Nacht, auf der ihm jede Polizeikontrolle, jede Aufforderung, die Taschen zu leeren, jeder Blick eines aufmerksamen Fahrgasts auf das getrocknete Blut an seiner Kleidung zum Verhängnis hätte werden können, hatte ihm eine wichtige Lektion erteilt: Alles musste bis ins Detail geplant werden. Man durfte nichts dem Zufall überlassen. Und genau deshalb musste er auch noch einmal das Haus verlassen: um sich Wick VapoRub zu besorgen. Dieser bescheuerte neue Plan, den Es sich ausgedacht hatte, durfte unter keinen Umständen seinen eigenen durchkreuzen.

30

I am gripped, by what I cannot tell …

BLUE ÖYSTER CULT, »LIPS IN THE HILLS«

Strike hatte sich längst an den abrupten Wechsel zwischen hektischer Aktivität und erzwungener Passivität gewöhnt, den sein Beruf mit sich brachte. Und doch verspürte er an dem Wochenende, das auf ihre Rundreise nach Barrow, Market Harborough und Corby folgte, eine merkwürdige Anspannung.

Die stufenweise Gewöhnung an das Zivilistenleben hatte in den vergangenen Jahren gewisse Unannehmlichkeiten aufgeworfen, vor denen ihn das Militär bewahrt hatte. So rief ihn beispielsweise seine Halbschwester Lucy – die Einzige seiner Geschwister, mit der er seine Kindheit verbracht hatte – früh am Sonntagmorgen an, um ihn darauf hinzuweisen, dass er immer noch nicht auf die Einladung zur Geburtstagsfeier seines mittleren Neffen geantwortet hatte. Er behauptete, auf Reisen und daher nicht in der Lage gewesen zu sein, seine E-Mails abzurufen, aber sie hörte nicht mal zu.

»Du bist Jacks großer Held«, sagte sie. »Er würde sich so freuen, wenn du kommst.«

»Tut mir leid, Lucy«, sagte Strike. »Ich kann nicht. Ich schick ihm ein Geschenk.«

Wäre Strike noch bei der SIB gewesen, hätte Lucy nicht gewagt, ihn auf diese Weise emotional zu erpressen. Damals, als er noch um die halbe Welt gereist war, hatte er lästigen Familienverpflichtungen mühelos entkommen können. Für Lucy war er ein unentbehrlicher Teil jener gewaltigen, unerbittlichen Maschinerie namens Militär gewesen. Da er sich indes durch keines der Schreckensbilder erweichen ließ, die Lucy mit blumigen Worten von seinem einsam am Gartentor stehenden und verzweifelt nach Onkel Cormoran Ausschau haltenden achtjährigen Neffen heraufbeschwor, gab sie schließlich auf und erkundigte sich stattdessen, welche Fortschritte die Jagd nach dem Überbringer des Beins machte. Nach ihrem Tonfall zu urteilen hielt sie es für ziemlich ehrenrührig, einen Körperteil zugeschickt zu bekommen. Strike, der das Gespräch so schnell wie möglich beenden wollte, versicherte ihr nicht ganz wahrheitsgemäß, dass er den Fall allein der Polizei überließ.

Sosehr Strike seine jüngere Schwester auch mochte – ihr Verhältnis beruhte beinahe vollständig auf gemeinsamen, großteils traumatischen Erinnerungen. Daher zog er Lucy nur ins Vertrauen, wenn ihm die äußeren Umstände keine andere Wahl mehr ließen – aus dem einfachen Grund, weil derlei Beichten normalerweise Angst und Schrecken bei ihr auslösten. Lucy hatte nie einen Hehl aus ihrer Enttäuschung gemacht, dass er mit siebenunddreißig Jahren immer noch nichts von alledem erreicht hatte, was ihrer Meinung nach für sein Glück unerlässlich war: geregelte Arbeitszeiten, mehr Geld, Frau und Kinder.

Als er sie endlich los war, machte Strike sich den dritten Tee des Morgens und zog sich mit einem Stapel Zeitungen ins Bett zurück. Von mehreren Titelseiten lächelte ihm MORDOPFER KELSEY PLATT in einer marineblauen Schuluniform und mit pickligem Gesicht entgegen.

Nur mit Boxershorts bekleidet – sein haariger Bauch war durch das viele Fast Food und die Schokoriegel, die in den vergangenen Wochen darin verschwunden waren, nicht unbedingt kleiner geworden –, verschlang Strike beim Zeitunglesen eine Packung Rich-Tea-Kekse. Da in den Artikeln nichts stand, was er nicht ohnehin schon gewusst hätte, blätterte er weiter zu den Vorberichten über das für morgen angesetzte Spiel Arsenal gegen Liverpool.

Dann klingelte das Handy. Strike war sich seiner Anspannung gar nicht bewusst gewesen. Er antwortete so prompt, dass Wardle einen Schreck bekam.

»Wow, das ging ja schnell! Saßen Sie etwa auf dem Ding?«

»Was gibt’s, Wardle?«

»Wir waren gerade bei Kelseys Schwester – einer Krankenpflegerin namens Hazel. Wir haben sie gefragt, mit wem Kelsey sich regelmäßig getroffen hat. Außerdem haben wir Kelseys Zimmer durchsucht und ihren Laptop mitgenommen. Sie hat sich in irgend so einem Internetforum für Leute, die sich Körperteile abhacken wollen, nach Ihnen erkundigt.«

Strike sah an die Decke und wartete ab.

»Zwei Personen, die über dieses Forum Kontakt mit ihr hatten, konnten wir identifizieren. Bis Montag hab ich sicher Fotos. Wo kann ich Sie dann erreichen?«

»Hier, im Büro.«

»Der Freund der Schwester – ein ehemaliger Feuerwehrmann – hat ausgesagt, dass Kelsey ständig Geschichten über Unfälle hören wollte. Leute, die in einstürzenden Gebäuden eingeklemmt wurden, Auffahrunfälle, solche Sachen. Wie’s aussieht, wollte sie allen Ernstes ihr Bein loswerden.«

»Unglaublich«, murmelte Strike.

Nach dem Gespräch mit Wardle konnte Strike sich nicht länger auf die voraussichtliche Mannschaftsaufstellung von Arsenal konzentrieren. Nach wenigen Minuten stellte er seine Bemühungen ein, Interesse für Arsène Wenger und seinen Beraterstab aufzubringen, starrte wieder die Risse in der Decke an und spielte nachdenklich mit dem Handy.

Die überwältigende Erleichterung darüber, dass es nicht Brittany Brockbanks Bein gewesen war, hatte ihn blind für das eigentliche Opfer gemacht. Erst jetzt kreisten seine Gedanken um Kelsey und den Brief, den sie ihm geschickt und den er nicht einmal gelesen hatte.

Allein die Vorstellung, dass jemand eine Amputation herbeisehnte, widerte Strike an. Unablässig drehte er das Handy in der Hand und versuchte, sich ein Bild von Kelsey zu machen, das über den bloßen Namen und die damit einhergehende Mischung aus Mitleid und Abscheu hinausging. Die Sechzehnjährige war nicht besonders gut mit ihrer Schwester ausgekommen; sie hatte sich zur Erzieherin ausbilden lassen wollen … Strike griff nach seinem Notizblock. Freund am Berufskolleg?, schrieb er, und: Dozent? Sie hatte in einem Internetforum Erkundigungen über Strike eingeholt. Nur … weshalb? Wie in aller Welt war sie auf die Idee gekommen, dass er sich willentlich das eigene Bein amputiert hätte? Hatten die vielen Zeitungsartikel über ihn etwas mit dieser fixen Idee zu tun?

Geisteskrankheit? Wahnvorstellungen?, notierte er.

Wardle überprüfte derzeit ihre Online-Bekanntschaften. Strike hielt mit dem Stift in der Hand inne. Seine Gedanken wanderten wieder zu Kelseys Kopf in der Tiefkühltruhe. Die Hamsterbäckchen, die mit Frost überzogenen Augen, der Babyspeck – das alles hatte von vornherein nicht zu einer Vierundzwanzigjährigen gepasst. Sie hatte ja noch nicht einmal wie sechzehn ausgesehen.

Strike ließ den Stift fallen, drehte weiter das Handy in der linken Hand und dachte nach …

War Brockbank ein »fixierter« Pädophiler, wie es ein Psychologe mal genannt hatte, den Strike während der Ermittlungen in einem Vergewaltigungsfall in der Army kennengelernt hatte? Galt sein sexuelles Interesse primär Kindern? Oder gehörte er zum sogenannten regressiven Typ, der sich nur deshalb junge Mädchen aussuchte, weil man an die besser herankam und sie leichter einschüchtern konnte, der aber grundsätzlich ein breiter angelegtes Beuteschema hatte, solange seine Opfer nur einfach zu greifen waren? Kurz gesagt: War eine kindlich aussehende Sechzehnjährige zu alt für Brockbanks Geschmack oder würde er jedes weibliche Wesen missbrauchen, wenn sich die entsprechende Chance auftäte? Einmal hatte Strike es mit einem neunzehnjährigen Soldaten zu tun gehabt, der sich an einer Siebenundsechzigjährigen hatte vergehen wollen. Für bestimmte Männer mit gewalttätigen sexuellen Neigungen war nichts weiter nötig als eine günstige Gelegenheit.

Noch hatte Strike Brockbanks Nummer, die er von Ingrid erhalten hatte, nicht angerufen. Der Detektiv richtete seine dunklen Augen auf den vom schwachen Sonnenlicht erhellten Himmel hinter dem winzigen Fenster. Hätte er Wardle die Nummer geben müssen? Am besten, er rief auf der Stelle an.

Doch noch während er durch die Kontaktliste seines Handys scrollte, überlegte er es sich anders. Was hatte es ihm bislang gebracht, Wardle seine Theorien zu unterbreiten? Nichts. Der Mann saß vermutlich gerade in der Einsatzzentrale, sichtete Spuren, verfolgte seine eigenen Ermittlungsansätze und schenkte Strike – soweit es der Privatdetektiv beurteilen konnte – in etwa so viel Glauben wie jedem anderen Dahergelaufenen mit einem vagen, nicht beweisbaren Verdacht. Allein schon dass es Wardle bei all seinen Ressourcen bis dato nicht gelungen war, Brockbank, Laing oder Whittaker aufzuspüren, ließ doch darauf schließen, dass er den drei Verdächtigen keine allzu hohe Priorität einräumte.

Nein, wenn Strike Brockbank finden wollte, musste er wohl oder übel auf die Tarnidentität zurückgreifen, die sich Robin hatte einfallen lassen: die Fachanwältin für Schadensersatzrecht, die ehemalige Militärangehörige vertrat. Die Geschichte, die sie Brockbanks Schwester in Barrow erzählt hatte, war so wasserdicht, dass sie sich auch bei anderen Gelegenheiten als nützlich erweisen könnte. Warum also nicht Robin jetzt gleich Brockbanks Nummer geben? Strike setzte sich im Bett auf. Momentan saß sie doch ohnehin allein in ihrer Wohnung in Ealing. Matthew war in Masham. Er würde sie anrufen und …

Oh nein, das lässt du schön bleiben.

Er stellte sich vor, wie er Robin im Tottenham traf. Wohin der Anruf führen könnte. Sie würden den Fall bei einem Drink besprechen, natürlich ganz ohne jeden Hintergedanken …

An einem Samstagabend? Na klar.

Strike sprang so plötzlich auf, als stünde das Bett in Flammen, zog sich an und marschierte zum Supermarkt.

Als er auf dem Rückweg mit prall gefüllten Plastiktüten in den Händen in die Denmark Street einbog, meinte er den Kriminalbeamten zu erkennen, der auf Wardles Befehl hin in der Umgebung nach großen Männern mit Beanie Ausschau hielt. Der junge Mann in seiner Donkeyjacke schien nervös zu sein; sein Blick blieb ein wenig zu lange an dem Detektiv haften, als der mit pendelnden Einkaufstaschen an ihm vorüberging.

Geraume Zeit später – Strike hatte bereits ein einsames Abendessen in seiner Wohnung zu sich genommen – rief Elin an. Wie üblich war der Samstagabend für ein Treffen tabu: Im Hintergrund war die spielende Tochter zu hören. Strike und Elin waren ohnehin für Sonntag zum Essen verabredet, doch nun fragte sie ihn, ob sie sich vielleicht ein bisschen früher treffen wollten. Ihr Mann setzte derzeit alle Hebel in Bewegung, um die teure Wohnung in der Clarence Terrace so schnell wie möglich zu verkaufen, weshalb sie sich nach einer neuen Bleibe umsehen musste.

»Kommst du mit zur Besichtigung?«, fragte sie. »Ich hab morgen um zwei Uhr einen Termin in der Musterwohnung.«

Wie er wusste oder zu wissen glaubte, entsprang diese Einladung mitnichten der verzweifelten Hoffnung, er würde irgendwann bei ihr einziehen. Immerhin waren sie gerade erst seit drei Monaten liiert. Nein, es lag einfach in Elins Natur, so oft wie irgend möglich in Gesellschaft zu sein. Die Aura der selbstgenügsamen Unabhängigkeit, die sie ausstrahlte, war trügerisch. Strike hätte sie womöglich niemals kennengelernt, hätte sie nicht einer Party mit ihr unbekannten Kollegen und Freunden ihres Bruders den Vorzug vor einigen wenigen allein verbrachten Stunden gegeben. An einem gesunden Sozialleben war selbstverständlich nichts auszusetzen. Andererseits hatte Strike über ein Jahr gebraucht, um sich in seinem Leben einzurichten, und sich dabei bestimmte Angewohnheiten angeeignet, die nur schwer abzulegen waren.

»Geht nicht«, sagte er. »Tut mir leid. Ich muss bis drei Uhr arbeiten.«

Sie akzeptierte diese überzeugend vorgebrachte Lüge anstandslos, und sie kamen überein, sich wie vereinbart am Sonntagabend im Bistro zu treffen. Damit blieb ihm noch genügend Zeit, um sich vorher in aller Ruhe das Arsenal-Spiel anzusehen.

Nachdem er aufgelegt hatte, musste er erneut an Robin denken, die allein in der Wohnung saß, die sie sich mit Matthew teilte. Er griff nach einer Zigarette, schaltete den Fernseher ein und ließ sich aufs Kissen zurückfallen.

Unterdessen verbrachte Robin ein merkwürdiges Wochenende. Fest entschlossen, nicht in Schwermut zu verfallen, nur weil sie allein und Strike bei Elin war (wo bitte kam das jetzt her? Natürlich war er bei Elin – und außerdem ging es sie gar nichts an, wie er sein Wochenende gestaltete), verbrachte sie Stunden vor dem Laptop und verfolgte verbissen sowohl eine alte als auch eine neue Spur.

Am späten Samstagabend machte sie eine Entdeckung, die zu einem Freudentänzchen durch das kleine Wohnzimmer führte. Um ein Haar hätte sie Strike angerufen. Erst nach mehreren Minuten schlug ihr Herz langsamer, und sie konnte wieder normal atmen. Kurzerhand beschloss sie, bis Montag zu warten. Es würde unendlich viel befriedigender sein, ihm die Neuigkeit von Angesicht zu Angesicht zu unterbreiten.

Auch ihre Mutter wusste, dass Robin am Wochenende allein war. Sie rief zweimal an, um zu fragen, wann sie denn nun nach London kommen solle.

»Keine Ahnung, Mum. Im Moment nicht«, antwortete Robin am Sonntagmorgen mit einem Seufzer. Sie saß im Pyjama auf dem Sofa und versuchte, sich auf die Online-Konversation zu konzentrieren, die sie mittels ihres aufgeklappten Laptops mit einem Teilnehmer aus dem BIID-Forum führte, der sich <<Δēvōŧėė>> nannte. Den Anruf ihrer Mutter hatte sie nur entgegengenommen, damit diese nicht auf die Idee kam, ihr einen Überraschungsbesuch abzustatten.

<<Δēvōŧėė>>: Und wo willst du dich amputieren lassen?

TransHopeful: Oberschenkelmitte

<<Δēvōŧėė>>: Beide Beine?

»Und morgen?«, fragte Linda.

»Nein«, entgegnete Robin wie aus der Pistole geschossen. Sie beherrschte die Kunst der überzeugenden Lüge ebenso gut wie Strike. »Ich stecke mitten in einem Fall. Nächste Woche passt mir besser.«

TransHopeful: Ja, beide. Kennst du jemanden, der das geschafft hat?

<<Δēvōŧėė>>: Kann ich hier im MSJ-Forum nicht verraten. Wo wohnst du?

»Ich hab ihn nicht gesehen«, sagte Linda. »Robin, hab ich da etwa ein Tippen gehört?«

»Nein«, log Robin abermals. Ihre Finger schwebten jetzt einige Zentimeter über der Tastatur. »Wen hast du nicht gesehen?«

»Na, Matthew natürlich!«

»Ach so. Nein, ich hätte auch nicht erwartet, dass er bei euch vorbeischaut.«

Sie versuchte, etwas leiser zu tippen.

TransHopeful: London

<<Δēvōŧėė>>: Ich auch. Schickst du mir ein Foto?

»Wart ihr bei Mr. Cunliffes Geburtstagsfeier?«, fragte sie, um das Klappern der Tastatur zu übertönen.

»Selbstverständlich nicht!«, sagte Linda. »Na ja, gib mir einfach Bescheid, wann es dir nächste Woche passt, damit ich mir rechtzeitig ein Ticket kaufen kann. An Ostern sind die Züge bestimmt hoffnungslos überfüllt.«

Robin versprach es ihr und erwiderte den überschwänglichen Abschiedsgruß, bevor sie sich wieder voll und ganz <<Δēvōŧėė>> widmete. Nachdem sie seine Bitte nach einem Foto abgelehnt hatte (sie war sich beinahe hundertprozentig sicher, dass <<Δēvōŧėė>> männlich war), verlor dieser zu ihrem Bedauern das Interesse an ihrer Unterhaltung und verstummte.

Matthew kehrte nicht wie erwartet am Sonntagabend aus Masham zurück. Gegen zwanzig Uhr blickte Robin auf den Kalender in der Küche. Natürlich, er hatte ja den Montag freinehmen wollen. Vermutlich hatte sie ihm damals bei der Planung versprochen, Strike ebenfalls um einen Urlaubstag zu bitten. Zum Glück hatten sie Schluss gemacht, dachte Robin trotzig. So blieb ihr ein weiterer Streit um ihre Arbeitszeiten erspart.

Später, im Schlafzimmer, weinte sie trotzdem. Der Raum war mit Erinnerungsstücken an ihre gemeinsame Vergangenheit vollgestopft: der Plüschelefant, den Matthew ihr mit hochrotem Kopf anlässlich ihres ersten Valentinstags als Paar überreicht hatte. Damals war er noch nicht halb so selbstsicher gewesen. Eine Schmuckschatulle – ein Geschenk zum einundzwanzigsten Geburtstag. Fotos des strahlenden Pärchens im Urlaub in Spanien und Griechenland; herausgeputzt für die Hochzeit von Matthews Schwester. Das größte Bild von allen zeigte sie Arm in Arm bei Matthews Abschlussfeier. Er trug den traditionellen Unitalar. Robin stand in einem Sommerkleid neben ihm, lächelte strahlend und feierte etwas, worum sie selbst von einem Mann mit einer Gorillamaske gebracht worden war.

31

Nighttime flowers, evening roses,

Bless this garden that never closes.

BLUE ÖYSTER CULT, »TENDERLOIN«

Tags darauf besserte sich Robins Laune schlagartig, als sie aus dem Haus trat und von einem prächtigen Frühlingsmorgen begrüßt wurde. Während der U-Bahn-Fahrt zur Tottenham Court Road hielt sie auch diesmal die Augen offen, doch ein großer Mann mit Beanie war weit und breit nirgends zu sehen. Dafür kam sie nicht umhin, die allenthalben wachsende Vorfreude auf die königliche Hochzeit zur Kenntnis zu nehmen, die von den Medien nach Kräften geschürt wurde: Kate Middleton prangte auf den Titelseiten praktisch jeder Zeitung, die die Pendler um sie herum lasen. Robin wurde sich einmal mehr der empfindlichen, nackten Stelle an ihrem Finger bewusst, wo über ein Jahr lang ein Verlobungsring gesteckt hatte. Doch selbst das konnte ihr den Morgen nicht verderben – zu aufregend war der Gedanke, Strike die Früchte ihrer Ermittlungsarbeit präsentieren zu können.

Sie hatte gerade die Haltestelle Tottenham Court Road hinter sich gelassen, als jemand nach ihr rief. Für den Bruchteil einer Sekunde befürchtete sie, hinterrücks von Matthew überrascht zu werden. Dann entdeckte sie Strike, der sich mit einem Rucksack auf der Schulter durch die Menge schob. Anscheinend hatte er die Nacht bei Elin verbracht.

»Guten Morgen. Schönes Wochenende gehabt?«, fragte er und korrigierte sich, noch ehe sie antworten konnte: »Entschuldige. Es war wohl nicht schön, nehme ich an …«

»Ach, teilweise schon«, erwiderte Robin, während sie sich an den unvermeidlichen Absperrungen und Baugruben vorbeischlängelten.

»Was hast du herausgefunden?«, rief Strike über das penetrante Rattern der Presslufthämmer hinweg.

»Wie bitte?«, rief sie zurück.

»Was … hast … du … herausgefunden?«

»Woher weißt du, dass ich etwas herausgefunden habe?«

»Das sieht man dir an der Nasenspitze an«, sagte er. »So guckst du immer, wenn du es kaum erwarten kannst, mir etwas zu erzählen.«

Sie grinste. »Ich zeig’s dir gleich, aber dazu brauche ich einen Computer.«

Sie bogen in die Denmark Street ein. Vor dem Büro stand ein schwarz gekleideter Mann mit einem riesigen Strauß roter Rosen in der Hand.

»Ach du Scheiße«, flüsterte Robin.

Dann legte sich die Panik wieder: Ihr Verstand hatte den Blumenstrauß kurzzeitig ausgeblendet, sodass sie nur den Mann in Schwarz vor sich gesehen hatte. Beim Näherkommen dämmerte es ihr, dass es sich nicht um den verhängnisvollen Kurier, sondern um einen langhaarigen Blumenboten von Interflora handelte. Und einen Helm trug er auch nicht. Strike bezweifelte, dass der junge Mann je einer weniger begeisterten Empfängerin fünfzig rote Rosen überreicht hatte.

»Das hat ihm sein Vater eingeredet«, knurrte Robin. Strike hielt ihr die Tür auf, und Robin stürmte hinein, wobei sie den Strauß unsanft hin und her schwenkte. »›Alle Frauen mögen Rosen‹, hat er bestimmt gesagt. Als bräuchte es nur einen blöden Blumenstrauß, damit sich alles wieder einrenkt!«

Strike folgte ihr die Metalltreppe hinauf, wobei er sorgfältig darauf achtete, seine Belustigung zu verbergen, und schloss dann die Bürotür auf. Robin rauschte zu ihrem Schreibtisch und stellte die Blumen achtlos darauf ab. Die Rosen rutschten in dem mit einer Schleife versehenen und mit grünlichem Wasser gefüllten Kunststoffbehälter durcheinander. Die beiliegende Grußkarte wollte sie in Strikes Gegenwart nicht öffnen.

»Also?«, fragte er und hängte seinen Rucksack an den Haken hinter der Tür. »Was hast du herausgefunden?«

Doch bevor Robin antworten konnte, klopfte es. Anhand des dichten, welligen Haars und der Lederjacke war Wardles Silhouette selbst durch das Milchglas unverkennbar.

»Ich war gerade in der Gegend. Ich bin ein bisschen früh dran, was? Der Typ von unten hat mich reingelassen.«

Wardles Blick wanderte zu den Rosen auf Robins Schreibtisch.

»Geburtstag?«

»Nein«, antwortete sie knapp. »Möchte jemand Kaffee?«

»Lass mich das machen«, sagte Strike. »Wardle will uns etwas zeigen«, fügte er auf dem Weg zum Wasserkocher hinzu.

Robin rutschte das Herz in die Hose: Würde ihr der Kriminalbeamte zuvorkommen? Warum hatte sie Strike nicht gleich am Samstagabend angerufen?

Wardle ließ sich auf dem Kunstledersofa nieder, das jedes Mal laute Furzgeräusche von sich gab, wenn es mit einem gewissen Gewicht belastet wurde. Verlegen rutschte der Polizist darauf herum. Dann schlug er eine Aktenmappe auf.

»Kelsey war in einem Internetforum für Amputationswillige aktiv«, teilte er Robin mit.

Robin setzte sich auf ihren Stuhl hinter dem Schreibtisch. Die Rosen verstellten ihr die Sicht auf den Polizeibeamten; verärgert hob sie den Behälter hoch und beförderte ihn auf den Boden.

»Und dort hat sie auch Strike erwähnt«, fuhr Wardle fort. »Sie hat sich umgehört, ob jemand etwas über ihn weiß.«

»Unter dem Namen Nowheretoturn?«, fragte Robin betont beiläufig. Wardle blickte überrascht auf, und Strike drehte sich mit einem Kaffeelöffel in der Hand zu ihr um.

»Stimmt genau«, sagte der verwirrte Kriminalbeamte. »Woher wissen Sie das?«

»Ich habe mich am Wochenende mal in diesem Forum umgesehen«, erklärte Robin. »Ich hab vermutet, dass Nowheretoturn das Mädchen war, das den Brief geschrieben hatte.«

»Donnerwetter«, sagte Wardle und sah erst Robin, dann Strike an. »Jemanden wie Sie könnten wir bei uns gut brauchen.«

»Sie hat schon einen Job«, meinte Strike. »Und weiter? Was hat Kelsey denn nun in diesem Forum geschrieben?«

»Sie hat mit zwei weiteren Mitgliedern E-Mail-Adressen ausgetauscht. Viel mehr wissen wir noch nicht, aber wir versuchen herauszufinden, ob sie die beiden auch getroffen hat – also, im echten Leben, meine ich.«

Schon komisch, dachte Strike. Diesen Ausdruck hatte man früher benutzt, um den nüchternen Alltagstrott der Erwachsenen von kindlichen Fantasiewelten abzugrenzen. Inzwischen bezeichnete man so Aktivitäten, die außerhalb des Cyberspace stattfanden. Er reichte Wardle und Robin ihre Kaffeebecher, dann ging er hinüber in sein Büro, um sich einen Stuhl zu holen, damit er sich nicht neben Wardle auf das furzende Sofa setzen musste.

Als er wiederkam, zeigte der Kriminalbeamte Robin gerade Ausdrucke der Facebook-Seiten der beiden Personen.

Sie sah sie sich aufmerksam an, dann gab sie sie an Strike weiter. Auf einem Ausdruck war eine übergewichtige junge Frau mit blassem Mondgesicht, Pagenkopf und Brille zu sehen, auf dem anderen ein blonder Mann in den Zwanzigern mit stark asymmetrischen Augen.

»Sie bloggt lang und breit darüber, dass sie ›transabled‹ ist, was immer das verdammt noch mal bedeuten soll. Er sucht in allen möglichen Foren nach jemandem, der ihm dabei hilft, sich irgendwelche Körperteile abzuhacken. Beide haben definitiv eine Schraube locker, wenn Sie mich fragen – und zwar gewaltig. Erkennen Sie einen davon wieder?«

Strike und Robin schüttelten den Kopf. Wardle seufzte und nahm die Ausdrucke wieder an sich.

»Na ja, einen Versuch war’s wert.«

»Hat sie noch andere Männer getroffen? Mitschüler oder Dozenten?«, fragte Strike, dem seine Überlegungen von Samstag wieder in den Sinn kamen.

»Tja, der Schwester zufolge hat Kelsey behauptet, etwas mit einem geheimnisvollen Typen zu haben, den allerdings niemand je kennenlernen durfte. Hazel glaubt nicht, dass es ihn tatsächlich gegeben hat. Wir haben mit mehreren Mitschülern gesprochen, und von denen hat nie jemand einen Freund zu Gesicht bekommen. Wir prüfen das noch nach. Aber apropos Hazel …« Wardle nahm einen Schluck Kaffee, bevor er fortfuhr: »Ich soll Ihnen ausrichten, dass sie Sie gerne treffen würde.«

»Mich?«, fragte Strike überrascht. »Und weshalb?«

»Keine Ahnung«, antwortete Wardle. »Ich glaube, sie will sich jedem gegenüber rechtfertigen, der mit der Sache zu tun hat. Hazel ist mit den Nerven ziemlich am Ende.«

»Sich rechtfertigen?«

»Sie hat ein schlechtes Gewissen, weil sie diese Amputationsgeschichte als einen abstrusen Schrei nach Aufmerksamkeit abgetan hat. Nur deshalb, glaubt sie, hat Kelsey sich woanders nach Hilfe umgesehen.«

»Aber sie weiß doch, dass ich nicht zurückgeschrieben habe? Dass wir nie wirklich Kontakt miteinander hatten?«

»Ja, ja, das hab ich ihr gesagt. Sie will trotzdem mit Ihnen reden. Was weiß ich«, sagte Wardle fast schon ungeduldig. »Immerhin haben Sie das Bein ihrer Schwester zugeschickt bekommen – sie steht unter Schock, Sie wissen ja, wie die Leute da reagieren.« Ein schneidender Ton schlich sich in Wardles Stimme. »Vielleicht glaubt sie auch, dass der große Meisterdetektiv Erfolg haben könnte, wo die Polizei mal wieder versagt.«

Robin und Strike konnten nur mit Mühe vermeiden, einander vielsagende Blicke zuzuwerfen.

»Vielleicht haben wir Hazel auch ein bisschen zu hart rangenommen«, gestand Wardle zerknirscht. »Wie unsere Leute ihren Lebensgefährten verhört haben, hat ihr nicht sonderlich gefallen. Da hat sie dichtgemacht. Womöglich behagt ihr die Vorstellung ja besser, dass sich ein Detektiv um sie kümmert, der schon einmal einen armen Unschuldigen vor dem Gefängnis bewahrt hat.«

Strike ignorierte geflissentlich den anklagenden Unterton.

»Wir mussten diesen Kerl vernehmen, der bei ihr wohnt«, fügte Wardle zu Robins Verständnis hinzu. »Vorschrift.«

»Ja«, sagte Robin. »Natürlich.«

»Und außer dem Lebensgefährten der Schwester und diesem mysteriösen Freund gab es keine Männer in ihrem Umfeld?«

»Sie war bei einem Therapeuten, einem dürren fünfzigjährigen Schwarzen. Aber der war an dem Wochenende, als sie ermordet wurde, bei Verwandten in Bristol. Und dann wäre da noch ein Kerl namens Darrell, der eine Jugendgruppe in der Kirche leitet«, sagte Wardle. »Ein Fettsack mit Latzhose, der sich bei der Vernehmung die Augen ausgeheult hat. Er war am fraglichen Sonntag nachweislich in der Gemeinde. Bisher wissen wir nicht viel über ihn, aber mit einem Hackebeil kann ich ihn mir nur schwer vorstellen. Sonst fällt mir keiner ein. In ihrer Klasse sind fast nur Mädchen.«

»Und in der Jugendgruppe?«

»Auch. Der älteste Junge dort ist vierzehn.«

»Und was würde die Polizei dazu sagen, wenn ich Hazel einen Besuch abstattete?«, fragte Strike.

»Wir können Sie nicht daran hindern«, entgegnete Wardle schulterzuckend. »Von mir aus gerne. Vorausgesetzt, dass Sie mir Bescheid geben, falls Sie was Wichtiges erfahren. Was ich allerdings bezweifle. Wir haben jeden aus Kelseys Umkreis verhört, wir haben ihr Zimmer durchsucht und ihren Laptop mitgenommen. Meiner Ansicht nach weiß niemand was. Alle dachten, sie würde ein Berufspraktikum machen.«

Nachdem er sich für den Kaffee bedankt und Robin ein besonders herzliches, aber kaum erwidertes Lächeln geschenkt hatte, trollte sich Wardle wieder.

»Kein Sterbenswörtchen über Brockbank, Laing oder Whittaker«, murrte Strike, sobald Wardles klappernde Schritte auf der Treppe verstummt waren. »Und dass du dich im Netz rumgetrieben hast, ist mir auch neu«, fügte er an Robin gewandt hinzu.

»Ich konnte ja nicht beweisen, dass Nowheretoturn den Brief geschickt hat«, sagte Robin. »Ich hab lediglich vermutet, dass Kelsey online Hilfe gesucht hat.«

Strike stand auf, nahm Robins Becher vom Schreibtisch und ging zur Tür.

»Willst du denn gar nicht wissen, was ich herausgefunden habe?«, fragte sie leicht verärgert.

Er drehte sich überrascht um. »Was, noch mehr?«

»Ja.«

»Und zwar?«

»Ich glaube, ich habe Donald Laing gefunden.«

Mit den Bechern in den Händen starrte Strike sie verblüfft an.

»Du hast – was? Wie?«

Robin schaltete den Computer ein, winkte Strike zu sich und tippte sofort drauflos. Er umrundete den Schreibtisch und sah ihr über die Schulter.

»Erst mal musste ich nachsehen, wie man Psoriasisarthritis schreibt«, sagte sie. »Und dann … voilà!«

Sie holte eine JustGiving-Spendenaufrufseite auf den Bildschirm. Aus dem kleinen Foto am oberen Rand starrte ihnen ein finster dreinblickender Mann entgegen.

»Verdammte Scheiße, das ist er!«, rief Strike so laut, dass Robin zusammenzuckte. Hastig stellte er die Becher ab und zerrte seinen Stuhl hinter den Schreibtisch. Der Rosenstrauß kippte um.

»Mist … entschuldige …«

»Nicht so wild«, sagte Robin. »Setz dich auf meinen Stuhl, ich mach das schon.«

Sie stand von ihrem Drehstuhl auf, damit der Detektiv Platz nehmen konnte.

Strike vergrößerte das Foto mit einem Klick. Der Schotte stand auf einem winzigen Balkon, der von einem Geländer aus massivem, grünlichem Glas umrahmt war. Er blickte mit ernster Miene in die Kamera und hatte sich eine Krücke unter den linken Arm geklemmt. Das kurz geschorene Haar hatte sich kaum gelichtet, war im Lauf der Zeit aber dunkler geworden und nicht mehr so fuchspelzrot wie früher. Das glatt rasierte Gesicht war mit Pockennarben übersät, wirkte aber weniger aufgedunsen als auf Lorraines Foto. Trotzdem hatte Laing seit jenen Tagen als marmorner Atlas, der Strike im Boxring ins Gesicht gebissen hatte, deutlich an Gewicht zugelegt. Er trug ein gelbes T-Shirt und hatte die Rosentätowierung auf dem rechten Unterarm verändern lassen: Inzwischen wurde sie von einem Dolch durchbohrt. Blut tropfte aus der Blume hinab aufs Handgelenk. Hinter Laing war jenseits des Balkongeländers eine verschwommene schwarz-silbrige Fensterfront zu erkennen.

Er hatte sogar seinen richtigen Namen angegeben:

Donald Laing Spendenaufruf

Ich bin ein britischer Kriegsveteran, der an Psoriasisarthritis leidet. Ich sammle Spenden für die Arthritisforschung. Bitte geben Sie, so viel Sie können.

Die Seite war vor drei Monaten erstellt worden. Von den geplanten tausend Pfund hatte er bislang null Prozent gesammelt.

»Kein Wort darüber, was er mit dem Geld anzustellen gedenkt«, sagte Strike. »Nur ›geben Sie‹.«

»Er will es ja nicht für sich«, bemerkte Robin und wischte das verschüttete Blumenwasser auf dem Boden mit Küchenpapier auf, »sondern für eine gemeinnützige Organisation.«

»Behauptet er zumindest.«

Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete Strike das gezackte Muster hinter Laing.

»Kommt dir diese Fensterfront im Hintergrund nicht auch bekannt vor?«

»Erst hab ich an The Gherkin gedacht«, sagte Robin, warf die durchnässten Papiertücher in den Mülleimer und stand auf. »Aber das da sieht anders aus.«

»Nirgends eine Angabe über den Wohnort«, stellte Strike fest und klickte sich auf der Suche nach weiteren Informationen durch die komplette Seite. »JustGiving wird doch wohl seine Kontaktdaten gespeichert haben.«

»Wieso denkt man immer, dass böse Menschen nie krank werden?«, fragte sich Robin und sah auf die Uhr. »In einer Viertelstunde muss ich bei Platin sein. Ich mach mich dann mal auf die Socken.«

»Alles klar«, sagte Strike, ohne den Blick von Laing abzuwenden. »Halt mich auf dem Laufenden. Ach ja: Ich hätte da noch einen Auftrag für dich.«

Er zog das Handy aus der Tasche.

»Brockbank.«

Robin, die sich gerade die Jacke anzog, hielt inne. »Also hältst du ihn immer noch für verdächtig?«

»Ja. Ruf ihn als Venetia Hall an und binde ihm diese Schadensersatzgeschichte auf die Nase.«

»Oh. Okay.« Sie nahm ihr eigenes Handy heraus und tippte die Nummer ab. Dabei wahrte sie die pflichtbewusste Fassade, obwohl sie insgeheim schier aus dem Häuschen war. Venetia war ihre Idee, ihre Schöpfung gewesen. Und jetzt griff Strike für seine Ermittlungen darauf zurück.

Erst mitten auf der sonnigen Denmark Street fiel ihr wieder ein, dass die Grußkarte, die zwischen den lädierten Rosen gesteckt hatte, immer noch ungelesen im Büro lag.

32

What’s that in the corner?

It’s too dark to see.

BLUE ÖYSTER CULT, »AFTER DARK«

Weil sie den ganzen Tag über von Verkehrslärm und lauten Stimmen umgeben war, hatte Robin erst gegen fünf Uhr nachmittags die Möglichkeit, bei Noel Brockbank anzurufen. Nachdem Platin wie üblich zur Arbeit ins Spearmint Rhino gegangen war, zog Robin sich mit einem grünen Tee in eine ruhige Ecke des japanischen Restaurants neben dem Stripclub zurück. Dort lauschte sie fünf Minuten lang den Umgebungsgeräuschen, stellte zufrieden fest, dass sie auch aus einem geschäftigen Büro an einer Hauptverkehrsstraße stammen könnten, und wählte mit klopfendem Herzen die Nummer.

Sie war noch nicht deaktiviert worden. Robin ließ es zwanzig Sekunden lang klingeln. Gerade als sie wieder auflegen wollte, ging jemand ran.

Erst hörte sie nur ein Keuchen am anderen Ende. Robin saß stocksteif da, das Telefon ans Ohr gepresst.

Dann ließ sie eine schrille Kinderstimme zusammenfahren.

»HALLO!«

»Hallo?«, fragte Robin vorsichtig zurück.

»Wer ist das, Zahara?«, fragte eine gedämpfte Frauenstimme im Hintergrund. Ein Kratzen, und dann deutlich lauter: »Das ist Noels Handy, er hat …«

Die Verbindung wurde unterbrochen. Robin ließ langsam das Handy sinken. Ihr Herz raste noch immer. Sie konnte den klebrigen kleinen Finger, der versehentlich aufgelegt hatte, förmlich vor sich sehen.

Im nächsten Augenblick vibrierte das Telefon in ihrer Hand: Brockbanks Nummer. Sie atmete tief durch und nahm den Rückruf entgegen.

»Hallo, Venetia Hall?«

»Was?«, fragte eine Frauenstimme.

»Venetia Hall von Hardacre und Hall«, sagte Robin.

»Was?«, wiederholte die Frau. »Haben Sie gerade diese Nummer angerufen?«

Ein Londoner Akzent. Robin hatte einen trockenen Mund.

»Ja«, antwortete Robin alias Venetia. »Ist Mr. Noel Brockbank zu sprechen?«

»Warum?«

»Verzeihung, und Sie sind …«, fragte Robin nach einer beinahe unmerklichen Pause.

»Wieso?« Die Frau klang zunehmend streitlustig. »Wer sind Sie denn?«

»Venetia Hall«, sagte Robin. »Fachanwältin für Schadensersatzrecht.«

Ein Pärchen setzte sich ihr direkt gegenüber und unterhielt sich laut auf Italienisch.

»Was?«, fragte die Frau am anderen Ende der Leitung abermals.

Stumm verfluchte Robin ihre neuen Tischnachbarn. Dann erzählte sie mit lauter Stimme dieselbe Geschichte, die sie auch schon Holly in Barrow aufgetischt hatte.

»Noel kriegt Geld?«, fragte die unbekannte Frau in mittlerweile versöhnlicherem Ton.

»Ja, sofern die Klage Erfolg hat«, antwortete Robin. »Dürfte ich fragen …«

»Woher haben Sie diese Nummer?«

»Wir sind bei der Recherche zu anderen Fällen auf Mr. Brockbanks Akte gestoßen, und …«

»Wie viel Geld?«

»Schwer zu sagen.« Robin holte tief Luft. »Wo befindet sich Mr. Brockbank gegenwärtig?«

»Der arbeitet.«

»Dürfte ich fragen, wo?«

»Ich sag ihm, dass er Sie anrufen soll. Unter dieser Nummer, ja?«

»Ja, bitte«, sagte Robin. »Ich bin morgen ab neun Uhr hier im Büro zu erreichen.«

»Vene… Ven… Wie war noch gleich Ihr Name?«

Robin buchstabierte ihn.

»Geht klar, ich sag ihm Bescheid. Wiederhören.«

Auf dem Weg zur U-Bahn versuchte sie, Strike zu erreichen, um ihn ins Bild zu setzen, doch seine Nummer war besetzt.

Ihre gute Laune war schlagartig dahin, als ihr einfiel, dass Matthew inzwischen wieder in London sein dürfte. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, dass sie ihren Exverlobten zuletzt gesehen hatte, und ihr graute vor der bevorstehenden Begegnung. Auf dem Nachhauseweg rauschte ihre Laune noch tiefer in den Keller. Sie hatte keinen guten Grund, der Wohnung fernzubleiben, und sie hatte Strike versprochen, nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr allein unterwegs zu sein. Ein Versprechen, das sie nur widerwillig einhielt.

Vierzig Minuten später kam sie in West Ealing an. Schweren Herzens steuerte sie die Wohnung an, versuchte es unterwegs aber nochmals bei Strike. Diesmal ging er ran.

»Verdammt gute Arbeit!«, rief er, als sie von ihrem erfolgreichen Anruf berichtet hatte. »Und die Frau hatte wirklich einen Londoner Akzent?«

»Ich glaube schon«, sagte Robin. Strike schien den wesentlichen Punkt schlichtweg zu ignorieren. »Und eine kleine Tochter. Zumindest klang es so.«

»Ja, das wird der Grund sein, weshalb Brockbank sich dort aufhält.«

Eigentlich hatte sie von Strike ein wenig mehr Besorgnis angesichts eines Kindes erwartet, das sich in unmittelbarer Nähe eines Pädophilen und Vergewaltigers befand, doch weit gefehlt: Er wechselte einfach das Thema.

»Ich habe gerade mit Hazel Furley telefoniert.«

»Mit wem?«

»Mit Kelseys Schwester. Die mich treffen wollte, du weißt schon. Ich habe mich für Samstag mit ihr verabredet.«

»Oh.«

»Vorher geht es leider nicht. Mad Dad ist aus Chicago zurück – zum Glück! Von Two-Times allein können wir auf Dauer nicht leben.«

Robin enthielt sich eines Kommentars. Sie musste immer noch an das Kind denken, das sie am Telefon gehabt hatte. Strikes Reaktion darauf hatte sie schwer enttäuscht.

»Alles klar?«, fragte Strike.

»Ja«, antwortete Robin knapp.

Sie war am Ende der Hastings Road angelangt.

»Dann bis morgen«, sagte sie.

Er verabschiedete sich, und Robin legte auf. Irgendwie hatte das Gespräch mit Strike alles noch schlimmer gemacht. Mit einem flauen Gefühl im Magen ging sie auf die Haustür zu.

Dabei hätte sie sich gar keine Sorgen machen müssen. Matthew war wie verwandelt aus Masham zurückgekehrt. Der Mann, der Robin bis vor Kurzem noch stündlich um ein Lebenszeichen angefleht hatte, erklärte sich anstandslos bereit, auf dem Sofa zu schlafen. In den folgenden drei Tagen bemühten sie sich, halbwegs erwachsen miteinander umzugehen – Robin mit unterkühlter Höflichkeit, Matthew mit ostentativer Hingabe, die gelegentlich ins Parodistische kippte: Sowie sie eine Tasse leer getrunken hatte, beeilte er sich, sie abzuspülen, und am Donnerstagmorgen fragte er sie sogar allen Ernstes, wie es bei der Arbeit laufe.

»Oh bitte«, antwortete Robin darauf nur und marschierte an ihm vorbei aus der Wohnung.

Anscheinend hatte seine Familie ihm geraten, ihr ein wenig Freiraum und Zeit zuzugestehen. Noch hatten sie nicht darüber gesprochen, wie sie ihren Gästen erklären sollten, dass die Hochzeit abgeblasen war, und verständlicherweise hatte Matthew nicht die geringste Lust auf eine solche Diskussion. So gingen die Tage ins Land, ohne dass Robin den Mut aufbrachte, das Thema anzusprechen. Manchmal fragte sie sich, ob ihre Feigheit dem unbewussten Wunsch geschuldet war, den Ring doch wieder an den Finger zurückzustecken. Dann wieder führte sie ihre Unentschlossenheit auf die Erschöpfung und den Widerwillen zurück, sich dieser bisher schlimmsten und schmerzlichsten Konfrontation zu stellen, und redete sich ein, vor dem endgültigen Bruch erst wieder Kraft schöpfen zu müssen. Obwohl Robin den Besuch ihrer Mutter nicht unbedingt herbeisehnte, hoffte sie doch, bei Linda genug Trost und Stärke für das Unvermeidliche zu finden.

Die Rosen auf ihrem Schreibtisch welkten allmählich dahin. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, sie in frisches Wasser zu stellen, und so starben sie in der Verpackung, in der sie geliefert worden waren, einen langsamen Tod. Robin war nicht da, um sie wegzuwerfen, und Strike, der nur gelegentlich im Büro vorbeischaute, um irgendetwas abzuholen, wollte sich nicht das Recht herausnehmen, die Blumen samt der nach wie vor ungelesenen Karte zu entsorgen.

Anders als in der vorangegangenen Woche hielten Robin und Strike kaum Kontakt. Ihre Arbeitszeiten erlaubten es ihnen nicht, dass sie sich regelmäßig trafen. Sie beschatteten abwechselnd Platin oder Mad Dad, der nach seiner Rückkehr sofort wieder dazu übergegangen war, seine kleinen Söhne zu stalken. Am Donnerstagnachmittag diskutierten Robin und Strike am Telefon, ob Robin es erneut bei Noel Brockbank versuchen sollte. Bisher hatte er sie nicht zurückgerufen. Nach gründlicher Überlegung kam Strike zu dem Schluss, dass die viel beschäftigte Venetia Hall sicher Besseres zu tun hätte.

»Wenn er sich bis morgen nicht meldet, versuchst du es noch mal. Das wäre dann eine volle Arbeitswoche. Könnte natürlich auch sein, dass seine Lebensgefährtin die Nummer verlegt hat.«

Nachdem Strike aufgelegt hatte, schlich Robin weiter durch die Edge Street in Kensington, wo Mad Dads Familie wohnte. Das exklusive Wohnviertel stimmte Robin missmutiger denn je. Inzwischen hatte sie sich im Internet auf die Suche nach einer neuen Bleibe gemacht – doch die Wohnungen, die sie sich für das Gehalt leisten konnte, das Strike ihr bezahlte, waren schlimmer als befürchtet. Auf mehr als ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft durfte sie wohl kaum hoffen.

Hier hingegen standen hübsche, um Innenhöfe gruppierte viktorianische Häuser mit glanzlackierten Eingangstüren, blattreichen Kletterpflanzen und Blumenkästen vor den Schiebefenstern. Genauso hatte Matthews Vision von gemütlichem Wohlstand ausgesehen – zumindest bis Robin sich für Strike und gegen eine finanziell rentablere Stelle entschieden hatte. Schon damals hatte sie ihn darauf hingewiesen, dass Geld für sie keine oder zumindest keine annähernd so große Rolle spielte wie für ihn, und daran hatte sich auch nichts geändert. Trotzdem hätte vermutlich jeder normale Mensch dieses beschauliche, ruhige Wohnviertel einem »kleinen Zimmer in einem strikt veganen Haushalt, Handys in Gemeinschaftsräumen nicht erlaubt« oder einem einbauschrankgroßen Zimmer in Hackney mit »netten und freundlichen Mitbewohnern – WILLKOMMEN AN BORD!« vorgezogen.

Ihr Handy klingelte. Sie blickte aufs Display – und ihr Magen krampfte sich zusammen. Es war nicht Strike, sondern Brockbank. Sie nahm all ihren Mut zusammen.

»Venetia Hall?«

»Die Anwältin?«

Sie hatte nicht gewagt, sich seine Stimme vorzustellen. In ihrem Kopf hatte der Kinderschänder, der Unhold mit dem langen Kinn, der abgeschlagenen Flasche und der – laut Strike – gespielten Amnesie schlechterdings monströse Gestalt angenommen. Er hatte eine tiefe Stimme. Sein barrowianischer Akzent war zwar nicht ganz so ausgeprägt wie der seiner Schwester, aber nichtsdestoweniger deutlich zu hören.

»Ja«, sagte Robin. »Spreche ich mit Mr. Brockbank?«

»Aye.«

Seine wortkarge Art hatte etwas Bedrohliches. Robin beeilte sich, ihr Märchen vom Schadensersatz loszuwerden, der für ihn herausspringen könnte, sofern er einem Treffen zustimmte. Nachdem sie geendet hatte, herrschte erst einmal Schweigen. Doch Robin ließ sich nicht aus der Reserve locken. Venetia Hall war selbstbewusst genug, um eine unbehagliche Gesprächspause auszusitzen. Dennoch zerrte das Knacken in der Verbindung an ihren Nerven.

»Und woher kennen Sie mich, hä?«

»Bei den Ermittlungen sind wir auf Ihre Fallakte gestoßen, und …«

»Ermittlungen?«

Weshalb kam sie sich plötzlich vor, als würde sie in eine Ecke gedrängt? Er konnte nicht hier in der Nähe sein – und trotzdem sah sie sich um. Die sonnenbeschienene, idyllische Straße war menschenleer.

»Unseren Ermittlungen bezüglich bestimmter Verletzungen, die außerhalb von Kampfeinsätzen zustande kamen«, erklärte sie. Wieso klang ihre Stimme auf einmal so schrill?

Wieder Schweigen. Ein Auto bog um die Ecke und kam auf sie zu.

Verflucht, dachte Robin verzweifelt, als sie den Fahrer erkannte. Es war Mad Dad, den sie unauffällig observieren sollte. Jetzt hatte er ganz deutlich ihr Gesicht gesehen. Sie zog den Kopf ein und ging langsam davon.

»Und was muss ich dafür machen?«, fragte Noel Brockbank.

»Wären Sie bereit, sich mit mir zu treffen und mir Ihre Leidensgeschichte zu erzählen?«

»Ich denk, die kennen Sie schon?«, fragte er zurück, und Robin stellten sich die Nackenhaare auf. »Cameron Strike, dieses blöde Arschloch, hat mir ’nen Hirnschaden verpasst.«

»Ja, das hab ich in Ihrer Akte gelesen«, hauchte Robin. »Dennoch wäre es von höchster Wichtigkeit, dass Sie eine Aussage machten, damit wir …«

»Aussage?«

In der nun folgenden Gesprächspause lief es ihr eiskalt den Rücken hinunter.

»Sind Sie ’n Horney?«

Wie die im Norden Englands geborene Robin Ellacott sehr wohl wusste, war »Horney« das kumbrische Wort für »Polizist«. Venetia Hall würde der Ausdruck eher nicht geläufig sein.

»Entschuldigung, wie war das?«, fragte sie im Ton höflicher Verwirrung.

Mad Dad hielt vor dem Haus seiner Frau an. Die Kinder waren für den Nachmittag zum Spielen verabredet und würden jeden Moment in Begleitung ihrer Nanny aus der Tür treten. Würde er sie belästigen, müsste Robin alles fotografisch festhalten, wenn sie diesen bezahlten Auftrag nicht auch noch verlieren wollten.

»Ob Sie von der Polizei sind«, blaffte Brockbank aggressiv.

»Polizei?« Robin bemühte sich um einen ungläubigen, leicht beleidigten Tonfall. »Selbstverständlich nicht.«

»Echt nicht?«

Die Haustür ging auf. Robin erspähte das rote Haar der Nanny, dann hörte sie, wie eine Autotür geöffnet wurde. Sie zwang sich zur Konzentration.

»Nein, wirklich nicht«, sagte sie leicht gekränkt. »Mr. Brockbank, wenn Sie nicht interessiert sein sollten …«

Die Hand, die das Telefon hielt, war mittlerweile schweißnass.

»Meinetwegen«, sagte er zu ihrer Überraschung.

»Großartig!«

Die Nanny trat mit den beiden Jungen auf den Gehweg.

»Wo wohnen Sie?«

»Shoreditch«, antwortete Brockbank.

Robins Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Er war in London.

»Wann würde es Ihnen denn passen, damit wir …«

»Was ist das für ein Krach?«

Die Nanny brüllte Mad Dad an, der sich in diesem Augenblick ihr und den Jungen genähert hatte. Einer der Söhne fing lautstark an zu weinen.

»Oh, das … Ich bin gerade … Ich muss meinen Sohn von der Schule abholen«, rief Robin über die Rufe und das Kreischen hinweg ins Telefon.

Erneut herrschte am anderen Ende Stille, die die effiziente Venetia Hall sicher sofort durchbrochen hätte. Robin indes war vor Angst wie gelähmt – einer irrationalen Angst, wie sie sich einzureden versuchte.

»Kenn ich dich womöglich, Mädchen?«

Robin wollte irgendetwas sagen, brachte aber keinen Ton heraus. Im nächsten Moment hatte Brockbank aufgelegt.

33

The door was open and the wind appeared …

BLUE ÖYSTER CULT, »(DON’T FEAR) THE REAPER«

»Tut mir wirklich leid«, sagte Robin. »Ich kann dir nicht mal sagen, was da mit Brockbank schiefgelaufen ist! Und dann war ich viel zu nah an Mad Dad dran und hab mich nicht getraut, ihn zu fotografieren.«

Freitagmorgen, neun Uhr. Strike war nicht aus seiner Dachwohnung, sondern wieder mit dem Rucksack von draußen gekommen, weil er bei Elin übernachtet hatte. Robin hatte ihn schon auf der Treppe vor sich hin summen gehört. Sie hatte ihn am Vorabend angerufen, um ihm von dem Telefonat mit Brockbank zu berichten, doch Strike hatte nicht lange sprechen können und sie auf den nächsten Tag vertröstet.

»Vergiss Mad Dad. Den schnappen wir uns schon noch«, sagte Strike und machte sich am Wasserkocher zu schaffen. »Und was Brockbank angeht: Ist doch prima gelaufen. Jetzt wissen wir, dass er in Shoreditch wohnt, dass er mich nicht vergessen hat und auf der Hut ist vor der Polizei. Die Frage ist nur, weshalb – weil er im ganzen Land irgendwelche Kinder befummelt oder weil er kürzlich einen Teenager in Stücke gehackt hat?«

Brockbanks letzte Frage hatte Robin zutiefst beunruhigt. Sie hatte am Vorabend kaum mit Matthew gesprochen, und da sie sonst niemanden hatte, dem sie von diesem plötzlichen, unerklärlichen Gefühl der Verwundbarkeit hätte erzählen können, hatte sie ihre ganze Hoffnung auf eine persönliche Unterredung mit Strike gesetzt. Sie hatte in aller Ruhe die Bedeutung jener fünf mysteriösen Wörter analysieren wollen: Kenn ich dich womöglich, Mädchen? Der ernste, übervorsichtige Strike, der das abgetrennte Bein als Drohung verstanden und ihr verboten hatte, nach Einbruch der Dunkelheit unterwegs zu sein, wäre ihr heute wichtiger denn je gewesen. Derjenige jedoch, der sich gerade gut gelaunt einen Kaffee machte und wie beiläufig über Kindesmissbrauch und Mord plauderte, trug wenig zu ihrer Beruhigung bei. Er hatte ja keine Ahnung, wie es ihr ergangen war, als ihr Brockbank jene Frage ins Ohr geflüstert hatte.

»Wir wissen noch etwas über Brockbank«, sagte sie mit gepresster Stimme. »Nämlich dass er mit einem kleinen Mädchen zusammenlebt.«

»Das ist nicht gesagt. Wer weiß, wo er das Handy liegen gelassen hat.«

»Also gut«, meinte Robin noch angespannter als zuvor, »auch wenn es Wortklauberei ist: Wir wissen, dass er engen Kontakt zu einem kleinen Mädchen hat.«

Sie wandte sich ab und tat so, als würde sie die Post sortieren, die sie bei ihrer Ankunft auf der Fußmatte vorgefunden hatte. Allein schon sein fröhliches Summen war ihr gegen den Strich gegangen. Offensichtlich war die bei Elin verbrachte Nacht eine willkommene und erholsame Abwechslung gewesen. Auch Robin hätte eine Pause von der ständigen Wachsamkeit am Tage und dem unterkühlten Schweigen in den Abendstunden gut brauchen können. Dass sie genau wusste, wie unvernünftig ihre Überlegungen waren, linderte ihren Zorn kein bisschen. Sie nahm die sterbenden Rosen samt der trockenen Plastikverpackung vom Schreibtisch und warf die Blumen mit dem Kopf voran in den Papierkorb.

»Dagegen können wir nichts machen«, sagte Strike.

Eine überaus befriedigende Wut stieg in Robin auf.

»Na, dann muss ich mir ja ihretwegen nicht den Kopf zerbrechen«, blaffte sie ihn an.

Beim Versuch, eine Rechnung aus einem Umschlag zu ziehen, riss sie versehentlich beides entzwei.

»Glaubst du etwa, dass sie das einzige Mädchen auf der Welt ist, das Angst davor haben muss, vergewaltigt zu werden? Es gibt Hunderte davon – in diesem Augenblick, hier in London.«

Robin, die eigentlich damit gerechnet hatte, dass Strike angesichts ihrer Wut einlenken würde, blickte auf. Er starrte sie mit leicht zusammengekniffenen Augen und ohne jedes Mitgefühl an.

»Du kannst dir so viele Sorgen machen, wie du willst. Das ist reine Zeitverschwendung. Keiner von uns – weder du noch ich – kann diesem Kind helfen. Brockbank ist nicht vorbestraft und in keiner Datenbank erfasst. Wir wissen ja nicht mal, wo sie wohnt oder wie sie …«

»Sie heißt Zahara«, sagte Robin.

Zu ihrem Entsetzen klang ihre Stimme wie ein ersticktes Röcheln. Sie errötete, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie wandte sich ab – allerdings nicht schnell genug.

»Hey …«, sagte Strike sanft.

Robin winkte energisch ab, um ihn zum Verstummen zu bringen. Sie würde nicht zusammenbrechen. Das Einzige, was sie aufrecht hielt, war ihre Entschlossenheit weiterzumachen. Ihre Arbeit zu tun.

»Alles in Ordnung«, zischte sie durch die zusammengebissenen Zähne. »Wirklich. Vergiss es einfach.«

Sie konnte Strike unmöglich beichten, wie bedrohlich Brockbanks Abschiedsworte geklungen hatten. »Mädchen« hatte er sie genannt. Sie war kein Mädchen mehr. Sie war weder schwach noch Kind – nicht mehr. Zahara dagegen …

Sie hörte Strike auf den Treppenabsatz hinaustreten. Einen Augenblick später tauchten mehrere Blätter Toilettenpapier in ihrem verschwommenen Blickfeld auf.

»Danke«, röchelte sie, nahm es entgegen und schnäuzte sich.

In den darauffolgenden Minuten der Stille tupfte Robin sich die Augen, putzte sich die Nase und vermied es, Strike anzusehen, der sich gemeinerweise weigerte, ihr Büro zu verlassen und sein eigenes Zimmer aufzusuchen.

»Was?«, fauchte Robin schließlich. Dass er einfach nur dastand und sie ansah, befeuerte ihre Wut.

Er grinste, und trotz allem überkam jetzt auch sie der Drang, ganz einfach loszulachen.

»Willst du den ganzen Morgen hier rumstehen?«, fragte sie so patzig, wie sie es unter diesen Umständen zustande bekam.

»Nein«, sagte Strike immer noch grinsend. »Ich wollte dir was zeigen.«

Er kramte in seinem Rucksack und förderte die Hochglanzbroschüre eines Immobilienmaklers zutage.

»Die hat Elin mir gegeben«, sagte er. »Sie hat sich eine Wohnung angesehen und denkt darüber nach, sie zu kaufen.«

Robin blieb das Lachen im Halse stecken. Wie genau sollte die Nachricht, dass Strikes Freundin eine sündhaft teure Immobilie zu erwerben gedachte, sie bitte schön aufmuntern? Oder wollte er ihr allen Ernstes zu verstehen geben (und dabei drohte Robins labiles Nervenkostüm erneut aus dem Gleichgewicht zu geraten), dass er vorhatte, mit Elin zusammenzuziehen? Wie in einem Film sah sie die leere Dachwohnung vor sich, sah den im Luxus lebenden Strike und dann sich selbst in einem winzigen Zimmer in einem Londoner Vorort, wo sie in ihr Handy flüsterte, damit die strikt vegane Vermieterin sie nicht dabei ertappte.

Strike legte die Broschüre vor ihr auf den Tisch. Auf der ersten Seite war ein großer moderner Wohnturm mit einem schildartigen Dach zu sehen, aus dem drei an Augen erinnernde Windturbinen ragten. Darunter stand: »Strata SE1 – Londons begehrteste Wohnimmobilie!«

»Na?«, fragte Strike so triumphierend, dass Robin die Wände hätte hochgehen können. Dabei war es doch sonst nicht seine Art, mit anderer Leute Geld zu protzen. Bevor sie etwas antworten konnte, klopfte es an der Glastür.

»Da soll mich doch …«, sagte Strike verblüfft und öffnete Shanker die Tür. Fingerschnippend trat er ein. Wie üblich war er in eine Wolke aus Zigarettenrauch, Cannabisduft und Körpergeruch gehüllt.

»War grad in der Gegend«, sagte er und wiederholte damit, ohne es zu wissen, Eric Wardles Worte. »Ich hab ihn, Bunsen.«

Shanker ließ sich breitbeinig auf das Kunstledersofa fallen und zückte eine Schachtel Mayfair.

»Du hast Whittaker gefunden?«, fragte Strike, dessen Verwunderung in erster Linie darauf beruhte, Shanker schon so früh am Morgen auf den Beinen zu sehen.

»Wen hätt ich denn sonst für dich aufstöbern sollen?«, fragte Shanker und nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Die Sache spannend zu machen bereitete ihm sichtlich Vergnügen. »Catford Broadway, ’ne Wohnung über ’nem Imbiss. Die kleine Nutte wohnt da auch.«

Strike streckte den Arm aus und schüttelte Shanker begeistert die Hand. Abgesehen von dem Goldzahn und der Narbe, die seine Oberlippe verunstaltete, wirkte das Lächeln ihres Besuchers seltsam jungenhaft.

»Kaffee?«, fragte Strike.

»Klar, immer her damit«, erwiderte Shanker. Anscheinend wollte er seinen Erfolg noch eine Weile auskosten. »Alles klar?«, fragte er Robin fröhlich.

»Ja, danke«, entgegnete sie mit einem schmallippigen Lächeln und wandte sich wieder der Post zu.

»Eine richtige Glückssträhne, was?«, flüsterte Strike ihr über das laute Blubbern des Wasserkochers zu. Shanker, der rauchte und die Nachrichten auf seinem Handy überflog, beachtete sie nicht weiter. »Alle drei befinden sich in London: Whittaker in Catford, Brockbank in Shoreditch und Laing in Elephant and Castle – zumindest noch bis vor drei Monaten.«

Ohne nachzudenken pflichtete sie ihm bei, um im nächsten Moment zu stutzen.

»Woher weißt du, dass Laing in Elephant and Castle wohnt?«

Strike tippte auf die Strata-Hochglanzbroschüre auf dem Schreibtisch.

»Wieso hab ich dir die wohl gezeigt?«

Robin hatte nicht die leiseste Ahnung. Sie starrte die Broschüre mehrere Sekunden lang verständnislos an. Dann fiel der Groschen. Die langen, gezackten Reihen getönter Fenster, die sich um den Wohnturm herumzogen, waren von silberfarbenen Paneelen durchbrochen – genau wie im Hintergrund des Fotos von der Webseite, das Laing auf seinem Balkon gezeigt hatte.

»Oh«, stieß sie kleinlaut hervor.

Strike wollte also doch nicht mit Elin zusammenziehen. Aus unerfindlichen Gründen wurde Robin erneut rot. Sie war komplett durcheinander. Was zum Teufel war nur in sie gefahren? Sie wirbelte im Drehstuhl zu ihren Briefen herum und versuchte, ihr Gesicht vor den beiden Männern zu verbergen.

»Shanker, ich glaub, ich hab nicht genug Bares da, um dich auszuzahlen«, sagte Strike nach einem Blick in seine Brieftasche. »Gehen wir zum nächsten Geldautomaten.«

»Alles klar, Bunsen.« Shanker beugte sich vor, um Asche in Robins Papierkorb zu schnippen. »Wenn du Hilfe mit Whittaker brauchst, gib einfach Bescheid.«

»Danke, aber das schaff ich schon allein.«

Robin griff nach dem letzten ungeöffneten Briefumschlag, der sich seltsam steif anfühlte. Eine Ecke war dicker als die andere, als würde sich ein Gegenstand darin befinden. Sie wollte den Umschlag gerade öffnen, als ihr auffiel, dass er an sie und nicht an Strike adressiert war. Unsicher starrte sie darauf hinab. Dem Poststempel zufolge war der Brief mit ihrem aufgedruckten Namen und der Büroadresse gestern im Zentrum Londons aufgegeben worden.

Strikes und Shankers Unterhaltung rauschte über sie hinweg, ohne dass sie auch nur ein einziges Wort zur Kenntnis nahm.

Das ist nichts, ermahnte sie sich. Du bist einfach nur überarbeitet. So etwas kann unmöglich ein zweites Mal passieren.

Sie schluckte schwer, öffnete den Umschlag und zog vorsichtig eine Grußkarte heraus.

Das Jack-Vettriano-Gemälde auf der Vorderseite der Klappkarte zeigte eine Blondine im Profil auf einem Stuhl, über den augenscheinlich achtlos ein weißes Laken geworfen worden war. Die Frau hielt eine Teetasse in der Hand, die schlanken, übereinandergeschlagenen Beine steckten in einer schwarzen Strumpfhose, ein Stiletto ruhte auf einem Schemel. Der Gegenstand, den sie durch den Umschlag ertastet hatte, musste in der Karte kleben.

Strike und Shanker unterhielten sich immer noch. Über Shankers Ausdünstungen hinweg stieg Robin ein Hauch von Verwesung in die Nase.

»Oh Gott«, sagte sie leise, doch keiner der Männer beachtete sie. Sie klappte die Karte mit dem Vettriano-Motiv auf.

Ein faulender Zeh war mit Tesafilm an einer Ecke befestigt worden. Darunter stand in ausgedruckten Großbuchstaben:

SHE’S AS BEAUTIFUL AS A FOOT

Sie ließ die Karte fallen und sprang von ihrem Stuhl auf. Wie in Zeitlupe wandte sie sich zu Strike um. Er sah erst ihre entgleisten Gesichtszüge, dann das grauenerregende Objekt auf dem Schreibtisch.

»Geh da weg!«

Robin gehorchte. Ihr war übel, sie zitterte am ganzen Körper und wünschte sich, Shanker wäre irgendwo anders.

»Was?«, wollte Shanker wissen. »Was? Was denn? Was?«

»Jemand hat mir einen abgetrennten Zeh geschickt«, sagte Robin mit einer Stimme, die nicht ihr zu gehören schien.

»Ja, da soll mich doch …«, sagte Shanker und trat interessiert vor.

Strike schob Shanker gewaltsam zurück, damit er nicht die Karte in die Hand nahm, die Robin hatte fallen lassen. Und natürlich wusste Strike mit »She’s As Beautiful As A Foot« sofort etwas anzufangen. Es war der Titel eines weiteren Songs von Blue Öyster Cult.

»Ich rufe Wardle an«, sagte Strike, doch anstatt zum Handy zu greifen, kritzelte er eine vierstellige Nummer auf ein Post-it und zog dann seine Kreditkarte aus der Brieftasche. »Robin, du holst Shankers Geld und kommst dann auf der Stelle wieder.«

Wortlos nahm sie Zettel und Kreditkarte entgegen. Sie war unendlich dankbar dafür, an die frische Luft zu kommen.

»Shanker«, sagte Strike streng, als die beiden bereits an der Glastür standen, »du bringst sie wieder hierher zurück, verstanden? Du begleitest sie bis ins Büro.«

»Geht klar, Bunsen«, antwortete Shanker beseelt von einer Energie, die ihm nur bizarre Vorkommnisse, turbulente Ereignisse oder drohende Gefahr einzuflößen vermochten.

34

The lies don’t count, the whispers do.

BLUE ÖYSTER CULT, »THE VIGIL«

An diesem Abend saß Strike allein in seiner Dachwohnung am Küchentisch. Der Stuhl war unbequem, und der Stumpf seines amputierten Beins schmerzte. Mad Dad hatte sich heute freigenommen, um seinem jüngsten Sohn im Natural History Museum nachzustellen, und der Detektiv war ihm mehrere Stunden lang gefolgt. Der Mann musste Freiberufler sein – andernfalls hätte man ihn bei den vielen Stunden längst gefeuert, die er nicht bei der Arbeit, sondern mit der Behelligung seiner Kinder verbrachte. Platin dagegen war unobserviert und unfotografiert geblieben. Als Strike erfahren hatte, dass Robins Mutter am Abend eintreffen würde, hatte er wider heftigen Protest darauf bestanden, dass Robin sich drei Tage Urlaub nahm. Er hatte sie zur U-Bahn begleitet und verlangt, dass sie ihm per SMS Bescheid gab, sobald sie sicher zu Hause angekommen war.

Strike war zu müde, um sich aufzuraffen und ins Bett zu gehen. Die zweite Botschaft des Killers hatte ihn stärker beunruhigt, als er es vor seiner Partnerin hatte zugeben wollen. Das abgetrennte Bein war schockierend gewesen; trotzdem hatte er die Hoffnung gehabt, dass es lediglich ein nachträglicher Einfall, eine schaurige Fußnote gewesen wäre, das Paket an Robin zu adressieren. Jetzt allerdings hatte sie schon zum zweiten Mal grausige Post erhalten: Trotz des raffinierten Seitenhiebs auf Strike – »She’s As Beautiful As A Foot« – stand nun zweifelsfrei fest, dass der Täter, wer immer es auch sein mochte, Robin ins Visier genommen hatte. Selbst der Titel des Gemäldes auf der Grußkarte – die einsame, langbeinige Blondine – war unheilverkündend: »In Gedanken bei dir«.

Zorn stieg in dem reglos dasitzenden Strike auf, und mit einem Mal war seine Müdigkeit wie weggeblasen. Er war Zeuge geworden, wie Robin kreidebleich geworden war, wie sie die leise Hoffnung zu Grabe getragen hatte, dass es sich bei dem abgetrennten Bein um den willkürlichen Akt eines Wahnsinnigen gehandelt hätte. Dennoch hatte sie vehement darauf bestanden weiterzuarbeiten. Schließlich könne einer allein die beiden bezahlten Aufträge, die ihnen noch geblieben waren, nicht erfüllen. Strike müsse sich ansonsten täglich aufs Neue entscheiden, ob er nun Platin oder Mad Dad observierte. Doch er war standhaft geblieben: Sie durfte erst wieder ins Büro zurückkehren, wenn ihre Mutter London verlassen hatte.

Der Unbekannte hatte es fertiggebracht, dass Strike nur noch zwei Klienten geblieben waren. Und schon zum zweiten Mal hatte die Polizei das Büro auf den Kopf gestellt. Er befürchtete, dass die Presse Wind davon bekommen könnte. Wardle hatte ihm zwar hoch und heilig versprochen, dass die Nachricht von der Karte mit dem Zeh nicht an die Öffentlichkeit dringen würde, und hatte Strike sogar dahingehend zugestimmt, dass der Killer offenbar das Ziel verfolgte, Strike in den Mittelpunkt des Interesses von Polizei und Medien zu rücken. Öffentliches Aufsehen würde dem Täter nur in die Hände spielen.

Der laute Klingelton des Handys schrillte durch die Küche. Strike sah auf die Uhr. Es war zwanzig nach zehn. Ohne Wardles Namen auf dem Display richtig wahrzunehmen – er war in Gedanken immer noch bei Robin –, hob er den Apparat ans Ohr.

»Gute Nachrichten«, sagte Wardle. »Na ja, mehr oder weniger. Er hat keine weitere Frau umgebracht. Der Zeh gehörte Kelsey. Er stammt von ihrem anderen Fuß. Spare in der Zeit, dann hast du in der Not, was?«

Strike war nicht in der Stimmung für derartige Scherze und antwortete entsprechend pampig. Nachdem Wardle aufgelegt hatte, saß der Detektiv weiter grübelnd am Küchentisch und lauschte dem Brummen des Verkehrs auf der Charing Cross Road. Erst als ihm einfiel, dass er am folgenden Morgen mit Kelseys Schwester verabredet war, stand er auf und nahm die lästige Pflicht in Angriff, sich vor dem Schlafengehen von der Prothese zu befreien.

Dank des unsteten Lebenswandels seiner Mutter verfügte Strike über eine weitreichende Kenntnis der Londoner Straßen, doch selbst für ihn gab es weiße Flecken auf der Landkarte: Finchley zum Beispiel. Über den Stadtteil wusste er nur, dass er in den Achtzigern – als er, Leda und Lucy in Vierteln wie Whitechapel und Brixton von einer Wohnung in die nächste gezogen waren – Margaret Thatchers Wahlbezirk gewesen war. Finchley wäre für eine Familie, die auf öffentliche Verkehrsmittel und Take-away-Mahlzeiten angewiesen war, viel zu weit vom Zentrum entfernt und nicht zuletzt zu teuer für eine Frau gewesen, die manches Mal nicht einmal genug Münzen für den Kassierstromzähler hatte zusammenkratzen können. Finchley war eine Gegend, in der anständige Leute wohnten, wie seine Schwester damals wehmütig bemerkt hatte. Lucy hatte sich ihren Kindheitstraum von Sicherheit, Ordnung und Anstand erfüllt, indem sie einen Kostenplanungsingenieur geheiratet und ihm drei wohlgeratene Söhne geschenkt hatte.

Strike fuhr mit der U-Bahn nach West Finchley. Von dort aus machte er sich auf den langen, anstrengenden Weg zur Summers Lane. Angesichts seiner klammen Finanzlage wollte er sich kein Taxi leisten. Das milde Wetter trieb ihm den Schweiß aus den Poren, während er Straße um Straße mit ruhigen Einfamilienhäusern entlangmarschierte und dabei die begrünte Idylle ob ihres Fehlens eindeutiger Orientierungspunkte verfluchte. Eine halbe Stunde nachdem er die U-Bahn verlassen hatte, stand er endlich vor dem weiß getünchten Haus, in dem Kelsey Platt gewohnt hatte. Das von einem schmiedeeisernen Zaun umgebene Gebäude war kleiner als die meisten Nachbarhäuser.

Er klingelte, und sofort ertönten Stimmen hinter der Milchglasscheibe, die ihn an seine Bürotür erinnerte.

»Schatz, das muss der Detektiv sein«, rief ein Mann mit nordenglischem Akzent.

»Machst du auf?« Eine schrille Frauenstimme.

Eine große rote Gestalt tauchte hinter der Glasscheibe auf. Dann ging die Tür auf. Der Flur dahinter wurde beinahe vollständig von einem stämmigen, barfüßigen Mann in einem scharlachroten Frotteebademantel ausgefüllt. Trotz Glatze wirkte er mit seinem struppigen grauen Bart und dem roten Morgenmantel wie ein schlecht gelaunter Weihnachtsmann. Er rieb sich mit dem Ärmel energisch über das Gesicht. Die Augen hinter der Brille waren gerötet wie nach einem Bienenstich und beinahe komplett zugeschwollen. Tränen glänzten auf den roten Wangen.

»Entschuldigung«, sagte er unwirsch und ließ Strike herein. »Nachtschicht«, fügte er hinzu, um seinen Aufzug zu erklären.

Strike zwängte sich an ihm vorbei. Der Mann roch nach Old Spice und Kampfer. Vor der Treppe standen zwei heftig schluchzende Frauen mittleren Alters – eine blond, die andere dunkelhaarig – in inniger Umarmung. Sowie Strike eingetreten war, ließen sie einander los und wischten sich beide über das Gesicht.

»Entschuldigung«, stammelte die Dunkelhaarige. »Das ist Sheryl, unsere Nachbarin. Sie war in Magaluf und hat das mit K-Kelsey eben erst erfahren.«

»Entschuldigung«, echote Sheryl mit verweinten Augen. »Ich geh wohl besser … Wenn du was brauchst, Hazel – jederzeit. Und du auch, Ray. Jederzeit.«

Sheryl zwängte sich an Strike vorbei – »Entschuldigung!« – und nahm Ray in den Arm. Bauch an Bauch wiegten sich die beiden fülligen Personen kurz hin und her, die Arme jeweils um den Hals des anderen geschlungen. Ray fing wieder an zu schluchzen und vergrub sein Gesicht an Sheryls breiter Schulter.

»Bitte hier entlang«, krächzte Hazel, tupfte sich die Augen und führte Strike ins Wohnzimmer. Mit ihren roten Wangen, dem langen Kinn und der breiten Nase sah sie aus wie eine Bäuerin aus einem Breughel-Gemälde. Die Brauen über den aufgequollenen Augen waren dick und haarig wie Bärenspinnerraupen. »So geht das schon die ganze Woche. Sobald die Leute davon hören, kommen sie vorbei und …« Der Satz ging in einem Schluchzen unter.

Innerhalb von zwei Minuten hatte man sich ein halbes Dutzend Mal bei Strike entschuldigt. In anderen Kulturen galt es als beschämend, nicht die angemessene Trauer zur Schau zu stellen. Doch hier in Finchley schämte man sich ihrer offenbar und suchte sie vor ihm zu verbergen.

»Wir sind vollkommen fassungslos«, flüsterte Hazel, verdrückte noch ein paar Tränen und deutete auf das Sofa. »Sie war schließlich nicht krank oder wurde von einem Auto überfahren. Man weiß einfach nicht, was man sagen soll, wenn jemand …« Sie zögerte, scheute vor dem Wort zurück und beendete den Satz stattdessen mit einem gewaltigen Schniefen.

»Mein Beileid«, sagte Strike. »Es muss ganz schrecklich für Sie sein.«

Das Wohnzimmer war aufgeräumt und ungemütlich, was sicher auf die kühlen Farben zurückzuführen war: eine dreiteilige Sitzgruppe mit silbergrau gestreiftem Bezug, eine weiße Tapete mit schmalen grauen Streifen, akkurat ausgerichtete Sofakissen, symmetrisch aufgereihter Nippes auf dem Kaminsims. Das durchs Fenster einfallende Licht spiegelte sich im staubfreien Fernseher.

Hinter den Gardinen war Sheryls Gestalt zu erkennen, die mit verweinten Augen davontrottete. Ray schlurfte barfuß und mit hängenden Schultern an der Wohnzimmertür vorbei. Mit dem Ende seines Bademantelgürtels tupfte er sich die Augen hinter der Brille trocken.

»Ray hat sich das Kreuz gebrochen, als er eine Familie aus einem brennenden Hotel gerettet hat«, erklärte Hazel, als hätte sie Strikes Gedanken gelesen. »Die Wand, an der seine Leiter lehnte, ist zusammengekracht. Er ist drei Stockwerke tief gestürzt.«

»Meine Güte …«

Hazels Lippen und Hände zitterten, und Strike musste sofort wieder an Wardles Bemerkung denken, die Polizisten hätten Hazel verärgert. Sie hatte unter Schock gestanden, sodass es ihr wie ein ungeheurer Affront vorgekommen war, dass die Beamten Ray verdächtigt oder auch nur vernommen hatten. Strike wusste, welche Auswirkungen ein solches Eindringen der Staatsgewalt in den höchst privaten Moment der Trauer haben konnte. Er hatte es von beiden Seiten erlebt.

»Tee?«, rief Ray heiser herüber; aus der Küche, wie Strike vermutete.

»Geh zurück ins Bett«, rief Hazel zurück und knetete dabei mit beiden Händen eine durchnässte Taschentuchkugel. »Ich mach das schon. Leg dich wieder hin!«

»Wirklich?«

»Geh ins Bett, ich weck dich um drei.«

Hazel nahm sich ein frisches Taschentuch und wischte sich damit wie mit einem Waschlappen übers Gesicht.

»Er ist zu stolz, um die Behindertenrente zu beantragen. Aber er bekommt einfach keine vernünftige Arbeit mehr«, teilte sie Strike mit gedämpfter Stimme mit, während der schniefende Ray abermals an der Tür vorbeischlappte. »Nicht mit seinem Rücken und in seinem Alter … Außerdem hat er’s mit der Lunge. Da bleibt nur Schwarzarbeit … Schichtarbeit …«

Ihre Stimme versagte, ihr Mund zitterte. Zum ersten Mal sah sie Strike direkt in die Augen.

»Ich weiß ehrlich gesagt nicht, warum ich Sie hierhergebeten habe«, gestand sie. »Ich bin ziemlich durcheinander. Angeblich hat sie Ihnen einen Brief geschrieben, aber Sie haben nie geantwortet, und dann haben Sie ihr … ihr …«

»Es muss ein schwerer Schock für Sie gewesen sein«, bemerkte Strike. Nichts, was er sagte, würde ihren Empfindungen gerecht werden können.

»Es war …«, begann sie aufgewühlt. »Fürchterlich. Wirklich fürchterlich. Wir wussten nichts davon – nicht das Geringste. Wir dachten, sie würde ein Praktikum machen, und dann stand plötzlich die Polizei vor unserer Tür. Kelsey hatte uns erzählt, dass sie vom Kolleg aus ein paar Tage wegbleiben würde, wegen irgend so eines Berufspraktikums an einer Schule oder so. Ich hab ihr geglaubt, dabei hat sie ständig gelogen. Ständig. Drei Jahre hat sie bei mir gewohnt, und ich konnte sie einfach nicht … Also, sie wollte einfach nicht damit aufhören.«

»Was waren das für Lügen?«, erkundigte sich Strike.

»Ach, alles Mögliche«, sagte Hazel mit einer unspezifischen Geste. »Wenn es Dienstag war, hat sie gesagt, es wäre Mittwoch. Völlig ohne Grund. Ich weiß auch nicht, wieso. Ich weiß es einfach nicht.«

»Warum hat sie bei Ihnen gewohnt?«, fragte Strike.

»Sie ist … Sie war meine Halbschwester. Wir haben dieselbe Mutter. Mein Dad starb, als ich zwanzig war, und dann hat Mum einen Kollegen geheiratet und Kelsey bekommen. Vierundzwanzig Jahre Altersunterschied … Ich war damals schon von zu Hause ausgezogen und eher eine Tante für sie als eine Schwester. Vor drei Jahren hatten Mum und Malcolm einen Autounfall in Spanien. Der andere Fahrer war betrunken. Malcolm war sofort tot. Mum lag vier Tage lang im Koma, dann ist auch sie gestorben. Daraufhin habe ich Kelsey bei mir aufgenommen. Andere Verwandte haben wir nicht.«

Strike fragte sich, wie heimisch sich der Teenager in dieser geradezu penibel in Schuss gehaltenen Wohnung mit den akkurat ausgerichteten Kissen und den auf Hochglanz polierten Oberflächen wohl gefühlt hatte.

»Wir sind nicht sonderlich gut miteinander ausgekommen«, fuhr Hazel fort, als hätte sie ein weiteres Mal Strikes Gedanken erahnt. Sie deutete nach oben zum Schlafzimmer im ersten Stock, in dem Ray sich schlafen gelegt hatte, und wieder flossen die Tränen. »Er hatte so viel mehr Geduld mit ihrer Launenhaftigkeit und ihren Stimmungsumschwüngen. Ray hat einen erwachsenen Sohn, der im Ausland lebt, und kann wesentlich besser mit Kindern umgehen als ich. Und dann stürmt auf einmal die Polizei hier rein«, sagte sie und klang urplötzlich zornig, »und erzählt uns, dass sie … Und dann verhören sie Ray, als hätte er … Dabei würde er nie, nicht in einer Million Jahren … Es war der reinste Albtraum. So was kennt man sonst nur aus den Nachrichten: Eltern, die ihre Kinder anflehen, wieder nach Hause zu kommen … Leute, die zu Unrecht eingesperrt werden … Aber dass einem selbst so was … dass einem selbst … Wir wussten ja nicht mal, dass sie vermisst wurde! Sonst hätten wir doch etwas unternommen. Wir wussten es nicht. Die Polizei hat Ray alles Mögliche gefragt – wo er war und was weiß ich noch alles …«

»Die Polizei glaubt nicht, dass er etwas mit der Sache zu tun hat«, sagte Strike.

»Ja, jetzt«, verkündete Hazel unter Tränen der Wut. »Nachdem drei Zeugen ausgesagt haben, dass Ray mit auf einem mehrtägigen Junggesellenabschied war. Er musste ihnen zum Beweis sogar die verdammten Fotos zeigen …«

Sie würde niemals nachvollziehen können, warum man dem Mann, der mit ihrer ermordeten Stiefschwester unter einem Dach gelebt hatte, derartige Fragen hatte stellen müssen. Strike, der neben Brittany Brockbanks und Rhona Laings Aussagen schon viele derartige Berichte gehört hatte, wusste selbstverständlich, dass die meisten Vergewaltiger und Mörder keine maskierten Fremden waren, die im Dunklen unter einer Treppe lauerten. Nein, es waren die Väter, die Ehemänner, die Lebensgefährten der Mutter oder der Schwester …

Hazel wischte sich die Tränen ebenso schnell fort, wie sie über die runden Wangen liefen. »Was haben Sie eigentlich mit diesem dummen Brief gemacht, als Sie ihn erhalten haben?«, fragte sie unvermittelt.

»Meine Assistentin hat ihn in die Schublade für … ungewöhnliche Korrespondenz gelegt«, erklärte Strike.

»Die Polizei meinte, Sie hätten ihr nicht mal geantwortet. Und dass die anderen Briefe, die sie gefunden haben, Fälschungen gewesen wären.«

»Das ist korrekt«, sagte Strike.

»Wer immer die geschrieben hat, wusste genau, dass sich Kelsey für Sie interessiert hat.«

»Ja.«

Hazel schnäuzte sich ausgiebig.

»Wie wär’s jetzt mit einem Tee?«

Er nahm das Angebot nur an, um ihr die Gelegenheit zu geben, sich wieder zu sammeln. Sobald sie den Raum verlassen hatte, sah er sich ungeniert um. Die einzige Fotografie im Zimmer stand auf einem Arrangement aus Couchtischchen direkt neben ihm. Sie zeigte eine breit lächelnde Frau um die sechzig mit Strohhut – höchstwahrscheinlich Hazels und Kelseys Mutter. Ein dunkler Fleck auf der sonnengebleichten billigen Tischplatte daneben ließ darauf schließen, dass bis vor Kurzem dort ein weiteres Bild gestanden hatte – vermutlich das Foto von Kelsey in Schuluniform, das er in den Zeitungen gesehen hatte.

Hazel kehrte mit zwei Teetassen und einem Teller voller Kekse auf einem Tablett zurück. Sie stellte Strikes Tee behutsam auf einem Untersetzer neben dem Bild ihrer Mutter ab.

»Angeblich hatte Kelsey einen Freund, stimmt das?«, fragte Strike.

»Quatsch«, sagte Hazel und ließ sich wieder in den Sessel fallen. »Noch so eine Lügengeschichte.«

»Woher wissen Sie …«

»Sie hat behauptet, er würde Niall heißen. Niall. Also bitte!« Und wieder flossen Tränen.

Strike wusste nicht, was an dem Namen Niall so ungewöhnlich sein sollte. Anscheinend stand ihm das Unverständnis ins Gesicht geschrieben.

»One Direction«, murmelte sie durch ihr Taschentuch.

»Bitte?« Jetzt war Strike vollends verwirrt. »Was …«

»Das ist eine Band. Hat bei X Factor den dritten Platz belegt. Sie ist – war – besessen von ihnen, besonders von Niall. Was soll man also glauben, wenn sie behauptet, dass sie mit einem Achtzehnjährigen zusammen ist, der Niall heißt und Motorrad fährt?«

»Ach so. Verstehe.«

»Angeblich hat sie ihn beim Therapeuten kennengelernt. Sie hat nämlich eine Therapie gemacht, müssen Sie wissen. Und da hat sie angeblich diesen Niall im Wartezimmer getroffen. Er war ebenfalls in Therapie, weil seine Eltern gestorben waren. Genau wie ihre. Wir haben ihn kein einziges Mal zu Gesicht bekommen. ›Was soll ich machen?‹, hab ich Ray gefragt. ›Sie flunkert doch nur wieder.‹ – ›Lass sie doch‹, hat er gesagt, ›wenn es sie glücklich macht.‹ Aber ich konnte diesen ständigen Blödsinn einfach nicht ertragen«, sagte Hazel mit wildem Blick. »Sie hat andauernd gelogen. Einmal kam sie mit einem Pflaster auf dem Handgelenk nach Hause. Sie hätte sich geschnitten, hat sie behauptet. Und dann war es ein One-Direction-Tattoo! Und das mit diesem Berufspraktikum – das war doch ebenfalls erstunken und erlogen … Sie hat gelogen, wenn sie nur den Mund aufgemacht hat. Und das hat sie jetzt davon!«

Mit schier herkulischer Anstrengung hielt Hazel eine weitere Tränenflut zurück. Sie presste die bebenden Lippen aufeinander und drückte sich das Taschentuch fest auf die Augen. Dann holte sie tief Luft.

»Ray hat da so eine Theorie … Eigentlich wollte er sie den Polizisten erzählen, aber die wollten nichts davon hören. Die hat nur interessiert, wo er war, als sie … Wissen Sie, Ray hat einen Kumpel namens Ritchie, der ihm hin und wieder ein bisschen Gartenarbeit besorgt. Kelsey hat Ritchie kennengelernt und …«

Bis ins letzte irrelevante Detail und mit einem gerüttelten Maß Redundanz wurde die Theorie vor Strike ausgebreitet. Der Detektiv, dem derlei ausufernde Schilderungen durch ungeübte Zeugen nicht fremd waren, hörte aufmerksam und höflich zu. Dann holte Hazel ein Foto aus einer Schublade, das nicht nur bewies, dass Ray am Wochenende von Kelseys Ermordung tatsächlich zusammen mit drei Freunden nach Shoreham-by-Sea gereist war, sondern auch einen ziemlich lädierten Ritchie zeigte, der grinsend neben Ray zwischen blühenden Stranddisteln im Kies saß. Die beiden Männer hielten Bierflaschen in den Händen und hatten zum Schutz gegen das Sonnenlicht die Augen zusammengekniffen. Schweiß glänzte auf Rays Glatze. Auf Ritchies geschwollenem Gesicht waren deutlich Wundnähte und Blutergüsse zu erkennen. Sein Bein steckte in einem orthopädischen Schuh.

»… hat uns Ritchie gleich nach seinem Unfall besucht. Und das hat sie wohl letztlich auf die Idee gebracht, meint Ray. Er glaubt, dass sie irgendwas mit ihrem Bein anstellen und es uns dann als Verkehrsunfall verkaufen wollte.«

»Könnte Ritchie womöglich dieser geheimnisvolle Freund gewesen sein?«, hakte Strike nach.

»Ritchie? Der ist ein bisschen einfach gestrickt – das hätte er uns sofort erzählt. Außerdem kannte sie ihn kaum. Das war alles nur eingebildet. Ich glaube, Ray hat recht: Sie wollte irgendwas mit ihrem Bein anstellen und dann so tun, als wäre sie mit dem Motorrad verunglückt.«

Eine exzellente Theorie, dachte Strike. Kelsey wäre nach einem vorgetäuschten Motorradunfall ins Krankenhaus eingeliefert worden. Und den Freund, den sie nicht hätte verpetzen wollen, gab es in Wahrheit gar nicht. So viel musste er Ray zugestehen: Das war genau die Art von Plan, den sich eine Sechzehnjährige ausdenken würde – eine gefährliche Mischung aus Theatralik und Kurzsichtigkeit. Nur leider war Kelsey inzwischen tot und die Theorie damit Makulatur. Ob sie nun vorgehabt hatte, einen Motorradunfall zu fingieren, oder nicht: Tatsache war, dass sie den Plan aufgegeben und stattdessen Strike um Rat bezüglich der Amputation ihres Beins gebeten hatte.

Andererseits trat hier zum ersten Mal eine Verbindung zwischen Kelsey und einem Motorradfahrer zutage. Strike fragte Hazel noch einmal, wie sicher sie sich war, dass dieser Freund ausschließlich in Kelseys Fantasie existiert hatte.

»Na ja, auf dem Berufskolleg waren ja kaum Jungs«, erklärte Hazel. »Und wo sonst hätte sie ihn kennenlernen sollen? Niall … Zu Schulzeiten hatte sie auch keinen Freund. Sie ging zur Therapie und manchmal in die Kirche hier in der Nachbarschaft, in eine Jugendgruppe. Aber dort gibt’s ganz sicher keinen Niall mit einem Motorrad. Das hat die Polizei schon überprüft. Sie haben Kelseys Freunde verhört. Darrell, der Gruppenleiter, war völlig aufgelöst. Ray ist ihm heute Morgen auf dem Nachhauseweg begegnet. Darrell hat Ray nur auf der anderen Straßenseite gesehen und ist sofort in Tränen ausgebrochen.«

Strike hätte sich gerne Notizen gemacht, doch das wäre der vertraulichen Atmosphäre abträglich gewesen, die er aufrechterhalten wollte.

»Kennen Sie diesen Darrell näher?«

»Der hat nichts damit zu tun. Ein Jugendarbeiter bei der Kirche! Er stammt aus Bradford«, fügte Hazel etwas unzusammenhängend hinzu. »Ray glaubt, dass er schwul ist.«

»Hat Kelsey jemals zu Hause über das …« Strike zögerte, suchte nach den richtigen Worten. »… über das Problem mit ihrem Bein gesprochen?«

»Mit mir nicht«, antwortete Hazel teilnahmslos. »Davon wollte ich nichts hören. Kein Wort. Ich fand das fürchterlich! Sie hat mir mit vierzehn mal davon erzählt, und ich hab ihr geradeheraus gesagt, was ich davon halte. Sie wollte Aufmerksamkeit. Das war schon alles.«

»Auf ihrem Bein waren alte Narben. Woher …«

»Das hat sie kurz nach Mums Tod gemacht. Als hätten wir damals nicht schon genug Probleme gehabt. Sie hat einen Draht darumgezurrt, um die Blutzufuhr zu unterbrechen.«

Strike glaubte in ihrer Miene eine Mischung aus Abscheu und Wut zu erkennen.

»Sie saß in dem Auto, mit dem Mum und Malcolm verunglückt sind. Auf dem Rücksitz. Danach musste ich ihr natürlich einen Therapeuten besorgen und so weiter. Und der meinte damals, dass das mit dem Bein ein Hilfeschrei wäre. Trauer. Weil ausgerechnet sie den Unfall überlebt hätte oder so. Aber das hat sie immer abgestritten und behauptet, sie wollte das Bein tatsächlich loswerden … Ach, was weiß ich.« Sie schüttelte energisch den Kopf.

»Hat sie noch mit anderen Leuten darüber gesprochen? Mit Ray?«

»Kaum. Na ja, er wusste, wie sie tickte. Als wir zusammenkamen und er hier einzog, hat sie ihm ein paar haarsträubende Geschichten erzählt – dass ihr Vater ein Spion gewesen wäre beispielsweise. Deshalb auch der Autounfall. Und wer weiß was noch. Er hat sich darüber nicht aufgeregt, sondern einfach immer das Thema gewechselt, mit ihr über die Schule gesprochen und so …«

Ihr Gesicht hatte eine unschön rote Farbe angenommen.

»Ich verrate Ihnen, was sie wollte«, platzte es aus ihr heraus. »Sie wollte im Rollstuhl sitzen. Sie wollte, dass man sie wie ein Baby durch die Gegend schiebt, dass man sich um sie kümmert, dass sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Darum ging’s ihr. Vor einem guten Jahr hab ich ihr Tagebuch gefunden, und was da drinstand, was sie sich da zusammenfantasiert hat – einfach lächerlich!«

»Zum Beispiel?«, fragte Strike.

»Zum Beispiel in einem Rollstuhl zu sitzen und bei einem One-Direction-Konzert bis ganz vorn zur Bühne geschoben zu werden, wenn das Bein erst einmal weg ist. Und dass anschließend die Band zu ihr kommt und sich rührend um sie kümmert, weil sie behindert ist«, sagte Hazel in einem Atemzug. »Das muss man sich mal vorstellen! Ekelhaft! Ich bin Krankenschwester, ich sehe so was jeden Tag. Na ja«, bemerkte sie mit einem Blick auf Strikes Unterschenkel, »Ihnen muss ich das ja nicht erzählen. Sie haben doch nicht etwa …«, fragte sie rundheraus, »Sie haben doch nicht … Haben Sie es sich … Sie haben es sich doch nicht selbst …«

Hatte sie Strike etwa deshalb treffen wollen? Hatte sie den unterbewussten Drang verspürt, in dem Meer, in das sie so unversehens geworfen worden war, einen Rettungsanker zu finden? Hatte sie ihrer Schwester – auch wenn die inzwischen tot und insofern wenig empfänglich dafür war – beweisen wollen, dass sie recht gehabt hatte: dass normale Menschen so etwas nicht taten, nicht im echten Leben, in einer Welt, in der die Sofakissen ordentlich aufgereiht und Behinderungen ausschließlich das Resultat unglücklicher Umstände waren? Etwa einer einstürzenden Mauer oder einer Explosion am Straßenrand?

»Nein«, sagte Strike. »Eine Sprengladung.«

»Na bitte. Sehen Sie!« Der verzweifelte Triumph trieb ihr erneut die Tränen in die Augen. »Genau das hätte ich ihr sagen sollen. Ich hätte es ihr sagen sollen, wenn sie nur … Hätte sie mich doch gefragt … Aber stattdessen hat sie behauptet« – Hazel schluckte –, »dass sich ihr Bein irgendwie fehl am Platz anfühlte. Wie ein Tumor oder so, den man wegschneiden müsste. Ich wollte mir diesen Blödsinn nicht anhören. Ray hat noch versucht, sie zur Vernunft zu bringen. Sie wüsste ja gar nicht, wovon sie redet, hat er gesagt. Im Krankenhaus zu liegen, so wie er nach seiner Rückenverletzung, das ist kein Spaß, hat er gesagt. Monatelang eingegipst zu sein, sodass man sich wund liegt und Infektionen kriegt und so. Aber er ist nie wütend geworden. Er hat sie gebeten, ihm im Garten zu helfen und so. Um sie abzulenken. Die Polizei hat gesagt, dass sie übers Internet mit irgendwelchen Leuten in Kontakt gekommen ist, die das gleiche Problem haben. Das wussten wir nicht. Sie war immerhin sechzehn – wir konnten doch nicht in ihrem Laptop rumschnüffeln, oder? Ich hätte sowieso nicht gewusst, wonach ich hätte suchen sollen.«

»Hat sie Ihnen gegenüber jemals meinen Namen erwähnt?«, fragte Strike.

»Das hat die Polizei auch gefragt. Nein, ich kann mich nicht erinnern. Ray auch nicht. Also, nichts für ungut – ich konnte mich zwar noch an diesen Lula-Landry-Prozess erinnern, aber Ihr Name wäre mir ganz sicher nicht mehr eingefallen. Ich hätte Sie auch nicht wiedererkannt. Wenn Kelsey Sie erwähnt hätte, wäre mir das bestimmt komisch vorgekommen. Sie haben schließlich einen ziemlich merkwürdigen Namen, wenn Sie entschuldigen …«

»Was ist mit ihren Freunden? Ist sie oft ausgegangen?«

»Sie hatte kaum Freunde. Sie war nicht gerade beliebt. Kein Wunder – sie hat auch ihre Mitschüler andauernd angelogen. Sie war eine Außenseiterin … Nein, sie hat wirklich nicht oft das Haus verlassen. Keine Ahnung, wann sie diesen Niall getroffen haben will.«

Ihre Wut kam für Strike nicht überraschend. Kelsey war ein unwillkommener Zugang in ihrem makellosen Haushalt gewesen. Jetzt würde Hazel für den Rest ihres Lebens Schuld und Trauer, Schrecken und Reue mit sich herumtragen, nicht zuletzt deshalb, weil ihre Schwester gestorben war, ehe sie die Marotten, die ein harmonisches Zusammenleben verhindert hatten, losgeworden war.

»Dürfte ich kurz Ihre Toilette benutzen?«, fragte Strike.

Hazel tupfte sich die Augen trocken und nickte.

»Im ersten Stock, gleich an der Treppe.«

Während Strike seine Blase entleerte, las er die gerahmte Urkunde über dem Spülkasten, die dem Feuerwehrmann Ray Williams für seinen »mutigen und verdienstvollen Einsatz« verliehen worden war. Vermutlich hatte nicht Ray, sondern Hazel sie dort aufgehängt. Ansonsten war im Badezimmer nicht viel von Interesse. Die penible Ordnung und Sauberkeit, die auch im Rest des Hauses herrschte, erstreckte sich bis hin zum Medizinschrank. Nach dessen Durchsicht wusste Strike nicht nur, dass Hazel noch menstruierte, sondern auch, dass sie Zahncreme auf Vorrat kaufte und mindestens ein Bewohner des Hauses an Hämorrhoiden litt.

Er verließ das Bad, so leise er konnte. Durch eine geschlossene Tür drang Rays leises Schnarchen. Strike machte zwei entschlossene Schritte nach rechts und stand in Kelseys winzigem Zimmer.

Alles – von den Wänden bis zur Bettdecke, dem Lampenschirm und den Vorhängen – war in ein und demselben zarten Fliederton gehalten. Dass irgendjemand hier versucht hatte, mit rigidem Ordnungssinn gegen das Chaos anzukämpfen, wäre Strike auch ohne Kenntnis des übrigen Hauses nicht entgangen.

Eine große Korkpinnwand verhinderte, dass Reißzwecken hässliche Löcher in der Wand hinterließen. Kelsey hatte das Korkbrett mit den Bildern fünf gut aussehender junger Männer tapeziert – One Direction, vermutete Strike. Ihre Köpfe und Beine ragten über die Pinnwand hinaus. Ein blonder Junge war überdurchschnittlich oft zu sehen. Neben den Bildern der Band hingen ausgeschnittene Fotos von Welpen – hauptsächlich Shih Tzus – und augenscheinlich zufällige Wörter und Abkürzungen: OCCUPY, FOMO, AMAZEBALLS, dazu NIALL in zahlreichen Variationen zumeist in einem Herzchen. Die anscheinend willkürlich zusammengewürfelte Collage stand in krassem Gegensatz zu der Präzision, mit der die Decke auf der Matratze und der fliederfarbene Teppich auf dem Boden positioniert worden waren.

Auf dem Bücherregal fiel Strike eine nagelneue Ausgabe von One Direction: Forever Young – Our Official X Factor Story ins Auge. Daneben standen die Twilight-Reihe, eine Schmuckschatulle, ein Durcheinander aus Krimskrams, in das nicht einmal Hazel Ordnung hatte bringen können, eine Plastikschachtel mit billigem Make-up und mehrere Plüschtiere.

Strike, der darauf vertraute, dass die Treppe Hazels beträchtliches Gewicht rechtzeitig ankündigen würde, zog hastig eine Schublade nach der anderen auf. Selbstverständlich hatte die Polizei alles Wichtige bereits mitgenommen: den Laptop, Notizzettel mit Telefonnummern und Namen sowie Kelseys Tagebücher, falls sie die nach Hazels Razzia überhaupt weitergeführt hatte. Zu den verbliebenen Gegenständen zählten: Schreibpapier, das demjenigen ähnlich sah, auf dem Kelsey ihren Brief an Strike verfasst hatte, ein altes Nintendo DS, ein Satz falscher Fingernägel, eine kleine Schachtel mit guatemaltekischen Sorgenpüppchen und – versteckt in einem flauschigen Federmäppchen in der untersten Schublade des Nachtschränkchens – mehrere Tablettenstreifen. Er musterte das Medikament genauer: eiförmige, senffarbene Kapseln mit dem Aufdruck »Accutane«. Strike steckte einen Streifen ein, schob die Schublade wieder zu und trat an den unaufgeräumten, leicht muffigen Kleiderschrank. Kelsey hatte am liebsten Schwarz und Pink getragen. Eilig tastete er die Kleidungsstücke ab und durchsuchte die Taschen. In einem sackartigen Kleid entdeckte er einen zusammengeknüllten Zettel mit der Nummer 18 – ein Tombolalos oder eine Garderobenmarke.

Hazel hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Wahrscheinlich hätte Strike sich noch länger umsehen können, ohne dass seine Abwesenheit bemerkt worden wäre. Als er das Wohnzimmer wieder betrat, schrak sie zusammen. Sie hatte wieder geweint.

»Danke, dass Sie vorbeigekommen sind«, sagte sie mit belegter Stimme und stand auf. »Entschuldigen Sie, ich …«

Sie schluchzte heftig. Strike legte ihr eine Hand auf die Schulter, und ehe er sichs versah, ruhte ihr Kopf an seiner Brust, und ihre Finger krallten sich in seinen Mantelsaum. Dies war kein Annäherungsversuch, dies zeugte von echter Seelenqual. Er nahm sie in den Arm, und so standen sie eine geschlagene Minute da, bevor sie ihn nach ein paar tiefen Atemzügen wieder losließ. Stumm schüttelte sie den Kopf und brachte ihn zur Tür.

Strike sprach ihr noch einmal sein Beileid aus, und sie nickte. Im Tageslicht, das in den dunklen Flur fiel, schimmerte ihr Gesicht leichenblass.

»Danke, dass Sie gekommen sind«, krächzte sie erneut. »Ich wollte Sie einfach nur mal treffen. Keine Ahnung, wieso. Entschuldigung.«

35

Dominance and Submission

Seitdem er von zu Hause ausgezogen war, hatte er mit drei Frauen zusammengelebt, doch diese – Es – brachte ihn an seine Grenzen. Alle drei Schlampen hatten behauptet, ihn zu lieben, was immer das heißen sollte. Doch durch diese sogenannte Liebe waren die ersten beiden wenigstens leicht zu manipulieren gewesen. Tief in ihrem Innern waren sie alle untreue Fotzen, die immer nur nahmen, ohne zu geben. Trotzdem – gegen Es waren die anderen ein Kinderspiel gewesen. Inzwischen musste er sich mehr gefallen lassen als je zuvor in seinem Leben, da Es einen unverzichtbaren Teil seines großen Plans darstellte.

Dennoch stellte er sich ständig vor, wie es wäre, Es zu töten, wie die Gesichtszüge erschlafften, wenn er das Messer tief in ihren Bauch rammte. Wie Es sich selbst dann noch weigern würde zu glauben, dass Baby (Es nannte ihn Baby) Es tötete, wenn das heiße Blut über seine Hände liefe und der Rostgeruch die Luft erfüllte, durch die noch ihre Schreie hallten …

Gute Miene zum bösen Spiel zu machen war Gift für seine Selbstbeherrschung. Die Frauen mit seinem Charme einzuwickeln, sie gefügig zu machen beherrschte er inzwischen aus dem Effeff. Die Fassade über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten dagegen gelang ihm nur mit Mühe. Manchmal wünschte er sich, ihre Lunge mit seinem Messer zu durchlöchern, wenn er Es nur atmen hörte …

Wenn er nicht bald eine in die Finger bekäme, würde er verdammt noch mal durchdrehen.

Unter einem Vorwand verließ er früh am Montagmorgen das Haus. Als er sich der Denmark Street näherte, um dort die Sekretärin auf dem Weg zur Arbeit abzupassen, regte sich etwas in ihm, so unmerklich wie das Zucken einer Rattenschnauze.

Er blieb neben einer Telefonzelle stehen und beobachtete eine Gestalt, die gegenüber an der Ecke Denmark Street vor einem in grellbunten Zirkusfarben bemalten Musikladen stand.

Er kannte die Tricks und Spielchen, die Polizisten im Repertoire hatten. Dieser junge Mann, der mit den Händen in den Taschen seiner Donkeyjacke herumstand, tat nur so, als wäre er ein unbeteiligter Passant.

Nein, in ihm würde dieses Schwanzgesicht seinen Meister finden. Er konnte sich praktisch unsichtbar machen. Und dieser Trottel, der dort an der Ecke herumlungerte und sich einbildete, er würde nicht weiter auffallen, weil er eine Donkeyjacke trug … Da musst du schon ein bisschen früher aufstehen, Sportsfreund.

Er drehte sich langsam um und verschwand hinter der Telefonzelle. Dort nahm er die Mütze ab … Er hatte sie getragen, als Strike ihm nachgelaufen war. Gut möglich, dass Donkeyjacke eine Beschreibung erhalten hatte. Damit hätte er rechnen müssen. Natürlich hatte Strike seine Polizistenkumpel alarmiert, die feige Sau …

Aber es gibt ja noch nicht mal ein Phantombild, dachte er, während er sich ein Stück entfernte und sein Selbstvertrauen zurückkehrte. Strike war ihm bereits so nahe gewesen – und hatte immer noch keinen blassen Schimmer. Gott, wie gut es sich anfühlen würde, wenn er die Sekretärin erst erledigt hätte und Strike und dessen beschissene Detektei von den Medien in den Dreck gezogen würden, wenn ihm Polizei und Presse keine Ruhe mehr ließen, wenn alle Welt glauben würde, dass er nicht einmal in der Lage gewesen wäre, seine Mitarbeiter zu beschützen, oder ihn gar selbst des Mordes verdächtigte. Das wäre sein Ruin …

Seine nächste Station war die London School of Economics, wo die Sekretärin bestimmt gerade dabei war, dieses andere blonde Flittchen zu observieren. Doch zuvor brauchte er noch eine andere Mütze, wenn nicht sogar eine neue Sonnenbrille. Allerdings hatte er wie üblich kaum Bargeld dabei. Er musste Es schleunigst wieder zur Arbeit schicken. Er durfte nicht dulden, dass Es noch länger untätig zu Hause herumsaß und ihm die Ohren volljammerte.

Schließlich kaufte er sich zwei neue Kopfbedeckungen: eine Baseballkappe und eine graue Beanie aus Wolle als Ersatz für die schwarze Fleeceversion, die er in einem Mülleimer am Cambridge Circus verschwinden ließ. Dann nahm er die U-Bahn nach Holborn.

Dort war sie nicht. Und auch keine Studenten. Nachdem er sich eine Weile vergeblich nach dem rotblonden Haarschopf umgesehen hatte, fiel ihm ein, dass es Ostermontag und die Universität geschlossen war.

Stunden später kehrte er zur Tottenham Court Road zurück. Sie war weder im Court noch sonst irgendwo in der Nähe des Spearmint Rhino.

Die Enttäuschung bereitete ihm beinahe körperliche Schmerzen, insbesondere weil er mehrere Tage lang das Haus nicht verlassen und sich auf die Suche nach ihr hatte machen können. Aufgewühlt durchstreifte er die ruhigen Seitenstraßen, wartete darauf, dass eine Frau seine Wege kreuzte – irgendeine. Es musste ja nicht die Sekretärin sein. Inzwischen würden sich die Messer in seiner Jacke wohl mit allem zufriedengeben.

Vielleicht hatte sie seine kleine Grußkarte so sehr erschreckt, dass sie gekündigt hatte. Das war nicht seine Absicht gewesen. Sicher, er hatte sie verängstigen und aus der Fassung bringen wollen, aber sie musste weiter für Strike arbeiten. Nur über sie kam er an diesen Dreckskerl ran.

Bitter enttäuscht kehrte er am frühen Abend nach Hause zurück. Bei der Vorstellung, Es die nächsten beiden Tage um sich zu haben, drohte er den letzten Rest Selbstbeherrschung zu verlieren. Es sollte das gleiche Schicksal erleiden, das er für die Sekretärin plante – ja, dann hätte er es kaum erwarten können, nach Hause zu kommen und die Messer zu zücken. Doch das wagte er nicht. Es musste weiterleben. Es musste ihm weiterhin gefügig sein.

Keine achtundvierzig Stunden später hätte er vor Wut und Aggression die Wände hochgehen können. Am Mittwochabend verkündete er, er hätte für den kommenden Tag einen Gelegenheitsjob aufgetan. Ob Es denn nicht auch wieder zur Arbeit gehen wolle? Das darauffolgende Jammern und Wehklagen zerrte so sehr an seinen Nerven, dass er einen Wutausbruch bekam. Von seinem plötzlichen Zorn überrumpelt versuchte Es, ihn zu besänftigen. Es brauche ihn, Es wolle ihn, Es entschuldige sich tausendmal …

Er gab vor, immer noch wütend zu sein. Es und er in einem Bett – das hätte er nicht ertragen, und so konnte er wenigstens masturbieren, auch wenn es ihn nicht wirklich befriedigte. Er wollte, er brauchte den Kontakt des scharfen Stahls mit weiblichem Fleisch, musste das Blut spritzen sehen, seine Dominanz und ihre Unterwerfung in ihren Schreien spüren, in dem Flehen, Wimmern und Keuchen hören, mit dem sie ihr Leben aushauchten. Die Erinnerungen an frühere Taten linderten sein Verlangen nicht, im Gegenteil, sie vergrößerten es nur noch. Er brannte darauf, es wieder zu tun. Er wollte die Sekretärin.

Am Donnerstag stand er um Viertel vor fünf auf, zog sich an, setzte die Baseballkappe auf und durchquerte London bis zu der Wohnung, die sie mit ihrem Schönling teilte. Als er die Hastings Road erreichte, war die Sonne bereits aufgegangen. Ein alter Land Rover, der in einiger Entfernung vor ihrem Haus stand, verschaffte ihm die nötige Deckung. Er lehnte sich dagegen und beobachtete durch die Windschutzscheibe die Fenster ihrer Wohnung.

Um sieben regte sich etwas im Wohnzimmer. Kurz darauf verließ der adrette Anzugträger das Haus. Er wirkte abgespannt und unglücklich. Warte nur, du blöder Trottel, bis ich mit deiner Freundin fertig bin … dann hast du wirklich einen Grund, unglücklich zu sein.

Und dann endlich tauchte auch sie auf – in Begleitung einer älteren Frau, die große Ähnlichkeit mit ihr hatte.

Gottverdammte Scheiße.

Was sollte das denn werden? Machte sie mit ihrer beschissenen Mutter einen Ausflug? Das war doch der blanke Hohn. Wieder einmal hatte sich die ganze Welt gegen ihn verschworen, hielt ihn davon ab, die Dinge zu tun, die er wollte, hielt ihn klein. Seine Allmacht schwinden zu spüren war ein beschissenes Gefühl. Menschen und äußere Umstände setzten ihm Grenzen, reduzierten ihn zu einem zornigen, machtlosen Sterblichen. Dafür würde jemand büßen müssen.

36

I have this feeling that my luck is none too good …

BLUE ÖYSTER CULT, »BLACK BLADE«

Am Donnerstagmorgen streckte Strike einen schweren Arm aus und schlug mit der Hand so heftig auf den klingelnden Wecker, dass das alte Ding vom Nachttisch auf den Boden fiel. Mit zusammengekniffenen Augen blickte er ins Sonnenlicht, das durch die dünnen Vorhänge schien. Der Wecker hatte, wenn auch unsanft, seine Pflicht erfüllt, doch die Versuchung, sich umzudrehen und weiterzuschlafen, war beinahe übermächtig. Mehrere Sekunden lang lag Strike mit dem Unterarm über den Augen da. Dann schlug er ächzend und seufzend die Decke zurück, um sich dem neuen Tag zu stellen. Als er kurze Zeit später nach der Badezimmertürklinke tastete, rechnete er sich aus, dass er in den letzten fünf Nächten im Schnitt zu nicht mehr als drei Stunden Schlaf gekommen war.

Wie von Robin vorausgesehen hatte er sich, nachdem er sie von der Arbeit freigestellt hatte, zwischen der Observierung von Mad Dad und Platin entscheiden müssen. Da Ersterer seine Söhne erst kürzlich so sehr erschreckt hatte, dass sie vor Angst in Tränen ausgebrochen waren, hatte Strike entschieden, Mad Dad Priorität gegenüber Platins wenig spektakulärem Alltag einzuräumen. Und so hatte er einen großen Teil der Woche damit verbracht, Foto um Foto des Mannes zu schießen, der seinen Söhnen hinterherspionierte und sie – wenn die Mutter nicht anwesend war – gelegentlich auch belästigte.

In der übrigen Zeit hatte er seine eigenen Ermittlungen weitergeführt. Die Polizei kam seiner Ansicht nach zu langsam voran. Noch immer wies nicht das kleinste Indiz auf eine Verbindung zwischen dem Mord an Kelsey Platt und Brockbank, Laing oder Whittaker hin. Strike hatte in den vergangenen fünf Tagen beinahe jede freie Stunde mit hartnäckiger, verbissener Ermittlungsarbeit zugebracht – so sehr hatte er sich seit seiner Zeit bei der Army nicht mehr ins Zeug gelegt.

Wacklig stand er auf seinem Bein und drehte den Temperaturregler der Dusche im Uhrzeigersinn, ließ sich den Schlaf vom eisigen Wasser vollends austreiben. Unter dem dunklen Haar auf Brust, Armen und Beinen bildete sich Gänsehaut. Dass nicht genug Platz war, um hinzufallen, wenn er ausrutschte, stellte den einzigen Pluspunkt der winzigen Duschkabine dar. Frisch gewaschen hüpfte er ins Schlafzimmer zurück, wo er sich nachlässig abtrocknete und dann den Fernseher einschaltete.

So gut wie jeder Nachrichtensender brachte Vorberichterstattungen zur königlichen Hochzeit, die tags darauf stattfinden würde. Während er die Prothese anlegte, sich anzog und dann ein Frühstück aus Tee und Toast zu sich nahm, plapperten die aufgeregten Moderatoren und Kommentatoren unermüdlich über die vielen Menschen, die entlang der Paraderoute und vor der Westminster Abbey campierten, sowie über die Touristenhorden, die anlässlich der Feierlichkeiten in London einfielen. Strike schaltete den Fernseher aus und ging nach unten ins Büro. Er gähnte herzhaft und fragte sich, wie Robin dieses multimediale Bombardement zum Thema Hochzeit wohl überstehen würde. Er hatte sie seit jenem Freitag, an dem die Jack-Vettriano-Karte mitsamt der widerwärtigen Überraschung angekommen war, nicht mehr gesehen.

Ungeachtet der Tatsache, dass er schon in der Wohnung einen großen Becher Tee getrunken hatte, schaltete er wie immer gleich den Wasserkocher an, sobald er das Büro betrat. Dann legte er die Liste mit Strip- und Nachtclubs und Massagesalons, die er in seinen wenigen freien Stunden zusammengestellt hatte, auf Robins Schreibtisch. Später würde er sie bitten, die Aufstellung einschlägiger Etablissements in Shoreditch und Umgebung zu ergänzen und nacheinander abzutelefonieren – eine Aufgabe, die sie würde erledigen können, ohne die Wohnung zu verlassen. Die Erinnerung an ihr leichenblasses Gesicht setzte ihm immer noch so sehr zu, dass er sie am liebsten postwendend mit ihrer Mutter nach Masham geschickt hätte. Doch diesbezüglich ließ Robin nicht mit sich reden.

Strike unterdrückte ein weiteres Gähnen und ließ sich hinter Robins Schreibtisch nieder, um seine E-Mails zu lesen. Er vermisste Robins Gegenwart im Büro, ihren Enthusiasmus, ihre zupackende Art und ihre natürliche, ungezwungene Freundlichkeit. Insgeheim freute er sich darauf, sie wiederzusehen – nicht zuletzt um ihr von den wenigen Fortschritten zu berichten, die er hinsichtlich der drei Männer gemacht hatte, die gegenwärtig seine Gedanken beherrschten.

Mittlerweile hatte er insgesamt knapp zwölf Stunden in Catford zugebracht, ohne auch nur ein einziges Mal zu sehen, wie Whittaker die Wohnung über der Frittenbude betreten oder verlassen hätte. Der Imbiss lag zwischen Fischgeschäften, Perückenläden, Cafés und Bäckereien an einer belebten Straße hinter der abgerundeten rückwärtigen Fassade des Catford Theatre. Über jedem Geschäft befand sich eine Wohnung mit drei in einer Dreiecksformation arrangierten Bogenfenstern. Die fadenscheinigen Vorhänge der Wohnung, in der Shanker Whittaker vermutete, waren ständig zugezogen. Tagsüber boten Strike die kleinen Verkaufsbuden willkommene Deckung. Er hatte sich so lange neben auf Eis liegendem rohem Fisch und in den Räucherwerkschwaden des Traumfängerstands aufgehalten, dass er den Gestank nicht mal mehr wahrnahm.

Drei Abende lang hatte Strike im Schatten des Bühneneingangs gegenüber der Wohnung gestanden. Gelegentlich waren undeutliche Gestalten hinter den Vorhängen vorbeigehuscht. Dann, am Mittwochabend, hatte sich die Tür neben dem Imbiss geöffnet, und eine ausgemergelte Jugendliche war dahinter zum Vorschein gekommen.

Sie hatte sich das dunkle, fettige Haar zurückgebunden. Auf ihrem eingefallenen Gesicht, das dem eines Kaninchens ähnelte, prangten fast schon violette Schatten, die auf regelmäßigen Drogenkonsum schließen ließen. Sie trug ein bauchfreies Top, eine graue Kapuzenjacke und Leggins, in denen ihre dürren Beine aussahen wie Pfeifenreiniger. Mit eng um den Oberkörper geschlungenen Armen lehnte sie sich so lange gegen die Tür, bis diese nachgab und sie beinahe der Länge nach in den Imbiss stürzte. Strike war sofort über die Straße gerannt und bekam die Tür gerade noch zu fassen, ehe sie wieder ins Schloss fiel. Er stellte sich direkt hinter ihr in die Schlange.

Als sie an der Reihe war, begrüßte der Mann hinter dem Tresen sie mit Namen: »Alles klar, Stephanie?«

»Ja, ja«, gab sie leise zurück. »Zwei Cola, bitte.«

Diverse Piercings zierten ihre Ohren, Nase und Lippen. Nachdem sie das Münzgeld abgezählt hatte, verließ sie mit gesenktem Kopf den Laden, ohne Strike auch nur eines Blickes zu würdigen.

Strike selbst kehrte in die dunkle Türnische gegenüber zurück, verzehrte die Pommes, die er sich gekauft hatte, und konzentrierte sich wieder auf die Wohnung über dem Imbiss. Der Kauf zweier Getränke ließ die Vermutung zu, dass Whittaker oben wartete. Womöglich lag er nackt auf einer Matratze, genau wie ihn Strike in seinen Jugendjahren oft gesehen hatte. Eigentlich hatte der Detektiv geglaubt, das alles hinter sich gelassen zu haben, doch als ihm in der Schlange vor der Kasse bewusst geworden war, dass ihn nur wenige Meter und lediglich eine verputzte Sperrholzdecke von diesem Arschloch trennten, hatte sein Herz vor Wut schneller geschlagen. Er behielt stur die Wohnung im Blick, bis dort gegen ein Uhr in der Nacht die Lichter ausgingen. Von Whittaker keine Spur.

Mit Laing hatte er auch nicht viel mehr Glück gehabt. Nach eingehender Betrachtung der Umgebung auf Google Street View war Strike zu dem Schluss gekommen, dass der Balkon, auf dem der rothaarige Laing für das Foto auf der JustGiving-Seite posiert hatte, zu einem schäbigen, nicht weit vom Strata entfernten Wohnkomplex an der Wollaston Close gehörte. Laing war weder im Wählerverzeichnis noch im Telefonregister zu finden. Dennoch gab Strike die Hoffnung nicht auf, dass er dort als Gast oder Untermieter wohnte und nur deshalb keinen Festnetzanschluss besaß. Am Dienstagabend hatte er den Wohnblock stundenlang mithilfe eines Nachtsichtgeräts observiert, das ihm nach Einbruch der Dunkelheit Einblick zumindest in die unverhängten Fenster gestattet hatte. Der Schotte hatte das Gebäude weder betreten noch verlassen und war auch in keiner der Wohnungen zu sehen gewesen. Um Laing nicht zu verraten, dass er ihm auf die Schliche gekommen war, hatte Strike davon abgesehen, den Gebäudekomplex zu betreten. Stattdessen hatte er sich tagsüber unter den Backsteinbogen einer stillgelegten, zugemauerten Eisenbahnbrücke in der Nähe herumgetrieben. Unter den Bogen waren ein ecuadorianisches Café und ein Friseur untergebracht. Strike hatte schweigend zwischen fröhlichen Südamerikanern gegessen und getrunken und dabei über seinen unkommunikativen Missmut nachgegrübelt.

Das nächste Gähnen ging in einen müden Seufzer über. Er streckte sich so ausgiebig in Robins Drehstuhl, dass er die ersten klappernden Schritte auf den Metallstufen der Wendeltreppe überhörte. Als er endlich realisierte, dass jemand heraufkam, und auf die Uhr sah – für Robin war es viel zu früh, Lindas Zug würde erst um elf abfahren –, fiel bereits ein Schatten auf die Wand vor der Milchglastür. Dann klopfte es, und zu seiner Überraschung betrat Two-Times das Büro.

Der dicke Geschäftsmann mittleren Alters war erheblich reicher, als es seine etwas zerknitterte, ansonsten aber unauffällige Erscheinung vermuten ließ. Auf seinem Durchschnittsgesicht zeichnete sich tiefe Verwirrung ab.

»Sie hat Schluss gemacht«, verkündete er ohne Vorrede.

Dann setzte er sich auf das Kunstledersofa und zuckte angesichts des unvermeidlichen Furzgeräuschs heftig zusammen. Schon der zweite Schreck des Tages, dachte Strike. Dass man ihn verlassen hatte, war gewiss ein schwerer Schock für Two-Times, dessen bisherige Vorgehensweise darin bestanden hatte, Beweise für die Untreue der gegenwärtig von ihm favorisierten Blondine zu sammeln, sie damit zu konfrontieren und dann die Beziehung selbst zu beenden. Strike hatte mit der Zeit begriffen, dass dieser Augenblick für Two-Times das Äquivalent zu einem befriedigenden sexuellen Höhepunkt darstellte. Der Mann war eine wirklich außergewöhnliche Mischung aus Masochist, Voyeur und Kontrollfreak.

»Tatsächlich?« Strike stand auf und ging zum Wasserkocher. Er brauchte Koffein. »Wir haben sie ohne Unterlass genauestens überwacht. Keine Spur von einem anderen Mann.«

In Wahrheit hatte er im Fall Platin in der vergangenen Woche kaum mehr unternommen, als Ravens Anrufe entgegenzunehmen. Einige waren sogar auf der Mailbox gelandet, während er gerade Mad Dad observiert hatte. Strike hätte nicht einmal mit Bestimmtheit sagen können, ob er die Nachrichten überhaupt abgehört hatte. Er hoffte inständig, dass Raven ihm darauf keine Warnung bezüglich eines reichen Verehrers hinterlassen hatte, der im Austausch gegen exklusivere Dienstleistungen Platins Studium finanziell unterstützen wollte. In einem solchen Fall würde er Two-Times von seiner Klientenliste streichen können.

»Warum hätte sie denn sonst Schluss machen sollen?«, fragte Two-Times.

Weil Sie nicht mehr alle Tassen im Schrank haben?

»Na ja, dass es einen Nebenbuhler gibt, kann ich natürlich nicht ausschließen«, sagte Strike und löffelte Instantkaffee in einen Becher. Er musste seine Worte jetzt sorgfältig wählen. »Aber wenn, muss sie es äußerst geschickt angestellt haben. Wir haben jede ihrer Aktivitäten überwacht«, log er. »Kaffee?«

»Angeblich sind Sie der Beste Ihrer Zunft«, murrte Two-Times. »Nein danke, ich trinke keinen Instantkaffee.«

Strikes Handy klingelte. Er nahm es aus der Tasche und warf einen Blick auf das Display: Wardle.

»Sorry, da muss ich kurz rangehen«, teilte er seinem verärgerten Klienten mit.

»Hi, Wardle.«

»Malley kann’s nicht gewesen sein«, eröffnete Wardle ihm ohne Umschweife.

Strike war so müde, dass er sekundenlang erst einmal gar nichts begriff. Erst allmählich dämmerte es ihm, dass Wardle den Gangster meinte, der einem seiner Opfer einst den Penis abgeschnitten hatte und von dessen Schuld Wardle bislang felsenfest überzeugt gewesen war.

»Digger war es also nicht?«, fragte Strike, um Wardle zu signalisieren, dass er aufmerksam zuhörte.

»Unmöglich. Er war zur Tatzeit in Spanien.«

»Spanien«, wiederholte Strike.

Two-Times’ Wurstfinger trommelten auf die Sofalehne.

»Ja«, sagte Wardle. »Auf Menorca. Scheiße.«

Strike nahm einen Schluck Kaffee, der so stark war, dass er das kochende Wasser genauso gut direkt in das Glas Instantpulver hätte gießen können. Kopfschmerzen kündigten sich an, und Strike bekam nur selten Kopfschmerzen.

»Dafür haben wir bei den beiden anderen Fortschritte gemacht, deren Fotos ich Ihnen gezeigt habe«, fuhr Wardle fort. »Der Typ und diese Frau aus diesem Spinnerforum, in dem Kelsey sich nach Ihnen erkundigt hat.«

Strike erinnerte sich nur verschwommen an die Fotos. Ein Mann mit asymmetrischen Augen und eine schwarzhaarige Frau mit Brille.

»Wir haben sie befragt. Sie hatten nur online Kontakt mit Kelsey, persönlich getroffen haben sie sie nie. Außerdem hat zumindest er ein wasserdichtes Alibi für die Tatzeit: eine Doppelschicht in einem Asda-Supermarkt in Leeds. Das haben wir überprüft. Allerdings …« Anscheinend hatte Wardle sich das Spannendste bis zum Schluss aufgehoben. »In diesem Forum war auch ein Kerl unter dem Namen ›Devotee‹ aktiv, der den anderen dort ein bisschen unheimlich war. Er steht auf Amputierte. Hat mehrere weibliche Mitglieder gefragt, welche Körperteile sie sich abnehmen lassen würden, und sogar versucht, sich mit ihnen zu verabreden. In letzter Zeit hält er sich bedeckt. Wir versuchen gerade, ihn ausfindig zu machen.«

»Aha«, sagte Strike, dem Two-Times’ zunehmende Ungeduld nicht entging. »Klingt vielversprechend.«

»Ja. Übrigens – den Brief von diesem Freak, der so in Ihren Stumpf vernarrt war, hab ich nicht vergessen. Nach dem suchen wir auch«, sagte Wardle.

»Toll«, sagte Strike. Er wandte sich zu Two-Times um, der Anstalten machte, sich vom Sofa zu erheben, und signalisierte ihm mit erhobener Hand, das Gespräch sei gleich beendet. »Mir passt’s im Augenblick ganz schlecht, Wardle. Vielleicht melde ich mich später.«

Sobald Wardle aufgelegt hatte, versuchte Strike, den erbosten Two-Times zu besänftigen. Der Detektiv, der sich die Chance auf einen Anschlussauftrag nicht entgehen lassen wollte, vermied es dabei tunlichst, Two-Times darauf hinzuweisen, dass er gegen Platins Entscheidung wohl nicht viel würde ausrichten können. Stattdessen trank er seinen teerschwarzen Kaffee gegen die immer stärker werdenden Kopfschmerzen und wünschte sich nichts sehnlicher, als Two-Times zum Teufel zu schicken.

»Und was«, fragte sein Klient, »werden Sie jetzt unternehmen?«

Strike wusste nicht recht, ob dies eine Aufforderung war, Platin zurück in deren Beziehung zu nötigen, sie auf der Suche nach einem Nebenbuhler durch ganz London zu verfolgen oder Two-Times’ Honorar zurückzuerstatten. Doch noch ehe er nachfragen konnte, waren erneut Schritte auf der Metalltreppe und dann weibliche Stimmen zu hören. Two-Times konnte Strike gerade noch einen fragenden, verwirrten Blick zuwerfen, als auch schon die Glastür aufging.

Strike sah sich einer Robin gegenüber, die größer und attraktiver war als in seiner Erinnerung. Und die den Eindruck erweckte, als wollte sie vor Scham im Erdboden versinken. Bei der Frau hinter ihr konnte es sich nur um ihre Mutter handeln – ein Umstand, der normalerweise belustigtes Interesse bei Strike hervorgerufen hätte. Sie war ein wenig kleiner und breiter, besaß jedoch das gleiche rotblonde Haar, die gleichen blaugrauen Augen und trug eine verschmitzte, scharfsinnige Miene zur Schau, die Robins Boss nur zu gut kannte.

»Tut mir schrecklich leid«, sagte Robin, die bei Two-Times’ Anblick wie angewurzelt stehen geblieben war. »Wir warten unten. Komm mit, Mum …«

Strikes zunehmend genervter Klient stemmte sich vom Sofa auf.

»Nein, nein, woher denn«, sagte er. »Ich hatte ja auch gar keinen Termin vereinbart. Bin schon weg. Sie schicken mir die Endabrechnung, Strike?«

Mit diesen Worten stürmte er aus dem Büro.

Eineinhalb Stunden später saßen Robin und ihre Mutter schweigend in einem Taxi zum Bahnhof King’s Cross. Lindas Koffer schwankte auf dem Wagenboden leicht hin und her.

Robins Mutter hatte darauf bestanden, Strike vor ihrer Rückkehr nach Yorkshire kennenzulernen.

»Du bist seit über einem Jahr bei ihm angestellt. Da wird er ja wohl nichts dagegen haben, wenn ich mal kurz vorbeischaue und Hallo sage. Außerdem will ich sehen, wo du arbeitest, damit ich mir etwas darunter vorstellen kann, wenn du von eurem Büro erzählst …«

Robin hatte vehement Widerstand geleistet. Allein der Gedanke daran, Strike ihrer Mutter vorstellen zu müssen, war ihr peinlich gewesen. Es war ihr kindisch, unangebracht und furchtbar bescheuert vorgekommen. Strike bezweifelte ganz offensichtlich, dass sie die nötigen Nerven für den Fall Kelsey hatte, und das wollte sie nicht auch noch untermauern, indem sie mit ihrer Mutter im Schlepptau in der Detektei aufkreuzte.

Robin bereute es zutiefst, ihr Entsetzen über die Vettriano-Karte so deutlich zur Schau gestellt zu haben. Sie hätte vor Strike keine Angst zeigen dürfen, ganz besonders nicht, nachdem sie ihm von der Vergewaltigung erzählt hatte. Es würde keine Rolle spielen, hatte er behauptet, dabei wusste sie es besser: Inzwischen hatte sie Erfahrung damit, dass alle möglichen Leute versuchten, ihr zu sagen, was für sie gut war und was nicht.

Das Taxi schlich den Inner Circle entlang. Robin rief sich wieder in Erinnerung, dass ihre Mutter nichts dafür konnte, dass sie in ein Klientengespräch mit Two-Times hineingeplatzt waren. Sie hätte Strike vorwarnen müssen. Insgeheim hatte sie gehofft, Strike würde unterwegs oder noch in der Wohnung sein, während sie Linda flugs das Büro zeigte und dann wieder verschwand, sodass sie die beiden nicht miteinander bekannt machen musste. Bei einer Vorwarnung, hatte sie befürchtet, hätte es Strike mit seiner boshaften Neugier erst recht darauf angelegt, ihre Mutter kennenzulernen.

Während Linda und Strike ins Gespräch vertieft gewesen waren, hatte Robin Tee gekocht und sich wohlweislich zurückgehalten. Sie hatte geargwöhnt, dass Linda ihn auch deshalb hatte kennenlernen wollen, um das Maß an Wärme und Sympathie zwischen ihm und ihrer Tochter genauer einschätzen zu können. Zum Glück hatte Strike – unrasiert und mit dunklen Schatten unter den Augen – halbwegs zerrupft und mindestens zehn Jahre älter ausgesehen, als er tatsächlich war. Nachdem Linda Robins Boss in einem solchen Zustand begegnet war, würde sie hoffentlich ihren Verdacht fallen lassen, dass Robin heimlich für ihn schwärmte.

»Ein netter Mann«, stellte Linda fest, als die prächtige Backsteinfassade von St. Pancras vor ihnen auftauchte. »Zugegeben, er sieht nicht gerade gut aus, aber irgendwie hat er was.«

»Ja«, sagte Robin kühl. »Das Gleiche hat Sarah Shadlock auch behauptet.«

Kurz vor ihrem Aufbruch zum Bahnhof hatte Strike Robin in sein Büro gerufen, wo er ihr seine rudimentäre Liste der Massagesalons, Strip- und Nachtclubs ausgehändigt und sie mit der mühseligen Aufgabe betraut hatte, sie samt und sonders auf der Suche nach Noel Brockbank abzutelefonieren.

»Je länger ich darüber nachdenke«, hatte Strike gesagt, »umso eher glaube ich, dass er immer noch als Gorilla oder Türsteher arbeitet. Was soll so ein Riesenkerl mit einem Hirnschaden und einer derartigen Vorgeschichte sonst tun?«

Aus Respekt vor der lauschenden Linda hatte er Robin verschwiegen, dass Brockbank sich seiner Meinung nach nur deshalb immer noch in dieser Branche herumtrieb, weil man im Milieu besonders leicht an schutzlose Frauen herankam.

»Geht klar«, hatte Robin geantwortet, die Liste jedoch auf dem Schreibtisch liegen lassen. »Ich bringe nur schnell Mum zum Zug, dann bin ich wieder …«

»Ach was, mach das von zu Hause aus. Die Telefonkosten bekommst du natürlich erstattet.«

Für einen Sekundenbruchteil war das Destiny’s-Child-Poster vor ihren Augen aufgeflackert. Survivor.

»Und wann darf ich wieder ins Büro?«

»Jetzt erledige erst mal das hier. Hör zu«, sagte er dann, nachdem er ihren Gesichtsausdruck richtig interpretiert hatte, »ich fürchte, Two-Times können wir abschreiben. Und Mad Dad kann ich auch allein machen …«

»Und Kelsey?«

»Du sollst doch versuchen, Brockbank ausfindig zu machen«, sagte er und deutete auf die Liste in ihrer Hand. In seinem Kopf pochte es schmerzhaft, was Robin allerdings nicht wissen konnte. »Morgen ist ohnehin Feiertag und noch dazu die königliche Hochzeit …«

Deutlicher hätte er es nicht sagen können: Er wollte sie loswerden. Während sie dem Büro ferngeblieben war, hatte er eine Veränderung durchgemacht. Vielleicht war ihm wieder eingefallen, dass Robin keine Ausbildung bei der Militärpolizei genossen oder dass das Bein in dem Paket der erste abgetrennte Körperteil gewesen war, den sie je zu Gesicht bekommen hatte. Kurz gesagt: dass sie nicht die Partnerin war, die er sich in einer solchen Extremsituation wünschte.

»Ich war doch gerade erst fünf Tage lang …«

»Verdammt noch mal!« Allmählich verlor Strike die Geduld. »Du sollst nur Listen schreiben und telefonieren – wieso musst du das unbedingt hier machen?«

Nur Listen schreiben und telefonieren.

Elin hatte sie als Sekretärin bezeichnet. Das hatte Robin nicht vergessen.

Im Taxi neben ihrer Mutter wurde jeder vernünftige Gedanke unter einer glühenden Lavaschicht aus Wut und Verbitterung begraben. Als sie sich die Fotos des verstümmelten Leichnams hatte ansehen sollen, hatte Strike sie Wardle gegenüber als seine Partnerin bezeichnet. Doch darauf waren weder ein neuer Arbeitsvertrag noch eine andere offizielle Bestätigung einer Partnerschaft erfolgt. Sie konnte schneller tippen als Strike mit seinen dicken, behaarten Fingern. Sie kümmerte sich um die Rechnungen, den E-Mail-Verkehr und mehr oder weniger allein um das Archiv. Ob Strike selbst Robin in Elins Gegenwart als seine Sekretärin bezeichnet hatte? War die »Partnerin« nur so dahingesagt gewesen, um sie zu beschwichtigen? Hatten Strike und Elin (sie war sich sehr wohl dessen bewusst, dass sie mit solchen Überlegungen Salz in die eigenen Wunden streute) bei einem ihrer heimlichen Abendessen über Robins Unzulänglichkeiten gesprochen? Hatte er Elin anvertraut, wie sehr er es inzwischen bedauerte, eine Frau eingestellt zu haben, die ihm lediglich als Zeitarbeitskraft zugeteilt worden war? Hatte er Elin gar von der Vergewaltigung erzählt?

Für mich war’s damals auch nicht leicht, verstehst du das denn nicht?

Du sollst nur Listen schreiben und telefonieren.

Warum weinte sie plötzlich? Tränen der Wut und der Frustration liefen ihr über die Wangen.

»Robin?«, fragte Linda.

»Schon gut. Alles bestens«, sagte Robin entschlossen und wischte sich mit dem Handballen über die Augen.

Fünf Tage lang war sie mit ihrer Mutter und Matthew in der beklemmenden Enge ihrer Wohnung eingesperrt gewesen. Sie wollte in dieses Gefängnis nicht zurück. So irrational es auch klingen mochte – mitten in London nach einem großen Mann mit Beanie Ausschau zu halten kam ihr sicherer vor, als allein in ihren vier Wänden in der Hastings Road zu hocken.

Endlich erreichten sie King’s Cross. Robin bemerkte Lindas besorgte Seitenblicke auf dem Weg durch den überfüllten Bahnhof und bemühte sich, ihre Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Heute Abend würde sie wieder mit Matthew allein sein. Die bevorstehende endgültige Konfrontation schwebte wie ein Damoklesschwert über ihr. Obwohl sie gegen den Besuch ihrer Mutter gewesen war, musste sie sich beim Abschied eingestehen, dass deren Gegenwart auch etwas Tröstliches gehabt hatte.

»Hier«, sagte Linda. Sie hatte ihren Koffer sicher im Gepäckfach verstaut und war dann auf den Bahnsteig zurückgekehrt, um die letzten Minuten vor der Abfahrt mit ihrer Tochter zu verbringen. »Für dich.«

Sie hielt Robin fünfhundert Pfund hin.

»Mum, das kann ich nicht …«

»Oh doch«, entgegnete Linda. »Nimm’s als Kaution für deine neue Wohnung. Oder gönn dir ein Paar Jimmy Choos für die Hochzeit.«

Am Dienstag waren sie die Bond Street entlanggebummelt und hatten die makellosen Juwelen, die Handtaschen im Wert eines Gebrauchtwagens und die für beide Frauen völlig unerschwinglichen Designerstücke in den Schaufenstern bewundert. Kein Vergleich zu den Geschäften in Harrogate. Ein Schuhladen hatte es Robin ganz besonders angetan. Matthew konnte hohe Absätze nicht ausstehen; aus einer Trotzreaktion heraus hatte sie ihrer Mutter gegenüber den Wunsch nach Zwölf-Zentimeter-Stilettos zum Ausdruck gebracht.

»Das kann ich nicht annehmen«, wiederholte Robin inmitten des hektischen Bahnhofstreibens. Ihre Eltern würden auch noch für die Hochzeit ihres Bruders Stephen aufkommen müssen, die später im Jahr stattfinden sollte. Sie hatten bereits eine Vorauszahlung für Robins Feier geleistet, die schon einmal verschoben worden war. Sie hatten das Hochzeitskleid finanziert und die Schneiderin bezahlt. Die Anzahlung für die Hochzeitsautos war ebenfalls verloren …

»Du musst«, sagte Linda streng. »Investier es in dein Singleleben – oder kauf dir Hochzeitsschuhe.«

Robin kämpfte wortlos gegen die Tränen.

»Wie auch immer deine Entscheidung ausfällt, Dad und ich stehen hinter dir«, sagte Linda. »Aber vielleicht solltest du dir mal die Frage stellen, wieso außer uns noch niemand weiß, dass eure Hochzeit geplatzt ist. Du kannst nicht ewig in diesem Schwebezustand weiterleben. Das bekommt euch beiden nicht. Also nimm das Geld. Entscheide dich.«

Sie nahm Robin fest in den Arm, drückte ihr einen Kuss auf die Wange und stieg wieder in den Zug. Als Robin ihr zum Abschied zuwinkte, zwang sie sich zu einem Lächeln. Sie wartete, bis der Zug, der ihre Mutter zurück nach Masham bringen würde – zu ihrem Vater, zu Rowntree, dem Labrador, und allem anderen, was freundlich und vertraut war –, den Bahnhof verlassen hatte. Dann ließ sie sich auf einer kalten Metallbank nieder, vergrub das Gesicht in den Händen und weinte leise in die Geldscheine, die Linda ihr gegeben hatte.

»Kopf hoch, Schätzchen. Andere Mütter haben auch schöne Söhne.«

Sie blickte auf. Vor ihr stand ein verwahrloster Mann. Der Bauch quoll über den Gürtel. Er grinste sie lasziv an.

Langsam stand Robin auf. Sie war in etwa so groß wie er, sodass sie sich auf Augenhöhe begegneten.

»Verschwinden Sie«, sagte sie.

Er blinzelte, und sein Grinsen erlosch. Als sie davonmarschierte und dabei Lindas Banknoten in die Tasche stopfte, rief er ihr irgendetwas nach, was sie nicht verstand, aber es war ihr auch egal. Eine unspezifische, aber schier überwältigende Wut stieg in ihr auf – Wut auf all die Männer, die einen öffentlichen Gefühlsausbruch als Aufforderung zu begreifen schienen; Männer, die Frauenbrüste anstarrten und dabei taten, als würden sie irgendein Weinregal begutachten; Männer, die allein die körperliche Anwesenheit einer Frau als Anmache verstanden.

Auch Strike war von ihrem Zorn nicht ausgenommen. Er hatte sie heim zu Matthew geschickt, weil er sie für eine Belastung hielt. Eher würde er allein schuften und die Detektei, die er mit ihrer Hilfe aufgebaut hatte, in Gefahr bringen, als sie tun zu lassen, was sie am besten konnte, worin sie ihn gelegentlich sogar übertraf – und das einzig und allein, weil sie sich vor sieben Jahren zur falschen Zeit im falschen Treppenhaus befunden hatte, was seiner Ansicht nach einen unauslöschlichen Makel darstellte.

Ja, sie würde seine verdammten Stripclubs und Nacktbars auf der Suche nach dem Dreckskerl abtelefonieren, der sie herablassend »Mädchen« genannt hatte. Und sie hatte noch was anderes vor. Zu gerne hätte sie Strike davon erzählt, doch dann hatte Linda zum Bahnhof gemusst, und jetzt, da er sie nach Hause geschickt hatte, war ihr die Lust vergangen.

Robin zog den Mantelgürtel fester und marschierte mit finsterem Gesichtsausdruck drauflos. Es war ihr gutes Recht, auch ohne Strikes Wissen eine bestimmte Spur zu verfolgen.

37

This ain’t the garden of Eden.

BLUE ÖYSTER CULT, »THIS AIN’T THE SUMMER OF LOVE«

Wenn sie schon zu Hause sitzen musste, konnte sie sich auch die Hochzeit ansehen. Früh am nächsten Morgen machte Robin es sich mit dem aufgeklappten Laptop auf dem Schoß auf dem Wohnzimmersofa gemütlich. Das Handy lag neben ihr, im Hintergrund lief der Fernseher. Matthew, der ebenfalls freihatte, ging ihr aus dem Weg. Heute hatte er weder angeboten, Tee zu machen, noch hatte er sich nach ihrer Arbeit erkundigt und ließ auch sonst jede unterwürfige Fürsorglichkeit vermissen. Seit Robins Mutter abgereist war, wirkte er nervös, misstrauisch und ernst. Anscheinend hatte Linda ihm während ihrer geflüsterten Unterhaltungen vor Augen geführt, dass gewisse Dinge nicht wiedergutzumachen waren.

Nun lag es an Robin, der Beziehung endgültig den Todesstoß zu versetzen. Lindas Abschiedsworte hatten dies noch einmal dringlicher werden lassen. Obwohl sie immer noch keine neue Behausung gefunden hatte, musste sie Matthew irgendwie zu verstehen geben, dass sie ausziehen würde. Sie mussten sich darauf einigen, wie sie es ihren Freunden und Verwandten beibrachten. Und doch saß sie hier auf dem Sofa und arbeitete lieber, als jenes Thema aufs Tapet zu bringen, das auch unausgesprochen die kleine Wohnung beherrschte und dauerhaft für eine unbehagliche Anspannung sorgte.

Kommentatoren mit einer Blume oder ganzen Anstecksträußchen im Knopfloch ließen sich im Fernsehen über die Dekoration der Westminster Abbey aus. Prominente Hochzeitsgäste schritten auf den Eingang der Kirche zu. Robin hörte nur mit halbem Ohr hin, während sie sich die Telefonnummern von Stripclubs, Nachtlokalen und Massagesalons in Shoreditch und Umgebung notierte. Hin und wieder überflog sie die Kommentarsektion der dazugehörigen Webseiten – immerhin bestand die Möglichkeit, dass ein Türsteher namens Noel erwähnt wurde. Doch es war nur von den dort beschäftigten Frauen die Rede. Die Freier beurteilten sie nach dem Enthusiasmus, mit dem sie ans Werk gingen. In einem Massagesalon gönnte eine gewisse Mandy dem Kunden »volle dreißig Minuten«, ohne »dabei gehetzt zu wirken«; die bezaubernde Sherry von Beltway Strippers war »willig, entgegenkommend« und hatte »Sinn für Humor«. »Zoe kann ich nur empfehlen«, schrieb ein anderer. »Tolle Figur und ein wirklich ›glückliches Ende‹!!!«

In einer anderen Gemütsverfassung – oder auch in einem anderen Leben – hätte Robin sich über derlei Kommentare amüsiert. Anscheinend wollten viele der Männer, die für Sex bezahlten, in dem Glauben gelassen werden, dass die Begeisterung der Frauen echt war, dass sie aufrichtig über die Scherze der Freier lachten, dass sie die Ganzkörpermassagen und Handjobs tatsächlich genossen. Ein Kommentator hatte sogar ein seiner Lieblingsdame gewidmetes Gedicht gepostet.

Noch während sie sorgfältig die Liste zusammenstellte, kamen Robin Zweifel daran, dass Brockbank mit seiner unrühmlichen Vorgeschichte von einem der besseren Etablissements angestellt worden war, die mit kunstvoll ausgeleuchteten und retuschierten Fotos nackter Frauen und mit Sonderangeboten für neugierige Paare warben.

Bordelle waren illegal, wie Robin wusste. Trotzdem musste man nicht allzu tief in den Cyberspace vordringen, um sie zu finden. Durch ihre Arbeit in der Detektei war sie inzwischen versiert darin, Informationen aus den entlegensten Winkeln des Internets zusammenzutragen. Schon bald verglich sie die Bewertungen lokaler Bordelle auf diversen, zum Austausch ebensolcher Informationen hastig zusammengeschusterten Seiten. Hier, am unteren Ende des Qualitätsspektrums, suchte man Poesie vergebens: »Üblicher Tarif für Analsex 60 £«, »bloß Auslenderinnin, ›nix englisch‹«, »recht jung, wahrscheinlich noch sauber. In die andern würd ich meinen Schwanz nich stecken.«

Üblicherweise wurde nur die ungefähre Lage des entsprechenden Etablissements genannt. Strike würde es niemals erlauben, dass sie die Kellerlöcher und Mietskasernen aufsuchte, in denen »hauptsächlich Osteuropäerinnen« oder »nur chinesische Muschis« arbeiteten.

Weil sie eine Pause brauchte und unbewusst auch den Druck loswerden wollte, der auf ihrer Brust lastete, blickte sie zum Fernseher auf. Die Prinzen William und Harry schritten gerade Seite an Seite den Mittelgang hinauf. Die Tür zum Wohnzimmer ging auf, und Matthew kam mit einem Becher Tee in der Hand herein. Ihr hatte er immer noch keinen angeboten. Schweigend setzte er sich in den Sessel und starrte den Fernseher an.

Robin machte sich wieder an die Arbeit, war sich aber Matthews Gegenwart in jedem Augenblick bewusst. Dass er sich zu ihr gesetzt hatte, ohne ein Wort zu verlieren, schien ihr Beweis dafür zu sein, dass er die Trennung akzeptiert hatte – genau wie die Tatsache, dass er ihr weder einen Tee anbot noch zur Fernbedienung griff und den Sender wechselte.

Die Kameras waren auf die Fassade des Goring Hotel gerichtet, um nur nicht den ersten Blick auf Kate Middletons Hochzeitskleid zu verpassen. Robin spähte hin und wieder verstohlen über den Rand des Laptops hinweg, während sie langsam durch die offenbar von halben Analphabeten erstellten Kommentare zu einem Bordell in der Nähe der Commercial Road scrollte.

Als aufgeregte Schreie und Jubel aus dem Fernseher ertönten, sah Robin gerade rechtzeitig auf, um Kate Middleton in eine Limousine steigen zu sehen. Lange Spitzenärmel – genau wie die, die sie von ihrem eigenen Kleid hatte abtrennen lassen …

Die Limousine rollte davon. Hinter ihrem Vater war die Braut gerade noch sichtbar. Sie trug das Haar offen. Robin hatte es ebenfalls offen tragen wollen, weil es Matthew so gefiel. Tja, war jetzt auch schon egal …

Die jubelnde Menge reichte bis zur Mall. Union Jacks, so weit das Auge reichte.

Sie tat wieder so, als wäre sie in ihren Laptop vertieft, als Matthew sich zu ihr umdrehte.

»Tee?«

»Nein«, sagte sie. »Danke«, fügte sie widerstrebend hinzu, als sie sich ihres aggressiven Tonfalls bewusst wurde.

Das Handy neben ihr piepte, was Matthew an einem ihrer freien Tage normalerweise verärgert oder zumindest verstimmt hätte, weil er jedes Mal – gelegentlich sogar zu Recht – eine Nachricht von Strike vermutete. Heute allerdings drehte er sich einfach wieder zum Fernseher um.

Robin nahm das Telefon in die Hand und überflog die eingegangene SMS:

Woher weiß ich, dass Sie keine Journalistin sind?

Es handelte sich um die Spur, die sie ohne Strikes Wissen verfolgt hatte. Die Antwort hatte sie sich schon zurechtgelegt. Während die Menge im Fernsehen die langsam dahinfahrende Limousine bejubelte, tippte sie:

Wenn die Presse von Ihnen wüsste, stünden längst Reporter vor Ihrem Haus. Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie im Internet nach mir suchen sollen. Auf einem Foto gehe ich gerade ins Gerichtsgebäude, um im Mordfall Owen Quine auszusagen. Haben Sie’s gefunden?

Mit klopfendem Herzen legte sie das Handy wieder beiseite.

Vor der Abbey stieg Kate Middleton aus ihrer Limousine. In dem Spitzenkleid sah ihre Taille so schlank und sie selbst so glücklich aus … wahrhaftig glücklich …

Robin schlug das Herz bis zum Hals, als sie zusah, wie die schöne Frau mit dem Diadem auf den Kircheneingang zuging.

Das Handy piepte wieder.

Ich hab das Foto gesehen. Und?

Matthew schnaubte in seinen Teebecher, was Robin nicht weiter beachtete. Wahrscheinlich nahm er an, sie und Strike würden Nachrichten austauschen. Zumindest war dies üblicherweise der Grund, wenn er Grimassen schnitt oder entnervt aufseufzte. Robin schaltete die Kamerafunktion des Handys ein, hielt es sich vors Gesicht und machte ein Foto.

Matthew, durch den Blitz erschreckt, blickte zu ihr rüber.

Er weinte.

Mit zitternden Fingern schickte Robin die MMS mit dem Selfie ab. Um Matthew nicht ansehen zu müssen, konzentrierte sie sich wieder auf den Fernseher. Inzwischen schritt Kate Middleton an der Seite ihres Vaters bedächtig durch den mit rotem Teppich ausgelegten Mittelgang, der die Menge der Gäste teilte, und auf den Höhepunkt einer Million Märchen und Geschichten zu: die Bürgerliche, die sich gemessenen Schrittes ihrem Prinzen näherte, die Schönheit, die bald in den Adelsstand erhoben würde …

Unwillkürlich musste Robin an jenen Abend denken, an dem Matthew unter der Eros-Statue am Piccadilly Circus um ihre Hand angehalten hatte. Die Penner auf den Stufen hatten gejohlt, als Matthew vor ihr auf die Knie gesunken war. Für Robin selbst war der Antrag völlig unerwartet gekommen. Sie hätte auch nie damit gerechnet, dass Matthew in einer Wolke aus Alkoholdunst und Abgasen auf dem feuchten, schmutzigen Steinboden seinen besten Anzug riskierte. Der blinkende Saphir in der kleinen blauen Samtschachtel war kleiner und blasser als der von Kate Middleton gewesen. Wie Matthew ihr später gestanden hatte, hatte er den Stein passend zu ihrer Augenfarbe ausgesucht. Als sie Ja gesagt hatte, war einer der Penner aufgestanden und hatte applaudiert. Die Neonlichter des Piccadilly Circus, die sich in Matthews strahlendem Gesicht gespiegelt hatten, sah sie immer noch deutlich vor sich.

Neun Jahre des gemeinsamen Heranwachsens, der Auseinandersetzungen und der Versöhnungen, der Liebe. Neun Jahre, in denen sie trotz des traumatischen Ereignisses, das eigentlich das Ende der Beziehung hätte bedeuten müssen, aneinander festgehalten hatten.

Am Tag nach dem Antrag war sie von der Zeitarbeitsagentur zu Strike geschickt worden. Es schien ihr eine Ewigkeit her zu sein. Inzwischen kam sie sich wie eine völlig andere Person vor … oder zumindest war das bis gestern so gewesen. Dann hatte Strike sie nach Hause geschickt, um Telefonnummern abzuschreiben, und war der Frage, wann sie als gleichberechtigte Partnerin zurückkehren und weiterarbeiten dürfe, aus dem Weg gegangen …

»Sie haben sich getrennt.«

»Was?«, fragte Robin.

»Die beiden haben sich auch getrennt«, sagte Matthew. Dann versagte ihm die Stimme, und er nickte bloß in Richtung Fernseher. Prinz William wandte sich gerade seiner Braut zu. »Sie waren eine Zeit lang nicht zusammen.«

»Ich weiß«, sagte Robin.

Trotz Matthews verzweifelter Miene versuchte sie, so kühl wie möglich zu klingen.

Aber vielleicht glaube ich auf irgendeiner Ebene, dass du einen besseren Mann verdienst als mich.

»Sind wir … Ist es wirklich aus?«, fragte er.

Kate Middleton war zu Prinz William vor den Altar getreten. Beide wirkten überglücklich, wieder zusammen zu sein.

Robin starrte den Bildschirm an. Diesmal würde sie Matthews Frage definitiv beantworten müssen. Der Verlobungsring lag immer noch im Bücherregal bei seinen Lehrmaterialien über Buchprüfung. Seit sie den Ring abgelegt hatte, hatte ihn niemand angerührt.

»Liebes Brautpaar …«, hob der Dekan von Westminster im Fernseher an.

Sie musste an den Tag zurückdenken, als Matthew sie um ihr erstes Date gebeten hatte. Wie aufgeregt und stolz sie von der Schule heimgelaufen war! Dann fiel ihr Sarah Shadlock wieder ein – wie sie sich in einem Pub in Bath kichernd an Matthew geschmiegt, wie dieser das Gesicht verzogen und sich abgewandt hatte. Sie musste auch an Strike und Elin denken … aber was haben die beiden mit dieser ganzen Sache zu tun?

Sie erinnerte sich wieder daran, wie Matthew blass und zitternd im Krankenhaus gewartet hatte, in dem sie nach der Vergewaltigung vierundzwanzig Stunden lang zur Beobachtung hatte bleiben müssen. Er hatte eine Prüfung versäumt, hatte unentschuldigt gefehlt, weil er nicht von ihrer Seite hatte weichen wollen. Sehr zum Missfallen seiner Mutter übrigens. Den Test hatte er im Sommer nachgeholt.

Ich war 21 und wusste nicht, was ich heute weiß: dass es niemanden gibt wie dich und dass ich niemals jemanden so sehr lieben könnte, wie ich dich liebe.

Sarah Shadlock, die die Arme um den betrunkenen Matthew geschlungen hatte, während er seinen Kummer angesichts einer agoraphobischen Robin, die vor jeder Berührung zurückschreckte, zum Ausdruck gebracht hatte …

Das Handy piepte erneut, und wie ferngesteuert griff Robin danach und las die SMS.

Also gut, Sie sind’s wirklich.

Ohne die Bedeutung der Nachricht zu verstehen oder gar zu antworten, legte Robin das Telefon aufs Sofa zurück. Weinende Männer hatten etwas zutiefst Tragisches. Matthews Augen waren gerötet, seine Schultern zuckten.

»Matt«, sagte sie mit sanfter Stimme über seine leisen Schluchzer hinweg. »Matt …«

Und dann streckte sie die Hand aus.

38

Dance on Stilts

Die Dämmerung überzog den Himmel bereits mit rosafarbenen Marmoradern. Trotzdem waren die Straßen immer noch überfüllt. Eine Million Einheimische und Touristen tummelten sich auf dem Asphalt der Hauptstadt: überall rot-weiß-blaue Hüte, Union Jacks und Plastikkronen. Bierbäuchige Idioten, die Kinder mit bemalten Gesichtern an den Händen hielten, taumelten durch die Menge und ließen sich von der rührseligen Atmosphäre mitreißen, verstopften die U-Bahn und die Straßen. Als er sich auf der Suche nach etwas, was sein Verlangen würde stillen können, durch das Getümmel drängte, hörte er mehr als einmal den Refrain der Nationalhymne – hauptsächlich gegrölt von unmusikalischen Besoffenen, einmal aber auch virtuos vorgetragen von einem Grüppchen fröhlicher Waliserinnen, die ihm vor dem U-Bahn-Ausgang im Weg standen.

Es saß weinend zu Hause. Die Hochzeit hatte Es kurzzeitig alles Elend vergessen lassen – doch dann war Es ganz widerwärtig anhänglich geworden, hatte Tränen des Selbstmitleids geweint, wehleidig um seine Zuneigung und seine Hingabe gebettelt. Er hatte sich nur beherrschen können, indem er sich mit jedem Nerv, jeder Faser seines Körpers darauf konzentriert hatte, was er heute Nacht tun würde. Nur so war es ihm gelungen, geduldig und nachsichtig zu bleiben. Dann hatte Es sich zum Dank die bislang größte Freiheit herausgenommen und versucht, ihn zum Bleiben zu überreden.

Da war ihm – er hatte sich bereits die Jacke mit den Messern angezogen – endgültig der Geduldsfaden gerissen. Natürlich hatte er nicht Hand an Es gelegt; schließlich konnte er Es allein durch seine Worte und die Körpersprache verängstigen und einschüchtern. Er hatte bloß einen kurzen Augenblick lang die Bestie von der Leine lassen müssen. Danach hatte er ungehindert das Haus verlassen können. Es war verschreckt und erschüttert daheim zurückgeblieben.

Das wieder auszubügeln würde nicht einfach werden, dachte er. Ein Strauß billiger Blumen, ein wenig geheuchelte Reue, eine Lügengeschichte darüber, wie viel Stress er zurzeit hätte … Wenn er nur daran dachte, kam ihm die Galle hoch. Er schubste mehrere Feierwütige unsanft beiseite. Allein aufgrund seiner Größe und seiner bedrohlichen Haltung wollte sich niemand mit ihm anlegen. Sie waren fleischgewordene Kegel, leblos, unbedeutend. Er beurteilte seine Mitmenschen ausschließlich nach dem Nutzen, den sie für ihn hatten. Deshalb war die Sekretärin auch so wichtig für ihn. Noch nie war er einer Frau so ausdauernd gefolgt.

Sicher, bei der Letzten hatte es auch lange gedauert, aber das war eine völlig andere Situation gewesen: Die dumme kleine Schlampe hatte sich ihm so willig ausgeliefert, als wäre es ihr sehnlichster Wunsch gewesen, zerstückelt zu werden. Was ja auch irgendwie der Wahrheit entsprochen hatte …

Als er an die pfirsichfarbenen Handtücher und den Gestank ihres Blutes dachte, musste er lächeln … und allmählich gewann er das Gefühl der Allmacht zurück. Heute Nacht würde er zum Zug kommen, das spürte er.

Headin’ for a meeting, shining up my greeting …

Leider war nirgends eine betrunkene oder gefühlsduselige Frau zu sehen, die sich von ihrer Gruppe abgesondert hätte. Sie bewegten sich in Herden durch die Straßen. Ob er mit einer Nutte nicht doch besser dran wäre?

Die Zeiten hatten sich geändert. Es war nicht mehr wie früher. Handys und das Internet hatten die Prostitution von den Straßen verbannt. Sich eine Frau zu kaufen war heutzutage so einfach, wie Essen beim Lieferservice zu bestellen. Natürlich wollte er weder online noch in den Telefonkontakten irgendeiner Schlampe Spuren hinterlassen, doch auf der Straße tummelte sich nur mehr der Bodensatz. Er kannte die einschlägigen Stellen, und er würde eine auswählen müssen, mit der man ihn nicht in Verbindung bringen konnte. Und Es so weit weg wie nur möglich …

Zehn Minuten vor Mitternacht lief er durch Shacklewell. Seine untere Gesichtshälfte war hinter dem hochgeklappten Kragen der Jacke verborgen. Er hatte die Mütze tief ins Gesicht gezogen. Die schweren Messer – ein einfaches Tranchiermesser und eine kleine Machete – schlugen beim Gehen gegen seine Brust. Die erleuchteten Fenster der indischen Restaurants und Pubs, der allgegenwärtige Union Jack … Er würde ein Opfer finden, und wenn es die ganze Nacht dauerte …

Drei Frauen in Miniröcken standen rauchend und plaudernd an einer Ecke. Er ging auf der anderen Straßenseite an ihnen vorbei. Eine rief ihm etwas hinterher. Er beachtete sie nicht, verschwand in der Dunkelheit. Drei waren zwei Zeuginnen zu viel.

Die Jagd zu Fuß war einfacher und gleichzeitig schwieriger als mit dem Wagen. Einerseits musste er sich keine Gedanken darüber machen, dass eine Überwachungskamera sein Kennzeichen filmte. Andererseits war ein geeigneter Ort nicht leicht zu finden, von einem günstigen Fluchtweg ganz zu schweigen.

Eine weitere Stunde lang streifte er die Straßen entlang, dann kam er wieder an die Ecke, wo die drei Huren gestanden und geraucht hatten. Mittlerweile waren es nur noch zwei. Das war machbar. Eine Zeugin … Sein Gesicht war kaum zu erkennen. Er zögerte kurz – und im selben Augenblick kam ein Auto angerollt. Der Fahrer sprach kurz mit beiden Frauen, dann stieg eine ein, und der Wagen verschwand.

Adrenalin strömte durch seine Adern wie süßes Gift. Alles war genau wie bei seinem ersten Mord: Auch damals hatte er mit der Hässlicheren vorliebnehmen müssen. Doch mit der hatte er anstellen können, was er gewollt hatte …

Er musste handeln. Ihre Kolleginnen konnten jeden Augenblick zurückkommen.

»Na, wieder da, Schätzchen?«

Trotz ihres jugendlichen Aussehens sprach sie mit tiefer Stimme. Das hennarote Haar war zu einem schiefen Bob geschnitten. Piercings steckten in Ohren und Nase. Ihre Nasenlöcher waren gerötet und feucht, als wäre sie erkältet. Zu Lederjacke und Mini trug sie Schuhe mit schwindelerregend hohen Absätzen, auf denen sie nur mit Mühe die Balance halten konnte.

»Wie viel?«, fragte er. Die Antwort interessierte ihn nicht – für ihn zählte nur das Wo.

»Wir können zu mir gehen, wenn du willst.«

Argwöhnisch stimmte er zu. Hoffentlich war es eine abgeschlossene Wohnung: niemand auf der Treppe, niemand in Sicht- oder Hörweite, nur ein schmutziges, dunkles Loch, wie geschaffen, um dort eine Leiche zu deponieren. Wenn es sich dagegen um eine Wohngemeinschaft oder ein Bordell handelte, mit anderen Nutten, einer fetten Puffmutter oder gar einem Zuhälter …

Sie hatte den Fuß schon auf die Straße gesetzt. Er packte sie am Arm und riss sie zurück, während ein weißer Lieferwagen direkt an ihnen vorbeirauschte.

»Mein Held«, kicherte sie. »Danke, Schätzchen!«

Offenbar stand sie unter Drogen, wie so viele, die diesen Beruf ausübten. Ihre rote Triefnase widerte ihn an. Anhand ihres Spiegelbilds in den dunklen Schaufenstern – sie klein und dünn, er groß und stämmig – hätte man sie für Vater und Tochter halten können.

»Hast du die Hochzeit gesehen?«, fragte sie.

»Was?«

»Die königliche Hochzeit? Kate war so schön …«

Selbst diese dreckige kleine Hure hatte sich vom Hochzeitsfieber anstecken lassen. Während sie auf ihren billigen Stilettos vorwärtsstakste, plapperte sie unaufhörlich und lachte zu oft. Er sagte kein Wort.

»Nur schade, dass Queen Mum das nich’ mehr erlebt hat, was? Da vorn isses.« Sie deutete auf ein Mietshaus an der nächsten Straße. »Da is’ meine Bude …«

Aus der Ferne sah er mehrere Personen im Lichtschein der geöffneten Tür. Einen Mann, der auf der Treppe saß. Er blieb stehen.

»Nein.«

»Was? Mach dir wegen denen kein’ Kopf, Schätzchen. Die kenn’ mich«, sagte sie ernst.

»Nein«, wiederholte er. Seine Hand schloss sich in plötzlicher Wut um ihren dürren Arm. Hielt sie ihn wirklich für so dämlich?

»Da rein«, sagte er und deutete auf einen dunklen Spalt zwischen zwei Gebäuden.

»Schätzchen, oben wär ’n Bett …«

»Da rein«, befahl er noch einmal.

Sie blinzelte ihn leicht verwirrt aus ihren dick geschminkten Augen an. Die dumme Schlampe war so benebelt, dass sie nicht mehr klar denken konnte. Ohne ein weiteres Wort und allein durch die Kraft seiner Persönlichkeit würde er sie sich gefügig machen.

»Wie du meinst, Schätzchen.«

Ihre Schritte knirschten auf dem Kies. Seine Furcht vor Lichtern oder Bewegungsmeldern erwies sich als unbegründet: Zwanzig Meter von der Straße entfernt war es stockdunkel.

Sie nahm die Geldscheine aus seinen behandschuhten Händen und öffnete seine Hose. Er war schlaff. Während sie sich in der Finsternis auf Knien abmühte, ihn aufzurichten, zog er lautlos die Klingen aus dem Versteck im Nylonfutter seiner Jacke. Er nahm ein Messer in jede Hand.

Dann trat er ihr so heftig in den Bauch, dass sie rücklings durch die Luft flog. Ihr Keuchen und das Knirschen von Kies verrieten ihm, wo sie gelandet war. Er sprang vor in die Dunkelheit, die Hose rutschte, und er stolperte – direkt auf sie drauf.

Wieder und wieder stach er mit dem Tranchiermesser auf sie ein. Er traf auf Knochen – wahrscheinlich eine Rippe – und stach noch einmal zu. Ihre Lunge pfiff, und dann schrie sie zu seinem Entsetzen wie am Spieß. Wand sich unter seinem Griff. Er bekam ihre Kehle nicht zu fassen, konnte es nicht zu Ende bringen. Selbst nach einem kräftigen Schlag mit der Machete in seiner Linken hörte sie nicht auf zu kreischen …

Er gab eine Reihe wüster Flüche von sich, holte wieder und wieder mit dem Tranchiermesser aus, durchbohrte die Handfläche, mit der sie versuchte, sich zu schützen. Und endlich hatte er eine Idee: Er drückte ihren Arm auf den Boden, stemmte sich mit dem Knie darauf, hob das Messer …

»Du verdammte kleine, schwanzlutschende …«

»Hallo?«, rief eine Männerstimme von der Straße her.

Gottverdammte Scheiße!

»Ist da wer?«, fragte der Mann, der in der Dunkelheit nicht zu erkennen war.

Er sprang auf, zog Unterhose und Hose hoch, wich leise zurück und nahm beide Messer in die linke Hand, während er mit der Rechten zwei längliche, warme und blutige Gegenstände umklammerte: ihre Finger. Die Nutte wimmerte und stöhnte immer noch … und verstummte mit einem letzten lang gezogenen Keuchen …

Humpelnd ließ er die reglose Gestalt hinter sich. Seine Sinne waren geschärft wie die einer Katze, die das Nahen eines Hundes spürte.

»Alles in Ordnung dahinten?«, gellte die Männerstimme erneut.

Dann stand er plötzlich vor einer Wand, tastete sich daran entlang, bis er Maschendraht unter seinen Fingern spürte. Im entfernten Licht einer Straßenlaterne erspähte er hinter dem Zaun eine heruntergekommene Autowerkstatt. Davor zeichneten sich Fahrzeuge bedrohlich groß im Zwielicht ab. Er hörte Schritte hinter sich: Anscheinend wollte der Mann der Ursache das Geschreis auf den Grund gehen.

Jetzt durfte er unter keinen Umständen in Panik geraten. Nicht einfach losrennen. Jedes Geräusch konnte ihm zum Verhängnis werden. Langsam schlich er an dem Maschendrahtzaun entlang auf eine dunkle Stelle zu – hoffentlich der Durchgang zur Straße, die dahinter verlief. Er steckte die blutigen Messer ins Jackenfutter zurück, ließ ihre Finger in seine Tasche gleiten und schlich weiter.

»Heilige Scheiße! Andy! ANDY!«

Er rannte los. Das Echo ihrer Rufe verhinderte, dass sie ihn hören konnten. Und wieder bewies ihm das Universum seine Gunst, indem es weichen Grasboden unter seine Füße legte. Er steuerte einen weiteren stockdunklen Durchgang an …

Der vor einer zwei Meter hohen Mauer endete. Von der anderen Seite konnte er Verkehrslärm hören. Ihm blieb keine andere Wahl: Keuchend kletterte er die Mauer hinauf.

Die Panik trieb ihn zu Höchstleistungen an. Wie durch ein Wunder erklomm er die Mauer und ließ sich auf der anderen Seite hinabfallen. Die Landung war heftig – Schmerz durchzuckte seine Knie, er taumelte, fand das Gleichgewicht wieder …

Geh weiter, geh einfach weiter … ganz normal … normal … normal …

Autos rauschten an ihm vorbei. Verstohlen wischte er sich die blutigen Hände an der Jacke ab. Wieder Rufe – zu weit entfernt, als dass er sie verstanden hätte … Er musste so schnell wie möglich von hier weg – an jenen Ort, von dem Es nichts wusste.

Eine Bushaltestelle. Er lief darauf zu und gesellte sich zu den Wartenden. Egal wohin der Bus fuhr – Hauptsache, weg von hier.

Sein Daumen hinterließ einen blutigen Abdruck auf der Fahrkarte. Er stopfte sie tief in die Tasche, berührte dabei ihre abgetrennten Finger.

Rumpelnd setzte der Bus sich in Bewegung. Er atmete tief durch, versuchte, sich wieder zu beruhigen.

Ein Fahrgast auf dem Oberdeck stimmte erneut die Nationalhymne an. Der Bus beschleunigte. Sein Herz raste. Dann endlich konnte er wieder ruhig atmen.

Er betrachtete sein Spiegelbild im dreckigen Fenster und betastete ihre noch warmen Finger. Die Panik wich einem Hochgefühl. Er lächelte seiner Reflexion zu – sie war die Einzige, die seinen Triumph nachvollziehen konnte.

39

The door opens both ways …

BLUE ÖYSTER CULT, »OUT OF THE DARKNESS«

»Hör dir das an«, rief Elin am Montagmorgen. Sie stand mit einer Schüssel Müsli in der Hand vor dem Fernseher. »Ist ja unglaublich!«

Strike, der wie üblich die Nacht auf Montag bei ihr verbracht hatte, betrat frisch geduscht und angezogen die Küche. Der makellose, in Creme und Weiß gehaltene Raum mit den Edelstahloberflächen und der indirekten Beleuchtung erinnerte ihn jedes Mal an die Kommandozentrale eines Raumschiffs. Auf dem Plasmafernseher, der an der Wand über dem Frühstückstisch hing, hielt Präsident Obama hinter einem Podium eine Ansprache.

»Osama bin Laden ist tot!«, sagte Elin.

»Teufel auch.« Strike blieb stehen, um die Tickerzeile am unteren Bildschirmrand zu lesen.

Er sah übernächtigt und erschöpft aus. Daran hatten auch die frische Kleidung und die Rasur nur wenig ausrichten können. Die vielen Stunden, die er auf Laings und Whittakers Fersen verbracht hatte, hatten einen hohen Tribut gefordert: Seine Augen waren stark gerötet, die Haut aschfahl.

Er ließ sich einen Kaffee aus der Maschine und leerte den Becher in einem Zug. Am Vorabend wäre er beinahe auf Elin eingeschlafen; dass er trotz allem zumindest diesen Job zu Ende gebracht hatte, zählte er zu den wenigen Erfolgserlebnissen dieser Woche. Jetzt betrachtete er, auf die stählerne Arbeitsfläche der Kücheninsel gestützt, neidisch den wie aus dem Ei gepellten Präsidenten. Wenigstens der hatte seinen Schurken geschnappt.

Was bislang über bin Ladens Tod bekannt war, sorgte für ausreichend Gesprächsstoff, bis Elin ihn an der U-Bahn-Haltestelle aussteigen ließ.

»Ich möchte wirklich wissen, wie sicher sie sich waren, dass er da drin war, bevor sie das Haus gestürmt haben«, sagte Elin und hielt vor der U-Bahn an.

Dasselbe hatte Strike sich auch gefragt. Selbstverständlich war der über eins achtzig große bin Laden schwer zu verwechseln gewesen … und sofort war Strike mit den Gedanken wieder bei Brockbank, Laing und Whittaker – bis ihn Elin auf den Boden der Tatsachen zurückholte.

»Am Mittwoch bin ich nach Feierabend mit Kollegen verabredet. Wenn du Lust hättest …« Sie klang selbstbewusst. »Duncan und ich sind uns mittlerweile in fast allen Punkten einig. Ich hab die Geheimniskrämerei satt.«

»Tut mir leid, das geht nicht«, erwiderte er. »Du weißt doch, wie viele Observierungsjobs ich momentan erledigen muss.«

Er hatte ihr weisgemacht, dass er für die Suche nach Brockbank, Laing und Whittaker bezahlt würde. Andernfalls hätte sie wohl wenig Verständnis für seine bisher so ergebnislose Hartnäckigkeit gezeigt.

»Na ja, ruf mich einfach an, wenn du doch Zeit hast«, sagte sie. Er nahm den leicht beleidigten Unterton zur Kenntnis, beschloss jedoch, ihn zu ignorieren.

Ist es das wirklich wert?, fragte er sich, als er mit dem Rucksack auf der Schulter die Treppe hinunterging, und meinte nicht die Jagd nach seinen Verdächtigen, sondern die Beziehung mit Elin. Was als angenehmer Zeitvertreib begonnen hatte, wurde ihm allmählich zur lästigen Pflicht. Ihre Rendezvous – immer am gleichen Wochentag in den gleichen Restaurants – verloren zunehmend an Reiz, doch ihr Angebot, die Routine zu durchbrechen, kam ihm merkwürdigerweise wenig verlockend vor. Er hätte aus dem Stegreif ein Dutzend Dinge aufzählen können, die er an einem freien Abend lieber täte, als mit einem Haufen Moderatoren von Radio Three einen trinken zu gehen. Schlafen wäre ihm wohl zuallererst eingefallen.

Schon bald – er ahnte es – würde sie ihn ihrer Tochter vorstellen wollen. Siebenunddreißig Jahre lang hatte Strike es vermieden, »Mamis neuer Freund« zu sein. An die Männer in Ledas Leben dachte er mit einem Widerwillen zurück, der an Abscheu grenzte. Nur wenige von ihnen waren anständig gewesen, die meisten – und Whittaker hatte hier den traurigen Höhepunkt dargestellt – eher nicht. Er selbst wollte nicht in Kinderaugen schauen und den gleichen ängstlichen, misstrauischen Blick darin sehen, den seine Schwester Lucy aufgesetzt hatte, wann immer ein neuer fremder Mann zur Tür hereingekommen war. An seine eigenen Gefühle dabei konnte er sich nicht mal mehr erinnern. Vor diesem Teil seiner Jugend hatte er so lange wie möglich die Augen verschlossen, hatte nur die Erinnerung an Ledas Umarmungen, an ihr Lachen und ihre mütterliche Freude über seine Leistungen zugelassen.

Als er die U-Bahn am Notting Hill Gate in Richtung Schule verließ, vibrierte sein Handy. Mad Dads Frau hatte ihm eine SMS geschrieben.

Wollte nur noch mal Bescheid geben die Jungs haben heut schulfrei und sind bei den Großeltern. Da folgt er ihnen nicht hin.

Strike fluchte leise. Den Feiertag hatte er völlig vergessen. Dann würde er eben ins Büro fahren, sich um den Papierkram kümmern und dann zur Abwechslung tagsüber den Catford Broadway observieren. Hätte sie die SMS nicht schreiben können, bevor er den Umweg nach Notting Hill eingeschlagen hatte?

Fünfundvierzig Minuten später erklomm Strike die Metalltreppe und fragte sich zum x-ten Mal, warum er den Vermieter immer noch nicht zwecks Reparatur des altertümlichen Aufzugs kontaktiert hatte. Doch als er die Glastür zum Büro erreichte, drängte sich ihm noch eine weitaus akutere Frage auf: Warum brannte dort Licht?

Strike stieß die Tür mit aller Kraft auf. Robin hatte ihn zwar kommen hören, machte aber trotzdem einen Satz auf ihrem Stuhl. Sie starrten einander an – sie trotzig, er anklagend.

»Was machst du hier?«

»Ich arbeite«, antwortete Robin.

»Du solltest von zu Hause aus arbeiten.«

»Schon fertig.« Sie tippte mit dem Finger auf einen Stapel handgeschriebener Notizen und Telefonnummern neben sich. »Das sind alle Nummern in Shoreditch, die ich finden konnte.«

Strike folgte ihrer Geste mit dem Blick, doch seine Aufmerksamkeit galt nicht dem dünnen Stapel sorgfältig beschriebener Blätter, sondern dem saphirbesetzten Verlobungsring.

In der darauffolgenden Pause registrierte Robin verwundert, dass ihr Herz gegen ihre Rippen pochte. Musste sie sich etwa rechtfertigen? Lächerlich. Ob sie Matthew heiratete oder nicht, war allein ihre Entscheidung … und dass sie sich diese Selbstverständlichkeit überhaupt bewusst machen musste, regelrecht aberwitzig …

»Wieder verlobt?«, fragte Strike knapp und kehrte ihr den Rücken zu, um Jacke und Rucksack aufzuhängen.

»Ja.«

Wieder eine Pause. Strike drehte sich zu ihr um.

»Es gibt nichts für dich zu tun. Wir haben nur noch einen Klienten. Um Mad Dad kann ich mich auch allein kümmern.«

Sie kniff die graublauen Augen zusammen.

»Und was ist mit Brockbank, Laing und Whittaker?«

»Was soll mit ihnen sein?«

»Du willst sie doch immer noch finden, oder?«

»Ja, aber darum …«

»Vier Fälle schaffst du ja wohl kaum allein.«

»Das sind keine Fälle. Niemand bezahlt uns für …«

»Also hab ich nur zum Zeitvertreib das ganze Wochenende über Telefonnummern herausgesucht?«

»Also gut – ja, ich will sie finden«, gestand Strike ein. Seine Müdigkeit und andere, schwieriger zu spezifizierende Gefühle gestatteten es ihm nur unter Mühe, mit stichhaltigen Argumenten zu kontern. (Also war sie wieder verlobt … damit hatte er ja von vornherein gerechnet … dass er sie nach Hause zu Matthew geschickt hatte, war dieser Entwicklung selbstverständlich förderlich gewesen.) »Aber nicht, wenn …«

»Nach Barrow durfte ich dich fahren«, wandte Robin ein. Sie hatte geahnt, dass Strike ihre Anwesenheit im Büro nicht gutheißen würde, und sich bestens auf dieses Streitgespräch vorbereitet. »Und mit Holly Brockbank und Lorraine MacNaughton durfte ich auch reden, oder? Also, was hat sich geändert?«

»Du hast noch einen verfluchten Körperteil zugeschickt bekommen. Das hat sich verdammt noch mal geändert, Robin!«

Er hatte nicht laut werden wollen. Trotzdem hallte seine Stimme von den metallenen Aktenschränken wider.

Robin blieb unbeeindruckt. Sie hatte Strike bereits wütend erlebt, hatte ihn fluchen und auf ebenjene Metallschränke einprügeln sehen. Es ließ sie kalt.

»Ja«, sagte sie ruhig, »und das hat mich erschüttert. Wie es wohl die meisten Menschen erschüttert hätte, wenn sie einen Zeh in einer Grußkarte vorgefunden hätten. Du warst im Übrigen ebenfalls ein bisschen blass um die Nase.«

»Ja, und genau deshalb …«

»… willst du vier Fälle ohne Hilfe bearbeiten und schickst mich heim. Ich habe nicht um Urlaub gebeten.«

In seiner überschwänglichen Freude über die Rückkehr des Rings an Robins Finger hatte Matthew sich sogar bereit erklärt, diese Konfrontation mit ihr zu proben, was zu einer ziemlich kuriosen Situation geführt hatte: Er hatte Strikes Rolle eingenommen, sie ihm ihre Argumente vorgetragen. Matthew hätte wohl zu allem Ja und Amen gesagt, solange sie ihn nur am zweiten Juli heiratete.

»Ich wollte sofort wieder …«

»Nur weil du sofort wieder ins Büro wolltest«, hielt Strike entgegen, »heißt das noch lange nicht, dass es zu deinem Besten ist.«

»Ach, und jetzt bist du auf einmal Arbeitspsychologe?«, fragte Robin mit feinem Sarkasmus.

»Hör mir mal zu«, sagte Strike, den ihre unnahbare Rationalität weit mehr ärgerte, als es Wut und Tränen getan hätten (kühl funkelte der Saphir an ihrem Finger). »Ich bin dein Boss, und deshalb bestimme ich, wann …«

»Ich dachte, wir wären Partner«, fiel Robin ihm ins Wort.

»Egal«, meinte Strike. »Partner oder nicht, ich trage die Verantwortung für …«

»Also soll eher die Detektei vor die Hunde gehen, als dass ich wieder arbeite?«, fragte sie. Die Zornesröte stieg ihr in das blasse Gesicht. Strike, der nach Punkten hinten lag, zog eine obskure Befriedigung daraus, dass sie allmählich aus der Fassung zu geraten schien. »Ich hab dir dabei geholfen, sie aufzubauen! Mit wem wir es auch immer zu tun haben – du spielst ihm doch direkt in die Hände! Du drängst mich ins Abseits, vernachlässigst zahlende Kunden, bist völlig überarbeitet …«

»Woher willst du wissen, dass ich …«

»Weil du beschissen aussiehst«, sagte Robin geradeheraus, und das traf Strike so unerwartet, dass er zum ersten Mal seit Tagen beinahe gelacht hätte.

»Entweder sind wir Partner oder nicht«, sagte sie. »Wenn du mich weiterhin wie das gute Sonntagsgeschirr behandelst, das du nur hervorzauberst, wenn ganz bestimmt nichts vorfallen kann, dann … dann sind wir geliefert. Dann ist die Detektei zum Untergang verdammt. Vielleicht sollte ich doch auf Wardle hören …«

»Was soll das heißen?«, fragte Strike aufgebracht.

»… und zur Polizei gehen«, fuhr Robin fort und sah ihm direkt ins Gesicht. »Das hier ist kein Spiel für mich, weißt du? Und ich bin kein kleines Mädchen mehr. Ich hab schon Schlimmeres überstanden, als einen Zeh zugeschickt zu bekommen. Du musst …« Sie nahm allen Mut zusammen. Bis zuletzt hatte sie gehofft, ihm kein Ultimatum stellen zu müssen. »Du musst dich entscheiden, ob ich deine Partnerin bin oder eine … eine Belastung für dich. Wenn du mir nicht vertrauen kannst – wenn du mich nicht denselben Risiken aussetzen willst wie dich selbst –, dann sollte ich wohl besser …« Die Stimme versagte ihr, doch sie zwang sich weiterzusprechen. »… kündigen.«

Sie wollte sich schon wieder dem Computer zuwenden, ließ den Drehstuhl im Affekt jedoch ein bisschen zu heftig rotieren, sodass sie mit dem Gesicht zur Wand dasaß. Mit dem kümmerlichen Rest Würde, der ihr noch geblieben war, richtete sie den Stuhl zum Bildschirm aus, las weiter E-Mails und wartete auf seine Antwort.

Noch hatte sie nichts von ihrer Spur erzählt. Erst wollte sie wissen, ob sie immer noch seine Partnerin war oder nicht. Dann würde sie ihre Erkenntnisse entweder zur Diskussion stellen oder sie ihm als Abschiedsgeschenk überreichen.

»Er schlachtet Frauen zum Vergnügen ab«, sagte Strike leise. »Und er hat keinen Zweifel daran gelassen, dass er das auch mit dir tun will.«

»So viel habe ich begriffen«, sagte Robin mit gepresster Stimme, ohne den Blick vom Monitor zu heben. »Aber hast du auch begriffen, dass er wahrscheinlich weiß, wo ich wohne, wenn er schon weiß, wo ich arbeite? Und wenn er so entschlossen ist, wird er mir überallhin folgen. Kapierst du nicht, dass ich lieber dabei helfe, ihn zu fassen, als herumzusitzen und darauf zu warten, dass er zuschlägt?«

Sie würde ihn nicht anflehen. Nacheinander löschte sie zwölf Spammails, ehe er mit belegter Stimme antwortete.

»Also gut.«

»Also gut was?« Sie sah misstrauisch zu ihm auf.

»Also gut … Du wirst wieder hier arbeiten.«

Sie lächelte. Er nicht.

»Jetzt hab dich nicht so«, sagte sie, stand auf und umrundete den Schreibtisch.

Einen verrückten Augenblick lang dachte Strike, sie wollte ihn umarmen, so glücklich sah sie aus (war er nun, da der schützende Verlobungsring wieder an ihrem Finger saß, nicht länger ein potenzieller Nebenbuhler, sondern ein entsexualisierter Kollege, den man gefahrlos umarmen konnte?), doch sie ging an ihm vorbei zum Wasserkocher.

»Ich hab eine Spur«, sagte sie.

»Ach ja?« Er war immer noch dabei, die veränderte Situation zu verarbeiten. (Was würde sie tun können, das nicht zu gefährlich war? Wo sollte er sie hinschicken?)

»Ja«, sagte sie. »Ich hab Kontakt mit einem BIID-Forumsmitglied aufgenommen, das mit Kelsey gechattet hat.«

Strike ließ sich mit einem herzhaften Gähnen auf das Kunstledersofa fallen, das auf sein Gewicht mit dem üblichen Furzgeräusch reagierte. Von wem redete sie da? Er war so übermüdet, dass kein Verlass mehr war auf sein sonst so aufnahmefähiges und präzises Gedächtnis.

»Mit … diesem Typen oder dieser Frau?«, fragte er, sowie er sich wieder vage an Wardles Fotos erinnerte.

»Mit dem Mann«, sagte Robin und goss kochendes Wasser über die Teebeutel.

Zum ersten Mal, seit sie sich kannten, fand Strike Vergnügen daran, ihr den Wind aus den Segeln zu nehmen.

»Also hast du dich ohne mein Wissen im Internet herumgetrieben? Hast mit ein paar anonymen Freiern geschäkert, die Gott weiß wer sein könnten?«

»Aber das hab ich dir doch gesagt!«, protestierte Robin. »Kelsey hat sich in diesem Forum nach dir erkundigt, weißt du nicht mehr? Unter dem Namen Nowheretoturn. Das hab ich dir alles erzählt, als Wardle hier war. Er war schwer beeindruckt«, fügte sie hinzu.

»Und er ist dir einen Schritt voraus«, sagte Strike. »Er hat die beiden Personen, die online mit Kelsey Kontakt hatten, nämlich bereits vernommen. Es war eine Sackgasse. Sie haben sie nie getroffen. Jetzt sucht er nach einem gewissen Devotee, der sich mit Frauen außerhalb des Internets verabreden will.«

»Den kenne ich bereits.«

»Woher?«

»Er hat mich um ein Bild von mir gebeten. Als ich abgelehnt habe, hat er den Kontakt abgebrochen.«

»Du hast mit diesen Spinnern geflirtet?«

»Herrgott noch mal«, sagte Robin ungeduldig. »Ich hab so getan, als hätte ich die gleiche Störung wie sie. Flirten kann man das ja wohl nicht nennen. Außerdem haben wir von Devotee meiner Meinung nach nichts zu befürchten.«

Sie reichte ihm seinen Tee, der genau die richtige Teerölschattierung aufwies, was Strike paradoxerweise nicht besänftigte, sondern nur mehr ärgerte.

»Und was veranlasst dich zu der Annahme, dass wir von Devotee nichts zu befürchten haben?«

»Als du den Brief von diesem Mann erhalten hast, der so auf dein Bein fixiert war, hab ich ein bisschen über Acrotomophilie recherchiert. Amputationsfetischisten neigen selten zu Gewalt. Viel wahrscheinlicher ist, dass Devotee mit diesen Möchtegernamputierten chattet und währenddessen vor dem Computer masturbiert.«

Strike, dem darauf nichts einfallen wollte, nahm einen Schluck Tee.

»Wie dem auch sei«, fuhr Robin fort (dass er sich nicht für den Tee bedankt hatte, nagte an ihr), »der Typ, mit dem Kelsey Kontakt hatte, will sich ebenfalls amputieren lassen. Und er hat Wardle angelogen.«

»Wie, angelogen?«

»Er hat Kelsey sehr wohl im echten Leben getroffen.«

»Ach ja?«, fragte Strike betont beifällig. »Und woher willst du das wissen?«

»Weil er es mir erzählt hat. Als die Polizei ihn aufgespürt hat, hat er Fracksausen bekommen – weder seine Familie noch seine Bekannten wissen von dieser fixen Idee, dass er sein Bein loswerden will. Er ist in Panik geraten und hat behauptet, er wäre Kelsey nie begegnet. Weil er Angst davor hatte, dass alles an die Öffentlichkeit kommen könnte und er vor Gericht aussagen müsste. Na ja, egal. Jedenfalls hab ich ihn inzwischen davon überzeugt, dass ich wirklich diejenige bin, für die ich mich ausgebe, und keine Reporterin oder Polizistin …«

»Du hast ihm die Wahrheit gesagt?«

»Ja, und das war wohl auch das Beste. Sobald er es geschluckt hatte, hat er einem Treffen zugestimmt.«

»Und wieso bist du dir so sicher, dass er tatsächlich kommt?«, fragte Strike.

»Weil wir etwas haben, was die Polizei nicht hat.«

»Nämlich?«

»Nämlich«, sagte sie zögerlich und wünschte sich, sie könnte eine andere Antwort geben, »dich. Jason kann es kaum erwarten, dich kennenzulernen.«

»Mich?«, fragte Strike verblüfft. »Wieso?«

»Er glaubt, dass du dir das Bein selbst abgeschnitten hast.«

»Was?«

»Das hat Kelsey ihm eingeredet. Und jetzt will er wissen, wie du es angestellt hast.«

»Himmel, Arsch und Zwirn«, sagte Strike. »Ist der Kerl wahnsinnig?« Eine Frage, die er unmittelbar selbst beantwortete. »Natürlich ist er wahnsinnig. Immerhin will er sein verfluchtes Bein loswerden, gottverdammt.«

»Na ja, man weiß noch nicht genau, ob BIID eine psychische Erkrankung ist oder durch eine Fehlfunktion des Gehirns verursacht wird«, erklärte Robin. »Wenn man die Hirnfunktionen eines Betroffenen untersucht, dann …«

»Schon gut«, sagte Strike und winkte ab. »Und wie kommst du darauf, dass uns dieser Spinner irgendwas Nützliches …«

»Er hat Kelsey getroffen«, wiederholte Robin ungeduldig. »Bestimmt hat sie ihm verraten, warum sie so überzeugt davon war, dass du dir das Bein selbst amputiert hast. Er ist neunzehn und arbeitet in einer Asda-Filiale in Leeds. Er hat eine Tante in London, bei der er unterkommen kann, wenn er hierherkommt, um mich zu treffen. Wir haben noch keinen Termin vereinbart. Er muss erst noch Urlaub einreichen. Er ist nur zwei Ecken von derjenigen Person entfernt, die Kelsey eingeredet hat, dass deine Amputation Absicht gewesen wäre«, fuhr sie fort, enttäuscht und verärgert über Strikes mangelnde Begeisterung angesichts ihrer Initiative, aber voller Hoffnung, dass er bald weniger gereizt und kritisch sein würde. »Und diese Person wiederum ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Mörder.«

Strike nahm noch einen Schluck Tee und wartete, bis sein müdes Hirn die Informationen verdaut hatte. Ihre Schlussfolgerungen waren hieb- und stichfest. Jason zu einem Treffen überredet zu haben war wirklich ein riesiger Fortschritt. Er hätte sie dafür über den grünen Klee loben sollen. Trotzdem saß er nur schweigend da und trank Tee.

Robin wollte aus ihrer Verärgerung nicht länger einen Hehl machen. »Wenn es dir lieber ist, dass ich damit zu Wardle gehe …«

»Nein«, sagte Strike zu ihrer klammheimlichen Freude wie aus der Pistole geschossen. »Solange wir nicht wissen, was er … Also, wir sollten Wardles Zeit nicht unnötig in Anspruch nehmen. Erst mal hören wir uns an, was dieser Jason uns zu sagen hat. Wann kommt er noch mal nach London?«

»Das weiß ich noch nicht. Er muss erst Urlaub nehmen.«

»Einer von uns könnte nach Leeds fahren und ihn dort treffen.«

»Er besteht darauf, nach London zu kommen. Damit keiner aus seinem Bekanntenkreis von der Sache erfährt.«

»Okay«, sagte Strike unwirsch, rieb sich die geröteten Augen und überlegte, wie er Robin gleichzeitig beschäftigen und aus der Schusslinie würde halten können. »Bleib an der Sache dran. Und finde heraus, ob uns diese Telefonnummern auf Brockbanks Spur bringen.«

»Damit habe ich schon angefangen«, sagte sie, und er glaubte, aus ihrer Stimme eine Spur trotziger Rebellion herauszuhören – und den Wunsch, so bald wie möglich den nächsten Außeneinsatz zu übernehmen.

Strike dachte fieberhaft nach. »Ach, und außerdem müsstest du die Wollaston Close observieren.«

»Laing?«

»Genau. Und zwar unauffällig und nur tagsüber. Sobald du den Typen mit der Beanie siehst, machst du dich vom Acker oder löst den verdammten Handalarm aus. Am besten beides.«

Robins Freude darüber, wieder als vollwertige Partnerin an Bord zu sein, konnten Strikes strenge Ermahnungen kaum trüben.

Ihr war allerdings nicht klar, dass Strike ahnte oder hoffte, sie damit auf eine tote Spur zu locken. Er hatte den Zugang zu dem Gebäudekomplex Tag und Nacht im Auge behalten, regelmäßig seine Position geändert, die Balkone und Fenster mithilfe eines Nachtsichtgeräts beobachtet. Nichts deutete darauf hin, dass Laing sich dort versteckt hielt: kein breiter Schatten hinter einem Vorhang, kein Mann mit tiefem Haaransatz und Frettchenaugen, keine stämmige Gestalt, die auf Krücken ging oder (Strike traute Donald Laing inzwischen alles zu) mit den federnden Schritten eines Exboxers. Strike hatte jeden, der das Gebäude betreten oder verlassen hatte, genauestens überprüft. Keiner hatte auch nur die entfernteste Ähnlichkeit mit Laings Foto auf der JustGiving-Seite oder dem Unbekannten mit der Beanie gehabt.

»Ja«, sagte er. »Du kümmerst dich um Laing. Gib mir die Hälfte der Nummern, und wir teilen uns die Arbeit. Ich übernehme Whittaker. Und melde dich regelmäßig, ja?«

»Natürlich«, sagte Robin überglücklich. »Cormoran …«

Strike, der bereits auf dem Weg zu seinem Büro gewesen war, drehte sich noch einmal um.

»… was ist das?«

Sie hielt die Accutane-Tabletten in die Höhe, die er in Kelseys Schublade gefunden hatte. Nach seiner Online-Recherche hatte er sie einfach in Robins Posteingangsfach liegen lassen.

»Ach, die«, sagte er. »Nicht so wichtig.«

Ihre Freude verpuffte, und augenblicklich hatte er Gewissensbisse. Sie hatte es nicht verdient, dass er so bärbeißig war. Er musste sich zusammenreißen.

»Ein Mittel gegen Akne«, erklärte er. »Hat Kelsey gehört.«

»Stimmt – du warst ja bei ihr, du hast die Schwester getroffen! Wie war’s? Was hat sie gesagt?«

Strike war nicht in der Stimmung, sein Gespräch mit Hazel Furley wiederzugeben. Einerseits schien das eine Ewigkeit her zu sein, andererseits war er müde und immer noch gereizt.

»Nichts Neues«, sagte er. »Nichts Wichtiges.«

»Und warum hast du dann diese Tabletten mitgehen lassen?«

»Ich dachte, vielleicht nimmt sie die Pille und hat ihrer Schwester nichts davon erzählt.«

»Ach so«, sagte Robin. »Dann ist es wohl wirklich nicht so wichtig.«

Sie warf das Medikament in den Papierkorb.

Strikes angeknackstes Ego nötigte ihn dazu, noch eins draufzusetzen. Er konnte es ganz einfach nicht verwinden, dass Robin eine brauchbare Spur aufgetan hatte und er bis auf das Accutane mit leeren Händen dastand.

»Und ich hab einen Zettel gefunden«, sagte er.

»Was denn für einen Zettel?«

»Keine Ahnung. Sieht aus wie eine Garderobenmarke.«

Robin sah ihn erwartungsvoll an.

»Nummer achtzehn«, sagte Strike.

Robin wartete vergebens auf eine weitere Erklärung. Strike gähnte resigniert.

»Bis später. Sag mir Bescheid, wo du bist und was du gerade machst.«

Er marschierte in sein Büro, schloss die Tür hinter sich, umrundete den Schreibtisch und ließ sich auf den Stuhl sinken. Er hatte alles getan, was in seiner Macht stand, um sie von der Observierungsarbeit abzuhalten. Jetzt wollte er nur noch, dass sie endlich ging.

40

… love is like a gun

And in the hands of someone like you

I think it’d kill.

BLUE ÖYSTER CULT, »SEARCHIN’ FOR CELINE«

Robin war ein Jahrzehnt jünger als Strike. Sie hatte als Aushilfssekretärin bei ihm angefangen: ungebeten, unwillkommen, auf dem Tiefpunkt seiner beruflichen Laufbahn. Er hatte sie lediglich eine Woche lang behalten wollen – und das auch nur, weil er sie bei ihrer Ankunft fast die Wendeltreppe hinuntergestoßen und umgebracht hätte, sodass er das Gefühl gehabt hatte, ihr etwas schuldig zu sein. Doch irgendwie hatte sie ihn dazu gebracht, sie bleiben zu lassen, erst für eine zusätzliche Woche, dann für einen Monat, zuletzt endgültig. Sie hatte ihm dabei geholfen, sich aus der drohenden Insolvenz rauszuarbeiten, hatte für den Erfolg seines Geschäfts geackert, hatte durch die praktische Arbeit im Alltag viel gelernt und verlangte jetzt nicht mehr, als Strike beistehen zu dürfen, um gemeinsam mit ihm um das Überleben seines zugrunde gehenden Geschäfts zu kämpfen.

Alle mochten Robin. Er mochte Robin. Wie konnte er sie nach allem, was sie miteinander durchgemacht hatten, etwa nicht mögen? Er hatte sich allerdings auch von Anfang an gesagt: bis hierher und nicht weiter. Ein gewisser Abstand musste gewahrt bleiben. Bestimmte Barrieren durften nicht eingerissen werden.

Sie war am selben Tag in sein Leben getreten, als er sich endgültig von Charlotte getrennt hatte – nach sechzehn Jahren einer On-Off-Beziehung, von der er noch immer nicht zu sagen vermochte, dass sie vergnüglicher als schmerzvoll gewesen wäre. Robins Hilfsbereitschaft, ihre Fürsorglichkeit, ihre Begeisterung für seine Arbeit und die Bewunderung, die sie ihm persönlich entgegenbrachte (denn wenn er sich selbst gegenüber ehrlich sein wollte, musste er es rückhaltlos tun), waren Balsam auf den Wunden, die Charlotte zuvor geschlagen hatte: innerliche Verletzungen, die weit länger wehgetan hatten als das blaue Auge und die Platzwunden, die ihr Abschiedsgeschenk gewesen waren.

Der Saphir an Robins Ringfinger war letztlich ein Bonus gewesen, eine Absicherung und ein Prellbock. Weil er jede weitere erdenkliche Option unterband, hatte er Strike ermöglicht … was zu tun? Auf sie zu vertrauen? Ihr Freund zu werden? Zuzulassen, dass Barrieren unmerklich erodierten, sodass er rückblickend nun doch feststellen musste, dass sie einander persönliche Dinge anvertraut hatten, von denen sonst kaum jemand etwas wusste? Robin war einer von nur drei Menschen (vermutete er zumindest), die von dem Baby wussten, das Charlotte verloren zu haben vorgab, das womöglich aber überhaupt nie existiert hatte oder abgetrieben worden war. Und er gehörte mittlerweile zu der Handvoll Leute, die wussten, dass Matthew ihr untreu gewesen war. Obwohl er entschlossen gewesen war, sie auf Armeslänge von sich fernzuhalten, waren sie einander buchstäblich eine Stütze gewesen. Er konnte sich noch genau daran erinnern, wie es sich angefühlt hatte, ihr seinen Arm um die Taille zu legen, als sie zum Hazlitt’s Hotel mäandert waren. Sie hatte dafür die perfekte Größe gehabt. Strike mochte es nicht, sich hinabbeugen zu müssen. Er hatte noch nie eine Schwäche für zierliche, kleine Frauen gehabt.

Matthew würde das nicht gefallen, hatte sie gesagt.

Es hätte ihm noch viel weniger gefallen, wenn er gewusst hätte, wie sehr es Strike gefallen hatte.

Robin war nicht annähernd so schön wie Charlotte. Charlotte besaß die Art Schönheit, die Männer mitten im Satz innehalten und vor Bewunderung verstummen ließ. Robin war sexy, wie nicht zu übersehen war, wenn sie sich vorbeugte, um ihren Rechner auszuschalten, aber in ihrer Gegenwart verstummten Männer nicht. Sofern Detective Inspector Wardle ein typischer Vertreter war, schienen sie im Gegenteil noch redseliger zu werden.

Jedenfalls mochte er ihr Gesicht. Er mochte ihre Stimme. Er fühlte sich in ihrer Gesellschaft wohl.

Aber er wollte nicht mit ihr zusammen sein – das wäre Wahnsinn. Sie konnten keine Detektei betreiben und gleichzeitig eine Affäre miteinander haben. Außerdem war sie nicht der Typ Frau, mit der man eine Affäre hatte. Weil Strike sie nur verlobt oder nun aufgrund der aufgelösten Verlobung trauernd erlebt hatte, hielt er sie für die Art, die zum Heiraten geboren war.

Beinahe wütend zählte er die Dinge auf, die er wusste oder beobachtet hatte und die Robin von ihm unterschieden, die eine sicherere, abgeschiedenere, konventionellere Welt nahelegten. Sie hatte seit der zwölften Klasse denselben aufgeblasenen Freund gehabt (obwohl er dafür mittlerweile ein bisschen mehr Verständnis aufbrachte), eine nette Mittelstandsfamilie aus Yorkshire, Eltern, die anscheinend seit Jahrzehnten glücklich verheiratet waren, einen Labrador und einen Land Rover und ein Pony, wie Strike jetzt wieder einfiel. Ein gottverdammtes Pony!

Dann drängten sich andere Erinnerungen in den Vordergrund, und aus der sicheren, geordneten Vergangenheit trat eine andere Robin, die in der SIB nicht fehl am Platz gewesen wäre: diejenige Robin, die Fahrsicherheitstrainings absolviert, die sich bei der Verfolgung eines Mörders eine Gehirnerschütterung zugezogen, die seinen Arm ruhig und gelassen mit ihrer Jacke abgebunden hatte, als er einem Messerstecher zum Opfer gefallen war, und die ihn ins Krankenhaus gebracht hatte. Diejenige, die bei der Befragung von Verdächtigen so erfolgreich improvisiert hatte, dass sie ihnen Informationen entlockt hatte, die kein Polizist jemals herausgefunden hätte, die Venetia Hall erfunden und erfolgreich verkörpert hatte, die einen verängstigten jungen Mann, der sich ein Bein amputieren lassen wollte, dazu gebracht hatte, sich ihr anzuvertrauen, die Strike hundert weitere Beweise für Mut, Eigeninitiative und Einfallsreichtum geliefert hatte, die längst Kriminalbeamtin sein könnte, wenn sie nicht eines Tages in ein dunkles Treppenhaus geraten wäre, in dem ihr ein maskierter Scheißkerl aufgelauert hatte.

Diese Frau würde Matthew heiraten – einen Typen, der darauf gesetzt hatte, dass sie irgendwann für ein hübsches Gehalt, das seins ergänzte, in irgendeiner Personalabteilung arbeiten würde, der meckerte und sich über ihre langen, unregelmäßigen Arbeitszeiten und den erbärmlichen Gehaltsscheck beschwerte … Sah sie denn nicht, was für eine Dummheit sie beging? Wieso hatte sie sich diesen verdammten Ring wieder angesteckt? Hatte sie auf ihrer Fahrt nach Barrow, an die Strike sich mit einer Zärtlichkeit erinnerte, die ihm schier die Fassung zu rauben drohte, nicht die Freiheit gespürt?

Scheiße, sie macht einen Riesenfehler, das ist alles.

Das war alles. Es war nichts Persönliches. Unabhängig davon, ob sie verlobt, verheiratet oder ledig war, würde oder konnte aus seiner Schwäche für sie, die er sich endlich eingestehen musste, nie mehr werden. Er würde die professionelle Distanz zwischen ihnen, die durch Robins betrunkene Beichte und die Kameradschaft während ihrer Fahrt gen Norden allmählich erodiert war, wiederherstellen und seinen schon halb feststehenden Entschluss, die Affäre mit Elin zu beenden, vorerst aufschieben. Es erschien ihm sicherer, für eine Weile noch eine andere Frau in petto zu haben – obendrein eine Schönheit, deren Enthusiasmus und Erfahrung im Bett die schwer zu leugnende Unvereinbarkeit im Alltag locker kompensieren konnten.

Unwillkürlich fragte er sich, wie lange Robin noch bei ihm arbeiten würde, wenn sie erst Mrs. Cunliffe wäre. Ganz sicher würde Matthew seinen Einfluss als Ehemann geltend machen, um sie dem Beruf zu entfremden, der ebenso gefährlich wie schlecht bezahlt war. Nun, das war Robins Sache. Wie sie sich bettete, würde sie liegen.

Aber wenn man schon einmal im Streit auseinandergegangen war, war es viel leichter, es erneut zu tun. Damit hatte er Erfahrung. Wie viele Male hatten Charlotte und er miteinander Schluss gemacht? Wie viele Male war ihre Beziehung zerbrochen, und wie viele Male hatten sie wieder versucht, die Bruchstücke zu kitten? Zuletzt hatte es mehr Sprünge als heile Stellen gegeben: Sie hatten in einem Spinnennetz aus Verwerfungslinien gelebt, das von Hoffnungen, Schmerzen und Illusionen zusammengehalten worden war.

Robin und Matthew würden in zwei Monaten heiraten.

Ein bisschen Zeit blieb noch.

41

See there a scarecrow who waves through the mist.

BLUE ÖYSTER CULT, »OUT OF THE DARKNESS«

Dass Strike Robin in der folgenden Woche kaum zu Gesicht bekam, war wenig verwunderlich. Sie bezogen an verschiedenen Orten ihre jeweiligen Beobachtungsposten und tauschten Informationen fast ausschließlich übers Telefon aus.

Wie Strike erwartet hatte, war weder in der Wollaston Close noch in der näheren Umgebung die geringste Spur des ehemaligen King’s Own Royal Borderers zu finden, und die Suche nach dem Mann in Catford gestaltete sich auch nicht viel erfolgreicher. Die ausgezehrte Stephanie betrat und verließ die Wohnung über dem Imbiss noch diverse Male, und auch wenn Strike nicht Tag und Nacht dort sein konnte, war er sich doch recht bald sicher, ihre gesamte Garderobe zu kennen: zwei, drei schmuddelige Sweater und eine löchrige Kapuzenjacke. Falls sie wirklich eine Prostituierte war, wie Shanker felsenfest behauptete, arbeitete sie nicht regelmäßig. Und obwohl Strike darauf achtete, dass sie ihn nicht bemerkte, bezweifelte er, dass Stephanies tief in den Höhlen liegende Augen viel von ihm wahrgenommen hätten, selbst wenn er sich direkt vor ihr aufgebaut hätte. Ihre Augen waren eingetrübt, von einer inneren Dunkelheit erfüllt, nicht mehr imstande, die Welt um sie herum zur Kenntnis zu nehmen.

Strike hatte versucht festzustellen, ob Whittaker sich eher ständig oder nur höchst selten in der Wohnung am Catford Broadway aufhielt. Allerdings war unter der Adresse kein Festnetzanschluss angemeldet, und online fand er lediglich heraus, dass das Haus einem gewissen Mr. Dareshak gehörte, der die Wohnung entweder vermietete oder es nicht schaffte, Hausbesetzer zu vertreiben, die sich dort eingenistet hatten.

Eines Abends stand der Detektiv rauchend neben dem Bühneneingang, beobachtete die erhellten Fenster und fragte sich, ob er sich die Bewegungen dahinter nur einbildete, als sein Handy summte und den Namen Wardle anzeigte.

»Strike hier. Was gibt’s?«

»Leider schlimme Nachrichten«, eröffnete ihm der Kriminalbeamte. »Unser Freund scheint wieder zugeschlagen zu haben.«

Strike nahm das Handy ans andere Ohr.

»Und weiter?«

»Jemand hat unten in Shacklewell auf eine Nutte eingestochen und ihr als Souvenir zwei Finger abgeschnitten. Bewusst abgetrennt – ihren Arm festgehalten und sie abgehackt.«

»Himmel! Und wann war das?«

»Vor zehn Tagen, am neunundzwanzigsten April. Sie ist gerade erst aus dem künstlichen Koma aufgewacht.«

»Sie hat überlebt?« Statt weiter zu den Fenstern hochzustarren, hinter denen er Whittaker vermutete, konzentrierte er sich ganz auf Wardle.

»Es ist ein gottverdammtes Wunder«, sagte der Detective Inspector. »Sie hat schwere Bauchverletzungen, die Lunge wurde verletzt – und dann hat er ihr die Finger abgesäbelt. Wirklich ein Wunder, dass er keine lebenswichtigen Organe erwischt hat. Hundertprozentig dachte er, sie wäre tot. Sie hatte ihm wohl in einem Durchgang zwischen zwei Gebäuden einen Blowjob geben wollen, aber dort wurden sie gestört: Zwei Studenten, die auf der Shacklewell Lane unterwegs waren, haben sie schreien gehört und sind sofort losgerannt, um nach dem Rechten zu sehen. Fünf Minuten später, und sie wäre verblutet. Sie hat zwei Bluttransfusionen gebraucht.«

»Und?«, fragte Strike. »Was sagt sie?«

»Tja, sie ist mit Schmerzmitteln vollgepumpt und kann sich an den eigentlichen Angriff nicht erinnern. Aber den Täter beschreibt sie als großen, kräftigen Weißen mit Mütze. Dunkle Jacke. Hochgeklappter Kragen. Vom Gesicht war angeblich nicht viel zu sehen, aber sie vermutet, dass er aus Nordengland stammt.«

»Wirklich?« Strikes Herz hämmerte in seiner Brust.

»Behauptet sie zumindest. Allerdings ist sie ziemlich groggy. Oh, und er hat wohl verhindert, dass sie überfahren wurde – daran erinnert sie sich noch. Er hat sie auf den Gehweg zurückgezerrt, als sie direkt vor einem Lastwagen auf die Straße laufen wollte.«

»Ein Gentleman«, murmelte Strike und blies Zigarettenrauch in den Sternenhimmel.

»Ehrlich wahr. Na ja, er hat sie sich wohl unversehrt vornehmen wollen, was?«

»Wie sieht’s mit einem Phantombild aus?«

»Wir schicken den Zeichner morgen zu ihr, aber ich mache mir keine großen Hoffnungen.«

Strikes Hirn arbeitete in der Dunkelheit auf Hochtouren. Er spürte, dass dieser neuerliche Überfall Wardle mitgenommen hatte.

»Irgendwelche Nachrichten über einen meiner Kerle?«, fragte er dann.

»Noch nicht«, antwortete Wardle knapp.

Strike war frustriert, wollte im Augenblick aber lieber nicht nachhaken. Er war darauf angewiesen, dass Wardle ihn über die Ermittlungen auf dem Laufenden hielt.

»Was ist mit Ihrem Mann – diesem Devotee?«, fragte er nach einer Weile und sah wieder zu den Fenstern von Whittakers Wohnung auf, hinter denen sich immer noch nichts verändert zu haben schien. »Wie geht’s mit ihm voran?«

»Ich hab versucht, die Kollegen von der Cybercrime auf ihn anzusetzen, aber die haben im Augenblick Wichtigeres zu tun«, sagte Wardle leicht verbittert. »Nach ihrer Ansicht ist er bloß irgendein gewöhnlicher Perverser.«

Das war auch Robins Ansicht gewesen, dachte Strike. Und mehr gab es im Augenblick nicht zu besprechen. Er verabschiedete sich von Wardle, lehnte sich in seine Nische an der kalten Mauer zurück, rauchte und nahm wieder Whittakers Fenster ins Visier. Hinter den Vorhängen brannte Licht.

Am folgenden Morgen trafen Strike und Robin sich zufällig im Büro. Strike, der gerade mit einer Mappe voller Fotos von Mad Dad unter dem Arm aus seiner Wohnung kam, hatte das Büro gar nicht betreten wollen, doch als er durch die Milchglasscheibe Robins verschwommene Umrisse sah, ging er kurz hinein.

»Morgen.«

»Hi«, sagte Robin.

Sie freute sich, ihn zu sehen, erst recht, als er lächelte. In letzter Zeit war ihre Kommunikation merkwürdig zurückhaltend gewesen. Strike trug seinen besten Anzug, in dem er schlanker aussah, als er tatsächlich war.

»Warum so elegant?«, fragte sie.

»Ich muss zu einem dringenden Anwaltstermin. Mad Dads Ehefrau will ihrem Anwalt zeigen, was wir zusammengestellt haben – die Fotos, auf denen er den Kindern vor der Schule auflauert und sich ihnen nähert. Sie hat mich gestern Abend ziemlich spät angerufen, weil er betrunken bei ihr aufgekreuzt ist und wilde Drohungen ausgestoßen hat. Jetzt will sie ein Exempel statuieren und versuchen, eine richterliche Anordnung zu bekommen.«

»Heißt das, dass wir aufhören können, ihn zu beschatten?«

»Das bezweifle ich sehr. Mad Dad gibt garantiert nicht kampflos auf.« Strike sah auf die Uhr. »Aber vergessen wir das. Ich hab noch zehn Minuten Zeit, und es gibt Neuigkeiten.«

Dann berichtete er Robin von dem Mordversuch an der Prostituierten in Shacklewell. Als er fertig war, wirkte sie ernüchtert und nachdenklich.

»Er hat ihr zwei Finger abgehackt und mitgenommen?«

»Jepp.«

»Als wir im Feathers waren, hast du gesagt, du kannst dir nicht vorstellen, dass Kelsey sein erster Mord gewesen sein soll. Du hast gesagt, er wird sich Stück für Stück zu dem vorgearbeitet haben, was … was er ihr angetan hat.«

Strike nickte.

»Weißt du, ob die Polizei schon geprüft hat, ob es weitere ungeklärte Frauenmorde gibt, bei denen Körperteile abgeschnitten wurden?«

»Das dürfte sie inzwischen getan haben«, sagte Strike. Allerdings konnte er nur hoffen, dass das stimmte, und nahm sich vor, Wardle danach zu fragen. »Jedenfalls«, sagte er, »tut sie’s nach diesem Überfall ganz bestimmt.«

»Und sie glaubt nicht, dass sie ihn wiedererkennen würde?«

»Er hat sein Gesicht wohl unkenntlich gemacht. Ein großer Weißer mit schwarzer Jacke.«

»Hat die Polizei DNA-Spuren an ihr sichergestellt?«, fragte Robin, und unwillkürlich mussten beide an die peinliche Prozedur im Krankenhaus denken, die Robin nach dem Überfall über sich hatte ergehen lassen müssen. Strike, der früher auch in Vergewaltigungsfällen ermittelt hatte, kannte das Verfahren. Robin, die plötzlich wieder von qualvollen Erinnerungen heimgesucht wurde, sah vor sich, wie sie eine Urinprobe abgab – ein Auge zugeschwollen, wo seine Faust sie getroffen hatte, und mit Schmerzen am ganzen Körper, der Hals übersät mit druckempfindlichen Würgemalen. Der Untersuchungstisch, auf den sie sich hatte legen müssen, und die Behutsamkeit, mit der die Ärztin ihre Knie auseinandergedrückt hatte …

»Nein«, sagte Strike. »Er hat sie nicht … keine Penetration. Hör zu, ich muss jetzt gehen. Mad Dad brauchst du heute nicht zu beschatten; er weiß, dass er gestern Mist gebaut hat. Ich bezweifle, dass er sich heute in der Nähe seiner Söhne blicken lässt. Wenn du die Wollaston im Auge behalten könntest …«

»Warte! Wenn du noch einen Augenblick Zeit hättest, meine ich …«, fügte sie hinzu.

»Ein paar Minuten«, sagte er nach einem weiteren Blick auf seine Armbanduhr. »Was gibt’s? Sag nicht, du hast Laing aufgespürt?«

»Nein«, antwortete sie, »aber ich glaube, ich könnte einen Hinweis auf Brockbank entdeckt haben.«

»Nicht im Ernst!«

»Es geht um einen Stripclub an der Commercial Road. Ich hab ihn mir auf Google Street View angesehen. Sieht ziemlich runtergekommen aus. Ich hab dort angerufen und mich nach Noel Brockbank erkundigt, und eine Frau hat gefragt: ›Wen willst du?‹, und dann: ›Ach, du meinst Nile?‹ Dann hat sie die Sprechmuschel zugehalten und bei einer anderen nachgehakt, wie der neue Türsteher heißt. Er ist dort offensichtlich noch nicht lange. Also hab ich ihn beschrieben, und die Frau meinte: ›Yeah, das ist Nile.‹ Vielleicht ist er’s ja auch gar nicht«, fügte Robin bescheiden an, »vielleicht ist es jemand, der wirklich Nile heißt, aber als ich sein langes Kinn beschrieben habe, hat sie sofort gesagt …«

»Du hast wieder mal einen Coup gelandet«, sagte Strike und sah erneut auf seine Uhr. »Ich muss jetzt los … Mail mir die Details zu diesem Stripclub, ja?«

»Ich dachte, ich könnte …«

»Nein, ich möchte, dass du in der Wollaston Close bleibst«, entgegnete Strike. »Und melde dich zwischendurch.«

Als er die Tür mit dem Glaseinsatz hinter sich zumachte und die Stahltreppe hinunterpolterte, versuchte Robin, sich darüber zu freuen, dass er von einem Coup gesprochen hatte. Trotzdem hatte sie auf eine Chance gehofft, etwas anderes tun zu dürfen, als stundenlang sinnlos auf die Häuserfront entlang der Wollaston Close zu starren. Allmählich hatte sie den Verdacht, dass Laing gar nicht dort war und – schlimmer noch – dass Strike das genau wusste.

Der Besuch in der Anwaltskanzlei war kurz, aber produktiv. Der Rechtsanwalt war von den vielen Fotos begeistert, die Strike vor ihm ausbreitete. Schließlich bewiesen sie eindeutig, dass Mad Dad in einem fort gegen die Sorgerechtsvereinbarung verstoßen hatte.

»Oh, ausgezeichnet«, strahlte er bei einer Vergrößerung, auf der der jüngste Sohn sich weinend hinter seiner Nanny versteckte, während der schimpfende Vater die unerschrockene junge Frau fast körperlich zu bedrohen schien. »Ausgezeichnet, ganz ausgezeichnet …«

Erst als ihm der Gesichtsausdruck seiner Mandantin auffiel, zügelte er seine Begeisterung für die auf dem Bild eingefangene Angst des kleinen Jungen und bot seinen Besuchern Tee an.

Eine Stunde später folgte Strike, noch immer im Anzug – die Krawatte hatte er inzwischen in die Tasche gesteckt –, Stephanie in Catford in ein Einkaufszentrum. Auf einem Stahlträger, der den zum Haupteingang führenden Durchgang überspannte, saß die große Glasfaserskulptur einer grinsenden schwarzen Katze. Das von einer herabhängenden Pfote bis zur keck himmelwärts zeigenden Schwanzspitze fast zwei Stockwerke hohe Tier schien die unter ihm vorbeiziehenden Kunden anspringen oder als Beute zu sich heraufangeln zu wollen.

Strike hatte aus einer Laune heraus beschlossen, Stephanie zu folgen, weil er sie noch nie beschattet hatte. Er wollte erst wieder die Wohnung beobachten, sobald er wusste, wohin die junge Frau ging und mit wem sie sich möglicherweise traf. Wie fast immer war sie mit fest um den Oberkörper geschlungenen Armen unterwegs, als müsste sie sich selbst zusammenhalten – diesmal in der vertrauten grauen Kapuzenjacke über einem schwarzen Minirock und Leggins. Klobige Sportschuhe betonten, wie spindeldürr ihre Beine waren. Sie betrat eine Apotheke, und Strike beobachtete durchs Schaufenster, wie sie sich auf einen Stuhl setzte und auf eine Verschreibung wartete, dabei jeglichen Blickkontakt mied und nur auf ihre Füße starrte. Sobald sie eine weiße Papiertüte in Empfang genommen hatte, marschierte sie denselben Weg zurück: wieder unter der Riesenkatze mit der herabhängenden Pfote hindurch. Auf dem Weg zu ihrer Wohnung lief sie diesmal jedoch an der Frittenbude am Catford Broadway vorbei, bog hinter dem Afro Caribbean Food Centre rechts ab und betrat einen kleinen Pub namens Catford Ram, der auf der Rückseite des Einkaufszentrums lag. Der Pub mit der holzverkleideten Fassade hatte nur ein einziges Fenster und hätte beinahe wie ein viktorianischer Kiosk ausgesehen, wenn er nicht über und über mit Werbung für Kneipenfraß, Sky Sports und kostenloses WLAN beklebt gewesen wäre.

Der gesamte gepflasterte Vorplatz war als Fußgängerzone gekennzeichnet. In der Nähe des Eingangs stand ein verbeulter grauer Lieferwagen, ein Ford Transit, der Strike willkommene Deckung bot, während er überlegte, welche Möglichkeiten sich ihm boten. Eine Begegnung mit Whittaker wäre zum gegenwärtigen Zeitpunkt zwecklos, und der Pub schien ihm zu klein zu sein, als dass Strike es hätte vermeiden können, von seinem Exstiefvater gesehen zu werden, falls Stephanie sich tatsächlich dort mit ihm traf. Im Grunde wollte er ja nur Whittakers derzeitige Erscheinung mit der Gestalt mit der Beanie und womöglich auch mit dem Mann in der Tarnjacke vergleichen, der das Court beobachtet hatte.

Er lehnte sich an den Kastenwagen und zündete sich eine Zigarette an. Er hatte eben beschlossen, sich einen entfernteren Beobachtungspunkt zu suchen, um von dort aus zu sehen, mit wem Stephanie den Pub wieder verließ, als plötzlich die Hecktür des Wagens aufgestoßen wurde, hinter dem er herumlungerte.

Hastig wich Strike ein paar Schritte zurück, als vier Männer aus dem Laderaum kletterten – und mit ihnen Rauchschwaden emporstiegen, die beißend nach verbranntem Kunststoff rochen. Für den ehemaligen SIB-Mann ein Beweis dafür, dass dort drinnen Crack geraucht worden war.

Alle vier Männer waren ungepflegt, ihre Jeans und T-Shirts schmutzig, ihr Alter schwer zu schätzen, weil sie samt und sonders eingefallene, vorzeitig gerunzelte Gesichter hatten. Die Wangen zweier Kerle waren eingesunken, weil sie keine Zähne mehr im Mund hatten. Sobald sie sich von ihrem Schrecken angesichts des dicht vor ihnen stehenden Unbekannten im Anzug erholt hatten, schienen sie für sich auszuschließen, dass er geahnt haben könnte, was in dem Laderaum vor sich gegangen war, und knallten eilig die Hecktür zu.

Drei von ihnen schlenderten in Richtung Pub davon. Der Vierte blieb wie angewurzelt stehen. Er starrte Strike an, und der Detektiv starrte zurück. Es war Whittaker.

Er war größer, als Strike ihn in Erinnerung gehabt hatte. Obwohl er wusste, dass Whittaker fast genauso groß war wie er selbst, hatte er dessen übermächtige Erscheinung, die breiten Schultern und die schweren Knochen unter der großflächig tätowierten Haut vergessen. Als sie sich jetzt gegenüberstanden, presste der leichte Wind das dünne T-Shirt mit dem zugleich okkult und militärisch anmutenden Slayer-Logo an seinen Körper und modellierte die Rippen nach.

Sein hohlwangiges, gelbliches Gesicht war verschrumpelt wie ein alter Apfel, das Fleisch zurückgewichen, die Haut über den Knochen schlaff. Sein verfilztes Haar begann, schütter zu werden. Es hing in geflochtenen Rattenschwänzen über seine ausgeleierten Ohrläppchen, die mit silberfarbenen Tunnels geschmückt waren. So standen sie einander gegenüber: Strike ungewöhnlich elegant in seinem italienischen Anzug und Whittaker, der nach Crackdampf stank, wie früher mit den goldenen Augen eines ketzerischen Priesters, die inzwischen jedoch unter runzligen Schlupflidern lagen.

Strike hätte nicht sagen können, wie lange sie sich anstarrten, doch währenddessen ging ihm eine Reihe folgerichtiger Gedanken durch den Kopf.

Wäre Whittaker der Mörder, würde er vermutlich in leichte Panik geraten, aber nicht allzu überrascht sein, ihn zu sehen. Wäre er nicht der Mörder, müsste sein Schock darüber, dass Strike gleich neben seinem Wagen stand, unendlich größer sein. Allerdings hatte Whittaker sich nie wie andere Leute verhalten. Er hatte immer gern den Unerschütterlichen, den Allwissenden gespielt.

Dann endlich reagierte Whittaker – und Strike wusste sofort, dass es unvernünftig gewesen wäre, etwas anderes von ihm zu erwarten als die jetzige Reaktion. Whittaker grinste, indem er seine schwarz verfärbten Zähne bleckte, und in Strike stieg sofort wieder derselbe Hass auf wie vor zwanzig Jahren: Er verspürte den überwältigenden Drang, seine Faust in diese Visage zu setzen.

»Sieh einer an«, sagte Whittaker gelassen. »Sergeant Sherlock Arschloch Holmes.«

Er drehte den Kopf zur Seite. Strike konnte unter dem dünner werdenden Haar die Kopfhaut sehen und empfand banales Vergnügen bei der Vorstellung, dass Whittaker eine Glatze bekam. Der Kerl war ein eitler Scheißer. Das würde ihm nicht gefallen.

»Banjo!«, rief Whittaker dem letzten seiner drei Begleiter zu, der eben erst den Eingang des Pubs erreicht hatte. »Bring sie raus!«

Er grinste frech weiter, doch die irrlichternden Augen musterten mal den Transit, dann wieder Strike und zuletzt den Pub. Er beugte und streckte die schmutzigen Finger. Obwohl er versuchte, cool zu wirken, war er nervös. Wieso fragte er nicht, was Strike hier zu suchen hatte? Oder wusste er es bereits?

Dann zerrte Whittakers Kumpane Banjo Stephanie an ihrem dürren Handgelenk aus dem Pub. Mit der freien Hand umklammerte sie noch immer die weiße Papiertüte aus der Apotheke, die sich auffällig makellos von Banjos und ihren billigen, schmuddeligen Klamotten abhob. Auch ihre goldene Halskette passte nicht dazu.

»Hey, wieso … Was …«, wimmerte sie verständnislos.

Banjo ließ sie erst los, als sie neben Whittaker stand.

»Geh und hol uns ein Pint«, wies Whittaker Banjo an, der gehorsam davonschlurfte. Als Whittaker ihren schmalen Nacken mit einer Hand umfasste, sah Stephanie mit der sklavischen Ergebenheit eines Mädchens zu ihm auf, das – genau wie Leda vor ihr – in Whittaker wundervolle Dinge zu erkennen meinte, die für Strike indes vollkommen unsichtbar waren. Dann drückten Whittakers Finger zu, bis die Haut unter ihnen weiß wurde, und er begann, sie zu schütteln – nicht so stark, als dass Passanten es bemerkt hätten, aber doch so kräftig, dass sich augenblicklich erbärmliche Angst auf ihr Gesicht legte.

»Weißt du irgendwas über das hier?«

»Über w-was?«, stammelte sie. Tabletten rasselten in der weißen Papiertüte.

»Über ihn«, sagte Whittaker gefährlich ruhig, »für den du dich so interessierst, dreckige kleine Schlampe …«

»Lass sie los«, sagte Strike, der bisher kein Wort gesagt hatte.

»Lass ich mich vielleicht rumkommandieren?«, fragte Whittaker breit grinsend und mit manisch flatterndem Blick.

Mit geradezu schockierender Körperkraft packte er Stephanie plötzlich mit beiden Händen am Hals und hob sie hoch, sodass sie die weiße Tüte aufs Pflaster fallen ließ, während sie strampelnd und mit dunkelrot anlaufendem Gesicht versuchte, sich zu befreien.

Ohne zu überlegen, ohne nachzudenken, rammte Strike Whittaker die Faust in den Magen, sodass er nach hinten fiel und Stephanie mit sich riss – und ehe Strike es verhindern konnte, hörte er auch schon, wie sie mit dem Hinterkopf aufs Pflaster knallte. Whittaker, der kurz außer Atem geraten war, versuchte, sich wieder aufzurappeln, während zwischen seinen schwarz verfärbten Zähnen ein Strom geflüsterter Flüche hervorquoll. Aus dem Augenwinkel beobachtete Strike, wie Whittakers Freunde mit Banjo vorweg aus dem Pub zurückkamen. Durch das schmutzige Fenster hatten sie alles beobachtet. Einer der drei Kerle hielt ein Messer mit einer rostigen kurzen Klinge in der Hand.

»Nur zu!«, forderte Strike sie heraus, indem er stehen blieb und die Arme ausbreitete. »Macht die Cops auf eure fahrbare Crackhöhle aufmerksam!«

Der noch immer atemlos vor ihm liegende Whittaker wies seine Freunde an, sich zurückzuhalten, was mehr gesunden Menschenverstand bewies, als Strike bisher bei ihm erlebt hatte. Im Fenster des Pubs waren die Gesichter von Gaffern aufgetaucht.

»Du verdammter M… Motherfucker …«, keuchte Whittaker.

»Na wunderbar, reden wir also über Mütter«, sagte Strike und zog Stephanie vom Boden hoch. Der Puls dröhnte in seinen Ohren. Am liebsten hätte er auf Whittaker eingedroschen, dessen gelbes Gesicht zu Brei geschlagen. »Meine hat er nämlich umgebracht«, erklärte er dem Mädchen mit den tief liegenden Augen. Ihre Oberarme waren so dünn, dass er sie mit den Händen beinahe umfassen konnte. »Verstanden? Er hat schon einmal eine Frau ermordet. Vielleicht sogar mehr als nur eine.«

Whittaker griff nach Strikes Knie, um ihn zu Fall zu bringen; Strike befreite sich mit einem Tritt, ohne Stephanie loszulassen. An ihrem weißen Hals zeichneten sich Whittakers rote Fingerspuren ebenso deutlich ab wie die Halskette, an der ein verformtes goldenes Herz hing.

»Komm mit«, forderte Strike sie auf. »Er ist ein verdammter Mörder, und du gehörst in ein Frauenhaus. Sieh zu, dass du von ihm wegkommst.«

Ihre Augen glichen Bohrlöchern in einem nie gekannten Dunkel. Er hätte ihr ebenso gut ein Einhorn in Aussicht stellen können: Sein Vorschlag war Wahnsinn, außerhalb jeglicher Realität, und obwohl Whittaker sie gewürgt hatte, bis sie nicht mehr hatte sprechen können, riss sie sich jetzt von Strike los, als wäre er ein Entführer, torkelte zu Whittaker hinüber und beugte sich schützend über ihn. Das verformte Herz schwang an der Kette hin und her.

Whittaker ließ zu, dass Stephanie ihm aufhalf, und wandte sich dann Strike zu. Er rieb sich den Magen, wo die Faust ihn getroffen hatte, und begann dann, auf seine verrückte Art wie ein altes Weib zu gackern. Whittaker war als Sieger aus der Begegnung hervorgegangen, das wussten sie beide. Stephanie klammerte sich an ihn, als hätte er sie gerettet. Er vergrub seine schmutzigen Finger am Hinterkopf tief in ihr Haar, zog sie grob an sich, küsste sie, steckte ihr seine Zunge tief in den Mund und bedeutete seinen gaffenden Freunden mit der freien Hand, wieder in den Transporter einzusteigen. Banjo setzte sich ans Steuer.

»Bis bald, Muttersöhnchen«, fauchte Whittaker Strike zu und stieß Stephanie vor sich her in den Laderaum des Kastenwagens. Bevor die zufallende Tür die Flüche und das Johlen seiner Begleiter abschnitt, sah Whittaker Strike noch einmal in die Augen und vollführte grinsend die vertraute Halsabschneidergeste. Dann fuhr der Transit davon.

Erst in diesem Moment dämmerte es Strike, dass um ihn herum mehrere Menschen standen und ihn anglotzten – mit dem gleichen leeren, leicht verwirrten Gesichtsausdruck von Kinobesuchern, wenn unerwartet das Licht angeht. Auch hinter das Fenster des Pubs pressten sich immer noch Gesichter. Es gab für ihn nichts mehr zu tun, außer vielleicht sich das Kennzeichen des verbeulten, alten Kastenwagens zu merken, ehe er um die Ecke verschwand. Als er im nächsten Augenblick wütend davonstapfte, stoben die Neugierigen auseinander, um ihm Platz zu machen.

42

I’m living for giving the devil his due.

BLUE ÖYSTER CULT, »BURNIN’ FOR YOU«

Manchmal geht’s eben schief, redete Strike sich ein. Auch beim Militär war nicht immer alles glattgegangen. Man konnte trainieren, so lange man wollte, seine gesamte Ausrüstung doppelt und dreifach kontrollieren, für alle denkbaren Notfälle planen – und trotzdem konnte einem irgendein dummer Zufall Probleme bereiten. In Bosnien hatte ein defektes Handy, dessen Akku sich schlagartig entleert hatte, eine Serie von Missgeschicken nach sich gezogen, die dazu geführt hatten, dass einer von Strikes Freunden nur knapp mit dem Leben davongekommen war, als er in Mostar versehentlich auf der falschen Straße unterwegs gewesen war.

Trotzdem änderte es nichts an der Tatsache, dass Strike jeden seiner Untergebenen bei der SIB, der sich während einer Überwachung an einen achtlos geparkten Kastenwagen gelehnt hätte, ohne sich erst zu vergewissern, dass er auch wirklich leer war, lautstark zusammengestaucht hätte. Er hatte die Konfrontation mit Whittaker nicht gesucht, redete er sich ein, aber objektiv betrachtet musste er sich eingestehen, dass seine Handlungsweise andere Schlüsse zuließ. Nach der frustrierend langen Warterei unter Whittakers Wohnung hatte er sich wenig Mühe gegeben, vor dem Pub nicht aufzufallen, und obwohl er nicht hatte wissen können, dass Whittaker sich ausgerechnet in dem Fahrzeug befand, empfand er in der Rückschau eine geradezu wilde Freude bei der Erinnerung daran, dass er den Scheißkerl endlich einmal von den Beinen geholt hatte.

Gott, wie begierig er darauf gewesen war, ihn zu vermöbeln! Das höhnische Lachen, die zu Rattenschwänzen geflochtenen Haare, das Slayer-Shirt, der beißende Gestank, die groben Finger um den dünnen, bleichen Hals seiner Freundin, das spöttische Gerede von Müttern – die Gefühle, die Whittakers unerwartetes Auftauchen in Strike ausgelöst hatte, waren die seines achtzehnjährigen Ichs gewesen, das hatte kämpfen wollen, ohne die möglichen Folgen zu bedenken.

Abgesehen von dem Vergnügen, Whittaker wehgetan zu haben, hatte ihre Begegnung nicht allzu viele brauchbare Informationen gebracht. Selbst als er im Nachhinein versuchte, einen Vergleich anzustellen, konnte er weder bestätigen noch ausschließen, dass Whittaker der große Kerl mit Beanie gewesen war. Die dunkle Silhouette, die Strike durch Soho verfolgt hatte, hatte nicht Whittakers verfilztes Haar gehabt, aber langes Haar ließ sich in eine Mütze stecken. Die Gestalt hatte allerdings bulliger gewirkt als Whittaker; doch eine gefütterte Jacke konnte Masse vortäuschen. Auch Whittakers Reaktion darauf, dass Strike unerwartet vor seinem Wagen aufgetaucht war, lieferte dem Detektiv keinen brauchbaren Hinweis. Je länger er darüber nachdachte, desto unsicherer war er sich, ob Whittakers höhnisches Lachen tatsächlich triumphierend geklungen hatte oder ob seine Abschiedsgeste, mit der sein schmutziger Finger jemandem die Kehle durchzuschneiden vorgab, nur die übliche Schauspielerei gewesen war – die infantile Rache eines Mannes, der entschlossen war, um jeden Preis der Böseste, der Unheimlichste zu sein.

Kurz gesagt hatte ihre Begegnung gezeigt, dass Whittaker noch immer genauso narzisstisch und gewalttätig war wie früher, und sie hatte Strike zwei weitere Informationsschnipsel beschert: erstens, dass Stephanie Whittaker verärgert hatte, indem sie sich für Strike interessiert hatte. Obwohl Strike argwöhnte, sie wäre sicherlich nur neugierig gewesen, weil er einst Whittakers Stiefsohn gewesen war, konnte er die Möglichkeit nicht ganz ausschließen, ihre Neugier könnte dadurch ausgelöst worden sein, dass Whittaker von Rachedurst gesprochen oder vielleicht sogar erwähnt hatte, er plane Rache. Zweitens hatte Whittaker es geschafft, eine Handvoll Männer als Freunde zu gewinnen. Während er für eine bestimmte Art Frauen schon immer attraktiv gewesen war, was Strike nie verstanden hatte, hatten ihn die meisten Männer in der Zeit, da Strike ihn besser gekannt hatte, gehasst und verachtet. Seine Geschlechtsgenossen hatten dazu tendiert, die Schauspielerei, den ganzen satanischen Blödsinn und die Sucht zu missbilligen, überall der Erste sein zu müssen, und gewissermaßen hatten sie ihn natürlich auch um seine unerklärliche Anziehungskraft auf Frauen beneidet. Inzwischen aber schien Whittaker eine Art Crew gefunden zu haben: Männer, die sich mit ihm Drogen teilten und sich von ihm herumkommandieren ließen.

Strike gelangte zu dem Schluss, dass er vorerst nichts Lohnenderes tun konnte, als Wardle zu berichten, was sich ereignet hatte, und ihm das Kennzeichen des Lieferwagens zu geben. Vielleicht würde die Polizei es ja der Mühe wert erachten, das Innere des Fahrzeugs oder – noch besser – die Wohnung über dem Imbiss nach Drogen zu durchsuchen.

Ohne erkennbare Begeisterung hörte Wardle sich Strikes Versicherung an, er habe Crackdämpfe gerochen. Nach dem Telefonat musste Strike sich eingestehen, dass er an Wardles Stelle auch nicht daran gedacht hätte, aufgrund einer solchen Aussage einen Durchsuchungsbeschluss zu beantragen. Der Kriminalbeamte glaubte offenbar, Strike hätte es auf seinen Exstiefvater abgesehen, und auch wiederholte Hinweise auf die Blue-Öyster-Cult-Verbindung zwischen Whittaker und ihm würden ihn vermutlich nicht von seiner Meinung abbringen.

Als Robin an diesem Abend anrief, um wie gewohnt Bericht zu erstatten, fand Strike Trost und Erleichterung darin, ihr zu erzählen, was geschehen war. Obwohl auch sie selbst Neuigkeiten hatte, war sie augenblicklich wie gebannt, als sie erfuhr, dass er Whittaker persönlich begegnet war, und hörte gespannt zu.

»Also, ich bin jedenfalls froh, dass du ihn auf die Bretter geschickt hast«, sagte sie, als Strike endlich aufhörte, sich dafür zu geißeln, dass er es zu der Auseinandersetzung hatte kommen lassen.

»Wirklich?«, fragte Strike erstaunt.

»Natürlich. Er hat das Mädchen gewürgt!«

Sofort wünschte Robin sich, sie hätte den Mund gehalten. Sie wollte Strike keinen weiteren Grund liefern, sich an das Ereignis zu erinnern, von dem sie ihm nie hätte erzählen dürfen.

»Als fahrender Ritter bin ich ein Versager. Sie ist mit ihm zu Boden gegangen und mit dem Kopf aufs Pflaster gekracht. Was ich allerdings nicht verstehe«, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu, »ist ihr Verhalten. Das war ihre Chance. Sie hätte gehen können. Ich hätte sie zu einem Frauenhaus begleitet. Ich hätte mich um sie gekümmert. Scheiße, warum ist sie zu ihm zurückgegangen? Warum tun Frauen so was?«

Als Robin kurz zögerte, ahnte Strike, dass sich die Frage auf gewisse Weise auch persönlich interpretieren ließ.

»Ich denke …«, hob Robin an, während Strike gleichzeitig sagte: »Hör zu, ich wollte nicht …«

Beide verstummten.

»Sorry, sprich weiter«, forderte Strike sie auf.

»Ich wollte eigentlich nur sagen, dass Opfer sich oft an ihre Peiniger klammern, oder nicht? Ihnen wird eingebläut, es gäbe für sie keine Alternative.«

Ich war die verdammte Alternative. Ich habe in Person vor ihr gestanden.

»Heute irgendein Lebenszeichen von Laing?«, fragte Strike stattdessen.

»Nein«, sagte Robin. »Weißt du, allmählich glaube ich nicht mehr, dass er dort ist.«

»Es lohnt sich sicher trotzdem …«

»Hör zu … Ich weiß mittlerweile von allen Wohnungen, wer die Bewohner sind – nur von einer nicht«, erklärte Robin. »In allen anderen gehen Leute ein und aus. Die einzige Ausnahme ist unbewohnt, oder aber es liegt dort irgendjemand tot herum. Die Tür wird nie geöffnet. Ich hab nicht mal einen Pizzaboten oder den Sozialdienst dort reingehen gesehen.«

»Wir machen noch eine Woche weiter«, entschied Strike. »Es ist die einzige Spur, die uns zu Laing führt. Hey«, sagte er schnell, als Robin widersprechen wollte, »ich hab’s auch nicht schöner, während ich diesen Stripclub observiere.«

»Da wissen wir zumindest, dass Brockbank dort ist«, sagte Robin scharf.

»Das glaube ich erst, wenn ich ihn sehe«, erwiderte Strike.

Wenige Minuten später verabschiedeten sie sich voneinander in schlecht verhehlter beidseitiger Unzufriedenheit.

Früher oder später kam es in jeder Ermittlung zu Durchhängern und Tiefpunkten, wenn Informationen und Inspiration versiegten, aber Strike fiel es schwer, die Vorkommnisse auf einer abstrakteren Ebene zu betrachten. Sie hatten es dem unbekannten Absender des Frauenbeins zu verdanken, dass kein Geld mehr hereinkam. Seine letzte zahlende Klientin, Mad Dads Ehefrau, brauchte ihn nicht mehr. In der Hoffnung, den Richter davon zu überzeugen, eine gerichtliche Anordnung sei überflüssig, hielt Mad Dad sich tatsächlich an die getroffenen Vereinbarungen.

Sein Detektivbüro würde nicht mehr lange überleben, wenn von dort weiter der Gestank von Versagen und Perversion ausginge. Wie Strike vorausgesehen hatte, multiplizierte sich sein Name derzeit im Internet im Zusammenhang mit der Ermordung und Zerstückelung von Kelsey Platt, und die grausigen Details überlagerten nicht nur jede Erwähnung seiner früheren Erfolge, sondern schadeten auch der schlichten Werbung für seine Dienste als Detektiv. Niemand wollte einen derart berüchtigten Mann anheuern; niemandem gefiel die Vorstellung, sein Dienstleister könnte eng mit einem ungelösten Mordfall in Verbindung stehen.

Deshalb war Strike entschlossen und leicht verzweifelt zugleich, als er zu dem Stripclub aufbrach, in dem er Noel Brockbank zu finden hoffte. Der Club erwies sich als weiterer umgebauter Expub in einer Seitenstraße der Commercial Road in Shoreditch. Die Klinkerfassade bröckelte an einigen Stellen ab; die schwarz gestrichenen Fensterscheiben waren mit primitiven weißen Silhouetten nackter Frauen verziert. Der alte Name – The Saracen – stand noch in breiten goldenen Lettern in einem schwarzen Schriftfeld über der zweiflügeligen Tür.

In diesem Stadtteil war der muslimische Bevölkerungsanteil verhältnismäßig hoch. In ihren Hidschabs und Gebetskäppchen begutachteten Anwohner die Auslagen der zahlreichen billigen Textilgeschäfte namens International Fashion oder Made in Milan, in deren Schaufenstern traurig dreinblickende Schaufensterpuppen mit Kunsthaarperücken in Nylon- und Polyesterkleidung standen. Die Commercial Road war von Banken aus Bangladesch, schmuddeligen Maklerbüros, Englischschulen und heruntergewirtschafteten Lebensmittelgeschäften gesäumt, die hinter schmutzigen Fenstern nicht mehr ganz frisches Obst und Gemüse feilboten. Weit und breit nirgends Sitzbänke – nicht einmal ein kaltes Mäuerchen. Obwohl Strike seinen Standort hin und wieder wechselte, begann sein Knie bald, sich darüber zu beschweren, dass er so lange untätig herumstand, weil Brockbank sich nicht blicken ließ.

Der derzeitige Türsteher war untersetzt und hatte einen Stiernacken. Soweit Strike sehen konnte, betrat oder verließ niemand den Club außer ein paar männlichen Gästen und Stripperinnen. Die Mädchen kamen und gingen. Genau wie ihre Arbeitsstätte waren auch sie wesentlich schäbiger und weniger elegant als ihre Kolleginnen aus dem Spearmint Rhino. Manche von ihnen waren tätowiert oder gepierct, diverse hatten Übergewicht, und eine – die betrunken wirkte, als sie das Gebäude um elf Uhr vormittags betrat – sah durch das Fenster der Kebab-Bude auf der gegenüberliegenden Straßenseite regelrecht schmierig aus. Nach dreitägiger Beobachtung des Stripclubs musste Strike – der hoffnungsvoll gewesen war, auch wenn er Robin etwas anderes erklärt hatte – sich widerstrebend eingestehen, dass Brockbank hier nie gearbeitet oder aber seinen Job bereits wieder verloren hatte.

Erst am Freitagmorgen wendete sich das Blatt. Als Strike sich gerade im Eingangsbereich eines besonders schlimmen Modegeschäfts namens World Flair postieren wollte, klingelte sein Handy. Robin war dran.

»Jason kommt morgen nach London. Der Junge mit dem Bein. Von der Website für Möchtegernamputierte.«

»Klasse!«, sagte Strike, den allein die Aussicht aufheiterte, endlich jemand anderen befragen zu können. »Wann treffen wir uns mit ihm?«

»Mit ihnen«, stellte Robin hörbar reserviert richtig. »Wir treffen uns mit Jason und Tempest. Sie ist …«

»Wie bitte?«, unterbrach Strike sie. »Tempest?«

»Ich bezweifle, dass das ihr richtiger Name ist«, fuhr Robin trocken fort. »Sie ist die Frau, mit der Kelsey online Kontakt hatte. Hornbrille und schwarzes Haar.«

»Ja, ich erinnere mich«, sagte Strike, klemmte sein Handy zwischen Kinn und Schulter und zündete sich eine Zigarette an.

»Ich habe gerade mit ihr telefoniert. Sie ist eine bekannte Aktivistin in der Transabled-Szene und als Person ziemlich dominant, aber Jason findet sie ganz wundervoll und scheint sich sicherer zu fühlen, wenn sie mit von der Partie ist.«

»Meinetwegen«, sagte Strike. »Wo treffen wir uns also mit Jason und Tempest?«

»Sie haben sich die Gallery Mess gewünscht – das ist das Café in der Galerie Saatchi.«

»Wirklich?« Strike, der sich zu erinnern meinte, dass Jason in einem Asda-Supermarkt arbeitete, war überrascht, dass der Junge sich bei seiner Ankunft in London zuallererst ein bisschen zeitgenössische Kunst reinziehen wollte.

»Tempest sitzt im Rollstuhl«, erklärte Robin, »und das Café scheint mustergültig barrierefrei zu sein.«

»Okay«, sagte Strike. »Wann?«

»Dreizehn Uhr«, sagte Robin. »Sie … äh … hat gefragt, ob wir einladen.«

»Das müssen wir wohl.«

»Und – hör zu, Cormoran … Wär’s in Ordnung, wenn ich mir den Vormittag freinehme?«

»Na klar. Alles okay mit dir?«

»Alles bestens. Ich muss nur … Ich muss noch etwas für die Hochzeit besorgen.«

»Kein Problem. Hey«, sagte er hastig, bevor sie auflegen konnte, »sollen wir uns irgendwo treffen, bevor wir mit den beiden verabredet sind? Und uns auf eine Befragungstaktik einigen?«

»Das wäre großartig«, stimmte Robin zu, und Strike, der ihre Begeisterung rührend fand, schlug ein Sandwichlokal in der King’s Road vor.

43

Freud, have mercy on my soul.

BLUE ÖYSTER CULT, »STILL BURNIN’«

Tags darauf stand Strike gerade fünf Minuten im Pret A Manger an der King’s Road, als Robin mit einer weißen Tragetasche über der Schulter hereingeschneit kam. Wie die meisten ehemaligen Soldaten verstand Strike nicht viel von Damenmode, aber selbst er kannte den Namen Jimmy Choo.

»Schuhe«, sagte er und zeigte auf die Tasche, nachdem er für Robin einen Kaffee bestellt hatte.

»Erraten«, bestätigte Robin lächelnd. »Schuhe. Ja, für die Hochzeit«, fügte sie hinzu, weil sie der Meinung war, sie sollten mittlerweile imstande sein, normal über das bevorstehende Ereignis zu sprechen. Seit sie wieder verlobt war, schien ihr das Thema seltsam tabubehaftet zu sein.

»Du kommst doch nach wie vor, oder?«, fragte sie, als sie sich an einen Fenstertisch setzten.

Hab ich ihr versprochen, zur Hochzeit zu kommen?, fragte sich Strike. Er hatte eine neuerliche Einladung erhalten, die wie die ursprüngliche in schwarzer Schreibschrift auf elfenbeinfarbenem Karton gedruckt gewesen war, konnte sich aber nicht daran erinnern, je zugesagt zu haben. Wie sie jetzt gespannt auf eine Antwort wartete, erinnerte ihn wieder an Lucy und ihre Versuche, ihn mit sanftem Druck zu der Geburtstagsparty seines Neffen zu locken.

»Klar«, sagte er widerstrebend.

»Soll ich für dich zusagen?«, fragte Robin.

»Nein, das mache ich selbst.«

Das erforderte vermutlich, dass er ihre Mutter anrief. So fangen Frauen einen ein, dachte er. Sie setzten einen auf Listen und zwangen einen dazu, Einladungen anzunehmen und das Erscheinen zuzusichern. Und wenn man nicht erschiene, malten sie für einen aus, würde ein Essen zurückgehen, ein vergoldeter Stuhl leer bleiben, eine Tischkarte beschämt vor einem freien Platz stehen und aller Welt verkünden, wer hier unhöflich gewesen war. Trotzdem konnte er sich spontan buchstäblich nichts vorstellen, was er weniger miterleben wollte als Robins Hochzeit mit Matthew.

»Möchtest du … Soll ich Elin ebenfalls einladen?«, fragte Robin tapfer, auch weil sie hoffte, dass er dann ein bisschen weniger gequält aussehen würde.

»Nein«, erwiderte Strike, ohne zu zögern, aber er deutete ihr Angebot als Bitte, und weil er sie aufrichtig gernhatte, gewann sein besseres Ich wieder die Oberhand. »Zeig doch mal die Schuhe her.«

»Du willst sie wirklich …«

»Ich hab gefragt, oder nicht?«

Mit einer Ehrfurcht, die Strike amüsierte, angelte Robin den Schuhkarton aus der Tasche, nahm den Deckel ab und schlug das Seidenpapier zurück. Sie hatte glitzernde champagnerfarbene High Heels gekauft.

»Ziemlich gewagt für eine Hochzeit«, meinte Strike. »Ich hätte gedacht, sie würden … ich weiß auch nicht … blumiger sein.«

»Man sieht sie ohnehin kaum«, sagte Robin und fuhr mit dem Zeigefinger darüber. »Sie hätten auch welche mit Plateausohlen gehabt, aber …«

Sie brachte den Satz nicht zu Ende. Die Wahrheit war, dass Matthew es nicht mochte, wenn sie auf Absätzen noch größer war.

»Wie wollen wir also mit Jason und Tempest vorgehen?«, fragte sie, während sie den Deckel wieder zudrückte und den Karton in die Tragetasche legte.

»Das Gespräch führst erst mal du«, entschied Strike. »Schließlich hast du den Kontakt zu ihnen hergestellt. Ich mische mich nur ein, wo’s nötig ist.«

»Dir ist hoffentlich klar«, fragte Robin verlegen, »dass Jason dich nach deinem Bein fragen wird? Dass er überzeugt davon ist, du … dass die offizielle Version, wie du’s verloren hast, gelogen ist?«

»Ja, ich weiß.«

»Okay. Ich will nur sichergehen, dass du nicht beleidigt bist oder so.«

»Das halte ich aus, glaub ich«, sagte Strike, den ihr sorgenvoller Blick amüsierte.

»Gut, gut«, sagte Robin, »denn nach seinen Fotos zu urteilen könntest du ihn glatt entzweibrechen.«

Strike rauchte eine Zigarette, während sie nebeneinanderher die King’s Road hinaufspazierten, bis sie den Eingang der Galerie erreichten, der ein Stück zurückversetzt von der Straße hinter dem Denkmal für Sir Hans Sloane mit Perücke und Kniestrümpfen lag. Hinter einem Bogen in der hellen Ziegelwand erstreckte sich ein mit Gras bewachsener Platz, der zu einem Landsitz hätte gehören können, wäre in ihrem Rücken nicht der Verkehr über die belebte Straße gerauscht. Der Platz war auf drei Seiten von Häusern aus dem neunzehnten Jahrhundert umgeben, und vor ihnen in einem Gebäude, das möglicherweise einmal eine Kaserne gewesen sein mochte, war die Gallery Mess untergebracht.

Strike, der sich eine Art Kantine vorgestellt hatte, die an die Galerie angeschlossen war, erkannte erst jetzt, dass er im Begriff war, ein weit exklusiveres Lokal zu betreten, und dachte mit Schrecken an sein überzogenes Bankkonto und die ausgesprochene Bereitwilligkeit, für etwas zu zahlen, was mit Sicherheit ein Lunch für vier Personen werden würde.

Der Raum, den sie betraten, war lang und schmal. Hinter gemauerten Bogen lag linker Hand ein zweiter, größerer Saal. Weiße Tischdecken, Kellner in Anzügen, hohe Gewölbedecken und zeitgenössische Kunst an sämtlichen Wänden verstärkten Strikes Sorge, was ihn dies alles kosten würde, als sie dem Maître d’hôtel in den inneren Bereich des ersten Raums folgten.

Das Paar, das sie suchten, war zwischen der geschmackvoll gekleideten, überwiegend weiblichen Klientel leicht zu erkennen: Jason war ein hagerer Jugendlicher mit langer Nase, der Jeans und einen kastanienbraunen Kapuzenpulli trug und den Eindruck erweckte, er könnte bei der geringsten Provokation flüchten. Wie er auf seine Serviette hinabstarrte, erinnerte er an einen schmuddeligen Reiher. Tempest, deren schwarzer Pagenschnitt unter Garantie gefärbt war und die eine dicke, quadratische schwarze Hornbrille trug, war rein körperlich das Gegenteil von ihm: blass, übergewichtig und schwabbelig, und die kleinen, tief in ihren Höhlen liegenden Augen sahen aus wie Rosinen in einem Brötchen. Über ihrem üppigen Busen spannte sich ein schwarzes T-Shirt mit einem knallbunten Cartoon-Pony. Sie hatte den Rollstuhl seitlich an den Tisch geschoben. Vor beiden lagen aufgeschlagene Speisekarten, und Tempest hatte sich bereits ein Glas Wein bestellt.

Sie strahlte, als sie Strike und Robin kommen sah, und tippte mit dem molligen Zeigefinger Jason an der Schulter an. Der Junge sah sich zaghaft um. Strike fiel sofort die starke Asymmetrie seiner blassblauen Augen auf, von denen eines gut einen Zentimeter höher stand als das andere, was ihm ein eigenartig verwundbares Äußeres verlieh – ganz so als wäre er unter Zeitdruck fertiggestellt worden.

»Hi«, sagte Robin lächelnd und streckte zuerst Jason die Hand hin. »Freut mich, dass wir uns endlich kennenlernen.«

»Hi«, murmelte er und gab ihr schlaff die Hand. Nach einem raschen Blick auf Strike wandte er sich errötend ab.

»Na, hallo!«, rief Tempest und streckte Strike die Hand entgegen, manövrierte dann geschickt den Rollstuhl zwei Handbreit zurück und riet ihm, sich einen Stuhl vom Nachbartisch heranzuziehen. »Ich liebe dieses Restaurant. Man kann sich hier echt gut bewegen – und das Personal ist wirklich hilfsbereit. Entschuldigung!«, sagte sie laut zu einem vorbeieilenden Kellner. »Können wir bitte noch zwei Speisekarten haben?«

Strike setzte sich neben sie, während Jason ein Stück zur Seite rutschte, um Robin Platz zu machen.

»Hübsch hier, nicht wahr?«, sagte Tempest und nahm einen kleinen Schluck Wein. »Und das Personal ist wirklich wunderbar, was den Rollstuhl betrifft. Kann einem nicht genug helfen. Ich werd’s auf meiner Homepage empfehlen. Da führ ich eine Liste mit behindertenfreundlichen Einrichtungen.«

Jason beugte sich über die Speisekarte, als fürchtete er sich davor, mit irgendjemandem Blickkontakt aufzunehmen.

»Ich hab ihm gesagt, dass er beim Bestellen nicht auf den Preis achten soll«, erklärte Tempest Strike gut gelaunt. »Ihm war nicht klar, wie viel Sie durch die Lösung dieser Fälle verdient haben müssen. Ich hab’s ihm gesagt. Die Medien werden Ihnen Unsummen allein für Ihre Story gezahlt haben! Ich nehme an, dass Sie jetzt nur noch das tun – dass Sie jetzt nur noch die echt aufsehenerregenden Fälle lösen?«

Strike musste an den im freien Fall befindlichen Saldo auf seinem Konto denken, an seine schäbige Einzimmerwohnung über dem Büro und den vernichtenden Effekt des abgetrennten Frauenbeins auf sein Geschäft.

»Wir geben uns Mühe«, sagte er und vermied es dabei, Robin anzusehen.

Robin nahm den billigsten Salat und ein Mineralwasser. Tempest bestellte eine Vorspeise und einen Hauptgang, drängte Jason dazu, es ihr gleichzutun, und sammelte dann die Speisekarten ein, um sie dem Kellner nach Art einer liebenswürdigen Gastgeberin zurückzugeben.

»Also, Jason …«, begann Robin, doch Tempest übertönte sie, indem sie sich an Strike wandte: »Jason ist schrecklich nervös. Er hat sich nicht wirklich überlegt, welche Folgen ein Zusammentreffen mit Ihnen haben könnte. Ich musste es ihm erst begreiflich machen. Wir haben Tag und Nacht miteinander telefoniert – Sie sollten die Rechnungen sehen! Das sollte ich mir von Ihnen erstatten lassen, haha! Aber Scherz beiseite …«

Plötzlich war sie wieder ernst.

»Wir brauchen von Ihnen im Voraus die Versicherung, dass wir nicht in Schwierigkeiten kommen, weil wir der Polizei nicht alles erzählt haben. Weil wir nämlich nie Informationen hatten, die nützlich hätten sein können. Sie war doch bloß ein armes kleines Ding mit gewissen Problemen … Wir wussten überhaupt nichts. Wir haben sie nur ein einziges Mal getroffen und keinen blassen Schimmer, wer sie ermordet hat. Ich bin mir sicher, dass Sie inzwischen deutlich mehr über sie wissen als wir. Ich war ehrlich gesagt ziemlich besorgt, als ich gehört habe, dass Jason mit Ihrer Partnerin gesprochen hat. Ich glaube nämlich nicht, dass irgendwer eine Vorstellung davon hat, wie sehr wir als Gemeinschaft angefeindet werden. Ich habe selbst schon Morddrohungen bekommen – ich sollte Sie engagieren, um das aufklären zu lassen, haha!«

»Wer hat denn gedroht, Sie zu ermorden?«, fragte Robin höflich überrascht.

»Das kommt über die Website, wissen Sie«, erklärte Tempest, die Robin geflissentlich ignorierte und weiter nur mit Strike sprach. »Ich bin die Betreiberin, also gewissermaßen die Betreuerin – oder Mutter Oberin, haha! Na ja, jedenfalls bin ich die Person, der sich alle anvertrauen, bei der sich alle Rat holen, und deshalb werde natürlich ich angegriffen, sobald irgendwelche ahnungslosen Leute uns aufs Korn nehmen. Allerdings mache ich mir das Leben selber schwer. Ich trage die Kämpfe anderer Leute aus, nicht wahr, Jason? Jedenfalls«, sagte sie und schwieg gerade lange genug, um einen gierigen Schluck Wein zu nehmen, »kann ich Jason nicht dazu raten, mit Ihnen zu reden, wenn Sie ihm nicht zuerst garantieren, dass er keinen Ärger kriegt.«

Strike fragte sich, welchen möglichen Einfluss sie ihm in dieser Sache zutraute. Tatsache war nun mal, dass Jason und Tempest der Polizei Informationen vorenthalten hatten, und unabhängig davon, warum sie das getan hatten und ob die Informationen wertvoll gewesen wären oder nicht, war ihr Verhalten töricht und potenziell schädlich gewesen.

»Ich glaube nicht, dass einer von Ihnen Schwierigkeiten bekommen wird«, log er leichthin.

»Na also, okay, das höre ich gern«, sagte Tempest mit einer gewissen Selbstgefälligkeit. »Denn wir wollen ja nur helfen, das liegt doch auf der Hand. Ich habe zu Jason gesagt, wenn dieser Mann Jagd auf Mitglieder der BIID-Gemeinschaft macht, was durchaus denkbar ist … ich meine, verdammt noch mal, dann ist es unsere Pflicht zu helfen. Es würde mich nicht überraschen, wenn ich an die Beschimpfungen denke, die wir über die Website bekommen – dieser Hass, unglaublich! Er beruht ganz offensichtlich auf Unwissenheit, aber wir werden auch von Leuten beschimpft, die auf unserer Seite stehen müssten, die genau wissen, wie es ist, diskriminiert zu werden.«

Ihre Getränke kamen. Zu seinem Entsetzen goss der osteuropäische Kellner Strikes Spitfire in ein Bierglas mit Eiswürfeln.

»He!«

»Das Bier ist nicht kalt«, erklärte der Kellner, den Strikes Überreaktion zu verwundern schien.

»Scheiße noch mal«, murmelte Strike und fischte die Eiswürfel aus seinem Glas. Schlimm genug, dass ihn eine gepfefferte Rechnung erwartete – auch ohne Eis im Bier. Mit leicht gekränkter Miene servierte der Kellner Tempest ein zweites Glas Wein, und Robin ergriff die Gelegenheit beim Schopf.

»Jason, als Sie erstmals Kontakt mit Kelsey aufgenommen haben …«

Sofort stellte Tempest ihr Glas ab und übertönte Robin: »Yeah, ich hab in meinen Unterlagen nachgesehen, und Kelsey hat die Seite im Dezember erstmals besucht. Das hab ich auch der Polizei erzählt, ja, ich hab denen alles gezeigt. Sie hat übrigens nach Ihnen gefragt«, erklärte Tempest, als müsste Strike sich geschmeichelt fühlen, auf ihrer Website erwähnt worden zu sein, »und dann ist sie mit Jason ins Gespräch gekommen, sie haben Adressen ausgetauscht und waren danach in direktem Kontakt miteinander, nicht wahr, Jason?«

»Ja«, sagte er mit schwacher Stimme.

»Dann hat sie ein Treffen vorgeschlagen, und Jason hat sich mit mir in Verbindung gesetzt – nicht wahr, Jason? –, weil er dachte, er würde sich besser fühlen, wenn ich mitkäme. Immerhin war sie eine Internetbekanntschaft, stimmt’s? Da weiß man schließlich nie. Sie hätte alles Mögliche sein können. Sie hätte ein Mann sein können.«

»Wieso wollten Sie Kelsey persön…«, wollte Robin Jason fragen, doch wieder fiel Tempest ihr ins Wort.

»Die beiden waren an Ihnen interessiert«, sagte Tempest zu Strike. »Kelsey hat Jasons Interesse geweckt, nicht wahr, Jason? Sie wusste alles über Sie«, fuhr sie mit einem listigen Lächeln fort, als teilten sie diverse schmutzige Geheimnisse.

»Was hat Kelsey Ihnen denn über mich erzählt?«, fragte Strike den Jungen.

Als Jason daraufhin knallrot wurde, fragte Robin sich, ob er womöglich schwul war. Bei ihren ausführlichen Streifzügen durch die Internetforen hatte sie aus einigen, wenn auch beileibe nicht allen Posts erotische Untertöne herausgehört, wobei die Fantasien von <<Δēvōŧėė>> die krassesten gewesen waren.

»Sie hat behauptet«, murmelte Jason, »dass ihr Bruder Sie gekannt hat. Dass er mit Ihnen zusammengearbeitet hat.«

»Wirklich?«, fragte Strike. »Und Sie sind sich sicher, dass sie von ihrem Bruder gesprochen hat?«

»Ja.«

»Sie hatte nämlich gar keinen. Nur eine Schwester.«

Aus seinen schief stehenden Augen musterte Jason nervös die auf dem Tisch stehenden Gegenstände, ehe er seinen Blick wieder auf Strikes Gesicht richtete.

»Sie hat ziemlich sicher von einem Bruder gesprochen.«

»Und der soll mit mir in der Army zusammengearbeitet haben?«

»Nein, nicht in der Army, glaub ich … Später.«

Sie hat ständig gelogen … Wenn es Dienstag war, hat sie gesagt, es wäre Mittwoch.

»Also, ich meine, dass sie erwähnt hat, das hätte sie von ihrem Freund«, warf Tempest ein. »Sie hat uns doch erzählt, sie hätte diesen Freund namens Neil – weißt du nicht mehr, Jason?«

»Niall«, murmelte Jason.

»Wirklich? Na meinetwegen, Niall. Er hat sie vom Café abgeholt. Erinnerst du dich noch daran?«

»Moment!« Strike hob die Hand, und Tempest verstummte gehorsam. »Sie haben Niall gesehen

»Ja«, antwortete Tempest. »Er hat sie abgeholt. Mit seinem Motorrad.«

Danach herrschte kurzes Schweigen.

»Ein Mann auf einem Motorrad hat sie abgeholt … Wo war das? Wo haben Sie sich mit ihr getroffen?«, fragte Strike, dessen ruhiger Tonfall keinen Augenblick lang verriet, dass sein Puls plötzlich raste.

»Im Café Rouge an der Tottenham Court Road«, sagte Tempest.

»Nicht weit von unserem Büro entfernt«, murmelte Robin.

Jasons Gesicht war inzwischen dunkelrot.

»Oh, das wussten Kelsey und Jason ganz bestimmt. Haha! Du hast gehofft, Cormoran würde zufällig reinkommen, nicht wahr, Jason? Hahaha!«

Der Kellner servierte ihre Vorspeise.

»Ein Motorradfahrer hat sie abgeholt, Jason?«

Nur weil Tempest den Mund voll hatte, kam Jason endlich zu Wort.

»Ja«, sagte er mit einem lauernden Blick auf Strike. »Er hat ein Stück entfernt auf sie gewartet.«

»Wissen Sie noch, wie er ausgesehen hat?«, fragte Strike, der die Antwort bereits ahnte.

»Nein, er war … sozusagen halb hinter der Ecke.«

»Er hat seinen Helm aufgelassen«, bemerkte Tempest, die den Bissen mit Wein hinuntergespült hatte, um wieder mitreden zu können.

»Welche Farbe hatte das Motorrad, wissen Sie das noch?«, fragte Strike.

Tempest glaubte, sich an Schwarz erinnern zu können, und Jason war sich sicher, es sei rot gewesen, aber beide waren sich darin einig, dass es zu weit weg gestanden hatte, als dass man das Modell hätte erkennen können.

»Hat Kelsey noch irgendetwas über ihren Freund gesagt?«, fragte Robin.

Beide schüttelten den Kopf.

Ihre Hauptgerichte wurden serviert, als Tempest gerade dabei war, langatmig zu erläutern, welche Beratungs- und Unterstützungsdienste die von ihr betriebene Website zu leisten vermochte. Erst als sie den Mund voller Pommes hatte, brachte Jason endlich den Mut auf, Strike direkt anzusprechen.

»Ist es wahr?«, fragte er unvermittelt und lief erneut feuerrot an.

»Ist was wahr?«, fragte Strike zurück.

»Dass Sie … Dass …«

Heftig kauend beugte Tempest sich in ihrem Rollstuhl nach vorn, legte ihm eine Hand auf den Arm und schluckte.

»Dass Sie’s selbst gemacht haben«, flüsterte sie mit der Andeutung eines Augenzwinkerns.

Die dicken Oberschenkel waren leicht verrutscht, als Tempest sich kurz von der Sitzfläche gehoben hatte. Strike war im Selly Oak Hospital mit diversen Kriegsversehrten zusammengetroffen, die infolge von Verwundungen querschnittsgelähmt gewesen waren, er hatte ihre nutzlosen Beine gesehen und kannte die Ausgleichsbewegungen, die sie mit dem Rumpf auszuführen lernten, um das tote Gewicht darunter zu kompensieren. Was Tempest da gerade tat, traf ihn wie ein Keulenschlag. Sie brauchte keinen Rollstuhl. Sie war nicht im Geringsten behindert.

Es war allein Robin zu verdanken, dass Strike ruhig und höflich blieb. In dem angewiderten, wutentbrannten Blick, den sie Tempest zuwarf, fand er eine stellvertretende Befriedigung.

»Sie müssen mir sagen«, wandte er sich wieder an Jason, »was sie Ihnen erzählt hat, bevor ich Ihnen sagen kann, ob es wahr ist oder nicht.«

»Tja«, sagte Jason, der seinen Black-Angus-Burger kaum angerührt hatte, »Kelsey hat behauptet, Sie wären mit ihrem Bruder in einem Pub gewesen und … und hätten sich betrunken und ihm dann die Wahrheit erzählt. Sie meinte, dass Sie Ihren Stützpunkt in Afghanistan nachts mit einer Waffe verlassen hätten, möglichst weit in die Dunkelheit hinausgegangen wären und sich dann … ins Bein geschossen hätten, damit ein Doktor es Ihnen amputiert.«

Strike nahm einen großen Schluck Bier.

»Und das soll ich weshalb gemacht haben?«

»Bitte?« Jason blinzelte verwirrt.

»Ist es mir angeblich darum gegangen, als Invalide aus der Army entlassen zu werden, oder …?«

»Oh nein!«, widersprach Jason, der seltsam verletzt wirkte. »Nein, Sie sind …« Sein Gesicht lief so rot an, dass der restliche Körper inzwischen weitgehend blutleer sein musste. »… wie wir. Sie haben das gebraucht«, flüsterte er. »Sie wollten amputiert werden.«

Robin hatte plötzlich das Gefühl, Strike nicht mehr ansehen zu können, und gab stattdessen vor, ein eigenartiges Gemälde zu betrachten, das eine Hand zeigte, die einen einzelnen Schuh hielt. Zumindest glaubte sie, darauf eine Hand zu sehen, die einen Schuh hielt. Ebenso gut hätte es auch ein brauner Blumentopf sein können, aus dem ein rosa Kaktus wuchs.

»Der … Bruder, der Kelsey von mir erzählt hat … Wusste er, dass sie ihr eigenes Bein abtrennen wollte?«

»Das glaub ich nicht, nein. Sie hat behauptet, ich sei der Einzige, dem sie’s erzählt hat.«

»Sie glauben also, dass es nur Zufall war, dass er davon gesprochen hat …«

»Die Leute halten sich möglichst bedeckt.« Tempest hatte sofort wieder die Gelegenheit ergriffen und sich in das Gespräch eingemischt. »Scham spielt da eine große Rolle – unendlich viel Scham! Ich bin nicht außer Gefecht«, erklärte sie unbekümmert und zeigte hinab auf ihre Beine. »Trotzdem muss ich überall herumerzählen, dass ich eine Rückenverletzung erlitten hätte. Wenn ich zugeben würde, dass ich transabled bin, würden sie’s nicht verstehen. Von Vorurteilen seitens der Ärzteschaft will ich gar nicht erst anfangen – die sind absolut unglaublich! Meinen Hausarzt musste ich zweimal wechseln. Ich hatte einfach keine Lust mehr, schon wieder an einen beschissenen Psychiater weiterverwiesen zu werden. Nein, Kelsey hat uns erzählt, sie habe nie mit jemandem darüber reden können, der arme kleine Schatz – sie hatte niemanden, dem sie sich hätte anvertrauen können. Niemand hätte sie verstanden. Deswegen hat sie sich ja auch an uns gewendet – und natürlich an Sie«, erklärte sie Strike und lächelte leicht herablassend, weil er im Gegensatz zu ihr Kelseys Appell ignoriert hatte. »Sie sind nicht allein, wissen Sie. Sobald die Leute ihr Ziel erreicht haben, tendieren sie dazu, unsere Gemeinschaft zu verlassen. Das nehmen wir zur Kenntnis – das verstehen wir –, aber es würde viel bedeuten, wenn diese Leute bei uns blieben, um allen zu erzählen, wie es sich anfühlt, endlich in dem Körper zu leben, der einem von Anfang an bestimmt war.«

Robin fürchtete, Strike könnte jeden Moment explodieren – hier in diesem kultivierten weißen Raum, in dem sich Kunstliebhaber gedämpft unterhielten. Doch sie hatte die Selbstbeherrschung unterschätzt, die der einstige Offizier der Special Investigation Branch sich in langen Jahren als Ermittler antrainiert hatte. Das höfliche Lächeln, mit dem er Tempest bedachte, war maximal ein wenig grimmig; dann wandte er sich wieder Jason zu. »Sie glauben also nicht, dass es die Idee von Kelseys Bruder war, sich an mich zu wenden?«

»Nein«, antwortete Jason. »Ich glaube, das war ihre eigene Idee.«

»Was genau wollte sie von mir?

»Na ja, offensichtlich«, warf Tempest kichernd ein, »hat sie auf Ihren Rat gehofft, wie man es anstellt … was Sie zuvor angestellt hatten.«

»Glauben Sie das auch, Jason?«, fragte Strike, und der Junge nickte.

»Ja … Sie wollte wissen, wie schwer sie ihr Bein verletzen müsste, um es abgenommen zu bekommen … und ich glaube, dass sie insgeheim gehofft hat, Sie würden sie an den Arzt verweisen, der Ihrs gemacht hat.«

»Das ewige Problem«, sagte Tempest, die offensichtlich kein Gespür dafür hatte, wie sie auf Strike wirkte, »einen zuverlässigen Chirurgen zu finden. Die meisten sind vollkommen mitleidslos. Leute sind bei dem Versuch gestorben, die Sache selber in die Hand zu nehmen. In Schottland gab es einen wundervollen Chirurgen, der Amputationen an einigen BIID-Leidenden vorgenommen hat. Dann wurde ihm das verboten. Das liegt jetzt schon mehr als zehn Jahre zurück. Die Leute reisen ins Ausland, aber wer keine Operation bezahlen und sich die Reise nicht leisten kann … Jetzt verstehen Sie wahrscheinlich, warum Kelsey Ihre Kontaktliste in die Pfoten bekommen wollte.«

Robin ließ Messer und Gabel fallen, als verspürte sie stellvertretend für Strike all die Verärgerung, die er empfinden musste. Seine Kontaktliste! Als wäre seine Amputation ein rares Artefakt, das Strike auf dem Schwarzmarkt gekauft hatte …

Strike befragte Jason und Tempest noch eine Viertelstunde lang, bevor er zu dem Schluss gelangte, dass sie nichts weiter wussten. Was sie von ihrem einzigen Treffen mit Kelsey erzählt hatten, zeugte von einer unreifen, verzweifelten jungen Frau, deren Drang, amputiert zu werden, so stark gewesen war, dass sie nach übereinstimmender Meinung ihrer beiden Internetbekanntschaften alles getan hätte, um ihr Ziel zu erreichen.

»Tja«, seufzte Tempest, »sie war eine von denen … In jüngeren Jahren hatte sie es schon einmal versucht – mit einem Draht. Es gibt Leute, die so verzweifelt sind, dass sie ihr Bein auf Schienen legen. Ein Kerl hat mal versucht, sich sein Bein mit flüssigem Stickstoff abzufrieren. In Amerika hat ein Mädchen absichtlich einen Skisprung verpatzt – nur besteht dabei immer auch die Gefahr, dass man nicht genau den Grad der Behinderung erreicht, den man sich wünscht …«

»Welchen Grad wünschen Sie sich denn?«, fragte Strike und hob die Hand, um nach der Rechnung zu verlangen.

»Ich will mein Rückenmark durchtrennen lassen«, antwortete Tempest gelassen. »Querschnittsgelähmt, yeah. Idealerweise würd ich das gern von einem Chirurgen machen lassen. Bis dahin muss ich eben so weitermachen«, sagte sie und deutete wieder auf ihren Rollstuhl.

»Behindertentoiletten und Treppenlifte benutzen, den ganzen Scheiß, was?«, fragte Strike.

»Cormoran …«

Robin hatte geahnt, dass so etwas passieren würde. Er stand unter Strom, litt an Schlafmangel. Wahrscheinlich sollten sie froh sein, dass sie sämtliche Informationen, die sie brauchten, bereits bekommen hatten.

»Das ist nun mal mein Bedürfnis«, sagte Tempest gefasst. »Und das weiß ich schon seit meiner Kindheit. Ich lebe im falschen Körper. Ich sollte gelähmt sein.«

Der Kellner war an ihren Tisch getreten. Weil Strike ihn nicht zu bemerken schien, streckte Robin die Hand nach der Rechnung aus.

»Bitte schnell«, sagte sie zu dem Kellner, der immer noch mürrisch dreinblickte, seit Strike ihn wegen der Eiswürfel in seinem Bier angeblafft hatte.

»Sie kennen viele Behinderte, was?«, wollte Strike von Tempest wissen.

»Ein paar«, antwortete sie. »Wir haben offensichtlich viel gemeinsam, was …«

»Einen Scheiß haben Sie mit ihnen gemein, einen gewaltigen Scheiß!«

»Ich hab’s gewusst«, murmelte Robin halblaut, riss dem Kellner das Kartenlesegerät aus der Hand und steckte ihre Visakarte hinein. Strike stemmte sich vom Tisch auf. Sowie er hoch über Tempest aufragte, wirkte sie plötzlich nervös, während Jason sich auf seinem Stuhl ganz klein machte und aussah, als hätte er sich in seinem Kapuzenpulli am liebsten in Luft aufgelöst.

»Komm, Corm…« Robin riss ihre Kreditkarte aus dem Gerät.

»Und bloß damit ihr Bescheid wisst«, sagte Strike, während Robin in ihren Mantel schlüpfte und versuchte, ihn vom Tisch wegzuziehen. »Um mich herum ist ein verdammter Schützenpanzer explodiert.«

Jason schlug die Hände vor sein scharlachrotes Gesicht. Er hatte Tränen in den Augen, während Tempest nur mehr glotzte.

»Der Fahrer ist in Stücke gerissen worden – das wär dir wohl gerade dramatisch genug, was?«, fuhr er Tempest an. »Nur war er nachher tot, sodass die Aufmerksamkeit schon bald verpuffte. Der andere Kerl hat sein halbes Gesicht verloren – und ich ein halbes Bein. Das hatte nichts mit Freiwilligkeit zu tun …

»In Ordnung«, sagte Robin und packte Strike am Arm. »Wir müssen jetzt gehen. Danke für das Gespräch, Jason …«

»Hol dir Hilfe«, rief Strike noch und deutete auf Jason, als er sich von Robin wegziehen ließ. Gäste und Kellner starrten ihnen nach. »Scheiße, Mann, du brauchst Hilfe! Und zwar für deinen Kopf!«

Sie hatten sich über die baumbestandene Straße schon fast einen Block weit von der Galerie entfernt, ehe Strike wieder normal atmete.

»Okay«, sagte er, obwohl Robin gar nichts gesagt hatte. »Du hattest mich gewarnt. Tut mir leid.«

»Schon gut«, sagte sie beschwichtigend. »Wir haben bekommen, was wir wollten.«

Sie gingen ein paar Meter schweigend weiter.

»Hast du gezahlt? Ich hab gar nicht darauf geachtet …«

»Ja. Ich nehm’s mir aus der Portokasse wieder.«

Gut gekleidete Männer und Frauen überholten sie, geschäftig, eilig. Eine junge Frau mit Rastalocken, die wie eine Künstlerin aussah, schwebte in einem langen Kleid mit Paisleymuster an ihnen vorbei. Die Handtasche für fünfhundert Pfund zeugte allerdings davon, dass ihr Hippietum ein ebensolcher Schwindel war wie Tempests Behinderung.

»Wenigstens hast du ihr in ihrem Rollstuhl keinen Kinnhaken verpasst«, sagte Robin, »vor all den Kunstliebhabern …«

Sie schüttelte den Kopf, und Strike begann zu lachen.

»Ich wusste, dass du ausrasten würdest«, seufzte sie, aber sie lächelte dabei.

44

Then Came the Last Days of May

Er hatte geglaubt, sie wäre tot. Dass keine Zeitung darüber berichtet hatte, hatte ihn nicht weiter beunruhigt, weil sie eine Nutte gewesen war. Auch über die Erste, die er umgebracht hatte, hatte nie etwas in den Zeitungen gestanden. Prostituierte waren keinen Pfifferling wert, sie waren nichts, niemand machte sich etwas aus ihnen. Die Sekretärin würde diejenige sein, die Aufsehen erregte, weil sie bei diesem Mistkerl arbeitete – ein anständiges Mädchen mit einem gut aussehenden Verlobten, und das war etwas, worauf die Presse abfuhr.

Er verstand nur nicht, wie die Hure noch leben konnte. Er erinnerte sich genau daran, wie ihr Oberkörper sich unter dem Messer angefühlt hatte: das schmatzende, sägende Geräusch, mit dem die Klinge ihre Haut aufgeschlitzt hatte, das Knirschen von Stahl auf Knochen, das spritzende Blut. Studenten hatten sie gefunden, wie die Zeitung meldete. Scheißstudenten.

Zumindest hatte er noch ihre Finger.

Nach ihren Angaben war ein Phantombild gezeichnet worden – einfach beschissen lachhaft! Polizeibeamte waren rasierte Affen in Uniform, die ganze Bande. Glaubten sie allen Ernstes, dieses Bild würde helfen? Es sah ihm nicht im Geringsten ähnlich, kein bisschen. Das konnte einfach jeder sein – weiß oder schwarz. Er hätte laut darüber lachen können, wäre Es nicht da gewesen, aber Es hätte missbilligt, dass er über eine verdammte Nutte und ein Phantombild lachte …

Es war im Augenblick ziemlich streitsüchtig. Er musste sich größte Mühe geben, um die Tatsache wieder wettzumachen, dass er Es grob angefasst hatte, musste sich dafür entschuldigen, musste den Netten spielen. »Ich war aufgebracht«, hatte er gesagt. »Echt aufgebracht.« Er hatte kuscheln und für Es Blumen kaufen und daheimbleiben müssen, um seinen Wutanfall wiedergutzumachen, und das nutzte Es jetzt aus, so wie Frauen es immer taten. Es versuchte, mehr zu bekommen, alles aus ihm herauszuholen, was Es nur kriegen konnte.

»Ich mag es nicht, wenn du weg bist.«

Scheiße, wenn du so weitermachst, sorge ich dafür, dass DU weg bist, und zwar ein für alle Mal.

Er hatte sich für Es eine Lügengeschichte von einem Job zurechtgelegt, den er angeblich in Aussicht hatte, aber Es hatte sich zum ersten beschissenen Mal ernsthaft getraut, ihn auszufragen: Von wem hast du den Tipp bekommen? Wie lange bleibst du fort?

Er hatte Es beim Reden beobachtet und sich vorgestellt, wie er mit einer Faust ausholte und Es so hart in die hässliche Visage boxte, dass die Knochen splitterten …

Und trotzdem brauchte er Es noch eine kleine Weile – zumindest bis er sich die Sekretärin vornahm.

Es liebte ihn, und das war seine Trumpfkarte: Er wusste genau, dass er Es durch die Drohung, Es zu verlassen, in die Schranken verweisen konnte. Doch diese Karte durfte er nicht allzu oft ausspielen. Deshalb machte er mit den Blumen, den Küssen, der Freundlichkeit weiter, um die Erinnerung an seine Wut in diesem dummen, verwirrten Gedächtnis aufzuweichen und aufzulösen. Auch den einen oder anderen Weichmacher bekam Es in die Drinks – eine kleine Extradosis, um zu verhindern, dass Es das Gleichgewicht wiedererlangte, damit Es sich auch weiter an ihn klammerte und sich ihm an den Hals warf, um zu weinen.

Geduldig, freundlich, aber fest entschlossen.

Schließlich erklärte Es sich mit einer einwöchigen Abwesenheit einverstanden, mit einer komplett freien Woche, in der er tun und lassen konnte, was er wollte.

45

Harvester of eyes, that’s me.

BLUE ÖYSTER CULT, »HARVESTER OF EYES«

Detective Inspector Eric Wardle war keineswegs begeistert davon, dass Jason und Tempest seine Leute belogen hatten, aber Strike traf ihn weniger wütend an als erwartet, als sie sich auf Wardles Einladung hin am Montagabend auf ein Bier im Feathers trafen. Die Erklärung für seine überraschende Langmut war ganz einfach: dass Kelsey angeblich nach der Begegnung im Café Rouge von einem Mann auf einem Motorrad abgeholt worden war, passte perfekt zu Wardles neuer Lieblingstheorie.

»Sie erinnern sich doch noch an diesen Kerl namens Devotee, der die Website besucht hat? Der mit dem Fetisch für Amputierte? Der nach Kelseys Ermordung verstummt ist?«

»Jepp«, sagte Strike. Robin hatte sogar direkt mit ihm Kontakt gehabt.

»Wir haben ihn aufgespürt. Raten Sie mal, was in seiner Garage steht?«

Nachdem niemand verhaftet worden war, schlussfolgerte Strike, dass zumindest keine Leichenteile gefunden worden waren. Stattdessen schlug er vor: »Ein Motorrad?«

»Eine Kawasaki Ninja«, bestätigte Wardle. »Ich weiß, dass wir nach einer Honda fahnden«, fügte er schnell hinzu, bevor Strike etwas einwenden konnte, »aber er hat sich fast in die Hose gemacht, als wir bei ihm aufgetaucht sind.«

»Das tun die meisten, sobald die Kripo vor der Tür steht. Sonst noch was?«

»Er ist ein kleiner, verschwitzter Kerl namens Baxter. Kein Alibi für das Wochenende vom Zweiten auf den Dritten oder für den Neunundzwanzigsten. Geschieden, kinderlos, behauptet, er wär daheimgeblieben, um sich Kates und Williams Hochzeit anzusehen. Hätten Sie sich ohne eine Frau im Haus dieses Spektakel angetan?«

»Nein«, sagte Strike, der von der Hochzeit nur am Rande in den Nachrichten gehört hatte.

»Er behauptet, das Bike gehöre seinem Bruder, der es bloß bei ihm untergestellt hat. Nach einer Weile hat er dann aber zugegeben, ein paarmal damit unterwegs gewesen zu sein. Also wissen wir, dass er es fahren kann – und er könnte die Honda gemietet oder sich ausgeliehen haben.«

»Was hat er zu der Website gesagt?«

»Die spielt er völlig runter. Angeblich hat er da nur herumgeblödelt, hat nichts davon ernst gemeint, und Stümpfe würden ihn nicht antörnen. Als wir aber gefragt haben, ob wir uns seinen Computer ansehen dürften, war ihm das gar nicht recht. Wollte erst mit seinem Anwalt reden, bevor er sich dazu äußert. So sind wir dann verblieben, aber wir suchen ihn morgen wieder auf. Auf einen freundlichen Schwatz.«

»Hat er zugegeben, mit Kelsey online Kontakt gehabt zu haben?«

»Konnt er ja schlecht leugnen, nachdem uns ihr Laptop und Tempests vollständige Unterlagen vorliegen. Er hat Kelsey gefragt, was sie mit ihrem Bein vorhabe, und ihr ein Treffen vorgeschlagen, aber sie hat ihm einen Korb gegeben – zumindest online. Scheiße, jetzt müssen wir uns allen Ernstes mit ihm befassen«, sagte Wardle als Reaktion auf Strikes skeptischen Blick. »Er hat ein Motorrad, steht auf Amputationen und hat versucht, sich mit ihr zu verabreden.«

»Ja, natürlich«, sagte Strike. »Sonst irgendwelche Hinweise?«

»Ja, der Grund, warum ich mich mit Ihnen treffen wollte … Wir haben Ihren Donald Laing gefunden. Er ist in der Wollaston Close gemeldet – das ist in Elephant and Castle.«

»Tatsächlich?«

Strike war ausnahmsweise überrascht, und Wardle genoss es sichtlich, diesmal die Nase vorn zu haben.

»Yeah, und er ist ziemlich krank. Wir haben ihn über eine JustGiving-Seite gefunden. Von dort haben wir auch seine Adresse.«

Hier offenbarte sich einer der wesentlichen Unterschiede zwischen Strike und Wardle: Letzterer besaß eine Polizeimarke, Autorität und die Art Macht, auf die Strike beim Ausscheiden aus der Army verzichtet hatte.

»Und haben Sie mit ihm gesprochen?«

»Hab ein paar Leute hingeschickt, die ihn nicht angetroffen haben. Aber die Nachbarn haben bestätigt, dass es seine Wohnung ist. Er wohnt dort zur Miete, lebt allein und ist anscheinend ziemlich krank. Angeblich ist er für ein paar Tage nach Schottland gefahren, zur Beerdigung eines Freundes. Kommt wohl schon bald wieder.«

»Wie wahrscheinlich ist das denn …«, murmelte Strike in sein Bier. »Wenn Laing in Schottland noch einen Freund hat, dann fress ich dieses Glas.«

»Ganz wie Sie meinen«, sagte Wardle halb amüsiert, halb ungeduldig. »Ich dachte, Sie würden sich freuen, dass wir Ihre Verdächtigen aufstöbern.«

»Ist ja auch so«, sagte Strike. »Er ist also definitiv krank?«

»Von den Nachbarn wissen wir, dass er Krücken braucht. Anscheinend war er immer mal wieder im Krankenhaus.«

Auf dem mit Leder eingefassten Fernsehschirm über ihnen lief die auf stumm geschaltete Wiederholung der Partie Arsenal – Liverpool von letztem Monat. Strike sah einmal mehr, wie van Persie den Elfmeter verwandelte, von dem er gehofft hatte, er würde Arsenal zu einem verzweifelt benötigten Sieg verhelfen, als er das Spiel damals live auf dem winzigen Fernseher in seiner Wohnung verfolgt hatte. Der Sieg war natürlich ausgeblieben. Gegenwärtig hatten die Gunners so wenig Fortune wie er selbst.

»Haben Sie eigentlich eine Freundin?«, fragte Wardle abrupt.

»Was?« Strike sah überrascht zu ihm hinüber.

»Sie haben Coco gefallen«, sagte Wardle und grinste den Detektiv breit an, damit auch ganz bestimmt klar war, wie lächerlich er diese Idee fand. »Coco – die Freundin meiner Frau. Die Rothaarige. Sie erinnern sich?«

Strike erinnerte sich auch noch daran, dass Coco Burlesque-Tänzerin war.

»Ich hab versprochen, dass ich frage«, fuhr Wardle fort. »Ich hab ihr gesagt, dass Sie ein fieser Dreckskerl sind. Sie meint, das stört sie nicht.«

»Richten Sie ihr aus, dass ich mich geschmeichelt fühle«, sagte Strike wahrheitsgemäß. »Aber ja, ich habe eine Freundin.«

»Aber doch nicht Ihre Partnerin?«, fragte Wardle.

»Nein«, sagte Strike. »Die heiratet demnächst.«

»Da haben Sie sich aber was durch die Lappen gehen lassen, Kumpel«, sagte Wardle und gähnte. »An die hätt ich mich rangemacht.«

»Habe ich das richtig verstanden?«, fragte Robin am folgenden Morgen im Büro. »Nachdem wir jetzt wissen, dass Laing tatsächlich in der Wollaston Close lebt, soll ich die Überwachung einstellen?«

»Lass mich ausreden«, sagte Strike, der gerade dabei war, Tee zu machen. »Die Nachbarn behaupten, er sei verreist.«

»Eben hast du noch gesagt, dass du nicht glaubst, dass er wirklich nach Schottland gefahren ist.«

»Dass seine Wohnungstür geschlossen ist, seit du sie beobachtest, kann doch nur bedeuten, dass er zumindest irgendwohin verreist ist.«

Strike hängte Teebeutel in zwei Becher.

»Ich glaube kein Wort von dieser Beerdigung eines Freundes – aber ich wäre nicht überrascht, wenn er nach Melrose gefahren wäre, um zu versuchen, seiner dementen Mutter ein bisschen Geld abzuluchsen. Ich traue unserem Donnie durchaus zu, dass das seine Idee von einer Urlaubsreise ist.«

»Einer von uns sollte dort sein, wenn er zurückkommt …«

»Einer von uns beiden wird dort sein«, sagte Strike zur Beruhigung. »Aber bis dahin möchte ich, dass du jemand anderen übernimmst.«

»Brockbank?«

»Nein, an Brockbank bin ich dran«, sagte Strike. »Ich möchte, dass du dein Glück mit Stephanie versuchst.«

»Mit wem?«

»Stephanie. Whittakers Freundin.«

»Und wieso?«, fragte Robin laut, als der Wasserkocher zu seinem gewohnten Crescendo mit klapperndem Deckel und brodelnden Blasen ansetzte und das Fenster dahinter beschlug.

»Ich möchte wissen, ob sie uns erzählen kann, was Whittaker am Tag von Kelseys Ermordung und an dem Abend gemacht hat, als jemand diesem Mädchen in Shacklewell zwei Finger abgeschnitten hat. Genauer gesagt am dritten und neunundzwanzigsten April.«

Strike goss heißes Wasser auf und rührte Milch in beide Becher. Der Teelöffel klirrte an den Becherwänden. Robin wusste nicht recht, ob sie sich über die bevorstehende Abwechslung freuen oder ärgern sollte. Alles in allem glaubte sie, es sei eine gute Wendung, doch ihr kürzlicher Verdacht, Strike könne versuchen, sie aus dem Spiel zu nehmen, war immer noch nicht vollends ausgeräumt.

»Du glaubst definitiv immer noch, Whittaker könnte der Mörder sein?«

»Jepp.«

»Aber du hast keine …«

»Ich habe gegen keinen von ihnen Beweise, oder?«, fiel Strike ihr ins Wort. »Ich muss einfach weitermachen, bis ich welche habe oder sie alle sich als unbeteiligt erwiesen haben.«

Er schob ihr einen Becher Tee hin und ließ sich auf das Kunstledersofa fallen, das ausnahmsweise nicht unter ihm furzte – ein kleiner Triumph, aber in Ermangelung größerer Erfolge besser als nichts.

»Ich hatte gehofft, Whittaker aufgrund seines Aussehens eliminieren zu können«, sagte Strike, »aber er könnte der Mann mit der Beanie gewesen sein. Eins weiß ich sicher: Er ist immer noch genau derselbe Scheißkerl wie früher. Mit Stephanie hab ich’s mir gründlich verdorben. Die redet nicht mehr mit mir. Aber vielleicht kommst du ja bei ihr weiter. Wenn sie ihm für die beiden Daten ein Alibi geben kann oder uns an jemanden verweist, der ihm eins gibt, dann müssen wir umdenken. Andernfalls bleibt er auf der Liste.«

»Und was machst du, während ich mich um Stephanie kümmere?«

»Ich bleibe an Brockbank dran. Ich hab beschlossen«, sagte Strike, streckte die Beine aus und nahm einen belebenden Schluck Tee, »heute in den Stripclub zu gehen, um herauszufinden, was aus ihm geworden ist. Ich hab’s satt, Kebabs zu essen, vor Klamottenläden rumzuhängen und darauf zu warten, dass er aufkreuzt.«

Robin äußerte sich nicht dazu.

»Was?«, fragte Strike, dem ihr Gesichtsausdruck nicht entgangen war.

»Nichts.«

»Los, red schon!«

»Okay … Was ist, wenn er dort ist

»Kommt Zeit, kommt … Ich schlage ihn schon nicht zusammen«, sagte Strike, der sofort erraten hatte, was ihr durch den Kopf geschossen war.

»In Ordnung«, sagte Robin. »Aber Whittaker hast du niedergeschlagen.«

»Das war etwas anderes«, sagte Strike, und als sie nicht reagierte: »Whittaker ist ein Sonderfall. Er gehört zur Familie.«

Sie lachte, aber nur widerstrebend.

Als Strike am Geldautomaten fünfzig Pfund abhob, um anschließend das Saracen in einer Seitenstraße der Commercial Road anzusteuern, zeigte das Gerät ihm mürrisch an, dass sein Girokonto überzogen war. Strike drückte dem stiernackigen Türsteher am Eingang mit grimmiger Miene einen Zehner in die Hand und trat dann durch einen Vorhang aus schwarzen Plastikstreifen, der den Blick in den schwach beleuchteten Innenraum versperrte. Die Beleuchtung war allerdings nicht annähernd schwach genug, um den allgemeinen Eindruck von Schäbigkeit zu verschleiern.

Der alte Pub war gänzlich entkernt worden. Mit der neuen Inneneinrichtung wirkte er fast wie ein heruntergekommenes Gemeindezentrum: düster und seelenlos. Auf dem Fußboden aus versiegelter Parkettkiefer spiegelte sich das Licht des breiten Neonstreifens über der Bar, die eine ganze Seite des Raums einnahm.

Es war erst kurz nach Mittag. Trotzdem war bereits Leben auf der kleinen Bühne im Hintergrund des Pubs. In rotes Licht getaucht und vor schräg stehenden Spiegeln, damit auch wirklich jeder Quadratzentimeter ihrer nackten Haut bewundert werden konnte, legte die Tänzerin gerade zu »Start Me Up« von den Rolling Stones ihren BH ab. Ganze vier Männer saßen jeder für sich auf einem Barhocker an einem erhöhten Tisch und sahen abwechselnd zu dem Mädchen hinüber, das sich jetzt unbeholfen um eine Metallstange schwang, und zu einem Großbildfernseher, auf dem Sky Sports lief.

Strike ging geradewegs an die Bar, wo er sich einem Warnschild gegenübersah: »Wer beim Masturbieren erwischt wird, fliegt raus.«

»Was darf’s sein, Schätzchen?«, fragte eine langhaarige junge Frau mit purpurrotem Lidschatten und Nasenring.

Strike bestellte ein Pint John Smith’s und setzte sich an die Theke. Außer dem Türsteher war hier nur ein weiterer Angestellter zu sehen: ein Mann, der neben der Stripperin an einem Plattenteller saß. Der untersetzte Blonde war Anfang vierzig und sah Brockbank nicht im Mindesten ähnlich.

»Ich hatte gehofft, hier einen Freund zu treffen«, erklärte Strike der Bedienung, die sich mangels Kundschaft an die Theke gelehnt hatte, verträumt den Fernseher anstarrte und sich die langen Fingernägel säuberte.

»Ach?«, fragte sie gelangweilt.

»Ja«, sagte Strike. »Er hat behauptet, er würde hier arbeiten.«

Ein Mann in einer leuchtstreifenbesetzten Jacke trat an die Bar, und ohne ein weiteres Wort ging sie wieder, um den Gast zu bedienen.

Als »Start Me Up« zu Ende war, war auch der Auftritt der Stripperin vorbei. Sie hüpfte nackt von der Bühne, schnappte sich ein Cape und verschwand durch einen Vorhang. Niemand klatschte.

Dann kam eine Frau in einem sehr kurzen Nylonkimono und Netzstrümpfen hinter demselben Vorhang hervor und begann, mit einem leeren Bierglas in der Hand durch den Pub zu gehen, wobei ein Gast nach dem anderen in die Tasche griff und ihr ein wenig Kleingeld ins Glas warf. Strike war als Letzter dran. Er warf ein paar Pfundmünzen hinein. Sie ging zurück zur Bühne, stellte das Bierglas mit dem eingesammelten Geld vorsichtig neben dem Plattenspieler des DJs ab, schlängelte sich aus ihrem Kimono und trat dann in BH, Tanga, Netzstrümpfen und High Heels auf die Bühne.

»Gentlemen, ich glaube, das wird Ihnen gefallen … Bitte einen großen Applaus für die reizende Mia!«

Sie fing an, zu Gary Numans »Are ›Friends‹ Electric?« zu tanzen. Allerdings waren ihre Bewegungen nicht im Geringsten synchron zu der Musik.

Die Bedienung bezog wieder ihren Beobachtungsposten neben Strike. Von dort aus hatte sie den Fernseher am besten im Blick.

»Yeah, wie schon gesagt«, begann Strike wieder, »hat mir ein Freund erzählt, dass er hier arbeitet.«

»Mhm.«

»Er heißt Noel Brockbank.«

»Ach so? Kenn ich nicht.«

»Nein«, sagte Strike und blickte sich angelegentlich um, obwohl er längst festgestellt hatte, dass Brockbank nirgends zu sehen war. »Vielleicht bin ich im falschen Club gelandet.«

Die erste Stripperin kam wieder hinter dem Vorhang hervor. Sie trug jetzt ein Minikleid in Kaugummipink mit Spaghettiträgern, das kaum ihren Schritt bedeckte und irgendwie unanständiger war als ihre vorige Nacktheit. Sie sprach den Mann in der Leuchtstreifenjacke an, aber der schüttelte bloß den Kopf. Als sie sich umsah und Strikes Blick begegnete, lächelte sie und kam auf ihn zu.

»Hiya«, sagte sie mit irischem Akzent. Ihr Haar, das er im roten Rampenlicht für blond gehalten hatte, erwies sich als leuchtend kupferrot. Unter dem dick aufgetragenen orangeroten Lippenstift und den dichten künstlichen Wimpern steckte ein Mädchen, das noch zur Schule hätte gehen können. »Ich bin Orla. Und wer bist du?«

»Cameron«, antwortete Strike, dessen Vornamen die meisten Leute ohnehin falsch verstanden.

»Hättest du Lust auf ein privates Tänzchen, Cameron?«

»Und wo soll das stattfinden?«

»Dahinten durch«, sagte sie und zeigte auf den Vorhang, hinter dem sie sich umgezogen hatte. »Ich hab dich hier noch nie gesehen.«

»Nein … Ich suche jemanden.«

»Wie heißt sie?«

»Es ist ein Er.«

»Wenn du einen Er suchst, bist du hier falsch, Süßer«, sagte sie.

Sie war so jung, dass er leicht peinlich berührt war, als sie ihn »Süßer« nannte.

»Darf ich dich zu einem Drink einladen?«, fragte Strike.

Sie zögerte. Ein Lapdance brachte mehr Geld, aber womöglich gehörte er ja zu den Kerlen, die erst warm werden mussten.

»Okay, warum nicht?«

Strike zahlte einen unverschämten Preis für einen Wodka mit Limette, den sie mit züchtigen kleinen Schlucken auf dem Hocker neben ihm schlürfte, wobei ihr die Brüste aus dem Ausschnitt quollen. Die Beschaffenheit ihrer Haut erinnerte ihn wieder an die ermordete Kelsey: glatt und fest, mit reichlich jugendlichem Fettgewebe. Auf die Schulter hatte sie sich drei kleine blaue Sterne tätowieren lassen.

»Vielleicht kennst du ja meinen Freund?«, fragte Strike. »Noel Brockbank.«

Sie war nicht dumm, die kleine Orla. Misstrauen und Berechnung mischten sich in dem scharfen Blick, mit dem sie ihn von der Seite betrachtete. Wie auch schon die Thaimasseurin aus Market Harborough fragte sie sich gerade, ob er womöglich ein Bulle war.

»Er schuldet mir Geld«, behauptete Strike.

Sie musterte ihn noch einen Augenblick und runzelte die glatte Stirn, dann schien sie seine Lüge zu schlucken.

»Noel«, wiederholte sie. »Der ist nicht mehr da, glaub ich. Augenblick … Edie!«

Die gelangweilte Bedienung wandte den Blick nicht vom Fernseher ab.

»Hm?«

»Wie hieß gleich wieder dieser Kerl, den Des neulich gefeuert hat? Der’s hier nur ein paar Tage gemacht hat?«

»Weiß nicht.«

»Ja, ich glaub, das war ein gewisser Noel, der gefeuert wurde«, wandte Orla sich wieder an Strike. Dann fügte sie mit jäher und geradezu liebenswerter Direktheit hinzu: »Ein Zehner, und ich frag für dich nach.«

Stumm seufzend überreichte Strike ihr den Geldschein.

»Bin gleich wieder da«, sagte Orla fröhlich, glitt vom Barhocker, steckte den Zehner in den Gummizug ihres Slips, zog ihr Kleid unelegant herunter und schlenderte zum DJ hinüber, der Strike finster anstarrte, während Orla mit ihm sprach. Als er knapp nickte, glänzten seine Hamsterbacken im roten Schein des Rampenlichts, und Orla kam sichtlich selbstzufrieden zurückgetrabt.

»Wie ich’s mir gedacht hab!«, verkündete sie. »Ich war nicht hier, als es passiert ist, aber er hat ’nen Anfall oder so gehabt.«

»Einen Anfall?«, wiederholte Strike.

»Yeah, gleich in der ersten Woche. Ein großer Kerl, stimmt’s? Mit langem Kinn?«

»Genau«, bestätigte Strike.

»Yeah. Er ist zu spät gekommen. Des war nicht froh darüber. Das da drüben ist Des«, fügte sie unnötigerweise hinzu und zeigte auf den DJ, der Strike immer noch misstrauisch beäugte, während er nach »Are ›Friends‹ Electric?« Cyndi Laupers »Girls Just Wanna Have Fun« auflegte. »Als Des ihn wegen der Verspätung angebrüllt hat, ist dein Kumpel umgekippt und hatte Krämpfe. Angeblich«, erzählte Orla genüsslich weiter, »hat er sich sogar vollgepisst.«

Strike bezweifelte, dass Brockbank sich vollgepisst hätte, nur um einem Anschiss von Des zu entgehen. Er schien tatsächlich einen epileptischen Anfall gehabt zu haben.

»Wie ist’s weitergegangen?«

»Die Freundin deines Kumpels ist von hinten rausgerannt gekommen …«

»Welche Freundin?«

»Augenblick … Edie?«

»Hm?«

»Wie heißt die schwarze Mieze gleich wieder – die mit den Extensions? Und den Riesentitten? Die, die Des nicht mag?«

»Alyssa«, antwortete Edie.

»Alyssa«, teilte Orla Strike mit. »Sie ist von hinten rausgerannt gekommen und hat Des angekreischt, er soll einen Krankenwagen rufen.«

»Und hat er einen gerufen?«

»Yeah. Sie haben deinen Kumpel mitgenommen. Alyssa ist auch mitgefahren.«

»Und war Brock… Noel seitdem noch einmal hier?«

»Na ja, ist schon Scheiße als Rausschmeißer, wenn man zusammenklappt und sich vollpisst, bloß weil jemand einen anschreit, oder?«, sagte Orla. »Ich hab noch mitgekriegt, wie Alyssa Des angebettelt hat, ihm ’ne zweite Chance zu geben. Aber Des gibt keine zweiten Chancen.«

»Dann hat Alyssa Des ein knickeriges Arschloch genannt«, warf Edie ein, die jäh aus ihrer Teilnahmslosigkeit erwacht war. »Da hat er sie ebenfalls gefeuert. Blöde Kuh – braucht doch das Geld. Sie hat Kinder.«

»Wann war das?«, erkundigte sich Strike.

»Vor ein paar Wochen«, sagte Edie. »Er war aber auch ein Widerling, dieser Kerl. Gut, dass wir den los sind.«

»Wieso war er ein Widerling?«, fragte Strike.

»Das merkt man«, antwortete Edie ebenso abgebrüht wie resigniert. »Jedes Mal wieder. Was Männer angeht, hat Alyssa einen echt beschissen schlechten Geschmack.«

Die Stripperin war inzwischen bei ihrem Stringtanga angelangt und führte dem spärlichen Publikum ihren enthusiastisch wackelnden Hintern vor. Zwei ältere Männer, die eben den Club betreten hatten, zögerten auf dem Weg zur Bar und hatten für einen Moment nur Augen für den Tanga, der offenbar gleich abgestreift werden würde.

»Du weißt nicht zufällig, wo ich Noel finden kann?«, fragte Strike Edie, die zu gelangweilt wirkte, um für Informationen Geld zu verlangen.

»Er lebt mit Alyssa zusammen, irgendwo in Bow«, antwortete sie. »Alyssa hat da wohl eine Sozialwohnung ergattert, und trotzdem meckert sie ständig. Nein, die Adresse weiß ich nicht«, sagte sie und kam damit Strikes Frage zuvor.

»Ich dachte, ihr gefällt’s dort?«, sagte Orla verwundert. »Zumindest hat sie mal erwähnt, dass der Kinderhort gut ist.«

Die Stripperin hatte sich aus ihrem Tanga geschlängelt und schwang ihn mittlerweile wie ein Lasso über dem Kopf. Die beiden neuen Gäste, die alles gesehen hatten, was es zu sehen gab, schlenderten weiter zur Bar. Einer von ihnen – der Orlas Großvater hätte sein können – glotzte ihr mit wässrigen Augen in den Ausschnitt. Sie begutachtete ihn geschäftsmäßig, dann drehte sie sich wieder zu Strike um.

»Also, willst du ’nen privaten Tanz oder nicht?«

»Nein, lieber doch nicht«, sagte Strike.

Noch ehe er es ausgesprochen hatte, hatte sie bereits ihr Glas abgestellt, war vom Hocker gerutscht und scharwenzelte auf den grinsenden Sechzigjährigen zu, der mehr Zahnlücken als Zähne zeigte.

Dann tauchte eine massive Gestalt neben Strike auf: der stiernackige Türsteher.

»Des will dich sprechen«, sagte er in einem Tonfall, der bedrohlich geklungen hätte, wäre seine Stimme für einen Hünen wie ihn nicht so überraschend hoch gewesen.

Strike sah sich um. Der DJ, der ihn durch den Raum hindurch anfunkelte, winkte ihn zu sich.

»Gibt’s ein Problem?«, fragte Strike.

»Das erfährst du von Des«, lautete die vage Antwort.

Also durchquerte Strike den Raum, um mit dem DJ zu reden, und stand am Ende wie ein übergroßer Schuljunge da, den der Rektor zu einem Gespräch verdonnert hat. Er war sich der Absurdität der Situation vollkommen bewusst, als er abwartete, bis die dritte Stripperin ihr Bierglas mit Münzen sicher neben dem Plattenspieler deponiert, einen purpurroten Morgenrock abgestreift und in schwarzer Spitze und hochhackigen Akrylglassandalen die Bühne erklommen hatte. Sie war großflächig tätowiert, ihr Teint unter dem dicken Make-up fleckig.

»Gentlemen: Titten, Arsch und Klasse von … Jackaline!«

»Africa« von Toto setzte ein. Jackaline begann, sich um die Pole-Dance-Stange zu winden, was sie weit besser beherrschte als ihre Kolleginnen. Des legte die Hand über das Mikrofon und beugte sich nach vorn.

»Also, Kumpel.«

Aus der Nähe wirkte er älter und härter als im Widerschein des roten Rampenlichts. Gewieftheit lag in seinem Blick, und er hatte am Kinn eine Narbe, die fast so tief wie die von Shanker war.

»Was soll die Fragerei nach diesem Rausschmeißer?«

»Er ist ein Freund von mir.«

»Er hatte nie einen Vertrag.«

»Das hab ich nicht behauptet.«

»Von wegen, kein Entlassungsgrund – ein Scheiß war das! Hat mir nie erzählt, dass er solche beschissenen Anfälle hat. Hat diese Alyssa-Schlampe Sie geschickt?«

»Nein«, antwortete Strike. »Ich hab bloß gehört, dass Noel hier angeblich arbeiten soll.«

»Sie ist ’ne schwanzgeile blöde Kuh.«

»Davon weiß ich nichts. Ich suche bloß ihn.«

Des kratzte sich unter dem Arm und musterte Strike finster, während Jackaline keine eineinhalb Meter von ihm entfernt die BH-Träger abstreifte und ihr halbes Dutzend Zuschauer über die Schulter hinweg anfunkelte.

»So ’n Scheiß, dass dieser Dreckskerl jemals in den Special Forces war«, sagte Des aggressiv, als hätte Strike genau das behauptet.

»Hat er Ihnen das erzählt?«

»Das hat sie gesagt. Alyssa. Die würden doch im Leben kein beschissenes Wrack wie ihn annehmen. Außerdem«, fuhr Des fort und kniff die Augen zusammen, »hat’s noch andere Dinge gegeben, die mir an ihm nicht gefallen haben.«

»Ja? Welche denn?«

»Das ist meine Sache. Kannst du ihr von mir ausrichten. Sein beschissener Anfall war nicht der einzige Grund. Sag ihr, dass sie Mia fragen soll, warum ich ihn nicht behalten wollte, und bestell Alyssa, dass ich sie vor ein gottverdammtes Gericht zerre, wenn sie noch mal irgendwelchen Scheiß mit meinem Auto macht oder einen ihrer Freunde vorbeischickt, damit er versucht, was gegen mich zu finden. Bestell ihr das!«

»Na gut«, sagte Strike. »Haben Sie ihre Adresse?«

»Verpiss dich, okay?«, knurrte Des. »Verpiss dich einfach!«

Er beugte sich nach vorn zum Mikrofon.

»Geil«, sagte er anzüglich grinsend, während Jackaline ihre scharlachrot angestrahlten Brüste rhythmisch wippen ließ. Dann bedachte er Strike mit einer Geste, die wohl »Hau endlich ab« bedeuten sollte, und beugte sich wieder über seinen Stapel alter Vinylplatten.

Strike ließ sich gefügig zum Ausgang begleiten. Niemand achtete auf ihn; die Aufmerksamkeit des Publikums galt Jackaline und Lionel Messi auf dem Großbildschirm. An der Tür trat Strike beiseite, um eine Gruppe bereits ziemlich angeheiterter junger Männer in Anzügen einzulassen.

»Titten!«, rief der Erste von ihnen und zeigte auf die Stripperin. »Titten!«

Dem Türsteher schien dieser Auftritt nicht zu gefallen. Es folgten eine kurze Ermahnung erst vonseiten der Freunde des Schreihalses und die Warnung durch den Rausschmeißer, der mit dem Zeigefinger mehrmals kräftig auf die Brust des jungen Mannes tippte.

Strike wartete geduldig ab, bis die Sache in Ordnung gebracht war. Als die jungen Männer schließlich eingelassen wurden, verließ er den Stripclub zu den ersten Takten von »The Only Way Is Up« von Yazz.

46

Subhuman

Allein mit seinen Trophäen fühlte er sich vollkommen. Sie waren der Beweis seiner Überlegenheit, seiner erstaunlichen Fähigkeit, sich durch die Reihen der Polizeiaffen und zwischen den Massen aus Schafen hindurchzubewegen und sich einem Halbgott gleich zu nehmen, was er begehrte.

Allerdings waren sie ihm auch noch bei etwas anderem nützlich.

Wenn er mordete, schien er nie richtig steif zu werden. Wenn er zuvor daran dachte: Ja. Manchmal konnte er sich allein bei der Vorstellung, was er tun würde, in einen onanistischen Rausch versetzen – wobei er seine Möglichkeiten in Gedanken verfeinerte und immer neu inszenierte. Auch danach hatte er nie Probleme damit – zum Beispiel jetzt in diesem Augenblick, da er die eisige, gummiartige, verschrumpelte Brust in der Hand hielt, die er von Kelseys Körper gehackt hatte und die sich schon leicht ledrig anfühlte, weil sie wiederholt der Luft außerhalb des Kühlschranks ausgesetzt gewesen war. Jetzt in diesem Moment glich er einem Fahnenmast.

Die Finger der Neuen hatte er ins Gefrierfach gepackt. Er nahm einen heraus, drückte ihn an seine Lippen und biss dann fest hinein. Er stellte sich vor, sie hinge immer noch daran und schrie vor Schmerzen. Er kaute darauf herum, genoss das Gefühl des kalten, aufbrechenden Fleisches, während er seine Zähne hart auf den Knochen hieb. Mit der freien Hand fummelte er an der Kordel seiner Jogginghose herum …

Danach packte er alles wieder in den Kühlschrank, schloss die Tür und tätschelte sie leicht. Er grinste in sich hinein. Bald würde dort drinnen noch viel mehr liegen. Die Sekretärin war nicht gerade klein: seiner Schätzung nach zwischen eins siebzig und eins fünfundsiebzig.

Ein winziges Problem hatte er allerdings … Er wusste nicht, wo sie gerade steckte. Er hatte ihre Fährte verloren. Am Morgen war sie nicht wie sonst im Büro erschienen. Er war zur London School of Economics gelaufen, wo er die platinblonde Schlampe aufgespürt hatte, doch die Sekretärin selbst war nirgends zu sehen gewesen. Er hatte im Court nachgeschaut; er war sogar im Tottenham gewesen. Allerdings war dies nur ein vorläufiger Rückschlag. Er würde sie wiederfinden. Notfalls würde er sie morgen früh am Bahnhof West Ealing abfangen.

Er kochte sich einen Kaffee und kippte einen Schuss Whisky hinein. Die Flasche stand bereits seit Monaten hier. Hier in diesem erbärmlichen Schlupfloch, in seinem geheimen Heiligtum, wo er seine Schätze versteckt hielt, gab es nur das Allernötigste: einen Wasserkocher, ein paar abgestoßene Becher, die Kühlgefrierkombi – sein Altar –, eine alte Matratze, auf der er schlief, und eine Dockingstation für seinen iPod. Der iPod war wichtig. Das Gerät war zu einem Teil seines Rituals geworden.

Anfangs hatte er sie für beschissen gehalten. Aber als seine Besessenheit gewachsen war, Strike zu erledigen, hatte ihm ihre Musik zusehends besser gefallen. Er hatte sie ganz einfach gern im Ohr, während er die Sekretärin beschattete. Während er seine Messer abspülte. Inzwischen war es für ihn heilige Musik. Einige Liedtexte hafteten in seinem Gedächtnis wie Erinnerungen an einen Gottesdienst. Je öfter er sie sich anhörte, umso deutlicher spürte er, dass sie ihn verstanden.

Frauen wurden aufs Elementare reduziert, wenn sie mit dem Messer konfrontiert waren. Sie wurden durch ihre Todesangst quasi gereinigt. Wenn sie um ihr Leben baten und bettelten, sprach aus ihnen eine Art Reinheit. Der Cult (wie er sie für sich nannte) schien das zu verstehen. Sie hatten den Dreh raus.

Er stellte den iPod auf die Dockingstation und klickte sich zu »Dr. Music« vor, einem seiner Lieblingsstücke. Dann trat er ans Waschbecken, auf dem ein gesprungener Rasierspiegel, eine Schere und sein Rasierer bereitlagen: alles, was ein Mann brauchte, um sich zu verwandeln.

Aus dem Lautsprecher sang Eric Bloom:

Girl don’t stop that screamin’


You’re sounding so sincere …

47

I sense the darkness clearer …

BLUE ÖYSTER CULT, »HARVEST MOON«

An diesem Tag – am ersten Juni – konnte Robin erstmals sagen: »Nächsten Monat heirate ich.« Der zweite Juli schien mit einem Mal unglaublich nahe gerückt zu sein. Das Brautatelier in Harrogate bestand auf einer letzten Anprobe, auch wenn sie keine Ahnung hatte, wann sie auch noch einen Kurztrip nach Hause einschieben sollte. Zumindest hatte sie Schuhe. Ihre Mutter verwaltete die eingehenden Antworten und hielt sie regelmäßig über die Gästeliste auf dem Laufenden. Trotzdem fühlte Robin sich von allem seltsam abgekoppelt. Ihre ermüdenden Überwachungsstunden am Catford Broadway, wo sie die Wohnung über dem Imbiss im Blick behielt, waren Welten entfernt von Fragen zum Blumenschmuck, wer bei Tisch neben wem sitzen sollte und ob sie (diese Frage war von Matthew gekommen) Strike bereits um vierzehn Tage Urlaub für die Hochzeitsreise gebeten hatte, die Matthew im Alleingang gebucht hatte und die eine Überraschung werden sollte.

Sie begriff nicht, wie der Hochzeitstermin unmerklich so nahe herangerückt sein konnte. Nächsten Monat – schon nächsten Monat würde sie Robin Cunliffe heißen. Davon ging sie zumindest aus. Ganz sicher erwartete Matthew, dass sie seinen Namen annahm. Er war seit geraumer Zeit auffällig gut gelaunt, umarmte sie wortlos, wann immer sie sich im Flur begegneten, und erhob nicht den geringsten Einwand gegen Robins lange Arbeitszeiten, die teils bis in die Wochenenden hineinreichten.

In den vergangenen Tagen hatte er sie morgens sogar nach Catford gefahren, weil der Stadtteil auf dem Weg zu der Firma in Bromley lag, deren Bücher er gerade prüfen musste. Er äußerte sich inzwischen sogar freundlich über den verhassten Land Rover, selbst wenn er nur mit Mühe den Gang reinkriegte oder an einer Kreuzung den Motor abwürgte: Was für ein wunderbares Geschenk der Wagen und wie nett es von Linda gewesen sei, ihn herzugeben, wie nützlich so ein Auto doch sei, wenn er außerhalb der Innenstadt zu tun habe. Am Vortag mitten im Berufsverkehr hatte er angeboten, Sarah Shadlock von der Gästeliste zu streichen. Robin hatte gespürt, wie er all seinen Mut hatte zusammennehmen müssen, um die Frage überhaupt zu stellen. Natürlich hatte er gefürchtet, Sarahs Erwähnung könnte einen neuerlichen Streit heraufbeschwören. Sie hatte eine Weile darüber nachgedacht und sich gefragt, wie ihr wirklich zumute war, und zuletzt Nein gesagt.

»Es macht mir nichts mehr aus«, erklärte sie. »Soll sie nur kommen. Ist schon in Ordnung.«

Sarah von der Gästeliste zu streichen hätte nur signalisiert, dass Robin herausgefunden hatte, was vor Jahren passiert war. Doch Robin hatte ihren Stolz. Lieber wollte sie so tun, als hätte sie es immer schon gewusst, als hätte Matthew es ihr schon vor Langem gebeichtet, als hätte es nichts zu bedeuten. Als ihre Mutter, die Sarahs Teilnahme ebenfalls infrage gestellt hatte, sich erkundigte, wen Robin neben Sarah platzieren wollte, nachdem Sarahs und Matthews alter Studienfreund Shaun nun doch nicht kommen würde, antwortete Robin mit einer Gegenfrage: »Hat Cormoran schon zugesagt?«

»Nein«, antwortete ihre Mutter.

»Oh. Na ja, er meinte, er würde es noch machen.«

»Du willst ihn neben Sarah setzen?«

»Nein, natürlich nicht!«, fauchte Robin.

Danach entstand eine kurze Pause.

»Sorry«, sagte Robin. »Tut mir leid, Mum … Bin im Stress … Nein, könntest du Cormoran neben … ich weiß auch nicht, neben wen setzen …«

»Kommt seine Freundin?«

»Eher nicht. Setz ihn hin, wo du willst, nur nicht neben diese verfluchte … nicht neben Sarah, meine ich.«

Gerade richtete Robin sich an dem bislang wärmsten Morgen des Jahres darauf ein, geduldig abzuwarten, ob Stephanie sich heute blicken lassen würde. Die Shopper am Catford Broadway trugen T-Shirts und Sandalen; schwarze Frauen mit grellbunten Turbanen liefen an ihr vorbei. Robin, die unter ihrer alten Jeansjacke ein Sommerkleid trug, lehnte in einer der vertrauten Nischen des Theaters und gab vor, mit dem Handy zu telefonieren, um ein wenig Zeit totzuschlagen, ehe sie sich dem Angebot an Duftkerzen und Räucherstäbchen am nächsten Straßenstand widmen wollte.

Es war nicht leicht, hoch konzentriert zu bleiben, wenn man davon überzeugt war, zu einem aussichtslosen Unternehmen abkommandiert worden zu sein. Strike mochte darauf bestehen, Whittaker weiter für einen Verdächtigen in der Mordsache Kelsey zu halten, doch Robin zweifelte insgeheim daran. Sie neigte mehr und mehr zu Wardles Auffassung, Strike habe es auf seinen Exstiefvater abgesehen und lasse zu, dass sein sonst so gutes Urteilsvermögen durch alte Animositäten getrübt wurde. Während sie immer wieder zu den Vorhängen von Whittakers Wohnung aufsah, die sich nicht ein einziges Mal bewegt hatten, musste sie erneut daran denken, dass Stephanie zuletzt gesehen worden war, als Whittaker sie hinten in einen Kastenwagen geschubst hatte, und fragte sich, ob sie überhaupt zu Hause war.

Leicht verärgert darüber, dass auch dieser Tag vergeudet sein würde, gelangte sie zu ihrem inzwischen wesentlichsten Kritikpunkt an Strike: dass er die Fahndung nach Noel Brockbank an sich gerissen hatte. Irgendwie hatte sich in Robin das Gefühl herausgebildet, Brockbank sei speziell ihr Verdächtiger. Hätte sie sich nicht erfolgreich als Venetia Hall ausgegeben, hätten sie niemals erfahren, dass er in London lebte, und wäre sie nicht clever genug gewesen, um zu erkennen, dass Nile Noel war, hätten sie ihn auch nicht zu dem Stripclub verfolgen können. Selbst die halblaute Stimme in ihrem Ohr – Kenn ich dich womöglich, Mädchen? – hatte eine gewisse seltsame Verbindung hergestellt, so unheimlich sie auch gewesen war.

Der Geruch von rohem Fisch und Räucherstäbchen – eine Mischung, die sie inzwischen unwillkürlich mit Whittaker und Stephanie in Verbindung brachte – stieg ihr in die Nase, als sie sich gegen das kalte Mauerwerk lehnte und die immer noch fest verschlossene Haustür betrachtete. Wie Füchse zu einer Mülltonne schlichen ihre renitenten Gedanken zu Zahara zurück, dem kleinen Mädchen, das an Brockbanks Handy gegangen war. Seit Robin mit ihr gesprochen hatte, hatte sie tagaus, tagein an sie gedacht und Strike nach seiner Rückkehr aus dem Stripclub wegen aller möglichen Details über die Mutter der Kleinen gelöchert.

Er hatte ihr erzählt, Brockbanks Freundin sei eine Schwarze namens Alyssa, also musste Zahara ebenfalls schwarz sein. Womöglich sah sie aus wie das kleine Mädchen mit den steif abstehenden Rattenschwänzchen, das soeben herangewatschelt kam, den Zeigefinger seiner Mutter umklammerte und Robin aus ernsten, dunklen Augen anstarrte. Obwohl Robin ihr zulächelte, blieb die Kleine ungerührt und starrte Robin nur weiter an, während sie an der Hand der Mutter vorbeimarschierte. Robin lächelte sogar noch, als das kleine Mädchen sich bereits nach hinten drehen musste, um den Blickkontakt nicht abreißen zu lassen, und in seinen winzigen Sandalen über die eigenen Füße stolperte. Die Kleine fiel der Länge nach hin und heulte lauthals los; die Mutter nahm sie auf den Arm und stapfte mit ihr weiter. Während das Schreien der Kleinen noch die Straße heraufhallte, setzte Robin reumütig die Observierung von Whittakers Wohnung fort.

Zahara lebte höchstwahrscheinlich in der Sozialwohnung in Bow, die Strike erwähnt hatte. Ihre Mutter meckerte offenbar darüber, aber Strike hatte auch gesagt, eine der Stripperinnen …

Eine der Stripperinnen hätte erzählt …

»Natürlich!«, murmelte Robin aufgeregt. »Natürlich!«

Darauf wäre Strike niemals gekommen – natürlich nicht, er war schließlich ein Mann!

Sie zückte ihr Handy und gab eine Suchanfrage ein.

In Bow gab es sieben Kinderhorte. Geistesabwesend steckte Robin das Handy wieder ein und drehte tief in Gedanken ihre gewohnte Runde um die Verkaufsstände. Auch wenn sie gelegentlich zu den Fenstern von Whittakers Wohnung und der immer noch geschlossenen Haustür hinübersah, beschäftigte sie nur mehr die Jagd nach Brockbank. Sie hatte zwei Möglichkeiten: Sie konnte die sieben Horte nacheinander aufsuchen und warten, bis dort eine Schwarze ein Mädchen namens Zahara abholte (doch woher sollte sie wissen, ob es die richtige Mutter-Tochter-Kombination wäre?), oder aber sie … oder … Sie blieb vor einem Stand mit Ethnoschmuck stehen, nahm ihn aber kaum zur Kenntnis, weil ihre Gedanken nur noch um Zahara kreisten.

Nur zufällig sah sie von den Ohrringen aus Federn und Perlen auf, als Stephanie, die Strike überaus zutreffend beschrieben hatte, aus der Tür neben dem Imbiss trat. Blass, mit geröteten Augen und wie ein Albinokaninchen in die helle Sonne blinzelnd stieß sie die Tür zur Frittenbude auf, stolperte hinein und trat an die Theke. Noch ehe Robin sich von ihrer Überraschung erholt hatte, war Stephanie auch schon mit einer Coladose in der Hand an ihr vorbeimarschiert und wieder durch die weiße Tür ins Haus verschwunden.

Scheiße.

»Nichts«, berichtete sie Strike eine Stunde später telefonisch. »Sie ist immer noch drinnen. Ich hatte keine Chance, sie anzusprechen. Sie war kaum zwei, drei Minuten außer Haus.«

»Bleib an ihr dran«, sagte Strike. »Vielleicht kommt sie ja noch mal raus. Zumindest wissen wir jetzt, dass sie wach ist.«

»Hast du bei Laing mehr Glück gehabt?«

»Nicht, solange ich dort war, aber ich musste zwischenzeitlich ins Büro zurück. Wichtige Neuigkeiten: Two-Times hat mir verziehen. Er ist gerade erst gegangen. Wir brauchen sein Geld – ich konnte ihn nicht abweisen.«

»Um Himmels willen … Wie kann er denn schon wieder eine neue Freundin haben?«, fragte Robin.

»Er hat keine. Ich soll irgendeine neue Stripperin für ihn überprüfen, mit der er flirtet, und herausfinden, ob sie in einer festen Beziehung lebt.«

»Warum fragt er sie nicht einfach?«

»Das hat er getan. Sie sagt, sie hat keinen Freund, aber wie du weißt, Robin, sind Frauen ein verschlagenes, betrügerisches Pack …«

»Oh ja, natürlich«, seufzte Robin. »Das hatte ich ganz vergessen. Hör zu, ich hab eine Idee wegen Brock… Warte, hier passiert gerade etwas.«

»Alles in Ordnung?«, fragte er scharf.

»Alles bestens … Warte …«

Ein Kleintransporter hatte vor ihr angehalten. Mit dem Handy am Ohr ging Robin um den Wagen herum und versuchte zu erkennen, was darin vor sich ging. Soweit sie sehen konnte, hatte der Fahrer einen Bürstenhaarschnitt, doch die Sonne spiegelte sich in der Frontscheibe und verschleierte seine Gesichtszüge. Dann erschien Stephanie auf dem Gehweg. Sie schlurfte mit eng um den Oberkörper geschlungenen Armen über die Straße und stieg hinten ein. Robin trat zur Seite, um den Wagen vorbeifahren zu lassen, und tat so, als telefonierte sie immer noch.

Ihr Blick begegnete dem des Fahrers; seine Augen unter den schweren Lidern waren dunkel.

»Stephanie ist gerade weggefahren – sie ist hinten in einen Kastenwagen eingestiegen«, berichtete sie Strike. »Allerdings hat der Fahrer nicht wie Whittaker ausgesehen. Eher mediterraner oder gemischter Abstammung … schwer auszumachen.«

»Na ja, wir wissen, dass Stephanie als Prostituierte arbeitet. Wahrscheinlich ist sie unterwegs, um für Whittaker anschaffen zu gehen.«

Robin bemühte sich, ihm den sachlichen Tonfall nicht zu verübeln. Immerhin hatte er Stephanie mit einem Magenhaken aus Whittakers Würgegriff befreit. Sie blieb stehen und sah durchs Schaufenster eines Kiosks. Immer noch standen dort diverse Souvenirs der königlichen Hochzeit herum, und an der Wand hinter dem Asiaten an der Kasse hing ein Union Jack.

»Was soll ich denn jetzt machen? Ich könnte die Wollaston Close übernehmen, wenn du Two-Times’ neue Flamme überprüfen willst, das wäre … Uff!«, keuchte sie.

Sie hatte sich umgedreht, um weiterzugehen, und war mit einem großen Mann mit Spitzbart zusammengestoßen, der sie mit einem Fluch bedachte.

»Sorry«, japste sie automatisch, als der Mann sich an ihr vorbeidrängte und in dem Kiosk verschwand.

»Was war das gerade?«, fragte Strike.

»Nichts … hab bloß jemanden angerempelt … Hör zu, ich fahre zur Wollaston Close«, sagte sie.

»Na gut«, sagte Strike nach einer kurzen Pause. »Aber falls Laing aufkreuzt, versuchst du bloß, ihn zu fotografieren – geh nicht in seine Nähe, verstanden?«

»Das hatte ich nicht vor«, gab Robin zurück.

»Und ruf mich an, sobald es etwas Neues gibt. Oder auch, wenn es nichts gibt.«

Ihre wegen der bevorstehenden Rückkehr zur Wollaston Close kurz aufgeflammte Begeisterung war fast erloschen, als Robin den Bahnhof Catford erreichte. Sie hatte keine Ahnung, weshalb sie sich urplötzlich so niedergeschlagen fühlte und besorgt war. Vielleicht hatte sie Hunger. Nachdem sie sich dazu entschlossen hatte, sich die Schokoladennascherei abzugewöhnen, die gefährdet hätte, dass sie in das geänderte Brautkleid passte, kaufte sie sich einen wenig verlockend aussehenden Energieriegel, ehe sie in den Zug stieg.

Während sie auf dem Weg nach Elephant and Castle in den anscheinend aus Sägemehl bestehenden Riegel biss, rieb sie sich geistesabwesend die Rippen, die von dem Zusammenprall mit dem Mann mit Spitzbart immer noch wehtaten. Von wildfremden Leuten angefeindet zu werden war der Preis dafür, dass man in London lebte; sie konnte sich nicht erinnern, in Masham je von Unbekannten beschimpft worden zu sein, kein einziges Mal.

Mit einem Mal hatte sie das untrügliche Gefühl, sich umsehen zu müssen. Doch in ihrer Umgebung war kein großer Mann zu entdecken – weder in ihrem spärlich besetzten noch im Nachbarwaggon. Gleichzeitig wurde ihr bewusst, dass sie an diesem Vormittag weniger wachsam gewesen war als sonst, weil sie sich von der vertrauten Umgebung am Catford Broadway hatte einlullen und von den Gedanken an Brockbank und Zahara hatte ablenken lassen. Sie fragte sich, ob sie bemerkt hätte, wenn irgendjemand in der Nähe herumgelungert und sie beobachtet hätte … Andererseits grenzte das doch an Verfolgungswahn. Matthew hatte sie am Morgen mit dem Land Rover dort abgesetzt. Wie hätte der Mörder ihr nach Catford folgen können, außer er hätte zuvor an der Hastings Road ein Fahrzeug bereitgestellt?

Trotzdem, ermahnte sie sich, musste sie sich vor ihrer eigenen Selbstgefälligkeit in Acht nehmen. Als ihr beim Aussteigen ein großer schwarzhaariger Mann auffiel, der hinter ihr herging, blieb sie absichtlich für einen Moment stehen, um ihn vorbeizulassen. Er würdigte sie keines Blicks. Du benimmst dich echt paranoid, dachte sie und warf den Rest des Energieriegels in einen Abfalleimer.

Es war halb zwei Uhr, als Robin die Wollaston Close erreichte, wo das Strata Building über den schäbigen alten Wohnblöcken aufragte wie ein Abgesandter der Zukunft. Das lange Sommerkleid und die alte Jeansjacke, die so gut auf den Markt in Catford gepasst hatten, wirkten in dieser Umgebung fast zu studentisch. Robin, die wieder vorgab, mit dem Handy zu telefonieren, sah unauffällig nach oben – und ihr Herz setzte für einen Schlag aus.

Es hatte sich etwas verändert. Laings Vorhänge waren zurückgezogen worden.

Für den Fall, dass er gerade aus dem Fenster sah, setzte Robin ihren Weg mit aufs Äußerste gesteigerter Wachsamkeit fort und steuerte einen Platz im Schatten an, von dem aus sie seinen Balkon beobachten konnte. Sie konzentrierte sich so sehr darauf, den perfekten Posten zu finden und dabei den Anschein zu erwecken, als telefonierte sie tatsächlich, dass sie nicht darauf achtete, wohin sie trat.

»Nein!«, quietschte sie, als ihr rechter Fuß unter ihr wegrutschte, während sich der linke im Saum des langen Sommerkleids verhakte und sie sich kurz in einem uneleganten halben Spagat zu fangen versuchte, ehe sie zur Seite kippte und ihr Handy fallen ließ.

»Oh Scheiße!«, jammerte sie. Die Schmiere, in der sie ausgerutscht war, sah wie Erbrochenes oder Durchfall aus. Ein Teil davon klebte an ihrem Kleid und an einer Sandale, und sie hatte sich die Hand aufgeschürft, als sie zu Boden gegangen war. Die Zusammensetzung der dickflüssigen, gelb-braunen, glitschigen, klumpigen Masse machte ihr allerdings die größten Sorgen.

Irgendwo in der Nähe brach ein Mann in schallendes Gelächter aus. Verärgert und gedemütigt versuchte Robin aufzustehen, ohne den Unrat weiter auf ihrem Kleid und der Sandale zu verteilen.

»Sorry, Mädel«, sagte plötzlich eine sanfte schottische Stimme hinter ihr. Als sie sich erschrocken umsah, fühlte es sich an, als würde ein Stromstoß sie mit mehreren Tausend Volt durchzucken.

Selbst an diesem warmen Tag trug er eine winddichte Mütze mit Ohrenklappen, eine rot-schwarz karierte Jacke und Jeans. Silberfarbene Krücken trugen den größten Teil seines beträchtlichen Gewichts, als er noch immer grinsend auf sie hinabsah. Tiefe Pockennarben verunstalteten seine blassen Wangen, sein Kinn und die Tränensäcke unter den kleinen, dunklen Augen. Sein dicker Hals quoll regelrecht über den Kragen.

An einer Hand baumelte eine Plastiktüte, die ein paar Lebensmittel zu enthalten schien. Robin konnte gerade noch die tätowierte Spitze des Dolchs erkennen, der weiter oben am Unterarm eine gelbe Rose durchstieß. Die übers Handgelenk laufenden tätowierten Blutstropfen sahen wie Verletzungen aus.

»Da braucht wohl jemand einen Wasserhahn«, feixte er und deutete auf ihren Fuß und den Saum ihres Kleids. »Und eine Scheuerbürste.«

»Ja«, sagte Robin zittrig. Sie bückte sich und hob ihr Handy auf. Das Display hatte einen Sprung.

»Ich wohn da oben«, sagte er und nickte zu den Fenstern hinauf, die sie über Wochen immer wieder observiert hatte. »Wenn Sie wollen, können Sie mit raufkommen. Sich sauber machen.«

»Ach nein … Es geht schon. Trotzdem vielen Dank«, stieß Robin atemlos hervor.

»Kein Thema«, erwiderte Donald Laing.

Sein Blick glitt an ihrem Körper entlang. Ihre Haut kribbelte, als hätte er mit dem Finger darübergestreift. Die Plastiktüte beschrieb einen schwerfälligen Bogen, als er auf seinen Krücken kehrtmachte und sich von ihr fortbewegte. Reglos blieb Robin stehen, wo er sie zurückgelassen hatte, und spürte ihren hämmernden Puls im Gesicht.

Er sah sich nicht mehr nach ihr um. Die Ohrenklappen seiner Mütze schlackerten wie die Ohren eines Spaniels hin und her, als er schmerzhaft langsam um die Ecke des Wohnblocks außer Sicht humpelte.

»Oh Gott«, flüsterte Robin. Hand und Knie taten immer noch von dem Sturz weh, als sie sich geistesabwesend eine Haarsträhne aus der Stirn strich. Zu ihrer großen Erleichterung entpuppte sich das glitschige Zeug vom Boden als wohlriechendes Curry. Sie stürzte auf die nächste Ecke zu, die von Donald Laings Wohnung aus nicht einzusehen war, drückte die Kurzwahltaste ihres Handys mit dem Sprung im Display und rief Strike an.

48

Here Comes That Feeling

Die Londoner Hitze war seine Feindin. Unter einem T-Shirt konnte er die Messer nicht verstecken, und die Mützen und hohen Kragen, die ihm sonst als Tarnung dienten, wirkten auffällig deplatziert. Also konnte er nichts weiter tun, als in der kleinen Wohnung, von der Es nichts wusste, in ohnmächtiger Wut dazusitzen und abzuwarten.

Am Sonntag schlug das Wetter endlich um. Regen tränkte die ausgedörrten Parks, Scheibenwischer tanzten, Touristen warfen sich Plastikponchos über und stapften unbeirrt durch Pfützen.

Erregt und entschlossen zog er sich die Mütze tief in die Stirn und schlüpfte in seine Spezialjacke. Bei jedem Schritt klopften die Messer in den provisorischen Taschen, die er ins Jackenfutter gerissen hatte, leicht gegen seine Brust. Die Straßen der Hauptstadt waren kaum weniger belebt als an dem Tag, da er die Nutte überfallen hatte, deren Finger mittlerweile in seinem Gefrierfach lagen. Noch immer wimmelten überall Londoner und Touristen wie Ameisen umher. Manche hatten sich mit Union Jacks bedruckte Mützen und Regenschirme gekauft. Ein paar von ihnen rempelte er um des bloßen Vergnügens willen an, sie wegstoßen zu können.

Seine Mordgier war immer drängender geworden. Der Urlaub, den Es ihm zugebilligt hatte, war vergeudet und allmählich aufgezehrt, die Sekretärin immer noch am Leben. Er hatte stundenlang nach ihr gesucht, hatte sich nach Kräften bemüht, sie ausfindig zu machen – und dann hatte sie urplötzlich schockierend nah vor ihm gestanden. Dieses schamlose Luder – am helllichten Tag! Aber es hätte überall Augenzeugen gegeben …

Unbeherrschtheit, hätte dieser Scheißpsychologe gesagt, wenn er erzählt hätte, wie er auf ihren Anblick reagiert hatte. Unbeherrschtheit! Dabei konnte er sich sehr wohl beherrschen, wenn er wollte – er war ein übermenschlich cleverer Mann, der drei Frauen ermordet und eine weitere verstümmelt hatte, ohne dass die Polizei ihn hatte fassen können. Scheiß also auf den Psychologen und seine blöden Diagnosen … Als er sie nach all den vergeudeten Tagen direkt vor sich gehabt hatte, hatte er sie wenigstens erschrecken wollen, hatte dicht, ganz dicht an sie herankommen wollen – dicht genug, um sie zu riechen, anzusprechen, ihr in die verängstigten Augen zu blicken.

Dann war sie davonstolziert, und er hatte nicht gewagt, ihr nachzugehen, nicht dieses Mal, aber es hatte ihn fast umgebracht, sie laufen zu lassen. Sie hätte längst in Fleischpakete tranchiert in seinem Kühlschrank liegen müssen. Er hätte ihr Gesicht in jener Ekstase aus Entsetzen und Tod erleben sollen, in der sie ihm ganz gehörten und er mit ihnen nach Belieben spielen konnte.

Stattdessen war er nun bei eiskaltem Regen zu Fuß unterwegs. Innerlich loderte er, weil es Sonntag und sie ihm entwischt war – und zwar an den einzigen Ort, wo er nicht in ihre Nähe kommen würde, weil Pretty Boy da war.

Er brauchte mehr Freiheit – viel mehr Freiheit. Das eigentliche Hindernis bestand darin, dass Es – das ihn bespitzelte, sich an ihn klammerte – ihm daheim ständig im Nacken saß. All das musste anders werden. Er hatte dafür gesorgt, dass Es wieder zur Arbeit ging, wenn auch widerstrebend. Irgendwann, das wusste er, würde auch er vorgeben müssen, eine neue Stelle gefunden zu haben. Notfalls würde er irgendwo Geld stehlen und behaupten, er hätte es verdient – das hatte er schon oft getan. Hätte er so den Rücken frei, könnte er die Zeit aufwenden, die nötig sein würde, um in der Nähe zu sein, sobald die Sekretärin einmal weniger wachsam war, wenn gerade niemand hinsah, wenn sie um die falsche Ecke bog …

Die Passanten besaßen für ihn so wenig Leben wie Automaten. Dumm, dumm, dumm … Wohin er sich auch wandte, war er auf der Suche nach ihr, nach der einen, die er als Nächste erledigen würde. Nein, nicht die Sekretärin, nachdem die Schlampe mit ihrem Pretty Boy hinter der weißen Haustür in Sicherheit war. Sondern irgendeine Frau, die bescheuert und betrunken genug war, um einen Mann und seine Messer ein kurzes Stück weit zu begleiten. Er musste es irgendwie schaffen, bevor er in die Wohnung zurückkehrte, in der Es auf ihn wartete, er musste einfach. Nur so würde er weiter funktionieren und wieder den Mann spielen können, den Es liebte. Seine Augen blitzten unter dem Mützenrand hervor, katalogisierten und verwarfen sie: Frauen in Begleitung von Männern, Frauen, an die sich Kinder klammerten – nirgends eine einzelne Frau, keine in der Verfassung, in der er sie brauchte …

Er marschierte meilenweit, bis es dunkel wurde: vorbei an beleuchteten Pubs, in denen Männer und Frauen lachten und miteinander flirteten, vorbei an Kinos und Restaurants, mit der Geduld eines Jägers auf der Pirsch, suchend und lauernd. Sonntagabends ging die arbeitende Bevölkerung früher nach Hause, aber das spielte keine Rolle: Es gab überall reichlich Touristen, die von der Geschichte und den Geheimnissen Londons angelockt von auswärts kamen …

Es war fast Mitternacht, als sie seinem geübten Auge auffielen wie rundliche Pilze in hohem Gras: eine Horde von quietschenden, angetrunkenen Mädchen, die gackernd über den Gehweg wankten, entlang einer jener elenden, verwahrlosten Straßen, die er besonders liebte, weil ein betrunkenes Handgemenge oder eine kreischende Frau hier nicht weiter auffiel. Er folgte ihnen mit zehn Metern Abstand und beobachtete, wie sie unter Straßenlaternen hindurchgingen, einander mit den Ellbogen anstießen und lachten – bis auf eine. Die Betrunkenste und anscheinend Jüngste von allen. Sämtliche Anzeichen deuteten darauf hin, dass sie kurz davor war, sich zu übergeben. Sie stolperte auf ihren High Heels dahin, fiel ein Stück hinter ihren Freundinnen zurück, das kleine Dummerchen. Keine der anderen sah, in welchem Zustand sie sich befand. Sie konnten alle nur noch mit knapper Not selbstständig gehen, kreischten und lachten laut, während sie vorwärtstaumelten.

Er schlenderte so locker hinter ihnen her, wie man es sich nur wünschen konnte.

Wenn sie sich auf der Straße übergeben müsste, würde ihr Würgen die Freundinnen alarmieren, die sofort stehen bleiben und sie umringen würden. Doch während sie noch gegen den Brechreiz ankämpfte, würde sie nicht imstande sein zu sprechen. Der Abstand zu ihren Freundinnen vergrößerte sich allmählich. Sie wankte, torkelte, erinnerte ihn mit ihren dämlichen High Heels an ihre Vorgängerin. Nur durfte diese hier nicht überleben, um der Polizei bei der Anfertigung von Phantombildern helfen zu können.

Ein Taxi kam ihnen entgegen. Er sah das Szenario vor sich, noch ehe es Wirklichkeit wurde. Sie schrien dem Fahrer entgegen, schwenkten kreischend die Arme und drängten dann eine nach der anderen hinein, ein dicker Hintern nach dem anderen. Er ging ein wenig schneller, hielt jedoch den Kopf gesenkt, das Gesicht verborgen. Das Licht der Straßenlaternen spiegelte sich in den Pfützen, die Dachleuchte des Taxis erlosch, der Motor heulte auf …

Die anderen hatten sie vergessen. Sie machte einen unbeholfenen Schwenk zur nächsten Hauswand und hob den Arm, um sich abzustützen.

Ihm blieben nur Sekunden. Jeden Augenblick konnte eine der Freundinnen bemerken, dass sie nicht mehr bei ihnen war.

»Alles in Ordnung, Kleine? Ist dir schlecht? Komm mit. Hierher. Gleich geht’s wieder besser. Komm einfach mit.«

Als er sie in die nächste Seitenstraße zerrte, begann sie, sich zu übergeben. Sie würgte und versuchte kraftlos, ihm den Arm zu entwinden. Erbrochenes troff an ihr hinab. Sie rang nach Atem.

»Dreckige Schlampe«, knurrte er und hatte schon die Hand am Griff des Messers unter seiner Jacke. Mit Gewalt zerrte er sie in eine dunkle Nische zwischen einem Sexfilmverleih und einem Trödelladen.

»Nein«, keuchte sie, erstickte dabei aber fast an ihrem Erbrochenen, würgte weiter.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ging eine Tür auf, und Licht fiel die Treppe hinab. Lachend strömten Leute auf den Bürgersteig hinaus.

Er drückte sie gegen die Mauer, küsste sie, nagelte sie fest, während sie immer noch versuchte, sich zu wehren. Sie schmeckte widerlich, nach Kotze. Die Tür gegenüber fiel ins Schloss, das Grüppchen lief laut krakeelend durch die stille Nacht davon, das Licht erlosch.

»Verdammtes Luder«, fauchte er angeekelt und zog den Kopf zurück, hielt sie aber weiter mit seinem Körper an die Mauer gedrückt.

Als sie Luft holte, um zu schreien, hatte er bereits das Messer in der Hand. Mühelos glitt es tief zwischen ihre Rippen, ganz anders als bei der anderen, die hart und verbissen gekämpft hatte. Der Schrei erstarb auf ihren fleckigen Lippen, als heißes Blut über seine behandschuhte Faust schoss und den Stoff durchtränkte. Sie zuckte, krampfte, versuchte zu sprechen. Die Augen verdrehten sich ins Weiße, und ihr Körper sackte zusammen, wurde nur mehr von dem Messer gehalten.

»Braves Mädchen«, flüsterte er und zog das Tranchiermesser heraus, als sie sterbend in seine Arme fiel.

Er zog sie ein paar Meter weiter in die Nische hinein, in der Müllsäcke zur Abholung bereitlagen. Nachdem er die schwarzen Säcke mit dem Fuß zur Seite befördert hatte, ließ er sie in die Ecke sacken und zog seine Machete heraus. Souvenirs mussten sein – allerdings blieben ihm wahrscheinlich nur noch wenige Sekunden. Irgendwo würde jeden Moment eine Tür aufgehen, oder ihre Freundinnen, diese dämlichen Schlampen, könnten mit dem Taxi zurückkommen …

Er schnitt und sägte, stopfte seine warmen, blutigen Trophäen in die Tasche und warf anschließend einige schwarze Säcke über die Tote.

Alles in allem hatte es keine fünf Minuten gedauert. Er fühlte sich wie ein König, wie ein Gott. Er machte sich wieder auf den Weg, die Messer sicher verstaut, hechelte in der kühlen, sauberen Nachtluft und trabte ein Stück vorwärts, sobald er wieder auf der Hauptstraße war. Er war bereits einen Block entfernt, als er in der Ferne schrille Frauenstimmen hörte: »Heather? Heather, wo bist du, du blöde Kuh?«

»Heather kann euch nicht mehr hören«, flüsterte er in die Dunkelheit und versuchte, nicht laut loszulachen, indem er sich den Kragen vors Gesicht presste, aber er konnte seinen Jubel nicht unterdrücken. Tief in der Tasche spielten seine von Blut nassen Finger mit Haut und Knorpel, an dem noch ihre Ohrringe hingen – kleine Eiswaffeln aus Kunststoff.

49

It’s the time in the season for a maniac at night.

BLUE ÖYSTER CULT, »MADNESS TO THE METHOD«

Das Wetter blieb kühl, regnerisch und leicht böig, als die zweite Juniwoche anbrach. Der Glanz sonnenbeschienenen Gepränges, der die königliche Hochzeit umgeben hatte, war nur mehr eine Erinnerung; die euphorische Hochflut romantischen Eifers war verebbt, die Andenken und Jubelfahnen waren aus den Schaufenstern verschwunden. Die Zeitungen der Hauptstadt kehrten zu profaneren Themen zurück, zu denen ein bevorstehender U-Bahn-Streik gehörte.

Dann explodierte der Horror auf den Titelseiten der Mittwochausgaben. Unter ein paar Müllsäcken war der verstümmelte Leichnam einer jungen Frau gefunden worden, und binnen weniger Stunden nach dem ersten Fahndungsaufruf der Polizei hatte die Welt erfahren müssen, dass auf den Straßen Londons ein neuer Jack the Ripper unterwegs war.

Drei Frauen waren überfallen und verstümmelt worden, und doch schien die Met immer noch keine heiße Spur zu haben. In ihrem hektischen Eifer, über alle erdenklichen Aspekte der Story zu berichten – Stadtpläne von London mit den Tatorten, Fotos der drei Opfer –, schienen die Journalisten fest entschlossen zu sein, die verlorene Zeit wettzumachen, weil ihnen bewusst war, dass sie womöglich ein bisschen zu spät zu der Party erschienen waren. Bis dato hatten sie den Mord an Kelsey Platt als die Tat eines verrückten Einzeltäters und Sadisten behandelt und den Überfall auf Lila Monkton, eine achtzehnjährige Prostituierte, praktisch ignoriert. Ein Mädchen, das am Tag der königlichen Hochzeit seinen Körper verkaufte, konnte schließlich kaum verlangen, die frisch ernannte Herzogin von den Titelseiten zu verdrängen.

Der Mord an Heather Smart, zweiundzwanzigjährige Angestellte einer Nottinghamer Wohnbaugesellschaft, war jedoch etwas völlig anderes. Die Schlagzeilen schrieben sich praktisch von allein, denn mit ihrer Festanstellung, ihrem unschuldigen Wunsch, die Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt zu erkunden, und einem Grundschullehrer als Freund war Heather eine wundervoll zu schildernde Heldin. Am Abend vor ihrem Tod hatte sie sich Der König der Löwen im Musicaltheater angesehen, in Chinatown Dim Sums gegessen und sich im Hyde Park mit im Hintergrund vorbeireitenden Leibgardisten fotografieren lassen. Aus dem langen Wochenende anlässlich des dreißigsten Geburtstags ihrer Schwägerin, das mit einem schmutzigen, brutalen Tod hinter einem Sexfilmverleih geendet hatte, ließen sich endlos viele Zeilen schinden.

Wie alle guten Geschichten teilte die Story sich wie eine Amöbe und zog eine endlose Reihe neuer Anekdoten, Meinungen und Spekulationen nach sich, die jeweils einen Chor anderslautender Ansichten provozierten. Es gab Diskussionen über den bedauerlich zunehmenden Alkoholmissbrauch junger Britinnen, die andere sich verbaten, weil die Schuld damit dem Opfer zugeschoben werde. Es gab schreckensstarre Artikel über sexuelle Gewalt, die durch wieder andere relativiert wurden, die darauf hinwiesen, derlei Überfälle ereigneten sich hierzulande weit seltener als in anderen Ländern. Es gab Interviews mit den verzweifelten, schuldgeplagten Freundinnen, die Heather versehentlich zurückgelassen hatten, was in den sozialen Netzwerken wiederum Angriffe und Beschimpfungen auslöste, worauf sich wieder andere zur Verteidigung der trauernden jungen Frauen erhoben.

Über sämtlichen Storys lag der Schatten des unbekannten Mörders, dieses Verrückten, der Frauen tötete und zerstückelte – und auf der Suche nach dem Mann, dem Kelseys Bein zugeschickt worden war, fielen die Medien erneut in der Denmark Street ein. Robin, entschied Strike, solle endlich den viel besprochenen, aber täglich von Neuem verschobenen Trip zur letzten Anprobe ihres Brautkleids unternehmen. Er selbst schulterte seinen Rucksack und zog mit dem zutiefst deprimierenden Bewusstsein, gegen all das machtlos zu sein, wieder bei Nick und Ilsa ein. Für den Fall, dass etwas Verdächtiges mit der Post kam, blieb ein Kriminalbeamter in der Denmark Street stationiert. Wardle hatte tatsächlich die Sorge geäußert, es könnten weitere an Robin adressierte Leichenteile eintreffen.

Unter der Last der Ermittlungen, die er im grellen Scheinwerferlicht der nationalen Medien führte, konnte Wardle sich erst sechs Tage nach dem Auffinden von Heathers Leiche mit Strike treffen. Als Strike am frühen Abend ins Feathers kam, war Wardle bereits da. Er sah übermüdet aus, schien sich aber darauf zu freuen, den Fall mit einem Mann zu besprechen, der die Ermittlungen von innen wie von außen kannte.

»War ’ne Scheißwoche«, seufzte Wardle und nickte zum Dank, als Strike ihm ein Pint hinstellte. »Und ich hab wieder mit dem Rauchen angefangen, verdammt. April ist stinksauer.«

Er nahm einen großen Schluck Lager, und dann erzählte er Strike, wie Heathers Leiche wirklich aufgefunden worden war. Wie Strike schon aufgefallen war, unterschieden die Medienberichte sich in diversen, möglicherweise wichtigen Details. Andererseits waren sie sich alle darin einig, dass es Schuld der Polizei gewesen sei, das Mordopfer volle vierundzwanzig Stunden lang nicht gefunden zu haben.

»Ihre Freundinnen und sie waren besoffen«, begann der Met-Beamte unverblümt. »Vier von ihnen sind in ein Taxi gestiegen – sie waren so voll, dass sie Heather vergessen haben. Sie waren schon einen Block entfernt, bis ihnen auffiel, dass sie fehlte. Der Taxifahrer ist sauer, weil sie so laut und unhöflich sind. Als er zu ihnen sagt, dass er nicht mitten auf der Straße wenden kann, fängt eine von ihnen an, ihn zu beschimpfen. Es kommt zu einem Streit, und deshalb dauert es über fünf Minuten, bevor er sich bereit erklärt zurückzufahren und nach Heather zu suchen. Als sie endlich die Straße erreichen, an der Heather vermutlich zurückgeblieben ist – sie sind aus Nottingham, kennen sich in London überhaupt nicht aus –, ist sie nicht mehr zu sehen. Sie kriechen mit dem Taxi die Straße entlang und rufen durchs offene Fenster nach ihr. Dann glaubt eine von ihnen zu sehen, wie Heather in einiger Entfernung in einen Bus steigt. Also springen zwei von ihnen aus dem Wagen – keine verdammte Logik, sie waren einfach nicht bei Sinnen –, rennen die Straße entlang und schreien dem Bus nach, dass er anhalten soll, während die beiden anderen sich aus den Fenstern lehnen und sie ankreischen, sie sollen wieder einsteigen, damit sie den Bus mit dem Taxi verfolgen können. Dann nennt die eine, die schon vorher Streit gesucht hat, den Taxifahrer einen ›Scheißpaki‹, woraufhin er die beiden rausschmeißt und davonfährt. Letzten Endes«, sagte Wardle, »sind an diesem ganzen Dreck, mit dem wir jetzt beworfen werden, weil wir sie nicht binnen vierundzwanzig Stunden aufgespürt haben, doch nur Alkohol und Rassismus schuld. Weil diese dämlichen Weiber Stein und Bein geschworen haben, Heather wäre in einen Bus gestiegen, haben wir anderthalb Tage damit zugebracht, nach einer ähnlich gekleideten Frau zu fahnden. Dann bringt der Besitzer dieses Sexshops seinen Müll raus und findet sie mit abgeschnittener Nase und Ohren unter einem Berg schwarzer Plastiksäcke.«

»Dieser Teil war also wahr«, sagte Strike.

Ihr entstelltes Gesicht war ein weiteres Detail gewesen, über das sich die Medien einig gewesen waren.

»Yeah, der Teil ist wahr«, sagte Wardle nachdrücklich. »Der Shacklewell Ripper – klingt das nicht großartig?«

»Gibt es Zeugen?«

»Kein Mensch will irgendwas gesehen haben.«

»Was ist mit Devotee und seinem Motorrad?«

»Er kommt nicht infrage«, gab Wardle mit grimmiger Miene zurück. »Im Fall Heather hat er ein wasserdichtes Alibi – eine Familienfeier –, und in Bezug auf die beiden anderen Überfälle konnten wir ihm absolut nichts nachweisen.«

Irgendwie hatte Strike das Gefühl, als wollte Wardle ihm noch mehr erzählen. Gespannt wartete er ab.

»Ich will nicht, dass die Medien Wind davon bekommen«, sagte Wardle mit gesenkter Stimme, »aber wir glauben inzwischen, dass er noch zwei weitere Frauen ermordet haben könnte.«

»Wie bitte?« Strike war aufrichtig entsetzt. »Und wann?«

»Jahre her«, murmelte Wardle. »Ein ungelöster Mord in Leeds. 2009 – eine Nutte, ursprünglich aus Cardiff. Erstochen. Verstümmelt hat er sie zwar nicht, aber er hat ihr die Halskette geklaut und sie dann außerhalb der Stadt in einen Graben geworfen. Sie wurde erst nach vierzehn Tagen aufgefunden. Außerdem wurde letztes Jahr in Milton Keynes ein Mädchen ermordet und verstümmelt. Sadie Roach hieß sie – der Freund landete damals tatsächlich in Haft. Ich habe mir die Akte angesehen. Seine Familie hat sich mächtig für ihn ins Zeug gelegt. Beim Haftprüfungstermin ist er dann freigekommen. Ihm war nichts nachzuweisen, außer dass Sadie und er sich gestritten hatten – und dass er einmal einen Kerl mit einem Taschenmesser bedroht hatte. Wir haben einen Psychologen und die Rechtsmedizin auf alle fünf Fälle angesetzt, und anscheinend gibt es genügend Übereinstimmungen, die auf ein und denselben Täter hindeuten. Er benutzt anscheinend zwei Messer: ein Tranchiermesser und eine Machete. Die Opfer waren alle auf irgendeine Art verwundbar – Prostituierte, betrunken, emotional labil –, und er hat alle außer Kelsey auf der Straße angesprochen. Außerdem hat er jeder dieser Frauen eine Trophäe abgenommen. Ob sich bei ihnen identische DNA-Spuren finden lassen, steht noch nicht fest. Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings gering. Er scheint mit keiner von ihnen Sex gehabt zu haben. Er verschafft sich seine Kicks auf andere Weise.«

Strike war hungrig, hegte aber den Verdacht, es könnte besser sein, Wardles missmutiges Schweigen jetzt nicht zu stören. Der Kriminalbeamte nahm noch einen Schluck Bier, und dann sagte er, ohne Strike richtig anzusehen: »Ich ermittle gegen alle Ihre Kerle: Brockbank, Laing und Whittaker.«

Wird verdammt noch mal auch Zeit.

»Brockbank ist interessant«, fuhr Wardle fort.

»Sie haben ihn gefunden?« Strike war mit dem Bierglas an den Lippen regelrecht erstarrt.

»Noch nicht, aber wir wissen, dass er bis vor fünf Wochen in einer Kirche in Brixton regelmäßig den Gottesdienst besucht hat.«

»In einer Kirche? Ist das wirklich derselbe Kerl?«

»Groß, Exsoldat, Exrugbyspieler, markantes Kinn, ein Auge tiefer in der Höhle, Blumenkohlohr, dunkler Bürstenschnitt«, ratterte Wardle herunter. »Name: Noel Brockbank. Einen Meter neunzig bis fünfundneunzig groß. Starker nordenglischer Akzent.«

»Das ist er«, bestätigte Strike. »In einer verdammten Kirche

»Augenblick«, sagte Wardle und stand auf. »Muss mal pinkeln.«

Andererseits … warum nicht in einer Kirche?, fragte sich Strike und ging zur Bar, um zwei frische Pints zu holen. In dem Pub wurde es allmählich voller. Er nahm eine Speisekarte mit, konnte sich am Tisch aber nicht darauf konzentrieren. Die Mädchen aus dem Kirchenchor … Er wäre nicht der Erste …

»Das war bitter nötig«, sagte Wardle, als er zurückkam. »Ich geh nur kurz noch auf ’ne Zigarette raus, bin gleich wieder …«

»Erzählen Sie mir erst von Brockbank«, sagte Strike und schob das frische Bier über den Tisch.

»Ehrlich gesagt sind wir nur zufällig auf ihn gestoßen«, sagte Wardle, setzte sich und griff nach dem Glas. »Einer unserer Jungs beschattet die Mutter eines hiesigen Drogenbarons. Die Frau Mama ist sicher nicht so unschuldig, wie sie behauptet, und deshalb folgt unser Mann ihr in die Kirche – und da steht Brockbank am Eingang und gibt Gesangbücher aus. Er kommt mit dem Cop ins Gespräch, ohne zu ahnen, wen er vor sich hat, und unser Mann hat keinen Schimmer, dass nach Brockbank gefahndet wird. Vier Wochen später hört er zufällig, wie ich im Zusammenhang mit dem Fall Kelsey Platt den Namen Noel Brockbank erwähne, und er erzählt mir, dass er vor einem Monat in Brixton einen Kerl mit genau diesem Namen kennengelernt hat. Sehen Sie?«, sagte Wardle mit einer Andeutung seines früheren Feixens. »Ich beherzige Ihre Tipps, Strike. Wär doch bescheuert, das nach dem Fall Landry nicht zu tun.«

Du beherzigst sie doch nur, weil aus Digger Malley und Devotee nichts herauszukriegen war, dachte Strike, äußerte sich aber beeindruckt und dankbar, ehe er wieder auf das eigentliche Thema zu sprechen kam.

»Wollten Sie gerade andeuten, dass Brockbank nicht mehr dort in der Kirche ist?«

»Yeah«, sagte der Detective Inspector und seufzte. »Ich war gestern dort, hab mit dem Pastor gesprochen. Ein junger Kerl, enthusiastisch, Kirche in einem Problemviertel … Sie kennen den Typ«, sagte Wardle – nicht ganz zutreffend, weil Strike im Großen und Ganzen nur mit Militärgeistlichen zu tun gehabt hatte. »Er hat sich lange über Brockbank ausgelassen. Hätte im Leben viel Pech gehabt, meint der Pastor.«

»Hirnschaden, als Invalide aus der Army entlassen, hat seine Familie verloren, dieser ganze Scheiß?«, fragte Strike.

»Das war’s in etwa«, sagte Wardle. »Er sagt, dass ihm sein Sohn sehr fehlt.«

»Klar doch«, gab Strike finster zurück. »Wusste er, wo Brockbank wohnt?«

»Nein, aber seine Freundin hat offenbar …«

»Alyssa?«

Wardle, der leicht die Stirn runzelte, griff in sein Sakko und zog ein Notizbuch heraus.

»Ganz richtig, stimmt tatsächlich«, sagte er, nachdem er etwas nachgeschlagen hatte. »Alyssa Vincent. Woher wussten Sie das?«

»Beide haben gerade ihren Job in einem Stripclub verloren. Das erkläre ich Ihnen gleich«, sagte Strike hastig, bevor Wardle nachhaken konnte. »Erst müssen Sie mir von Alyssa erzählen.«

»Na ja, sie hat’s geschafft, irgendwo in East London eine Sozialwohnung in der Nähe ihrer Mutter zu ergattern. Brockbank hat dem Pastor erzählt, dass er bei ihr und den Kids einziehen will.«

»Kids?«, fragte Strike und musste sofort an Robin denken.

»Anscheinend zwei kleine Mädchen.«

»Wissen wir, wo sie wohnt?«

»Noch nicht. Der Pastor hat es sehr bedauert, ihn gehen zu sehen«, sagte Wardle mit einem ruhelosen Blick hinaus zum Gehweg, wo mehrere Raucher standen. »Aber wenigstens hab ich aus ihm herausgekriegt, dass Brockbank am Sonntag, den dritten April – an dem Wochenende, als Kelsey ermordet wurde –, in der Kirche war.«

Weil Wardle zusehends ungeduldiger geworden war, schlug Strike vor, rauchen zu gehen.

Draußen vor der Tür zündeten sie ihre Zigaretten an und schwiegen eine Weile einvernehmlich. Von stundenlanger Büroarbeit ermüdete Angestellte zogen in beiden Richtungen an ihnen vorbei, während die Abenddämmerung sich herabsenkte. Direkt über ihnen, zwischen dem Indigoblau der aufziehenden Nacht und dem leuchtenden Korallenrot der untergehenden Sonne, lag ein schmaler farbloser Streifen Himmel mit schaler, leerer Luft.

»Himmel, hat mir das gefehlt«, sagte Wardle und zog gierig an seiner Zigarette, als wäre der Rauch ein Lebenselixier. Dann nahm er den Gesprächsfaden wieder auf. »Tja, Brockbank war also an dem besagten Wochenende in der Kirche, hat sich nützlich gemacht. Anscheinend kann er echt gut mit Kindern umgehen.«

»Bestimmt«, murmelte Strike.

»Dazu braucht man gute Nerven, was?«, fragte Wardle und blies eine Rauchwolke in Richtung Straße, während er die Day-Skulptur von Epstein betrachtete, die das alte UERL-Gebäude schmückte. Vor einem thronenden Mann stand ein Junge mit derart verdrehtem Körper, dass er es schaffte, den König hinter sich zu umarmen und gleichzeitig den Betrachtern sein Glied zu präsentieren. »Erst eine junge Frau ermorden und zerstückeln, dann in der Kirche aufkreuzen, als wäre nichts passiert?«

»Sind Sie katholisch?«, fragte Strike.

Der Kriminalbeamte sah ihn verblüfft an.

»Auf dem Papier«, antwortete er misstrauisch. »Wieso?«

Strike schüttelte mit schiefem Lächeln den Kopf.

»Ich weiß schon, einem Psycho würde das nicht schwerfallen«, sagte Wardle leicht defensiv. »Ich meine nur … Jedenfalls versuchen unsere Leute gerade herauszufinden, wo er im Moment wohnt. Wenn er wirklich in einer Sozialwohnung lebt – und wenn die Freundin wirklich Alyssa Vincent heißt –, dann dürfte das nicht allzu schwierig werden.«

»Großartig«, sagte Strike. Immerhin verfügte die Polizei über Ressourcen, von denen Robin und er nur träumen konnten; vielleicht würden jetzt endlich brauchbare Informationen eingehen. »Was ist mit Laing?«

»Ah …« Wardle drückte die erste Zigarette aus und zündete sich sofort eine neue an. »Über den wissen wir inzwischen auch ein bisschen mehr. Er lebt seit ungefähr anderthalb Jahren allein in der Wollaston Close. Bezieht eine kleine Behindertenrente. Am Wochenende vom zweiten auf den dritten April hatte er eine schwere Bronchitis, und sein Freund Dickie ist rübergekommen, um ihn zu versorgen. Laing konnte nicht einmal selbst einkaufen gehen.«

»Verdammt praktisch«, meinte Strike.

»Oder wahr«, gab der Kriminalbeamte zu bedenken. »Wir haben Dickie befragt, und er hat alles bestätigt, was Laing uns erzählt hat.«

»War Laing überrascht, dass die Polizei sich für seine Unternehmungen interessiert?«

»Anfangs war er ziemlich sprachlos.«

»Hat er Sie in seine Wohnung gelassen?«

»Die Frage hat sich nicht gestellt. Wir haben ihn auf einem Parkplatz abgefangen, als er auf Krücken unterwegs war, und dann im nächstbesten Café mit ihm gesprochen.«

»In dem ecuadorianischen Café im Tunnel?«

Wardle musterte Strike mit einem harten Blick, den der Detektiv gleichmütig erwiderte.

»Sie haben ihn ebenfalls beobachtet, was? Kommen Sie uns ja nicht in die Quere, Strike. Wir sind an ihm dran.«

Strike hätte darauf hinweisen können, erst der Druck der Medien und die Misserfolge bei der Verfolgung der von Wardle bevorzugten Fährten hätten die Polizei dazu bewogen, sich ernstlich mit seinen drei Verdächtigen zu befassen. Aber er hielt lieber den Mund.

»Laing ist nicht dumm«, fuhr Wardle fort. »Er hat natürlich sofort spitzgekriegt, worum es bei unserer Befragung ging. Er ahnte, dass wir seinen Namen von Ihnen hatten. Er hatte in der Zeitung gelesen, dass jemand Ihnen ein Bein zugeschickt hat.«

»Was denkt er darüber?«

»Unterschwellig war etwas herauszuhören wie: ›Hätt keinem Besseren passieren können‹«, gab Wardle leicht grinsend zurück, »aber der Rest war wie erwartet: halb neugierig, halb defensiv.«

»Hat er krank ausgesehen?«

»Yeah. Er wusste ja nicht, dass wir kommen würden, und wir hatten schon beobachtet, wie er sich mit den Krücken die Straße entlangschleppte. Aus der Nähe sieht er wirklich übel aus. Blutunterlaufene Augen, rissige Haut. Echt schlimm.«

Strike äußerte sich nicht dazu. Seine Zweifel an Laings Gesundheitszustand waren nach wie vor nicht gänzlich ausgeräumt. Trotz der deutlichen Fotobeweise für die Einnahme von Steroiden, trotz Hautausschlägen und Läsionen, die er mit eigenen Augen gesehen hatte, wollte er einfach nicht glauben, dass Laing ernstlich erkrankt war.

»Was hat er gemacht, während die anderen Frauen ermordet wurden?«

»Angeblich war er zu Hause«, sagte Wardle. »Das lässt sich weder beweisen noch widerlegen.«

»Hm.«

Sie gingen in den Pub zurück. Weil sich ein Paar an ihren Tisch gesetzt hatte, steuerten sie einen anderen Tisch vor dem auf die Straße hinausführenden wandhohen Fenster an.

»Was ist mit Whittaker?«

»Den haben wir gestern Abend aufgespürt. Er ist Roadie bei einer Band.«

»Wissen Sie das bestimmt?«, fragte Strike misstrauisch. Er erinnerte sich noch gut an Shankers Einschätzung, Whittaker behaupte zwar zu arbeiten, lebe aber in Wirklichkeit von Stephanie.

»Wir haben seine drogensüchtige Freundin befragt …«

»Waren Sie in seiner Wohnung?«

»Sie hat uns an der Tür abgefertigt, was nicht allzu überraschend war«, erklärte Wardle. »In der Wohnung stinkt es zum Himmel. Jedenfalls hat sie behauptet, er sei mit den Jungs unterwegs, und hat uns dann die Location genannt. Dort war er wirklich. Draußen hat ein alter grauer Lieferwagen gestanden – und die Band war sogar noch älter. Schon mal von Death Cult gehört?«

»Nein«, antwortete Strike.

»Macht nichts, die sind scheiße«, sagte Wardle. »Ich musste mir das Zeug eine halbe Stunde lang anhören, bis ich an Whittaker rankam. Im Keller eines Pubs in Wandsworth. Ich hatte noch tags darauf Ohrensausen. Whittaker schien uns jedenfalls beinahe erwartet zu haben«, fuhr Wardle fort. »Offenbar hat er Sie vor ein paar Wochen in der Nähe seines Wagens angetroffen …«

»Davon hab ich Ihnen doch erzählt«, rief Strike ihm in Erinnerung. »Crackschwaden …«

»Ja, ja. Hören Sie, ich traue ihm genauso wenig, aber er meinte, dass Stephanie ihm ein Alibi für den gesamten Tag der königlichen Hochzeit liefern würde. Damit käme er für den Überfall auf die Nutte in Shacklewell nicht mehr infrage, und er behauptet außerdem, mit Death Cult unterwegs gewesen zu sein, als Kelsey und Heather ermordet wurden.«

»Alibis für alle drei Tage, ja?«, hakte Strike nach. »Wie praktisch! Kann das die Band bestätigen?«

»Sie haben sich gelinde gesagt vage ausgedrückt«, sagte Wardle. »Der Leadsänger trägt ein Hörgerät. Ich weiß ehrlich gestanden nicht, ob er meine Fragen verstanden hat. Keine Sorge, ich lasse ihre Zeugenaussagen überprüfen«, fügte er hinzu, als Strike die Stirn runzelte. »Wir finden heraus, ob er tatsächlich dort war oder nicht.«

Wardle reckte sich gähnend.

»Ich muss zurück ins Büro«, sagte er. »Vielleicht müssen wir heute Nacht durchmachen. Seit die Medien darüber berichten, gehen massenhaft Informationen ein.«

Strike hatte mittlerweile einen Bärenhunger, aber im Feathers war es ihm inzwischen zu laut. Er wollte lieber irgendwo essen gehen, wo er nachdenken konnte.

Wenig später schlenderten Wardle und er rauchend nebeneinanderher die Straße entlang.

»Unser Psychologe hat mich übrigens auf etwas aufmerksam gemacht«, erwähnte Wardle, während der Abendhimmel über ihnen sich verdunkelte. »Wenn wir es tatsächlich mit einem Serienmörder zu tun haben, dann scheint er ein Opportunist zu sein. Er hat eine verdammt gute Methode entwickelt – er muss ein guter Planer sein, sonst wäre er nicht so oft damit davongekommen –, aber bei Kelsey ist er von seiner Methode abgewichen. Er wusste genau, wo er sie finden würde. Die Briefe und die Tatsache, dass er wusste, sie würde allein sein, beweisen eindeutig seinen Vorsatz. Das Dumme ist nur, dass wir uns zwar gründlich umgesehen haben, aber keinen Beweis dafür finden konnten, dass einer Ihrer Kerle je in ihrer Nähe gewesen wäre. Wir haben ihren Laptop praktisch zerlegt, ohne fündig zu werden. Die Einzigen, mit denen sie jemals über ihr Bein gesprochen hat, waren diese beiden Spinner, Jason und Tempest. Sie hatte kaum Freunde, eigentlich nur eine Handvoll Bekannte. Die Auswertung ihrer Telefonverbindungen hat nichts Verdächtiges ergeben. Unseres Wissens hat keiner Ihrer Kerle jemals in Finchley oder Shepherd’s Bush gelebt oder gearbeitet oder ist auch nur in die Nähe ihrer Schule oder ihres Berufskollegs gekommen. Wie zum Teufel hätte einer von ihnen unter den Augen der Familie nahe genug an Kelsey herankommen sollen, um sie derart zu manipulieren?«

»Wir wissen, dass sie gern gelogen hat«, gab Strike zurück. »Denken Sie nur an ihren angeblichen Freund – der sich dann urplötzlich als ziemlich real entpuppt hat, als er sie vom Café Rouge abholen kam.«

»Stimmt«, seufzte Wardle. »Bei der Suche nach dem verdammten Motorrad sind wir nicht weitergekommen. Wir haben eine Beschreibung veröffentlicht, aber ohne Erfolg. Wie geht’s eigentlich Ihrer Partnerin?«, fragte er unvermittelt und blieb vor den Glastüren seines Dienstgebäudes stehen, offenbar fest entschlossen, seine Zigarette bis zum letzten Millimeter fertig zu rauchen. »Nicht allzu mitgenommen, hoffe ich?«

»Ihr geht’s gut«, antwortete Strike. »Sie ist in Yorkshire, um ihr Brautkleid anzuprobieren. Ich hab sie quasi dazu genötigt, sich freizunehmen. Sie hat in letzter Zeit oft auch am Wochenende gearbeitet.«

Robin war abgereist, ohne zu murren. Wozu hätte sie auch bleiben sollen, solange Reporter die Denmark Street belagerten, sie miserabel bezahlt wurde und die Polizei jetzt Brockbank, Laing und Whittaker weit effektiver überwachte, als ihre kleine Detektei es jemals hätte tun können?

»Alles Gute«, sagte Strike noch, als sich die beiden Männer voneinander verabschiedeten. Der Kriminalbeamte hob zum Dank und Gruß die Hand, bevor er in dem großen Gebäude hinter dem rotierenden Prisma verschwand, auf dem in Glitzerschrift New Scotland Yard geschrieben stand.

Strike schlenderte in Richtung U-Bahn zurück. Er gierte nach einem Kebab und dachte auf dem Weg über das Problem nach, dessen Lösung der Detective Inspector anscheinend von ihm erwartete: Wie konnte einer seiner Verdächtigen dicht genug an Kelsey Platt herangekommen sein, um ihr Vorhaben zu kennen und sich ihr Vertrauen zu erschleichen?

Er dachte auch über Laing nach, der allein, übergewichtig und kränklich in seiner schäbigen Wohnung in der Wollaston Close hauste und von einer Invalidenrente lebte – mit gerade einmal vierunddreißig, auch wenn er deutlich älter aussah. Früher war er ein wirklich unterhaltsamer Mann gewesen. War er heutzutage immer noch dazu imstande, ein junges Mädchen derart zu verzaubern, dass sie auf dem Motorrad mit ihm herumfuhr und ihn vertrauensselig in eine Wohnung in Shepherd’s Bush mitnahm, von der ihre Familie nichts ahnte?

Und was war eigentlich mit Whittaker, diesem nach Crack stinkenden Wrack mit schwarzen Zähnen und schütterem, verfilztem Haar? Gewiss, Whittaker war früher fast schon hypnotisch charmant gewesen, und die ausgezehrte, drogenabhängige Stephanie schien ihn auch heute noch reizvoll zu finden. Aber Kelseys einzige bekannte Leidenschaft hatte einem adretten blonden Jungen gegolten, der nur wenige Jahre älter war als sie selbst.

Und zuletzt war da noch Brockbank. Strike fand den massiven, düsteren ehemaligen Flügelstürmer einfach nur widerlich. Zwischen ihm und dem hübschen Niall lagen Welten. Brockbank hatte meilenweit von Kelsey entfernt gelebt und gearbeitet, und obwohl beide in die Kirche gegangen waren, standen ihre jeweiligen Gotteshäuser auf einander gegenüberliegenden Ufern der Themse. Falls es eine Verbindung zwischen den beiden Gemeinden gäbe, hätte es die Polizei inzwischen zutage gefördert.

Schloss aber das Fehlen einer bekannten Verbindung zwischen Kelsey und Strikes Verdächtigen aus, dass einer der drei der Mörder war? Die Logik schien auf ein Ja als Antwort zu drängen, doch Strikes eigensinnige innere Stimme flüsterte: Nein.

50

I’m out of my place, I’m out of my mind …

BLUE ÖYSTER CULT, »CELESTIAL THE QUEEN«

Robins Ausflug nach Masham war durchgehend von einem seltsamen Gefühl der Irrealität geprägt. Sie fühlte sich mit niemandem im Einklang, nicht mal mit ihrer Mutter, die mit den Hochzeitsvorbereitungen beschäftigt und zusehends genervt war, auch wenn sie ein gewisses Verständnis dafür aufbrachte, dass Robin ständig auf ihrem Handy nachsah, ob es im Fall des Shacklewell Rippers neue Entwicklungen gab.

Daheim in der vertrauten Küche, in der Rowntree zu ihren Füßen döste und die Sitzordnung für die Hochzeitsfeier vor ihr auf der geschrubbten hölzernen Arbeitsplatte ausgebreitet lag, begann es Robin zu dämmern, wie rücksichtslos sie die Verantwortung für ihre eigene Heirat von sich gewiesen hatte. Linda bombardierte sie in einem fort mit Fragen: Gastgeschenke, Reden, die Schuhe der Brautjungfern, Robins Kopfschmuck, das Gespräch beim Pastor, wohin Matt und sie die Geschenke geschickt bekommen wollten, ob Matthews Tante Sue am Ehrentisch sitzen sollte oder nicht. Robin hatte sich von der Auszeit daheim Erholung erhofft. Stattdessen musste sie die Flut trivialer Fragen ihrer Mutter bewältigen und sah sich gleichzeitig mit den Fragen ihres Bruders Martin konfrontiert, der die Berichterstattung über Heather Smart aufmerksam verfolgt hatte, bis Robin irgendwann die Geduld verlor und ihm Leichenfledderei vorwarf, woraufhin die überreizte Linda jegliche Erwähnung eines Mörders in ihrem Haus untersagte.

Auch wenn er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, war Matthew wütend darüber, dass Robin noch immer nicht die beiden Urlaubswochen für die Hochzeitsreise angefragt hatte.

»Ach, das klappt schon«, sagte Robin beim Abendessen. »Wir haben nicht mehr allzu viel zu tun. Cormoran hat erzählt, dass die Polizei inzwischen all unsere Ermittlungslinien übernommen hat.«

»Er hat immer noch nicht zugesagt«, bemerkte Linda, die kritisch registrierte, wie wenig Robin aß.

»Wer hat nicht zugesagt?«, fragte Robin.

»Strike. Keine Antwortkarte.«

»Ich erinnere ihn daran«, erwiderte Robin und nahm einen Schluck Wein.

Sie hatte keinem von ihnen, nicht einmal Matthew, je erzählt, dass sie in ihrem alten Bett, in dem sie in den Monaten nach der Vergewaltigung geschlafen hatte, ständig Albträume hatte, die sie in der Dunkelheit keuchend hochschrecken ließen. In diesen Träumen hatte es ein hünenhafter Kerl auf sie abgesehen. Manchmal kam er ins Büro gestürmt, wo sie mit Strike arbeitete. Häufiger aber tauchte er urplötzlich und mit blitzenden Messern in den Händen aus der Finsternis schmaler Londoner Sträßchen vor ihr auf. An diesem Morgen war er kurz davor gewesen, ihr die Augen auszustechen, als sie mit einem Schrei hochgefahren war und nur halb gehört hatte, wie Matthew sich verschlafen danach erkundigte, was sie gerade gesagt hätte.

»Nichts«, hatte sie geantwortet und sich das schweißnasse Haar aus dem Gesicht gestrichen. »Nichts.«

Matthew würde am Montag zurückfahren müssen, um wieder arbeiten zu gehen. Er war sichtlich erleichtert darüber, sie in Masham zurücklassen zu dürfen, wo sie ihrer Mutter bei den Vorbereitungen für die Hochzeit half. Am Montagnachmittag würden Mutter und Tochter mit dem Pastor von St. Mary the Virgin zu einem letzten Gespräch über den Ablauf der kirchlichen Trauung zusammentreffen.

Robin gab sich alle Mühe, sich auf die heiteren Vorschläge des Pastors und auf seine fromme Anfeuerungsrede zu konzentrieren, doch währenddessen wanderte ihr Blick wiederholt zu der großen steinernen Krabbe, die rechter Hand des Mittelgangs auf der Mauer zu sitzen schien.

In ihrer Kindheit hatte diese Krabbe Robin fasziniert. Sie hatte nicht begreifen können, wieso in ihrer Kirche eine große, aus Stein gehauene Krabbe die Mauer hinaufkriechen sollte, und ihre Neugier hatte zuletzt auch Linda erfasst, die in die Bücherei marschiert war, um Nachforschungen anzustellen, und ihrer Tochter schließlich triumphierend mitgeteilt hatte, die Krabbe sei das Wappentier der alten Familie Scrope gewesen, deren Grabmal sich darüber befand.

Die neunjährige Robin war von der Antwort tief enttäuscht gewesen. In gewisser Weise war es ihr nie darum gegangen, eine Erklärung zu hören. Ihr hatte es einfach gefallen, die Einzige zu sein, die den Wunsch hegte, die Wahrheit zu ergründen.

Am folgenden Tag stand sie gerade in dem schuhschachtelgroßen Ankleideraum des Brautateliers mit dem goldgerahmten Spiegel und dem Geruch neuen Teppichbodens, als Strike anrief. Robin hatte seinen Anrufen einen speziellen Klingelton zugeordnet, und sowie sie den hörte, stürzte sie sich auf ihre Umhängetasche. Die Schneiderin stieß einen halb verärgerten, halb überraschten Schrei aus, als ihr ein Chiffonplissee, das sie soeben mit geschickten Fingern neu hatte abstecken wollen, aus den Händen gerissen wurde.

»Hallo?«, sagte Robin.

»Hi«, sagte Strike.

Allein diese einzelne Silbe verriet ihr, dass sich etwas ereignet hatte.

»Oh Gott, ist wieder jemand ermordet worden?«, stieß Robin hervor, ohne dabei auch nur einen Gedanken an die Schneiderin zu verschwenden, die am Saum des Brautkleids kauerte. Die Frau starrte sie mit dem Mund voller Stecknadeln im Spiegel an.

»Entschuldigung, können wir kurz Pause machen? Nicht du!«, ergänzte sie an Strike gewandt, damit er nicht gleich wieder auflegte, und: »Sorry«, als die Schneiderin den Vorhang hinter sich zuzog. In ihrem Brautkleid sank sie auf den Hocker in der Ecke. »Ich war mit jemandem zusammen … Ist wieder jemand gestorben?«

»Ja«, sagte Strike, »aber nicht, wie du denkst … Es geht um Wardles Bruder.«

Robins müdes, überanstrengtes Gehirn versuchte, Punkte miteinander zu verbinden, woraus jedoch kein Bild entstand.

»Es hat nichts mit dem Fall zu tun«, erklärte Strike. »Er ist auf einem Zebrastreifen von einem Lastwagen überfahren worden.«

»Gott«, stieß Robin restlos verwirrt aus. Sie hatte vorübergehend vergessen, dass der Tod auch auf vielfältig andere Weise als durch ein Messer in der Hand eines Verrückten kommen konnte.

»Ja, echt Scheiße … Er hatte drei Kinder, ein viertes ist unterwegs. Ich habe eben mit Wardle telefoniert. Die Sache ist schlimm, verdammt schlimm.«

Robins Gehirn schien nur mühsam wieder in Gang zu kommen.

»Also hat Wardle …«

»Sonderurlaub«, bestätigte Strike. »Und jetzt rate mal, wer seine Ermittlungen übernommen hat.«

»Doch nicht Anstis?«, fragte Robin besorgt.

»Schlimmer«, sagte Strike.

Eine düstere Vorahnung beschlich sie. »Aber nicht … Carver?«

Von sämtlichen Met-Beamten, die Strike bei seinen großen Ermittlungserfolgen zu düpieren und übertrumpfen geschafft hatte, war Detective Inspector Roy Carver am gründlichsten deklassiert worden, sodass er jetzt am verbittertsten war. Sein Versagen bei den Ermittlungen zum tödlichen Sturz eines berühmten Models aus ihrem Penthouse war von den Medien ausführlich dokumentiert und wohl auch übertrieben dargestellt worden. Der verschwitzte Mann mit Schuppen und dem rotfleckigen Gesicht, das an Corned Beef erinnerte, hatte den Detektiv von Anfang an nicht leiden können – noch bevor Strike der Öffentlichkeit dargelegt hatte, dass der Kriminalbeamte nicht hatte einsehen wollen, dass ein Mord vorlag.

»Volltreffer«, sagte Strike. »Eben war er drei Stunden hier.«

»Oh Gott … und warum?«

»Tu nicht so«, sagte Strike, »du weißt genau, warum. Für Carver kommt es einem feuchten Traum gleich, mich wegen einer Mordserie zu vernehmen. Er war kurz davor, von mir Alibis zu verlangen, und hat verdammt lange auf diesen gefälschten Briefen an Kelsey herumgehackt.«

Robin ächzte.

»Und wie um Himmels willen sind sie auf Carver gekommen? Ich meine, mit seinen Leistungen …«

»Auch wenn es unwahrscheinlich klingt, ist er nicht immer so ein Arschloch gewesen. Seine Chefs denken anscheinend, er hätte im Fall Landry einfach nur Pech gehabt. Obwohl er Wardle nur vorübergehend vertreten soll, hat er mich ermahnt, mich ja nicht in ihre Arbeit einzumischen. Als ich gefragt habe, wie die Ermittlungen gegen Brockbank, Laing und Whittaker vorankämen, hat er mich praktisch aufgefordert, mich mit meinem Ego und meinen Spekulationen zu verpissen. Insiderinformationen über Fortschritte bei den Ermittlungen bekommen wir jedenfalls keine mehr, so viel ist sicher.«

»Aber er führt Wardles Ermittlungen doch weiter, oder nicht?«

»Nachdem er sich lieber den eigenen Schwanz abhacken würde, als mich noch einen seiner Fälle lösen zu lassen, könnte er nichts Klügeres tun, als all unseren Hinweisen sorgfältig nachzugehen. Das Dumme ist nur, dass er sich offenbar einredet, ich hätte im Fall Landry bloß Glück gehabt, und ich schätze, dass er meine drei Verdächtigen in diesem Fall als reine Angeberei abtut. Verdammt«, sagte Strike, »hätten wir nur Brockbanks Adresse rausgekriegt, bevor Wardle Urlaub nehmen musste!«

Weil Robin eine volle Minute lang geschwiegen hatte, um zu hören, was Strike zu berichten hatte, hielt die Schneiderin es offenbar für angebracht nachzusehen, ob die Anprobe weitergehen konnte, und steckte den Kopf durch den Vorhang. Mit einem glückstrahlenden Lächeln auf den Lippen scheuchte Robin sie hektisch weg.

»Wir haben Brockbanks Adresse«, erklärte sie Strike triumphierend, als der Vorhang wieder zugezogen wurde.

»Was?«

»Ich hab es nicht erwähnt, weil ich dachte, Wardle hätte sie ohnehin längst … Aber ich wollte nur für alle Fälle … Ich hab bei den dortigen Kinderhorten angerufen und mich als Alyssa Vincent ausgegeben – Zaharas Mutter. Ich hab erzählt, ich wollte nur sicherstellen, dass sie sich die neue Adresse richtig aufgeschrieben haben. Eine Angestellte hat sie mir vom Anmeldebogen vorgelesen. Sie wohnen in Bow, in der Blondin Street.«

»Herrgott, Robin, das ist brillant, verdammt noch mal!«

Als die Schneiderin endlich weiterarbeiten konnte, fand sie die Braut weit besser gelaunt vor, als sie sie verlassen hatte. Robins mangelnde Begeisterung für die Änderungen an ihrem Brautkleid hatte dem Arbeitseifer der Schneiderin einen gehörigen Dämpfer verpasst. Robin war ihre mit Abstand attraktivste Kundin, und sie hatte gehofft, mit einem Foto von ihr Werbung machen zu dürfen, wenn das Kleid fertig war.

»Wundervoll«, sagte Robin und strahlte die Schneiderin an, als die den Saum zurechtgezogen hatte und die beiden gemeinsam das Ergebnis im Spiegel begutachteten. »Wirklich ein Traum.«

Zum ersten Mal fand sie, das Kleid sehe tatsächlich gar nicht übel aus.

51

Don’t turn your back, don’t show your profile,

You’ll never know when it’s your turn to go.

BLUE ÖYSTER CULT, »DON’T TURN YOUR BACK«

Die Reaktion der Öffentlichkeit ist überwältigend. Zurzeit verfolgen wir mehr als zwölfhundert Spuren, darunter auch einige vielversprechende«, erklärte Detective Inspector Roy Carver. »Wir bitten die Öffentlichkeit auch weiterhin um sachdienliche Hinweise zum Verbleib der roten Honda CB750, mit der Teile von Kelsey Platts Leichnam transportiert wurden, und wir suchen immer noch nach Zeugen, die sich am Abend des fünften Juni zum Zeitpunkt des Mordes an Heather Smart in der Old Street aufgehalten haben.

Die Schlagzeile Polizei: neue Spuren bei Jagd nach dem Shacklewell Ripper wurde durch den kurzen Artikel darunter eigentlich nicht gerechtfertigt, fand Robin. Allerdings nahm sie an, dass Carver wirklich wichtige neue Erkenntnisse nicht vor der Presse ausbreiten würde.

Fast über die ganze Seite hinweg waren fünf Fotos der Frauen abgedruckt, die man inzwischen für Opfer des Rippers hielt, und jeder von ihnen hatte man in fetten schwarzen Lettern den Namen und das grausame Schicksal auf die Brust gestempelt.

Martina Rossi, 28, Prostituierte, erstochen, Halskette entwendet

Martina war eine gedrungene, finster dreinblickende Frau in einem weißen Tanktop gewesen. Das leicht verschwommene Porträt sah nach einem Selfie aus. An der Kette um ihren Hals hing ein kleiner Anhänger in Form einer herzförmigen Harfe.

Sadie Roach, 25, Verwaltungsangestellte, erstochen, verstümmelt, Ohrringe entwendet

Sie war ein hübsches Mädchen mit knabenhaftem Haarschnitt und großen Kreolen gewesen. Nach den abgeschnittenen Schatten am Bildrand zu schließen war das Foto bei einer Familienfeier aufgenommen worden.

Kelsey Platt, 16, Auszubildende, erstochen und zerstückelt

Hier lächelte ihr über einer Schuluniform das vertraute mollige, ausdruckslose Gesicht des Mädchens entgegen, das Strike einen Brief geschrieben hatte.

Lila Monkton, 18, Prostituierte, niedergestochen, mehrere Finger abgetrennt, überlebte schwer verletzt

Das verschwommene Bild eines hageren Mädchens, dessen hennarotes Haar zu einem zotteligen Bob frisiert war und deren Piercings im Blitzlicht glitzerten.

Heather Smart, 22, Finanzangestellte, erstochen, Nase und Ohren abgetrennt

Sie hatte ein rundes Gesicht gehabt und mit ihrem gewellten mausbraunen Haar, den Sommersprossen und dem schüchternen Lächeln ungemein treuherzig ausgesehen.

Schwer seufzend sah Robin vom Daily Express auf. Matthew war zur Buchprüfung zu einem Klienten in High Wycombe geschickt worden und hatte sie daher nicht in die Stadt mitnehmen können. Eine volle Stunde und zwanzig Minuten hatte sie gebraucht, bis sie mit der U-Bahn von Ealing nach Catford gelangt war, eingezwängt zwischen Touristen und Pendler, die in der Londoner Hitze schwitzten. Sie stand von ihrem Platz auf und stellte sich an die Tür, wo sie mit den übrigen Pendlern im Gleichtakt vor- und zurückschwankte, während der Zug abbremste, um einmal mehr am Bahnhof Catford Bridge zu halten.

Die Arbeitswoche mit Strike war merkwürdig gewesen. Strike, der ganz offenkundig nicht die Absicht hatte, sich wie von Carver verlangt aus dessen Ermittlungen herauszuhalten, nahm den nun eingesetzten Officer trotzdem so ernst, dass er Vorsicht walten ließ.

»Sollte er uns nachweisen, dass wir die Polizei bei ihrer Arbeit behindern, sind wir als Detektei erledigt«, sagte er. »Und wir wissen beide, dass er alles daransetzen und behaupten wird, ich hätte es vermasselt, ob es nun stimmt oder nicht.«

»Und warum machen wir trotzdem weiter?«

Robin hatte des Teufels Advokat gespielt, denn es hätte sie zutiefst frustriert und bekümmert, wenn Strike verkündet hätte, dass sie ihre Fährten nicht weiterverfolgen würden.

»Weil Carver glaubt, dass ich mit meinen Verdächtigen meilenweit danebenliege, und weil ich ihn für ein inkompetentes Arschloch halte.«

Robins Lachen war abrupt erstorben, als Strike ihr erklärt hatte, dass er sie weiterhin nach Catford zu schicken gedachte, wo sie Whittakers Freundin überwachen sollte.

»Immer noch?«, fragte sie. »Warum denn das?«

»Das weißt du genau. Ich will wissen, ob Stephanie ihm für die entscheidenden Tage ein Alibi geben kann.«

»Weißt du was?« Robin nahm ihren ganzen Mut zusammen. »Ich war jetzt oft genug in Catford. Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich lieber Brockbank übernehmen. Ich könnte doch versuchen, etwas aus Alyssa rauszubekommen?«

»Wenn es dir um Abwechslung geht, hätten wir auch noch Laing«, sagte Strike.

»Der hat mich aus der Nähe gesehen, als ich gestürzt bin«, widersprach Robin sofort. »Hältst du es nicht für klüger, wenn du Laing übernimmst?«

»Ich habe seine Wohnung observiert, während du weg warst«, sagte Strike.

»Und?«

»Und er bleibt die meiste Zeit daheim. Hin und wieder geht er einkaufen, aber dann sofort wieder nach Hause.«

»Du glaubst also nicht länger, dass er es war, oder?«

»Ich hab ihn noch nicht ausgeschlossen«, sagte Strike. »Warum bist du so scharf darauf, Brockbank zu übernehmen?«

»Na ja«, sagte Robin tapfer, »so wie ich es sehe, habe ich bei ihm einen Großteil der Laufarbeit erledigt. Ich habe Holly die Adresse in Market Harborough abgeschwatzt, und aus der Kinderkrippe hab ich die Adresse in der Blondin Street …«

»Und du hast Angst um die Kinder, die bei ihm leben«, ergänzte Strike.

Unwillkürlich musste Robin an das kleine schwarze Mädchen mit den steifen Zöpfen denken, das sie am Catford Broadway so entgeistert angestarrt hatte, dass es hingefallen war.

»Und wenn?«

»Mir wäre es lieber, wenn du bei Stephanie bleiben würdest«, sagte Strike.

Sie hatte sich über ihn geärgert – so sehr, dass sie prompt wesentlich undiplomatischer um zwei Wochen Urlaub gebeten hatte, als sie es andernfalls getan hätte.

»Zwei Wochen?« Er hatte sie überrascht angesehen. Seiner Erfahrung nach bettelte sie sonst eher darum, arbeiten zu dürfen, als Urlaub zu bekommen.

»Für die Flitterwochen.«

»Ah, richtig. Ja. Ich nehme an, das ist schon ziemlich bald, oder?«

»Natürlich. Die Hochzeit ist am Zweiten.«

»Jesus, das ist ja in – was? – drei Wochen oder so.«

Es hatte sie noch mehr geärgert, dass ihm nicht klar gewesen war, wie bald sie heiraten würde.

»Ganz genau«, hatte sie gesagt und nach ihrer Jacke gegriffen. »Und schick bitte endlich die Antwortkarte und sag Bescheid, ob du kommst.«

Und so kehrte sie nach Catford und zu den geschäftigen Marktständen zurück, in den Dunst von Räucherstäbchen und rohem Fisch, wo sie weitere nutzlose Stunden damit zubrachte, unter den kauernden steinernen Bären oberhalb der Bühnentür des Broadway Theatre auszuharren.

Zwar hatte Robin heute ihre Haare unter einem Strohhut versteckt und eine Sonnenbrille aufgesetzt. Trotzdem fragte sie sich, ob in den Blicken der Standbesitzer nicht ein Wiedererkennen aufflackerte, als sie zum wiederholten Mal ihren Posten gegenüber dem dreiflügeligen Fenster von Whittakers und Stephanies Wohnung bezog. Seit sie die Überwachung wieder aufgenommen hatte, hatte sie das Mädchen nur ein paarmal zu Gesicht bekommen, und bei keiner dieser Gelegenheiten hatte sie auch nur die leiseste Chance gehabt, sie anzusprechen. Von Whittaker selbst war rein gar nichts zu sehen gewesen. Robin lehnte sich an die kühle graue Außenmauer des Theaters und gähnte in Erwartung eines weiteren langen, ermüdenden Tages.

Bis zum Spätnachmittag war sie erschöpft und verschwitzt und versuchte, sich nicht über ihre Mutter zu ärgern, die ihr im Lauf des Tages immer neue Nachrichten bezüglich der Hochzeit geschickt hatte. Die letzte – eine Ermahnung, ihre Floristin anzurufen, die ihr schon wieder irgendeine pedantische Frage stellen wollte – war eingetrudelt, als Robin gerade beschlossen hatte, dass sie etwas zu trinken brauchte. Sie fragte sich, wie Linda wohl reagieren würde, wenn sie ihr zurückschriebe, dass sie sich entschieden hätte, alles mit Plastikblumen zu dekorieren – ihren Kopf, den Strauß, die Kirche, Hauptsache, sie brauchte nichts mehr zu entscheiden –, und steuerte quer über die Straße auf den Imbiss zu, wo es gekühlte Getränke zu kaufen gab.

Sie hatte gerade die Hand auf den Türgriff gelegt, als jemand, der ebenfalls den Imbiss aufsuchen wollte, mit ihr zusammenprallte.

»Verzeihung«, sagte Robin automatisch und dann: »Oh mein Gott!«

Stephanies Gesicht war fast schon lila und verquollen und ein Auge beinahe komplett zugeschwollen.

Es war kein fester Rempler gewesen, trotzdem war das schmächtige Mädchen rückwärtsgetaumelt. Robin hielt Stephanie am Arm fest, damit sie nicht hinfiel.

»Mein Gott – was ist denn passiert?«

Sie hörte sich an, als würde sie Stephanie kennen. In gewisser Weise empfand Robin tatsächlich so. Sie hatte sie bei den kleinen Routinegängen beobachtet, sich mit Körpersprache, Kleidungsstil und Stephanies Vorliebe für Cola vertraut gemacht, und daraus war eine Art einseitiger Verbundenheit erwachsen. Ganz selbstverständlich stellte sie eine Frage, die sonst kaum ein Brite einem Fremden stellen würde: »Ist alles in Ordnung?«

Wie sie es letztlich geschafft hatte, wusste Robin selbst nicht, aber zwei Minuten später schob sie Stephanie nur ein paar Häuser vom Imbiss entfernt auf einen Stuhl im lang ersehnten Schatten des Stage Door Café. Stephanie hatte ganz offensichtlich Schmerzen und schämte sich für ihr Aussehen. Gleichzeitig war sie zu hungrig und durstig, als dass sie es noch länger oben in der Wohnung ausgehalten hätte. Sie hatte sich schlicht einem stärkeren Willen gefügt und sich von den freundlichen Worten der ihr unbekannten Frau sowie der Aussicht auf eine Gratismahlzeit einlullen lassen. Robin hatte ohne Unterlass gequasselt, während sie Stephanie die Straße entlanggeführt hatte, und dabei versucht, die Illusion aufrechtzuerhalten, dass ihr unerwartetes Angebot, ein Sandwich zu spendieren, allein ihrem schlechten Gewissen geschuldet war, nachdem sie Stephanie beinahe umgestoßen hätte.

Stephanie nahm ihre kalte Fanta und das Thunfischsandwich mit gemurmeltem Dank entgegen, aber schon nach wenigen Bissen ließ sie das Sandwich wieder sinken und hielt sich die Hand an die Wange, als hätte sie Schmerzen.

»Zahnweh?«, fragte Robin fürsorglich.

Das Mädchen nickte. Eine Träne sickerte aus dem nicht zugeschwollenen Auge.

»Wer war das?«, fragte Robin eindringlich und griff über den Tisch nach Stephanies Hand.

Sie war wieder in eine Rolle geschlüpft und wuchs beim Improvisieren zusehends in ihre Figur hinein. Dem Strohhut und dem langen Sommerkleid entsprechend spielte sie das Hippiemädchen, das in seiner Nächstenliebe glaubte, Stephanie retten zu können. Obwohl Stephanie in einem fort den Kopf schüttelte, um klarzustellen, dass sie ihren Peiniger nicht verraten würde, spürte Robin den kaum merklichen Gegendruck unter ihren Fingern.

»Jemand, den du kennst?«, flüsterte Robin.

Weitere Tränen rollten über Stephanies Gesicht. Sie zog ihre Hand zurück, nahm einen Schluck Fanta und verzog gleich wieder das Gesicht, als die kalte Flüssigkeit in Kontakt mit ihrem höchstwahrscheinlich angebrochenen Zahn kam.

»War es dein Vater?«, flüsterte Robin.

Es wäre eine naheliegende Annahme gewesen. Stephanie konnte unmöglich älter als siebzehn sein. Sie war so dünn, dass sie kaum Brüste hatte. Ihre Tränen hatten auch die letzten Spuren des Kajals weggewaschen, der sonst immer ihre Augen umrahmte. Das schmutzige Gesicht wirkte kindlich, mit Anzeichen für einen Überbiss, doch all das verblasste unter den lila-grauen Blutergüssen. Whittaker hatte auf sie eingeprügelt, bis die Blutgefäße in ihrem rechten Auge geplatzt waren. Der schmale Schlitz zwischen den Lidern war scharlachrot.

»Nein«, hauchte Stephanie. »Mein Freund.«

»Wo ist er?« Robin griff wieder nach Stephanies Hand, die nach dem Kontakt mit der kalten Fanta spürbar abgekühlt war.

»Weg.«

»Wohnt ihr zusammen?«

Stephanie nickte und versuchte wieder, von ihrer Fanta zu trinken, ohne die eisige Flüssigkeit dabei in Berührung mit ihrer verletzten Gesichtshälfte zu bringen.

»Ich wollt nich’, dass er weggeht«, flüsterte sie jetzt.

Robin beugte sich vor, als das Mädchen im Angesicht von Güte und Zucker unverhofft seine Zurückhaltung vergaß.

»Ich hab gesackt, ich will mitkomm’, aber das wollt er nich’. Ich weiß, dass er was am Laufen hat, ich weiß es ganz genau. Er hat ’ne andere, hab gehört, wie Banjo was gesackt hat. Er hat wo noch ’n Mädchen.«

Robin wollte ihren Ohren nicht trauen, doch Stephanies schlimmster Schmerz – viel schlimmer als der angebrochene Zahn und ihr blutiges, zerschlagenes Gesicht – war die Vorstellung, dass Whittaker, dieser schmierige Crackdealer, irgendwo mit einer anderen Frau schlafen könnte.

»Ich wollt doch bloß mit ihm mitgehn«, wiederholte Stephanie, und immer mehr Tränen liefen ihr übers Gesicht, bis der Augenschlitz mit einem Mal in noch wütenderem Rot zu leuchten begann.

Robin war sich im Klaren darüber, dass das nette, leicht versponnene Mädchen, das sie im Moment verkörperte, Stephanie beschwören würde, den Mann zu verlassen, der sie so übel behandelte. Nur war sie dummerweise gleichzeitig überzeugt davon, dass dies der sicherste Weg wäre, um Stephanie zu verscheuchen.

»Er ist sauer geworden, weil du mit ihm mitgehen wolltest?«, wiederholte sie. »Wo wollte er denn hin?«

»Er hat gesackt, dass er wieder mit dem Cult abhängt, so wie letzte … Das is’ ’ne Band«, murmelte Stephanie und wischte sich dabei mit dem Handrücken über die Nase. »Bei denen isser Roadie – aber das is’ bloß ’ne Ausrede«, fuhr sie fort und weinte immer heftiger. »In Wahrheit zieht er los und sucht sich wen zum Ficken. Ich hab gesackt, ich würd mitgehn und … Immerhin hat er das letztes Mal ja auch von mir gewollt … Da hab ich für ihn die ganze Band gemacht.«

Robin versuchte nach bestem Vermögen, so auszusehen, als hätte sie nicht verstanden, was sie gerade gehört hatte. Doch offenbar hatte ein Aufblitzen von Zorn oder Ekel den Ausdruck von Güte zerstört, die sie versucht hatte auszustrahlen. Denn schlagartig schien Stephanie sich von ihr zurückzuziehen. Sie war nicht an vorgefassten Meinungen interessiert. Damit hatte sie jeden Tag ihres Lebens zu kämpfen.

»Warst du beim Arzt?«, fragte Robin ruhig.

»Was? Nee.« Sie schlang die dürren Arme um ihren Oberkörper.

»Wann kommt er denn wieder, dein Freund?«

Wortlos schüttelte Stephanie den Kopf und zuckte mit den Schultern. Die aufflackernde Sympathie, die Robin zwischen ihnen angeschürt hatte, war offensichtlich im Begriff, wieder zu erlöschen.

»Der Cult«, improvisierte Robin eilig. Ihr Mund fühlte sich ganz ausgetrocknet an. »Damit meinst du aber nicht Death Cult, oder?«

»Doch«, sagte Stephanie leicht überrascht.

»Welcher Gig? Die hab ich neulich erst gehört!«

Frag mich um Himmels willen nicht, wo …

»In ’nem Pub wahrscheinlich, im … Green Fiddle oder so. Enfield.«

»Ach nein, ich war woanders«, sagte Robin. »Wann war dein Konzert?«

»Muss pissen«, murmelte Stephanie, sah sich kurz im Café um und schlurfte dann zu den Toiletten. Sowie die Tür hinter ihr zugefallen war, tippte Robin hektisch Suchbegriffe in ihr Handy. Sie brauchte mehrere Anläufe, bis sie gefunden hatte, wonach sie suchte: Death Cult war am Samstag, den vierten Juni, und damit einen Tag vor dem Mord an Heather Smart in einer Kneipe namens Fiddler’s Green in Enfield aufgetreten.

Draußen wurden die Schatten allmählich länger, und bis auf sie beide hatte sich das Café geleert. Es wurde langsam Abend. Bestimmt würde das Café demnächst geschlossen werden.

»Danke für das Sandwich un’ so«, sagte Stephanie, die plötzlich wieder neben ihr auftauchte. »Ich muss jetz’ …«

»Bestell dir doch noch was. Eine Schokolade oder irgendetwas anderes«, drängte Robin, obwohl die Kellnerin bereits die Tische abwischte und so aussah, als wollte sie die beiden Frauen am liebsten rauswerfen.

»Wieso?« Erstmals zeigte Stephanie ein Anzeichen von Misstrauen.

»Weil ich mit dir über deinen Freund reden möchte«, antwortete Robin.

»Wieso?«, wiederholte das Mädchen leicht nervös.

»Bitte, setz dich wieder hin. Es ist nichts Schlimmes«, redete Robin ihr gut zu. »Ich mache mir einfach Sorgen um dich.«

Stephanie zögerte, dann ließ sie sich langsam wieder auf ihren Stuhl sinken. Erst jetzt fiel Robin der tiefrote Streifen rund um Stephanies Hals auf.

»Er hat doch nicht … Er hat doch hoffentlich nicht versucht, dich zu erwürgen, oder?«

»Was?« Stephanie betastete ihren dünnen Hals, und wieder traten ihr Tränen in die Augen.

»Ach, das – das war meine Kette. Die hat er mir geschenkt, und dann hat er … weil ich nich’ genug Kohle gemacht hab«, sagte sie – und in diesem Moment begann sie, hemmungslos zu weinen. »Da hat er sie verkauft.«

Weil Robin beim besten Willen nicht einfallen wollte, was sie sonst tun sollte, beugte sie sich über den Tisch und hielt das Mädchen mit beiden Händen und aller Kraft fest, so als befände Stephanie sich auf einem Floß, das abzutreiben drohte.

»Hast du vorhin gesagt, du musstest für ihn … die ganze Band?«, fragte Robin leise.

»Ja, aber das war für lau«, erwiderte Stephanie unter Tränen, und Robin dämmerte es, dass Stephanie in Gedanken immer noch bei ihren Einkünften war. »War’n eh bloß Blowjobs.«

»Nach dem Gig?«, fragte Robin und ließ Stephanies Hand los, um ihr stattdessen Papierservietten zu reichen.

»Nee«, sagte Stephanie und schnäuzte sich. »Am nächs’n Abend. Da war’n alle im Van vor dem Haus von diesem Leadsänger. Der wohnt in Enfield.«

Robin war bis zu diesem Augenblick nicht klar gewesen, dass man sich gleichzeitig so angeekelt und erleichtert fühlen konnte. Wenn Stephanie am Abend des fünften Juni mit Whittaker zusammen gewesen war, dann konnte er Heather Smart nicht umgebracht haben.

»War er … dein Freund … War der auch dabei?«, fragte sie leise. »Die ganze Zeit, während du – du weißt schon …«

»Was soll der Scheiß?«

Jäh zog Stephanie die Hand zurück und sah entsetzt zu Robin hinüber, die verwirrt aufblickte.

Whittaker hatte sich neben ihnen aufgebaut. Robin hatte im Internet Bilder von ihm gesehen und ihn auf den ersten Blick wiedererkannt. Er war groß, breitschultrig und dabei gleichzeitig hager, sein altes schwarzes T-Shirt war zu Grau verwaschen. Mit durchdringendem Ketzerpriesterblick schlugen die goldenen Augen sie in Bann. Trotz der verfilzten Haare und des eingesunkenen, fast gelblichen Gesichts und obwohl er sie körperlich abstieß, spürte sie die unerklärliche manische Aura, die ihn umgab – eine fast magnetische Anziehungskraft wie beim Gestank von Aas. Genau wie alle schmutzigen, verrotteten Dinge löste er bei seinem Gegenüber den Drang aus, genauer nachzuforschen – einen Drang, der nicht minder mächtig war, nur weil man sich seiner insgeheim schämte.

»Und wer bist du?«, fragte er, nicht aggressiv, sondern fast schnurrend. Dabei starrte er schamlos in den Ausschnitt ihres Sommerkleids.

»Ich hab Stephanie draußen vor dem Imbiss fast über den Haufen gerannt«, erklärte Robin, »und sie deshalb auf was zu trinken eingeladen.«

»Ach ja?«

»Wir schließen!«, rief die Kellnerin.

Dass jetzt auch noch Whittaker aufgetaucht war, war ihr eindeutig zu viel geworden, das konnte Robin ihr ansehen. Seine überdimensionalen Ohrlöcher, die Tattoos, die wilden Augen, die Ausdünstungen – all das war bestimmt nur in sehr wenigen Geschäften gern gesehen, in denen Lebensmittel verkauft wurden.

Stephanie indes sah vollkommen verängstigt aus, dabei hatte Whittaker sie komplett ignoriert. Er hatte ausschließlich Robin angesehen, die seinen Blick im Rücken spürte, während sie die Rechnung beglich, aufstand und dicht gefolgt von Whittaker auf die Straße hinaustrat.

»Also dann … ciao«, sagte sie mutlos zu Stephanie.

Sie wünschte sich, sie wäre so couragiert wie Strike. Während er Stephanie vor Whittakers Augen beschworen hatte, mit ihm zu kommen, war Robins Mund schlagartig wie ausgetrocknet gewesen. Whittaker hatte sie angestarrt, als hätte er etwas Seltenes und Faszinierendes auf einem Misthaufen entdeckt. Hinter ihnen schloss die Kellnerin die Tür ab. Die untergehende Sonne warf kalte Schatten über die Straße, die Robin sonst nur heiß und übel riechend kannte.

»Wolltest bloß nett sein, wie, Süße?«, fragte Whittaker mit samtiger Stimme, und Robin hätte nicht sagen können, ob er dabei eher bedrohlich oder einschmeichelnd klang.

»Ich hab mir Sorgen gemacht«, stieß Robin hervor und zwang sich, in Whittakers weit auseinanderliegende Augen zu blicken, »weil Stephanies Verletzungen so schlimm aussehen.«

»Die?« Whittaker legte die Hand an Stephanies lila-graues Gesicht. »Vom Rad gefallen, richtig, Steph? Dummer kleiner Tollpatsch!«

Und mit einem Mal konnte Robin Strikes glühenden Hass auf diesen Mann verstehen. Am liebsten hätte sie ihn ebenfalls niedergeschlagen.

»Hoffentlich sehen wir uns mal wieder, Stephanie«, sagte sie.

Dem Mädchen in Whittakers Gegenwart ihre Telefonnummer zu geben traute sie sich nicht. Stattdessen drehte sie sich um und ging davon, auch wenn sie sich dabei unendlich feige vorkam. Gleich würde Stephanie mit ihm in die Wohnung zurückgehen. Sie hätte etwas unternehmen müssen – aber was? Was hätte sie denn sagen sollen, um etwas zu ändern? Sollte sie die Misshandlung auf dem Revier melden? Würde sie sich damit in Carvers Ermittlungen einmischen?

Erst als Whittaker sie ganz bestimmt nicht mehr sehen konnte, verflüchtigte sich das Gefühl, dass unsichtbare Ameisen an ihrem Rückgrat auf und ab krabbelten. Robin zog ihr Handy heraus und rief Strike an.

»Ich weiß«, sagte sie, bevor Strike ihr Vorhaltungen machen konnte, »es ist spät, aber ich bin schon auf dem Weg zur U-Bahn, und wenn du hörst, was ich in Erfahrung gebracht habe, wirst du mich verstehen.«

Im Eiltempo und leicht fröstelnd, weil der Abend schlagartig kühl geworden war, berichtete sie ihm, was Stephanie ihr erzählt hatte.

»Er hat also ein Alibi?«, fragte Strike langsam.

»Zumindest für den Abend von Heathers Tod, ja, wenn Stephanie die Wahrheit gesagt hat, und davon bin ich überzeugt. Sie war mit ihm zusammen – und mit dem kompletten Death Cult, wie gesagt.«

»Und sie hat ausdrücklich erwähnt, dass Whittaker dabei war, während sie die Band bediente?«

»Ich glaube … sie wollte gerade antworten, als Whittaker aufgetaucht ist, und … Warte mal!«

Robin blieb abrupt stehen und sah sich um. Sie war so in das Gespräch vertieft gewesen, dass sie auf dem Weg zur U-Bahn falsch abgebogen war. Inzwischen ging die Sonne unter. Aus dem Augenwinkel meinte sie zu sehen, wie ein Schatten hinter eine Mauer huschte.

»Cormoran?«

»Ich bin noch dran.«

Vielleicht hatte sie sich den Schatten ja nur eingebildet. Sie war auf einer ihr unbekannten Wohnstraße gelandet, doch hinter diversen Fenstern brannte Licht, und ein Stück weiter lief ein Pärchen die Straße entlang. Hier drohte ihr keine Gefahr, redete sie sich ein. Es war alles in Ordnung. Sie würde nur ein Stück zurückgehen müssen.

»Alles okay?«, fragte Strike scharf.

»Kein Problem«, sagte sie. »Ich bin nur falsch abgebogen.«

»Wo bist du genau?«

»Irgendwo in der Nähe der Haltestelle Catford Bridge«, antwortete sie. »Keine Ahnung, wie ich hier gelandet bin.«

Den Schatten erwähnte sie lieber nicht. Sicherheitshalber überquerte sie die Straße, damit sie nicht an der Mauer vorbeigehen musste, hinter der sie ihn gesehen zu haben glaubte, nahm das Telefon in die linke Hand und schloss die Finger ein wenig fester um den Handalarm in ihrer rechten Manteltasche.

»Ich gehe einfach den Weg zurück, den ich gekommen bin«, erklärte sie Strike, auch damit er wusste, wo sie sich befand.

»Ist dir irgendetwas aufgefallen?«, wollte er wissen.

»Ich weiß ni… Vielleicht«, gab sie zu.

Doch als sie auf derselben Höhe mit dem Durchgang zwischen den zwei Häusern angekommen war, wo sie den Schatten entdeckt zu haben meinte, war dort niemand zu sehen.

»Ich bin einfach nur ein bisschen zittrig«, sagte sie und ging ein wenig schneller. »Die Begegnung mit Whittaker war nicht besonders lustig. Er hat ganz eindeutig was … was Widerliches an sich.«

»Wo bist du jetzt?«

»Ungefähr zehn Meter von der Stelle entfernt, an der du mich das letzte Mal gefragt hast. Warte, da ist ein Straßenschild. Ich geh kurz rüber – jetzt weiß ich, wo ich mich verlaufen habe, ich hätte da vorn abbiegen …«

Sie hörte die Schritte erst, als sie bereits direkt hinter ihr waren. Zwei dicke, schwarz bekleidete Arme schlossen sich um ihren Leib, pressten ihre Arme an den Oberkörper und drückten ihr die Luft aus der Lunge. Das Handy rutschte ihr aus der Hand und fiel klappernd zu Boden.

52

Do not envy the man with the x-ray eyes.

BLUE ÖYSTER CULT, »X-RAY EYES«

Strike, der in Bow im Schatten eines Lagerhauses gestanden und die Blondin Street observiert hatte, hörte, wie Robin unvermittelt japste, dann den Aufschlag des Handys auf dem Boden und das Schlurfen und Rutschen von Füßen auf Asphalt.

Er rannte augenblicklich los. Die Telefonverbindung mit Robin stand zwar immer noch, aber er konnte nichts mehr hören. Panik schärfte seine Denkprozesse und blendete allen Schmerz aus, als er über die dunkler werdende Straße in Richtung der nächsten U-Bahn-Haltestelle sprintete. Er brauchte ein zweites Handy.

»Muss mir das mal ausleihen, Kumpel«, bellte er zwei dünnen schwarzen Jugendlichen zu, die ihm entgegenkamen und von denen einer gerade in ein Smartphone quasselte. »Ich brauch das Handy – da wird gerade eine Frau überfallen!«

Aufgrund Strikes schierer Größe und der autoritären Ausstrahlung hielt ihm der Teenager mit erschrockener, geradezu fassungsloser Miene das Handy hin.

»Kommt mit!«, bellte Strike den beiden Jungen zu, während er – das eigene Handy immer noch ans Ohr gepresst – an ihnen vorbei in Richtung der belebteren Straße humpelte, wo er ein Taxi anzuhalten hoffte. »Polizei!«, brüllte er in das Handy des Jungen, während die sprachlosen Teenager weiter wie Bodyguards neben ihm hertrabten. »In der Nähe der Catford Bridge Station wird gerade eine Frau überfallen! Ich hab mit ihr telefoniert, als es passiert ist … Es geschieht gerade jetzt – nein, den Straßennamen weiß ich nicht, aber sie war höchstens ein, zwei Straßen vom Bahnhof entfernt … Genau in diesem Moment! Ich hab mit ihr telefoniert, als er sie gepackt hat, ich hab alles mit angehört, ja … Und machen Sie schnell, verdammt noch mal! Danke, Kumpel«, keuchte Strike und warf das Handy in die Hände seines Besitzers zurück, der noch ein paar Meter weit neben ihm herlief, ehe er begriff, dass er nicht länger gebraucht wurde.

Strike rumpelte um die nächste Straßenecke. Bow war ein Stadtteil Londons, der ihm absolut nicht vertraut war. Im Laufschritt passierte er den Bow Bells Pub, ohne auf das Glühen der Bänder in seinem Knie zu achten. Er hielt den freien Arm zur Seite ausgestreckt, um die Balance zu halten, während er weiterhin das stumme Telefon an sein Ohr presste. Dann hörte er am anderen Ende plötzlich das Schrillen eines Handalarms.

»TAXI!«, brüllte er, als er in der Ferne ein Schild aufleuchten sah, und dann: »ROBIN!«, obwohl er sich sicher war, dass sie ihn über den gellenden Alarm hinweg nicht hören würde. »ROBIN, ICH HAB DIE POLIZEI GERUFEN! DIE POLIZEI IST UNTERWEGS. HAST DU GEHÖRT, DU WICHSER?«

Das Taxi war ohne ihn davongefahren. Die Trinker vor dem Bow Bells starrten den Wahnsinnigen an, der in vollem Lauf an ihnen vorbeihumpelte und dabei in sein Handy brüllte und fluchte. Ein zweites Taxi tauchte auf.

»TAXI! TAXI!«, bellte Strike wieder. Diesmal drehte das Taxi um und kam auf ihn zu, gerade als Robins Stimme keuchend an sein Ohr drang.

»Bist … du noch dran?«

»HERR IM HIMMEL! WAS IST PASSIERT?«

»Hör auf … zu brüllen …«

Nur mit großer Anstrengung schaffte er es, die Stimme zu senken. »Was ist passiert?«

»Ich kann nichts sehen«, sagte sie. »Ich kann … nichts sehen …«

Strike riss die hintere Tür des Taxis auf und warf sich auf den Sitz. »Catford Bridge, und zwar zackig! Was soll das heißen, du kannst nichts … Was hat er mit dir gemacht? NICHT SIE!«, blaffte er den verwirrten Taxifahrer an. »Los! Los!«

»Nein … Das war dein … beschissener … Handalarm … Alles … mitten ins Gesicht … ach … Scheiße …«

Das Taxi war bereits in hohem Tempo unterwegs. Trotzdem musste Strike mit aller Gewalt an sich halten, damit er den Fahrer nicht anschnauzte, noch mehr Gas zu geben.

»Was ist passiert? Bist du verletzt?«

»Ein … ein bisschen … Es sind Leute da …«

Inzwischen konnte er sie hören: Menschen in ihrer Nähe, Gemurmel, aufgeregte Gespräche.

»… Krankenhaus …«, hörte er Robin sagen, aber nicht ins Telefon.

»Robin? ROBIN?«

»Hör endlich auf zu brüllen!«, fauchte sie zurück. »Hör zu, sie haben einen Krankenwagen gerufen, sie bringen mich ins …«

»WAS HAT ER MIT DIR GEMACHT?«

»Hat mir … in den Arm gestochen … muss wohl genäht werden … Scheiße, tut das weh …«

»Welches Krankenhaus? Gib mir jemanden ans Telefon! Wir treffen uns dort!«

Fünfundzwanzig Minuten später traf Strike in der Notaufnahme des University Hospital Lewisham ein, schwer hinkend und mit so schmerzverzerrtem Gesicht, dass ihm von einer fürsorglichen Krankenschwester versichert wurde, ein Arzt werde sich sofort um ihn kümmern.

»Nein«, sagte er, winkte sie beiseite und humpelte weiter zum Aufnahmeschalter. »Ich suche jemanden – Robin Ellacott, sie wurde niedergestochen …«

Sein Blick wanderte fieberhaft durch den überfüllten Wartebereich, in dem ein kleiner Junge wimmernd auf dem Schoß der Mutter saß und ein Betrunkener laut stöhnend mit beiden Händen seinen blutigen Kopf stützte. Ein Pfleger demonstrierte einer schwer atmenden alten Dame, wie man einen Inhalator benutzte.

»Strike … richtig … Miss Ellacott hat bereits angekündigt, dass Sie kommen würden«, sagte die Frau hinter dem Tresen, nachdem sie ihren Monitor mit – wie Strike fand – unnötiger, fast provozierender Bedächtigkeit studiert hatte. »Den Gang runter und dann rechts … die erste Kabine.«

Für einen Moment kam er in seiner Hast auf dem polierten Boden ins Rutschen, dann eilte er fluchend weiter. Diverse Leute folgten der großen, ungeschlachten Gestalt mit dem Blick und fragten sich, ob er noch ganz richtig im Kopf war.

»Robin? Verfluchte Scheiße!«

Blutrote Spritzer entstellten ihr Gesicht, und ihre Augen waren zugeschwollen. Ein junger Arzt, der gerade eine zwanzig Zentimeter lange Wunde an ihrem Unterarm untersuchte, raunzte ihn an: »Raus hier, bis ich fertig bin!«

»Das ist kein Blut!«, rief Robin, während sich Strike hinter den Vorhang zurückzog. »Das war das dämliche Farbspray aus deinem Handalarm!«

»Bitte ruhig halten«, hörte Strike den Arzt sagen.

Aufgebracht marschierte er jenseits des Vorhangs auf und ab. Entlang des Korridors standen noch weitere fünf Betten hinter zugezogenen Vorhängen, die jeden forschenden Blick vereitelten. Die Gummisohlen der Krankenschwestern und Pfleger quietschten auf dem blank gebohnerten grauen Boden. Gott, wie er Krankenhäuser hasste! Der Geruch, die institutionalisierte Sauberkeit, unter der stets ein Hauch menschlicher Zersetzung zu ahnen war, versetzte ihn augenblicklich zurück in die langen Monate in Selly Oak, nachdem ihm das Bein abgerissen worden war.

Was hatte er getan? Was hatte er getan? Er hatte zugelassen, dass sie weiterarbeitete, obwohl er gewusst hatte, dass dieses Schwein es auf sie abgesehen hatte. Sie hätte sterben können. Sie hatte sterben sollen. Krankenschwestern raschelten in blauen Kitteln an ihm vorüber. Hinter dem Vorhang japste Robin leise vor Schmerz, und Strike mahlte mit den Zähnen.

»Also, sie hat extremes Glück gehabt«, sagte der Arzt, als er zehn Minuten später die Vorhänge zur Seite riss. »Er hätte die Schlagader durchtrennen können. Allerdings wurde die Sehne beschädigt. Wie stark, wissen wir erst, wenn wir operieren.«

Er hielt sie eindeutig für ein Paar. Strike ließ es dabei bewenden.

»Sie muss operiert werden?«

»Um den Schaden an der Sehne zu beheben«, erklärte der Arzt, als wäre Strike begriffsstutzig. »Außerdem muss die Wunde noch mal gründlich gereinigt werden. Und ich will die Rippen röntgen lassen.«

Als er sich zum Gehen wandte, nahm Strike Haltung an und trat durch den Vorhang.

»Ich weiß, ich habe Mist gebaut«, sagte Robin.

»Heilige Scheiße, glaubst du etwa, ich bin gekommen, um dir Vorhaltungen zu machen?«

»Vielleicht?« Sie zog sich vorsichtig im Bett hoch. Ein provisorischer elastischer Verband lag um ihren Arm. »Nach Anbruch der Dunkelheit – und ich habe nicht aufgepasst, oder?«

Er sackte schwer auf den Stuhl neben dem Bett, den der Arzt frei gemacht hatte, und stieß dabei versehentlich an eine Nierenschale. Klirrend und scheppernd landete sie auf dem Boden, und Strike trat mit der Prothese darauf, um sie zum Schweigen zu bringen.

»Verfluchte Scheiße, Robin, wie bist du ihn losgeworden?«

»Selbstverteidigung«, sagte sie und fuhr dann leicht verärgert fort, als sie den Ausdruck in seinem Gesicht sah und durchaus richtig interpretierte: »Du hast mir nicht geglaubt, dass ich einen Kurs gemacht habe. Das war ja klar.«

»Ich hab dir sehr wohl geglaubt«, sagt er. »Aber heilige verdammte Scheiße …«

»Ich hab in Harrogate Stunden bei einer echt genialen Trainerin genommen, die früher bei der Army war«, sagte Robin und zuckte leicht zusammen, als sie sich bequemer hinsetzen wollte. »Nach … du weißt schon.«

»War das vor dem Fahrsicherheitskurs oder danach?«

»Danach«, sagte sie. »In der ersten Zeit hab ich an Agoraphobie gelitten. Erst das Fahrtraining hat mich wieder aus meinem Zimmer rausgeholt – und anschließend hab ich dann ein paar Kurse in Selbstverteidigung belegt. Der erste, bei dem ich mich eingeschrieben hatte, wurde von einem Mann geleitet, aber der war ein Vollidiot«, sagte Robin. »Lauter Judogriffe und … Völlig nutzlos. Aber Louise war genial.«

»Ach ja?«

Ihre gefasste Reaktion zerrte an seinen Nerven.

»Ja«, sagte Robin. »Sie hat uns eingebläut, dass es nicht um elegante Würfe geht, wenn du eine ganz normale Frau bist, sondern einzig und allein darum, geschickt und schnell zu reagieren. Lass auf keinen Fall zu, dass du an einen anderen Ort verschleppt wirst. Attackier ihn an den empfindlichsten Stellen – und dann lauf, was das Zeug hält. Der Kerl hat mich von hinten gepackt – allerdings hab ich ihn gehört, kurz bevor er mich erreicht hat. So was habe ich unzählige Male mit Louise geübt. Wenn er dich von hinten packt, beugst du dich vor.«

»Du beugst dich vor«, wiederholte Strike dumpf.

»Ich hatte den Handalarm mit dem Spray schon in der Hand. Ich hab mich ganz weit vorgebeugt und ihm das Ding in die Eier gerammt. Er hatte bloß eine Jogginghose an. Er hat mich ganz kurz losgelassen, nur bin ich da schon wieder über dieses verfluchte Kleid gestolpert. Er zog ein Messer – und was als Nächstes passiert ist, weiß ich nicht mehr genau, ich weiß nur noch, dass er zugestochen hat, als ich wieder aufstehen wollte. Aber zumindest hab ich es geschafft, den Knopf auf dem Alarm zu drücken, und das hat ihn verscheucht. Allerdings ist die Tinte mir voll ins Gesicht gespritzt, ihm aber bestimmt auch – immerhin war er direkt über mir … Er hatte eine Sturmhaube auf … Ich konnte kaum was sehen, aber ich hab ihn genau auf die Halsschlagader getroffen, als er sich über mich beugte. Das war das Zweite, was Louise uns beigebracht hat: Immer seitlich auf den Hals schlagen, und wenn du die richtige Stelle triffst, dann brechen sie zusammen. Jedenfalls kam er dadurch ins Taumeln und merkte dann wohl, dass Leute auf uns zugelaufen kamen. Weg war er.«

Strike war sprachlos.

»Ich hab wahnsinnigen Hunger«, sagte Robin.

Strike tastete seine Taschen ab und zog ein Twix heraus.

»Danke!«

Aber bevor sie auch nur einen Bissen nehmen konnte, rief eine Krankenschwester, die gerade einen alten Mann am Fuß ihres Bettes vorbeiführte, Robin streng zu: »Sie müssen nüchtern bleiben, Sie werden gleich operiert!«

Robin verdrehte die Augen und gab Strike das Twix zurück. Im selben Moment klingelte ihr Handy. Immer noch benommen sah Strike zu, wie sie danach griff.

»Mum … Hallo.«

Ihre Blicke trafen sich. In Robins Augen las Strike den unausgesprochenen Wunsch, ihrer Mutter zumindest vorläufig die Schilderung all dessen zu ersparen, was ihr gerade widerfahren war. Allerdings bedurfte es offenbar keiner Ablenkungstaktik, weil Linda sofort losplapperte und Robin gar nicht erst zu Wort kommen ließ. Robin legte das Handy auf ihrem Knie ab und schaltete es sichtlich resigniert auf Lautsprecher.

»… ihr so bald wie möglich Bescheid sagen, weil die Maiglöckchensaison vorbei ist und sie extra welche ordern müsste, wenn du sie trotzdem haben willst.«

»Okay«, sagte Robin, »dann eben keine Maiglöckchen.«

»Also, ich wäre dir sehr dankbar, wenn du sie selbst anrufen und mit ihr besprechen könntest, was du stattdessen haben willst, Robin. Es ist nicht so einfach, immer die Botin zu spielen. Sie meinte übrigens, sie hätte dir schon unzählige Nachrichten hinterlassen.«

»Entschuldige bitte, Mum«, sagte Robin. »Ich ruf sie an, versprochen.«

»Hier sind keine Handys erlaubt!«, rief eine zweite Krankenschwester ihr verärgert zu.

»Entschuldigung«, sagte Robin noch einmal. »Mum, ich muss Schluss machen. Wir besprechen das später.«

»Wo steckst du denn?«, hakte Linda nach.

»Ich bin … Ich ruf dich später wieder an«, sagte Robin, legte auf und richtete den Blick wieder auf Strike. »Willst du mich denn gar nicht fragen, wer es meiner Meinung nach gewesen ist?«

»Ich gehe davon aus, dass du es nicht weißt«, erwiderte Strike. »Wenn er eine Sturmhaube getragen hat und deine Augen voller Tinte waren …«

»In einem bin ich mir trotz allem sicher«, sagte Robin. »Whittaker war es nicht. Es sei denn, er hätte sich eine Jogginghose angezogen, sowie ich ihm den Rücken zugekehrt hatte. Whittaker trug Jeans, und er war … Der Körperbau passte nicht. Dieser Typ war kräftig, gleichzeitig aber auch irgendwie weich, verstehst du? Allerdings auch groß. So groß wie du.«

»Hast du Matthew erzählt, was passiert ist?«

»Er ist schon unterw…«

Ihr Gesicht erstarrte in stillem Entsetzen. Er war sich sicher, einen tobenden Matthew auf sie zustürmen zu sehen, wenn er sich jetzt umdrehte. Stattdessen erschienen ein zerzauster Detective Inspector Roy Carver und die große, elegante Gestalt von Detective Sergeant Vanessa Ekwensi am Fußende von Robins Bett.

Auf Carvers Hemd hatten sich von den Achselhöhlen aus große, nasse Schweißflecken ausgebreitet. Mit seinen immer leicht geröteten stahlblauen Augen sah er aus, als wäre er gerade in Chlorbrühe geschwommen. Große Schuppen saßen in seinem dichten, ergrauenden Haar.

»Wie geht es …«

Detective Sergeant Ekwensi hatte den Blick aus ihren Mandelaugen auf Robins Unterarm gerichtet, doch Carver fiel ihr mit einem vorwurfsvollen Bellen ins Wort: »Was sollte das denn werden?«

Strike stemmte sich hoch. Endlich war das perfekte Objekt für sein verzweifelt unterdrücktes Bedürfnis aufgetaucht, jemanden – egal wen – dafür zu bestrafen, was Robin zugestoßen war, und damit seine Schuldgefühle und seine Ängste umzulenken.

»Wir beide müssen reden«, wandte Carver sich an Strike. »Ekwensi, Sie nehmen ihre Aussage auf.«

Noch ehe jemand etwas sagen oder sich rühren konnte, trat eine junge Krankenschwester mit freundlichem Gesicht unbeeindruckt zwischen die beiden Männer und lächelte Robin an. »Ich bringe Sie jetzt zum Röntgen, Miss Ellacott.«

Steif stand Robin auf und warf im Vorbeigehen Strike einen Blick über die Schulter zu, um ihn zu warnen und zur Selbstbeherrschung zu mahnen.

»Raus hier«, knurrte Carver Strike zu.

Der Privatdetektiv folgte dem Polizisten zurück durch die Notaufnahme. Carver hatte ein kleines Besucherzimmer in Beschlag genommen, in dem man sonst, wie Strike mutmaßte, Angehörige über den bevorstehenden oder bereits eingetretenen Tod eines Patienten informierte. Die Einrichtung war auf ein paar Polsterstühle, einen kleinen Tisch mit einer Packung Papiertücher darauf und einen abstrakten Druck in verschiedenen Orangeschattierungen beschränkt.

»Ich hab Ihnen doch gesagt, Sie sollen sich aus der Sache raushalten!« Carver baute sich breitbeinig mitten im Raum auf und verschränkte die Arme vor der Brust.

Sowie die Tür ins Schloss gefallen war, breitete sich Carvers Körpergeruch im Zimmer aus. Er stank ganz anders als Whittaker: nicht durchdringend nach Dreck und Drogen, sondern nach Schweiß, der ihm im Lauf des Arbeitstags offenbar unweigerlich ausbrach. Die Neonröhren an der Decke schmeichelten seinem rotfleckigen Gesicht mitnichten. Die Schuppen, das nasse Hemd, die fleckige Haut – er schien sichtlich aus dem Leim zu gehen. Ohne jeden Zweifel hatte Strike dazu beigetragen, als nach dem Mord an Lula Landry die Presse seinetwegen über Carver hergefallen war.

»Sie haben sie auf Whittaker angesetzt, stimmt’s?«, fragte Carver, dessen Gesicht zusehends röter wurde, als säße er in einem Kochtopf. »Sie haben ihr das angetan.«

»Sie können mich mal«, entgegnete Strike.

Erst jetzt, da ihm Carvers Schweiß in die Nase stach, gestand er sich ein, dass er es schon eine ganze Weile gewusst hatte: Whittaker war nicht der Mörder. Strike hatte Robin auf Stephanies Fährte gesetzt, weil er tief im Herzen geglaubt hatte, dort wäre sie am sichersten – aber er hatte sie nun mal trotz allem auf die Straße geschickt, obwohl er seit Wochen wusste, dass ein Mörder ihr nachstellte.

Carver ahnte, dass er einen Nerv getroffen hatte, und feixte. »Sie haben diese ermordeten Frauen benutzt, um Ihren Hass auf Ihren Stiefvater abzureagieren, verflucht noch mal.« Er ergötzte sich an Strikes errötendem Gesicht und grinste, als er sah, wie dessen Pranken sich zu Fäusten ballten. Carver hätte nichts lieber getan, als Strike wegen eines Angriffs auf einen Polizeibeamten einzubuchten – das war ihnen beiden klar. »Wir haben Whittaker überprüft. Wir haben all Ihre beschissenen Verdächtigen überprüft. An keinem der drei ist etwas dran. Und jetzt hören Sie mir mal zu.«

Er machte einen Schritt auf Strike zu. Er war zwar einen Kopf kleiner, strahlte jedoch die Entschlossenheit eines wütenden, verbitterten, aber mächtigen Mannes aus – eines Mannes, der einiges zu beweisen und die gesamte Polizei im Rücken hatte. Er richtete den Zeigefinger auf Strikes Brust.

»Sie halten sich jetzt endlich raus! Sie haben ein Scheißglück, dass nicht auch noch das Blut Ihrer Partnerin an Ihren Händen klebt. Wenn ich Sie noch mal irgendwo im Dunstkreis unserer Ermittlungen erwische, dann landen Sie in einer Zelle, verfluchte Scheiße. Haben wir uns verstanden?«

Sein Finger stocherte gegen Strikes Brustbein. Strike widerstand dem Drang, die Hand wegzuschlagen, doch in seinem Kiefer zuckten die Muskeln. Ein paar Sekunden starrten sich die beiden wortlos an. Carvers Grinsen wurde breiter, dann stapfte er schwer schnaufend, als hätte er einen Ringkampf gewonnen, zur Tür hinaus und verschwand, während Strike zurückblieb und in seinem Zorn und Selbsthass köchelte.

Er wollte gerade langsam durch die Notaufnahme zurückgehen, als Matthew – im Anzug, groß und gut aussehend – mit wildem Blick und wehendem Haar durch die Doppeltür stürmte. Zum ersten Mal in ihrer Bekanntschaft empfand Strike mehr als nur blanke Abneigung für ihn.

»Matthew«, sagte er.

Matthew sah ihn an, als würde er ihn nicht wiedererkennen.

»Sie haben sie zum Röntgen gebracht«, erklärte Strike. »Vielleicht ist sie inzwischen aber auch schon wieder zurück. Da lang.« Er deutete den Gang hinunter.

»Warum musste sie …«

»Die Rippen«, antwortete Strike.

Als Matthew ihn zur Seite stieß, ließ Strike es unkommentiert geschehen. Er hatte das Gefühl, dass er nichts anderes verdient hatte. Er sah noch, wie Robins Verlobter in Richtung des Krankenabteils eilte, dann drehte er sich nach kurzem Zögern um und trat durch die Doppeltür hinaus in die Nacht.

Der klare Himmel war inzwischen mit Sternen bestäubt. Sobald er die Straße erreicht hatte, blieb er stehen, zündete sich eine Zigarette an und zog daran, so wie Wardle es getan hatte – als wäre das Nikotin sein Lebenselixier. Sowie er sich auf den Weg machte, spürte er die Schmerzen in seinem Knie. Mit jedem Schritt konnte er sich weniger leiden.

»Ricky!«, schrie eine Frau weiter unten an der Straße ihrem davonstürmenden Kleinkind verzweifelt hinterher, während sie selbst sich mit einer großen, schweren Tasche abmühte. »Komm sofort her, Ricky!«

Der Kleine lachte wie besessen. Ohne wirklich mitzubekommen, was er tat, beugte Strike sich vor und fing den Jungen ab, bevor er auf die Straße rennen konnte.

»Danke!« Die Mutter schluchzte beinahe vor Erleichterung, als sie bei Strike ankam. Blumen purzelten aus ihrer Tasche. »Wir wollten gerade seinen Dad besuchen … oh Gott …«

Der Junge zappelte wie wild in Strikes Umarmung. Strike stellte ihn neben der Mutter ab, die inzwischen die heruntergefallenen Narzissen vom Gehweg aufklaubte.

»Die hältst du jetzt fest«, erklärte sie dem Jungen streng, der prompt gehorchte. »Die sind für Daddy. Lass sie nicht fallen! Vielen Dank«, sagte sie noch einmal zu Strike und marschierte davon, die freie Hand des Kleinen fest im Griff. Endlich tappte der Junge gehorsam neben seiner Mutter her und hielt stolz die gelben Blüten wie ein Zepter in der Hand.

Strike ging ein paar Schritte weiter und blieb dann jäh mitten auf dem Gehweg stehen. Er hielt den Blick starr geradeaus gerichtet, als würde vor ihm etwas Unsichtbares in der kalten Luft schweben und ihn in Bann ziehen. Eine kühle Brise kitzelte sein Gesicht, während er dastand, ohne seine Umgebung richtig wahrzunehmen, die Konzentration ausschließlich nach innen gerichtet.

Narzissen … Maiglöckchen … Blumen außerhalb der Saison.

Dann hallte die Stimme der Mutter wieder durch die Nacht – »Nein, Ricky!« –, und die explosive Kettenreaktion, die im selben Augenblick in Strikes Kopf ausgelöst wurde, beleuchtete die Landebahn für eine Theorie, die ihn, wie er mit prophetischer Sicherheit wusste, zu ihrem Mörder führen würde. Als würde bei einem Brand das stählerne Skelett eines Gebäudes freigelegt, so erblickte Strike in diesem Moment der Erleuchtung das Skelett des Plans, den der Mörder geschmiedet hatte, und erkannte gleichzeitig all jene Schwachpunkte, die er bislang übersehen hatte – die sie alle übersehen hatten –, die aber zu guter Letzt das Mittel sein mochten, mithilfe dessen er den Mörder und dessen makabres Vorhaben zu Fall bringen konnte.

53

You see me now a veteran of a thousand psychic wars …

BLUE ÖYSTER CULT, »VETERAN OF THE PSYCHIC WARS«

Im hell erleuchteten Krankenhaus war es ein Leichtes gewesen, Coolness zu heucheln. Nicht nur aus Strikes Ver- und Bewunderung darüber, dass sie ihrem Angreifer entkommen war, hatte Robin Kraft geschöpft, sondern auch aus ihrer eigenen Schilderung, wie sie den Mörder abgewehrt hatte. Direkt nach dem Angriff war sie die Ruhigste von allen gewesen, sie hatte Matthew getröstet und ihm Mut zugesprochen, als er beim Anblick ihres tintenfleckigen Gesichts und der langen Wunde in ihrem Arm in Tränen ausgebrochen war. Sie hatte Kraft aus der Schwäche der Menschen um sie herum geschöpft und dabei im Stillen gehofft, dass ihre adrenalinbefeuerte Tapferkeit sie sicher in den Alltag zurücktragen würde, wo sie wieder Tritt fasste und unbeschadet weiterlebte, ohne dass sie auf dem Weg dorthin noch einmal jenen dunklen Morast passieren müsste, in dem sie nach der Vergewaltigung so lange versunken war …

Doch in der darauffolgenden Woche hatte sie feststellen müssen, dass sie kaum schlafen konnte, und das nicht nur wegen der pochenden Schmerzen in ihrem Unterarm, der mittlerweile von einem Gipsverband gehalten wurde. Während der kurzen Dämmerphasen, die ihr nachts oder tagsüber vergönnt waren, spürte sie immer wieder die festen Arme des Angreifers an ihrem Körper und hörte, wie er ihr ins Ohr keuchte. Bisweilen verwandelten sich die Augen, die sie nicht gesehen hatte, in jene des Kerls, der sie vergewaltigt hatte, als sie neunzehn gewesen war: blass, mit einer starren Pupille. Die Albtraumgestalten verschmolzen hinter der schwarzen Sturmhaube und der Gorillamaske, mutierten und wurden mächtiger, bis sie Tag und Nacht ihre Gedanken beherrschten.

In ihren schlimmsten Träumen musste sie zusehen, wie der Angreifer sich an einer anderen verging, und abwarten, bis sie selbst an der Reihe war, ohne dass sie hätte eingreifen oder fliehen können. Einmal war Stephanie mit ihrem zerschundenen Gesicht das Opfer. In einem anderen unerträglichen Traum schrie ein kleines schwarzes Mädchen verzweifelt nach seiner Mutter. Wimmernd schreckte Robin in der Dunkelheit auf, und Matthew machte sich daraufhin solche Sorgen um sie, dass er sich tags darauf krankmeldete, damit er bei ihr zu Hause bleiben konnte. Robin wusste nicht, ob sie ihm dankbar oder eher wütend auf ihn sein sollte.

Natürlich reiste auch ihre Mutter an und versuchte, sie zu überreden, mit ihr nach Masham zurückzufahren.

»Es sind nur noch zehn Tage bis zur Hochzeit, Robin. Warum kommst du nicht mit heim und entspannst dich, bevor …«

»Ich bleibe hier«, entgegnete Robin.

Sie war kein Teenager mehr. Sie war eine erwachsene Frau. Es war allein ihre Sache, wohin sie fuhr, wo sie sich aufhielt, was sie tat. Es war fast, als müsste sie erneut um die Identitäten kämpfen, die sie hatte aufgeben müssen, als sie zuletzt in der Dunkelheit von einem Mann angefallen worden war. Jener Mann hatte sie damals von einer Spitzenstudentin in ein ausgezehrtes Gespenst mit Agoraphobie verwandelt, von einer hoffnungsvollen forensischen Psychologin in ein verhuschtes Mädchen, das sich von seiner überfürsorglichen Familie einreden ließ, dass eine Ermittlertätigkeit ihre psychischen Probleme nur verschlimmern würde.

Das würde ihr nicht noch mal passieren. Das würde sie nicht zulassen. Sie konnte kaum schlafen, sie hatte keinen Hunger, und doch stopfte sie wütend Essen in sich hinein und verleugnete verbissen ihre eigenen Bedürfnisse und Ängste. Matthew hatte regelrecht Angst, ihr zu widersprechen. Halbherzig pflichtete er ihr bei, dass keine Notwendigkeit für sie bestehe, jetzt schon heimzufahren, aber Robin hörte ihn mit ihrer Mutter in der Küche tuscheln, wenn sich die beiden unbelauscht wähnten.

Strike war absolut keine Hilfe. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, sich im Krankenhaus von ihr zu verabschieden, und er war auch nicht vorbeigekommen, um sich nach ihrem Zustand zu erkundigen. Nur am Telefon sprach er mit ihr. Auch er wollte, dass sie nach Yorkshire fuhr; dass sie in sicherer Entfernung blieb.

»Bestimmt hast du vor der Hochzeit noch eine Menge zu erledigen.«

»Hör auf, mich zu bevormunden«, fuhr Robin ihn wutentbrannt an.

»Wer bevormundet denn …«

»Entschuldige.« Sie brach in Tränen aus, die er nicht sehen konnte, und bemühte sich gleichzeitig mit aller Kraft, normal zu klingen. »Entschuldige … Ich bin ein bisschen angespannt. Ich fahre am Donnerstag vor der Hochzeit heim. Es gibt überhaupt keinen Grund, früher zu fahren.«

Sie war nicht mehr die Person, die auf ihrem Bett gelegen und Destiny’s Child angestarrt hatte. Sie weigerte sich, dieses Mädchen zu sein.

Niemand konnte verstehen, warum sie so fest entschlossen war, in London zu bleiben, und sie war auch nicht bereit, es jemandem zu erklären. Das Sommerkleid, in dem sie überfallen worden war, beförderte sie in den Müll. Gerade als sie es in den Eimer stopfte, trat Linda in die Küche.

»Dämliches Ding«, sagte Robin, als sie den Blick ihrer Mutter auffing. »Diese Lektion habe ich jedenfalls gelernt. Nie in langen Kleidern observieren.«

Trotz lag in jedem ihrer Worte. Ich gehe wieder arbeiten. Das hier ist nur vorübergehend.

»Du solltest deinen Arm schonen«, sagte ihre Mutter, als hätte sie die unterschwellige Provokation nicht wahrgenommen. »Der Arzt hat gesagt, du sollst ihn ruhig halten und hoch lagern.«

Dass sie in der Presse den Fall weiterhin verfolgte, gefiel weder Matthew noch ihrer Mutter. Trotzdem verschlang sie jeden einzelnen Artikel. Carver hatte sich geweigert, gegenüber der Presse ihren Namen bekannt zu geben. Er behauptete, er wolle nicht, dass die Reporter über sie herfielen, aber sie und Strike argwöhnten beide, dass Strikes weiterhin bestehende Verwicklung in den Fall den Presseberichten einen faszinierenden neuen Dreh verleihen würde: Carver gegen Strike, Runde zwei.

»Um fair zu sein«, sagte Strike zu Robin am Telefon (sie versuchte, sich pro Tag auf einen Anruf bei ihm zu beschränken), »wäre das verflucht noch mal das Letzte, was irgendwer jetzt bräuchte. Es würde kein bisschen dabei helfen, das Schwein zu schnappen.«

Robin sagte darauf nichts. Sie lag auf ihrem und Matthews Bett, umgeben von mehreren aufgeschlagenen Zeitungen, die sie gegen Lindas und Matthews Wunsch gekauft hatte. Ihr Blick klebte an einer Doppelseite des Mirror, auf der wieder einmal die fünf mutmaßlichen Opfer des Shacklewell Rippers abgebildet waren. Ein sechstes Bild mit der schwarzen Silhouette eines Frauenkopfs stand für Robin. In der Bildunterschrift stand: »Büroangestellte, 26, entkommen«. Großer Wert wurde auf die Feststellung gelegt, dass es der sechsundzwanzigjährigen Büroangestellten gelungen war, den Killer während seiner Attacke mit roter Tinte zu besprühen. In einer Kolumne am Rand der Zeitungsseite wurde sie von einer pensionierten Polizistin dafür gelobt, dass sie einen Handalarm bei sich getragen hatte, und auf der Seite gegenüber widmete sich ein eigener Artikel den diversen Modellen.

»Und du hast den Fall tatsächlich abgeschrieben?«, fragte sie.

»Darum geht es im Moment nicht«, erwiderte Strike. Sie konnte hören, wie er in seinem Büro auf und ab tigerte, und wünschte sich, sie wäre bei ihm, und sei es nur, um Tee zu kochen oder E-Mails zu beantworten. »Ich überlasse ihn der Polizei. Ein Serienkiller ist eine Nummer zu groß für uns, Robin. Das war er von Anfang an.«

Robin blickte währenddessen in das hagere Gesicht der einzigen anderen Frau, die diese Mordserie überlebt hatte. Lila Monkton, Prostituierte. Auch Lila wusste, wie sich das Schweinegrunzen des Killers anhörte. Er hatte ihr mehrere Finger abgeschnitten. Robin würde lediglich eine lange Narbe am Arm zurückbehalten. Ihr Hirn surrte wütend in ihrem Schädel. Sie fühlte sich schuldig, weil sie so glimpflich davongekommen war.

»Ich wünschte mir, es gäbe irgendwas …«

»Vergiss es«, fiel Strike ihr ins Wort. Er klang wütend, ganz genau wie Matthew. »Wir sind raus aus der Nummer, Robin. Ich hätte dich nie zu Stephanie schicken dürfen. Seit das Bein bei uns abgeliefert worden ist, hat meine Wut auf Whittaker mein Urteilsvermögen getrübt, und das hätte dich fast …«

»Herrgott noch mal«, unterbrach Robin ihn ungeduldig. »Nicht du hast versucht, mich umzubringen – das war er. Gib dem Richtigen die Schuld. Du hattest gute Gründe zu glauben, dass es Whittaker sein könnte: die Songtexte. Jedenfalls bleiben damit immer noch …«

»Carver hat Laing und Brockbank von Kopf bis Fuß durchleuchtet, und er glaubt nicht, dass sie etwas damit zu tun haben. Wir halten uns ab sofort raus, Robin.«

Zehn Meilen entfernt in seinem Büro hoffte Strike, dass er sie überzeugt hatte. Er hatte Robin ganz bewusst nichts von der Erleuchtung erzählt, die er nach seiner Begegnung mit dem Kleinkind vor dem Krankenhaus gehabt hatte. Gleich tags darauf hatte er versucht, Carver zu erreichen, doch irgendein Untergebener hatte ihm erklärt, Carver sei zu beschäftigt, um Strikes Anruf entgegenzunehmen, und hatte ihm nahegelegt, es auch nicht wieder zu probieren. Strike hatte darauf bestanden, dem gereizten und leicht aggressiven Untergebenen zu schildern, was er eigentlich Carver hatte erzählen wollen – und er hätte sein verbliebenes Bein darauf verwettet, dass kein einziges Wort davon weitergeleitet worden war.

Die Fenster in Strikes Büro standen offen. Die heiße Junisonne wärmte die zwei Räume, in denen seit geraumer Zeit schon keine Klienten mehr verkehrten und die womöglich bald geräumt werden müssten, weil kein Geld mehr für die Miete da war. Two-Times’ Interesse an der neuen Stripperin war schon wieder erloschen. Strike hatte nichts mehr zu tun. Genau wie Robin verzehrte er sich danach, etwas zu unternehmen, aber das verriet er ihr nicht. Er wollte nur, dass sie heil und gesund blieb.

»Steht euer Haus immer noch unter Polizeischutz?«

»Ja«, sagte sie und seufzte.

Carver hatte dafür gesorgt, dass rund um die Uhr ein Kriminalbeamter in der Hastings Road postiert war. Matthew und Linda zogen immensen Trost aus der Tatsache, dass er dort draußen stand.

»Hör zu, Cormoran, ich weiß, wir dürfen nicht …«

»Robin, im Moment gibt es kein Wir. Es gibt mich – der auf seinem Arsch sitzt und nichts zu tun hat –, und es gibt dich, die du verflucht noch mal daheimbleibst, bis der Killer gefasst ist.«

»Ich wollte gar nicht über den Fall sprechen«, sagte sie. Ihr Herz klopfte schon wieder schnell und hart gegen die Rippen. Sie musste es ganz einfach aussprechen, sonst würde sie platzen. »Es gibt trotzdem etwas, was wir … Na schön. Was du tun kannst. Brockbank mag nicht der Mörder sein, aber wir wissen, dass er ein Vergewaltiger ist. Du könntest zu Alyssa fahren und sie warnen, dass der Mann, mit dem sie zusammenlebt …«

»Vergiss es«, hörte sie Strikes barsche Stimme in ihrem Ohr. »Verdammt, Robin, zum allerletzten Mal: Du kannst nicht die ganze Welt retten. Er wurde nie verurteilt. Wenn wir jetzt da reinplatzen, wird Carver uns dafür aufknüpfen.«

Es blieb lange still.

»Weinst du?«, fragte Strike erschrocken, weil er den Eindruck hatte, dass sie plötzlich abgehackter atmete.

»Nein, ich weine nicht«, antwortete Robin wahrheitsgemäß. Allerdings hatte sich in ihr eine grauenvolle Kälte ausgebreitet, als Strike sich rundheraus geweigert hatte, den kleinen Mädchen zu helfen, die in Brockbanks Nähe lebten.

»Ich muss jetzt Schluss machen. Es gibt Mittagessen«, sagte sie, auch wenn niemand sie gerufen hatte.

»Hör zu«, sagte er noch, »ich verstehe ja, warum du willst …«

»Wir sprechen uns später«, sagte sie und legte auf.

Im Moment gibt es kein Wir.

Es war wieder genau wie damals. Ein Mann hatte sie aus der Dunkelheit heraus überfallen und ihr dabei nicht nur jedes Sicherheitsgefühl geraubt, sondern auch ihren Status. Sie war Partnerin in einer Detektei gewesen …

Oder etwa nicht?

Es hatte nie einen Vertrag gegeben. Es hatte nie eine Gehaltserhöhung gegeben. Sie waren immer so beschäftigt und dauerhaft so knapp bei Kasse gewesen, dass sie gar nicht auf den Gedanken gekommen war, auch nur um eines von beiden zu bitten. Allein der Gedanke, dass Strike sie als Partnerin ansah, hatte sie glücklich gemacht. Und jetzt hatte man ihr auch das genommen, vielleicht ja nur vorübergehend, vielleicht aber auch endgültig. Es gibt kein Wir mehr.

Minutenlang blieb Robin gedankenverloren sitzen. Dann stand sie unter dem Geraschel der Zeitungen vom Bett auf, ging hinüber zu ihrem Frisiertisch, auf dem der weiße Schuhkarton mit der eingeprägten Jimmy-Choo-Silberschrift lag, streckte die Hand aus und strich über die jungfräulich weiße Oberfläche der Schachtel.

Anders als bei Strikes Erleuchtung vor dem Krankenhaus offenbarte sich ihr der Plan nicht mit der mitreißenden Kraft einer auflodernden Flamme. Stattdessen bildete er sich Stück für Stück heraus, dunkel und gefährlich, geboren aus der verhassten, erzwungenen Passivität der vergangenen Woche und aus ihrem eisigen Zorn auf Strike, der sich geradezu bockig weigerte, irgendetwas zu unternehmen. Strike, eigentlich ihr Freund, hatte sich mit dem Feind verbündet. Er war ein eins zweiundneunzig großer Exboxer. Er würde niemals wissen, wie es war, sich klein, schwach und ohnmächtig zu fühlen. Er würde nie verstehen, was eine Vergewaltigung mit dem eigenen Körpergefühl anstellte: plötzlich nur noch ein Gegenstand zu sein. Ein Objekt. Ein Stück Fickfleisch.

Zahara hatte am Telefon geklungen, als wäre sie höchstens drei.

Reglos stand Robin vor ihrer Frisierkommode und starrte grübelnd auf den Karton mit ihren Hochzeitsschuhen hinab. Sie sah die Risiken so deutlich vor sich ausgebreitet wie ein Seiltänzer die Felsspitzen und tosenden Wassermassen unter seinen Füßen.

Nein, sie konnte nicht die ganze Welt retten. Für Martina, für Sadie, für Kelsey und Heather war es bereits zu spät. Lila würde den Rest ihrer Tage mit nur drei Fingern an der linken Hand leben müssen und mit einer grässlichen Narbe auf der Psyche, die Robin ihr nur zu gut nachfühlen konnte. Aber gleichzeitig gab es da noch zwei kleine Mädchen, die weiß Gott wie viel Leid ertragen müssten, falls niemand etwas unternähme.

Robin drehte den neuen Schuhen den Rücken zu, griff nach ihrem Handy und wählte eine Nummer, die man ihr aus freien Stücken gegeben hatte, von der sie sich aber nicht hatte vorstellen können, dass sie sie je wählen würde.

54

And if it’s true it can’t be you,

It might as well be me.

BLUE ÖYSTER CULT, »SPY IN THE HOUSE OF THE NIGHT«

Drei Tage hatte sie zum Planen, weil sie erst abwarten musste, bis ihr Komplize ein Auto aufgetrieben und eine Lücke in seinem vollen Terminkalender gefunden hatte. In der Zwischenzeit erklärte sie Linda, dass die Jimmy Choos zu eng und eigentlich auch viel zu protzig für sie wären, und erlaubte ihrer Mutter, sie zu dem Schuhgeschäft zurückzubegleiten, wo sie sich den Kaufpreis erstatten ließ. Danach musste sie entscheiden, welche Lüge sie Linda und Matthew erzählen sollte, um sich genügend Zeit zu erkaufen, damit sie ihren Plan in die Tat umsetzen konnte.

Am Ende erzählte sie ihnen, dass die Polizei sie noch einmal befragen wollte. Dass Shanker im Auto bliebe, wenn er sie abholen kam, wäre das erste Hindernis, das es zu überwinden galt, um die Illusion aufrechtzuerhalten. Das zweite war, Shanker dazu zu bringen, bei dem Zivilpolizisten draußen auf der Straße anzuhalten und ihm zu erklären, dass sie zum Fädenziehen in die Klinik fahren müsste, was in Wahrheit erst zwei Tage später geschehen sollte.

Inzwischen war es neunzehn Uhr an einem wolkenlosen Abend, und bis auf Robin, die mit dem Rücken an der warmen Backsteinmauer des Eastway Business Centre lehnte, war die Straße menschenleer. Die Sonne war auf ihrer langsamen Bahn gen Westen, und am fernen, diesigen Horizont hinter dem anderen Ende der Blondin Street erhob sich das halb fertige Skelett des Orbit-Towers. Robin hatte den Entwurf in der Zeitung gesehen: Bald würde der Turm aussehen wie ein antikes, aufrecht stehendes Tischtelefon, das sich in seiner eigenen Schnur verheddert hatte. Dahinter konnte sie gerade noch die emporstrebenden Umrisse des Olympiastadions ausmachen. Der Blick auf die gigantischen Bauwerke in der Ferne wirkte beeindruckend und fast schon übermenschlich, zahllose Welten entfernt von den Geheimnissen, die sich vermutlich jenseits der frisch lackierten Haustür verbargen, hinter der Alyssa lebte.

Vielleicht lag es an ihrem Vorhaben, dass die stille Häuserreihe, die sie vor sich sah, sie so nervös machte. Es waren neue, moderne und irgendwie seelenlose Gebäude. Mal abgesehen von den bombastischen Bauten, die in der Ferne errichtet worden waren, fehlte dieser Gegend jeder Charakter und jedes Gefühl von Gemeinschaft. Kein einziger Baum zierte die gedrungenen, gleichförmigen Häuserfronten, an denen zahlreiche »Zu vermieten«-Schilder hingen. Nirgends ein Eckladen, ein Pub oder eine Kirche. Das Lagerhaus in ihrem Rücken, dessen Fenster im Obergeschoss mit Gardinen wie Leichentücher verhängt und dessen eiserne Garagentore mit Graffiti besprüht waren, bot keinerlei Schutz. Robins Herz pochte, als wäre sie gesprintet. Nichts konnte sie jetzt noch zur Umkehr bewegen, und trotzdem hatte sie Angst.

Schritte hallten durch die Straße, und Robin fuhr herum, die verschwitzten Finger fest um ihren Ersatz-Handalarm geschlossen. Mit wippenden Schritten kam Shanker auf sie zu: groß, schlaksig und vernarbt, einen Marsriegel in der einen Hand, eine Zigarette in der anderen.

»Sie kommt«, sagte er mit vollem Mund.

»Bist du dir sicher?« Robins Herz klopfte immer schneller, und ihr wurde flau.

»Schwarzes Mädchen, zwei Bälger, kommt eben die Straße hoch. Hab sie gesehen, als ich das hier gekauft hab«, sagte er und schwenkte dabei den Schokoriegel. »Willst du was ab?«

»Nein danke«, sagte Robin. »Äh – würde es dir etwas ausmachen, jetzt in Deckung zu gehen?«

»Sicher, dass ich nicht mit reingehen soll?«

»Ja«, sagte Robin. »Komm einfach nur, wenn du … ihn … siehst.«

»Und du bist ganz sicher, dass dieser Wichser nicht längst zu Hause ist?«

»Ich hab zweimal geklingelt. Ich bin mir sicher.«

»Dann bin ich wohl mal um die Ecke«, sagte Shanker lakonisch und spazierte davon, biss abwechselnd von seinem Mars ab und zog an seiner Zigarette und bezog außer Sichtweite von Alyssas Tür seinen Posten. Währenddessen eilte Robin die Blondin Street hinunter, damit Alyssa nicht an ihr vorbeikam, ehe sie ihr Haus erreicht hatte. Sie stellte sich unter den Balkonüberhang eines Wohnblocks aus dunkelrotem Backstein und sah, wie eine große Schwarze in die Straße einbog, eine Hand fest um die eines Kleinkinds geschlossen, während ein älteres Mädchen, das Robins Schätzung nach ungefähr elf sein musste, den beiden hinterhertrottete. Alyssa schloss die Tür auf und verschwand mit ihren Töchtern im Haus.

Sowie die Tür zugefallen war, steuerte Robin das Haus an. Diesmal hatte sie Jeans und Turnschuhe angezogen; auf keinen Fall durfte sie noch einmal stolpern oder hinfallen. Die frisch vernähten Bänder schmerzten immer noch unter dem Gips.

Als sie an Alyssas Tür klopfte, schlug ihr Herz so heftig, dass es wehtat. Zu ihrer Rechten spähte die ältere Tochter aus dem Erkerfenster, und Robin lächelte nervös. Augenblicklich duckte sich das Mädchen weg.

Die Frau, die nicht einmal eine Minute später an der Tür erschien, sah umwerfend aus, anders konnte man es nicht ausdrücken. Groß, schwarz und mit der Figur eines Bikinimodels gesegnet, hatte sie das Haar zu taillenlangen Twists geflochten. Der erste Gedanke, der Robin durch den Kopf schoss, war, dass Alyssa eine extrem schwierige Persönlichkeit sein musste, wenn ein Stripschuppen bereit gewesen war, sie vor die Tür zu setzen.

»Ja?« Sie sah Robin stirnrunzelnd an.

»Hi.« Robins Mund war wie ausgetrocknet. »Sind Sie Alyssa Vincent?«

»Ja. Und wer bist du?«

»Ich heiße Robin Ellacott«, sagte Robin. »Ich würde gern wissen … Könnte ich mit Ihnen kurz über Noel sprechen?«

»Was ist mit ihm?«

»Das würde ich lieber drinnen besprechen.«

Alyssa hatte die argwöhnische, trotzige Miene eines Menschen aufgelegt, der nur darauf zu warten schien, dass das Leben ihm den nächsten Knüppel zwischen die Beine schleuderte.

»Bitte. Es ist wichtig.« Robins Mund war mittlerweile so trocken, dass ihr die Zunge am Gaumen klebte. »Sonst wäre ich nicht gekommen.«

Ihre Blicke trafen sich: Alyssas warme, karamellbraune Augen auf Robins klare graublaue. Robin war sich sicher, dass Alyssa sie wegschicken würde. Dann weitete sich überraschend der dicht bewimperte Blick, und ein eigenartig vorfreudiges Flackern huschte über Alyssas Gesicht, als wäre ihr eben ein erfreulicher Gedanke gekommen. Ohne ein weiteres Wort trat Alyssa zurück in den halbdunklen Flur und bat Robin mit einer seltsam extravaganten Geste herein.

Robin wusste nicht, weshalb sie plötzlich ein so mulmiges Gefühl hatte. Nur mehr der Gedanke, dass die zwei kleinen Mädchen ebenfalls im Haus waren, trieb sie über die Schwelle.

Der schmale Flur öffnete sich zum Wohnzimmer. Die Möblierung beschränkte sich auf ein Sofa und einen Fernseher. Eine Tischlampe stand auf dem Boden. An der Wand hingen zwei Fotografien in billigen vergoldeten Rahmen. Eine zeigte die pummelige Kleine, Zahara, in einem türkisfarbenen Kleid mit dazu passenden Spangen in Schmetterlingsform im Haar. Auf der anderen posierte die große Schwester in einer kastanienbraunen Schuluniform. Sie war das Ebenbild ihrer schönen Mutter. Allerdings hatte der Fotograf ihr nicht das mindeste Lächeln entlocken können.

Robin hörte einen Riegel an der Haustür zuschnappen. Ihre Turnschuhe quietschten auf den polierten Holzdielen, als sie sich umdrehte. Irgendwo in der Nähe verkündete ein lautes Ping, dass eine Mikrowelle ihr Werk beendet hatte.

»Mama«, rief eine helle Stimme.

»Angel«, rief Alyssa zurück, als sie ins Zimmer trat. »Hol ihr das Essen raus! Na schön«, sagte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. »Was wolltest du mir über Noel erzählen?«

Robins Eindruck, dass Alyssa sich insgeheim diebisch über irgendetwas zu freuen schien, wurde durch das beinahe boshafte Schmunzeln verstärkt, das jetzt ihre untere Gesichtshälfte entstellte. Die Exstripperin stand mit fest verschränkten Armen vor ihr und schob die Brüste vor wie eine Galionsfigur, während die langen Zöpfe bis zur Taille hinabhingen. Sie überragte Robin um gute fünf Zentimeter.

»Alyssa, ich arbeite mit Cormoran Strike zusammen. Er ist …«

»Ich weiß, wer das ist«, sagte Alyssa langsam, und die heimliche Befriedigung, die sie anfangs aus Robins Besuch gezogen zu haben schien, löste sich in Luft auf. »Das ist das Arschloch, das Noel die Epilepsie verpasst hat. Fuck aber auch, du warst bei ihm, hab ich recht? Ihr steckt unter einer Decke, oder? Warum bist du nicht gleich zu den Bullen gelaufen, du verlogene Fotze, wenn er dir wirklich …«

Sie schlug Robin mit aller Kraft gegen die Schulter und versetzte ihr, noch ehe Robin sich zur Wehr setzen konnte, bei jedem weiteren Wort einen Boxhieb.

»… jemals – irgendwas – GETAN HAT

Wie besessen prügelte Alyssa mit beiden Fäusten auf sie ein. Robin riss zur Abwehr ihren linken Arm hoch, um den rechten Arm zu schützen, und trat Alyssa gegens Knie, sodass sie vor Schmerz aufschrie und ein Stück rückwärtshüpfte. Irgendwo hinter ihnen hörte Robin das kleine Mädchen kreischen, und im selben Moment steckte die ältere Schwester den Kopf durch die Tür.

»Du bescheuerte Fotze!«, schrie Alyssa. »Mich vor meinen Kindern anzugreifen …«

Sie stürzte sich erneut auf Robin, packte sie an den Haaren und schleuderte ihren Kopf gegen die nackte Fensterscheibe. Robin spürte, wie Angel – dürr und drahtig – sie und Alyssa zu trennen versuchte. In ihrer Verzweiflung verpasste sie Alyssa eine Ohrfeige, die sie vor Schmerz nach Luft schnappen und zurücktaumeln ließ, packte Angel unter den Achseln, hob sie beiseite und ging dann mit gesenktem Kopf auf Alyssa los, die rücklings auf dem Sofa landete.

»Lass meine Mum … Lass Mum in Frieden!«, gellte Angel, packte Robin an ihrem verletzten Unterarm und riss so fest daran, dass sie nun ebenfalls vor Schmerzen aufschrie. Zahara stand heulend in der Tür und hielt ihren Trinkbecher voll warmer Milch verkehrt herum in der Hand.

»Dein LOVER ist ein Kinderschänder!«, brüllte Robin über den Lärm hinweg, gerade als Alyssa versuchte, sich vom Sofa aufzustemmen, um den Kampf von Neuem aufzunehmen.

Robin hatte sich ausgemalt, dass sie die alles vernichtende Neuigkeit leise flüsternd überbringen und dass Alyssa daraufhin schockiert in sich zusammensinken würde. Nicht in ihren wildesten Träumen hätte sie es für möglich gehalten, dass Alyssa zu ihr aufsehen und fauchen könnte: »Na, klar doch. Glaubst du, ich weiß nicht, wer du bist, du verfickte Schlampe? Reicht es dir nicht, dass du sein Scheißleben ruiniert hast …«

Und wieder ging sie auf Robin los. Das Zimmer war so klein, dass Robin erneut gegen die Wand krachte. Ineinander verkeilt rutschten sie seitwärts gegen den Fernseher, der von seinem Ständer kippte und mit einem unheilverheißenden Knirschen auf dem Boden aufschlug. Robin spürte, wie sich die Wunde an ihrem Unterarm verdrehte, und stieß den nächsten Schmerzensschrei aus.

»Mama! Mama!«, heulte Zahara, während Angel sich von hinten an Robins Jeans klammerte und es ihr unmöglich machte, Alyssas Angriff abzuwehren.

»Frag deine Töchter!«, brüllte Robin unter dem Wirbel aus Fäusten und Ellbogen, während sie gleichzeitig versuchte, sich aus Angels störrischer Umklammerung zu befreien. »Frag deine Töchter, ob er …«

»Wag … es … bloß nicht … meine … Töchter …«

»Frag sie!«

»Du verlogene Hure – du und deine Scheißmutter …«

»Meine Mutter?« Mit fast übermenschlicher Kraft rammte sie Alyssa den Ellbogen in den Bauch, woraufhin diese zusammengekrümmt auf das Sofa zurücksackte. »Lass mich endlich los, Angel!«, schimpfte Robin und bog die Finger des Mädchens zurück, die sich in ihre Jeans gekrallt hatten. Ihr war klar, dass ihr nur mehr Sekunden blieben, bevor Alyssa wieder zum Angriff übergehen würde. Zahara stand immer noch heulend in der Tür.

»Für wen hältst du mich?«

»Wahnsinnig witzig!«, keuchte Alyssa, der Robin die Luft aus der Lunge gepresst hatte. »Brittany, verdammte Scheiße – dauernd rufst du an und setzt ihm zu …«

»Brittany?«, wiederholte Robin fassungslos. »Ich bin nicht Brittany!«

Sie zerrte ihren Geldbeutel aus der Jackentasche. »Hier, meine Kreditkarte – schau sie dir an! Ich heiße Robin Ellacott, und ich arbeite mit Cormoran Strike …«

»Diesem Ficker, dem er seinen Hirnschaden …«

»Weißt du überhaupt, weshalb Cormoran ihn damals verhaften sollte?«

»Weil ihn seine beschissene Alte hingehängt …«

»Niemand hat ihn hingehängt! Er hat Brittany vergewaltigt, und er hat jeden seiner Jobs im ganzen Land verloren, weil er sich an kleine Mädchen rangemacht hat! Sogar an seine eigene Schwester – das hat sie mir selbst erzählt!«

»Du dreckige Lügnerin!«, brüllte Alyssa und machte Anstalten, wieder vom Sofa aufzustehen.

»Ich – lüge – nicht!«, brüllte Robin und schubste Alyssa zurück in die Polster.

»Verfickte Schlampe«, keuchte Alyssa. »Verpiss dich aus meinem Haus!«

»Frag deine Tochter, ob er ihr wehgetan hat! Frag sie! Angel?«

»Wag es nicht, mit meinen Kindern zu sprechen, Schlampe!«

»Angel, sag deiner Mutter, ob er …«

»Fuuuck, was läuft’n hier ab?«

Zahara hatte so laut geschrien, dass sie den Schlüssel im Schloss nicht gehört hatten.

Er war massig, dunkelhaarig und bärtig und in einen durchgehend schwarzen Jogginganzug gekleidet. Eine Augenhöhle schien zur Nasenwurzel hin einzusinken, was ihm einen nervenaufreibend bohrenden Blick verlieh. Ohne Robin auch nur für eine Sekunde aus den dunklen Augen zu lassen, beugte er sich bedächtig vor und hob das kleine Mädchen hoch, das sich mit einem Strahlen im Gesicht an seinen Hals schmiegte. Angel hingegen drückte sich ängstlich an die Wand. Ganz langsam und immer noch ohne den Blick von Robin abzuwenden, setzte er Zahara auf dem Schoß ihrer Mutter ab.

»Wie schön, dass wir uns wiedersehen«, sagte er mit einem Lächeln, das kein Lächeln war, sondern einzig und allein Schmerz versprach.

Unwillkürlich schaudernd versuchte Robin, heimlich die Hand in die Tasche mit dem Handalarm zu schieben, doch im selben Moment war Brockbank auch schon auf sie zugesprungen, hatte sie am Handgelenk gepackt und presste ihre Nähte zusammen.

»Fuck, du wirst hier niemanden anrufen, du geriss’ne kleine Schlampe – hast wohl gedacht, ich würd nich’ wissen, dass du’s bist, was?«

Sie versuchte, sich aus seinem Griff zu winden, auch wenn sich die Nähte unter seinen Fingern verdrehten, und schrie aus vollem Hals: »SHANKER!«

»Fuck, ich hätt dich umlegen soll’n, als ich die Gelegenheit dazu hatte, kleine Schlampe!«

Im selben Moment ging mit riesigem Getöse die Haustür zu Bruch. Brockbank ließ Robin los, wirbelte herum und sah Shanker, der mit gezücktem Messer in den Raum stürmte.

»Erstich ihn nicht!«, keuchte Robin und umklammerte ihren Unterarm.

Für einen Sekundenbruchteil waren alle sechs, die sich in diese karge Schuhschachtel von einem Wohnzimmer drängten, wie erstarrt, sogar das kleine Mädchen, das sich an seiner Mutter festhielt. Dann fiepte eine dünne Stimme verzweifelt und zittrig, aber wie in einem lang ersehnten Befreiungsschlag im Angesicht des narbenbedeckten Mannes mit den goldenen Zähnen, der drohend ein Messer zwischen den tätowierten Knöcheln hielt: »Er hat es mit mir gemacht … Er hat’s gemacht, Mum, wirklich! Er hat’s mit mir gemacht!«

»Was?« Alyssa starrte Angel an, und ihr Gesicht erschlaffte regelrecht vor Entsetzen.

»Er hat es mit mir gemacht! Was die Frau gesagt hat! Das hat er gemacht!«

Brockbank schien sich bücken zu wollen, hielt aber sofort inne, als Shanker mit dem Messer auf seine Brust zielte.

»Keine Angst, Babes«, wandte Shanker sich an Angel und schirmte sie mit seiner freien Hand ab. Sein Goldzahn blitzte in der Sonne auf, die langsam hinter den Häusern gegenüber versank. »Er kann dir nichts mehr tun. Du perverses Schwein«, fauchte er Brockbank ins Gesicht. »Am liebsten würd ich dir die Haut abziehen.«

»Was redest du da, Angel?«, fragte Alyssa, die immer noch Zahara festhielt und in deren Gesicht jetzt blankes Entsetzen stand. »Er hat dir doch nicht …«

Urplötzlich senkte Brockbank den Kopf und ging auf Shanker los wie der Flügelstürmer, der er früher gewesen war. Shanker, der nicht halb so breit war wie Brockbank, wurde zur Seite geschleudert wie eine Puppe. Dann hörten sie, wie Brockbank sich an der zertrümmerten Tür vorbeischob, während Shanker unter wilden Flüchen die Verfolgung aufnahm.

»Lass ihn – lass ihn!«, schrie Robin, während sie durch das Fenster sah, wie die beiden Männer die Straße entlangrannten. »Oh Gott … Shanker! Die Polizei wird … Wo ist Angel?«

Alyssa hatte das Zimmer bereits verlassen, um ihrer Tochter nachzulaufen, und nur das kleine Mädchen war laut heulend auf dem Sofa zurückgeblieben. Und plötzlich begann Robin, die sich keine Hoffnungen machte, sie könnte die beiden Männer jemals einholen, so heftig am ganzen Leib zu schlottern, dass sie in die Hocke gehen und sich den Kopf halten musste, während die Übelkeit sie überrollte.

Sie hatte getan, weshalb sie hergekommen war. Ihr war von Anfang an bewusst gewesen, dass es höchstwahrscheinlich Kollateralschäden geben würde. Dass Brockbank entkommen oder von Shanker niedergestochen werden könnte, waren Möglichkeiten, die sie in Betracht gezogen hatte. Ihre einzige Gewissheit war im Augenblick, dass sie gerade weder das eine noch das andere verhindern konnte. Nachdem sie mehrmals tief durchgeatmet hatte, richtete sie sich wieder auf, wankte auf das Sofa zu und versuchte, das verängstigte kleine Mädchen zu beruhigen, doch wie zu erwarten kreischte Zahara nur umso lauter und strampelte abwehrend mit den Füßen, weil sie Robin mit gewaltsamen, hysterischen Szenen gleichsetzte.

»Ich hatte ja keine Ahnung«, sagte Alyssa. »Oh Gott. Oh Gott … Warum hast du nichts gesagt, Angel? Warum hast du denn nie was gesagt?«

Es wurde allmählich spät. Robin hatte die Lampe eingeschaltet, die blassgraue Schatten auf die altweißen Wände legte. An der Rückenlehne des Sofas schienen substanzlose, bucklige Gespenster zu kauern, die jede von Alyssas Bewegungen nachahmten. Angel saß zusammengekauert und schluchzend auf dem Schoß ihrer Mutter. Beide wiegten sich sanft vor und zurück.

Robin hatte bereits zweimal Tee und für Zahara Spaghetti gekocht und saß jetzt am Fenster auf dem Holzboden. Sie hatte sich verpflichtet gefühlt, so lange bei Alyssa zu bleiben, bis jemand vom Handwerker-Notdienst kam und die Tür reparierte, die Shanker eingetreten hatte. Noch hatte niemand die Polizei gerufen. Mutter und Tochter sprachen immer noch leise miteinander, und Robin hatte das Gefühl, dass sie nur störte, wollte die Familie aber nicht allein lassen, bis sie sich sicher sein konnte, dass eine massive Tür und ein neues Schloss eingebaut worden waren. Zahara schlief neben ihrer Mutter und ihrer Schwester auf dem Sofa, hatte die Beine angezogen und den Daumen im Mund, während die kleine, pummelige freie Hand immer noch den Trinkbecher umklammert hielt.

»Er hat gesagt, dass er Zahara umbringt, wenn ich dir was erzähle«, flüsterte Angel am Hals ihrer Mutter.

»Oh lieber Jesus«, hauchte Alyssa, und ihre Tränen fielen auf den Rücken ihrer Tochter. »Oh lieber Gott …«

Robin hatte das beklemmende Gefühl, als pieksten Krabbeltiere sie im Bauch. Sie hatte sowohl Linda als auch Matthew eine Nachricht geschickt und geschrieben, man wolle ihr bei der Polizei noch mehr Fahndungsfotos zeigen, doch inzwischen machten sich die beiden Sorgen, weil sie schon so lange weg war, und allmählich gingen Robin die plausiblen Erklärungen aus, warum sie von niemandem abgeholt werden wollte. In regelmäßigen Abständen überprüfte sie die Stummschaltung ihres Handys, aus Angst, sie könnte sie versehentlich eingeschaltet haben. Wo blieb Shanker nur?

Endlich traf der Tischler ein. Nachdem Robin ihm ihre Kreditkartennummer gegeben hatte, um für den Schaden aufzukommen, erklärte sie Alyssa, dass sie losmüsse.

Alyssa ließ Angel und Zahara zusammengekuschelt auf dem Sofa zurück und begleitete Robin hinaus.

»Hör mal …«

Sie hatte noch immer Tränenspuren im Gesicht. Robin sah ihr an, dass sie es nicht gewohnt war, sich bei jemandem zu bedanken.

»Danke, okay?«, sagte sie beinahe aggressiv.

»Kein Problem«, sagte Robin.

»Ich hätte nie im Leben … Ich meine … Ich hab ihn in der Kirche kennengelernt, verfluchte Scheiße! Ich dachte, endlich hätt ich auch mal einen anständigen Kerl abgekriegt, weißt du … Er war wirklich gut mit … mit den Kindern …«

Sie schluchzte. Robin spielte kurz mit dem Gedanken, sie in den Arm zu nehmen, entschied sich dann aber dagegen. Ihre Schultern waren mit blauen Flecken übersät, wo Alyssa auf sie eingeprügelt hatte, und die Stichwunde in ihrem Arm pochte wütender denn je.

»Hat Brittany ihn wirklich angerufen?«, fragte Robin.

»Hat er mir jedenfalls erzählt«, sagte Alyssa und wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht. »Er hat geglaubt, seine Ex hätte ihn hingehängt, sie hätte Brittany zum Lügen angestiftet … Er meinte, wenn jemals eine junge blonde Frau auftauchen würde, würd sie bloß Scheiße labern, und ich sollt bloß nichts von dem glauben, was sie mir erzählt.«

Robin musste an die leise Stimme in ihrem Ohr denken: Kenn ich dich womöglich, Mädchen?

Er hatte sie für Brittany gehalten. Darum hatte er aufgelegt und nie zurückgerufen.

»Ich muss jetzt wirklich los.« Robin fragte sich besorgt, wie lange sie von hier bis nach West Ealing brauchen würde. Ihr tat alles weh. Alyssa hatte ein paar schmerzhafte Treffer gelandet. »Du rufst doch die Polizei an, oder?«

»Denk schon«, sagte Alyssa, auch wenn Robin den Verdacht hatte, dass Alyssa bis dahin gar nicht auf die Idee gekommen war. »Klar.«

Während sie in die Dunkelheit davonmarschierte, die Faust fest um ihren zweiten Handalarm geschlossen, fragte sie sich, was Brittany Brockbank wohl zu ihrem Stiefvater gesagt hatte, und meinte es sogar zu wissen: »Ich habe nichts vergessen. Tu’s noch mal, und ich zeige dich an.« Vielleicht hatte sie damit ihr Gewissen beruhigen wollen. Sie hatte Angst gehabt, dass er anderen bis heute antun könnte, was er ihr in der Vergangenheit angetan hatte, aber sich vor den Konsequenzen einer so alten Anschuldigung gefürchtet.

Ich unterstelle Ihnen, Miss Brockbank, dass Ihr Stiefvater Sie nie angerührt hat, dass diese Geschichte von Ihnen und Ihrer Mutter erfunden wurde …

Robin wusste genau, wie so was lief. Der Verteidiger, dem sie selbst gegenübergesessen hatte, hatte sie eiskalt, sardonisch und mit zynischem Gesichtsausdruck befragt.

Sie waren auf dem Heimweg von der Studentenbar, Miss Ellacott, wo Sie etwas getrunken hatten, richtig?

Sie hatten vor Zeugen Witze darüber gerissen, dass Sie die – ähm – Aufmerksamkeiten Ihres Freundes vermissten. Korrekt?

Als Sie Mr. Tewin trafen …

Ich hab ihn nicht …

Als Sie Mr. Tewin vor dem Wohnheim trafen …

Ich hab ihn nicht getroffen …

… da haben Sie Mr. Tewin erzählt, dass Sie die Aufmerksamkeiten …

Wir haben nie miteinander gesprochen …

Ich unterstelle Ihnen, Miss Ellacott, dass Sie sich jetzt schämen, Mr. Tewin eingeladen zu haben …

Ich hab ihn nicht …

Sie hatten einen Witz gerissen, Miss Ellacott, in dieser Bar, nicht wahr, dass Sie die erotischen Aufmerksamkeiten Ihres …

Ich hab doch nur gesagt, ich vermisse …

Wie viele Drinks waren es in der Bar, Miss Ellacott?

Robin verstand nur zu gut, warum Menschen Angst hatten zu reden, zu offenbaren, was man ihnen angetan hatte, und daraufhin erklärt zu bekommen, dass die schmutzige, beschämende, qualvolle Wahrheit nur eine Ausgeburt ihrer kranken Fantasie wäre. Weder Holly noch Brittany hatte sich einer öffentlichen Gerichtsverhandlung gewachsen gefühlt, und womöglich würden sich auch Alyssa und Angel von dieser Aussicht abschrecken lassen. Doch nichts als sein Tod oder eine Verhaftung, davon war Robin überzeugt, konnte Noel Brockbank davon abhalten, weiterhin kleine Mädchen zu vergewaltigen. Dennoch wäre sie zutiefst erleichtert, wenn sich endlich herausstellte, dass Shanker ihn nicht umgebracht hatte, denn sonst …

»Shanker!«, rief sie, als vor ihr eine große, tätowierte Gestalt im Jogginganzug unter einer Straßenlaterne hindurchlief.

»Hab den verfickten Bastard nicht erwischt, Rob!«, hallte Shankers Stimme zurück. Ihm schien nicht bewusst zu sein, dass Robin zwei volle Stunden in Angst und Schrecken auf dem harten Holzboden ausgeharrt und seine Rückkehr herbeigesehnt hatte. »Für so ’n großen Ficker war er mal echt schnell, was?«

»Die Polizei wird ihn finden«, entgegnete Robin, der mit einem Mal die Knie weich wurden. »Alyssa wird sie hoffentlich rufen. Shanker, könntest du … Könntest du mich bitte nach Hause fahren?«

55

Came the last night of sadness

And it was clear she couldn’t go on.

BLUE ÖYSTER CULT, »(DON’T FEAR) THE REAPER«

Mehr als vierundzwanzig Stunden lang blieb Strike im Unklaren darüber, was Robin getan hatte. Sie war zwar nicht ans Telefon gegangen, als er sie tags darauf gegen Mittag angerufen hatte, aber nachdem er nach wie vor mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen hatte und sie sicher daheim unter den Fittichen ihrer Mutter wähnte, hatte er das weder befremdlich gefunden noch sich die Mühe gemacht, später noch mal anzurufen. Seine verletzte Partnerin war eins der wenigen Probleme, die er für vorerst gelöst hielt, und er wollte sie keinesfalls auf den Gedanken bringen, dass sie sofort wieder an seine Seite zurückkehren dürfte, indem er sie in die Erkenntnis einweihte, zu der er vor dem Krankenhaus gekommen war.

Inzwischen beschäftigte sich Strike praktisch mit nichts anderem mehr. Schließlich gab es niemanden sonst in seinem einsamen, verlassenen Büro, dem er seine Zeit oder Aufmerksamkeit hätte widmen müssen. Kein Klient störte ihn mit einem Anruf oder Besuch. Kein Laut war zu hören außer dem Brummen einer Fliege, die im milchigen Sonnenschein zwischen den offenen Fenstern herumsurrte, hinter denen Strike seine Benson & Hedges kettenrauchte.

Als der Detective in Gedanken die knapp drei Monate rekapitulierte, die seit der Lieferung des abgetrennten Beins vergangen waren, sah er in aller Klarheit, wo er überall Fehler gemacht hatte. Bereits nach dem Besuch bei Kelsey Platts Schwester hätte er den Mörder kennen müssen. Wenn er damals nur die richtigen Schlüsse gezogen hätte, wenn er sich von ihm nicht hätte irreführen lassen, wenn ihn die Fährten anderer psychisch kranker Männer nicht abgelenkt hätten, dann hätte Lila Monkton noch alle zehn Finger an den Händen, und Heather Smart säße wahrscheinlich wohlbehalten an ihrem Arbeitsplatz bei einer Wohnbaugesellschaft in Nottingham und würde sich womöglich schwören, nie wieder so viel zu trinken wie während des Geburtstagsausflugs ihrer Schwägerin nach London.

Wie man die emotionalen Konsequenzen einer Ermittlung verarbeitete, hatte Strike notgedrungen lernen müssen, während er sich bei der Sonderermittlungseinheit der Militärpolizei hochgearbeitet hatte. Der vergangene Abend war von Selbstvorwürfen gezeichnet gewesen. Aber während er hart mit sich ins Gericht gegangen war, weil er die ganze Zeit nicht hatte sehen wollen, was er unmittelbar vor Augen gehabt hatte, hatte er dem Mörder zugleich Anerkennung für dessen brillante Unverfrorenheit zollen müssen. Geradezu artistisch hatte er Strikes Background gegen ihn eingesetzt, ihn gezwungen, sich selbst zu hinterfragen und anzuzweifeln, und damit sein Vertrauen in sein eigenes Urteilsvermögen unterminiert.

Dass der Killer tatsächlich einer der Männer war, die er von Anfang an verdächtigt hatte, war ein schwacher Trost. Strike konnte sich nicht entsinnen, dass er sich je zuvor derart mit einer Ermittlung gequält hätte. In der festen Überzeugung, dass der Beamte, mit dem er gesprochen hatte, seine Schlussfolgerungen weder für glaubhaft gehalten noch auch nur ein einziges Wort an Carver weitergegeben hatte, saß Strike in seinem stillen Büro und hatte dabei das Gefühl, dass es seine persönliche Schuld wäre, falls noch ein weiterer Mord geschähe, auch wenn das noch so unlogisch war.

Falls er sich noch einmal in die Ermittlungen einmischte – falls er es tatsächlich wagte, seinen Mann auszukundschaften oder zu observieren –, würde Carver ihn vor Gericht zerren, weil er die Polizei bei ihrer Arbeit behindert und den Fortgang der Ermittlungen gefährdet hätte. Er konnte es Carver sogar nachfühlen – nur dass er an dessen Stelle, dachte Strike mit heißem, lustvollem Zorn, jeden angehört hätte, selbst wenn er noch so wütend auf ihn gewesen wäre, solange derjenige nur ein Fitzelchen glaubwürdigen Beweismaterials vorweisen konnte. Einen derart komplexen Fall löste man nicht, indem man Zeugen diskriminierte, nur weil sie einen früher einmal ausgestochen hatten.

Erst als sein Magen zu grummeln begann, fiel Strike wieder ein, dass er am Abend mit Elin zum Essen verabredet war. Die Scheidungsmodalitäten und Sorgerechtsfragen waren anscheinend geklärt, und Elin hatte ihm am Telefon eröffnet, damit sei es höchste Zeit, dass sie zur Abwechslung etwas Anständiges essen gingen, weshalb sie im Le Gavroche einen Tisch reserviert hatte – »Diesmal zahle ich.«

Mit einer Zigarette in der Hand saß Strike allein in seinem Büro und sann mit einer Leidenschaftslosigkeit über den bevorstehenden Abend nach, die er gegenüber dem Shacklewell Ripper schon lange nicht mehr aufzubringen vermochte. Positiv war lediglich, dass das Essen exzellent sein würde, was angesichts der Tatsache, dass er pleite war und am Vorabend gebackene Bohnen auf Toast zu sich genommen hatte, eine durchaus verlockende Aussicht darstellte. Er ging davon aus, dass sie anschließend Sex haben würden, in Elins makellos weißer Wohnung, dem bald zu räumenden Heim ihrer in Auflösung begriffenen Familie. Negativ schlug indes zu Buche – und er merkte, dass er der nackten Tatsache so ehrlich ins Gesicht sah wie noch nie –, dass er mit ihr würde reden müssen, und mit Elin zu reden zählte, wie er sich endlich eingestand, definitiv nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Besonders anstrengend fand er die Unterhaltung immer, wenn es um seine Arbeit ging. Elin zeigte sich daran zwar interessiert, aber merkwürdig fantasielos. Sie besaß nicht das geringste angeborene Interesse an anderen Menschen und nichts von dem natürlichen Einfühlungsvermögen, das Robin an den Tag legte. Seinen leicht humorig angehauchten Porträts von Menschen wie Two-Times hatte Elin eher fassungslos als amüsiert gelauscht.

Und dann waren da auch noch ihre unheilverheißenden drei Worte: »Diesmal zahle ich.« Das wachsende Missverhältnis zwischen ihren jeweiligen Einkommen würde sich alsbald schmerzhaft deutlich abzeichnen. Als Strike Elin kennengelernt hatte, war er wenigstens noch kreditwürdig gewesen. Wenn sie allerdings glaubte, er würde die Einladung zum Abendessen im Le Gavroche irgendeines Tages erwidern können, würde sie bitter enttäuscht werden.

Strike hatte schon einmal sechzehn Jahre mit einer Frau verbracht, die deutlich reicher gewesen war als er. Charlotte hatte abwechselnd ihr Geld als Waffe eingesetzt und dann wieder Strikes Weigerung beklagt, über seine Verhältnisse zu leben. Charlottes gelegentliche Zornesausbrüche, wenn er irgendwelche Aufmerksamkeiten, an die sie ihr kapriziöses Herz verloren hatte, nicht für sie hatte erstehen können oder wollen, standen ihm immer noch deutlich vor Augen, und so hatten sich ihm die Nackenhaare aufgestellt, als Elin davon gesprochen hatte, »zur Abwechslung« anständig essen zu gehen. In den versteckten französischen Bistros und indischen Curry-Häusern, wo Elins Mann ihnen kaum je zufällig begegnet wäre, hatte fast immer er die Rechnung übernommen. Es traf ihn, die Früchte seines hart verdienten Geldes so gering geschätzt zu sehen.

Daher war er nicht unbedingt beschwingt, als er um acht Uhr abends in Richtung Mayfair aufbrach, in seinen besten italienischen Anzug gekleidet, während in seinem übermüdeten Hirn die Gedanken unerbittlich um einen Serienkiller kreisten.

Die Upper Brook Street erwies sich als Ansammlung von noblen Häuserfassaden aus dem achtzehnten Jahrhundert, und die Front des Le Gavroche mit dem schmiedeeisernen Baldachin und den efeuumrankten Geländern, der schweren verspiegelten Eingangstür, die teure Solidität und Sicherheit suggerierte, passte so gar nicht zu Strikes Gemütsverfassung. Man führte ihn an ihren Tisch in dem in Grün und Rot eingerichteten Speiseraum, in dem dank einer kunstvollen Beleuchtung Lichtpfützen nur dorthin fielen, wo sie auf den schneeweißen Tischdecken und goldgerahmten Ölgemälden gebraucht wurden, und wenig später traf auch Elin ein. Sie sah atemberaubend aus in ihrem hellblauen, eng anliegenden Kleid. Während Strike aufstand, um ihr einen Kuss zu geben, vergaß er kurzfristig sein vages Unbehagen, seinen Ärger.

»Wirklich eine nette Abwechslung«, erklärte sie lächelnd, während sie sich auf die geschwungene Polsterbank an ihrem runden Tisch sinken ließ.

Sie gaben ihre Bestellung auf. Strike, der insgeheim nach einem Glas Doom Bar lechzte, gab sich mit einem von Elin ausgewählten Burgunder zufrieden und sehnte sich nach einer Zigarette, obwohl er an diesem Tag schon über eine Packung geraucht hatte. Währenddessen belegte ihn seine Essensbegleitung mit einem verbalen Trommelfeuer zum Thema Grundeigentum: Sie habe sich gegen das Penthouse im Strata entschieden und ziehe jetzt ein vielversprechend aussehendes Objekt in Camberwell in Betracht. Dann schob sie ihm das Bild auf ihrem Handy zu, und schon brannte sich die nächste säulenbestandene, vordachgeschmückte Ansicht in klassizistischem Weiß in seine müden Augen.

Während Elin die diversen Pros und Kontras eines Umzugs nach Camberwell erörterte, trank Strike stumm vor sich hin. In dem Versuch, die scharfen Kanten seines Ärgers mit Alkohol aufzuweichen, strafte er den köstlichen Wein mit Missachtung und kippte ihn weg wie den billigsten Fusel. Es funktionierte nicht: Das Gefühl der Entfremdung schwand nicht, sondern verstärkte sich nur mehr. Das komfortable Restaurant in Mayfair mit der gedämpften Beleuchtung und dem weichen Teppich kam ihm allmählich vor wie eine ausstaffierte Bühne: illusorisch, flüchtig. Was machte er überhaupt hier mit dieser fantastisch aussehenden, aber geistlosen Frau? Warum tat er so, als interessierte er sich für ihren kostspieligen Lebensstil, während seine Firma ums blanke Überleben kämpfte und in ganz London niemand außer ihm die Identität des Shacklewell Rippers kannte?

Ihr Essen kam, und das köstliche Rinderfilet machte seinen Ärger ein wenig erträglicher.

»Und was hast du so getrieben?«, fragte Elin mit gewohnt mustergültiger Höflichkeit.

Strike sah sich vor eine schwierige Wahl gestellt. Falls er ihr wahrheitsgemäß erzählte, was er in der letzten Zeit getrieben hatte, würde er bekennen müssen, dass er sie über keins der jüngsten Ereignisse auf dem Laufenden gehalten hatte, obwohl die Neuigkeiten bei den meisten Menschen für ein ganzes Jahrzehnt ausgereicht hätten. Überdies müsste er zugeben, dass das Mädchen in den Zeitungen, das die letzte Attacke des Rippers überlebt hatte, seine Geschäftspartnerin war. Er würde Elin erzählen müssen, dass er von einem Polizisten, den er bei einer anderen öffentlichkeitswirksamen Ermittlung bloßgestellt hatte, angewiesen worden war, sich aus dem Fall herauszuhalten. Und falls er ihr tatsächlich alles offenbaren wollte, was er so getrieben hatte, sollte er zuletzt wohl auch hinzufügen, dass er inzwischen genau wusste, wer der Mörder war. Die Aussicht, all dies vor ihr auszubreiten, bedrückte und langweilte ihn. Er hatte kein einziges Mal daran gedacht, sie anzurufen, während sich jene Ereignisse zugetragen hatten – und das allein war erhellend genug.

Strike nahm noch einen Schluck Wein, um Zeit zu gewinnen, und kam im selben Moment zu dem Schluss, dass er ihre Affäre beenden musste. Er würde sich eine Ausrede zurechtlegen, weshalb er sie heute Abend nicht in die Clarence Terrace begleiten konnte, was ihr eine Vorwarnung bezüglich seiner weiteren Absichten sein dürfte; immerhin war der Sex immer das Beste in ihrer Beziehung gewesen. Und dann, beim nächsten Treffen, würde er ihr eröffnen, dass es vorbei wäre. Er hatte nicht nur das Gefühl, dass es flegelhaft wäre, bei einem Abendessen, zu dem sie ihn eingeladen hatte, Schluss zu machen. Es bestand außerdem die wenn auch geringe Chance, dass sie einfach davonrauschte und ihn auf einer Rechnung sitzenließ, die seine Kreditkartenfirma unter Garantie nicht hinnehmen würde.

»Ehrlich gesagt nicht viel«, log er.

»Und was ist mit diesem Shackle…«

Im selben Augenblick klingelte Strikes Handy. Er zog es aus der Jackentasche. Die Nummer war unterdrückt. Sein sechster Sinn riet ihm, das Gespräch anzunehmen.

»Entschuldige bitte«, sagte er zu Elin. »Ich glaube, das muss ich …«

»Strike«, ertönte Carvers unverkennbarer Südlondoner Akzent. »Haben Sie sie etwa dort hingeschickt?«

»Was?«, fragte Strike.

»Ihre verdammte Partnerin? Haben Sie sie zu Brockbank geschickt?«

Strike stand so abrupt auf, dass er gegen die Tischkante krachte. Blutig braune Flüssigkeit schwappte über das weiße Leintuch, das Rinderfilet rutschte über den Tellerrand, sein Wein kippte um und spritzte über Elins hellblaues Kleid. Der Kellner starrte ihn mit offenem Mund an, genau wie das distinguierte Paar am Nebentisch.

»Wo ist sie? Was ist passiert?«, fragte Strike aufgebracht und ohne irgendetwas wahrzunehmen außer der Stimme an seinem Ohr.

»Ich habe Sie gewarnt, Strike.« Carver schien vor Zorn zu knistern. »Ich habe Sie verflucht noch mal gewarnt, sich rauszuhalten. Diesmal haben Sie echt verschissen …«

Strike ließ das Handy sinken. Ein körperloser Carver zeterte quer durchs Restaurant und war für alle in Strikes Nähe mit seinen »Fucks« und »Scheiße« deutlich zu hören. Strike wandte sich an Elin in ihrem nunmehr violett besprenkelten Kleid. Ihr schönes Gesicht sah teils verdattert, teils zornig zu ihm auf.

»Ich muss los. Tut mir wirklich leid. Ich ruf dich später an.«

Er wartete nicht einmal ab, wie sie es aufnahm. Es war ihm gleichgültig.

Leicht humpelnd, weil er sich beim Aufspringen das Knie verdreht hatte, eilte Strike aus dem Restaurant, das Handy jetzt wieder am Ohr. Carver schrie inzwischen völlig zusammenhanglos ins Telefon und brüllte Strike Mal um Mal nieder, sobald dieser auch nur versuchte, etwas einzuwerfen.

»Hören Sie, Carver!«, rief Strike, als er wieder auf der Upper Brook Street stand, »ich muss Ihnen noch etwas … Scheiße, hören Sie mir doch endlich zu!«

Doch der mit Obszönitäten durchsetzte Monolog des Polizeibeamten wurde nur noch lauter und schmutziger.

»Sie blödes, dummes Arschloch, jetzt ist er abgetaucht! Ich weiß genau, was Sie im Sinn hatten, verdammte Scheiße! Wir haben die Verbindung über die Kirche gefunden. Falls Sie je wieder … Halten Sie Ihre Scheißklappe, jetzt rede ich! Falls Sie