Book: Jahre des Jagers



Jahre des Jagers

Don Winslow

Jahre des Jägers

Roman



Aus dem amerikanischen Englisch


von Conny Lösch



Über dieses Buch

Totgeglaubte leben länger – das muss auch Art Keller erfahren, der US-Drogenfahnder, der geschworen hätte, den mexikanischen Kartell-Boss Adán Barrera endgültig erledigt zu haben. Was Art für die ultimative letzte Schlacht gehalten hat, war nur der Anfang des Krieges, den Mexikos Drogenbosse nun gegen die USA entfesseln: Über Jahrzehnte haben sie die amerikanische Regierung unterwandert, an deren Spitze ein umstrittener neuer Präsident steht. Art gerät mitten zwischen die Fronten.

Nach Tage der Toten und Das Kartell nun der letzte Teil von Don Winslows preisgekrönter, epischer Bestseller-Trilogie über den amerikanisch-mexikanischen Drogenkrieg. Eine erschütternde Geschichte über Rache, Korruption und Gerechtigkeit und ein schonungsloses Porträt des modernen Amerika.

Weiteres unter:

http://www.don-winslow.com

https://twitter.com/donwinslow

Inhaltsübersicht

Motto

Prolog

Washington, D.C., April 2017

Buch eins: Mahnmale

1. Monster und Geister

1. November 2012

Juárez ist eine Geisterstadt.

Elena Sanchez Barrera will [...]

Wir werden sowieso alle [...]

Ciudad Juárez

2. Der Könige Tod

Washington, D.C., März 2014

Wenn Ric noch weitere [...]

3. Heimtückische Clowns

Adán Barreras »Pax Sinaloa« [...]

Buch zwei: Heroin

4. Im Zug

Guerrero, Mexiko

Staten Island, New York

Eddie Ruiz, auch bekannt [...]

5. Heroin Island

Staten Island New York2014

6. Victimville

7. Der Bus

Buch drei: Los Restornados

8. Die Feiertage

Washington, D.C., Dezember 2014

Drei Tage nach Weihnachten, [...]

Damien Tapia sitzt im [...]

Nuñez kommt am Dreikönigstag.

Das kleine Jesuskind starrt [...]

9. Kojoten

Bahia de los Piratas, Costa Rica, 2015

Keller sitzt neben Marisol [...]

Die Party ist in [...]

10. La Bestia

Guatemala City

11. Verkehrte Welt

Eddie Ruiz blieb ungefähr [...]

Cirellos Doppelleben wird bald [...]

12. Bankwesen

Washington, D.C., Juli 2016

Buch vier: Amtseinführung

13. Fremde Länder

Washington, D.C., November 2016

Claiborne öffnet dem Callgirl, [...]

Cirello ist der einzige [...]

Vegas, Baby.

14. Der Tod wird der Beweis sein

Sinaloa, Mexiko, Dezember 2016

15. Schlimme Hombres

16. Billy the Kid

Tijuana, Mexiko, Januar 2017

17. Weiße Weihnacht

Kingston, New York, Dezember 2016

Buch fünf: Wahrheit

18. Die mächtigste Einrichtung auf der Erde

Washington, D.C., Januar 2017

19. Zerbrochen

MexikoMärz 2017

20. Billige Waffen

Queens, New York

Jacqui bläst dem Kerl [...]

21. Das Reflexionsbecken

Washington, D.C., April 2017

Keller hört ein Kind [...]

Den Arm um Marisols [...]

Keller stürzt sich auf [...]

Epilog

Südkalifornien, Mai 2018

Personenverzeichnis

Karte

»Wenn das Volk sich eine Wand baut,


übertünchen sie dieselbe mit Kalk. So sprich zu den Tünchern,


die mit Kalk tünchen: Die Wand wird einfallen!«

Hesekiel 13

»Es brauchte nur wenig, so unendlich wenig,


um sich auf der anderen Seite der Grenze wiederzufinden,


hinter der alles seinen Sinn verlor:


Die Liebe, die Überzeugung, der Glaube, die Geschichte.«

Milan Kundera, Das Buch vom Lachen und Vergessen

Prolog

Washington, D.C.


April 2017

Keller sieht den kleinen Jungen und im selben Augenblick das Aufblitzen einer Reflexion im Sucher.

Das Kind hält die Hand seiner Mutter, betrachtet die in den schwarzen Stein eingravierten Namen, und Keller fragt sich, ob es jemanden sucht – einen Großvater oder einen Onkel vielleicht – oder ob Mutter und Sohn einfach so am Ende eines Spaziergangs über die National Mall zum Denkmal der Vietnam-Veteranen gekommen sind.

Die Wand wurde in den Boden des Parks eingelassen, versteckt wie ein mit Schuld behaftetes Geheimnis, eine persönliche Schande. Hier und dort haben Trauernde Blumen abgelegt, Zigaretten oder sogar kleine Schnapsfläschchen. Vietnam war lange her, hatte in einem anderen Leben stattgefunden, aber seither hatte Keller seinen eigenen Krieg gekämpft.

Auf der Wand sind keine Schlachten vermerkt. Kein Khe Sanh, Quang Tri und keine Hamburger Hills. Vielleicht, weil wir jede einzelne Schlacht gewonnen, aber den Krieg verloren haben, denkt Keller. So viele Tote für einen sinnlosen Krieg. Bei früheren Besuchen hier hatte er Männer wie Kinder schluchzen sehen.

Das Gefühl der Trauer ist herzzerreißend und überwältigend.

Heute sind vielleicht vierzig Menschen hier. Einige von ihnen sehen aus wie Veteranen, andere sind Angehörige, die meisten aber wahrscheinlich Touristen. Zwei ältere Männer in den Uniformen und mit den Kappen der Veterans of Foreign Wars helfen den Besuchern, die Namen ihrer Lieben zu finden.

Jetzt befindet Keller sich erneut im Krieg – gegen die Drug Enforcement Agency DEA, den Senat der Vereinigten Staaten, die mexikanischen Drogenkartelle, ja sogar den Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Und sie sind alle dasselbe, dieselbe Einheit.

Jede Grenze, an deren Existenz Keller einst glaubte, wurde überschritten.

Einige wollen ihn zum Schweigen bringen, ins Gefängnis stecken, vernichten; manche vermutlich sogar töten.

Er weiß, dass er polarisiert, zum Inbegriff des Grabens wurde, der sich zu vergrößern und das Land zu spalten droht. Er hat einen Skandal ausgelöst, Ermittlungen von den Schlafmohnfeldern Mexikos bis zur Wall Street und ins Weiße Haus angeschoben.

Es ist ein warmer Frühlingstag, angenehm windig, Kirschblüten schweben durch die Luft. Marisol spürt, was er empfindet, nimmt seine Hand.

Jetzt sieht Keller den Jungen und dann – rechts von ihm, vom Washington Monument her – etwas aufblitzen. Keller stürzt sich auf Mutter und Kind, stößt sie zu Boden.

Dann dreht er sich um, will Mari abschirmen.

Die Kugel lässt Keller wie einen Kreisel herumwirbeln.

Sie streift ihn am Kopf.

Blut fließt ihm in die Augen, und er sieht im wahrsten Sinne des Wortes rot, streckt die Hand aus und zieht Marisol zu sich herunter.

Ihr Gehstock fällt klappernd auf den Weg.

Keller schützt sie mit seinem Körper.

Weitere Kugeln schlagen über ihnen in die Wand.

Er hört Rufe und Schreie. Jemand brüllt: »Es wird geschossen!«

Keller blickt auf, schaut sich um und sieht, dass die Schüsse aus Südosten kommen, circa zehn Uhr – hinter einem kleinen Gebäude, in dem, wie er sich erinnert, Toiletten untergebracht sind. Er tastet nach der Sig Sauer an seiner Hüfte, aber dann fällt ihm wieder ein, dass er unbewaffnet ist.

Der Schütze steigt auf Automatik um.

Kugeln prasseln an den Stein über Keller, Namen platzen ab. Menschen liegen flach auf dem Boden oder kauern an der Wand. Einige wenige krabbeln über die niedrigen äußeren Enden der Mauer und rennen zur Constitution Avenue.

Andere bleiben einfach verdattert stehen.

Keller schreit: »Runter! Es wird geschossen! Runter!«

Aber er merkt, dass das nichts bringt und das Denkmal zur tödlichen Falle geworden ist. Die Wand bildet ein breites V, und entlang des schmalen Wegs gibt es nur zwei Ausgänge. Ein Pärchen mittleren Alters rennt zum Ausgang auf der Ostseite, dem Schützen entgegen und wird sofort getroffen, sie kippen um wie Figuren in einem abscheulichen Videospiel.

»Mari«, sagt Keller, »wir müssen hier weg.«

»Okay.«

»Mach dich bereit.«

Er passt eine Feuerpause ab – der Schütze lädt nach –, dann steht er auf, packt Mari und wirft sie sich über die Schulter. Er trägt sie zum Ausgang auf der Westseite, wo sich die Wand bis auf Hüfthöhe absenkt, schiebt sie hinauf und darüber, setzt sie hinter einen Baum.

»Bleib unten!«, schreit er. »Bleib da!«

»Wo gehst du hin?!«

Es wird wieder geschossen.

Keller springt zurück über die Wand, beginnt, die Menschen Richtung Südwest-Ausgang zu treiben. Er packt eine Frau mit einer Hand am Genick, drückt ihren Kopf hinunter und schiebt sie voran, schreit, »Hier lang! Hier lang!«. Aber dann hört er das schrille Pfeifen einer Kugel und den dumpfen Einschlag, als diese sie trifft. Die Frau taumelt und sackt auf die Knie, umklammert ihren Arm, während ihr das Blut schon zwischen den Fingern hindurchrinnt.

Keller versucht, sie hochzuziehen.

Eine Kugel zischt vorbei an seinem Gesicht.

Ein junger Mann kommt angelaufen, streckt die Arme aus nach der Frau. »Ich bin Sanitäter!« Keller übergibt sie, dreht sich um und treibt weiter Menschen vor sich her, weg von den Schüssen. Wieder sieht er den Jungen, der sich an die Hand seiner Mutter klammert, die Augen vor Angst weit aufgerissen, während die Mutter ihn weiter vor sich herschiebt, ihn mit ihrem Körper abzuschirmen versucht.

Keller legt ihr einen Arm um die Schulter und drückt sie im Weitergehen tiefer hinunter.

Er sagt: »Ich hab Sie. Ich hab Sie. Laufen Sie weiter.« Ganz hinten an der Wand bringt er sie in Sicherheit und geht dann wieder zurück.

Erneut entsteht eine Pause; der Schütze wechselt offenbar den Ladestreifen.

Oh Gott, denkt Keller, wie viele hat er bloß?

Mindestens noch einen, denn jetzt wird erneut geschossen.

Menschen stolpern und fallen.

Sirenen heulen und jaulen, Hubschrauberrotoren pulsieren in einem tiefen vibrierenden Bass.

Keller packt einen Mann, will ihn weiterziehen, aber eine Kugel trifft ihn in den Rücken, und er fällt Keller vor die Füße.

Die meisten haben es jetzt über die Westseite geschafft, andere liegen auf dem Weg, wieder andere im Gras, weil sie hatten fliehen wollen und in die falsche Richtung gerannt waren.

Eine fallen gelassene Wasserflasche läuft gluckernd auf dem Gehweg aus.

Ein Handy mit gesprungenem Display klingelt auf dem Boden neben einem Souvenir – einer kleinen billigen Lincoln-Büste – das Gesicht mit Blut bespritzt.

Keller schaut nach Osten und sieht einen Officer der Parkpolizei mit gezogener Pistole, der heldenhaft auf das Toilettenhäuschen zustürmt und, von mehreren Kugeln in die Brust getroffen, zu Boden geht.

Keller lässt sich fallen und kriecht auf dem Bauch zu ihm, tastet am Hals nach seinem Puls. Der Mann ist tot. Keller macht sich so flach wie möglich, während weitere Kugeln in den leblosen Körper schlagen. Er schaut auf und glaubt, den Schützen zu entdecken, der hinter dem Toilettenhäuschen kauert und einen weiteren Ladestreifen einlegt.

Art Keller hat den größten Teil seines Lebens in einem Krieg auf der anderen Seite der Grenze gekämpft, und jetzt ist er zu Hause.

Der Krieg ist mit ihm gekommen.

Keller nimmt die Waffe des Polizisten – eine 9mm Glock – und bewegt sich zwischen den Bäumen auf den Schützen zu.

Buch eins:

Mahnmale

»Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen.«

Platon

1. Monster und Geister

»Monster und Geister sind real.


Sie leben in uns, und manchmal gewinnen sie.«

Stephen King

1. November 2012

Art Keller kommt aus dem guatemaltekischen Dschungel wie ein Geflohener.

Er hinterlässt ein Schlachtfeld. In dem kleinen Dorf Dos Erres liegen Leichenberge, einige der Toten sind in den schwelenden Resten eines Feuers verbrannt, andere auf der Lichtung liegen geblieben, wo sie niedergemäht wurden.

Die meisten sind Narcos, Killer im Auftrag eines der Kartelle, die vermeintlich herkamen, um Frieden zu schließen, in Wirklichkeit aber nur, um einander in einen Hinterhalt zu locken und gegenseitig zu vernichten. Sie handelten Frieden aus, ein Abkommen, doch bei der ausschweifenden Versöhnungsfeier zogen die Zetas Schusswaffen, Messer und Macheten und schlachteten die Sinaloaner ab.

Keller geriet buchstäblich durch Zufall dort hinein – der Helikopter, in dem er saß, wurde von einer Rakete getroffen und stürzte schlingernd mitten ins Feuergefecht. Dennoch ist er kaum unschuldig, denn Adán Barrera, der Boss der Sinaloaner, und er hatten geplant, mithilfe eines Söldnertrupps dort einzufallen und die Zetas zu eliminieren.

Barrera wollte seine Feinde in die Falle locken.

Das Problem war nur, dass diese ihm zuvorkamen und ihn zuerst in die Falle lockten.

Aber die beiden Personen, gegen die Kellers Mission sich hauptsächlich richtete, die Anführer der Zetas, sind tot – der eine enthauptet, der andere als lebende Fackel verbrannt. Danach zog Keller, wie sie es im Zuge ihrer unheilvollen Waffenruhe vereinbart hatten, in den Dschungel, um Barrera zu suchen und rauszuholen.

Keller kam es vor, als hätte er sein gesamtes Erwachsenenleben lang Adán Barrera verfolgt.

Nach zwanzig Jahren hatte er Barrera endlich in den Vereinigten Staaten hinter Gitter gebracht, nur um mit ansehen zu müssen, wie dieser in ein mexikanisches Hochsicherheitsgefängnis verlegt wurde, aus dem ihm prompt die »Flucht« gelang, und er anschließend als Pate des Sinaloa-Kartells zu mehr Macht gelangte als je zuvor.

Keller kehrte also nach Mexiko zurück, um Barrera erneut zu suchen, und verbündete sich acht Jahre später mit ihm, um gemeinsam mit ihm die Zetas zu eliminieren.

Das größere von zwei Übeln.

Und es war gelungen.

Aber Barrera war verschwunden.

Und jetzt geht Keller weiter.

Für eine Handvoll Pesos, die er den Grenzbeamten zusteckt, kommt er nach Mexiko und läuft die zehn Meilen bis ins Dorf Campeche, von wo aus sie den Überfall geplant hatten.

Oder besser gesagt, er wankt.

Sein Adrenalinspiegel ist nach der Schießerei inzwischen wieder gesunken, jetzt spürt er die Sonne und die Hitze des nahen Regenwaldes. Seine Beine schmerzen, seine Augen brennen, es riecht nach Rauch, Feuer und Tod.

Den Gestank von verbranntem Fleisch vergisst man nie wieder.

Orduña wartet an der kleinen, in den Wald geschlagenen Landepiste auf ihn. Der Kommandant des FES, einer Sondereinheit der mexikanischen Kriegsmarine, sitzt in einem Black-Hawk-Helikopter. Keller und Admiral Orduña hatten während des Krieges gegen die Zetas ein Zweckbündnis gebildet. Keller hatte Orduña mit amerikanischen Geheimdienstinformationen von allerhöchster Ebene versorgt und dessen Marines-Spezialeinheiten bei Einsätzen in Mexiko begleitet.

Dieser Einsatz aber war anders gewesen – in Guatemala bot sich ihnen die Chance, die gesamte Führung der Zetas auf einen einzigen Schlag auszuschalten, aber dort konnte die mexikanische Kriegsmarine nicht hin. Orduña hatte Kellers Team aber einen Stützpunkt und logistische Unterstützung zugesagt, das Team nach Campeche geflogen, und jetzt wartet er, um zu sehen, ob sein Freund Art Keller überlebt hat.

Orduña grinst breit, als er Keller zwischen den Bäumen hervorkommen sieht, dann greift er in die Kühlbox und reicht ihm ein kaltes Modelo.

»Die anderen aus dem Team?«, fragt Keller.

»Haben wir bereits ausgeflogen«, sagt Orduña. »Inzwischen müssten sie in El Paso sein.«

»Tote und Verletzte?«

»Einer ist gefallen«, sagt Orduña. »Vier Verletzte. Bei Ihnen war ich mir nicht sicher. Wären Sie bis Anbruch der Dunkelheit nicht hier gewesen, a la mierda todo, wären wir los und hätten Sie geholt.«

»Ich hab Barrera gesucht«, sagt Keller und kippt das Bier runter.

»Und?«

»Hab ihn nicht gefunden«, erwidert Keller.

»Was ist mit Ochoa?«

Orduña hasst den Anführer der Zetas mindestens so sehr, wie Keller Adán Barrera hasst. Im Krieg gegen die Drogen geht es oft sehr persönlich zu. Für Orduña spätestens seit einer seiner Leute bei einer Razzia gegen die Zetas getötet wurde und diese anschließend bei seiner Beerdigung dessen Mutter und Schwestern ermordeten. Am Tag danach hatte er die »Matazetas« – die »Zeta-Killer« – gegründet. Und genau das taten sie jetzt, sie töteten Zetas, wo sie nur konnten. Wenn sie Gefangene machten, dann nur, um an Informationen zu gelangen, anschließend wurden auch sie hingerichtet.

Keller hasste die Zetas aus anderen Gründen.

Anderen, aber völlig ausreichenden.

»Ochoa ist tot«, sagte Keller.

»Ist das belegt?«

»Ich hab’s gesehen«, sagt Keller. Er hatte gesehen, wie Eddie Ruiz den verletzten Boss der Zetas mit Benzin übergossen und ein Streichholz angerissen hatte. Sterbend hatte Ochoa geschrien: »Forty auch.«

Forty war Ochoas Nummer zwei. Ein Sadist wie sein Chef.

»Haben Sie seine Leiche gesehen?«, fragt Orduña.

»Seinen Kopf hab ich gesehen«, sagt Keller. »Ein Körper war nicht mehr dran. Genügt das?«

»Muss es wohl«, sagt Orduña lächelnd.

Tatsächlich hat Keller Fortys Kopf gar nicht gesehen. Was er gesehen hat, war Fortys Gesicht, das ihm jemand abgezogen und an einen Fußball genäht hatte.

»Ist Ruiz aufgetaucht?«, fragt Keller.

»Noch nicht«, erwidert Orduña.

»Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, hat er gelebt«, sagt Keller.

Und Ochoa zur lodernden Fackel gemacht. Danach hatte er in einem alten Innenhof der Majas gestanden und einem Jungen zugesehen, der einen sehr bizarren Fußball herumkickte.

»Vielleicht ist er einfach abgehauen«, sagt Orduña.

»Kann sein.«

»Wir sollten uns bei Ihren Leuten melden. Die haben ungefähr alle fünfzehn Minuten angerufen.« Orduña gibt eine Nummer in ein Prepaid-Handy ein und sagt: »Taylor? Raten Sie mal, wen ich hier habe.«

Keller nimmt das Handy und hört Tim Taylor, den Leiter des Southwest District der DEA: »Verdammt, wir haben gedacht, du bist tot.«

»Tut mir leid, dass ich dich enttäuschen muss.«


Sie warten auf ihn im Adobe Inn in Clint, Texas, an einer abgelegenen Schnellstraße ein paar Meilen östlich von El Paso.

Bei dem Zimmer handelt es sich um ein »Studio-Apartment«, wie es in Motels Standard ist, ein großes Wohnzimmer mit Küchenzeile, Mikrowelle, Kaffeemaschine, kleinem Kühlschrank – dazu ein Sofa mit Beistelltisch, ein paar Stühle und ein Fernseher. Ein schlechtes Gemälde von einem Sonnenuntergang hinter einem Kaktus. Links führt eine jetzt geöffnete Tür in ein Schlaf- und ein Badezimmer. Ein guter, unauffälliger Ort für die »Einsatz-Nachbesprechung«.

Im Fernseher läuft leise CNN.

Tim Taylor sitzt auf dem Sofa, schaut auf den Laptop-Bildschirm auf dem Wohnzimmertisch. Ein Satellitentelefon steht neben dem Computer.

John Downey, der militärische Kommandant der Razzia, wartet an der Mikrowelle, bis irgendwas fertig aufgewärmt ist. Keller sieht, dass er seinen Kampfanzug ausgezogen, geduscht und sich rasiert hat, jetzt trägt er ein pflaumenfarbenes Polohemd zu Jeans und Tennisschuhen.

Ein weiterer Mann, einer von der CIA, den Keller als Rollins kennt, sitzt auf einem der Stühle und schaut fern.

Downey blickt auf, als Keller hereinkommt. »Wo zum Teufel hast du gesteckt, Art? Wir haben dich über Satellit gesucht, Helikopter rausgeschickt …«

Keller sollte Barrera herausholen. Das war der Deal. Keller fragt: »Wie geht’s euren Leuten?«

»Vruumm.« Downey gestikuliert wie ein aufgescheuchter Schwarm Wachteln. Keller weiß, dass sich die Sondereinsatzkräfte innerhalb von zwölf Stunden über das gesamte Land, wenn nicht gar die ganze Welt verteilen und frei erfundene Geschichten verbreiten werden, wo sie angeblich waren. »Ruiz ist der Einzige, dessen Schicksal noch ungeklärt ist. Ich hatte gehofft, dass er mit dir raus ist.«

»Ich hab ihn nach dem Feuergefecht noch gesehen«, sagt Keller. »Er ist raus.«

»Heißt das, Ruiz ist verschwunden?«, fragt Rollins.

»Um den müssen Sie sich keine Sorgen machen«, sagt Keller.

»Sie sind für ihn verantwortlich«, entgegnet Rollins.

»Scheiß auf Ruiz«, sagt Taylor. »Was ist mit Barrera?«

»Sag du’s mir.«

»Wir haben nichts von ihm gehört.«

»Dann vermute ich, dass er’s nicht geschafft hat«, sagt Keller.

»Du wolltest nicht in den Hubschrauber steigen.«

»Er musste los«, sagt Keller, »und ich musste Barrera suchen.«

»Aber Sie haben ihn nicht gefunden«, sagt Rollins.

»Kommando-Einsätze sind kein Zimmerservice«, erwidert Keller. »Man bekommt nicht immer das, was man bestellt. Da kann alles Mögliche passieren.«

Und zwar ziemlich schnell.

Sie waren mit dem Hubschrauber in ein bereits begonnenes Feuergefecht geflogen, die Zetas hatten die Sinaloaner abgeschlachtet. Dann wurde der Hubschrauber, in dem Keller saß, von einer Boden-Luft-Rakete getroffen, ein Mann starb, und ein weiterer wurde verletzt. Anstatt sich abzuseilen, war ihnen nichts anderes übrig geblieben als eine »harte Landung« mitten im Kampfgebiet. Später musste das gesamte Team mit dem einzigen verbliebenen Hubschrauber ausgeflogen werden.

Wir hatten Glück, dass wir da überhaupt rausgekommen sind, denkt Keller, an das eigentliche Ziel, die Zeta-Spitze auszuschalten, war nicht mehr zu denken. Und wenn es uns nicht gelungen ist, Barrera rauszuholen, na ja …

»Wichtigstes Einsatzziel, so wie ich es verstanden habe«, sagt Keller, »war doch die Eliminierung der führenden Zetas. Sollte Barrera dabei zum Kollateralschaden geworden sein …«

»Umso besser?«, fragt Rollins.

Alle wissen, dass Keller Barrera hasst.

Dass der Drogenbaron Kellers Partner gefoltert und ermordet hat.

Und dass er ihm dies nie vergessen, geschweige denn verzeihen wird.

»Ich werde keine Krokodilstränen um Adán Barrera weinen«, sagt Keller. Er kennt die Situation in Mexiko besser als alle anderen Anwesenden. Ob es einem gefällt oder nicht, das Sinaloa-Kartell ist Garant der Stabilität in Mexiko. Zerfällt das Kartell ohne Barrera, könnte auch der unsichere Frieden darunter leiden. Auch das wusste Barrera – aufgrund dieser Konstellation hatte er sowohl mit der mexikanischen wie auch der amerikanischen Regierung hart verhandelt, sodass diese ihn in Ruhe ließen und stattdessen gegen seine Feinde vorgingen.

Die Mikrowelle klingelt, und Downey zieht ein Fertiggericht heraus. »Stouffers Lasagne. Der Klassiker.«

»Wir wissen nicht, ob Barrera tot ist«, sagt Keller. »Wurde denn seine Leiche gefunden?«

»Nein«, sagt Taylor.

»Die von der D-2 sind jetzt vor Ort«, sagt Rollins und meint die paramilitärische Geheimdienstagentur Guatemalas. »Sie haben Barrera nicht gefunden. Übrigens auch keine der eigentlichen Zielpersonen.«

»Ich kann persönlich bestätigen, dass beide Zielpersonen ausgeschaltet wurden«, sagt Keller. »Ochoa ist Grillkohle und Forty … na ja, das wollen Sie gar nicht wissen. Ich versichere Ihnen, beide sind Vergangenheit.«

»Hoffen wir lieber, dass das nicht auch für Barrera gilt«, sagt Rollins. »Verliert das Sinaloa-Kartell an Stabilität, wirkt sich das auf ganz Mexiko aus.«

»Das Gesetz der unbeabsichtigten Folgen«, sagt Keller.

Rollins sagt: »Wir hatten eigens eine Vereinbarung mit der mexikanischen Regierung getroffen, das Leben von Adán Barrera zu schützen. Wir haben ihm Sicherheit garantiert. Das ist hier nicht Vietnam, Keller. Wir sind nicht in Phoenix. Sollten wir herausbekommen, dass Sie gegen die Vereinbarung verstoßen haben, werden wir …«

Keller steht auf. »Sie werden einen Scheiß, weil das eine ungenehmigte, illegale Operation war, die offiziell ›nie stattgefunden‹ hat. Was wollen Sie machen? Mir ein Verfahren anhängen? Mich in den Zeugenstand stellen? Mich unter Eid aussagen lassen, dass wir einen Deal mit dem weltweit größten Drogenhändler eingegangen sind? Dass ich beteiligt war an einem von den Vereinigten Staaten finanzierten Einsatz mit dem Ziel, dessen Konkurrenten auszuschalten? Ich will Ihnen einen Rat geben, und diejenigen von uns, die wir die echte Arbeit machen, beherzigen ihn übrigens längst – ziehen Sie nie Ihre Waffe, wenn Sie nicht auch bereit sind abzudrücken. Sind Sie bereit abzudrücken?«

Keine Antwort.

»Das dachte ich mir«, sagt Keller. »Nur fürs Protokoll, ich wollte Barrera töten, ich wünschte, ich hätte ihn getötet, aber ich habe es nicht getan.«

Er steht auf und geht raus.

Taylor folgt ihm. »Wo gehst du hin?«

»Das geht dich nichts an, Tim.«

»Nach Mexiko?«, fragt Taylor.

»Ich arbeite nicht mehr für die DEA«, sagt Keller. »Ich arbeite nicht für dich. Du kannst mir nicht vorschreiben, wohin ich zu gehen habe.«

»Die werden dich töten, Art«, sagt Taylor. »Wenn nicht die Zetas, dann die Sinaloaner.«

Wahrscheinlich, denkt Keller.

Aber wenn ich nicht gehe, töten sie mich auch.

Er fährt nach El Paso, in sein Apartment in der Nähe von EPIC, dem El Paso Intelligence Centre. Steigt aus den schmutzigen und verschwitzten Klamotten, duscht lange und heiß. Dann geht er ins Schlafzimmer und legt sich hin, plötzlich ist ihm bewusst, dass er fast zwei Tage lang nicht geschlafen hat und völlig erschöpft ist, erledigt.

Aber er ist zu müde zum Schlafen.

Er steht auf, zieht ein weißes Hemd mit Button-down-Kragen an, dazu eine Jeans, und holt die kleine Sig 380 aus dem Waffensafe in seinem Schlafzimmerschrank. Befestigt das Holster an seinem Gürtel, zieht eine marineblaue Windjacke drüber und geht.

Nach Sinaloa.


Keller kam zum ersten Mal in den Siebzigerjahren als junger DEA-Agent nach Culiacán, als die Stadt das Epizentrum des mexikanischen Drogenhandels war.

Und jetzt ist sie es wieder, denkt er auf dem Weg durch den Terminal zum Taxistand. Der Kreis hat sich geschlossen.

Adán Barrera war damals nicht mehr als ein junger Rabauke, der es als Manager im Box-Geschäft zu was bringen wollte.

Sein Onkel aber, ein Cop aus Sinaloa, war dort der zweitgrößte Opiumbauer und gab sich alle Mühe, der größte zu werden. Damals brannten wir die Mohnfelder ab, besprühten sie mit Gift, vertrieben die Bauern aus ihren Häusern, und irgendwie geriet Adán in einen dieser Einsätze. Die Federales wollten ihn in der Luft aus dem Flugzeug werfen, aber ich griff ein und rettete ihm das Leben.

Der erste von sehr vielen Fehlern, denkt Keller.

Die Welt wäre eine sehr viel bessere, hätte ich zugesehen, wie sie mit dem jungen Adán Rocky the Flying Squirrel spielen, statt dafür zu sorgen, dass er weiterlebt und zum größten Drogenhändler der Welt aufsteigt.

Damals waren wir sogar Freunde gewesen.

Freunde und Verbündete.

Kaum zu glauben.

Und noch schwerer zu akzeptieren.

Er steigt in ein Taxi und bittet den Fahrer, ihn ins Centro zu bringen, in die Innenstadt.

»Wohin genau?«, fragt der Fahrer, mustert Keller im Rückspiegel.

»Egal«, sagt Keller. »Hauptsache Sie haben Zeit, Ihre Chefs anzurufen und ihnen zu stecken, dass sich ein fremder yanqui in der Stadt aufhält.«

Die Taxifahrer in den mexikanischen Großstädten mit starker Narco-Präsenz sind halcones, »Falken«, Spitzel im Auftrag der Kartelle. Zu ihren Aufgaben gehört die Überwachung der Flughäfen, Bahnhöfe und Straßen, sie informieren die Mächtigen darüber, wer in die Stadt kommt und wer sie verlässt.

»Ich kann Ihnen viel Mühe ersparen«, sagt Keller. »Sagen Sie demjenigen, den Sie anrufen, wer auch immer es ist, dass Art Keller bei Ihnen im Wagen sitzt. Die sagen Ihnen dann schon, wohin Sie mich bringen sollen.«

Der Fahrer hängt sich ans Telefon.

Er braucht mehrere Anrufe, und mit jedem klingt seine Stimme angespannter. Keller kennt das Prozedere – der Fahrer ruft den Leiter seiner Zelle an, der wiederum seinen Vorgesetzten, und so geht das Stufe um Stufe immer weiter, bis der Name »Art Keller« schließlich ganz oben angekommen ist.

Keller schaut aus dem Fenster, während das Taxi über die Route 280 in die Stadt fährt, und sieht die Mahnmale an der Straße für die gefallenen Narcos – größtenteils junge Männer –, umgekommen im Drogenkrieg. Teilweise sind es einfach nur Blumensträuße und Bierflaschen neben billigen Holzkreuzen, oder farbige, zwischen zwei Stangen aufgespannte Transparente mit Fotos des Verstorbenen, während für andere aufwendige Marmorsteine aufgestellt wurden.

Die meisten sind ein Jahr alt oder älter – seit Barrera den Krieg mit dem Sinaloa-Kartell (und deiner Hilfe, denkt Keller) gewonnen und den sogenannten »Pax Sinaloa« herbeigeführt hat, der Mexiko einen relativen Frieden brachte, gab es weniger Morde.

Bald werden wieder neue Mahnmale errichtet, denkt er, wenn die Nachricht über das »Massaker von Dos Erres« die Stadt erreicht. Hundert sinaloanische Sicarios sind mit Barrera nach Guatemala gefahren; und nur wenige werden zurückkommen.

Und auch in den Hochburgen der Zetas, Chihuahua und Tamaulipas im Nordosten des Landes, wird es Mahnmale geben, wenn die eigenen Soldaten nicht zurückkehren.

Die Zetas haben keine Zugkraft mehr, das weiß Keller. Einst drohten sie ernsthaft, die Regierung des Landes zu übernehmen, aber jetzt ist das paramilitärische Kartell aus ehemaligen Sondereinsatzkräften führerlos und lahmgelegt, Orduña hat die besten Leute eliminiert, sie liegen tot in Guatemala.

Jetzt gibt es niemanden, der Sinaloa gefährlich werden kann.

»Ich soll Sie nach Rotarismo bringen«, sagt der Fahrer und klingt nervös dabei.

Rotarismo ist ein Viertel am nördlichen Stadtrand, kurz vor den unbewohnten Bergen und Feldern.

Kein Problem, dort eine Leiche zu verscharren.

»In eine Autolackiererei«, sagt der Fahrer.

Umso besser, denkt Keller.

Dann ist das Werkzeug schon da.

Mit dem sich ein Wagen oder ein Mensch in seine Einzelteile zerlegen lässt.


Eine geheime Zusammenkunft hochrangiger Narcos erkennt man immer an der Anzahl der vor dem Haus parkenden SUVs, und das hier scheint ein größeres Treffen zu sein, denkt Keller, als sie vorfahren, denn hier reihen sich ein Dutzend Suburbans und Expeditions vor der Werkstatt auf, Waffen lugen daraus hervor wie die Stacheln eines Stachelschweins.

Die Läufe sind auf das Taxi gerichtet, und Keller fürchtet, der Fahrer könnte sich in die Hose pissen.

»Tranquilo«, sagt Keller.

Einige uniformierte Sicarios patrouillieren zu Fuß vor dem Gebäude. Das ist jetzt in allen Zweigen sämtlicher Kartelle so, weiß Keller – jede Abteilung hat eine eigene bewaffnete Sicherheitseinheit mit eigener Uniform.

Diese hier tragen Kappen von Armani und Westen von Hermès.

Was Keller ein bisschen exzentrisch findet.

Ein Mann kommt aus der Garage auf das Taxi zugeeilt. Er gibt dem Fahrer eine Handvoll Scheine und erklärt ihm, dass er nie hier war. Dann öffnet er die Hintertür auf der Beifahrerseite und blafft Keller an, er möge verdammt noch mal aussteigen.

Keller kennt den Mann. Terry Blanco ist ein ranghoher Polizist aus Sinaloa. Er stand von seinem ersten Tag im Polizeidienst an auf der Gehaltsliste des Kartells, und inzwischen durchziehen silbrige Strähnen sein schwarzes Haar.



Blanco sagt: »Sie haben keine Ahnung, was hier in der Gegend los ist.«

»Deshalb bin ich gekommen«, sagt Keller. »Wer ist da drin?«

»Nuñez«, sagt Blanco.

»Na, dann los.«

»Keller, wenn Sie da reingehen«, sagt Blanco, »kommen Sie vielleicht nicht wieder raus.«

»Ist nichts Neues, Terry, passiert mir ständig«, sagt Keller.

Blanco geht mit ihm durch die Werkstatt, vorbei an den Arbeitsstationen und Hebebühnen, bis in einen großen Raum mit Zementboden, der eher an einen Lagerraum erinnert.

Dieselbe Szene wie im Motel, denkt Keller.

Nur andere Spieler.

Aber derselbe Ablauf – einige telefonieren, andere sitzen an Laptops, versuchen, Informationen zu bekommen, etwas über den Aufenthaltsort von Adán Barrera zu erfahren. Es ist dunkel hier – keine Fenster, aber dicke Mauern –, genau das, was man braucht in diesem Klima, entweder ist es glühend heiß in der Sonne oder eisig kalt im Nordwind. Man will verhindern, dass das Wetter oder neugierige Blicke eindringen. Und sollte jemand hier sterben, schreien, weinen oder flehen, werden die Mauern dafür sorgen, dass alles im Gebäude bleibt.

Keller folgt Blanco zu einer Tür hinten.

Sie öffnet sich in einen kleinen Raum.

Blanco macht Keller Zeichen, einzutreten, und schließt die Tür hinter sich.

Ein Mann, den Keller kennt, sitzt am Schreibtisch und telefoniert. Mit seinem grau melierten Haar, dem gepflegten Ziegenbärtchen, dem Hahnentrittjackett und der Strickkrawatte wirkt er distinguiert und als würde er sich in der öligen Atmosphäre eines Werkstatthinterzimmers ausgesprochen unwohl fühlen.

Ricardo Nuñez.

»El Abogado« – der Anwalt.

Als ehemaliger Staatsanwalt war er zunächst Wärter im Gefängnis Puente Grande und hatte 2004, nur wenige Wochen vor Barreras »Flucht«, seine Stelle gekündigt. Keller hatte ihn vernommen, wobei er seine Unschuld beteuert hatte. Dennoch wurde ihm die Lizenz entzogen, und er arbeitete fortan als Barreras rechte Hand, verdiente angeblich Hunderte von Millionen mit dem Kokainhandel.

Er beendete sein Telefonat und schaute zu Blanco auf. »Lässt du uns einen Augenblick allein, Terry?«

Blanco geht raus.

»Was machen Sie hier?«, fragt Nuñez.

»Ihnen die Mühe ersparen, mich ausfindig zu machen«, sagt Keller. »Sie wissen anscheinend, was in Guatemala los war.«

»Adán hat mich ins Vertrauen gezogen und mir von der Vereinbarung erzählt«, sagt Nuñez. »Was ist da unten passiert?«

Keller wiederholt, was er den Leuten in Texas berichtet hat.

»Sie hätten El Señor rausholen müssen«, sagt Nuñez. »Das war so vereinbart.«

»Die Zetas sind mir zuvorgekommen«, sagt Keller. »Er war leichtsinnig.«

»Sie haben keine Informationen über Adáns Aufenthaltsort?«, fragt Nuñez.

»Nur was ich Ihnen gerade gesagt habe.«

»Die Familie ist krank vor Sorge«, sagt Nuñez. »Es ist absolut nichts durchgesickert, und es wurde keine Leiche gefunden.«

Keller hört Tumulte draußen – Blanco sagt jemandem, dass er nicht reinkommen darf –, dann fliegt die Tür auf, knallt gegen die Wand.

Drei Männer platzen rein.

Der erste ist jung – Ende zwanzig oder Anfang dreißig –, schwarze Lederjacke von Yves St. Laurent, die mindestens dreitausend Dollar gekostet haben muss, Rokker Jeans, Air Jordans. Das lockige schwarze Haar für circa fünfhundert Dollar frisiert, modische Stoppeln zieren sein Kinn.

Er ist aufgebracht.

Wütend, angespannt.

»Wo ist mein Vater?«, will er von Nuñez wissen. »Was ist mit meinem Vater passiert?«

»Das wissen wir noch nicht«, sagt Nuñez.

»Was zum Teufel soll das heißen, du weißt es nicht?!«

»Reg dich nicht auf, Iván«, sagt einer der anderen. Ein weiterer junger Mann, ebenfalls teuer gekleidet, aber schlampiger, unrasiert, die zotteligen schwarzen Haare unter einer Basecap versteckt. Er wirkt angetrunken oder high, oder beides. Keller kennt ihn nicht, aber der Erste muss Iván Esparza sein.

Früher bestand das Sinaloa-Kartell aus drei Flügeln – dem von Barrera, dem von Diego Tapia und dem von Ignacio Esparza. Barrera war der Boss – der erste unter drei gleichberechtigten Partnern, aber »Nacho« Esparza genoss ebenfalls großen Respekt und wurde nicht umsonst Barreras Schwiegervater. Um das Bündnis zu festigen, hatte er seine Tochter Eva mit dem Drogenbaron verheiratet.

Dieser Junge, denkt Keller, muss also Esparzas Sohn und Adáns Schwager sein. Laut Geheimdienstberichten kontrolliert Iván Esparza inzwischen Baja, eine für das Kartell äußerst wichtige Plaza, mit den ganz entscheidenden Grenzübergängen Tijuana und Tecate.

»Ist er tot?!«, brüllt Iván. »Ist mein Vater tot?!«

»Wir wissen nur, dass er mit Adán in Guatemala war«, sagt Nuñez.

»Scheiße!« Iván schlägt mit der Hand auf den Tisch. Er sieht sich nach jemandem um, an dem er seine Wut auslassen kann, und entdeckt Keller. »Wer zum Teufel sind Sie?«

Keller antwortet nicht.

»Ich hab Sie was gefragt«, sagt Iván.

»Ich hab’s gehört.«

»Pinche gringo, scheiße –«

Er will auf Keller losgehen, aber der Dritte stellt sich dazwischen.

Keller kennt ihn von Geheimdienstfotos. Tito Ascensión war Nacho Esparzas Sicherheitschef gewesen, ein Mann, den selbst die Zetas fürchteten; aus gutem Grund, denn er hatte Dutzende von ihnen brutal ermordet. Zur Belohnung hatte er seine eigene Organisation in Jalisco bekommen. Wegen seines massigen Körperbaus, seines großen schiefen Kopfes, seines Kampfhundcharakters und seines Hangs zur Gewalt hatte er den Spitznamen »El Mastín« – der Mastiff.

Er packt Iván am Oberarm und hält ihn fest.

Nuñez schaut den anderen jungen Mann an. »Wo bist du gewesen, Ric? Ich hab überall angerufen.«

Ric zuckt mit der Schulter.

Als wollte er sagen, was macht das für einen Unterschied, wo ich war?

Nuñez legt die Stirn in Falten.

Wie der Vater, so der Sohn, denkt Keller.

»Ich habe gefragt, wer der Kerl ist«, sagt Iván. Er macht sich von Ascención los, versucht aber nicht noch einmal, auf Keller loszugehen.

»Adán hat gewisse – Abmachungen getroffen«, sagt Nuñez. »Der Mann hier war mit ihm in Guatemala.«

»Haben Sie meinen Vater gesehen?«, fragt Iván.

Ich habe jemanden gesehen, der deinem alten Herrn ähnlich sah, denkt Keller. Was von der unteren Hälfte übrig war, lag in der Asche eines schwelenden Feuers. »Ich denke, Sie sollten sich an den Gedanken gewöhnen, dass Ihr Vater wahrscheinlich nicht wieder zurückkommt.«

Iván macht ein Gesicht wie ein Hund, der gerade erfährt, dass er sein geliebtes Herrchen verloren hat.

Verwirrung.

Trauer.

Wut.

»Woher wissen Sie das?«, fragt Iván Keller.

Ric schlingt die Arme um Iván. »Tut mir leid, mano.«

»Dafür wird jemand bezahlen«, sagt Iván.

»Ich hab Elena am Telefon«, sagt Nuñez. Er stellt auf »Lautsprecher«. »Elena, hast du sonst noch was gehört?«

Das muss Elena Sanchez sein, denkt Keller, Adáns Schwester, die Baja den Esparzas übergeben und sich aus den Familiengeschäften zurückgezogen hat.

»Nichts, Ricardo. Du?«

»Uns wurde bestätigt, dass Ignacio nicht mehr am Leben ist.«

»Weiß Eva das schon? War jemand bei ihr?«

»Noch nicht«, sagt Nuñez. »Wir wollten warten, bis wir etwas Definitives wissen.«

»Jemand sollte zu ihr fahren«, sagt Elena. »Sie hat ihren Vater verloren und vielleicht auch ihren Mann. Die armen Jungs …«

Eva hat Zwillinge von Adán, zwei Jungen.

»Ich fahre hin«, sagt Iván. »Ich bringe sie zu meiner Mutter.«

»Die wird auch trauern«, sagt Nuñez.

»Ich fliege runter.«

»Brauchst du jemanden, der dich vom Flughafen abholt und fährt?«, fragt Nuñez.

»Wir haben immer noch Leute dort, Ricardo.«

Die haben völlig vergessen, dass ich da bin, denkt Keller.

Komischerweise fällt es ausgerechnet demjenigen wieder ein, der so stoned wirkt – ist das Ric? »Äh, was machen wir mit dem?«

Wieder Unruhe draußen.

Rufe.

Fausthiebe und klatschende Ohrfeigen.

Stöhnlaute, Schreie.

Jetzt haben sie mit den Verhören begonnen, denkt Keller. Das Kartell treibt Leute zusammen, verdächtige Zetas, mögliche Verräter, guatemaltekische Verbündete – um an Informationen zu gelangen.

Egal, mit welchen Mitteln.

Keller hört, wie Ketten über den Betonboden gezogen werden.

Das Zischen eines Brennschneiders.

Nuñez blickt zu Keller auf und hebt die Augenbrauen.

»Ich bin hier, weil ich Ihnen sagen möchte, dass ich fertig bin«, sagt Keller. »Für mich ist es jetzt vorbei. Ich werde in Mexiko bleiben, aber ich bin raus. Sie werden nichts mehr von mir hören, und ich erwarte auch nicht, etwas von Ihnen zu hören.«

»Sie spazieren einfach davon, und mein Vater bleibt auf der Strecke?«, fragt Iván. Er zieht eine 9mm Glock aus der Jacke und richtet sie auf Kellers Gesicht. »Das glaube ich kaum.«

Der Fehler eines jungen Mannes.

Die Waffe zu dicht an die Person zu halten, die man töten möchte.

Im selben Augenblick, in dem Keller vor dem Lauf zurückweicht, schnellt seine Hand vor, packt den Lauf der Waffe, dreht ihn herum und entreißt sie Iván. Dann rammt er sie diesem dreimal ins Gesicht, hört den Wangenknochen brechen, sieht Iván wie einen abgelegten Morgenrock vor Kellers Füßen auf den Boden gleiten.

Ascención tritt näher, aber Keller legt Ric Nuñez seinen Unterarm um die Kehle und hält ihm seine Waffe an die Schläfe. »Nein.«

El Mastín erstarrt.

»Was zum Teufel hab ich verbrochen?«, fragt Ric.

»Ich erkläre euch, wie das jetzt läuft«, sagt Keller. »Ich gehe hier raus. Ich werde mein Leben leben, ihr lebt eures. Wenn ihr mich verfolgt, bringe ich euch alle um. ¿Entiendes?«

»Verstanden«, sagt Nuñez.

Mit Ric vor sich als Schutzschild, geht Keller rückwärts aus dem Raum.

Er sieht an die Wände gekettete Männer, Blutlachen, es stinkt nach Schweiß und Urin. Niemand rührt sich, alle beobachten ihn, wie er sich aus dem Raum zurückzieht und nach draußen verschwindet.

Für die drinnen Angeketteten kann er nichts tun.

Absolut nichts.

Zwanzig Gewehrläufe sind auf ihn gerichtet, aber niemand will das Risiko eingehen, den Sohn vom Chef zu treffen. Keller greift hinter diesen, öffnet die Beifahrertür des Taxis, dann stößt er Ric zu Boden.

Er drückt den Lauf seiner Waffe an die Rückenlehne des Fahrers. »Ándale.«

Auf der Rückfahrt entdeckt Keller das erste Mahnmal für Adán Barrera am Straßenrand.

Ein Transparent mit der aufgesprühten Aufschrift – Adán viva.

Adán lebt.


Juárez ist eine Geisterstadt.

Das denkt Art Keller bei der Durchfahrt.

Über zehntausend Juarense wurden getötet, als Adán Barrera die Stadt übernahm, die er dem alten Juárez-Kartell abspenstig gemacht hatte, um über einen weiteren Zugang zu den Vereinigten Staaten zu verfügen. Vier Brücken – die Stanton Street Bridge, die Ysleta International Bridge, die Paso del Norte Bridge und die Bridge of the Americas, die sogenannte »Brücke der Träume«.

Zehntausend Menschenleben, damit Barrera diese Brücken bekommt.

Während der fünf Jahre, in denen das Sinaloa- und das Juárez-Kartell Krieg gegeneinander führten, waren über dreihunderttausend Juarense aus der Stadt geflohen, und die Einwohnerzahl sank auf anderthalb Millionen.

Ein Drittel der Bevölkerung leidet unter posttraumatischen Belastungsstörungen.

Keller wundert, dass es nicht viel mehr sind. Zum Höhepunkt der Auseinandersetzungen gewöhnten sich die Bürger von Juárez daran, über die Leichen auf den Gehwegen einfach drüberzusteigen. Die Kartelle instruierten die Fahrer der Rettungswagen, welche Verletzten sie mitnehmen und welche sie sterben lassen mussten. Krankenhäuser wurden angegriffen, ebenso wie Obdachlosenunterkünfte und Einrichtungen der Drogenhilfe.

Das Stadtzentrum war praktisch ausgestorben. Die Hälfte der Restaurants und ein Drittel der Bars in dieser einst für ihr Nachtleben so berühmten, pulsierenden Stadt mussten schließen. Geschäfte gingen pleite. Der Bürgermeister, der Stadtrat und die meisten Polizisten zogen auf die andere Seite der Brücken nach El Paso.

Aber in den letzten Jahren war die Stadt allmählich zurückgekehrt. Erneut ließen sich Unternehmen nieder, Geflohene kehrten nach Hause zurück, und die Mordrate sank – 2012 gab es weniger als achthundert Morde, 2013 lag die Zahl bei unter fünfhundert.

Keller weiß, dass die Gewalt aus einem einzigen Grund zurückgegangen war.

Sinaloa hatte den Krieg gewonnen.

Und den sogenannten »Pax Sinaloa« durchgesetzt.

Also dann, fick dich, Adán, denkt Keller, als er um die Plaza del Periodista mit der Statue des Zeitungsjungen fährt.

Zur Hölle mit deinen Brücken.

Und zur Hölle mit deinem Frieden.

Keller kann niemals die Plaza umrunden, ohne die Überreste seines Freundes Pablo dort verteilt zu sehen.

Pablo Mora war Journalist gewesen und hatte es mit den Zetas aufgenommen, indem er in einem Blog auf die Verbrechen der Narcos hinwies. Sie entführten und folterten ihn zu Tode, zerstückelten seine Leiche und verteilten die einzelnen Körperteile um die Statue des Zeitungsjungen herum.

So viele Journalisten wurden ermordet, denkt Keller, als die Kartelle begriffen, dass sie nicht nur das Geschehen, sondern auch die Berichterstattung darüber kontrollieren mussten.

Größtenteils nahmen die Medien sich einfach keiner Narco-Themen mehr an.

Weshalb Pablo seinen Blog ins Leben rief, eigentlich fast Selbstmord.

Dann war da noch Jimena Abarca, sie war Bäckerin aus einer Kleinstadt im Juárez Valley, hatte sich den Narcos, den Federales, der Armee und der gesamten Regierung entgegengestellt. Sie ging in den Hungerstreik, um die Freilassung unschuldiger Gefangener zu erzwingen. Einer von Barreras Killern schoss ihr auf dem Parkplatz ihres Lieblingsrestaurants in Juárez neun Mal in die Brust.

Oder Giorgio, der Fotojournalist, der enthauptet wurde, weil er sich des Vergehens schuldig gemacht hatte, tote Narcos zu fotografieren.

Erika Valles wurde abgeschlachtet und aufgeschlitzt wie ein Huhn. Die Neunzehnjährige war so tapfer gewesen, als einzige Polizistin in einer Kleinstadt zu arbeiten, in der ihre letzten vier Vorgänger von Narcos getötet worden waren.

Und natürlich Marisol.

Dr. Marisol Cisneros ist Bürgermeisterin von Valverde, der Stadt im Juárez Valley, aus der auch Jimena Abarca stammte.

Sie übernahm das Amt, nachdem drei Bürgermeister vor ihr ermordet worden waren. Als die Zetas drohten, sie zu töten, blieb sie im Amt und räumte ihren Posten auch nicht, als sie sie in ihrem Wagen niederschossen, ihr Kugeln in den Magen, die Brust und die Beine jagten, ihr die Oberschenkelknochen und zwei Rippen brachen, außerdem einen Rückenwirbel verletzten.

Nach Wochen im Krankenhaus und monatelanger Genesung kam Marisol zurück und hielt eine Pressekonferenz. Sie war wunderschön, makellos frisiert und geschminkt und zeigte den Medien ihre Narben – sogar ihren Kolostomiebeutel –, sie sah direkt in die Kamera und erklärte den Narcos: Ich gehe wieder zurück an die Arbeit, und ihr werdet mich nicht aufhalten.

Für so viel Mut fehlten Keller die Worte.

Wenn amerikanische Politiker alle Mexikaner über einen Kamm scheren und ihnen Korrumpierbarkeit unterstellen, macht ihn das wütend. Er denkt an Menschen wie Pablo Mora, Jimena Abarca, Erika Valles und Marisol Cisneros.

Nicht alle Geister sind tot – einige sind noch unterwegs als Schatten derer, die sie hätten sein können.

Du bist selbst ein Geist, sagt er sich.

Ein Geist deiner selbst, du existierst in einer Schattenwelt.

Du bist nach Mexiko zurückgekehrt, weil du dich bei den Toten wohler fühlst als bei den Lebenden.


Der Highway, die Carretera Federal 2, verläuft östlich von Juárez parallel zur Grenze. Keller sieht Texas nur wenige Meilen entfernt.

Aber es könnte genauso gut auch eine ganze Welt entfernt sein.

Die mexikanische Bundesregierung hat die Armee geschickt, um den Frieden wiederherzustellen, und die Armee ging mindestens so brutal vor wie die Kartelle, wenn nicht brutaler. Tatsächlich kam es während der Zeit der Militärbesetzung zu einem Anstieg von Tötungsdelikten. Früher befanden sich auf dieser Straße alle paar Meilen Kontrollpunkte der Armee, die die Einheimischen fürchteten, weil es dort zu Erpressungen und willkürlichen Festnahmen kam, häufig endete es mit Prügel, Folter und Internierung in einem hastig errichteten Gefangenenlager weiter oben an der Straße.

Starb man nicht im Kreuzfeuer der Kartelle, wurde man von Soldaten ermordet.

Oder man verschwand.

Genau auf dieser Straße hatten die Zetas Marisol niedergeschossen, inzwischen war das fast vier Jahre her. Sie hatten sie in der Annahme, sie sei tot, blutend am Straßenrand liegen lassen. Der »Herr der Lüfte« hatte versprochen, für ihre Sicherheit zu sorgen, was einer der Gründe war, weshalb Keller sich vorübergehend auf ein Bündnis mit Barrera eingelassen hatte.

Keller schaut in den Rückspiegel, um sich zu vergewissern, aber er weiß, dass sie es nicht nötig haben, ihm zu folgen. Sie wissen längst, wohin er fährt, und werden es erfahren, wenn er ankommt. Das Kartell hat überall halcones. Polizisten, Taxifahrer, Kinder an Straßenecken, alte Frauen an Fenstern, Verkäufer hinter den Verkaufstresen. Heutzutage haben alle ein Handy und zücken es, um sich beim Sinaloa-Kartell anzubiedern.

Wenn sie mich töten wollen, werden sie mich töten.

Oder es zumindest versuchen.

Er fährt in die kleine Stadt Valverde, zwanzig rechteckig angeordnete Wohnblocks mitten in der Wüste. An den Häusern – diejenigen, die noch stehen, sind größtenteils aus Beton erbaut, nur hier und da gibt es ein paar Lehmziegel – fällt Keller auf, dass manche frisch in kräftigen Blau-, Rot- oder Gelbtönen gestrichen wurden.

Aber auch die Anzeichen des Krieges sind noch da, merkt er, als er auf die breite Hauptstraße fährt. Die Bäckerei Abarca, einst das soziale Zentrum der Stadt, ist nur noch ein Haufen Schutt und Asche, die Einschusslöcher an den Wänden, erinnern an Pockennarben, und einige der Gebäude sind noch immer verbarrikadiert und verlassen. Tausende von Menschen waren während des Krieges aus Juárez Valley geflohen, einige aus Angst, einige gezwungenermaßen aufgrund von Barreras Drohungen. Die Menschen wachten morgens auf und entdeckten auf der gegenüberliegenden Straßenseite Schilder mit Listen von Namen, Einwohnern, die noch am selben Tag abreisen sollten, andernfalls würde man sie töten.

Barrera entvölkerte manche Städte auch, um seine Anhänger dort anzusiedeln.

Im Prinzip kolonisierte er das Valley.

Jetzt sind die Kontrollpunkte der Armee verschwunden.

Der mit Sandsäcken geschützte Bunker auf der Hauptstraße ist weg, und einige alte Menschen sitzen in dem kleinen Pavillon auf dem Marktplatz, genießen die Nachmittagssonne, was sie sich noch vor wenigen Jahren nicht getraut hätten.

Auch entdeckt Keller eine kleine wiedereröffnete tienda, die Menschen haben jetzt also wieder einen Laden, wo sie alltäglich das Nötigste kaufen können.

Ein paar sind sogar nach Valverde zurückgekehrt, obwohl viele fortbleiben werden, trotzdem scheint sich die Stadt ein kleines bisschen erholt zu haben. Keller fährt an der Klinik vorbei und auf den Parkplatz vor dem Rathaus, das in einem zweistöckigen Betonklotz untergebracht ist, jedenfalls das, was von der Stadtverwaltung übrig ist.

Er parkt den Wagen und geht über die Außentreppe hinauf zum Büro der Bürgermeisterin.

Marisol sitzt an ihrem Schreibtisch, ihr Gehstock hängt an der Stuhllehne. Sie ist in Unterlagen vertieft und bemerkt Keller nicht.

Beim Anblick ihrer Schönheit bleibt ihm das Herz stehen.

Sie trägt ein schlichtes blaues Kleid, und ihre schwarzen Haare sind zurückgekämmt zu einem strengen Chignon, der ihre hohen Wangenknochen und dunklen Augen betont.

Er weiß, dass er niemals aufhören wird, sie zu lieben.

Marisol blickt auf, sieht ihn und lächelt. »Arturo.«

Sie nimmt ihren Stock und will aufstehen. Aufstehen und Hinsetzen fallen ihr noch immer schwer, und Keller entgeht nicht, dass sie ganz leicht zusammenzuckt, als sie sich hochstemmt. Eine der Kugeln hatte ihren Oberschenkelknochen zerschmettert, eine weitere einen Rückenwirbel angeknackst. Ihr Kleid ist so geschnitten, dass der Kolostomiebeutel nicht zu sehen ist, ein bleibendes Andenken an die Kugel, die ihren Dünndarm erwischte.

Die Zetas hatten ihr das angetan.

Keller war nach Guatemala gefahren, um Ochoa und Forty zu töten, die Männer, die den Anschlag befohlen hatten. Obwohl Marisol ihn angefleht hatte, keine Rache zu üben. Jetzt schlingt sie die Arme um seinen Hals und drückt ihn fest an sich. »Ich hatte schon Angst, du würdest nicht zurückkommen.«

»Du hast gesagt, du weißt nicht, ob du’s dir wünschst.«

»Das war schrecklich, was ich gesagt habe.« Sie legt ihren Kopf an seine Brust. »Es tut mir so leid.«

»Muss es nicht.«

Ein paar Sekunden lang schweigt sie, dann fragt sie: »Ist es vorbei?«

»Für mich schon.«

Er spürt, wie sie seufzt. »Was wirst du jetzt machen?«

»Keine Ahnung.«

Das ist wahr. Eigentlich hatte er nicht damit gerechnet, lebend aus Dos Erres zurückzukehren, und jetzt weiß er nicht so richtig, was er mit seinem Leben anfangen soll. Er weiß, dass er nicht zu Tidewater zurückkehren wird, dem Unternehmen, das für die Durchführung des Einsatzes in Guatemala zuständig war, und ganz sicher will er nicht wieder zur DEA. Was er aber stattdessen machen wird, keine Ahnung.

Er weiß nur, dass er jetzt hier ist, in Valverde.

Bei ihr.

Keller ist bewusst, dass es niemals wieder so werden wird, wie es mal war. Zu viel Trauer liegt dazwischen, zu viele geliebte Menschen wurden ermordet, jeder Tote ist ein Stein in einer Mauer, die so hoch zwischen ihnen aufragt, dass sie sich nicht mehr einreißen lässt.

»Heute Nachmittag hab ich Dienst in der Klinik«, sagt Marisol.

Sie ist die Bürgermeisterin der Stadt und gleichzeitig auch die Ärztin. Im Juárez Valley leben dreißigtausend Menschen, und sie ist die einzige Medizinerin.

Deshalb hat sie eine kostenlose Klinik in der Stadt aufgemacht.

»Ich bring dich hin«, sagt Keller.

Marisol hängt sich den Gehstock ans Handgelenk und hält sich am Geländer fest, während sie die Außentreppe nach unten gehen, hat Keller eine Heidenangst, sie könnte stürzen. Er geht hinter ihr her, hält eine Hand bereit, um sie aufzufangen.

»Ich mach das mehrmals am Tag, Arturo«, sagt sie.

»Ich weiß.«

Armer Arturo, denkt sie. Von ihm geht eine solche Traurigkeit aus.

Marisol weiß, welchen Preis er bereits für den langen Krieg bezahlen musste – sein Partner wurde ermordet, er selbst hat sich von seiner Familie entfremdet, und was er gesehen und getan hat, raubt ihm nachts den Schlaf – oder schlimmer noch, hält ihn in Albträumen gefangen.

Auch sie hat einen Preis bezahlt.

Die äußerlichen Verletzungen sind für jedermann sichtbar, die chronischen Schmerzen, die diese verursachen, vielleicht weniger, aber auch diese sind sehr real. Sie hat ihre Jugend und ihre Schönheit verloren – Arturo bildet sich ein, sie sei immer noch schön, aber machen wir uns nichts vor, denkt sie, ich bin eine Frau mit einem Gehstock in der Hand und einem Beutel voll Scheiße auf dem Rücken.

Das ist noch nicht das Schlimmste. Marisol ist einsichtig genug, um zu wissen, dass sie unter einem schweren Fall von Überlebensschuld-Syndrom leidet – warum hat sie überlebt und so viele andere nicht? –, und sie weiß, dass dieselbe Krankheit auch Arturo zu schaffen macht.

»Wie geht’s Ana?«, fragt Keller.

»Ich mache mir Sorgen um sie«, sagt Marisol. »Sie ist deprimiert, trinkt zu viel. Sie ist in der Klinik, du siehst sie gleich.«

»Wir sind ganz schön im Eimer, oder? Wir alle.«

»Ziemlich«, sagt Marisol.

Wir alle sind Veteranen eines unaussprechlichen Krieges, denkt sie, mit dem sie – um es modern auszudrücken – »nicht abschließen« können.

Es gibt keinen Sieg und keine Niederlage.

Keine Versöhnung und keine Kriegsverbrechertribunale. Und ganz bestimmt keine Paraden, keine Orden, keine Reden, kein Dankeschön einer erleichterten Nation.

Nur ein langsames, verwaschenes Schwinden der Gewalt.

Und ein Gefühl von Verlust, das die Seele zerstört, eine Leere, die nicht gefüllt werden kann, egal wie sehr sie sich auch mit der Arbeit im Amt oder der Klinik ablenkt.

Sie gehen am Marktplatz vorbei.

Die alten Menschen im Pavillon beobachten sie.

»Das wird die Gerüchteküche anheizen«, sagt Marisol. »Bis spätestens fünf Uhr hast du mich geschwängert. Um sieben sind wir verheiratet. Und um neun wirst du mich wegen einer Jüngeren verlassen haben, wahrscheinlich einer guera

Die Menschen in Valverde kennen Keller gut. Nachdem auf Marisol geschossen worden war, hatte er in ihrer Stadt gelebt, Marisol gesund gepflegt. Er war in ihre Kirche gegangen, hatte ihre Feiertage mit ihnen gefeiert und war bei ihren Beerdigungen gewesen. Auch wenn er nicht unbedingt einer von ihnen war, so war er doch auch kein Fremder, kein yanqui.

Sie lieben ihn, weil sie Marisol lieben.

Keller spürt den Wagen hinter ihnen mehr, als dass er ihn sieht, langsam greift er nach der Waffe unter seiner Windjacke und lässt die Hand am Griff. Der Wagen, ein alter Lincoln, schleicht hinter ihnen her. Der Fahrer und der Beifahrer machen sich nicht die Mühe, ihr Interesse an Keller zu verhehlen.

Keller nickt ihnen zu.

Der halcón nickt zurück, und der Wagen fährt weiter.

Sinaloa behält ihn im Auge.

Marisol bekommt nichts davon mit. Stattdessen fragt sie: »Hast du ihn getötet, Arturo?«

»Wen?«

»Barrera.«

»Da gibt es so einen alten, schlechten Witz«, sagt Keller, »über die Frau, die von ihrem Mann in der Hochzeitsnacht gefragt wird, ob sie noch Jungfrau sei, und sie antwortet: ›Warum wollen das immer alle von mir wissen?‹«

»Und warum wollen das alle von dir wissen?« Marisol merkt sehr wohl, wenn ihr jemand ausweicht. Sie hatten sich versprochen, sich niemals anzulügen, und Arturo ist ein Mensch, der zu seinem Wort steht. Da er ihr nicht direkt antwortet, vermutet sie, was in Wirklichkeit passiert ist. »Sag mir einfach die Wahrheit. Hast du ihn getötet?«

»Nein«, sagt Keller. »Nein, Mari, hab ich nicht.«


Elena Sanchez Barrera will nicht eingestehen, dass ihr Bruder tot ist – nicht mal sich selbst.

Die Familie hatte die Hoffnung aufrechterhalten, lange geschwiegen, erst Tage, dann Wochen und inzwischen monatelang und dabei gleichzeitig versucht, Informationen darüber zu bekommen, was in Dos Erres passiert war.

Bislang hatten sie nichts Neues erfahren. Und noch hatten die Behörden offenbar nicht öffentlich gemacht, was alle anderen wussten – anscheinend gingen weite Teile der Polizei davon aus, das Gerücht, Adán sei tot, sei gestreut worden, damit er sich der Festnahme entziehen konnte.

Von wegen, denkt Elena.

Die Bundespolizei ist praktisch ein Ableger des Sinaloa-Kartells und gehört diesem. Wir werden von der Regierung bevorzugt, weil wir ausgezeichnet zahlen, Ruhe und Ordnung wahren, und keine Barbaren sind. Die Vorstellung, Adán habe seinen eigenen Tod vorgetäuscht, um sich der Festnahme zu entziehen, ist absurd.

Wenn nicht die Polizei selbst dahintersteckt, dann die Medien.

Elena kannte den Begriff »Medienzirkus« bereits, hatte sich aber nie gänzlich klargemacht, was er bedeutete, bis die Gerüchte um Adáns Tod die Runde machten. Sie wurde belagert – Reporter besaßen sogar die Dreistigkeit, draußen vor ihrem Haus in Tijuana Stellung zu beziehen. Sie konnte nicht mehr zur Tür hinaus, ohne mit Fragen nach Adán belästigt zu werden.

»Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, ›ich weiß es nicht‹?«, hatte sie den Reportern gesagt. »Ich kann Ihnen nur versichern, dass ich meinen Bruder liebe und für seine Sicherheit bete.«

»Dann bestätigen Sie also, dass er vermisst wird?«

»Ich liebe meinen Bruder und bete für seine Sicherheit.«

»Stimmt es, dass Ihr Bruder einer der weltweit mächtigsten Drogenhändler war?«

»Mein Bruder ist Geschäftsmann. Ich liebe ihn und bete für seine Sicherheit.«

Jedes neue Gerücht löste einen Ansturm aus. Wir haben gehört, Adán hält sich in Costa Rica auf. Stimmt es, dass er sich in den Vereinigten Staaten versteckt? Adán wurde in Brasilien gesehen, in Kolumbien, Paraguay, Paris …

»Ich kann Ihnen nur sagen, dass ich meinen Bruder liebe und für seine Sicherheit bete.«

Die Hyänenmeute hätte die kleine Eva bei lebendigem Leibe zerfetzt und gefressen. Hätten sie sie gefunden. Nicht, dass sie’s nicht versucht hätten. Die Medien strömten nach Culiacán, im Distrikt Badiraguato. Einem ehrgeizigen Reporter in Kalifornien gelang es sogar, Evas Eigentumswohnung in La Jolla ausfindig zu machen. Als man sie dort nicht antraf, stürzten sie sich wieder auf Elena.

»Wo ist Eva? Wo sind die Söhne? Gerüchten zufolge wurden sie gekidnappt. Leben sie noch?«

»Señora Barrera hat sich zurückgezogen«, erklärte Elena. »Wir bitten Sie, ihre Privatsphäre in dieser schwierigen Zeit zu respektieren.«

»Sie sind Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.«

»Das sind wir nicht«, sagte Elena. »Wir sind zurückgezogen lebende Geschäftsleute.«

Das stimmte – Elena hatte sich vor elf Jahren aus der pista secreta zurückgezogen, sich bereit erklärt, die Plaza Baja an Adán zu übergeben, weil dieser sie Esparza überlassen wollte. Sie hatte es freiwillig und ganz bewusst getan – sie hatte das Morden satt, den Tod, der mit dem Geschäft einherging, und sie war zufrieden damit, von ihren vielen Investitionen zu leben.

Und Eva versteht vom Drogenhandel so viel wie von Teilchenphysik. Sie hat ein gutes Herz, ist schön und dumm. Aber fruchtbar. Ihren Zweck hat sie erfüllt. Sie hat Adán Söhne und Erben geschenkt. Die Zwillinge – Miguel und Raúl. Und was soll aus ihnen werden?, fragt sich Elena.

Eva ist eine junge Mexikanerin, eine Sinaloanerin. Jetzt, wo ihr Vater und ihr Mann offenbar tot sind, wird sie glauben, ihrem älteren Bruder gehorchen zu müssen, und Elena fragt sich, was Iván ihr gesagt hat.



Ich wüsste, was ich ihr sagen würde, denkt Elena. Du bist amerikanische Staatsbürgerin und deine Jungs auch. Du hast genug Geld, um den Rest deines Lebens in Saus und Braus zu verbringen. Nimm deine Söhne und verschwinde nach Kalifornien. Zieh deine Kinder fernab dieser Geschäfte groß, bevor du und sie noch eine weitere Generation darin gefangen bleiben. Es wird eine Weile dauern, aber irgendwann lässt der Medienzirkus nach, zieht weiter in die nächste Stadt.

Hoffentlich.

Die bizarre soziale Chemie dieses vulgären Zeitalters hat Adán zum wertvollsten öffentlichen Gut gemacht – einem Promi. Bilder von ihm – alte Polizeifotos, zufällige Schnappschüsse bei sozialen Ereignissen – sind ständig im Fernsehen zu sehen, auf Computerbildschirmen, den Titelseiten der Zeitungen. Der Ablauf und die näheren Umstände seiner Flucht aus dem Gefängnis 2004 werden ständig begeistert wiedergegeben. »Experten« finden sich zu Diskussionsrunden im Fernsehen zusammen und bekräftigen Adáns Macht, seinen Reichtum und Einfluss. Mexikanische »Zeugen« werden befragt, die von Adáns Liebe zu den Menschen schwärmen – den Kliniken, die er gebaut hat, den Schulen, den Spielplätzen (»Für euch ist er ein Drogenhändler. Für uns ist er ein Held.«).

Promikultur, denkt Elena.

Ein Widerspruch in sich.

Selbst wenn man die herkömmliche Presse kontrollieren könnte, so gleicht der Versuch, die sozialen Medien lenken zu wollen, doch dem, Quecksilber festzuhalten – es entgleitet einem und zerfällt in tausend oder mehr Teile. Das Internet, Twitter, Facebook laufen heiß mit »Nachrichten« über Adán Barrera – jedes Gerücht und Geraune, jede versteckte Andeutung oder Fehlinformation verbreitet sich wie ein Lauffeuer im Netz. Im Schutz digitaler Anonymität geben Menschen innerhalb der Organisation, die eigentlich wissen müssten, dass sie nichts verraten dürfen, alle verfügbaren Informationen weiter, mischen hier und da ein bisschen Wahrheit in das Gebräu aus Lügen.

Und das ungünstigste Gerücht von allen ist: Adán lebt.

Adán war gar nicht in Guatemala, sondern hat ein Double geschickt. Der Herr der Lüfte hatte seine Feinde überlistet.

Er liegt im Koma, versteckt sich in einem Krankenhaus in Dubai.

Ich habe Adán in Durango gesehen.

In Los Mochis, in Costa Rica, in Mazatlán.

Er ist mir im Traum begegnet. Der Geist Adáns kam zu mir und hat gesagt, dass alles gut werden wird.

Wie Jesus, denkt Elena, solange es keine Leiche gibt, ist Wiederauferstehung jederzeit möglich. Und wie Jesus hat auch Adán jetzt Jünger.

Elena geht vom Wohnzimmer in die riesige Küche. Sie hat überlegt, das Anwesen zu verkaufen und sich, jetzt, wo ihre Söhne erwachsen und aus dem Haus sind, etwas Kleineres zu suchen. Aber die Hausmädchen, die das Frühstück bringen, schauen weg, wirken beschäftigt. Die Angestellten erfahren so was immer zuerst, denkt Elena. Irgendwie bekommen sie schneller mit als wir, wer gestorben ist, wer geboren wurde, sich vorschnell verlobt oder eine heimliche Affäre begonnen hat. Elena schenkt sich einen Kräutertee ein und geht hinaus auf die Terrasse. Ihr Haus befindet sich in den Hügeln über der Stadt, und sie schaut hinunter in den Kessel voll mit schmutzigem Qualm, der Tijuana ist, und denkt an all das Blut, das ihre Familie vergossen hat – aktiv wie auch passiv –, um die Stadt zu beherrschen.

Ihr Bruder Adán und ihr Bruder Raúl – Letzterer war schon seit Langem tot – hatten das alles aufgebaut, Baja übernommen und ein nationales Imperium errichtet, das aufgestiegen, gefallen und jetzt wieder aufgestiegen und gefallen war …

Jetzt gehört Baja Iván Esparza.

Und er wird auch Adáns Krone übernehmen.

Solange Adáns Söhne noch im Kleinkindalter sind, ist Iván der Nächste in der Thronfolge und dem Ganzen ganz und gar nicht abgeneigt. Die Nachrichten aus Guatemala hatten ihn kaum erreicht, als er schon bereit war, seinen Vater und Adán für tot zu erklären und sich selbst als Nachfolger zu präsentieren.

Elena und Nuñez hatten ihm dies wieder ausgeredet.

»Das ist voreilig«, sagte Nuñez. »Wir wissen noch nicht sicher, dass sie tot sind, und du willst auch gar nicht an die Spitze des Unternehmens.«

»Warum nicht?«, wollte Iván wissen.

»Weil das zu gefährlich ist«, sagte Nuñez. »Zu ungeschützt. In Abwesenheit deines Vaters und Adáns wissen wir nicht, wer loyal bleibt.«

»Ein bisschen Unklarheit in Hinblick auf ihren Tod kann von Vorteil sein«, sagte Elena. »Der Zweifel daran, die Möglichkeit, sie könnten doch noch leben, wird die Wölfe noch eine Weile in Schach halten. Aber wenn du verkündest, dass der König tot ist, wird der ganze Adel bis hin zu den Rittern und Bauern glauben, das Kartell sei geschwächt, und die Chance ergreifen wollen, sich den Thron anzueignen.«

Iván erklärte sich widerwillig bereit zu warten.

Ein typischer Fall von einem verwöhnten Narco-Balg der dritten Generation, denkt Elena.

Aufbrausend mit einem starken Hang zur Gewalt. Adán hatte ihn nicht leiden können, ihm auch nicht vertraut, er hatte befürchtet, dass Iván nachrücken würde, sollte Nacho sterben oder sich zur Ruhe setzen.

Und mir geht es nicht anders, denkt Elena.

Die einzige Alternative sind ihre eigenen Söhne.

Sie sind Adáns wahre Neffen, in ihren Adern fließt Barrera-Blut. Ihr ältester Sohn Rudolfo hat seine Zeit inzwischen abgesessen, im übertragenen wie auch im wörtlichen Sinn. Er war noch jung in das Familienunternehmen eingestiegen, hatte Kokain von Tijuana nach Kalifornien verschoben, und das viele Jahre lang sehr erfolgreich – er hatte Nachtclubs gekauft, weltberühmte Bands und Boxer gemanagt. Seine Frau war wunderschön, und er hatte drei schöne Kinder.

Niemand liebte das Leben mehr als Rudolfo.

Dann verkaufte er in einem Motel in San Diego knapp zweihundertfünfzig Gramm Kokain an einen verdeckten Ermittler der DEA.

Zweihundertfünfzig Gramm, denkt Elena. So dumm und so wenig. Sie hatten tonnenweise Koks in die Staaten gebracht, und den armen Rudolfo erwischte es wegen weniger als einem halben Pfund. Der amerikanische Richter verurteilte ihn zu sechs Jahren in einem Bundesgefängnis.

Einem Hochsicherheitsknast.

Florence, Colorado.

Nur weil er ein »Barrera« war, jedenfalls denkt Elena das.

Die Familie setzte alles ein, was ihr zur Verfügung stand – Geld, Macht, Einfluss, Erpressung – und bekam ihn frei, na ja, Adán bekam ihn frei – nach nur achtzehn Monaten.

Nur achtzehn Monate, überlegt sie.

Anderthalb Jahre in einer Zelle von zwei mal dreieinhalb Metern Größe, dreiundzwanzig Stunden am Tag allein. Eine Stunde pro Tag zum Duschen oder für Sport in einem Käfig mit Blick auf den freien Himmel.

Als er über die Paso del Norte-Brücke nach Juárez zurückkam, erkannte Elena ihn kaum. Er wirkte ausgezehrt, bleich, gequält – ein Geist seiner selbst. Ihr lebensbejahender Sohn sah mit fünfunddreißig aus wie sechzig.

Das war vor einem Jahr.

Jetzt konzentriert Rudolfo sich auf seine »legalen« Unternehmen, die Nachtclubs in Culiacán und Cabo San Lucas, und auf die Musik – die verschiedenen Bands, die er produziert und promotet. Manchmal spricht er davon, wieder in die pista secreta einzusteigen, aber Elena weiß, dass er Angst hat, wieder ins Gefängnis zu müssen. Rudolfo wird sagen, dass er den Platz am Kopfende des Tisches möchte, aber damit belügt er sich selbst.

Um Luis, ihren Kleinen, macht sie sich keine Sorgen. Er hat das College besucht und ist Ingenieur geworden, der Gute, mit dem Familienunternehmen will er nichts zu tun haben.

Na schön, denkt Elena jetzt.

Haben wir das nicht immer gewollt? War das nicht immer die Absicht gewesen – dass unsere Generation ein Vermögen anhäuft, damit unsere Kinder das nicht machen müssen. Denn die Geschäfte haben uns unvorstellbaren Wohlstand beschert, auch wenn wir dadurch öfter Zeit auf dem Friedhof verbringen.

Ihr Mann, ihr Onkel – der Pate »Tío« Barrera – ihr Bruder Raúl und jetzt auch ihr Bruder Adán sind alle tot. Ebenso ihr Neffe Salvador, außerdem unzählige Cousins, Cousinen, Schwägerinnen, Schwager und Freunde.

Und Feinde.

Guero Mendez, die Tapia-Brüder und so viele andere, die Adán niedergezwungen hat. Sie kämpften um »Gebietsrechte«, denkt sie, dabei sind die einzigen Gebiete, die sich die Erben teilen, die auf dem Friedhof. Oder im Gefängnis, denkt sie.

Hier in Mexiko ebenso wie in El Norte.

Jahrzehntelang oder lebenslänglich in einer Zelle.

Ein Tod mitten im Leben.

Wenn Rudolfo also einen Nachtclub führen oder Musik machen und Luis Brücken bauen möchte, umso besser.

Vorausgesetzt, der Rest der Welt erlaubt es ihnen.


Wir werden sowieso alle jung sterben!«, verkündet Ric. »Lasst uns wenigstens Legenden sein!«

Die Nacht mit Champagner und Koks endet in Rudolfo Sanchez’ neuem Club, dem Blue Marlin. Irgendwann sind sie dort gelandet, die Gruppe, die inoffiziell als Los Hijos bekannt ist – Ric, die Esparza-Brüder, Rubén Ascención und ein paar Mädchen –, war durch sämtliche angesagten Clubs in Cabo gezogen, von einem VIP-Bereich zum nächsten, wo sie meist umsonst reinkamen, dafür aber saftige Trinkgelder gaben, und als sie jetzt in einem Privatzimmer im Marlin sitzen, kommt Ric auf die Idee: »Wir schalten einen Gang höher, treiben es noch ein Stück weiter.«

Er zieht seinen .38er Colt und legt ihn auf den Tisch.

Stell dir mal vor, was die für Songs schreiben werden, denkt Ric. Corridas über junge Männer, die Nachkommen der Drogenbarone, gekleidet in Armani, Boss, Gucci; sie fahren Rolls, Ferraris; schnupfen erstklassiges Koks durch zusammengerollte Hundertdollarscheine und werfen alles weg bei einem Spiel?

Sie waren schon immer zusammen, Los Hijos. In Culiacán gingen sie zusammen in die Schule, spielten auf den Partys ihrer Eltern, fuhren gemeinsam nach Cabo und Puerto Vallarta in die Ferien. Schlichen sich davon und tranken Bier, rauchten Gras, rissen Mädchen auf. Einige studierten ein paar Semester auf dem College, die meisten stiegen direkt in das Familienunternehmen ein.

Sie wussten, wer sie waren.

Die Nachfolgegeneration des Sinaloa-Kartells.

Die Söhne.

Los Hijos.

Und die Mädchen? Sie bekamen immer die besten Mädchen. Schon zu Schulzeiten und jetzt erst recht. Natürlich – sie sehen gut aus, haben die richtigen Klamotten, Geld, Drogen, Waffen. Sie sind cool – erhalten Zugang zu allen VIP-Bereichen, bekommen die besten Tische in den besten Restaurants, Plätze in der ersten Reihe und Backstage-Ausweise bei den geilsten Konzerten; Scheiße, die Bands widmen ihnen sogar Songs, die von ihnen handeln. Oberkellner halten ihnen Türen auf, und Frauen machen die Beine breit.

Los Hijos.

Jetzt nimmt eine von Iváns Schlampen ihr Handy und kreischt: »Das wird garantiert eine Million Mal auf YouTube angeklickt!«

Hammerhart, denkt Ric. Ein Video-Clip, auf dem man sieht, wie sich jemand wegen einer Wette das Hirn aus dem Schädel bläst. Wir zeigen der Welt, dass uns alles scheißegal ist, wir können alles, alles. »Okay, der, auf den der Lauf zeigt, hält sich das Ding an den Kopf und drückt ab. Wenn er überlebt, machen wir’s noch mal.«

Er dreht.

Fest.

Alle halten die Luft an.

Der Lauf zeigt auf ihn selbst.

Iván Esparza lacht laut los. »Fick dich, Ric!«

Der älteste Esparza-Bruder hat ihn immer schon angestachelt, schon als sie klein waren. Hat mit ihm gewettet, dass er vom Felsen in den Stausee springt. Los, mach schon, wetten, du traust dich nicht, wetten, du traust dich nicht, in die Schule einzubrechen, deinem Papi den Whiskey zu klauen, dem Mädchen die Bluse aufzuknöpfen. Sie tranken flaschenweise Wodka, rasten mit Schnellbooten frontal aufeinander zu, fuhren mit Autos an den Rand der Klippen, aber das hier …

Begleitet von Anfeuerungsrufen – »Mach es! Mach es! Mach es!« –, nimmt Ric die Waffe und hält sie sich an die rechte Schläfe.

Genau wie der yanqui-Cop.

Der sie Iván vors Gesicht hielt.

Das war jetzt wie lange her? Fast ein Jahr, und die Narbe prangt noch immer auf Iváns Wange, obwohl sich die besten Schönheitschirurgen, die man für Geld bekommen kann, daran versucht haben. Iván ist natürlich cool und behauptet, er sähe damit noch männlicher aus.

Und schwört, dass er diesen Gringo Keller eines Tages umbringen wird.

Rics Hand zittert.

Betrunken und stoned, wie er ist, wünscht er sich gerade nichts sehnlicher, als nicht abdrücken zu müssen. Am liebsten würde er die Zeit nur ein paar Minuten zurückdrehen, zurück zu dem Augenblick, in dem er auf die irrsinnig dämliche Idee kam – und sie sich einfach verkneifen.

Aber jetzt sitzt er in der Klemme.

Er kann sich nicht drücken, nicht vor Iván, Marco und Oviedo, nicht vor Rubén. Besonders nicht vor Melissa, dem Mädchen in der schwarzen Lederjacke, dem paillettenbesetzten Bustier und den bemalten Jeans neben ihm. Melissa ist genauso verrückt wie wahnsinnig schön, sie ist zu allem fähig. Jetzt lächelt sie ihn an, und das Lächeln bedeutet, tu’s endlich, mein Lieber. Wenn du’s tust, mache ich dich nachher sehr glücklich.

Vorausgesetzt, du überlebst.

»Komm schon, Mann, leg sie weg«, sagt Rubén. »War bloß ein Witz.«

Aber so ist Rubén. Der Vorsichtige, Zurückhaltende. Wie hatte Iván ihn mal genannt – die »Notbremse«. Ja, kann sein, aber Ric weiß, dass Rubén auch der Sohn seines Vaters ist – »El Mastíño« ist unfehlbar todbringend, genau wie sein alter Herr.

Aber jetzt sieht er nicht todbringend aus, er sieht aus, als hätte er Angst.

»Nein, ich mach’s«, sagt Ric. Sie sagen, dass er’s nicht tun soll, und er weiß, sie meinen es ernst, aber er weiß auch, dass sie danach weniger von ihm halten werden. Er wird derjenige sein, der gekniffen hat, nicht sie. Aber wenn er abdrückt und das Ding nicht losgeht, ist er der Größte.

Iván ausflippen zu sehen, ist außerdem geil.

»Das war ein Witz, Ric! Niemand erwartet von dir, dass du’s machst!«, schreit Iván. Er sieht aus, als würde er am liebsten über den Tisch greifen, aber auch, als hätte er Angst, dass sich dabei ein Schuss löst. Alle am Tisch sind erstarrt, sehen Ric an. Aus dem Augenwinkel sieht er, wie sich der exklusiv ihnen zugeteilte Kellner zur Tür hinausschleicht.

»Leg das Ding hin«, sagt Rubén.

»Okay, jetzt«, sagt Ric. Er will gerade den Finger fester an den Abzug legen, als Melissa ihm die Waffe aus der Hand reißt, sich den Lauf in den Mund schiebt und abdrückt.

Der Hammer klickt auf die leere Kammer.

»Verdammte Scheiße!«, schreit Iván.

Alle flippen aus. Die irre chava hat es tatsächlich getan. Jetzt legt sie ganz ruhig die Waffe auf den Tisch und sagt: »Der Nächste, bitte.«

Nur dass Rubén das Ding nimmt und in die Tasche steckt. »Ich denke, das reicht.«

»Feigling«, sagt Melissa.

Hätte das ein Kerl zu ihm gesagt, hätte er’s tun müssen, das weiß Ric, das ist ein Grund zu sterben. Rubén hätte entweder den Lauf auf sich selbst gerichtet oder auf denjenigen, der ihn so genannt hatte, und abgedrückt. Aber es kam von einem Mädchen, einer chica, deshalb ist alles gut.

»Was für ein Trip«, sagt Melissa. »Ich glaub, ich bin gekommen.«

Die Tür geht auf, und Rudolfo Sanchez kommt rein. »Was zum Teufel ist hier los?«

»Wir machen bloß ein bisschen Quatsch«, sagt Iván, übernimmt die Führung.

»Ich hab’s gehört«, sagt Rudolfo. »Tut ihr mir einen Gefallen: Wenn ihr euch umbringen wollt, dann nicht in meinem Club, okay?«

Er bittet sie höflich, aber hätte irgendein anderer Clubbesitzer so was gesagt, wäre das ein Problem gewesen. Iván hätte sich vor ihm aufbauen müssen, ihm vielleicht eine reinhauen oder zumindest irgendeinen Schaden anrichten, irgendwas kaputt schlagen, anschließend ein paar Scheine für die Reparatur hinschmeißen und rausgehen.

Aber das hier ist nicht irgendein Clubbesitzer.

Rudolfo ist Adán Barreras Neffe, der Sohn seiner Schwester Elena. Ein bisschen älter, aber ein Hijo wie sie.

Rudolfo schaut sie an, als wollte er sagen: Wieso macht ihr so ein Theater in meinem Club? Wieso sucht ihr euch ausgerechnet meinen Laden dafür aus? Und er sagt: »Was soll ich euren Vätern sagen, wenn ich zulasse, dass ihr euch in meinem Club erschießt?«

Dann hält er inne, guckt betreten, weil ihm jetzt erst wieder einfällt, dass Iváns Vater tot ist, von den Zetas in Guatemala ermordet.

Ric hat Mitleid. »Tut mir leid, Dolfo. Wir haben Mist gebaut.«

»Vielleicht sollten wir uns einfach die Rechnung geben lassen«, sagt Rubén.

»Geht aufs Haus«, sagt Rudolfo.

Aber Ric merkt auch, dass er nicht sagt, Nein, bitte bleibt. Trinkt noch was. Alle stehen auf, wünschen Rudolfo eine gute Nacht, bedanken sich bei ihm – zeigen Respekt, denkt Ric – und treten hinaus auf die Straße.

Wo Iván explodiert. »Dieser melandro, pendejo, pinche, motherfucker, lambioso, fuck! Hält er das für witzig?! ›Was würden eure Väter davon halten?‹«

»Er hat gar nichts Bestimmtes damit gemeint«, sagt Rubén. »Wahrscheinlich hat er’s einfach vergessen.«

»So was vergisst man nicht!«, sagt Iván. »Der ist mir auf den Schwanz getreten! Wenn ich übernehme …«

Ric sagt: »Seit er wieder da ist, ist er nicht mehr derselbe.«

Anders als sie alle war Rudolfo im Gefängnis gewesen. Hatte in einem amerikanischen Hochsicherheitstrakt gesessen und war angeblich daran zerbrochen, völlig verkorkst nach Hause gekommen.

»Der ist ein Weichei«, sagt Iván. »Er hat’s halt nicht gebracht.«

»Wir wissen alle nicht, wie’s uns damit gehen würde«, sagt Rubén. »Mein Alter sagt, Gefängnis ist das Schlimmste, was einem passieren kann.«

»Er ist aber völlig okay wieder rausgekommen«, sagt Ric. »Dein Dad ist stark.«

»Wir wissen’s alle nicht«, wiederholt Rubén.

»Scheiß drauf«, sagt Iván. »Das ist unser Leben. Wenn du einfährst, fährst du ein. Musst nur die Nerven behalten, wie ein Mann.«

»Das hat Rudolfo ja«, widerspricht Ric. »Er hat niemanden verraten, hat sich nicht umdrehen lassen.«

»Sein Onkel hat ihn rausgeholt«, sagt Iván.

»Gut«, sagt Ric. »Gut, dass Adán so reagiert hat. Für dich hätte er dasselbe getan.«

Alle wussten, dass Adán dasselbe auch schon mal getan hatte, als sein Neffe Sal verhaftet wurde, weil er draußen vor einem Club zwei Menschen ermordet hatte. Adán hat einen Deal rausgeschlagen, und die Vorwürfe wurden fallengelassen. Gerüchteweise hieß es, er habe die Tapia-Brüder dafür ans Messer geliefert und den blutigen Bürgerkrieg damit ausgelöst, der um ein Haar das Kartell zerstört hätte.

Und Sal wurde trotzdem getötet.

Von Crazy Eddie Ruiz in die Luft gejagt.

Eigentlich sollte Sal heute Abend hier bei uns sein und mit uns trinken, denkt Ric.

Geh mit Gott, mano.

Iván merkt, dass die Mädchen ihn anstarren. »Was glotzt ihr so? Geht schon vor, steigt in die Autos ein!«

Genauso schnell, wie ihn die Wut gepackt hatte, kehrt seine gute Laune zurück. Er wirft die Arme um Rick und Rubén und schreit: »Wir sind Brüder! Brüder für immer!«

Und alle rufen: »Los Hijos!«


Zugekokst, betrunken und orgasmisch erschöpft, schlafen die Mädchen ein.

Melissa schüttelt den Kopf. »Keine Ausdauer. Ich wünschte, Gaby wäre hier.«

Sie dreht sich um und schaut Ric an.

Scheiße, denkt er, sie will schon wieder. »Ich kann nicht mehr.«

»Ich lass dir ein paar Minuten«, sagt Melissa. Sie findet einen Jointstummel auf dem Nachttisch und zündet ihn an, zieht und hält ihn Ric hin.

Er nimmt ihn. »Das war irre heute Abend, was du da gemacht hast.«

»Ich hab’s gemacht, um dich rauszuhauen«, sagt sie. »Du hast dich selbst in die Bredouille gequatscht.«

»Du hättest draufgehen können.«

»Hätte …«, sagt sie und gestikuliert, dass er den Joint zurückgeben soll. »Bin ich aber nicht. Außerdem ist es meine Aufgabe, dich zu beschützen.«

Melissa Vatos – La China – ist die jefa der FEN, Fuerza Especial de Nuñez, dem bewaffneten Arm der Nuñez-Fraktion innerhalb des Sinaloa-Kartells. Dass eine Frau einen solchen Posten einnimmt, ist ungewöhnlich, aber sie hat ihn sich weiß Gott verdient, denkt Ric.

Angefangen hatte sie als Botin, war dann Drogenkurier gewesen und anschließend um eine wichtige Stufe aufgestiegen, nachdem sie sich freiwilig gemeldet und einen Zeta-Agenten getötet hatte, der unter ihren Leuten in Vera Cruz für große Unruhe gesorgt hatte. Der Typ hatte nicht damit gerechnet, von einer jungen schönen Frau mit dicken runden Titten und schwarzem lockigem Haar zwei Kugeln in die Fresse geballert zu bekommen, aber genau das hatte Melissa getan.

Ihre Freundin Gabriela und sie hatten da eine ganz bestimmte Masche. Gaby ging in eine Bar, blieb eine Weile, dann stand sie auf und tat, als sei sie betrunken. Sie stolperte auf dem Gehweg draußen, fiel hin, und wenn sich die Zielperson über sie beugte, um ihr zu helfen, kam La China aus einer Seitengasse und knallte denjenigen ab.

Ric hörte schon bald von ihren exotischen Vorlieben. Gaby, sie und ein paar ihrer Männer standen drauf, Opfer zu entführen, zu zerhacken und ihren Angehörigen die Einzelteile als Botschaft vor die Tür zu legen.

Die Botschaft kam an.

La China wurde Narco-Rockstar, poste in sexy Klamotten auf Facebook und YouTube, es wurden Songs über sie geschrieben, und als der alte Sicherheitschef ins Gefängnis wanderte, beförderte Rics Vater sie schließlich an die Spitze.

Das erste Mal fickte Ric sie wegen einer Wette.

»Das ist, als würdest du mit dem Tod vögeln«, sagte Iván.

»Aber eine so irre chava muss super sein im Bett«, erwiderte Ric.

»Vorausgesetzt, du überlebst es«, sagte Iván. »Vielleicht ist das mit der auch wie mit den Spinnen, du weißt schon, die das Männchen nach dem Sex töten. Außerdem hab ich gehört, dass sie lesbisch ist.«

»Die ist bi«, sagte Ric. »Hat sie jedenfalls behauptet.«

»Na, dann los«, meinte Iván. »Vielleicht kriegst du sogar einen Dreier.«

»Sie will einen, hat sie schon gesagt«, erklärte Ric. »Sie und diese Gaby, denen kann ich’s beiden besorgen.«

»Man lebt nur einmal.«

Also ging Ric mit Melissa und Gaby ins Bett, und das Abgefuckte war, dass er sich in die eine verknallte und nicht in die andere. Trotzdem vögelte er noch jede Menge andere Frauen, darunter manchmal sogar seine eigene, aber das mit Melissa war etwas Besonderes.

»Wir sind seelenverwandt«, hatte Melissa ihm erklärt. »Weil nämlich keiner von uns beiden eine hat.«

»Hast du keine Seele?«, fragte Ric.

»Ich bin gerne high, ficke Männer und Frauen und find’s geil, Leute umzubringen«, sagte Melissa. »Wenn ich eine Seele habe, dann kann’s keine tolle sein.«

Jetzt schaut Melissa ihn an und sagt: »Außerdem kann ich doch nicht zulassen, dass der Kronprinz sich das Hirn aus dem Schädel bläst.«

»Wie meinst du das?«

»Überleg doch mal«, sagt sie, gibt ihm den Joint zurück. »Barrera ist wahrscheinlich tot. Nacho ist ganz sicher tot. Rudolfo ist eine Null. Und dein Vater? Ich liebe deinen Vater, ich töte für ihn, ich sterbe für ihn, aber er ist ein Platzhalter. Du bist der Patensohn.«

Ric sagt: »Du redest irren Mist. Iván ist als Nächster in der Reihe dran.«

»Ich sag’s ja nur.« Sie nimmt ihm den Joint ab, legt ihn weg und küsst Ric. »Leg dich hin, Baby. Wenn du mich nicht ficken kannst, dann fick ich dich. Komm, ich fick dich, Baby.«

Sie leckt sich den Finger und schiebt ihn ihm in den Arsch. »Das gefällt dir doch, oder?«

»Fuck.«

»Genau, ich bin schon dabei, Baby«, sagt sie. »Ich fick dich. Ich fick dich wie noch nie.«

Und sie hält, was sie verspricht.

Mit dem Mund und den Fingern. Kurz bevor er kommt, zieht sie ihn raus, schiebt ihre Finger tiefer in ihn rein und sagt: »Das könnte alles dir gehören, alles. Das ganze Kartell, das ganze Land, du musst es nur wollen.«

Weil du Adán Barreras Patensohn bist, hört er sie noch sagen.

Sein rechtmäßiger Erbe.

Der Gesalbte.

Der Patensohn.

Ciudad Juárez

Keller wohnte erst wenige Tage bei Ana in Juárez, als Eddie Ruiz dort auftauchte.

»Crazy Eddie« war in Guatemala dabei gewesen. Keller hatte gesehen, wie der Narco – ein pocho, ein mexikanischer Amerikaner aus El Paso – einen Kanister Benzin über dem verletzten Zeta-Chef Heriberto Ochoa ausgekippt und ihn angezündet hatte.

Und dann war Eddie bei Keller in Juárez ins Haus marschiert, und zwar nicht allein.

Bei ihm war Jesús Barajos – »Chuy« –, ein achtzehnjähriger Schizophrener, der infolge der Gräuel, die er selbst erduldet, beobachtet und anderen zugefügt hatte, eine Bewusstseinsspaltung erlitten hatte. Bereits mit zwölf Jahren war er als Killer im Auftrag der Narcos unterwegs gewesen, der Junge hatte nie eine Chance gehabt. Keller hatte ihn im Dschungel in Guatemala gefunden, wo er seelenruhig einen Fußball mit dem abgezogenen und aufgenähten Gesicht eines Mannes herumkickte, den er zuvor enthauptet hatte.

»Wieso bringen Sie den hierher?«, fragte Keller, als er Chuys leeres Starren sah. Beinahe hätte er ihn in Guatemala erschossen. Hingerichtet, weil Chuy Erika Valles ermordet hatte.

Und Ruiz bringt ihn her? Zu mir nach Hause?

»Ich wusste nicht, was ich sonst mit ihm machen soll«, sagte Eddie.

»Ausliefern?«

»Die bringen ihn um«, sagte Eddie, während Chuy an ihnen vorbeiging, sich auf dem Sofa zusammenrollte und einschlief. Klein und dürr, wie er war, sah er aus wie ein unterernährter Kojote. »Jedenfalls kann ich ihn dahin, wohin ich gehe, nicht mitnehmen.«

»Was haben Sie vor?«, fragte Keller.

»Ich gehe über den Fluss und stelle mich«, sagte Eddie. »Vier Jahre, dann komm ich raus.«

Das war der Deal, den Keller für ihn herausgehandelt hatte.

»Und Sie?«, fragte Eddie.

»Ich hab noch keinen Plan«, sagte Keller. »Wahrscheinlich einfach nur leben.«

Nur wie, wusste er nicht.

Sein Krieg war vorbei, und er hatte keine Vorstellung davon, wie er leben sollte.

Oder was er mit Chuy Barajos machen sollte.

Marisol erhob Einspruch gegen den Vorschlag, ihn den mexikanischen Behörden zu übergeben. »Das würde er nicht überleben.«

»Mari, er hat getötet …«

»Ich weiß«, sagte sie. »Er ist krank, Arturo. Er braucht Hilfe. Welche Hilfe wird er innerhalb des Systems bekommen?«

Keine, das wusste Keller, wobei er gar nicht sicher war, ob ihn das so sehr störte. Er wollte, dass der Krieg endlich vorbei war, wollte ihn nicht mit sich herumschleppen wie eine Sträflingskugel, personifiziert in der Gestalt eines Katatonikers, der Menschen, die er liebte, brutal ermordet hatte. »Ich bin nicht du. Ich kann nicht verzeihen, so wie du.«

»Der Krieg hört nicht auf, wenn du’s nicht tust.«

»Dann hört er nicht auf.«

Aber er lieferte Chuy nicht aus.

Mari fand einen Psychiater, der den Jungen gratis behandelte, und beschaffte ihm über ihre Klinik Medikamente, aber die Prognose war »verhalten«. Das Beste, worauf Chuy hoffen durfte, war eine Randexistenz und dass seine schlimmsten Erinnerungen wenigstens abstumpften, wenn schon nicht ganz gelöscht wurden.

Keller konnte nie wirklich erklären, warum er es auf sich nahm, sich um den Jungen zu kümmern.

Vielleicht um Buße zu tun.

Der Junge blieb im Haus wie ein weiterer Geist aus Kellers Leben, er schlief im Gästezimmer, spielte Videospiele auf der Xbox, die Keller in El Paso bei WalMart gekauft hatte, oder schlang die Mahlzeiten hinunter, die Keller für ihn zubereitete, wobei sie meistens aus Dosen kamen. Keller überwachte Chuys Medikamentencocktail und achtete darauf, dass er sie regelmäßig zur vorgeschriebenen Zeit nahm.

Keller ging mit ihm zu den Terminen beim Psychiater und setzte sich ins Wartezimmer, blätterte in den spanischen Ausgaben von National Geographic und Newsweek. Dann fuhren sie mit dem Bus nach Hause, wo Chuy sich vor den Fernseher setzte, während Keller Essen machte. Sie sprachen selten miteinander. Manchmal hörte Keller Schreie aus Chuys Zimmer, dann ging er hinein und weckte ihn aus seinen Albträumen. Wobei er manchmal auch die Versuchung spürte, den Jungen leiden zu lassen, aber er tat es nie.

An manchen Abenden setzte Keller sich mit einem Bier draußen auf die Stufen, die in Anas kleinen Garten führten, erinnerte sich an die Partys dort – die Musik, die Gesichter, die leidenschaftlich geführten politischen Diskussionen, das Lachen. Hier hatte er Ana, Pablo, Giorgio und El Buho kennengelernt – »Die Eule« –, die graue Eminenz des mexikanischen Journalismus, der die Zeitung herausgab, für die Ana und Pablo arbeiteten.

An anderen Abenden, wenn Marisol in die Stadt kam, um einen Patienten zu besuchen, den sie im Krankenhaus in Juárez untergebracht hatte, gingen Keller und sie gemeinsam essen oder fuhren nach El Paso ins Kino. Manchmal fuhr auch er raus nach Valverde, traf sich nach Dienstschluss in der Klinik mit ihr, und dann machten sie einen Spaziergang durch die Stadt, unterhielten sich.

Weiter ging es nie, danach fuhr er immer nach Hause.

Das Leben folgte einem traumähnlichen, surrealen Rhythmus.

Gerüchte von Barreras Tod oder Überleben machten immer wieder die Runde in der Stadt, aber Keller achtete kaum darauf. Hin und wieder fuhr ein Wagen langsam am Haus vorbei, oder ein Polizist namens Victor Abrego, der auf der Gehaltsliste des Sinaloa-Kartells stand, fragte Keller, ob er etwas gehört habe, etwas wisse.

Keller hatte nichts gehört, wusste nichts.

Ansonsten aber ließen sie ihn wie versprochen in Ruhe.

Wochen verstrichen, dann Monate, ein Jahr.

Der Jahrestag der berühmten Schlacht in Guatemala fiel auf den Tag der Toten, und überall im Land tauchten handgezimmerte, Adán Barrera gewidmete Totenschreine auf – mit Fotos von ihm, Kerzen, Münzen, kleinen Schnapsfläschchen und papel picado – sogar in Juárez. Einige blieben intakt, andere wurden von wütenden Anhängern zerschlagen, da es angeblich keine Notwendigkeit für solche Schreine gab: »Adán viva«.

Die Weihnachtsfeiertage kamen und gingen unspektakulär. Keller aß gemeinsam mit Marisol und Ana, sie tauschten kleine Geschenke, dann fuhr Keller nach Juárez und schenkte Chuy ein neues Videospiel, das dem Jungen zu gefallen schien. Am nächsten Morgen erschienen Artikel in den Zeitungen, arme Kinder in den ländlichen Gebieten und den Armenvierteln der Städte in Sinaloa und Durango hätten von ihrem »Tío Adán« Spielzeug bekommen. Körbe mit Lebensmitteln tauchten auf den Marktplätzen auf, Geschenke von »El Señor«.

Keller bekam von Silvester kaum etwas mit. Marisol und er aßen früh zu Abend, tranken ein Glas Champagner und gaben sich gegenseitig ein keusches Küsschen. Vor Mitternacht lag er allein im Bett und schlief.

Das Jahr 2014 begann, wie 2013 geendet hatte.

Aus Januar wurde Februar.

Dann verschwand Chuy.

Keller war einkaufen gegangen. Als er die Wohnung verließ, hatte Chuy wie gewohnt auf seinem Platz vor dem Fernseher gesessen und Xbox gespielt. Keller war kaum länger als eine Stunde weg, und als er zurückkam, war der Junge nicht mehr da.

Der Fernseher war aus, die Xbox-Kabel herausgezogen.

Der Rucksack, den Keller ihm gekauft hatte, war aus Chuys Zimmer verschwunden, ebenso die wenigen Klamotten, die er besaß. Seine Zahnbürste steckte auch nicht mehr in dem Keramikbecher im Bad. Welche Gewitterstürme auch immer in Chuys Kopf tobten, dachte Keller, anscheinend hatten sie ihn dazu getrieben, fortzugehen. Wenigstens hatte er, wie Keller feststellte, als er das Zimmer durchsuchte, seine Medikamente mitgenommen.

Keller fuhr im Viertel herum, fragte in den Geschäften und Internetcafés nach ihm. Niemand hatte Chuy gesehen. Er fuhr die Plätze in der Innenstadt ab, wo Teenager abhingen, aber er sah Chuy nicht. Er rief Marisol an, falls der Junge nach Valverde gefahren war, aber auch dort hatte ihn niemand gesehen.

Vielleicht, dachte Keller, ist er über die Brücke nach El Paso, wo er aufgewachsen war, und Keller fuhr auch dorthin und hörte sich im Barrio um, erkundigte sich bei einigermaßen feindseligen Gangbangern, die ihn sofort als eine Art Cop erkannten und ihm erklärten, dass sie keinen Chuy Barajos gesehen hatten.

Keller mobilisierte alte Kontakte zum Drogendezernat der Polizei in El Paso und erfuhr, dass Chuy im Zusammenhang mit mehreren Mordfällen aus den Jahren 07 und 08 als verdächtig galt und sie gerne mit ihm gesprochen hätten. Auf jeden Fall würden sie die Augen offenhalten und Keller benachrichtigen, sollte Chuy aufgegriffen werden.

Auf der Fahrt zurück nach Juárez suchte Keller Abrego. Er fand ihn in San Martín in der Avenida Escobar, wo er an der Bar saß und ein caguama trank.

»Was ist das für ein Junge?«, fragte Abrego, als Keller ihm erklärte, um welchen Gefallen er ihn bat.

»Sie wissen, wer das ist«, sagte Keller. »Sie haben ihn gesehen, als Sie mein Haus überwacht haben.«

»Wir sind nur um Ihr Wohlbefinden besorgt«, sagte Abrego. Der Polizist hatte bereits mehr als nur ein Bier getrunken.

»Harte Zeiten sind das hier, Keller. Wir wissen nicht mehr, wem gegenüber wir Rechenschaft ablegen müssen, wer wofür verantwortlich ist.«

»Mir egal«, sagte Keller.

»Denken Sie, er lebt?«, fragte Abrego.

»Wer?«

»Barrera.«

»Ich weiß es nicht«, sagte Keller. »Haben Sie den Jungen gesehen?«

»Wissen Sie, wie viele abgefuckte Kids hier in Mexiko rumlaufen?«, fragte Abrego. »Allein in Juárez? Hunderte. Tausende. Und außerdem, wieso interessieren Sie sich ausgerechnet für diesen?«

Darauf fiel Keller keine Antwort ein. Er sagte: »Nehmen Sie ihn einfach mit, wenn Sie ihn finden. Bringen Sie ihn zu mir.«

»Klar, wieso nicht?«

Keller ließ Geld auf dem Tresen liegen, für Abregos nächstes Bier. Dann stieg er wieder in den Wagen, rief Orduña an und erklärte die Situation.

»War dieser Barajos in Guatemala?«, fragte Orduña.

»Ja.«

»War er Zeuge?«

»Zeuge wovon, Roberto?«

»Okay.«

»Hören Sie, Sie sind dem Jungen was schuldig«, sagte Keller. »Er hat Forty getötet.«

Langes Schweigen, dann sagte Orduña: »Wir werden uns um ihn kümmern, aber Arturo, Sie wissen, die Wahrscheinlichkeit, dass wir ihn finden …«

»Ich weiß.«

Ist verschwindend gering.

Der lange Drogenkrieg hatte Tausende von Waisen, zerstörte Familien und entwurzelte Teenager hinterlassen. Und da waren die, die vor der Brutalität der Banden aus Guatemala, El Salvador und Honduras geflohen waren, durch Mexiko zogen, um in den Vereinigten Staaten Zuflucht zu suchen, noch gar nicht mitgezählt. Die meisten schafften es nicht über die Grenze.

Chuy war ein kleiner Fisch in einem sehr großen Meer.

Keller machte mit seinem Leben weiter.

Aber ungefähr jeden zweiten Tag stieg er in den Wagen und fuhr wieder in Juárez oder El Paso herum.

Auf der Suche nach Chuy.

Der jetzt gleichzeitig Monster und Geist war.


Senator Ben McCullough ruft Keller an.

Zum ersten Mal war Keller ihm in einem Hotelzimmer in Georgetown begegnet, wenige Wochen vor dem Einsatz in Guatemala. Sie hatten sich nicht namentlich vorgestellt, und Keller, der nie viel mit Politik am Hut gehabt hatte, hatte ihn nicht als Senator von Texas erkannt. Er wusste nur, dass der Mann gewisse Interessen der Ölindustrie vertrat und bereit war, eine Operation zu finanzieren, mit der die gesamte Spitze der Zetas ausgeschaltet werden sollte, da die »Z Company« wertvolle Öl- und Gasfelder im Norden Mexikos besaß.

Ochoa und Forty haben es vermasselt, denkt Keller. Hätten sie sich mit Waffen- und Menschenhandel zufriedengegeben, könnten sie heute noch leben. Aber sie haben sich ins Ölgeschäft eingemischt, also sind sie jetzt tot.

Das Weiße Haus hatte den Einsatz offiziell untersagt, aber McCullough als inoffiziellen Leiter geschickt. Durch seine Beziehungen zur Ölindustrie hatte der Senator die Finanzierung gesichert und in Zusammenarbeit mit einer privaten, in Virginia ansässigen Firma ein Team von Söldnern zusammengestellt. Keller hatte bei der DEA gekündigt und war der Firma Tidewater Security in beratender Funktion beigetreten.

Jetzt ist McCullough in El Paso, ruft Keller an und bittet um ein Treffen. Wörtlich sagt er: »Keller, ich will Sie auf ein Bier einladen.«

»Woher haben Sie meine Nummer?«

»Ich gehöre dem Geheimdienstkomitee des Senats an«, sagt McCullough. »Ich habe sogar die Nummer von Elvis. Ein Bier, Keller – was soll’s?«

»Wo wohnen Sie?«

»Im Indigo. In der Kansas Street. Kennen Sie das?«

Keller kennt es. Er fährt in die Stadt und trifft McCullough an der Hotelbar. Der Senator ist zu seinen Wurzeln zurückgekehrt, er trägt ein Jeanshemd und Cowboystiefel. Sein Stetson ruht auf seinem Schoß. Er steht zu seinem Wort, bringt einen Krug Bier, schenkt Keller ein Glas ein und sagt: »Als ich heute durch El Paso gefahren bin, hab ich was Interessantes gesehen – ein selbst gebasteltes Schild, auf dem stand: ›Adán viva‹.«

Keller wundert sich nicht – in Juárez hat er dieselben Schilder gesehen und gehört, dass auch in Sinaloa und Durango überall welche aufgetaucht sind. »Was soll ich Ihnen sagen? Der Mann hat Anhänger.«

»Er ist Che Guevara geworden«, sagt McCullough.

»Die Liebe wächst anscheinend mit zunehmendem Abstand.«

»Haben Sie noch was gehört?«, fragt McCullough. »Über seinen Tod?«

»Ich bin in diesen Fragen nicht mehr auf dem Laufenden.«

»Unsinn.«

Keller zuckt mit den Schultern – es ist wahr.

»Lesen Sie amerikanische Zeitungen?«, fragt McCullough.

»Nur den Sportteil«, sagt Keller.

»Dann wissen Sie nicht, was hier oben los ist?«, fragt McCullough. »Mit dem Heroin?«

»Nein.«

»In der Drogenbekämpfung haben sich viele über Barreras vermeintliches Ableben gefreut«, sagt McCullough, »tatsächlich ist dadurch aber der Zustrom an Drogen keinesfalls ins Stocken geraten. Es ist sogar noch schlimmer geworden. Besonders beim Heroin.«

Von 2000 bis 2006, erzählt ihm McCullough, blieb die Anzahl derer, die an einer Überdosis Heroin starben, relativ stabil, lag bei circa zweihundert Toten pro Jahr. Von 2007 bis 2010 stieg sie auf dreitausend an. 2011 gab es erneut einen Anstieg auf viertausend. 2012 waren es sechstausend und 2013 achttausend, dabei ist das Jahr noch nicht mal zu Ende. So wie es aussieht, werden es 2014 mindestens zwölftausend werden.

»Um das Ganze ins Verhältnis zu setzen«, sagt McCullough, »seit 2004 sind siebentausendzweihundertzweiundzwanzig Angehörige des Militärs im Irak und in Afghanistan gefallen.«

»Um das Ganze ins Verhältnis zu setzen«, sagt Keller, »im selben Zeitraum sind über hunderttausend Mexikaner bei Gewalttaten im Zusammenhang mit dem Drogenhandel ums Leben gekommen, zweiundzwanzigtausend werden vermisst. Und das ist eine vorsichtige Schätzung.«

»Sie nehmen mein Argument vorweg«, sagt McCullough. »Die Verluste in Mexiko, die Heroinepidemie hier, die Millionen von Menschen hinter Gittern. Was wir auch machen, es funktioniert nicht.«

»Wenn Sie mich hergebeten haben, um mir das zu sagen«, erwidert Keller, »haben Sie unser beider Zeit verschwendet. Danke für das Bier, aber was wollen Sie?«

»Ich vertrete eine Gruppe von Senatoren und Kongressangehörigen, die sowohl über die Macht wie auch den Einfluss verfügen, den derzeitigen Direktor der DEA zu feuern und einen neuen zu berufen«, sagt McCullough. »Und wir wollen Sie.«

Keller ist selten schockiert, aber jetzt schon. »Bei allem Respekt, ticken Sie noch ganz richtig?«

»Heroin überschwemmt das Land, der Konsum steigt um mehr als achtzig Prozent, und das meiste kommt aus Mexiko«, sagt McCullough. »Unter meiner Wählerschaft befinden sich Leute, die auf den Friedhof müssen, wenn sie ihre Kinder besuchen wollen.«

»Und ich habe gesehen, wie mexikanische Kinder mit Bulldozern bestattet wurden«, sagt Keller. »Hier oben hat das niemanden geschert. Aber jetzt, wo weiße Kinder sterben, gibt es eine ›Heroinepidemie‹.«

»Ich bitte Sie, sich jetzt darum zu scheren«, sagt McCullough.

»Ich habe meinen Krieg gekämpft«, sagt Keller.

»Da draußen sterben Kinder«, sagt McCullough. »Und ich denke, Sie sind nicht der Typ, der sich auf seiner Rente ausruht und dabei zusieht.«

»Warten Sie’s ab.«

»Überlegen Sie sich das.« McCullough rutscht vom Barhocker und gibt Keller seine Karte. »Rufen Sie mich an.«

»Werde ich nicht machen.«

»Wir wollen sehen.«

McCullough lässt ihn sitzen.

Keller rechnet nach – McCullough hatte gesagt, die Zahl der Herointoten sei 2010 leicht angestiegen, 2011 aber nach oben geschossen und Mitte 2012 erneut angestiegen.

Das alles zu Adáns Lebzeiten.

Dieses verdammte Arschloch, denkt Keller. Barrera hatte das eingefädelt – das war sein letztes heimtückisches Vermächtnis an die Welt. Keller erinnert sich an ein Shakespeare-Zitat: »Was Menschen Übles tun, das überlebt sie.«

Wie wahr.

Der Geist und das Monster.


Sie essen im Garufa, einem argentinischen Restaurant auf dem Boulevard Tomás Fernández. Es ist schweineteuer, aber er will sie schön ausführen. Keller hat Steak bestellt, Marisol Lachs, und sie isst mit ungezügeltem Appetit, das hat er immer schon an ihr gemocht.

»Was sagst du mir nicht?«, fragt Marisol, legt ihre Gabel ab.

»Wie kommst du drauf, dass ich dir etwas nicht sage?«

»Weil ich dich kenne«, sagt Marisol. »Also, was ist es? Spuck’s aus.«

Als er ihr von seinem Treffen mit McCullough erzählt, lehnt sie sich zurück. »Arturo, oh Gott. Ich bin sprachlos.«

»Ach was.«

»Ich dachte, du wärst dort persona non grata«, sagt Marisol.

»Dachte ich auch.« Er erzählt ihr, was McCullough gesagt hat und wie er selbst darauf reagiert hatte.

Marisol schweigt.

»Du lieber Himmel, du denkst doch nicht, dass ich die Stelle annehmen sollte, oder?«, fragt Keller.

Sie schweigt immer noch.

»Denkst du das?«, fragt Keller.

»Art, überleg mal, wie viel Macht du hättest«, sagt Marisol. »Wie viel Gutes du tun könntest. Du könntest tatsächlich etwas bewirken.«

Keller vergisst manchmal, dass sie politische Aktivistin ist. Jetzt erinnert er sich wieder an die Frau, die in Mexico City im Zócalo an einem Protestlager teilgenommen hat, um gegen den Wahlbetrug zu protestieren, an die Demos auf dem Paseo de la Reforma gegen die Brutalität der Polizei. Das alles gehörte zu der Frau, in die er sich verliebt hatte.

»Du bist aber doch praktisch gegen alles, was die DEA macht«, sagt er.

»Aber du könntest deren Strategien ändern.«

»Ich weiß nicht«, sagt Keller.

»Okay«, sagt sie. »Mal andersherum überlegt. Warum nicht?«

Keller erläutert die Gründe. Zum einen, weil er fertig ist mit dem Krieg gegen die Drogen.

»Aber vielleicht ist der Krieg nicht fertig mit dir«, sagt sie.

Vierzig Jahre sind mehr als genug, sagt er. Er ist kein Bürokrat, kein Politiker. Er ist nicht einmal sicher, ob er überhaupt noch in den USA leben könnte.

Sie weiß, dass Kellers Mutter Mexikanerin war, sein Vater ein Anglo, der sie nach San Diego gebracht und sitzengelassen hatte. Aber Keller war als Amerikaner aufgewachsen – UCLA, Marines –, dann war er mit der DEA nach Mexiko zurückgekehrt und hatte als Erwachsener dort mehr Zeit verbracht als in den Staaten.

Marisol weiß, dass er sich immer zwischen beiden Kulturen hin- und hergerissen gefühlt hatte – Arturo empfindet für beide Länder eine Art Hassliebe.

Und Marisol weiß, dass er fast schon aus schlechtem Gewissen nach Juárez gezogen ist – dass er glaubte, der Stadt, die so sehr unter dem amerikanischen Krieg gegen die Drogen gelitten hatte, etwas schuldig zu sein, die moralische Pflicht zu haben, bei ihrer Genesung zu helfen – auch wenn sein Beitrag nur ein kleiner war, wie zum Beispiel, dass er dort Steuern zahlte, Lebensmittel kaufte, ein Haus bewohnte.

Und sich um Chuy kümmerte, sein ganz persönliches Kreuz, das zu tragen er sich auferlegt hatte.

Aber Chuy war verschwunden.

Jetzt fragt sie ihn: »Warum willst du in Juárez leben? Und sag mir die Wahrheit.«

»Weil hier die Wirklichkeit ist.«

»Das ist sie allerdings«, sagt sie. »Du kannst nicht mal von einer Straßenecke zur nächsten gehen, ohne ständig an den Krieg erinnert zu werden.«

»Und was heißt das?«

»Dass es hier nichts für dich gibt, außer schlechten Erinnerungen und …«

Sie hielt inne.

»Was?«, fragt Keller.

»Na schön – mich«, sagt sie. »Die Nähe zu mir. Ich weiß, dass du mich immer noch liebst, Arturo.«

»Daran kann ich nichts ändern.«

»Das habe ich auch nicht von dir verlangt«, sagt Marisol. »Aber wenn du die Stelle ablehnst, nur um in meiner Nähe zu sein, dann tu’s nicht.«

Sie beenden das Essen und gehen spazieren, was sie noch vor wenigen Jahren nicht gekonnt hätten.

»Was hörst du?«, fragt Marisol.

»Nichts.«

»Genau«, sagt Marisol. »Keine Polizeisirenen. Keine heulenden Krankenwagen. Keine Schüsse.«

»Der Pax Sinaloa.«

»Kann er von Dauer sein?«, fragt sie.

Nein, denkt Keller.

Das ist kein Frieden, das ist eine Pause.

»Ich fahre dich nach Hause«, sagt Keller.

»Die Fahrt ist lang«, sagt Marisol. »Warum übernachte ich nicht bei dir?«

»Chuys Zimmer ist frei«, sagt Keller.

»Und wenn ich nicht in Chuys Zimmer schlafe?«, fragt Marisol.


Er wacht sehr früh auf, vor dem Morgengrauen, der kalte Wind von Juárez peitscht gegen die Mauern, rüttelt an den Fenstern.

Schon komisch, denkt er, dass die großen Entscheidungen im Leben nicht immer auf einen großen Augenblick oder eine große Veränderung folgen, sondern sich einfach irgendwie unabwendbar aufdrängen, als würde man gar nicht selbst entscheiden, sondern als wäre längst alles für einen entschieden worden.

Vielleicht war es das Schild, das den Ausschlag gab.

»ADÁN VIVA«.

Weil es stimmt, denkt Keller an jenem Morgen. Der König ist zwar nicht mehr am Leben, aber sein Reich besteht fort. Verbreitet Leid und Tod genauso, als würde Barrera noch auf dem Thron sitzen.

Und Keller muss sich noch etwas eingestehen. Wenn es auf der Welt jemanden gibt, der das Reich zerstören kann – aufgrund seiner Geschichte, Erfahrung, Motivation, Kenntnisse und Befähigungen –, dann bist du das.

Und Marisol weiß es auch. An jenem Morgen geht er noch mal ins Bett und versucht erneut, einzuschlafen, weckt sie aber, als er sein Gewicht verlagert, und sie fragt ihn: »Was?«

»Nichts. Schlaf weiter.«

»Ein Albtraum?«

»Vielleicht.« Und er lacht.

»Was?«

»Ich glaube, ich bin noch nicht bereit, zum Geist zu werden«, sagt Keller. »Oder mit Geistern zu leben. Und du hast recht – mein Krieg ist noch nicht zu Ende.«

»Du willst die Stelle annehmen?«

»Ja«, sagt Keller. Er legt seine Hand an ihren Hinterkopf und zieht sie näher zu sich heran. »Aber nur, wenn du mitkommst.«

»Arturo …«

»Wir tragen unsere Trauer wie eine Auszeichnung«, sagt Keller. »Ziehen sie an einer Kette hinter uns her, und sie ist schwer, Mari. Ich will nicht zulassen, dass sie uns niederzwingt, zu weniger macht, als wir sind. Wir haben so viel verloren, wir dürfen nicht auch noch einander verlieren. Das wäre ein zu großer Verlust.«

»Und die Klinik?«

»Ich werde mich darum kümmern. Ich verspreche es.«

Sie heiraten in New Mexico in der Monastery of Christ in the Desert, verbringen kurze Flitterwochen in Taos, dann fahren sie nach Washington, wo McCulloughs Makler bereits einige Häuser zur Besichtigung vorbereitet hat.

Ein Haus am Hillyer Place gefällt ihnen sehr gut, und sie kaufen es.

Am nächsten Morgen macht Keller sich an die Arbeit.

Weil er weiß, dass der Geist zurückgekehrt ist.

Und mit ihm das Monster.

2. Der Könige Tod

»Um Himmels willen, lasst uns niedersitzen,


zu Trauermären von der Kön’ge Tod.«

William Shakespeare – König Richard II., Akt 3, Szene II

Washington, D.C.


März 2014

Keller betrachtet das Foto des Skeletts.

Grashalme wachsen zwischen den Rippen hervor, Ranken schlingen sich um die Beinknochen, als wollten sie den Toten an die Erde fesseln.

»Ist das Barrera?«, fragt Keller.

Barrera ist seit anderthalb Jahren von der Bildfläche verschwunden. Gerade sind die Fotos von der Außenstelle der DEA in Guatemala City hereingekommen. Guatemaltekische Sondereinsatzkräfte hatten die Knochen in Petén im Regenwald gefunden, ungefähr einen Kilometer vom Dorf Dos Erres entfernt, wo Barrera zum letzten Mal gesehen wurde.

Tom Blair, der Leiter der Geheimdienstabteilung der DEA, legt ein weiteres Foto auf Kellers Schreibtisch, dasselbe Skelett auf einer Bahre. »Die Größe stimmt.«

Barrera ist klein, das weiß Keller, knapp unter eins siebzig, aber das trifft auf viele Leute zu, besonders in den stark von Unterernährung betroffenen Maya-Regionen in Guatemala.

Blair verteilt weitere Fotos auf dem Tisch – eine Nahaufnahme des Schädels neben dem Gesicht von Adán Barrera. Keller erkennt das Bild – es wurde vor fünfzehn Jahren aufgenommen, als Barrera in San Diego im Gefängnis saß.

Keller hatte ihn dorthin gebracht.

Das Gesicht schaut ihn an.

Es ist ihm vertraut, beinahe zu vertraut.

»Auch der Kopfumfang stimmt überein«, sagt Blair, »die Abmessungen der Hirnschale sind identisch. Wir brauchen noch den zahnärztlichen Abgleich und die DNA-Analyse, um hundertprozentig sicher zu sein, aber …«

Wahrscheinlich liegen uns noch die zahnärztlichen Unterlagen und DNA-Proben von Barreras Aufenthalt in einem amerikanischen Gefängnis vor, denkt Keller. Wahrscheinlich lässt sich aus dem Skelett, das seit über einem Jahr im Regenwald vermodert, keine verwertbare DNA mehr gewinnen, aber Keller erkennt anhand der Fotos, dass der Kiefer noch intakt ist.

Und er hat so ein Gefühl im Bauch, dass die zahnärztlichen Unterlagen übereinstimmen werden.

»Aufgrund der Tatsache, dass der Schädelknochen hinten fehlt«, sagt Blair. »Würde ich sagen, zwei Schüsse aus nächster Nähe ins Gesicht, von oben nach unten abgegeben. Barrera wurde hingerichtet, und zwar von jemandem, der wollte, dass er es mitbekam. Das würde zu der Dos-Erres-Theorie passen.«

Die Dos-Erres-Theorie, die Lieblingstheorie der Arbeitsgruppe »Sinaloa« der DEA, besagt, Adán Barrera sei im Oktober 2012 mit seinem Geschäftspartner und Schwiegervater Ignacio Esparza und einer großen bewaffneten Gefolgschaft nach Guatemala gereist, um ein Friedensabkommen mit ihren Konkurrenten auszuhandeln, darunter das besonders grausame Drogenkartell der Zetas. Tatsächlich gab es bereits ähnliche Vorläuferereignisse – Barrera hatte sich 2006 schon einmal mit den Anführern der Zetas zu einer ähnlichen Konferenz an den Tisch gesetzt und Mexiko in Gebiete aufgeteilt, allerdings nur einen Frieden von kurzer Dauer erwirkt, der sich nach seinem Ende zu einem umso brutaleren und kostspieligeren Krieg auswuchs. Die Theorie besagt weiterhin, dass sich Barrera und Heriberto Ochoa, der Boss der Zetas, in dem abgelegenen Dorf Dos Erres im Bezirk Petén in Guatemala trafen, um Mexiko erneut wie einen Truthahn an Thanksgiving zu tranchieren. Bei der anschließenden Party zur Feier des Friedens griffen die Zetas aus dem Hinterhalt an und schlachteten die Sinaloaner ab.

Weder Barrera noch Esparza wurden seit den vermeintlichen Friedensgesprächen gesehen, ebenso wenig wie Ochoa und seine rechte Hand, Miguel Morales, auch bekannt als »Forty«. Dem Geheimdienst liegen Informationen vor, die die Theorie stützen, dass es in Dos Erres zu einem größeren Feuergefecht gekommen war – die D-2, die vom guatemaltekischen Geheimdienst befehligte militärische Einheit, hatte eingegriffen und Dutzende von Leichen entdeckt, einige aufgestapelt zu einem großen Freudenfeuer, was der gängigen Praxis der Zetas entsprach.

Die Zetas, eines der meistgefürchteten Kartelle Mexikos, zerfielen nach den Ereignissen von Dos Erres rasant, was darauf schließen ließ, dass sie ihrer Führung beraubt worden waren und massenhafte Verluste hatten hinnehmen müssen.

Das Sinaloa-Kartell dagegen hatte keinen vergleichbaren Niedergang erfahren. Im Gegenteil, es war zur unangefochtenen Macht aufgestiegen, dem bei Weitem dominantesten Kartell, und hatte Mexiko damit, nach zehn Jahren der Gewalt und hunderttausend Toten im Zusammenhang mit dem Drogenhandel, einen relativen Frieden beschert.

Dabei verschob Sinaloa jetzt mehr Drogen denn je in die Vereinigten Staaten, und zwar nicht nur Marihuana, Methamphetamin und Kokain, wodurch das Kartell zu unfassbarem Reichtum gelangt war, sondern auch massenhaft Heroin.

Was wieder gegen die Dos-Erres-Theorie und für die »Theorie vom leeren Sarg« sprach, dass Barrera die Zetas in Dos Erres dezimiert und seinen eigenen Tod inszeniert hatte, um das Kartell aus der Ferne weiterzuführen.

Auch hierfür gab es jede Menge Vorläufer – über die Jahre hinweg hatten mehrere Kartellchefs ihren eigenen Tod vorgetäuscht, um sich dem unaufhörlichen Druck durch die DEA zu entziehen. Oder die Soldaten der Kartelle hatten die Labore von Gerichtsmedizinern überfallen und die Leichen ihrer Chefs gestohlen, um eine endgültige Identifizierung zu verhindern und Gerüchte zu schüren, dass ihre jefes nun doch nicht die Gänseblümchen von unten betrachteten.

Wie Keller seinen Mitarbeitern oft genug erläutert hatte, wurde keine einzige Leiche der angeblich in Dos Erres getöteten Anführer je gefunden. Und während allgemein vermutet wird, dass Ochoa und Forty tatsächlich ihrem gerechten Schicksal zugeführt worden waren, scheint die Theorie vom leeren Sarg doch einigermaßen plausibel, solange in Sinaloa nach wie vor alles wie am Schnürchen läuft. Dass Barrera aber in den vergangenen anderthalb Jahren wirklich nirgendwo aufgetaucht ist, lässt wiederum anderes vermuten. Obwohl er immer schon zur Einsiedelei neigte, wäre er normalerweise mit seiner jungen Frau Eva über die Feiertage in seiner Heimatstadt La Tuna in Sinaloa oder über Silvester in einem Ferienort wie Puerto Vallarta oder Mazatlán aufgetaucht. Aber er wurde nirgendwo gesehen. Darüber hinaus ergab die digitale Überwachung, dass keinerlei E-Mail-Verkehr stattfand, es gab weder Tweets noch Botschaften auf anderen sozialen Medien, und es fand auch keine telefonische Kommunikation statt.

Barrera besitzt in Sinaloa und Durango zahlreiche Estancias, außerdem mehrere Häuser in Los Mochis und an der Küste. Die DEA weiß von diesen Häusern, aber auf den Satellitenfotos war ein deutlicher Verkehrsrückgang auf den Zufahrtswegen zu verzeichnen. Wenn Barrera sonst von einem Haus in ein anderes gezogen war, hatte es ein verstärktes Verkehrsaufkommen gegeben, Leibwächter und Personal mussten mit umziehen. Während Barreras Leute die Logistik organisierten, war ein deutlicher Anstieg der Internet- und Handykommunikation sowie ein verstärktes Kommunikationsaufkommen bei der Staatspolizei und den lokalen Einrichtungen im Dienst des Sinaloa-Kartells zu verzeichnen gewesen.

Dass all dies nicht stattgefunden hatte, spricht für die Dos-Erres-Theorie und dafür, dass Barrera tot ist.

Aber wenn nicht Barrera das Kartell leitet, wer dann? – diese Frage bleibt bislang unbeantwortet, und die mexikanische Gerüchteküche läuft auf Hochtouren, angeblich wurde Barrera in Sinaloa gesehen, in Durango, Guatemala, Barcelona, sogar in San Diego, wo seine Frau Eva (oder Witwe?) mit seinen beiden kleinen Söhnen lebt. SMS und Twitter-Nachrichten von einem »Barrera« rufen erneut »Adán viva«-Jünger auf den Plan, die handgemalte Schilder mit der frohen Botschaft an den Straßenrändern aufstellten.

Barreras Angehörige – besonders seine Schwester Elena – geben sich große Mühe, seinen Tod nicht zu bestätigen, da Unklarheit in Bezug auf seinen Status dem Kartell Zeit verschafft, seine Nachfolge zu organisieren.

Die Anhänger der Dos-Erres-Theorie beteuern, das Kartell habe ein Interesse daran, Barrera »am Leben« zu erhalten, und streuen entsprechende Nachrichten als gezielte Desinformation – ein lebender Barrera wird gefürchtet, und die Angst hilft zu verhindern, dass potenzielle Feinde versuchen, es mit Sinaloa aufzunehmen. Die stärksten Verfechter dieser Theorie behaupten sogar, die mexikanische Regierung selbst stecke hinter der »Adán viva«-Bewegung, wolle damit verzweifelt die Stabilität erhalten.

Der Nachweis, dass Barrera tot ist, falls dies hiermit gelingen sollte, denkt Keller, wird Schockwellen in die Welt der Narcos senden.

»Unter wessen Obhut befindet sich die Leiche?«, fragt Keller.

»D-2«, sagt Blair.

»Dann weiß Sinaloa also Bescheid.« Das Kartell hat auf allen Ebenen der guatemaltekischen Regierung Quellen. Und die CIA weiß es auch schon, denkt Keller. Die D-2 wird von allen durchsetzt. »Wer weiß bei der DEA noch davon?«

»Nur der Guatemala City RAC, Sie und ich«, sagt Blair. »Ich dachte, Sie würden die Information erst mal unter Verschluss halten wollen.«

Blair ist schlau und loyal genug, um dafür zu sorgen, dass Keller die Nachricht als Erster und so exklusiv wie möglich erhält. Art Keller als Chef zu haben, ist gut, als Feind wäre er sehr gefährlich.

Bei der DEA wissen alle von der Fehde zwischen Keller und Adán Barrera, die bis in die Achtzigerjahre zurückreicht, als Barrera für den Foltermord an Kellers Partner Ernie Hidalgo mitverantwortlich war.

Und alle wissen, dass Keller nach Mexiko geschickt wurde, um Barrera wieder einzufangen, stattdessen aber die Zetas zerschlagen hat.

Im wahrsten Sinn des Wortes vielleicht.

Am Wasserspender im Gang wird davon gesprochen – oder besser geflüstert –, dass ein abgestürzter Black-Hawk-Helikopter im Dorf Dos Erres, wo der Kampf zwischen den Zetas und Barreras Sinaloanern stattgefunden haben soll, entdeckt wurde. Sicher, die guatemaltekische Armee besitzt amerikanische Helikopter – ebenso wie das Sinaloa-Kartell –, trotzdem ist die Rede von einer geheimen Mission amerikanischer Sondereinsatzkräfte, die, ähnlich wie im Fall Bin Laden, die Anführer der Zetas ausgeschaltet haben. Glaubt man diesen Gerüchten – die von der Führungsetage als lächerliche Verschwörungstheorien abgetan werden –, läge die Vermutung nahe, dass bei der Mission auch ein gewisser Art Keller dabei war.

Und jetzt ist Keller, der sowohl Adán Barrera wie auch die Zetas zu Fall gebracht hat, Direktor der Drug Enforcement Administration, der DEA, der mächtigsten »Drogenstreitmacht« der Welt, mit über zehntausend Angestellten, fünftausend Special Agents und achthundert Geheimdienstmitarbeitern.

»Behalten Sie’s vorläufig hier«, sagt Keller.

Er weiß, dass Blair Andeutungen versteht – dass Keller ihn bittet, die Informationen Bill Howard vorzuenthalten, dem stellvertretenden Direktor der DEA, einem Parteisoldaten, der nichts lieber täte, als Keller bei lebendigem Leib zu häuten und die Haut in seinem Büro zur Schau zu stellen.

Howard ist derjenige, der die meisten Keller-Gerüchte streut – Keller hat eine fragwürdige Vergangenheit; Keller ist in seiner Loyalität gespalten; Keller hat eine mexikanische Mutter und eine mexikanische Frau (wusstet ihr, dass er eigentlich gar nicht Arthur, sondern »Arturo« heißt?); Keller ist ein unberechenbarer Cowboy, an seinen Händen klebt Blut; Keller war höchstpersönlich in Dos Erres dabei –, Howard ist ein Geschwür, das sich innerhalb der Geheimdienstabteilung ausbreitet und eigene Quellen anzapft, eigene diplomatische Beziehungen in Mexiko, Zentralamerika, Kolumbien, Europa und Asien unterhält und sich den Medien anbiedert.

Keller kann ihm die Nachricht nicht auf Dauer vorenthalten, aber ein paar Stunden Vorsprung würden schon helfen. Denn eins steht fest, die mexikanische Regierung muss es von mir erfahren, denkt Keller, nicht von Howard oder, noch schlimmer, von Howards Kumpels bei Fox News.

»Schicken Sie die zahnärztlichen Unterlagen an die D-2«, sagt Keller. »Die Kollegen können sich auf unsere rückhaltlose Kooperation verlassen.«

Wir sprechen von Stunden, nicht von Tagen, denkt Keller, dann kommt es raus. Ein verantwortungsbewusster Mensch bei der D-2 hat uns das geschickt, aber zweifellos hat ein anderer bereits in Sinaloa angerufen, und wieder ein anderer wird versuchen, die Information bei der Presse zu Geld zu machen.

Denn Adán Barrera wurde im Tod, was er im Leben niemals war.

Ein Rockstar.

Ausgerechnet mit einem Artikel im Rolling Stone fing das an.

Ein investigativer Journalist namens Clay Bowen ging den Gerüchten über ein Feuergefecht zwischen den Zetas und dem Sinaloa-Kartell in Guatemala nach und stolperte schon bald über die Tatsache, dass Adán Barrera, gemäß der schmissigen Sprache, in der der Artikel verfasst war, »ins Gras gebissen hatte«. Dieser Journalismus-Stanley begab sich auf die Suche nach seinem Narco-Livingstone und fand nichts.

Also wurde das seine Geschichte.

Adán Barrera war ein Phantom, eine Schimäre, die rätselhafte unsichtbare Macht hinter der weltweit größten Terrororganisation, ein Genie, das sich weder fassen noch aufspüren ließ. Die Artikel reichten zurück bis zu Barreras »kühner Flucht« 2004 aus einem mexikanischen Gefängnis (von wegen »kühne Flucht«, dachte Keller, als er den Artikel las. Der Mann hatte sich aus dem Gefängnis rausgekauft und wurde mit einem Helikopter vom Dach abgeholt). Und nun war Barrera die »ultimative Flucht« gelungen, indem er seinen eigenen Tod inszeniert hatte.

Da der Porträtierte nicht für ein Gespräch zur Verfügung stand, hatte sich Bowen offenbar mit Mitarbeitern und Angehörigen unterhalten (»anonymen Quellen zufolge … nicht näher benannte Personen im engeren Umfeld Barreras …«), die Barrera allesamt in ein schmeichelhaftes Licht stellten – er gibt den Kirchen und Schulen Geld; er baut Krankenhäuser und Spielplätze, er ist gut zu seiner Mutter und seinen Kindern.

Er hat Mexiko Frieden gebracht.

(Bei diesem letzten Zitat muss Keller laut lachen. Barrera hatte den Krieg, bei dem hunderttausend Menschen starben, überhaupt erst losgetreten.)

Adán Barrera, der Drogenhändler und Massenmörder, wurde zu einer Mischung aus Houdini, Zorro, Amelia Earhart und Mahatma Gandhi. Ein missverstandenes Kind, aufgewachsen in ländlicher Armut, das sich über seine bescheidenen Anfänge erhob und mit dem Verkauf einer Ware, die viele Menschen haben wollten, zu Reichtum und Macht gelangt war. Nun ist er ein Wohltäter, ein unzähligen Schikanen ausgesetzter Menschenfreund, gejagt von zwei Regierungen, deren Zugriff er sich geschickt entzieht.

Die restlichen Medien nahmen die Geschichte in ihre Berichterstattung auf, rund um die Uhr liefen auf CNN, Fox und allen anderen Sendern Beiträge über Barreras Verschwinden. Er wurde zum Liebling der sozialen Medien, Tausende spielten »Wo ist Walter?« im Internet, spekulierten atemlos über den Aufenthaltsort des so großartigen Mannes. (Kellers absolute Lieblingsgeschichte war, dass Barrera angeblich ein Angebot von Dancing With The Stars abgelehnt hatte.) Wie immer in solchen Fällen legte sich der Aufruhr irgendwann, sieht man einmal ab von einigen wenigen unverbesserlichen Bloggern, der DEA und der mexikanischen SEIDO, für die die Frage, ob Barrera noch lebte, kein Spiel war, sondern todernst.

Und jetzt, denkt Keller, geht es wieder von vorne los.

Es liegt jemand im Sarg.

Der Thron ist unbesetzt.

Wir befinden uns in einer Zwickmühle, denkt Keller. Das Sinaloa-Kartell hält den Heroinhandel weiter in Gang. Wenn wir die Entmachtung des Kartells betreiben, zerstören wir den Pax Sinaloa. Lassen wir das Kartell unangetastet, akzeptieren wir, dass sich die Heroinkrise hierzulande weiter zuspitzt.

Das Sinaloa-Kartell hat gewisse Interessen, und wir haben unsere, Barreras »Tod« könnte zu einem unvereinbaren Konflikt führen, da sich nicht gleichzeitig die Stabilität in Mexiko erhalten und die Heroinepidemie in den Vereinigten Staaten eindämmen lässt.

Der erste Punkt setzt den Fortbestand des Sinaloa-Kartells voraus, Letzterer erfordert dessen Zerschlagung.

Das State Department und die CIA werden zumindest passiv an der Partnerschaft zwischen Mexiko und dem Kartell mitwirken, während das Justizministerium und die DEA den Heroinhandel durch das Kartell unterbinden wollen.

Und es gibt noch weitere Fraktionen. Der Justizminister verlangt eine Reform der Drogenpolitik, ebenso wie der Drogenbeauftragte des Weißen Hauses, doch während der Justizminister ohnehin bald seinen Abschied nehmen wird, ist man im Weißen Haus vorsichtiger. Der Präsident hat gegen Ende seiner Regierungszeit jeden Handlungsspielraum, den er braucht, will aber den Konservativen keine Munition gegen seinen potenziellen Nachfolger liefern, der sich 2016 zur Wahl stellen wird.

Und einer von diesen Konservativen ist dein eigener Stellvertreter, der dich 2016 mitsamt deinen Reformen wieder abschaffen will, vorzugsweise früher. Die Republikaner haben bereits den Senat auf ihrer Seite, und wenn sie das Weiße Haus für sich gewinnen, werden die neuen Machthaber einen neuen Justizminister ernennen, der uns erneut in einen Krieg gegen die Drogen führen wird, und der Erste, der dann gefeuert wird, bist du selbst.

Die Uhr tickt also.

Deine Aufgabe ist, denkt Keller, den Zustrom an Heroin in dieses Land zu stoppen. Das Sinaloa-Kartell – Adáns Vermächtnis, das System, das er errichtet hat (wobei du ihm geholfen hast) – ist verantwortlich für den Tod Tausender und wird sterben.

Korrigiere – es wird nicht einfach so sterben.

Du musst es zerstören.


Als Blair geht, fängt Keller an zu telefonieren.

Zuerst ruft er Orduña an.

»Die Leiche wurde gefunden«, sagt Keller ohne Einleitung.

»Wo?«

»Was glauben Sie wohl?«, fragt Keller. »Ich rufe gleich bei der SEIDO an, aber ich wollte, dass Sie es zuerst erfahren.«

Weil Orduña sauber ist – absolut quietschsauber, ebenso wenig wie er Geld nimmt, lässt er sich was gefallen. Seine Marines hatten – mit Kellers Hilfe und Geheimdienstinformationen aus den Vereinigten Staaten – die Zetas zerschlagen, und jetzt ist Orduña bereit, es mit dem Rest aufzunehmen, auch mit Sinaloa.

Schweigen, dann sagt Orduña: »Dann ist wohl Champagner angesagt.«

Als Nächstes ruft Keller bei der SEIDO an, einer mexikanischen Kombination aus FBI und DEA, und spricht mit dem dortigen Justizminister. Das ist heikel, denn der mexikanische Justizminister wird ungehalten darauf reagieren, dass sich die Behörden in Guatemala zunächst an die DEA und dann erst an ihn gewandt haben. Die Beziehung war immer schon fragil, dank Howards unaufhörlicher Einmischung umso mehr, aber hauptsächlich deshalb, weil die SEIDO mit Unterbrechungen immer wieder auf der Gehaltsliste des Kartells stand.

»Eigentlich wollte ich Sie vorwarnen«, sagt Keller. »Wir werden eine Presserklärung herausgeben, können sie aber auch noch zurückhalten, bis Sie Ihre rausgegeben haben.«

»Danke, das weiß ich zu schätzen.«

Kellers nächster Anruf gilt der amerikanischen Justizministerin.

»Wir werden eine Erklärung abgeben müssen«, sagt diese.

»Werden wir«, sagt Keller, »aber lassen Sie uns warten, bis die Mexikaner eine herausgegeben haben.«

»Warum?«

»Um ihnen die Chance zu geben, das Gesicht zu wahren«, sagt Keller. »Sie würden schlecht dastehen, wenn sie die Nachricht von uns erfahren hätten.«

»Aber sie haben sie doch von uns erfahren.«

»Wir müssen mit ihnen zusammenarbeiten«, sagt Keller. »Und es ist immer gut, wenn sie uns noch einen Gefallen schuldig sind. Verdammt, schließlich haben wir ihn nicht festgenommen – er wurde von anderen Narcos getötet.«

»War das so?«

»Sieht ganz danach aus.« Keller verbringt weitere fünf Minuten mit dem Versuch, die Justizministerin zu überreden die offizielle Erklärung zurückzuhalten, dann ruft er einen Kontaktmann bei CNN an. »Von mir haben Sie’s nicht, aber Mexiko wird bekannt geben, dass Adán Barreras Leiche in Guatemala gefunden wurde.«

»Ach du Scheiße, dürfen wir das bringen?«

»Ihre Entscheidung«, sagt Keller. »Ich sage Ihnen nur, was demnächst passieren wird. Damit ist die Geschichte bestätigt, dass Barrera nach Friedensverhandlungen mit den Zetas ermordet wurde.«

»Und wer führt jetzt das Kartell?«

»Wenn ich das wüsste.«

»Kommen Sie schon, Art.«

»Wollen Sie Fox zuvorkommen?«, fragt Keller. »Oder wollen Sie weitertelefonieren und mir Fragen stellen, die ich nicht beantworten kann?«

Offenbar Ersteres.


Martin’s Tavern ist seit der Aufhebung der Prohibition 1933 in Betrieb und seither ein Treffpunkt der Demokraten. Keller tritt ein, direkt neben ihm befindet sich der Tisch, an dem John F. Kennedy der Legende nach Jackie einen Heiratsantrag gemacht hat.

Camelot, denkt Keller.

Ein weiterer Mythos, aber einer, an den er als Kind zutiefst geglaubt hat. Er glaubte an JFK und Bobby, an Martin Luther King, an Jesus und an Gott. Da die ersten vier ermordet wurden, blieb nur noch Gott übrig, aber nicht der eine Gott aus Kellers Kindheit, der an die Stelle seines abwesenden Vaters trat, nicht der allgegenwärtige, allwissende, allmächtige Gott, der streng, aber gerecht über die Menschheit herrscht.

Dieser Gott war in Mexiko gestorben.

Wie viele andere Götter auch, denkt Keller, als ihm die abgestandene warme Luft der gemütlichen Kneipe entgegenschlägt. Mexiko ist ein Land, in dem die Tempel der neuen Götter auf den Gräbern der alten errichtet wurden.

Er steigt die schmale Holztreppe nach oben und geht in einen Raum, in dem Sam Rayburn Hof gehalten und Harry Truman und Lyndon Johnson um die Durchsetzung von Gesetzen gerungen hatten.

McCullough sitzt allein am Tisch. Sein dickes Gesicht ist ziemlich rot, sein dichtes Haar ist schneeweiß, wie es einem Mann in seinen Siebzigern zusteht. Die Finger seiner speckigen Hand hat er um ein gedrungenes Glas gelegt. Ein weiteres steht auf dem Tisch.

McCullough ist Republikaner. Aber er mag Martin’s Tavern trotzdem, einfach so.

»Ich habe für Sie bestellt«, sagt er, als Keller sich setzt.

»Danke«, sagt Keller. »Es handelt sich tatsächlich um Barreras Leiche. Wir haben gerade die Bestätigung erhalten.«

»Was haben Sie der Justizministerin gesagt?«, fragt McCullough.

»Was wir wissen«, sagt Keller. »Dass unsere Geheimdienstinformationen, denen zufolge es zu einem Feuergefecht zwischen Zetas und Sinaloanern gekommen ist, sich als richtig erwiesen haben. Anscheinend kam Barrera bei der Schießerei ums Leben.«

McCullough sagt: »Wenn Dos Erres sich bestätigt, könnte man uns mit Tidewater in Verbindung bringen.«

»Könnte man«, sagt Keller. »Aber Tidewater kann nicht mit dem Überfall in Verbindung gebracht werden.«

Die Firma hatte sich aufgelöst und war in Arizona unter anderem Namen neu gegründet worden. Achtzehn Personen waren an dem Einsatz in Guatemala beteiligt. Eine wurde tödlich verletzt. Der Mann wurde geborgen, die Angehörigen informiert, dass er im Training verunglückt sei, woraufhin diese eine außergerichtliche Einigung akzeptiert hatten. Vier Verletzte, ebenfalls erfolgreich geborgen und in einer Einrichtung in Costa Rica behandelt, die ärztlichen Unterlagen wurden längst vernichtet und die Männer entschädigt, so wie es ihnen vertraglich zugesichert worden war. Von den verbliebenen zwölf starb einer bei einem Autounfall, ein zweiter im Dienst eines anderen Unternehmens. Die anderen haben nicht die Absicht, gegen die Vertraulichkeitsklauseln in ihren Verträgen zu verstoßen.

Der abgestürzte Blackhawk war nicht gekennzeichnet gewesen, und die Jungs hatten ihn vor ihrem Abzug gesprengt. Am nächsten Tag kam die D-2 und säuberte den Schauplatz.

»Ich mache mir viel größere Sorgen, dass man im Weißen Haus nervös wird«, sagt Keller.

»Die werde ich schon auf Kurs halten«, sagt McCullough. »Wir halten uns einfach gegenseitig Knarren an die Köpfe, früher nannte man das ›Gleichgewicht des Schreckens‹. Verdammt, wenn man sich das mal überlegt, würde die Öffentlichkeit erfahren, dass der Präsident der Vereinigten Staaten Cowboy gespielt und drei der weltweit größten Drogenhändler ausgeschaltet hat, könnten seine Sympathiewerte, vor dem aktuellen Hintergrund der Heroinepidemie, ins Unermessliche steigen.«

»Ihre Kollegen bei den Republikanern würden ihn aber wegen Amtsvergehen anklagen«, sagt Keller. »Und Sie würden das unterstützen.«

Es hatte Gerüchte gegeben, McCullough wolle bei den Präsidentschaftswahlen 2016 kandidieren, hauptsächlich hatte der Senator diese selbst in die Welt gesetzt.

McCullough lacht. »In Sachen Verrat, Heimtücke, Erpressung und Nahkampf – im Hinblick auf die reine Tötungsmacht – können die mexikanischen Kartelle den Mächtigen in dieser Stadt nicht das Wasser reichen. Vergessen Sie das nicht.«

»Ich werd’s mir merken.«

»Sie sind sicher, dass das nicht auf uns zurückfallen wird?«

»Bin ich.«

McCullough hebt sein Glas. »Dann trinke ich auf den jüngst entdeckten Toten. Hoffen wir mal, dass die Nonnen recht hatten.«

»Womit?«, fragt Keller.

»Mit der Hölle.«

Keller trinkt aus.


Zwei Stunden später betrachtet Keller ein Bild von Iván Esparza auf dem großen Bildschirm im Besprechungszimmer. Esparza trägt ein gestreiftes Norteño-Hemd, Jeans und Sonnenbrille, steht vor einem Privatjet.

»Iván Archivaldo Esparza«, sagt Blair. »Dreißig Jahre alt. Geboren in Culiacán, Sinaloa. Ältester Sohn des verstorbenen Ignacio ›Nacho‹ Esparza, einer der drei Hauptteilhaber des Sinaloa-Kartells. Er hat zwei jüngere Brüder, Oviedo und Marco, alle im Familienunternehmen tätig.

Das Bild wechselt, jetzt ist Iván zu sehen, der mit freiem Oberkörper auf einem Boot steht, im Hintergrund weitere Motorjachten.

»Iván ist ein typischer Vertreter der sogenannten Los Hijos«, sagt Blair. »›Die Söhne‹. Sie staffieren sich aus mit Norteño-Cowboyklamotten, klobigem Schmuck, Goldketten, verkehrt herum aufgesetzten Basecaps und ausgefallenen Stiefeln, fahren jeweils mehrere Autos – Maseratis, Ferraris, Lamborghinis. Iván besitzt sogar mit Diamanten besetzte Schusswaffen. Und postet Fotos davon in den sozialen Medien.«

Blair zeigt ein paar Bilder aus Iváns Blog:


Ein vergoldetes AK-47 auf dem Armaturenbrett eines Maserati-Cabrios.

Ein Stapel Zwanzigdollarscheine.

Iván mit zwei jungen Frauen in knappen Bikinis.

Eine junge Frau auf dem Vordersitz eines Wagens, die den Namen »Esparza« auf ihr langes linkes Bein tätowiert hat.

Sportwagen, Boote, Jetskis, Waffen.

Kellers Lieblingsfoto zeigt Iván mit einer Kapuzenjacke bekleidet, wie er sich über einen ausgewachsenen, vor seinem Ferrari liegenden Löwen beugt, und noch ein anderes von ihm mit zwei Löwenbabys auf dem Fahrersitz. Die Narbe in Iváns Gesicht ist kaum zu erkennen, aber der Wangenknochen wirkt noch ein bisschen eingedrückt.

»Jetzt, da Barreras Tod bestätigt ist«, sagt Blair, »ist Iván als Nächster dran, den Laden zu übernehmen. Er ist nicht nur Nachos Sohn, sondern auch Adáns Schwager. Der Esparza-Flügel des Kartells besitzt Milliarden von Dollars, verfügt über Hunderte von Soldaten und enormen politischen Einfluss. Trotzdem gibt es noch andere Kandidaten.«

Auf der Leinwand erscheint das Bild einer eleganten Frau.

»Elena Barrera Sanchez«, sagt Blair, »Adáns Schwester, früher hat sie für ihn Baja geleitet, sich aber vor elf Jahren bereits zur Ruhe gesetzt und Iván das Gebiet übergeben. Sie hat zwei Söhne, Rudolfo, der hier in den Staaten eine Haftstrafe wegen Kokainhandels abgesessen hat, und Luis. Angeblich ist Elena raus aus dem Drogengeschäft, ebenso wie ihre beiden Söhne. Das Familienvermögen wurde größtenteils in legale Unternehmen investiert, aber sowohl Rudolfo wie auch Luis lassen sich gelegentlich bei den Los Hijos blicken und gelten als Adáns Neffen sicher auch als potenzielle Thronerben.«

Ein Foto von Ricardo Nuñez erscheint.

»Nuñez hat den Reichtum und die Macht, das Kartell zu übernehmen«, sagt Blair, »aber er ist die geborene Nummer zwei, von Natur aus jemand, der hinter dem Thron steht und nicht drauf sitzt. Vom Herzen her ist er ein Jurist, ein vorsichtiger, pedantischer gesetzestreuer Anwalt und nicht blutrünstig genug, um an die Spitze aufzurücken.«

Erneut erscheint das Bild eines jungen Mannes.

Keller erkennt Ric Nuñez.

»Nuñez hat einen Sohn«, sagt Blair. »Ebenfalls Ricardo, fünfundzwanzig Jahre alt, trägt den lächerlichen Spitznamen ›Mini-Ric‹. Er steht nur auf der Liste, weil er Barreras Patensohn ist.«

Weitere Bilder von »Mini-Ric«.

Wie er Bier trinkt.

Porsche fährt.

Eine Pistole mit Monogramm hochhält.

Einen Geparden an der Leine spazieren führt.

»Ric fehlt die Ernsthaftigkeit seines Vaters«, sagt Blair. »Er ist ebenfalls ein Hijo, ein Playboy, der Geld verschleudert, das er niemals unter Aufbietung von Schweiß und Tränen selbst hat verdienen müssen. Wenn er nicht high ist, ist er betrunken. Er hat sich nicht mal selbst im Griff, geschweige denn das Kartell.«

Keller sieht ein Foto von Ric und Iván, wie sie gemeinsam trinken, die Gläser zum Trinkspruch in die Kamera heben. Den jeweils freien Arm haben sie sich gegenseitig auf die Schultern gelegt.

»Iván Esparza und Ric Nuñez sind beste Freunde«, sagt Blair. »Iván steht Ric vermutlich näher als seinen eigenen Brüdern. Aber Ric ist der Beta-Wolf in dem Rudel, das Iván anführt. Iván ist ehrgeizig, Ric fast schon das Gegenteil.«

Keller weiß das alles längst, aber er hatte Blair gebeten, die aktuelle Lage nach der Entdeckung von Adáns Leiche noch einmal für die Mitarbeiter der DEA und der Justizbehörde zusammenzufassen. Bill Howard sitzt in der ersten Reihe – bildet sich endlich mal weiter, denkt Keller.

»Und es gibt noch weitere Hijos«, sagt Blair. »Der Vater von Rubén Ascención, Tito, war Nacho Esparzas Bodyguard und hat inzwischen eine eigene Organisation, das Jalisco-Kartell, das hauptsächlich mit Methamphetaminen Geld verdient.«

»Dieser Kerl hier …«

Er zeigt ein weiteres Bild von einem jungen Mann – kurzes schwarzes Haar, schwarzes Hemd, wütender Blick in die Kamera.

»… ist Damien Tapia«, sagt Blair, »auch genannt ›der junge Wolf‹. Zweiundzwanzig Jahre alt und Sohn des verstorbenen Diego Tapia, der früher ebenfalls zu Adáns Geschäftspartnern zählte. Damien war festes Mitglied der Los Hijos, bis sein Dad sich 2009 mit Barrera verkrachte und einen Bürgerkrieg innerhalb des Kartells auslöste, den Barrera gewann. Früher war er sehr dicke mit Ric und Iván, doch jetzt will Damien nichts mehr mit ihnen zu tun haben, da er deren Väter für den Mord an seinem Vater verantwortlich macht.«

Los Hijos, denkt Keller, sind so was wie das brat pack des mexikanischen Drogenhandels, die dritte Generation von Schiebern. Zuerst war es Miguel Ángel Barrera – »M-1« – und seine Mitarbeiter; danach kamen Adán Barrera, Nacho Esparza, Diego Tapia und ihre verschiedenen Rivalen und Feinde – Heriberto Ochoa, Hugo Garza, Rafael Caro.

Und jetzt Los Hijos.

Aber anders als die vorangegangene Generation, hatten Los Hijos nie auf den Mohnfeldern gearbeitet, sich nicht die Hände mit Erde schmutzig oder in den Kriegen ihrer Väter und Onkel blutig gemacht. Sie nehmen den Mund voll, fuchteln mit vergoldeten Pistolen und AKs herum, mussten sich ihre Sporen aber nie selbst verdienen.

Sie sind verwöhnt, mit allen Rechten und Vorzügen ausgestattet und stumpf, sie glauben, dass ihnen Reichtum und Macht einfach so zustehen. Sie haben keine Ahnung, was damit einhergeht.

Iván Esparzas Machtübernahme kommt mindestens zehn Jahre zu früh für ihn. Er hat weder die Reife noch die Erfahrung, die für die damit verbundenen Aufgaben nötig sind. Wenn er schlau ist, wird er Ricardo Nuñez als eine Art Consigliere einsetzen, aber nach allem, was man so hört, ist Iván nicht schlau – er ist arrogant, aufbrausend und protzig, Eigenschaften, für die sein konservativer Vater nur Verachtung übrighatte.

Aber der Sohn ist nicht der Vater.

»Die Karten werden neu gemischt«, sagt Keller. »Wenn Barreras Tod den Zustrom an Drogen nicht einmal eine Woche lang vermindern konnte, dann wird jetzt mehr denn je hereinkommen. Noch gibt es dort Kontinuität und Stabilität. Aber das Kartell ist ein Unternehmen, das seinen Geschäftsführer verloren hat, und es gibt einen Aufsichtsrat, der schließlich einen neuen Geschäftsführer benennen wird. Wir müssen zusehen, dass wir in die Gespräche eingeweiht werden.«


Er ist das Abbild seines Vaters.

Als Hugo Hidalgo zur Tür hereinkommt, fühlt Keller sich dreißig Jahre zurückversetzt.

Zu seiner ersten Begegnung mit Ernie Hidalgo in Guadalajara.

Diese pechschwarzen Haare.

Das hübsche Gesicht.

Das Lächeln.

»Hugo, wie lange ist das her?« Keller kommt hinter dem Schreibtisch hervor und umarmt ihn.

»Komm, setz dich, setz dich.«

Er führt Hugo zu einem Stuhl in einer kleinen Nische am Fenster und nimmt ihm gegenüber Platz. Kellers Vorzimmerdame und eine ganze Reihe von Sekretärinnen hatten sich gefragt, wie es einem untergeordneten Field Agent gelungen war, einen Termin beim Direktor zu bekommen, noch dazu an einem Tag wie diesem, an dem Keller alles andere abgesagt und sich im Prinzip in seinem Büro eingeschlossen hatte.

Keller war den ganzen Tag dort geblieben, hatte mexikanische Nachrichtensendungen und Satellitenmeldungen über die Bekanntgabe von Adán Barreras Tod verfolgt. Auf Univision wurden Filmaufnahmen vom Trauerzug gezeigt – Dutzende von Fahrzeugen –, die sich über Serpentinen die Berge hinunter nach Culiacán schlängelten. In den Dörfern und Städten dazwischen säumten Menschen die Straße und warfen Blumen, liefen weinend zum Leichenwagen, pressten die Hände an die Scheiben. Selbst gezimmerte Altäre mit Fotos von Barrera, Kerzen und Schilder mit der Aufschrift »Adán viva!«.

Das alles für das miese Stück Scheiße, das den Vater des jungen Mannes ermordet hatte, der ihm jetzt gegenübersitzt und der ihn früher »Tío Arturo« nannte. Hugo muss inzwischen wie alt sein? Fast dreißig? Oder älter?

»Wie geht’s dir?«, fragt Keller. »Wie geht’s der Familie?«

»Mom geht’s gut«, sagt Hugo. »Sie lebt jetzt in Houston. Ernesto ist bei der Polizei in Austin. So ein Hippie-Cop mit Fahrrad. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.«

Keller hat ein schlechtes Gewissen, weil er den Kontakt verloren hat.

Gegenüber Ernie Hidalgo hat er wegen vieler Dinge ein schlechtes Gewissen. Es war seine Schuld, dass Ernie getötet wurde – zu Tode gefoltert, als Hugo noch ein kleiner Junge war. Keller hat sein gesamtes Berufsleben versucht, es wiedergutzumachen – alle aufzuspüren und hinter Gitter zu bringen, die an dem Mord beteiligt waren.

Und er hat sein Leben der Aufgabe gewidmet, Adán Barrera zu Fall zu bringen.

Was ihm schließlich auch gelungen war.

»Was ist mit dir?«, fragt Keller. »Bist du verheiratet? Hast du Kinder?«

»Weder noch«, sagt Hugo. »Trotzdem. Hör mal, ich weiß, dass du viel zu tun hast, ich bin dir echt dankbar, dass du dir die Zeit nimmst …«

»Ist doch selbstverständlich.«

»Du hast mal gesagt, wenn es was gibt, was du tun kannst, dann soll ich nicht zögern und …«

»Das hab ich ernst gemeint.«

»Danke«, sagt Hugo. »Ich will nicht ausnutzen, dass wir uns kennen. Ich bin gar nicht der Ansicht, dass du mir noch was schuldig bist …«

Keller hat Hugos Laufbahn aus der Ferne verfolgt.

Der Junge hat alles richtig gemacht.

War beim Militär. Dann mit den Marines im Irak.

Danach kam er zurück, hat das College beendet, einen Abschluss in Strafrecht an der UT gemacht und war dann zu den Maricopa County Sheriffs gegangen. Hatte sich dort einen guten Ruf erarbeitet und sich immer wieder bei der DEA beworben, bis er schließlich genommen wurde.

Keller weiß, dass er das auch anders hätte machen können. Einfach reinspazieren und erklären, er sei der Sohn eines gefallenen DEA-Helden, dann hätten sie ihm auf der Stelle einen Job angeboten.

Aber das wollte er nicht.

Er hatte ihn sich verdient, und das respektiert Keller.

Hätte Hugos Vater auch getan.

»Was kann ich für dich tun, Hugo?«

»Ich bin jetzt seit drei Jahren in dem Job«, sagt Hugo, »und ermittle immer noch gegen kleine Marihuana-Dealer in den Vorstädten von Seattle.«

»Hast du was gegen Seattle?«

»Das ist so weit von Mexiko entfernt, wie’s nur geht«, sagt Hugo. »Aber vielleicht soll das ja so sein.«

»Wie meinst du das?«

Hugo guckt verlegen, dann beißt er die Zähne zusammen und schaut Keller direkt an.

So wie Ernie es auch getan hätte, denkt Keller.

»Hält man mich bewusst von Gefahren fern, Sir?«, fragt Hugo. »Denn wenn …«

»Ich nicht.«

»Na ja, aber irgendjemand schon«, sagt Hugo. »Ich habe mich fünf Mal auf FAST beworben und wurde immer abgelehnt. Das ergibt keinen Sinn. Ich spreche fließend Spanisch, sehe aus wie ein Mexikaner, bin an sämtlichen Waffen ausgebildet.«

»Warum willst du zu FAST?«

FAST ist die Abkürzung für Foreign Deployed Advisory and Support Team, aber Keller weiß, dass es dort um mehr als Beratung und Unterstützung geht. Im Prinzip ist es die Spezialeinheit der DEA.

»Weil es da zur Sache geht«, sagt Hugo. »Ich sehe Jugendliche an Drogen sterben. Ich will in den Kampf einsteigen. Ich will an die Front.«

»Ist das der einzige Grund?«, fragt Keller.

»Genügt das nicht?«

»Darf ich ehrlich zu dir sein, Hugo?«

»Ich wünsche mir schon lange, dass endlich mal jemand ehrlich zu mir ist«, sagt Hugo.

»Du kannst nicht dein Leben darauf verwenden, deinen Vater zu rächen«, sagt Keller.

»Bei allem Respekt, Sir«, sagt Hugo. »Das hast du selbst getan.«

»Und daher weiß ich auch, dass das nicht gut ist.« Keller beugt sich vor. »Die Männer, die deinen Vater auf dem Gewissen haben, sind alle tot. Zwei sind im Gefängnis gestorben, einer bei einer Schießerei auf einer Brücke in San Diego. Für den Letzten … wird gerade die Totenwache gehalten. Der Job ist erledigt, Kleiner. Du musst dir das nicht aufbürden.«

»Ich möchte, dass mein Vater stolz auf mich gewesen wäre«, sagt Hugo.

»Ich bin sicher, das wäre er gewesen.«

»Ich will keine Vorzugsbehandlung wegen meinem Vater«, sagt Hugo, »aber ich will auch nicht geschont werden.«

»Das kann ich verstehen«, sagt Keller. »Ich sag dir was, wenn sich jemand deiner Versetzung zu FAST in den Weg stellt, sorge ich dafür, dass du genommen wirst. Vorausgesetzt, du schaffst die Prüfung und das Training, normalerweise gelingt das nur der Hälfte – dann stelle ich die Weichen, dass du nach Afghanistan versetzt wirst. An die Front.«

»Ich spreche Spanisch, nicht Urdu.«

»Sieh’s mal ein, Hugo«, sagt Keller. »Wir werden dich auf gar keinen Fall nach Mexiko schicken. Oder nach Guatemala, El Salvador, Costa Rica oder Kolumbien. Die DEA wird die Schlagzeilen nicht riskieren, falls dir was zustößt. Und dir würde etwas zustoßen – du bist vorbelastet.«

»Ich lass es drauf ankommen.«

»Ich aber nicht.« Ich musste Theresa Hidalgo sagen, dass ihr Mann tot ist, denkt Keller, ich werde ihr nicht auch noch sagen, dass ihr Sohn ermordet wurde. Er nimmt sich vor herauszufinden, wer Hugo bislang aus der Gefahrenzone herausgehalten hat, um sich bei demjenigen zu bedanken. Anscheinend hatte mal jemand mitgedacht. »Wenn du nicht nach Kabul willst, dann sag mir, wohin ich dich schicken soll. Europa – Spanien, Frankreich, Italien?«

»Versuch mich nicht mit klangvollen Namen zu locken«, sagt Hugo. »Entweder ihr versetzt mich an die Front oder ich verlasse die DEA. Und du weißt, dass ich bei der Polizei in einem Grenzstaat genommen werde und auch, dass die mich garantiert als verdeckten Ermittler einsetzen werden. Dann kaufe ich Drogen von Sinaloa, noch bevor du meinen Namen von deiner Weihnachtskartenliste gestrichen hast.«

Du bist der Sohn deines Vaters, denkt Keller. Du wirst genau das tun, was du sagst, und du wirst getötet werden – und ich bin deinem Dad was Besseres schuldig.

»Willst du das Kartell zerschlagen?«, fragt Keller.

»Ja, Sir.«

»Vielleicht hab ich ja einen Job für dich«, sagt Keller. »Als mein Assistent.«

»Als Schreibtischhengst«, sagt Hugo.

»Wenn du denkst, dass du das Kartell zerschlägst, indem du ein paar Kilo Koks in El Paso kaufst oder ein paar Sicarios in El Salvador niedermähst, dann bist du möglicherweise zu dumm, um hier zu arbeiten«, sagt Keller. »Aber wenn du in den wahren Krieg ziehen willst, dann fliegst du zurück nach Seattle, packst deine Sachen und erscheinst Montag früh zur Arbeit. Ein besseres Angebot wirst du nicht bekommen, Kleiner. An deiner Stelle würde ich’s annehmen.«

»Ich nehm’s an.«

»Gut. Dann bis Montag.«

Er bringt Hugo zur Tür und denkt, scheiße, ich hab mich gerade von Ernie Hidalgos Sohn überrumpeln lassen.

Er kehrt zum Fernseher zurück.

Adáns Leichnam wurde nach Culiacán zurückgebracht.


Wenn Ric noch weitere fünf Minuten so sitzen muss, gibt er sich die Kugel.

Aber dieses Mal wirklich.

Lieber wäre er tot, als hier auf dem hölzernen Klappstuhl zu sitzen und den geschlossenen Sarg mit Adán Barreras Knochen anzustarren, so zu tun, als würde er trauern und in zärtlichen Erinnerungen an seinen Patenonkel schwelgen.

Das Ganze ist widerlich.

Aber irgendwie auch komisch. Bei einer velatorio geht es schließlich darum, dass die Menschen die Leiche sehen, aber es gibt keine Leiche, jedenfalls keine richtige; die haben einfach das Skelett in einen Sarg gepackt, der vermutlich mehr gekostet hat als die Häuser der meisten Anwesenden hier, deshalb ist es ein bisschen so, als würde man einen Kinofilm ohne Bild und ohne Ton sehen.

Dann die ganze Diskussion, was mit dem Anzug sein soll, denn wie soll man den Verstorbenen in seinem aktuellen Zustand in seinen besten Anzug bekommen, damit er im nächsten Leben nicht so schäbig herumlaufen muss? Das konnte eindeutig nicht funktionieren, also hatten sie einen Anzug von Armani aus Adáns Kleiderschrank geholt, zusammengelegt und zu ihm in den Sarg gelegt.

Noch komischer war die Frage, was ihm außerdem mitgegeben werden sollte, denn die Tradition sieht vor, dass man Dinge dazulegt, die etwas damit zu tun haben, was der Tote zu Lebzeiten gerne gemacht hat, aber niemandem war etwas eingefallen, das Adán einfach so zum Vergnügen gerne getan hätte, etwas, das ihm tatsächlich Spaß gemacht hatte.

»Wir können Geld reinlegen«, hatte Iván Ric zugeraunt. »Geld fand er auf jeden Fall gut.«

»Und Muschis«, erwiderte Ric.

Angeblich war sein Patenonkel ein ziemlicher Weiberheld gewesen.

»Aber ich glaube nicht, dass die dir erlauben, eine scharfe Bitch umzubringen und zu ihm in die Kiste zu legen«, sagte Iván.

»Weiß nicht«, sagte Ric. »Platz wäre noch genug.«

»Ich geb dir tausend Dollar, wenn du den Vorschlag machst«, sagte Iván.

»Lohnt sich nicht«, sagte Ric mit Blick auf seinen Vater und Elena Sanchez, die sich gerade sehr ernst über das Thema unterhielten. Nein, sein Dad würde das gar nicht witzig finden und Elena konnte ihn sowieso nicht leiden. Außerdem würde er so was auf keinen Fall vor Eva sagen, die – apropos scharf – … echt heiß aussah in ihrem schwarzen Kleid.

Ric würde Eva definitiv flachlegen, immerhin war sie genauso alt wie er, aber auch das würde er nicht sagen, jedenfalls nicht vor ihrem Bruder Iván.

»Mit der würde ich’s treiben«, hatte Melissa zu Ric gesagt. »Auf jeden Fall.«

»Meinst du denn, die fährt zweigleisig?«

»Baby«, sagte Melissa, »bei mir fahren alle zweigleisig. Ich kriege jede, die ich haben will.«

Ric dachte kurz darüber nach. »Elena nicht. Bei der herrscht unten Eiszeit.«

»Ich bring das Eis zum Schmelzen«, sagte Melissa und streckte eine spitze Zunge heraus. »Und mach Freudentränen draus.«

An Selbstbewusstsein hatte es Melissa noch nie gefehlt.

Zum Schluss wurde ein Baseball in den Sarg gelegt, weil Adán Baseball irgendwie ganz gerne gemocht hatte – auch wenn sich niemand erinnern konnte, dass er jemals auch nur bei einem einzigen Spiel gewesen wäre –, ein altes Paar Boxhandschuhe aus Adáns jungen Jahren, als Boxmanager, und ein Foto seiner Tochter, die sehr jung gestorben war, weshalb Ric ein kleines bisschen ein schlechtes Gewissen bekam, weil er eine tote Frau hatte reinpacken wollen.

Das war also die Diskussion gewesen – die ernsthaftere Debatte wurde allerdings darüber geführt, wo die velatorio überhaupt stattfinden sollte. Zuerst dachten sie bei Adáns Mutter zu Hause in seinem Heimatdorf La Tuna, dann aber fand man, dass das für die alte Dame vielleicht doch zu viel sein könnte, und hatte sich dagegen entschieden, auch weil – wie Rics Vater ausgeführt hatte – »die ländliche Umgebung eine Vielzahl logistischer Schwierigkeiten birgt«.

Okay.

Sie beschlossen die velatorio in Culiacán bei jemandem zu Hause abzuhalten, schließlich war dort auch der Friedhof. Das Problem war nur, dass sie alle dort ein Haus hatten – oder tatsächlich sogar mehrere –, in und um die Stadt herum, also wurde darüber gestritten, bei wem zu Hause, denn dies schien durchaus von Bedeutung zu sein.

Elena wollte die Feier bei sich zu Hause veranstalten – immerhin war Adán ihr Bruder.

Iván wollte den Sarg im Haus der Familie Esparza aufstellen – Adán war der Schwiegersohn seines Vaters gewesen.

Rics Vater schlug sein Haus in einer Vorstadt von Eldorado vor, »fernab neugieriger Blicke«.

Was macht das für einen Unterschied, verdammt?, fragte sich Ric, während die Diskussion immer hitziger wurde. Adán ist es egal, der ist tot. Aber anscheinend war es den anderen nicht egal, und sie regten sich auf, bis Eva leise sagte: »Adán und ich hatten hier auch ein Zuhause. Wir machen es dort.«

Ric bemerkte, dass Iván nicht besonders begeistert davon war, dass seine kleine Schwester sich zu Wort meldete: »Es wäre zu viel verlangt, dich darum zu bitten«, sagte er.

Warum?, fragte sich Ric.

»Aber das ist wirklich zu viel für dich, Liebes«, sagte Elena.

Rics Vater nickte. »Ist auch viel zu weit draußen auf dem Land.«

Endlich waren sie sich mal einig, dachte Ric.

Aber Eva sagte: »Wir machen es bei uns.«

Ric und alle anderen mussten also raus an den Arsch der Welt zu Adáns Estancia fahren, hinauf über gewundene Schotterstraßen, vorbei an den Straßensperren der Polizei, die für ihre Sicherheit garantierte. Ganze Karawanen von Narcos reisten an, um ihm die letzte Ehre zu erweisen, einige aus Zuneigung, andere aus Pflichtgefühl, wieder andere aus Angst, nicht dort gesehen zu werden. Bekam man eine Einladung zu Adán Barreras Trauerfeier und tauchte nicht dort auf, lief man Gefahr, Ehrengast bei der nächsten zu sein.

Rics Vater und Elena hatten die meisten Arrangements getroffen, weshalb natürlich alles perfekt war. Über ihnen kreisten Hubschrauber, bewaffnete Sicherheitskräfte patrouillierten auf dem Gelände, die Mitarbeiter des Park-Service hatten halbautomatische Pistolen im Hüftholster.

Die Gäste standen auf dem abschüssigen Rasen vor dem Haus. Tische mit weißen Tischtüchern waren gedeckt und bogen sich unter Platten voller Essen, Weinflaschen und Krügen mit Bier, Limonade und Wasser. Kellner liefen mit Hors d’œuvres auf Tabletts herum.

Eine von Rudolfo Sanchez’ Norteño-Bands spielte in einem Pavillon.

Der Weg zum Haus hinauf war mit Ringelblumen bestreut, was bei einer velatorio so Brauch ist.

»Die haben sich wirklich selbst übertroffen«, sagt Karin, Rics Frau, jetzt zu ihm.

»Was hast du denn gedacht?«

Ric hatte ganze zwei Semester lang Betriebswirtschaft an der Autonomous University of Sinaloa studiert, dabei nicht mehr über Ökonomie gelernt, als dass ein billiges Kondom kostspieliger sein kann als ein teures. Als er seinem Vater gestand, dass Karin embarazada war, hatte Ricardo ihn aufgefordert, das einzig Richtige zu tun.

Und Ric wusste, was das war.

Das Balg abtreiben und Schluss machen mit Karin.

»Nein«, sagte Nuñez. »Du wirst sie heiraten und das Kind großziehen.«

Ric sen. hatte geglaubt, die Verantwortung für eine Familie würde seinen Sohn »zum Mann machen«, und irgendwie tat sie das auch – einen Mann, der selten nach Hause kam und eine Geliebte hatte, die zu allem bereit war, was seine Frau nicht machen wollte. Nicht, dass er sie darum gebeten hätte – Karin war zwar recht hübsch, aber so langweilig wie ein Sonntagsessen. Würde er ihr etwas von dem vorschlagen, was Melissa machte, würde sie vermutlich in Tränen ausbrechen und sich im Badezimmer einsperren.

Sein Vater hatte kein Verständnis dafür. »Du verbringst mehr Zeit mit den Esparzas als zu Hause.«

»Hin und wieder brauche ich eben einen Abend mit den Jungs.«

»Aber du bist kein Junge mehr, du bist ein Mann«, sagte Nuñez. »Und ein Mann verbringt Zeit mit seiner Familie.«

»Du kennst Karin nicht.«

»Du hast dich entschieden, Sex mit ihr zu haben«, sagte Nuñez. »Ohne angemessenen Schutz.«

»Nur ein einziges Mal«, sagte Ric. »Wegen Sex muss ich mir bei der ja wohl keine Sorgen mehr machen.«

»Nimm dir eine Geliebte«, sagte Nuñez. »So macht ein Mann das. Aber ein Mann sorgt auch für seine Familie.«

Obwohl sein Vater Backsteine quer scheißen würde, wenn er wüsste, wen Ric sich als Geliebte ausgesucht hatte – eine durch und durch Irre, die zu allem Überfluss seine Sicherheitschefin ist. Nein, Dad würde La China nicht gutheißen, deshalb hielt Ric sich in dieser Hinsicht bedeckt.

Sein alter Herr hatte noch mehr zu sagen. »Wenn du deine Ehe nicht respektierst, respektierst du auch deinen Patenonkel nicht, und das kann ich nicht zulassen.«

An dem Abend fuhr Ric tatsächlich nach Hause.

»Hast du dich bei meinem Vater über mich beschwert?«, fragte er Karin.

»Du bist nie zu Hause!«, sagte sie. »Jede Nacht bist du mit deinen Freunden zusammen! Wahrscheinlich fickst du mit einer Hure!«

Huren, Plural, dachte Ric, sagte es aber nicht. Stattdessen sagte er: »Gefällt dir das große neue Haus? Wie wär’s mit einer Eigentumswohnung in Cabo? Und das Strandhaus in Rosarito? Was glaubst du, woher das alles kommt? Die Klamotten, der Schmuck, der große Flachbildfernseher, in den du ständig glotzt. Die Nanny für deine Tochter, damit du bei deinen telenovelas nicht gestört wirst. Was glaubst du, woher das alles kommt?«

Karin grinste höhnisch. »Du hast nicht mal einen Job.«

»Mein Job«, sagte Ric, »ist, der Sohn von diesem Mann zu sein.«

Wieder höhnisches Grinsen. »›Mini-Ric‹.«

»Genau«, sagte er. »Wenn du nicht so eine blöde Fotze wärst, würdest du vielleicht denken: Hmm, das Letzte, was ich will, ist meinen Mann bei seinem Dad schlecht machen und riskieren, dass ihm der Hahn abgedreht wird. Aber das geht natürlich nur, wenn man keine blöde Fotze ist.«

»Raus.«

»Du lieber Himmel, entscheide dich«, sagte Ric. »Willst du jetzt, dass ich nach Hause komme, oder soll ich verschwinden? Was denn nun? Eine einzige verdammte Nacht mit dir, und plötzlich wird lebenslänglich draus.«

»Was glaubst du wohl, wie’s mir geht?«, fragte Karin.

Mehr kriegt sie nicht hin, dachte Ric. Hätte er Melissa als blöde Fotze beschimpft, hätte sie ihm in den Schwanz geschossen und die Kugel wieder rausgelutscht.

»Ich sag dir, worauf ich hinauswill«, erklärte Ric. »Wenn du dich beschweren willst, beschwer dich bei deinen Freundinnen. Beschwer dich bei der Haushälterin, beschwer dich bei dem wertlosen miesen kleinen Scheißköter, den ich dir gekauft habe. Aber geh niemals, nie, zu meinem Vater.«

»Sonst passiert was?« Sie schob ihr Gesicht direkt vor seins.

»Ich würde niemals eine Frau schlagen«, sagte Ric. »Du weißt, dass ich nicht so bin. Aber ich werde mich scheiden lassen. Du bekommst eins von den Häusern, und dort wirst du allein leben. Viel Glück bei der Suche nach einem neuen Ehemann, jetzt, wo du ein Kind im Schlepptau hast.«

Später an dem Abend kam er zu ihr ins Bett gekrochen, betrunken und ein kleines bisschen weicher. »Karin?«

»Was?«

»Ich weiß, dass ich ein Arschloch bin«, sagte Ric. »Ich bin ein Hijo, ich hab nie was anderes gelernt.«

»Es ist nur, dass du …«

»Was?«

»Du spielst mit dem Leben«, sagte sie.

Ric lachte. »Baby, was soll ich denn sonst damit machen?«

Als Hijo hat er Freunde, Cousins und Onkel sterben sehen. Die meisten jung, einige jünger als er. Man muss spielen, solange einem das Leben Zeit dafür lässt, denn früher oder später, und vermutlich eher früher, bekommt man seine Lieblingsspielsachen in die Kiste gelegt.

Schnelle Autos, schnelle Boote, noch schnellere Frauen. Gutes Essen, besserer Alkohol, die besten Drogen. Schöne Häuser, schönere Klamotten, die allerschönsten Waffen. Sollte am Leben mehr dran sein als das, dann hat er’s nie gesehen.

»Spiel mit mir«, sagte er.

»Ich kann nicht«, sagte sie. »Wir haben ein Kind.«

Sie hat sich in ihrem Leben als junge Mutter eingerichtet, und sie erzieht ihre gemeinsame kleine Tochter. Die offene Feindschaft in ihrer Ehe ist allmählich stumpfer Toleranz gewichen. Und natürlich musste sie Ric zu Adáns velatorio begleiten, denn alles andere wäre in den Augen seines Vaters »unschicklich« gewesen.

Aber dass Melissa ebenfalls da war, half nicht gerade.

Melissa war im Dienst.

Karin fiel sie auf. »Das Mädchen. Gehört die zu den Sicherheitsleuten?«

»Sie ist die Chefin.«

»Sieht beeindruckend aus«, sagte Karin. »Ist sie eine tortillera, was meinst du?«

Ric lachte. »Woher kennst du denn solche Wörter?«

»Ein bisschen was weiß ich auch, ich lebe ja schließlich nicht in einem Kokon.«

Na ja, irgendwie doch, dachte Ric. »Ich weiß nicht, ob sie lesbisch ist. Wahrscheinlich schon.«

Jetzt sitzt Karin neben Ric, sieht genauso elend aus, wie er sich fühlt, starrt pflichtschuldigst den Sarg an (Karin erfüllt ihre Pflicht, wie eine Nonne einen Rosenkranz betet, denkt Ric), ganz wie es sich für die Frau des Patensohns gehört.

Was Ric daran erinnert, dass Adáns Hochzeit, einer alten mexikanischen Tradition entsprechend, der freudige Anlass war, bei dem er Adáns Patensohn wurde. Ein Mann »adoptiert« ein Patenkind bei den Feierlichkeiten zu einem größeren Ereignis in seinem Leben – auch wenn Ric weiß, dass Adán eher zu Ehren seines Vaters gehandelt hatte, als um eine besondere Verbundenheit zu dessen Sohn zum Ausdruck zu bringen.

Ric hat die Geschichte, wie sein Vater an Adán Barrera geriet, mindestens schon tausend Mal gehört.

Nuñez war noch ein junger Mann, gerade mal achtunddreißig, als Adán nach seiner Ausweisung aus den Vereinigten Staaten vor den Toren des Gefängnisses stand, um den Rest seiner zweiundzwanzigjährigen Haftstrafe in Mexiko abzusitzen.

Es war ein kalter Morgen, hatte Rics Vater immer gesagt, wenn er die Geschichte erzählte, Adán war an Hand- und Fußgelenken gefesselt, und hatte gezittert, als er die blaue Daunenjacke aus- und die braune Uniform mit der Nummer 817 vorne und hinten anzog.

»Ich hielt eine scheinheilige Rede«, erzählte Nuñez seinem Sohn Ric (hält er jemals andere?, dachte dieser jetzt). »Adán Barrera, du bist jetzt Gefangener von CEFERESO II. Glaube ja nicht, dass dir dein ehemaliger Status hier zu Ansehen verhilft. Du bist ein ganz gewöhnlicher Verbrecher.«

Das war nur den Kameras zuliebe, was Adán vollkommen verstand. Innerlich akzeptierte er gnädigerweise Nuñez’ Entschuldigung und Versicherung, dass alles getan werden würde, um ihm den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten.

Und genau so war es.

Diego Tapia hatte bereits die gesamte Security vorbereitet. Einige der Männer, denen er am meisten vertraute, ließen sich bereitwillig verhaften, verurteilen und ins Gefängnis stecken, um El Patrón zu beschützen. Und Nuñez kooperierte mit Diego, verschaffte Adán eine über dreißig Quadratmeter große »Zelle«, mit einer komplett eingerichteten Küche, einer ausgezeichnet ausgestatteten Bar, einem LED-Fernseher, einem Computer und einem riesigen Kühlschrank mit frischen Lebensmitteln.

Manchmal wurde der Speisesaal des Gefängnisses in ein Kino verwandelt, wo Adán »Filmabende« für seine Freunde veranstaltete. Rics Vater hatte immer Wert auf die Feststellung gelegt, dass der Drogenbaron G-Movies, Filme ohne Sex und Gewalt, bevorzugte.

An anderen Abenden fuhren die Gefängniswärter nach Guadalajara und kehrten mit einem Transporter voll käuflicher Damen für Barreras Helfer und Mitarbeiter zurück. Adán nahm nicht daran teil. Es dauerte nicht lange, bis er eine Affäre mit der schönen Strafgefangenen, der ehemaligen Miss Sinaloa, Magda Beltrán, begann, und sie zu seiner berühmten Geliebten machte.

»Aber so war Adán«, erzählte Nuñez Ric. »Er hatte immer schon eine gewisse Klasse, besaß Würde und wusste Qualität zu schätzen, nicht nur an Dingen, sondern auch an Menschen.«

Adán kümmerte sich um die Menschen, die sich um ihn kümmerten.

Es sah ihm also durchaus ähnlich, dass er Wochen vor Weihnachten ins Büro trat und Nuñez seelenruhig vorschlug, seine Stelle zu kündigen. Auf den Cayman-Inseln sei bereits ein Nummernkonto für ihn eröffnet, die entsprechenden Unterlagen würde er in seinem neuen Haus in Culiacán finden.

Nuñez kündigte und kehrte nach Sinaloa zurück.

Am Abend des ersten Weihnachtsfeiertags holte ein Helikopter Adán Barrera und Magda Beltrán vom Dach des Gefängnisses ab, und es kursierten Gerüchte, dass die »Flucht« über vier Millionen Dollar gekostet hatte und von verschiedenen Personen in Mexico City bezahlt worden war.

Ein Teil davon lag auf einem Nummernkonto auf Grand Cayman, das Ricardo Nuñez gehörte.

Bundesstaatliche Ermittler verhörten Nuñez, aber er hatte nichts von der Flucht gewusst. Man äußerte sich empört über die Vorzugsbehandlung, die Adán im Gefängnis offenbar zuteilgeworden war, und drohte, Nuñez strafrechtlich zu verfolgen, aber es geschah nichts. Nuñez würde keine Anstellung mehr als Oberstaatsanwalt finden, aber das spielte keine Rolle – Adán stand zu seinem Wort und unterstützte ihn.

Brachte ihn ins Kokaingeschäft.

Und Nuñez wurde Adáns rechte Hand.

Er wurde geachtet.

Ihm wurde vertraut.

El Abogado.

Ric selbst hatte tatsächlich wenig Zeit mit dem berühmten Mann verbracht, weshalb es ihm seltsam vorkommt, hier zu sitzen und so zu tun, als würde er trauern.

Adáns Sarg ist am Ende des großen Saals aufgebahrt. Frische Blumen türmen sich auf dem Altar dahinter, daneben religiöse Ikonen und Kreuze. Ungeschälte Weizenähren, Kürbisse und papeles picados hängen aus einem Gebinde aus Zweigen über dem Sarg. Offene Behälter mit rohem Kaffee wurden aufgestellt, auch dies ein Brauch, der, wie Ric vermutet, hauptsächlich dazu dient, den Verwesungsgestank zu vertreiben. Als Patensohn sitzt Ric mit Eva, den Esparzas, Elena und ihren Söhnen in der ersten Reihe. Adáns Mutter, so alt wie das Land selbst, sitzt schwarz gekleidet mit einem schwarzen Schal auf dem Kopf in einem Schaukelstuhl, die geduldige Trauer der mexikanischen campesina prägt den Ausdruck ihres faltigen Gesichts.

Oh Gott, was sie alles gesehen hat, denkt Ric, die Verluste, die sie erlitten hat – zwei ermordete Söhne und ein Enkel, und so viele andere.

Er kennt die Formulierung, man sagt, die gespannte Atmosphäre ließ sich mit dem Messer schneiden, aber die Anspannung hier im Raum hätte sich nicht einmal mit einem Brennschneider zerteilen lassen. Eigentlich sollten sie hier sitzen, liebevolle Geschichten über den Verstorbenen erzählen, nur dass niemandem welche einfallen.

Wobei Ric durchaus ein paar Ideen hätte.

Hey, wie wär’s mit der Begebenheit, als Tío Adán ein ganzes Dorf hat abschlachten lassen, nur um sicherzugehen, dass er den einen Spitzel unter den Bewohnern wirklich erwischt?

Oder …

Als Tío Adán seinem Rivalen den Kopf seiner Frau auf Trockeneis gebettet in einem Paket nach Hause geschickt hat?

Oder …

Hey, hey, wisst ihr noch, als Tío Adán die beiden Kinder von der Brücke geworfen hat? Wie lustig. Was für ein witziger Typ, hm?

Der Mann hat Milliarden Dollar gescheffelt, ein verdammtes Imperium geschaffen und regiert, und was ist ihm geblieben?

Ein totes Kind, eine Ex-Frau, die nicht einmal zu seiner Totenfeier erscheint, eine umwerfend schöne junge Witwe und Zwillinge, die ohne Vater aufwachsen werden, ein Baseball, stinkende alte Boxhandschuhe und ein Anzug, den er nie getragen hat. Und niemandem, nicht einem der Hunderten von Menschen hier fällt eine nette Geschichte über ihn ein.

Dabei ist er derjenige, der gewonnen hat.

El Señor. El Patrón. Der Pate.

Ric sieht, dass Iván zu ihm rüberschaut und seine Nase mit dem Zeigefinger berührt. Iván steht auf.

»Ich muss pissen«, sagt Ric.

Ric zieht die Toilettentür hinter sich zu.

Iván legt Lines auf dem marmornen Schminktisch. »Scheiße, ist das langweilig.«

»Entsetzlich öde.«

Iván rollt einen Hundertdollarschein zusammen (was sonst?, denkt Ric), schnieft eine Line und gibt Ric das Röhrchen. »Auf den Scheiß kann ich verzichten, cuato. Wenn ich abkratze, dann feiert ihr eine Scheißparty, fahrt mich mit einem Schnellboot raus aufs Meer und Bam!, Wikingerbestattung.«

Ric beugt sich vor und zieht das Koks in die Nase. »Gottverdammt, schon besser. Und wenn ich zuerst abgehe?«

»Dann schmeiß ich deine Leiche auf die Straße.«

»Danke.«

Es klopft leise an der Tür.

»¡Momento!«, brüllt Iván.

»Ich bin’s.«

»Melissa«, sagt Ric.

Er macht die Tür auf, sie schlüpft schnell durch und schließt sie hinter sich. »Wusste ich doch, was ihr Arschlöcher hier drin macht. Gebt gefälligst was ab.«

Iván nimmt ein Röhrchen aus der Tasche und reicht es ihr. »Hau rein.«

Melissa legt eine Line und zieht sie.

Iván lehnt sich an die Wand. »Rate mal, wen ich neulich gesehen hab? Damien Tapia.«

»Ohne Scheiß?«, fragt Ric. »Wo?«

»Bei Starbucks.«

»Verdammt, was hast du gesagt?«

»›Hallo‹ hab ich gesagt, was denkst du denn?«

Ric weiß nicht, was er denkt. Früher war Damien ein Hijo gewesen, als Kinder hatten sie ständig zusammen gespielt, später Partys gefeiert, den ganzen Mist. Er war mit Damien genauso eng befreundet gewesen wie mit Iván, bis Adán und Diego Tapia sich verkrachten, Krieg zwischen ihnen herrschte und Damiens Vater getötet wurde.

Da waren sie alle gerade mal Teenager gewesen, eigentlich noch Kinder.

Natürlich hatte Adán auch diesen Krieg gewonnen, und die Familie Tapia wurde aus dem Schoß der Familie ausgeschlossen, seither war ihnen der Kontakt zu Damien Tapia untersagt. Und dieser wollte auch gar nichts mit ihnen zu tun haben. Aber er war noch in der Stadt, und ihm zu begegnen, war, na ja, irgendwie peinlich.

»Wenn ich übernehme«, sagt Iván. »Hole ich Damien zurück ins Boot.«

»Echt?«

»Warum nicht?«, sagt Iván. »Adán und Damiens Väter hatten Krach. Adán ist tot, wie du vielleicht bemerkt hast. Ich mach’s bei Damien wieder gut, dann wird alles wie früher.«

»Klingt gut«, sagt Ric.

Er vermisst Damien.

»Die Generation da drin«, sagt Iván, zeigt mit dem Kinn zur Tür, »hat Kriege geführt, die wir nicht erben müssen. Wir gehen voran. Die Esparzas, du, Rubén und Damien. Wie früher. Los Hijos, wir sind doch Brüder, oder?«

»Wir sind Brüder«, sagt Ric.

Sie stoßen ihre Fäuste gegeneinander.

»Wenn ihr mit den Schwuchteleien fertig seid«, sagt Melissa, »gehen wir lieber wieder zurück, sonst kommt noch jemand drauf, was wir hier machen. Koksen auf der Trauerfeier vom Patrón? Tststs.«

»Dem Koks hat er alles zu verdanken«, sagt Iván.

»Weil er’s verkauft und sich nicht reingezogen hat«, sagt Melissa. Sie schaut Ric an. »Putz dir die Nase, mein Freund. Hey, deine Frau ist süß.«

»Du hast sie doch schon mal gesehen.«

»Ja, aber heute sieht sie noch süßer aus«, sagt Melissa. »Wenn du einen Dreier willst, bring ich ihr ein paar Sachen bei. Komm schon, los geht’s.«

Sie macht die Tür auf und tritt hinaus.

Iván packt Ric am Ellbogen. »Hey, du weißt, dass ich mich um meine Brüder kümmern muss, aber warte erst mal ein paar Tage, bis sich alles beruhigt hat, dann reden wir weiter, okay? Darüber, wie du reinpasst.«

»Okay.«

»Keine Sorge, mano«, sagt Iván. »Ich bin fair zu deinem Vater, ich kümmere mich um euch.«

Ric folgt ihm zur Tür hinaus.


Elena sitzt zwischen ihren Söhnen.

Sie hat einen Dokumentarfilm im Fernsehen gesehen, einen Naturfilm, und gelernt, wenn der neue Löwe das Rudel übernimmt, tötet er zuerst die Jungen seines Vorgängers. Ihre eigenen Jungen tragen den Namen Barrera, und die Leute werden annehmen, dass sie Ambitionen haben, auch wenn das gar nicht stimmt. Rudolfo hat nur eine kleine Entourage von Bodyguards und ein paar Mitarbeiter, Luis noch weniger. Ob ich will oder nicht, denkt sie, ich werde ein gewisses Maß an Macht übernehmen müssen, um sie zu schützen.

Aber den Platz an der Spitze?

Noch nie stand eine Frau an der Spitze eines Kartells, und sie will nicht die erste sein.

Aber sie wird etwas unternehmen müssen.

Ohne Machtbasis werden die anderen Löwen Jagd auf ihre Jungen machen und sie töten.

Sie betrachtet den Sarg ihres Bruders und wünscht, sie würde mehr empfinden. Adán war immer sehr gut zu ihr gewesen, gut zu den Kindern. Sie will weinen, aber die Tränen wollen nicht kommen, und sie sagt sich, dass ihr Herz erschöpft ist, erschlafft nach all den Jahren voller Verluste.

Ihre Mutter, die wie eine Krähe auf ihrem Stuhl hockt, ist praktisch teilnahmslos. Sie hat zwei Söhne und einen Enkel beerdigt. Elena wünscht, sie könne sie dazu bewegen, in die Stadt zu ziehen, aber sie besteht darauf, in dem Haus zu bleiben, das Adán in La Tuna für sie gebaut hat, ganz alleine, wenn man die Hausangestellten und Leibwächter nicht mitzählt.

Aber sie wird nicht weggehen, sie wird in diesem Haus sterben.

Wenn meine Mutter eine Krähe ist, denkt Elena, dann sind die anderen Geier. Kreisen, warten nur darauf, sich herabzustürzen und meinem Bruder das verbliebene Fleisch von den Knochen zu picken.

Iván Esparza und seine minderbemittelten Brüder, Adáns entsetzlicher Anwalt Nuñez und der ganze Rattenschwanz kleinerer Akteure – Plaza-Bosse, Bandenführer, Gangster –, alle sind scharf darauf, größere Rollen zu übernehmen.

Sie ist müde, und das umso mehr, als sie jetzt Nuñez auf sich zukommen sieht.

»Elena«, sagt Nuñez, »ob wir uns wohl kurz unterhalten können? Unter vier Augen.«

Sie folgt ihm nach draußen auf den großen abschüssigen Rasen, über den sie so oft mit Adán spaziert ist. Nuñez gibt ihr einen Brief und sagt: »Das ist mir unangenehm.«

Er wartet, während sie liest.

»Ich kann dir versichern, dass mir die Situation nicht gefällt«, sagt Nuñez, »gewiss wollte ich es nicht so haben. Tatsächlich habe ich gebetet, dass dieser Tag niemals kommen wird. Aber ich habe das Gefühl – ganz stark –, dass die Wünsche deines Bruders respektiert werden sollten.«

Es ist zweifellos Adáns Handschrift, denkt Elena. Unzweideutig setzt er fest, dass Ricardo Nuñez die Leitung des Kartells übernehmen wird, sollte er selbst sterben, bevor seine Söhne ein Alter erreicht haben, in dem sie die Verantwortung tragen können. Herrgott, die Zwillinge sind kaum zwei Jahre alt. Nuñez steht eine lange Regentschaft bevor. Genug Zeit, die Organisation so umzubauen, dass er sie später seinem eigenen Nachwuchs übergeben kann.

»Mir ist bewusst, dass dies überraschend kommen mag«, sagt Nuñez, »und eine gewisse Enttäuschung bedeutet. Ich hoffe nur, dass die Entscheidung keine Verbitterung nach sich zieht.«

»Warum sollte sie?«

»Ich würde es verstehen, wenn du der Meinung wärst, die Geschäftsleitung sollte in der Familie bleiben.«

»Keiner meiner Söhne hat Interesse daran, und Eva …«

»Ist Schönheitskönigin«, sagt Nuñez.

»Das war Magda Beltrán auch«, sagt Elena, obwohl sie nicht weiß, warum sie Lust hat, ihm zu widersprechen. Aber es ist wahr. Adán hätte seine schöne Geliebte heiraten sollen. Er hatte sie im Gefängnis kennengelernt, zu seiner Geliebten gemacht, und sie hatte diesen Umstand sowie ihren ausgeprägten Geschäftssinn genutzt, um eine eigene mehrere Millionen Dollar schwere Organisation aufzubauen.

»Und sieh dir an, was aus ihr geworden ist«, sagt Nuñez.

Schon wahr, denkt Elena. Die Zetas hatten Magda ein »Z« in die Brust geritzt und sie mit einer Plastiktüte erstickt. Dabei trug sie Adáns ungeborenes Kind unter dem Herzen. Magda hatte sich Elena damals anvertraut, und sie fragt sich jetzt, ob Adán überhaupt je von der Schwangerschaft erfahren hatte. Sie hofft, nicht – es hätte ihm das Herz gebrochen.

»Eva ist offensichtlich nicht die Person, die das Unternehmen führen wird«, sagt Elena.

»Bitte versteh«, sagt Nuñez, »dass ich die Position nur treuhänderisch für Adáns Söhne übernehmen werde. Wenn du glaubst, du wärst die bessere Wahl, dann bin ich bereit, Adáns Wünsche zu ignorieren und zurückzutreten.«

»Nein«, sagt sie.

Indem sie Nuñez den Thron überlässt, stößt sie ihre eigenen Söhne beiseite, aber Elena weiß, dass diese insgeheim froh darüber wären. Und ehrlich gesagt, wenn Nuñez sich zur Zielscheibe machen will, umso besser.

Aber Iván … Iván wird das nicht gefallen.

»Du hast meine Unterstützung«, sagt Elena. Sie sieht Nuñez mit der Güte eines Anwalts nicken, der gerade einen Vergleich gewonnen hat. Dann rückt sie mit dem Haken an der Sache heraus. »Ich habe nur eine kleine Bitte.«

Nuñez lächelt. »Ja, bitte.«

»Ich will Baja zurück. Für Rudolfo.«

»Baja gehört Iván Esparza.«

»Davor hat es mir gehört.«

»Bei allem, was recht ist, Elena, du hast die Plaza abgegeben«, sagt Nuñez. »Du wolltest dich zur Ruhe setzen.«

Mein Onkel, M-1, hat meine Brüder losgeschickt, um Guero Mendez und Rafael Caro Baja abzunehmen, denkt Elena. Das war 1990, und Adán und Raúl haben die Plaza überhaupt erst zu dem gemacht, was sie ist. Sie haben die reichen Kids von Tijuana verführt und einen Händlerring mit ihnen aufgebaut, sich die Machtstrukturen ihrer Eltern zunutze gemacht, Bandenmitglieder aus San Diego rekrutiert, Mendez und Caro haben alle anderen niedergeschlagen, um sich die Plaza anzueignen und als Basis zu nutzen, um von dort aus das gesamte Land zu erobern.

Wir haben euer Sinaloa-Kartell zu dem gemacht, was es ist, denkt sie, wenn ich Baja wiederhaben will, dann werdet ihr es mir geben. Ich werde meinen Söhnen eine Machtbasis verschaffen, von der aus sie sich verteidigen können.

»Du hast Baja Nacho Esparza übergeben«, sagt Ricardo. »Nach seinem Tod ist es an Iván übergegangen.«

»Iván ist ein Clown«, sagt Elena. Genauso wie die anderen, denkt sie, die ganzen Hijos, dein Sohn eingeschlossen, Ricardo.

»Aber mit einem berechtigten Anspruch und einer Armee, um diesen durchzusetzen«, sagt Nuñez.

»Und du verfügst jetzt über Adáns Armee«, sagt Elena und lässt das Naheliegendste unausgesprochen – vorausgesetzt, ich entscheide mich dafür, dich zu unterstützen.

»Iván wird schon enttäuscht genug sein, dass er nicht den Chefsessel bekommt«, sagt Nuñez. »Elena, ich muss ihm irgendwas lassen.«

»Und Rudolfo – Adáns Neffe – geht leer aus?«, fragt Elena. »Die Esparza-Brüder haben genug – mehr Geld, als sie alle zusammen ein Leben lang verjubeln können. Ich bitte um eine Plaza. Und du kannst weiter dort verkaufen.«

Nuñez macht ein erstauntes Gesicht.

»Ach, bitte«, sagt Elena. »Ich weiß, dass der kleine Ric in ganz Baja Sur deine Drogen dealt. Das ist in Ordnung – ich will nur den Norden und die Grenze.«

»Na, wenn’s weiter nichts ist.« Elena verlangt eine der lukrativsten Plazas im gesamten Drogengeschäft. In Baja wächst der Straßenhandel, der Narcomenudeo, und wird vom Trasiego noch in den Schatten gestellt, da die Drogen aus Tijuana und Tecate nach San Diego und Los Angeles verschoben und von dort aus in den gesamten Vereinigten Staaten verteilt werden.

»Ist das denn so viel verlangt?«, fragt Elena. »Du willst, dass Adáns Schwester den letzten Wünschen ihres Bruders ihren Segen gibt? Und darauf bist du angewiesen, Ricardo. Ohne mein …«

»Du verlangst, dass ich dir etwas gebe, das nicht mir gehört«, sagt Nuñez. »Adán hat Esparza die Plaza gegeben, und bei allem Respekt, Elena – meine Inlandsgeschäfte in Cabo gehen dich nichts an.«

»Gesprochen wie ein Anwalt«, sagt Elena. »Aber nicht wie ein Patrón. Wenn du El Patrón werden willst, dann verhalte dich so. Triff Entscheidungen, erteile Befehle. Wenn du meine Unterstützung willst, dann ist der Preis Baja, ich will es für meinen Sohn.«

Der König ist tot, denkt Elena.

Lang lebe der König.


Ric sitzt draußen am Pool neben Iván.

»Schon besser«, sagt Ric. »Keine beschissene Minute länger hätte ich’s da drin ausgehalten.«

»Wo ist Karin?«

»Telefoniert mit der Nanny«, sagt Ric, »wahrscheinlich sprechen sie über die Farbe von Babykacke. Kann dauern.«

»Meinst du, sie hat das mit dir und Melissa kapiert?«, fragt Iván.

»Wen interessiert’s?«

»Oha.«

»Was?«

»Schau«, sagt Iván.

Ric dreht sich um und sieht Tito Ascención auf sie zukommen. Er ist ungefähr so groß wie ein Kühlschrank, nur breiter, die Schultern unglaublich muskulös und dazu der Riesenkopf, der ihm seinen Spitznamen einbrachte, El Mastín.

Der Mastiff.

»Der alte Kampfköter meines Vaters«, sagt Iván.

»Ein bisschen mehr Respekt, bitte«, sagt Ric. »Das ist Rubéns alter Herr. Außerdem, weißt du, wie viele der schon getötet hat?«

Die Antwort lautet: sehr viele.

Mindestens im dreistelligen Bereich.

Tito Ascención war früher Leiter von Nacho Esparzas bewaffnetem Flügel. Er kämpfte gegen die Zetas, dann gegen die Tapias, dann wieder gegen die Zetas. Einmal ermordete Tito achtunddreißig Zetas auf einen einzigen Schlag und hängte ihre Leichen an einer Autobahnüberführung auf. Nur stellte sich dann heraus, dass es – hoppla – doch gar keine Zetas waren, sondern ganz normale Leute. Tito zog sich eine Skimaske über den Kopf, gab eine Pressekonferenz und entschuldigte sich für seinen Fehler, allerdings mit dem Zusatz, dass sich seine Gruppe immer noch im Krieg gegen die Zetas befand und man sich besser nicht mit einem verwechseln lassen sollte.

Auf jeden Fall spielte Tito eine wichtige Rolle, wenn es darum ging, Kriege für Sinaloa zu entscheiden, und als Belohnung hatte Nacho ihm erlaubt, in Jalisco eine eigene Organisation aufzubauen, unabhängig, aber gewissermaßen als Außenstelle von Sinaloa.

Tito liebte Nacho, und als er hörte, dass die Zetas ihn in Guatemala getötet hatten, schnappte er sich fünf davon, folterte sie über Wochen zu Tode, schnitt ihnen die Schwänze ab und stopfte sie ihnen in die Münder.

Gegenüber El Mastín verhält man sich lieber nicht respektlos.

Jetzt fällt der Schatten des Mannes auf sie alle beide.

»Iván«, sagt Tito, »können wir uns kurz unterhalten?«

»Bis später«, sagt Ric und verkneift sich ein Lachen. Er muss an Luca Brasi aus der Hochzeitsszene im Paten denken, die er ungefähr siebenundfünfzigtausendmal mit Iván hatte ansehen müssen. Iván ist völlig vernarrt in den Film, nur Scarface findet er noch geiler.

»Nein, bleib«, sagt Iván, und als Tito zweifelnd guckt, sagt er: »Ric wird meine Nummer zwei. Egal, was du mir zu sagen hast, du kannst es vor ihm sagen.«

Er spricht extra ein bisschen langsamer, als wäre Tito dumm.

Tito sagt: »Ich will in Zukunft auch Heroin mit meiner Organisation vertreiben.«

»Hältst du das für klug?«, fragt Iván.

»Für profitabel«, sagt Tito.

Da hat er recht, denkt Ric. Sinaloa verdient bereits Millionen mit Heroin, während Jalisco sich noch mit Koks und Meth begnügt.

»Das geht nicht immer beides gleichzeitig«, sagt Iván und gibt sich Mühe, dabei zu klingen wie sein Vater. »Vor allem, weil du dann mit uns konkurrieren würdest.«

»Der Markt ist groß genug für uns«, sagt Tito.

Iván runzelt die Stirn. »Tito. Wieso willst du reparieren, was gar nicht kaputt ist? Jalisco verdient jede Menge Kohle mit Meth, oder nicht? Und wir berechnen dir keinen piso dafür, dass du unsere Plazas benutzt.«

»Das war mit deinem Vater längst vereinbart«, sagt Tito.

»Du hast deine Schulden immer beglichen«, sagt Iván, »keine Frage. Du warst ein guter Soldat, und zur Belohnung hast du deine eigene Organisation bekommen. Aber ich denke, es ist besser, alles so zu belassen, wie es ist, du nicht?« Verdammt, denkt Ric, er redet, als wollte er ihm gleich den Kopf tätscheln.

Braver Hund, braver Hund.

Sitz.

Bleib.

Aber Tito sagt: »Wenn du’s für besser hältst.«

»Das ist es«, sagt Iván.

Tito nickt Ric zu und geht.

»Rubén hat seinen Grips von seiner Mutter«, sagt Iván. »Und sein Aussehen auch, Gott sei Dank.«

»Rubén ist ein guter Typ.«

»Rubén ist toll«, sagt Iván.

Als wüsste Ric das nicht. Rubén ist Titos Nummer zwei, er leitet die Sicherheitskräfte in Jalisco und ist stark in den Transport der Ware eingebunden. Wie oft hat Ric seinen eigenen Vater sagen hören: »Wärst du doch bloß ein bisschen mehr wie Rubén Ascención. Ernsthaft. Reif.«

Er hat es ziemlich deutlich gemacht, denkt Ric. Hätte er die Wahl gehabt, wäre ihm Rubén als Sohn lieber gewesen als ich.

Pech für uns beide.

»Was?«, fragt Iván.

»Wieso was?«

»Du machst ein Gesicht, als hätte jemand dein Schoßhündchen in den Arsch gefickt.«

»Ich hab keins.«

»Vielleicht ist es das«, sagt Iván. »Soll ich dir eins besorgen? Was für eine Hunderasse willst du, Ric? Ich schick sofort jemanden raus, der dir eins besorgt. Ich will, dass du glücklich bist, mano

So ist Iván, denkt Ric.

Seit sie klein waren. Wenn du gesagt hast, dass du Hunger hast, ist er los und hat was zu essen geholt. Wurde dein Fahrrad geklaut, hat er ein neues organisiert. Hast du erwähnt, dass du geil bist, stand plötzlich ein Mädchen vor der Tür.

»Ich liebe dich, Mann.«

»Ich dich auch, Mann«, sagt Iván. Dann setzt er hinzu: »Jetzt sind wir an der Reihe, mano. Unsere Zeit ist gekommen. Wirst sehen – das wird gut.«

»Ja.«

Ric sieht seinen Vater näher kommen.

Aber er will nicht zu Ric.

Nuñez sagt: »Iván, wir müssen reden.«

»Müssen wir«, sagt Iván.

Ric sieht seinen Gesichtsausdruck, sein Grinsen, und weiß, dass dies der Moment ist, auf den er gewartet hat.

Seine Thronbesteigung.

Nuñez schaut auf seinen Sohn hinunter und sagt: »Unter vier Augen.«

»Klar.« Iván zwinkert Ric zu. »Bin gleich wieder da, Bro.«

Ric nickt.

Lehnt sich zurück und sieht seinem besten Freund und seinem Vater hinterher.

Dann plötzlich erinnert er sich an Adán.

Er stand am Rand einer Schotterstraße irgendwo in Durango auf dem Land.

»Schau dich um«, sagte Adán. »Was siehst du?«

»Felder«, sagte Nuñez.

»Leere Felder«, sagte Adán.

Ric konnte nicht widersprechen. Die Marihuanafelder auf beiden Seiten der Straße lagen brach, so weit das Auge reichte.

»Die Vereinigten Staaten haben Marihuana de facto legalisiert«, sagt Adán. »Wenn meine amerikanischen Quellen recht behalten, werden es zwei oder noch mehr Staaten demnächst auch offiziell tun. Wir können mit der Qualität des in Amerika angebauten Marihuanas nicht konkurrieren, zumal bei uns noch hohe Transportkosten hinzukommen. Im vergangenen Jahr haben wir für ein Kilo Marihuana hundert Dollar bekommen. Jetzt gerade mal fünfundzwanzig. Der Anbau lohnt sich kaum noch. Wir verlieren pro Jahr zig Millionen Dollar, und wenn beispielsweise Kalifornien legalisiert, werden wir Verluste in Höhe von mehreren Hundert Millionen machen. Aber hier draußen ist es heiß. Komm, wir trinken ein Bier.«

Sie fuhren zehn Meilen weiter in eine kleine Stadt.

Vorneweg fuhr ein Wagen, die Bodyguards darin vergewisserten sich, dass die Luft rein war, dann fielen sie in eine Kneipe ein und warfen alle Gäste raus. Der nervöse Besitzer und ein Mädchen, das aussah, als könnte sie seine Tochter sein, brachten einen Krug kaltes Bier und Gläser.

Adán sagte: »Der Marihuanamarkt, der früher eine Hauptprofitquelle war, bricht ein, die Meth-Absätze sinken, die Koksverkäufe verharren auf niedrigem Niveau. Zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren haben wir ein Steuerjahr mit Negativwachstum zu verzeichnen.«

Das heißt nicht, dass sie Geld verlieren, denkt Ric. Sie scheffeln Millionen. Aber weniger Millionen als im Jahr davor, und es liegt nun mal in der Natur des Menschen – selbst der Reichen –, sofort das Gefühl zu bekommen, arm zu sein, sobald er nur ein kleines bisschen weniger reich ist. »Die gegenwärtige Situation ist unhaltbar«, sagte Adán. »Das letzte Mal, als uns das passiert ist, war Crystal Meth die Rettung. Es wurde zu einer Haupteinnahmequelle und bleibt dies auch, aber da gibt es wenig Wachstumspotenzial, sodass wir unsere Verluste auf dem Marihuanasektor damit nicht ausgleichen können. Auch der Kokainmarkt scheint bis zu einem gewissen Grad gesättigt.«

»Was wir brauchen«, sagte Nuñez, »ist ein neues Produkt.«

»Nein«, sagte Adán. »Wir brauchen ein altes Produkt.«

Adán legte eine theatralische Pause ein und sagte: »Heroin.«

Ric war geschockt. Na klar, sie verkauften sowieso immer noch Heroin, aber im Vergleich zu Gras, Meth und Koks war’s ein Nebenprodukt geworden. Ursprünglich waren sie mit Heroin in die Geschäfte eingestiegen, oder besser gesagt, mit Opium, damals, als die alten gomeros Schlafmohn anbauten und ein Vermögen verdienten, indem sie ihn an die Amerikaner verkauften, die daraus das Morphium herstellten, das sie während des Zweiten Weltkriegs dringend benötigten. Nach dem Krieg belieferte die amerikanische Mafia den Markt, und es wurde so viel Opium gekauft, wie nur angebaut werden konnte.

In den Siebzigerjahren tat sich dann aber die amerikanische DEA mit dem mexikanischen Militär zusammen und brannte die Mohnfelder in Sinaloa und Durango ab. Sie versprühten Pestizide aus Flugzeugen, brannten Dörfer nieder, vertrieben die campesinos aus ihren Häusern und jagten die gomeros in alle Himmelsrichtungen davon.

Adáns Onkel, der große Miguel Ángel Barrera – M-1 –, rief die gomeros zu einem Treffen zusammen, ähnlich wie diesem hier, und erklärte ihnen, dass sie keine Bauern mehr sein sollten – Felder konnte man vergiften und abbrennen –, sie sollten Händler werden. Er führte sie in den kolumbianischen Kokainmarkt ein, und sie alle wurden als Mittelsmänner reich, verschoben Koks aus Cali und Medellín in die Vereinigten Staaten. M-1 war es auch, der als Erster Crack auf den Markt brachte und damit für den größten finanziellen Zuwachs sorgte, den die gomeros – inzwischen Narcos genannt – je erlebt hatten.

Aus Millionären wurden Milliardäre.

Aus dem losen Zusammenschluss der Narcos wurde die Federación.

Und jetzt will Adán, dass sie wieder Opium herstellen?, dachte Ric. Und hält Heroin für die Lösung ihrer Probleme?

Das ist Wahnsinn.

»Das ist eine Riesenchance«, sagte Adán. »Noch größer als damals mit dem Crack. Den Markt dafür gibt es schon, wir müssen ihn nur versorgen. Die Amerikaner haben ihn selbst geschaffen.«

Die riesigen amerikanischen Pharmaunternehmen, erklärte er, führen Tausende von Menschen in die Abhängigkeit von legalen Schmerzmitteln.

In die Tablettensucht.

Oxycodon, Vicodin und andere, allesamt Opiumderivate, alles Schlafmohn.

Aber die Tabletten sind teuer, und dranzukommen kann schwierig sein, erklärte Adán. Süchtige, die von ihren Ärzten nichts mehr verschrieben bekommen, gehen auf die Straße, wo Nachahmerprodukte bis zu dreißig Dollar pro Einzeldosis kosten. Einige Süchtige brauchen täglich bis zu zehn Mal so viel.

»Ich schlage daher vor«, sagte Adán, »dass wir die Heroinproduktion um siebzig Prozent steigern.«

Ric war skeptisch. Mexikanisches Black Tar Heroin hatte qualitativ nie mit den reineren Produkten konkurrieren können, die aus Südasien oder dem Goldenen Dreieck kamen. Würden sie die Produktion mehr als verdoppeln, würde dies nur zu massiven Verlusten führen.

»Unser Black Tar Heroin hat derzeit einen Reinheitsgrad von gerade mal vierzig Prozent«, erklärte Adán. »Ich habe mich mit den besten Heroinproduzenten Kolumbiens getroffen, die mir versichert haben, dass sie aus unserem Ausgangsprodukt etwas herstellen können, das sie als ›Cinnamon Heroin‹ bezeichnen.«

Er nahm einen kleinen transparenten Umschlag aus seiner Jacketttasche und hielt ihn hoch. »Cinnamon hat einen Reinheitsgrad von siebzig bis achtzig Prozent. Und das Schöne ist, dass wir es für circa zehn Dollar die Dosis verkaufen können.«

»Warum so billig?«, fragte Nuñez.

»Wir machen das durch die Menge wieder wett«, sagte Adán. »Wir werden WalMart. Wir unterbieten die amerikanischen Pharmaunternehmen auf ihrem eigenen Markt. Die können unmöglich damit konkurrieren. Damit gleichen wir die Verluste beim Marihuana locker aus. Die Erträge könnten in die Milliarden gehen. Heroin ist unsere Vergangenheit. Und es wird auch unsere Zukunft sein.«

Wie üblich hatte Adán Weitsicht bewiesen.

Seither hatten drei amerikanische Staaten Marihuana legalisiert, woraufhin die Verkäufe des Kartells um vierzig Prozent gesunken waren. Es wird noch eine Weile dauern, bis es so weit ist, aber Nuñez hatte bereits begonnen, die Marihuanaanbaugebiete auf Schlafmohn umzustellen. Allein im vergangenen Jahr wurde die Heroinproduktion um dreißig Prozent gesteigert. Schon bald werden es fünfzig Prozent sein, und gegen Ende des Jahres werden sie die angestrebten siebzig Prozent erreicht haben.

Die Amerikaner kaufen. Und warum auch nicht?, denkt Ric jetzt. Das neue Produkt ist billiger, im Überfluss vorhanden und qualitativ besser. Das ist eine Win-win-win-Situation. Heroin überschwemmt El Norte, und Dollars fließen zurück. Vielleicht, denkt Nuñez, haben die adanistas ja doch recht – Barrera lebt.

Und Heroin ist sein Vermächtnis.

Das ist doch eine Geschichte, die man sich über ihn erzählen könnte.

3. Heimtückische Clowns

»Ich hatte mal einen Freund, der war Clown. Als er starb,


kamen alle seine Freunde im selben Auto zur Beerdigung.«

Steven Wright



Ihr Haus ist ein rotbraunes Backsteingebäude am Hillyer Place östlich der 21st Street in der Gegend von DuPont Circle. Sie haben sich dafür entschieden, weil Marisol in DuPont gut zu Fuß zurechtkommt, es gibt Cafés, Restaurants und Buchläden in der Nähe, und Keller mag das geschichtsträchtige Viertel. Hier hat Teddy Roosevelt gelebt, ebenso wie Franklin und Eleanor.

Als Keller nach Hause kommt, ist Marisol noch auf und wartet, sie sitzt in dem großen Sessel am Wohnzimmerfenster, liest in einer Zeitschrift.

»Wir sind ein ›Power-Paar‹«, sagt sie, als Keller ins Zimmer tritt.

»Sind wir das?« Er beugt sich hinunter und küsst sie auf die Stirn.

»Steht hier«, sagt sie und zeigt auf die Washingtoner Ausgabe der Zeitschrift Life auf ihrem Schoß. »›Das Washingtoner Power-Paar Mr und Mrs – eigentlich müsste das Dr. heißen – Art Keller zeigte sich bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung im Kennedy-Center. Der Direktor der DEA und seine modebewusste mexikanische Frau‹ – das bin ich, ich bin deine ›modebewusste Latina‹ …«

Keller betrachtet die Seite, wenig begeistert davon, dass sie fotografiert wurde. Er hat es nicht gern, wenn Fotos von Marisol in die Öffentlichkeit gelangen. Aber das lässt sich kaum vermeiden – sie ist so stylish und interessant, und weder die Medien noch die bessere Washingtoner Gesellschaft können der Geschichte vom DEA-Vorkämpfer mit der mexikanischen Frau, die einst von Narcos niedergeschossen wurde, widerstehen. Sie werden auf schicke Partys und Veranstaltungen eingeladen, die Keller am liebsten allesamt ablehnen würde, aber Marisol behauptet, die politischen und sozialen Beziehungen seien für seine Arbeit äußerst hilfreich, ob ihnen beiden dies nun gefalle oder nicht.

Sie hat recht, denkt Keller. Maris Charme hat sich bereits als wirksames Gegengift zu seinem »Anti-Charme« erwiesen, und ihm Türen geöffnet (und offen gehalten), die ihm andernfalls verschlossen geblieben wären.

Wenn Keller einem Kongressabgeordneten, einem Senator, einem Kabinettsmitglied, einem Lobbyisten, einem Redakteur, einem Botschafter oder sonst einer irgendwie einflussreichen Person – oder sogar jemandem aus dem Weißen Haus – begegnet, stehen die Chancen nicht schlecht, dass Mari gerade mit seiner Frau zu Mittag gegessen, gefrühstückt oder in einem Arbeitsausschuss gesessen hat.

Oder aber sie übernimmt selbst das Reden. Marisol ist sich der Tatsache vollkommen bewusst, dass es Menschen, die Keller gegenüber Nein sagen würden, sehr viel schwerer fällt, seiner »modebewussten Frau« etwas abzuschlagen, und sie ist sich nicht zu fein, den Hörer in die Hand zu nehmen, wenn es darum geht, Mittel bewilligt zu bekommen, der Presse eine wichtige Information zuzuspielen oder die Finanzierung eines Projekts zu sichern.

Sie hat viel zu tun – sie lebt erst seit vier Monaten in Washington, sitzt aber bereits im Vorstand des Children’s National Medical Center sowie des Art Museum of the Americas und hat bei Wohltätigkeitsveranstaltungen zugunsten von Children’s Inn, Doorways for Women and Families und AIDS United mitgewirkt.

Keller macht sich Sorgen, dass sie sich zu viel zumutet.

»Ich liebe die Arbeit«, sagte sie zu ihm, als er seine Besorgtheit zum Ausdruck brachte, »und außerdem brauchst du politisches Kapital.«

»Ist aber nicht deine Aufgabe, es mir zu beschaffen.«

»Doch, das ist meine Aufgabe«, sagte sie. »Genau das ist meine Aufgabe. Du hast mir gegenüber ja auch Wort gehalten.«

Das hatte er. Als er McCullough traf, um das Angebot anzunehmen, hatte er ihm eine Bedingung gestellt – dass in Maris Klinik ein adäquater Ersatz für sie gefunden und bezahlt wird. McCullough hatte ihn noch am selben Vormittag angerufen und mitgeteilt, ein texanisches Ölunternehmen stelle eine qualifizierte Ärztin und einen großzügigen Scheck zur Verfügung, und ob er sonst noch etwas brauche?

Daraufhin startete Marisol ihre diplomatische Kampagne zu Kellers Unterstützung. Sie trat Ausschüssen und Komitees bei, nahm an Mittagessen und Wohltätigkeitsveranstaltungen teil. Trotz Kellers Einwänden erschienen Porträts über sie in der Post und dem Washingtonian.

»Die Kartelle wissen doch längst, wie ich aussehe«, sagte sie. »Und es ist wichtig, dass ich das alles mache, Arturo. Die Leute von der Tea Party würden dich am liebsten am nächsten Baum aufknüpfen, und bei den Liberalen bist du auch nicht gerade beliebt.«

Keller wusste, dass sie recht hatte. Marisol besaß »politischen Scharfsinn«, wie sie es einmal formuliert hatte, ihre Beobachtungen und Analysen trafen meist punktgenau, und sie lernte sehr schnell die Feinheiten der zunehmend polarisierten amerikanischen Szene kennen. Er musste zugeben, dass sein dringender Wunsch, sich aus der Politik herauszuhalten und »einfach nur seinen Job zu machen«, naiv war.

»Alle Jobs sind politisch«, sagte Marisol. »Und deiner mehr als die meisten anderen.«

Schon wahr, dachte Keller, denn er war der oberste »Drogenkrieger« in einer Zeit, in der die Regierung ernsthaft hinterfragte, was ein Krieg gegen die Drogen bedeuten sollte und wie er geführt werden könne – und vor allem – wie er nicht geführt werden sollte.

Der Justizminister hatte angeordnet, dass die Formulierung »Krieg gegen die Drogen« bei der DEA nicht mehr verwendet werden dürfe, und zwar mit der (Kellers Ansicht nach) völlig richtigen Begründung, dass wir keinen Krieg gegen unsere eigenen Leute führen sollten. Das Justizministerium und das Weiße Haus nahmen eine Umwertung der während der »Crack-Epidemie« der Achtziger- und Neunzigerjahre erlassenen drakonischen Drogengesetze vor, die auch für gewaltfreie Straftäter Mindeststrafen von dreißig Jahren bis zu lebenslänglich vorgesehen hatten.

Die Folge dieser Gesetzgebung war, dass über zwei Millionen Menschen – die Mehrheit darunter Afro- und Lateinamerikaner – im Gefängnis saßen. Jetzt wurden viele dieser Urteile revidiert, Begnadigungen und die Abschaffung der vorgeschriebenen Mindeststrafen in Erwägung gezogen.

Keller war mit diesen Bemühungen einverstanden, wollte sich aber aus den Kontroversen heraushalten und sich stattdessen auf seinen Auftrag konzentrieren, die Heroinepidemie einzudämmen. Als Chef der obersten Behörde zur Drogenbekämpfung war er durchaus bereit, Straftaten in Zusammenhang mit Marihuanamissbrauch mit weniger Nachdruck zu verfolgen, überließ allgemeine Stellungnahmen zur Drogenpolitik aber lieber dem Drogenbeauftragten des Weißen Hauses.

Dieser, der offiziell den Titel »Director of the White House Office of National Drug Control Policy« trug, gab im Namen des Präsidenten Richtlinien für die Drogenpolitik vor und war dafür verantwortlich, dass diese umgesetzt wurden.

Nun, jedenfalls im Prinzip.

Der letzte Drogenbeauftragte war ein Hardliner gewesen, der sich den vom Präsidenten befürworteten Reformen des Justizministeriums verweigert hatte, gegangen worden war und jetzt den Posten als Grenzbeauftragter der amerikanischen Behörden innehatte (sodass Keller weiter mit ihm arbeiten musste), ein neuer Mann – der sich Reformen gegenüber aufgeschlossener gezeigt hatte – hatte seine Nachfolge angetreten.

Für Keller war das nur wieder ein neuer bürokratischer Schachzug in einem bereits viel zu verworrenen Spiel. Theoretisch war der Justizminister Kellers direkter Vorgesetzter, aber beide mussten auch mit dem Drogenbeauftragten Rücksprache halten, da der Justizminister direkt dem Weißen Haus unterstand.

Außerdem gab es noch den Kongress. Die DEA musste sich je nachdem mit dem Justizausschuss des Senats, dem Haushaltsausschuss, Homeland Security und einem Regierungsausschuss abstimmen und diesen gegenüber Rechenschaft ablegen.

Das Weiße Haus war noch schlimmer. Dort gab es jeweils eigene Abteilungen für Haushalt, Finanzen, Sicherheit und Regierungsgeschäfte, aber auch der Justizausschuss war in weitere untergeordnete Kommissionen für Verbrechen, Terrorismus, Innere Sicherheit, Einwanderungspolitik und Grenzsicherheit unterteilt.

Keller musste sich also mit dem Justizministerium, dem Weißen Haus, dem Senat sowie sämtlichen Ausschüssen abstimmen und diese koordinieren, außerdem natürlich mit den anderen Bundesbehörden, mit denen es bezüglich der Aufgabengebiete Überschneidungen gab – mit Homeland Security, mit der CIA, dem FBI, dem Bureau of Alcohol, Firearms and Tobacco, dem ICE, der Gefängnisbehörde, der Küstenwache und der Navy, dem Transportministerium, dem State Department … die Liste ließ sich endlos weiterführen.

Und das war nur die Bundesebene.

Keller hatte es außerdem mit den Regierungen von fünfzig Bundesstaaten und deren bundesstaatlichen Polizeiapparaten zu tun, mit den über dreitausend Sheriff Departments der einzelnen Bezirke und den über zwölftausend innerstädtischen Police Departments. Von den dazugehörigen Staatsanwälten und Richtern einmal ganz zu schweigen.

Zusätzlich musste Keller mit den Regierungsbeamten und der Polizei im Ausland kommunizieren, Absprachen treffen und verhandeln – natürlich mit Mexiko, aber auch mit Kolumbien, Bolivien, Peru, Kambodscha, Laos, Thailand, Myanmar, Pakistan, Afghanistan, Usbekistan, der Türkei, dem Libanon, Syrien und allen Ländern der Europäischen Union, in denen Heroin gekauft, verkauft oder verschifft wurde. Und alle diese Absprachen mussten dem State Department und manchmal auch dem Weißen Haus vorgelegt werden.

Natürlich delegierte Keller das meiste davon – in vielerlei Hinsicht war die DEA ein Perpetuum mobile, das aufgrund seiner eigenen Dynamik funktionierte, dennoch musste er sich der wichtigsten Themen persönlich annehmen und war wild entschlossen, das Messer zu wetzen und das Heroinproblem direkt anzugehen.

Dazu kam, dass Keller die Leitung einer Behörde übernahm, bei der man ihm als ehemaligem verdecktem Ermittler und Field Agent, der in dem Ruf stand, ein rücksichtsloser Draufgänger zu sein, mit tiefem Misstrauen begegnete.

»Jetzt haben wir einen echten Cowboy«, war mehr oder weniger die allgemein verbreitete Ansicht, und einige Schreibtischhengste auf mittlerer Ebene packten schon mal ihre persönlichen Sachen, weil sie dachten, der neue Chef würde seine eigenen Leute mitbringen.

Keller enttäuschte sie.

Er berief eine Generalversammlung ein, bei der er verkündete: »Ich werde niemanden feuern. Man sagt mir nach, ich sei kein Administrator und habe keine Ahnung, wie man eine so riesige Organisation leitet. Das ist richtig – ich habe keine Ahnung. Was ich aber habe, seid ihr, die Mitarbeiter. Ich werde eine klare Richtung vorgeben, und ich zähle auf euch, dass ihr mit der Organisation auf diese Ziele hinarbeiten werdet. Ich erwarte Loyalität, Ehrlichkeit und harte Arbeit von euch. Im Gegenzug dürft ihr dasselbe von mir erwarten, außerdem Unterstützung bei euren Bemühungen. Ich werde nicht hinterrücks schlecht über euch sprechen, aber ich werde euch frontal angreifen, sollte ich euch dabei erwischen, dass ihr Spielchen spielt. Habt keine Angst davor, Fehler zu machen – nur Faulpelze und Feiglinge machen keine. Aber wenn wir ein Problem haben, will ich nicht der Letzte sein, der davon erfährt. Ich möchte eure Gedanken und eure Kritik hören. Ich glaube an das Schlachtfeld der Ideen – ich will nicht das einzige Wort haben, nur das letzte.«

Er setzte Prioritäten.

Bestellte sich Bill Howard, seinen Stellvertreter, und die leitenden Beamten der geheimdienstlichen Abteilung zu sich ins Büro und erklärte ihnen, Heroin stünde ab sofort an der Spitze der Prioritätenliste.

Außerdem an zweiter Stelle.

Und an dritter.

Wir werden die Arbeit im Kampf gegen alle harten Drogen fortsetzen, erklärte er, aber was den Rechtsvollzug betrifft, so liegt der Fokus auf der Beendigung der Heroinepidemie. Marihuana ist mir egal, sagte er, es sei denn, es führt uns die Leiter zu den Heroinhändlern hinauf.

Was bedeutet, dass der Fokus auf dem Sinaloa-Kartell liegen wird.

Das ist eine ganz neue Entwicklung – historisch hatte Sinaloa seit den Siebzigerjahren, nachdem die DEA und das mexikanische Militär die Mohnfelder vergiftet und abgebrannt (Keller war dabei) und sich die Bauern anderen Produkten zugewandt hatten, nicht mehr viel mit der Heroinproduktion zu tun.

Der Barrera-Flügel des Kartells hatte den Großteil seines Vermögens mit Kokain und Marihuana verdient, der Esparza-Flügel mit Methamphetaminen und die Tapia-Fraktion mit einer Mischung aus allem.

»Es wäre ein Fehler, alle Anstrengungen auf Mexiko zu konzentrieren«, erklärte Keller seinen Leuten. »Ich weiß das, weil ich diesen Fehler bereits gemacht habe. Mehrfach. Von jetzt an legen wir unser Hauptaugenmerk darauf, die Verantwortlichen dort zu treffen, wo wir sie treffen können – hier in den Vereinigten Staaten.«

Howard sagte: »Also Salamitaktik, wir müssten Dutzende innerstädtische Police Departments miteinander koordinieren.«

»Bereiten Sie das vor«, sagte Keller. »Im Laufe des kommenden Monats werde ich persönliche Gespräche mit den Leitern der Drogendezernate in New York, Chicago und Los Angeles führen. Wenn sie nicht zu mir kommen können oder wollen, fahre ich zu ihnen. Danach werde ich mit Boston, Detroit und San Diego sprechen. Und so weiter. Die Zeiten, in denen wir nebeneinander an der Pissrinne standen und uns gegenseitig die Schuhe nass gespritzt haben, sind vorbei.«

Na toll, dachte Keller, ich habe einen Stellvertreter, der nur auf eine Gelegenheit wartet, mich zu sabotieren. Aber ich werde ihn am langen Arm verhungern lassen – und einen Bürokraten lässt man verhungern, indem man ihm den Zugang zu Informationen verweigert.

Nach der Besprechung bat Keller Blair, noch zu bleiben. »Hat Howard mich auf dem Kieker?«

Blair grinste. »Er hat damit gerechnet, selbst auf den Posten befördert zu werden.«

Der Leiter und der stellvertretende Leiter der DEA werden politisch berufen – alle anderen sind Staatsdiener, die sich innerhalb des Systems hocharbeiten. Keller vermutete, dass Howard sich von McCullough und dessen Intrigen hintergangen fühlte.

Laut Rangfolge berichten alle Abteilungsleiter direkt an Howard, der wiederum Keller unterstellt ist.

»Wenn es was Wichtiges gibt«, sagte Keller zu Blair, »übergehen Sie Howard, kommen damit direkt zu mir.«

»Soll ich doppelte Buchführung betreiben?«

»Hätten Sie ein Problem damit?«

»Nein«, erwiderte Blair. »Ich traue dem Hurensohn genauso wenig.«

»Wenn es rauskommt, gebe ich Ihnen Deckung.«

»Und wer gibt Ihnen Deckung?«, fragte Blair.

Derselbe wie immer, dachte Keller.

Ich.


»Wir sehen uns noch mal die Bilder von der velatorio an«, sagt Keller.

Blair ruft die Fotos von Barreras Trauerfeier auf, die ein unglaublich tapferer Undercover-Agent der SEIDO, getarnt als Kellner der Cateringfirma, die bei der Veranstaltung für das leibliche Wohl der Gäste sorgte, aufgenommen hatte. Keller starrt die Dutzende von Fotos an – Elena Sanchez sitzt am Sarg, die Esparza-Brüder, Ricardo Nuñez und sein Sohn »Mini-Ric« und eine Menge anderer, wichtiger Akteure. Er betrachtet die Fotos, die im Haus aufgenommen wurden, auf dem Rasen, draußen am Pool.

»Können Sie die chronologisch ordnen?«, fragt Keller.

Landläufig sagt man, dass jedes Bild eine Geschichte erzählt, und wenn das so ist, dann kann eine Abfolge von Bildern, denkt Keller, ein Film sein und eine ganz andere Geschichte erzählen. Er glaubt an Chronologien und Kausalzusammenhänge und betrachtet die Fotos jetzt unter diesem Aspekt.

Blair ist klug genug, die Klappe zu halten.

Zwanzig Minuten später wählt Keller mehrere Fotos aus und legt sie in eine Reihe. »Sehen Sie sich das an – Nuñez geht zu Elena. Sie gehen nach draußen, sagen wir mal, um sich ungestört zu unterhalten.« Er zeigt auf eine Reihe von Fotos, die Elena und Nuñez dicht nebeneinander spazierend zeigen, offenbar vertieft in ein Gespräch.

»Scheiße«, sagt Keller, »was ist das?«

Er zoomt Nuñez’ Hände heran, den Brief, den er Elena gibt.

»Was ist das?«, fragt Blair.

»Kann ich nicht erkennen, aber auf jeden Fall liest sie es.« Keller zoomt auf Elenas Gesicht – sie liest, legt die Stirn in Falten. »Könnte auch die Rechnung vom Caterer sein, wer weiß, jedenfalls findet sie’s nicht erfreulich.«

Sie betrachten die Bilder von Elena und Nuñez und überprüfen die Zeitangabe. Das Gespräch hat fünf Minuten und zweiundzwanzig Sekunden gedauert. Elena gibt Nuñez den Brief zurück und kehrt ins Haus zurück.

»Was würde ich für einen Audiomitschnitt geben«, sagt Keller.

»Die hatten natürlich Störsender«, sagt Blair.

Keller widmet sich wieder seiner Fotochronologie und entdeckt Iván und Mini-Ric bei einer scheinbar zwanglosen Unterhaltung am Pool. Nuñez kommt nach draußen, geht mit Iván weg, lässt Ric sitzen. Eine halbe Stunde später, laut Zeitangabe, kommt Iván wieder und redet mit Ric.

Und jetzt wirkt das Gespräch gar nicht mehr zwanglos.

»Bilde ich mir das ein«, sagt Keller, »oder streiten die beiden?«

»Iván wirkt auf jeden Fall wütend.«

»Was für eine Laus ihm auch immer über die Leber gelaufen sein mag«, sagt Keller, »es muss während des Gesprächs mit Nuñez passiert sein. Ich weiß nicht, vielleicht interpretiere ich auch zu viel hinein.«

Vielleicht aber auch nicht, denkt er.

Die Buschtrommeln hatten verkündet, Iván sei der Nächste in der Reihe der Anwärter auf die Kartell-Führung, könnte den Barrera- und den Esparza-Flügel miteinander verbinden. Anscheinend führt Ricardo Nuñez jetzt aber Einzelgespräche mit Elena Sanchez und Iván Esparza, und Iván wirkt danach stinksauer.

Du lieber Himmel, haben wir hier was übersehen?

Keller hielt Ricardo Nuñez bislang für einen Mitspieler auf untergeordneter Ebene, bestenfalls in beratender Funktion für Barrera tätig, auf der Trauerfeier scheint er aber eine wichtige Rolle zu spielen und zwischen Elena und Iván zu vermitteln.

Aber was genau wird da verhandelt?

Elena ist seit Jahren raus aus dem Geschäft.

Keller versucht es mit einer anderen Theorie – vielleicht leistet Nuñez nicht nur »gute Dienste«, vielleicht ist er selbst zu einer eigenständigen Macht geworden.

Bleib dran, denkt Keller.


»ADÁN VIVA!«

Elena Sanchez Barrera betrachtet die mit Graffiti vollgesprühte Mauer des Friedhofs Jardines Del Valle.

Denselben Schriftzug hatte sie auch schon auf der Fahrt in die Stadt gesehen, an Mauern gesprüht, an Hauswände, auf Werbetafeln. Sie hat gehört, dasselbe Phänomen sei auch in Badiraguato aufgetreten, und an den Straßenrändern der Kleinstädte und Dörfer in ganz Sinaloa und Durango seien kleine, »Santo Adán« gewidmete Schreine aufgetaucht – Ausdruck des zutiefst empfundenen, leidenschaftlichen Wunsches, Adán Barrera, der geliebte El Señor, El Patrón, der »Pate«, der »Herr der Lüfte«, der Krankenhäuser, Schulen und Kirchen gebaut und den Armen Geld gegeben, die Hungernden genährt hatte – möge doch unsterblich sein, in Fleisch und Blut oder wenigstens im Geiste weiterleben.

Santo Adán, von wegen, denkt sie.

Adán mochte vieles gewesen sein, aber ein Heiliger bestimmt nicht.

Elena schaut aus dem Fenster und sieht sämtliche Machthaber des Sinaloa-Kartells, ja, des gesamten mexikanischen Drogenhandels versammelt. Wollte die Regierung den Drogenhandel wirklich stoppen, sie könnte hier auf einen Schlag alle einkassieren.

Ein einziger Polizeieinsatz, und sie hätten alle im Netz.

Aber das wird niemals passieren – auf dem Friedhof verteilen sich nicht nur Hunderte von Sicarios des Kartells, er wurde außerdem auch von der sinaloanischen Staatspolizei und der Polizeibehörde von Culiacán abgesperrt. Ein Helikopter der Staatspolizei schwebt über ihnen, denn die Bundesregierung meint es keinesfalls ernst damit, den Drogenhandel zu unterbinden, vielmehr ist man gern bereit, ihn zu unterstützen, und wird die Trauerfeierlichkeiten auf keinen Fall stören.

Ricardo Nuñez in seinem makellosen, maßgeschneiderten schwarzen Anzug reibt sich die Hände wie die Latino-Version von Uriah Heep, denkt Elena. Er hatte darauf bestanden, in jeden Aspekt der Beerdigung eingebunden zu werden, von der Auswahl des Sargs bis hin zur Sitzordnung und den Sicherheitsmaßnahmen, und nun sind es Nuñez’ Sicarios mit ihren Armani-Kappen und Hermès-Westen, die das Tor und die Mauer bewachen.

Elena entdeckt die berüchtigte La China, die heute in ihrem schwarzen Jackett zur schwarzen Hose fast schon unauffällig wirkt und die Sicarios befehligt. Sie muss zugeben, dass das Mädchen wirklich umwerfend aussieht. Ricardos Sohn mit dem verniedlichenden Spitznamen »Mini-Ric« steht neben ihm und seiner unscheinbaren Frau, an deren Namen sich Elena nicht mehr erinnern kann.

Die Esparza-Brüder stehen in einer Reihe nebeneinander wie Krähen auf einer Hochspannungsleitung. Ausnahmsweise sind sie mal nicht gekleidet wie die Statisten einer billigen Telenovela, sondern tragen respektvoll schwarze Anzüge und richtige Schuhe, mit echten Schnürsenkeln. Sie nickt Iván zu, der kurz zurücknickt und dann ein bisschen näher an seine Schwester heranrückt, als wollte er seinen Besitzanspruch geltend machen.

Die arme Eva, denkt Elena, steht da mit ihren beiden kleinen Jungs, die jetzt zu Schachfiguren in einem Spiel wurden, das sie gar nicht verstehen. Ebenso wenig natürlich Eva – Iván wird die Kontrolle über sie an sich reißen, um sie als Druckmittel gegen Nuñez zu benutzen. Sie kann es jetzt schon hören: Siehst du, wir sind Adán Barreras Familie, seine wahren Erben, keine emporgekommenen Assistenten oder Angestellten. Sollte Eva zu schwach sein, um nach Kalifornien zurückzukehren, wird Iván sie und die Zwillinge wie Bühnenrequisiten herumschieben.

Apropos Requisiten, er hat seinen Wachhund an seiner Seite. El Mastín schwitzt am Hals, sieht aus, als würde er sich ausgesprochen unwohl fühlen in dem Jackett und der Krawatte, und Elena weiß, dass er hierherbeordert wurde, um sie daran zu erinnern, dass Jalisco mit dem Esparza-Flügel des Kartells im Bunde ist. Sollte es zu Auseinandersetzungen kommen, wird dieser brutale Massenmörder mit seinen Soldaten loyal zu Iván stehen.

Aber hoffentlich wird das nicht passieren.

Ricardo hatte sie angerufen, um ihr mitzuteilen, dass Iván Nuñez in der Führungsrolle des Kartells akzeptiert und sich – wenn auch widerwillig und verbittert – bereit erklärt hat, Baja an Rudolfo zu übergeben.

Das muss eine schöne Szene gewesen sein, denkt Elena, zumindest so, wie Ricardo sie beschrieben hatte. Iván hatte geschrien, geflucht, Elena mit jedem erdenklichen Schimpfwort bedacht, mit Krieg gedroht und geschworen, sich bis zum Tod dagegen zu wehren, sich letztlich aber doch Ricardos stetig und monoton vorgebrachten, vernünftigen Argumenten fügen müssen.

»Er ist mit einem piso von zwei Prozent einverstanden«, hatte Ricardo ihr anschließend erklärt.

»Normalerweise sind es fünf.«

»Elena …«

»Na gut, also schön.« Wenn es hätte sein müssen, hätte sie auch null akzeptiert. Ricardo konnte sich nicht verkneifen, das Messer noch ein kleines Stück tiefer in die Wunde zu treiben. »Sollte ich das Gespräch nicht eigentlich mit Rudolfo führen?«

»Du hast mich angerufen.«

»Hab ich«, sagte Ricardo. »Bin versehentlich auf die falsche Kurzwahltaste gekommen.«

»Ich gebe Rudolfo Bescheid«, sagte sie. »Aber ich bin sicher, er wird einverstanden sein.«

»Ach, da bin ich auch sicher«, sagte Ricardo.

Rudolfo sitzt jetzt neben ihr auf dem Rücksitz der Limousine. Er hatte getan, als wäre er aufrichtig begeistert, als sie ihm erklärte, er sei der neue Boss von Baja, aber sie merkt ihm an, dass er nervös ist.

Und er hat guten Grund, denkt sie.

Vor ihm liegt eine schwierige und ungewisse Arbeit. Händler und Gangster, früher »Barrera-Leute«, waren erst an die Esparzas übergeben worden, und jetzt verlangte man von ihnen, dass sie zurückkehrten. Die meisten werden das machen, weiß sie, und zwar gern; andere werden zögerlicher sein, ja, sogar rebellieren.

Möglicherweise werden wir ein paar Exempel statuieren müssen – der Erste, der laut protestiert, wird getötet – und sie weiß nicht, ob Rudolfo das Zeug dazu hat, dies anzuordnen. Das war noch nie anders gewesen – ihr armer lieber Sohn, will immer von allen gemocht werden, ein vorteilhafter Charakterzug in der Musik- und Clubszene, nicht aber in der pista secreta.

Elena hat Leute, die das für ihn übernehmen werden, trotzdem wird er eher früher als später einen eigenen bewaffneten Flügel aufbauen müssen. Sie kann und wird ihm Leute zur Verfügung stellen, aber er muss sie befehligen.

Sie legt ihre Hand auf seine.

»Was?«, fragt Rudolfo.

»Nichts«, sagt Elena. »Ist nun mal ein trauriger Anlass.«

Der Wagen bremst, damit sich der Fahrer von Nuñez’ Leuten einen Parkplatz zuteilen lassen kann.


Das Mausoleum ist ein Ausdruck geschmacklosen Überschwangs, denkt Elena und nimmt neben ihrer Mutter Platz. Drei Stockwerke klassische churriguereske Architektur, eine mosaikgeflieste Kuppel, Marmorsäulen und steinerne Reliefs von Vögeln, Phönixen und Drachen.

Mit Klimaanlage.

Ich glaube kaum, dass Adán die Hitze noch was ausmacht, denkt Elena.

In den Säulen ist eine Stereoanlage versteckt, auf der Adán gewidmete corridas in Endlosschleife laufen, auf einem Flachbildschirm werden Videos der guten Taten des großartigen Mannes gezeigt.

Widerlich, denkt Elena, aber die Leute erwarten das.

Und man darf sie nicht enttäuschen.

Der Priester hatte tatsächlich kurz gezögert und überlegt, ob er den Gottesdienst für einen so »berüchtigten Drogenbaron« überhaupt durchführen könne.

»Sehen Sie sich doch mal um, Sie scheinheiliges kleines Arschloch«, hatte Elena bei der Besprechung in seinem Büro gesagt. »Der Tisch, an dem Sie sitzen? Den haben wir bezahlt. Der Stuhl, auf den Sie Ihren fetten Arsch pflanzen? Den haben wir bezahlt. Der Altarraum, der Altar, das Kirchengestühl, die neuen bunten Glasfenster? Alles aus Adáns Brieftasche. Ich bitte Sie nicht, Padre, ich sage es Ihnen – halten Sie diesen Gottesdienst ab. Andernfalls – und das schwöre ich bei der heiligen Mutter Gottes – schicken wir Leute her, die alles wieder abholen, Sie selbst zuallererst.«

Pater Rivera spricht jetzt also ein paar Gebete, segnet und predigt, spricht über Adáns Tugenden als hingebungsvoller Familienvater, seine Großzügigkeit gegenüber der Kirche und der Gemeinde, seine tiefe Liebe für Sinaloa und dessen Bevölkerung, seinen Glauben an Jesus Christus, den Heiligen Geist und Gott den Allmächtigen.

Adán hat an Geld, Macht und sich selbst geglaubt, denkt Elena, als der Priester allmählich zum Ende kommt. Das war seine Heilige Dreifaltigkeit. Nicht Gott.

»Aber an den Satan glaube ich«, hatte er ihr einmal erzählt.

»Du kannst nicht an den einen glauben und an den anderen nicht«, hatte sie gesagt.

»Klar kann ich das«, hatte Adán erwidert. »So wie ich das verstehe, haben Gott und der Teufel eine Riesenschlacht um die Weltherrschaft geschlagen, richtig?«

»Ich glaube, ja.«

»Na also«, sagte Adán. »Sieh dich um – der Teufel hat gewonnen.«


Das Ganze ist ein Witz, denkt Ric.

Außerdem denkt er, wie wahnsinnig dringend er pissen muss, und wünscht, er hätte es vor dieser endlosen Predigt getan, aber jetzt ist es zu spät, er muss es einfach einhalten.

Und Iváns bösen Blick ertragen.

Sein Freund hat ihn von Anfang an böse angesehen und nicht mehr damit aufgehört. So wie nach seiner Unterredung mit Ricardo sen. bei der Trauerfeier. Als er zu Ric an den Pool zurückkehrte, hatte er ihn angestarrt und behauptet: »Du hast es gewusst.«

»Was hab ich gewusst?«

»Dass Adán deinen Vater zum neuen Boss gemacht hat.«

»Das hab ich nicht gewusst.«

»Fick dich.«

»Ich hab’s nicht gewusst.«

»Dein Vater hält mich für einen Clown«, sagte Iván.

»Ich bin sicher, dass er das nicht gesagt hat, Iván.«

»Nein, aber Elena, die alte Schlampe«, sagte Iván. »Und dein Vater hat es wiederholt. Du hast das gewusst, Ric. Du hast es gewusst. Du hast mich reden lassen, immer wieder darüber reden lassen, was ich vorhabe, und hast es die ganze Zeit dabei gewusst.«

»Komm schon, Iván, ich …«

»Nein, jetzt bist du der geile Typ, richtig?«, sagte Iván. »Dein Vater ist der jefe, und du bist, ja, was bist du eigentlich, Mini-Ric?«

»Immer noch dein Freund.«

»Nein, bist du nicht«, sagte Iván. »Wir sind keine Freunde. Nicht mehr.«

Damit ging er davon.

Ric rief ihn an, schrieb ihm mehrere SMS, bekam aber keine Antwort. Nichts. Jetzt sitzt Iván da und starrt ihn an, als würde er ihn hassen.

Tut er vielleicht wirklich, denkt Ric.

Und so richtig kann ich’s ihm nicht verdenken.

Nach seinem Gespräch mit Iván hatte sein Vater Ric zu sich gerufen.

Ric las, was in dem Brief stand, den ihm sein alter Herr über den Tisch entgegenschob. »Ach, du lieber Gott.«

»Mehr hast du nicht dazu zu sagen?«

»Was soll ich denn dazu sagen?«

»Ich hatte eher auf so was gehofft wie: ›Sag mir, wie ich dir helfen kann, Dad‹«, meinte Nuñez, »oder: ›Wenn du mich brauchst, bin ich für dich da.‹ Oder: ›Adán hat eine kluge Wahl getroffen, Dad, du bist der richtige Mann für den Job.‹«

»Versteht sich doch von selbst.«

»Und dennoch musste ich es sagen.« Nuñez lehnte sich zurück und legte die Fingerspitzen aneinander, eine Geste, die Ric schon als Kind bei ihm gehasst hatte, da sie immer einer Predigt vorausging. »Du musst jetzt ein Stück aufrücken, Ric. Eine aktivere Rolle übernehmen, mir zur Seite stehen.«

»Iván hat gedacht, er wäre als Nächster dran.« Jedes zweite Wort aus Iváns Mund hatte davon gehandelt, wie alles sein würde, wenn er erst die Führung übernommen hatte, und jetzt hatte Adán ihm noch aus dem Grab heraus einen Strich durch die Rechnung gemacht.

»Sein Glück ist nicht meine Sorge«, sagte Nuñez. »Deins übrigens auch nicht.«

»Er ist mein Freund.«

»Dann kannst du ihn vielleicht davon überzeugen, vernünftig zu sein«, sagte Nuñez. »Er wird nach wie vor die Führung des Esparza-Flügels der Organisation innehaben.«

»Ich glaube, er hatte sich was Größeres vorgestellt.«

»Wir alle müssen lernen, mit Enttäuschungen zu leben«, sagte Nuñez.

Ric schwante, dass er ihn meinte.

»Iván wird die Leitung des gesamten Esparza-Flügels übernehmen«, sagte Nuñez. »Für Baja hätte er gar keine Zeit gehabt.«

»Er wollte es Oviedo übergeben.«

»Demselben Oviedo, der auf Facebook zu sehen war, wie er ein Motorrad mit den Füßen lenkt?«, fragte Nuñez.

»Was machst du denn auf Facebook?«

»Ich halte mich auf dem Laufenden«, sagte Nuñez. »Jedenfalls hast du Elenas Erlaubnis, weiter in Baja zu verkaufen.«

»Elenas Erlaubnis oder Rudolfos?«

»Willst du mich auf den Arm nehmen?«

»Ich hatte eine Abmachung«, sagte Ric. »Mit Iván.«

»Und jetzt hast du eine mit Rudolfo«, sagte Nuñez. »Wenn du Erfolge auf dem Narcomenudeo vorweisen kannst, gebe ich dir vielleicht Zugang zum Trasiego. Und danach, wer weiß?«

»Erfolge vorweisen?«

»Verdammt noch mal, Ric«, sagte Nuñez, »zeig mir nur irgendetwas. Du bist Adán Barreras Patensohn. Damit gehen gewisse Privilegien einher, aber mit den Privilegien kommt auch die Verantwortung. Ich habe die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass alles entsprechend seinen Wünschen geregelt wird, und daran hast auch du einen Anteil.«

»Okay.«

»Du solltest über Folgendes nachdenken«, sagte Nuñez. »Wir halten die Stellung, bis Adáns Söhne volljährig sind, aber bis dahin sind es noch viele Jahre. Angenommen, mir stößt in der Zwischenzeit etwas zu? Dann bleibst du übrig.«

»Ich will nicht«, sagte Ric.

Da war er wieder – dieser Anflug von Enttäuschung, ja Abscheu, als sein Vater fragte: »Willst du dein Leben lang ›Mini-Ric‹ bleiben?«

Ric wunderte sich darüber, wie tief sein Vater ihn verletzen konnte. Er hatte eigentlich gedacht, inzwischen darüber hinweg zu sein, aber er spürte dennoch einen Stich in seinem Herzen.

Er antwortete nicht.

Zu den Dingen, die Ric vorweisen soll, gehört auch eine Rede, besser gesagt, eine Grabrede bei der Beerdigung.

Wogegen Ric Einwände erhob. »Warum ich?«

»Als Patensohn«, hatte Ricardo gesagt, »wird das von dir erwartet.«

Na, wenn es erwartet wird, dachte Ric. Er hatte keine Ahnung, was er sagen sollte.

Melissa hatte ein paar Vorschläge. »Mein Patenonkel Adán war ein skrupelloser Schwanzlutscher, der mehr Menschen ins Grab gebracht hat als Metastasen streuender Arschkrebs …«

»Sehr schön.«

»… und eine scharfe Chica geheiratet hat, die halb so alt ist wie er und die wir, ehrlich gesagt, alle gerne mal ficken würden. An Adán Barrera ist einfach alles liebenswert, er war ein Mann durch und durch, ein Narco, ein Pate. Friede sei mit ihm. Und Ende, aus.«

Bei dem Problem mit Iván war sie ihm auch keine größere Hilfe gewesen.

»Du kennst doch Iván«, hatte sie gesagt. »Der dreht auf und sieht rot. Aber er wird sich schon wieder einkriegen, heute Abend geht ihr wieder zusammen trinken.«

»Das glaube ich kaum.«

»Dann eben nicht«, sagte Melissa. »Du musst dich dran gewöhnen. Fakt ist – Barrera hat deinen Vater zum Chef ernannt, nicht Iván. Fakt ist außerdem – du bist der Patensohn, nicht er. Vielleicht solltest du dich endlich auch mal so benehmen.«

»Du klingst wie mein Vater.«

»Er hat ja nicht immer unrecht.«

Jetzt muss Ric aber wirklich pissen. Der verfluchte Priester geht endlich von der Bühne ab, und ein Sänger tritt auf. Einer von Rudolfos Leuten, die er früher mal aufgenommen hat, er beginnt mit einer corrida, die er eigens für El Señor geschrieben hat. Der Text zieht einen tiefer runter als Songs von Adele.

Danach tritt ein Dichter auf.

Ein Dichter.

Was kommt denn noch, denkt Ric, ein Marionettentheater?

Nein, er selbst.

Sein Vater bedenkt ihn mit einem, man könnte sagen »bedeutsamen« Nicken, und Ric tritt vor den Altar. Er ist nicht dämlich – er weiß, dass dies ein besonderer Augenblick ist, gewissermaßen die öffentliche Erklärung, dass er Iván übersprungen hat und an die Spitze vorgerückt ist.

Ric beugt sich zum Mikrofon vor. »Mein Patenonkel, Adán Barrera, war ein großartiger Mensch.«

Allgemeines zustimmendes Geraune, und das Publikum wartet darauf, dass er fortfährt.

»Er hat mich geliebt wie einen Sohn«, sagt Ric, »und ich habe ihn geliebt wie einen zweiten Vater. Für uns alle war er ein Vater. Er …«

Ric blinzelt, als er einen Clown entdeckt – einen Payaso in vollem Ornat mit weißer Schminke, roter Lockenperücke, Gumminase, weiter Hose und viel zu großen Schuhen. Er kommt durch den Mittelgang, bläst auf einem Kazoo und hält weiße Ballons in der Hand.

Wer hat den bestellt?, überlegt Ric, fragt sich, ob er jetzt schon Sachen sieht, die gar nicht da sind.

Elena oder sein alter Herr können es nicht gewesen sein, beide sind nicht unbedingt für ihren Humor bekannt. Ric schaut zu ihnen rüber, keiner von beiden lacht.

Elena wirkt tatsächlich sogar ungehalten.

Aber das tut sie ja immer.

Ric will mit seiner Rede fortfahren. »Er hat den Armen Geld geschenkt und Krankenhäu−«

Niemand hört ihm mehr zu, als der Clown auf den Altar zusteuert und den erstaunten Zuschauern Papierblumen und kleine papel picado-Tiere zuwirft. Dann dreht er sich um, greift in seine geflickte karierte Jacke und zieht eine 9mm Glock.

Ich werde von einem verfluchten Scheißclown erschossen, denkt Ric ungläubig. Das ist nicht fair, das ist nicht richtig.

Aber der Payaso dreht sich um und schießt Rudolfo direkt in die Stirn.

Blut spritzt Elena ins Gesicht.

Ihr Sohn fällt in ihren Schoß, sie sitzt da und hält ihn fest, mit schmerzverzerrtem Gesicht schreit sie und schreit.

Der Killer rennt durch den Mittelgang zurück, aber wie schnell kann ein Clown in übergroßen Schuhen rennen – Melissa zieht eine MAC-10 aus ihrem Jackett und mäht ihn nieder.

Die Ballons steigen hoch an die Decke.


Adán Barreras »Pax Sinaloa« war schon zu Ende, noch bevor Barrera unter die Erde kam, denkt Keller, und schaut Nachrichten auf Univision.

Reporter draußen vor der Friedhofsmauer beschreiben »chaotische Szenen«, panisch fliehende Trauergäste, während andere alle möglichen Waffen ziehen und Krankenwagen zum Ort des Geschehens rasen. Und mit einem gewissen Maß an Surrealismus, wie er so häufig zu finden ist in der mexikanischen Narco-Welt, wird in den ersten Berichten bereits erwähnt, Rudolfo Sanchez’ Killer sei als Clown verkleidet gewesen.

»Als Clown«, sagt Keller zu Blair.

Blair zuckt mit den Schultern.

»Wurde der Täter schon identifiziert?«, fragt Keller unter Vermeidung des Wortes »Clown«.

»Die SEIDO geht davon aus, dass es dieser Mann war«, sagt Blair und ruft ein Foto auf dem Computerbildschirm auf. »Jorge Galina Aguirre – ›El Caballo‹ –, in den Neunzigern eine Figur beim Tijuana-Kartell, als Adán und Raúl übernommen hatten. Ein Marihuanahändler auf mittlerer Ebene, keine bekannten Feinde, und soweit wir wissen, hat er auch keinen Groll gegen die Barreras gehegt.«

»Anscheinend aber gegen Rudolfo.«

»Man erzählt sich irgendeinen Schwachsinn, Rudolfo habe Galinas Tochter flachgelegt, vielleicht auch seine Frau«, sagt Blair.

»Rudolfo war ein Weiberheld.«

»Der Sünde Lohn«, sagt Blair.

Ja, aber Keller hat Zweifel.

Das alte »Ehrenmord«-Ethos gehört allmählich der Vergangenheit an, und die Beleidigung – Barreras Neffen vor den Augen seiner Familie auf Barreras Beerdigung zu ermorden – weist darauf hin, dass es um mehr ging.

Das war eine Ankündigung.

Aber wovon und von wem?

Allen Berichten zufolge war Rudolfo Sanchez kein tatkräftiger Akteur mehr gewesen, der Aufenthalt im Gefängnis hatte ihm die Energie geraubt. Er hatte vor allem mit Nachtclubs, Restaurants und Musikmanagement zu tun, kümmerte sich ein bisschen um die Geldwäsche. Hatte er jemanden übers Ohr gehauen? Hatte jemand viel Geld durch ihn verloren?

Möglich. Aber wegen so etwas tötet man keinen Barrera, schon gar nicht auf der Beerdigung von El Señor. Man verhandelt über eine Einigung, oder man schluckt den Verlust, weil es besser fürs Geschäft und das eigene Überleben ist. Laut Geheimdienstinformationen war Rudolfo gar nicht mehr am Drogenhandel beteiligt – die ganze Familie Sanchez nicht, also konnte er nicht aufgrund von Gebietsstreitigkeiten ermordet worden sein.

Es sei denn, die Geheimdienstinformationen sind falsch, oder es hat sich etwas geändert.

Natürlich hat sich was geändert, denkt Keller. Barrera ist tot, und vielleicht war dies der Auftakt der Schlacht um seine Nachfolge.


Rudolfo wollte nicht auf dem Friedhof begraben werden, er wollte verbrannt und seine Asche sollte auf dem Meer verstreut werden. Es wird kein Grab geben, keine Gruft, kein protziges Mausoleum, nur das Rauschen der Wellen und den endlosen Horizont.

Seine Witwe – wir sind so viele Witwen, denkt Elena, wir könnten schon ein eigenes Kartell bilden – steht da mit ihrem Sohn und ihrer Tochter, zehn und sieben Jahre alt. Sie haben gesehen, wie ihr Vater ermordet wurde.

Jemand hat meinen Sohn vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder ermordet.

Und seiner Mutter.

Sie hat die saloppe Frage gehört, die überall die Runde macht: »Wurde der Clown schon erwischt, der’s getan hat?«

Wurde er.

Er hat den Friedhof nicht mehr verlassen. Nuñez’ Sicherheitschefin hat ihn erschossen. Dabei war so viel Security, so unglaublich viel Security. Leute von Barrera, von Esparza, von Nuñez, Polizei, Staatspolizei – trotzdem ist dieser Mann einfach hereinspaziert.

Der Schütze hieß Jorge Galina Aguirre, ein Marihuanahändler ohne bekannte Feinde und ohne Groll gegen die Barreras.

Ganz bestimmt nicht gegen Rudolfo.

An dem Abend, an dem sie Rudolfo zu einem Bestattungsunternehmer gebracht hatte, fuhr Elena nach Hause an den Stadtrand, wo ihr gesamtes Sicherheitspersonal im Keller gefangen gehalten wurde. Alle saßen mit dem Rücken zur Wand auf dem Betonboden, die Hände hinter sich gefesselt.

Elena ging die Reihe ab und schaute jedem Einzelnen in die Augen.

Suchte nach Anzeichen von Schuld.

Von Angst.

Letzteres sah sie bei fast allen, aber keine Schuld.

Alle erzählten dieselbe Geschichte – sie sahen einen schwarzen SUV vorfahren. Ein Fahrer, der Clown auf dem Beifahrersitz. Der Clown stieg aus, der SUV fuhr davon. Ein Himmelfahrtskommando, dachte Elena. Ein Himmelfahrtskommando, von dem der Schütze nichts wusste. Der Fahrer ließ ihn reingehen und fuhr weg, ließ ihn dort zurück.

Um seinen Auftrag zu erledigen und zu sterben.

Als sie wieder nach oben gingen, sagte Ricardo Nuñez: »Wenn du sie alle tot sehen willst, dann sind sie tot.«

Seine bewaffneten Leute hielten sich bereit, hatten die Waffen geladen und entsichert, jederzeit in der Lage, eine Massenhinrichtung durchzuführen.

»Mach mit deinen Männern, was du willst«, sagte Elena. »Meine lässt du frei.«

»Bist du sicher?«

Elena nickte nur.

Sie setzte sich hinten in den Wagen, flankiert von bewaffneten Männern, ihren eigenen Leuten, die sie aus Tijuana eingeflogen hatte, und sah die einheimischen Barrera-Leute das Haus verlassen.

Sie wirkten überrascht, erstaunt darüber, dass sie noch lebten.

Elena sagte zu einem der Männer: »Geh raus, sag den anderen, dass sie gefeuert sind. Sie werden nie wieder für uns arbeiten.«

Dann sah sie Ricardos Leute einmarschieren.

Eine Stunde später kehrte sie zu ihrem Wagen zurück.

Jetzt, Tage später, sieht sie ihre Schwiegertochter knöcheltief in den Ozean waten und Rudolfos Asche ausleeren.

Wie Pulverkaffee, denkt Elena.

Mein Sohn.

Den ich mir auf die Brust gelegt habe, in den Armen hielt.

Dem ich den Hintern gewischt, die Nase geputzt, die Tränen getrocknet habe.

Mein Baby.

Am Morgen hatte sie mit ihrem anderen Baby gesprochen, mit Luis.

»Das waren die Esparzas«, sagte sie. »Iván war das.«

»Das glaube ich nicht, Mutter«, sagte Luis. »Die Polizei behauptet, Galina war geisteskrank. Er hatte Wahnvorstellungen, dachte, Rudolfo hätte mit seiner Tochter geschlafen.«

»Das glaubst du?«

»Warum sollte Iván Rudolfo töten?«, fragte Luis.

Weil ich ihm Baja abgenommen habe, dachte Elena. Oder dachte, dass ich es ihm abgenommen hätte. »Die haben deinen Bruder ermordet, und jetzt wollen sie dich umbringen. Die werden uns niemals lebendig entlassen, also müssen wir im Geschäft bleiben. Und wenn wir bleiben, müssen wir gewinnen. Tut mir leid, aber das ist die grausame Wahrheit.«

Luis wird blass. »Ich hab noch nie was mit dem Geschäft zu tun gehabt. Und ich will auch nichts damit zu tun haben.«

»Ich weiß«, sagte Elena. »Und ich wünschte, es wäre möglich, dass du dich raushältst, mein Liebling. Aber das geht nicht.«

»Mutter … ich will nicht.«

»Ich wollte es auch nicht für dich«, sagte Elena. »Aber ich werde dich brauchen. Um deinen Bruder zu rächen.«

Sie sieht, wie Luis der Asche seines Bruders nachsieht, die auf der Wasseroberfläche treibt, dann in der Gischt einer sanften Welle verschwindet.

Einfach so.

Der arme Junge, denkt sie.

Oder besser, der arme junge Mann, siebenundzwanzig ist er jetzt. Wurde in dieses Leben hineingeboren und kann ihm nicht entkommen. Dumm von mir, etwas anderes zu denken.

Und diese Dummheit hat meinen ältesten Sohn das Leben gekostet.

Sie sieht der Welle nach, die ihr Kind mit sich nimmt, und denkt an das Lied, das sie ihm an seinen Geburtstagen vorgesungen hatte.

»Am Tag, als du auf die Welt kamst,

kamen alle Blumen auf die Welt,

und im Taufbecken sangen

die Nachtigallen.

Das Licht des Tages scheint auf uns,

steh auf am Morgen,

schau, es dämmert schon.«

Eine schwere scharfe Klinge sticht in ihre Brust.

Ein Schmerz, der nie vergehen wird.


Keller setzt sich Marisol gegenüber auf das Sofa.

»Du siehst müde aus«, sagt Marisol.

»War ein langer Tag.«

»Barrera«, sagt sie. »Kam in allen Nachrichten. Was für eine Szene, hm?«

»Sogar im Tod lässt er noch Menschen ermorden«, sagt Keller.

Sie reden ein paar Minuten weiter, dann geht sie hinauf ins Bett. Er geht in den Keller und schaltet den Fernseher ein. Auf CNN laufen ebenfalls Barrera-Nachrichten, außerdem ein Rückblick auf sein Leben – wie er als Teenager mit dem Verkauf gefälschter Markenjeans angefangen hatte, ins Drogengeschäft seines Onkels einstieg, blutige Kriege gegen Guero Mendez führte, um Baja kämpfte und wie er seinem Onkel an die Spitze der mexikanischen Federación nachgefolgt war. Als die wenigen bekannten Fotos von Barrera auf dem Bildschirm erscheinen, spricht der Reporter weiter von »unbestätigten Gerüchten« – Barrera sei an dem Foltermord an dem DEA-Agenten Ernie Hidalgo beteiligt gewesen, habe die beiden Kinder seines Rivalen Mendez von einer Brücke geworfen und neunzehn unschuldige Männer, Frauen und Kinder in einem kleinen Dorf in Baja abschlachten lassen.

Keller schenkt sich einen kleinen Absacker ein, als der Reporter »Ausgewogenheit« herstellt – Barrera habe andererseits auch Schulen, Krankenhäuser und Spielplätze in seinem Heimatstaat Sinaloa gebaut, Schutzgelderpressungen verboten und sei von der Landbevölkerung in den Bergen der Sierra Madre »geliebt« worden.

Auf dem Bildschirm tauchen »ADÁN VIVA«-Schilder auf, außerdem kleine selbst gebaute Schreine mit Fotos von ihm, Kerzen, Bierflaschen und Zigaretten an den Straßenrändern.

Barrera hat nicht geraucht, denkt Keller.

Des Weiteren wird von Barreras Verhaftung 1998 durch den »jetzigen Direktor der DEA, Art Keller«, berichtet, seiner Verlegung in ein mexikanisches Gefängnis, seinem »kühnen Ausbruch« 2001 und dem darauffolgenden Aufstieg an die Spitze der Drogenwelt, seinem Krieg gegen die ultragewalttätigen Zetas und seinem Verstoß gegen die Friedensbeschlüsse in Guatemala.

Dann die Szene von der Beerdigung.

Der bizarre Mord.

Das einsame Absenken des Sargs in die Erde, ausschließlich im Beisein seiner Witwe, seiner Söhne und Ricardo Nuñez.

Keller schaltet den Fernseher aus.

Er dachte, wenn er Adán Barrera zwei Kugeln ins Gesicht schießt, würde er Frieden finden.

Aber so ist es nicht.

Buch zwei:

Heroin

»It’s just like Heroin

Coming down

Over you.«

Heroin – Russell Hayden

4. Im Zug

»Empty storefronts around the square.

There’s a needle in the gutter and glass everywhere …«

James McMurtry, We can’t Make it Here Anymore



Keller schaut aus dem Zugfenster auf die stillgelegten Fabrikgebäude in Baltimore und fragt sich, ob einige davon inzwischen für Schießübungen genutzt werden. Die Fensterscheiben sind zerborsten, Banden-Graffiti überall an den roten Backsteinwänden, schiefe Zaunpfosten wie betrunkene Matrosen, der Maschendraht zerschnitten.

Über die gesamte AMTRAK-Strecke dasselbe, in sämtlichen Außenbezirken von Philadelphia, Wilmington und Newark – die Fabriken nur noch leere Hüllen, die Arbeitsplätze verloren, und viel zu viele der ehemals dort Beschäftigten hängen an der Nadel.

Ein riesiges Schild über einem baufälligen Gebäude draußen vor Wilmington bringt es auf den Punkt. Ursprünglich stand dort »GOOD BUY WORKS«, doch jetzt hatte jemand darüber gesprüht: »GOOD BYE WORK«.

Keller ist froh, dass er den Zug genommen hat, anstatt zu fliegen. Aus der Luft hätte er das alles nicht gesehen. Alle sind so sehr darauf fixiert, den Drogenhandel zu unterbinden, dass man sich nur allzu leicht einbildet, die Ursachen der Heroinepidemie lägen in Mexiko, dabei befindet sich die eigentliche Wurzel des Übels genau hier, ebenso wie in Dutzenden anderer Städte.

Opiate sind Schmerzmittel.

Menschen bekämpfen ihren körperlichen Schmerz, emotionalen Schmerz, ökonomischen Schmerz.

Und hier haben sie es gleich mit allen drei Arten von Schmerz zu tun.

Keller fährt mit dem Acela, dem schnellen Drei-Stunden-Zug von Washington, D.C. nach New York City, der das Zentrum der Regierungsmacht mit dem Finanzzentrum verbindet, wobei sich manchmal schwer feststellen lässt, wer wen regiert.

Und auch schwer zu sagen, was er von Washington aus in Bezug auf Mexiko unternehmen kann, wenn sich der wahre Ursprung des Opiatproblems möglicherweise an der Wall Street befindet. Du stehst mit einem Besen am Rio Grande, denkt er, versuchst, die Heroinflut aufzuhalten, während Milliardäre Jobs ins Ausland auslagern, Fabriken schließen, Hoffnungen und Träume zerschlagen, Schmerz verursachen.

Und dann wird von dir verlangt, die Heroinepidemie zu stoppen.

Was ist der Unterschied zwischen einem Hedgefonds-Manager und einem Kartellboss?

Die Wharton Business School.

Er schaut rüber und sieht Hugo Hidalgo mit einem Papptablett in der Hand durch den Gang zurückkommen, Kaffee und Sandwiches balancieren. Der junge Agent lässt sich auf dem Platz am Gang neben Keller nieder.

»Ich hab dir ein Schinken-Käse-Panino mitgebracht, ich hoffe, das ist in Ordnung.«

»Wunderbar. Was hast du?«

»Einen Burger.«

»Du traust dich was.«

In den wenigen Monaten war Hidalgo zum echten Rockstar geworden. Morgens war er der Erste und abends der Letzte, wobei Keller vermutet, dass Hugo manchmal einfach auf einer Liege im Büro schläft, wenn er zum Beispiel gerade mit einer Überwachung zu tun hat.

Hugo beschäftigt sich mit Satellitenaufzeichnungen, Augenzeugenberichten, Handyverbindungen, verfolgt E-Mails auf den Absender zurück, kümmert sich um alles, woraus sich ein Bild des im Umbau befindlichen Sinaloa-Kartells ergeben könnte.

Er ist auch derjenige, der Keller auf dem Laufenden hält, und seinen letzten Bericht hatte er am Morgen abgeliefert, bevor sie zum Zug mussten: In Tijuana hingen drei Straßendealer tot von einer Brücke.

»Sie gehörten zu Esparza«, sagte Hugo. »Elenas Antwort auf den Mord an ihrem Sohn.«

»Leugnet er den Mord an Rudolfo immer noch?«

»Allerdings«, sagte Hugo, »aber auf der Straße heißt es, er nutzt Elenas Feindschaft als Vorwand, Baja nicht herauszurücken, und deshalb hat sie es auf seine Straßendealer abgesehen.«

Die mexikanischen Straßenverkäufe bringen im Vergleich zu dem Handel auf der anderen Seite der Grenze relativ geringen Profit, sind aber ganz wesentlich, um das Grenzgebiet zu halten. Will man eine Plaza verteidigen, braucht man Gangster und Banden vor Ort, und die wiederum verdienen ihr Geld mit den Straßenverkäufen.

Ohne Straßenverkäufe keine Armee.

Ohne Armee keine Plaza.

Daher auch ohne Straßenverkäufe im Land kein internationaler Handel.

Wenn Nuñez den Frieden nicht verteidigen kann, werden Elena und Iván den Kampf um die Kontrolle der Grenzübergänge auf den Straßen von Baja austragen.

»Hat Elena die Leute dafür?«, fragte Keller.

Hugo zuckte mit den Schultern. »Schwer zu sagen. Einige der alten Barrera-Loyalisten sind zu Elena zurückgekehrt, jetzt, wo sie Flagge gezeigt hat. Viele waren mit Rudolfo befreundet und sinnen auf Rache. Andere halten zu den Esparzas, weil sie sich vor Angst in die Hosen machen, Iván könnte Tito Ascención mit seinen Leuten aus Jalisco heranziehen, um sie auf Linie zu halten.«

Eine berechtigte Angst, dachte Keller. Nachos alter Wachhund El Mastín ist für seine Brutalität bekannt. »Und Nuñez?«

»Bleibt neutral«, sagte Hugo. »Will den Frieden wahren.«

Kellers Verdacht in Bezug auf Nuñez hat sich bestätigt – Barrera hat den Anwalt als seinen Nachfolger benannt, als den »Ersten unter Gleichen«, der das Kartell führen soll. Nuñez befindet sich in einer schwierigen Position – wenn er Iván erlaubt, Baja zu behalten, wirkt er schwach, und das ist in der Narco-Welt sehr heikel. Wenn er Iván aber zwingt, Baja abzugeben, muss er Krieg gegen ihn führen. So oder so zerfällt seine Organisation. Während die meisten Angehörigen des alten Barrera-Flügels loyal gegenüber Nuñez bleiben, betrachten andere Elena oder Iván durchaus als Alternativen.

Nuñez wird entweder Iván und Elena zu Friedensgesprächen an einen Tisch bringen oder sich für eine Seite entscheiden müssen.

Nach Adán Barreras Tod zerbricht der Pax Sinaloa.

Vielleicht sind das aber sowieso alles nur Sonnenplätze an Deck der Titanic, denkt Keller. Vielleicht spielt es gar keine Rolle, wer das Heroin schickt, nur dass es hereinkommt. Die Narcos können so lange Reise nach Jerusalem spielen, wie sie wollen; verdammt, wir können auch zur sogenannten Kingpin-Strategie greifen – die Kartellbosse verhaften oder töten –, nur wird dann der Platz an der Spitze einfach immer wieder neu besetzt, und die Drogen strömen weiter ins Land.

Keller war einer derjenigen gewesen, die diese Strategie durchgesetzt hatten, er hatte maßgeblich daran mitgewirkt, die Jefes der alten Federación, des Golf-Kartells, der Zetas und aus Sinaloa auszuschalten, aber mit welchem Ergebnis?

Mehr Amerikaner denn je werden Opfer einer Drogenüberdosis.

Würde man einen Durchschnittsbürger nach dem längsten Krieg fragen, den Amerika je geführt hat, würde er vermutlich Vietnam sagen, dann schnell Afghanistan korrigieren, wobei die richtige Antwort aber lautet: der Krieg gegen die Drogen.

Fünfzig Jahre. Und er dauert immer noch an.

Er hat über eine Billion, das sind eine Million Millionen, Dollar gekostet, und das ist nur ein Teil der finanziellen Gleichung – das »legitime«, »saubere« Geld wird für Ausrüstung, die Polizei, die Gerichte und die Gefängnisse ausgegeben. Wenn wir ehrlich sind, findet Keller, müssen wir auch das schmutzige Geld erwähnen.

Zehn Milliarden Drogendollar – in bar – fließen jedes Jahr allein nach Mexiko, so viel, dass die’s dort nicht mal mehr zählen, die wiegen es. Es muss irgendwo hin, die Narcos können es sich schlecht unters Kopfkissen stopfen oder im Garten vergraben. Einiges davon wird in Mexiko investiert, laut Schätzungen machen Drogengelder sieben bis zwölf Prozent der mexikanischen Wirtschaft aus.

Einiges kommt aber auch hierher zurück – fließt in Immobilien oder wird anderweitig investiert.

In Banken und legale Unternehmen.

Das ist das schmutzige Geheimnis des Krieges gegen die Drogen – jedes Mal, wenn sich ein Junkie einen Schuss setzt, verdienen wir daran.

Wir sind alle Investoren.

Wir alle sind das Kartell.

Und du bist jetzt befehlshabender General in diesem Krieg, denkt Keller, und hast keine Ahnung, wie du ihn gewinnen sollst. Du hast Tausende tapferer, engagierter Soldaten, und sie können nicht mehr tun als die Stellung halten. Du weißt nur, wie du machst, was wir immer schon gemacht haben, aber das funktioniert nicht. Was also ist die Alternative?

Aufgeben?

Kapitulieren?

Das geht nicht, Menschen sterben.

Aber du musst etwas Neues versuchen.

Kurz vor Manhattan fährt der Zug in einen Tunnel.


Bezeichnenderweise ist niemand da, um sie abzuholen. Niemand von der DEA und niemand von der Justizbehörde. Sie verlassen die Penn Station durch den Ausgang zur 8th Avenue und steigen in ein Taxi. Hugo sagt zum Fahrer: »99 West 10th.«

»Da wollen wir nicht hin«, sagt Keller, und noch bevor Hidalgo fragen kann, wieso, sagt er: »Wenn ich im New Yorker DEA-Büro pissen gehe, weiß Bill Howard, noch bevor ich mit dem Händewaschen fertig bin, wie viel und welche Farbe es hatte.«

Es gibt undichte Stellen bei der DEA, das weiß Keller – Informationen gelangen an die konservativen Medien und auch an die Republikaner, die jetzt um die Präsidentschaftsnominierungen konkurrieren, Ben McCullough ist einer davon.

Ein anderer potenzieller Kandidat befindet sich direkt hier in New York, obwohl es Keller schwerfällt zu glauben, dass er’s wirklich ernst meint.

Der Immobilienmagnat und Reality-TV-Star John Dennison hat mit seiner Ankündigung, kandidieren zu wollen, für Aufsehen gesorgt, besonders mit seinen Bemerkungen über Mexiko und die Grenze. Das Letzte, was Keller gebrauchen kann, ist Howard, der Dennison mit Halbwahrheiten und Insider-Informationen versorgt, zum Beispiel der, dass Keller jetzt mit dem Leiter des Drogendezernats des NYPD zu einem vertraulichen Gespräch verabredet ist.

»Wo fahren wir denn hin?«, fragt Hidalgo.

Keller gibt dem Fahrer die Adresse: »280 Richmond Terrace. Staten Island.«

»Was ist da?«, will Hidalgo wissen.

»Du stellst ganz schön viele Fragen.«


Brian Mullen wartet auf dem Gehweg draußen vor einem alten Haus.

Keller steigt aus dem Taxi, geht zu ihm und sagt: »Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen.«

»Wenn mein Chef rausbekommt, was ich hier heimlich mache«, sagt Mullen, »reißt er mir den Kopf ab.«

Mullen hat sich auf die harte Tour als Undercover-Agent hochgearbeitet, als Crack aufkam, in Brooklyn ermittelt und ist quietschsauber aus einem völlig korrupten Bezirk hervorgegangen. Jetzt verstößt er so ziemlich gegen jede Vorschrift, indem er sich, ohne seine Vorgesetzten zu informieren, mit Keller trifft.

Der Besuch des Direktors der DEA wäre ein Ereignis, die Medien würden auftauchen und ihn mit einer ganzen Reihe hoher Tiere in Paradeuniform vor One Police Plaza fotografieren wollen. Es würde nur so wimmeln von Assistenten, Wasserträgern und PR-Spezialisten, es würde viel geredet, aber nichts erledigt werden.

Mullen trägt eine Yankees-Jacke zur Jeans.

»Eine Erinnerung an die Uni-Zeit?«, fragt Keller.

»Irgendwie schon.«

»Was ist das hier?«, fragt Keller.

»Amethyst House«, sagt Mullen. »Eine offene Einrichtung für süchtige Frauen. Wenn ich von einem Polizisten aus dem einundzwanzigsten gesehen werde, kann ich sagen, ich habe mich mit einer Informantin getroffen.«

»Das ist Hugo Hidalgo«, sagt Keller. Er merkt, dass Mullen nicht begeistert ist, eine weitere Person zu sehen. »Sein Vater und ich haben früher zusammengearbeitet. Ernie Hidalgo.«

Mullen schüttelt Hugo die Hand. »Herzlich willkommen. Ich habe einen Wagen. An der Ecke ist ein Imbiss, falls Sie einen Kaffee oder so brauchen.«

»Nein danke.«

Sie folgen Mullen zu einem zivilen schwarzen Navigator am Straßenrand. Als sie hinten einsteigen, dreht sich der Mann am Steuer nicht zu ihnen um. Er ist jung, trägt die schwarzen Haare zurückgekämmt, dazu eine ebenfalls schwarze Lederjacke.

»Darf ich vorstellen, Bobby Cirello«, sagt Mullen. »Er arbeitet für mich. Keine Sorge. Detective Cirello ist von Berufs wegen taubstumm. Wir fahren einfach ein Stück, Bobby, okay?«

Cirello schert aus auf die Straße.

»Das Viertel hier heißt St. George«, sagt Mullen. »Früher war es das Epizentrum der New Yorker Heroinszene, weil es der Stadt am nächsten ist, aber inzwischen ist das Heroin überall auf der Insel – in Brighton, Fox Hills, Tottenville –, daher auch der Name ›Heroin Island‹.«

St. George sieht aus wie eine Junkie-Gegend, denkt Keller, falls es so was überhaupt gibt. Aus dem Wagen sieht er Süchtige an Straßenecken, Parkplätzen und Brachflächen stehen.

Aber dann fahren sie weiter in eine dem Anschein nach x-beliebige amerikanische Vorstadt. Wohngegenden mit frei stehenden Häusern, von Bäumen gesäumte Straßen, gepflegte Gärten, Kinderschaukeln und Basketballkörbe in den Auffahrten.

»Das Smack bringt jetzt auch hier die Jugendlichen um«, sagt Mullen. »Deshalb sprechen wir von einer ›Epidemie‹. Als nur Schwarze und Puerto Ricaner betroffen waren, war’s keine Krankheit, sondern eine Straftat.«

»Es ist immer noch eine Straftat, Brian.«

»Sie wissen, was ich meine«, sagt Mullen. »Das ist dieses neue ›Cinnamon‹. Dreißig Prozent stärker als das Black Tar Heroin, das die Mexikaner früher verkauft haben und an das sich die Süchtigen gewöhnt hatten. Deshalb kommt es jetzt so häufig zu einer Überdosis – die spritzen immer noch dieselbe Menge wie früher, aber die ist jetzt tödlich. Manche waren auch Pillen gewohnt, aber das Heroin ist billiger, und sie spritzen sich zu viel.«

Als sie in südlicher Richtung weiter in vorstädtische Gebiete fahren, zeigt Mullen auf einzelne Häuser – der Sohn von denen, die Tochter dort, die Familie dahinten hatte Glück, der Junge hat sich eine Überdosis gespritzt, aber überlebt, jetzt ist er in der Reha, wer weiß, mal sehen.

»Wir müssen Schritt für Schritt vorgehen«, sagt Mullen. »Der erste ist die Versorgung derer, die’s erwischt hat. Wir müssen feststellen, wen wir auf dem Schlachtfeld retten können. Der Staat New York hat uns gerade Mittel bewilligt, um zwanzigtausend Beamte mit Naloxon auszustatten.«

Keller kennt das Medikament, das es als »Narcan« auch im Handel gibt. Es funktioniert ähnlich wie ein EpiPen – wird eine Überdosis rechtzeitig behandelt, kann man den Betroffenen praktisch von den Toten zurückholen. Ein Narcan-Set kostet ganze sechzig Dollar.

»Aber die DEA hat ›Vorbehalte‹«, erklärt Mullen. »Man fürchtet dort, Süchtige könnten umso leichtsinniger fixen oder es direkt einnehmen, um davon high zu werden. In eurer Behörde fürchtet man, es könnte ›Narcan-Partys‹ geben.«

Das ist der Blödsinn, den Bill Howard gegenüber der Presse absondert, denkt Keller, aber er sagt es nicht. Er wird die Sache nicht mit einer lahmen Bemerkung nach dem Motto »Das war ich nicht« abtun.

»Ich würde Narcan wie Feuerlöscher überall in den Straßen verteilen«, sagt Mullen. »Vielleicht könnten Süchtige ihre Freunde retten, denn bis meine Leute oder Sanitäter eintreffen, ist es häufig schon zu spät.«

Leuchtet mir ein, denkt Keller. Aber auch politischer Selbstmord – würde er für die Ausgabe von Narcan plädieren, würde man ihn in Stücke reißen. »Okay, ein Schritt nach dem anderen – wie geht’s weiter?«

»Möglichst die Zahl derjenigen senken, die an einer Überdosis sterben, ist der erste Schritt«, sagt Mullen, »aber wenn der Süchtige zu sich kommt, ist er immer noch süchtig. Man rettet ihn nur, um ihn wieder zu retten, bis es eines Tages dann eben doch nicht gelingt. Er muss in eine Entzugsklinik.«

»Dann sind Entzugskliniken also die Lösung?«

»Ich weiß, dass es Gefängnisse nicht sind«, sagt Mullen. »Die schießen sich dort genauso ab, nur dass es mehr kostet. Drogengerichte, vielleicht – man wird verurteilt und vom Richter zu einem Aufenthalt in der Entzugsklinik gezwungen? Ich weiß nicht, ob das die Lösung ist. Aber wir müssen was Neues ausprobieren. Wir müssen unsere Denkweise ändern.«

»Denken nur Sie so?«, fragt Keller. »Ich meine, verändert sich die Denkweise des gesamten Dezernats, oder sind Sie ein Außenseiter?«

»Sowohl als auch«, sagt Mullen. »Wenn Sie mit solchen Vorstellungen zu älteren Kollegen gehen, werden Sie angesehen wie ein sentimentaler Chaot, aber inzwischen sucht man sogar im New Yorker Polizeihauptquartier nach neuen Lösungen, die sehen ja auch, was los ist. Verdammt, vor zwei Jahren ist ein Detective an einer Überdosis gestorben, wussten Sie das? Er hatte sich in Ausübung seines Berufs verletzt, erst Schmerzmittel genommen, dann Heroin. Und irgendwann hat er sich eine Überdosis gesetzt. Ein Beamter des NYPD, verdammte Scheiße. Das stimmt die Leute nachdenklich. Sie suchen nach neuen Lösungen. Haben Sie schon mal von Konsumräumen gehört?«

Fixerstuben, denkt Keller. Die Süchtigen gehen dorthin und setzen sich einen Schuss. Medizinisch ausgebildetes Personal überwacht den Stoff und die Dosis. »De facto wäre das eine Legalisierung von Heroin.«

»Nennen Sie’s, wie Sie wollen«, sagt Mullen. »Wir würden damit Leben retten. Mit dem ewigen Kreislauf aus Festnahme und Knast nicht. Ich nehme Junkies fest, und sie spritzen im Gefängnis weiter. Nehme ich die Dealer fest, rücken neue nach. Beschlagnahme ich Heroin, wird neues hinterhergeschickt. Bobby, fahr nach Inwood, wir zeigen den beiden, was sie sehen müssen.«

»Jersey oder Brooklyn?«, fragt Cirello.

»Nimm die Verrazano«, sagt Mullen. Er sieht Keller an. »Ich entferne mich nicht gern aus meinem Zuständigkeitsbereich.«

Sie fahren über die Route 278 nach Bay Ridge in Brooklyn, dann nach Sunset Park und Carroll Gardens. Mullen sagt: »Das hieß hier mal Red Hook, aber Carroll Gardens klingt besser auf dem Immobilienmarkt. Sie stammen nicht aus New York, oder?«

»San Diego.«

»Wunderschön da«, sagt Mullen. »Und das Wetter ist auch super, oder?«

»Ich war in den letzten Jahren nicht oft da«, sagt Keller. »Hab hauptsächlich in El Paso und Mexiko gelebt. Na ja, und jetzt in D.C.«

Sie überqueren die Brooklyn Bridge nach Lower Manhattan und fahren dann rüber auf den West Side Highway, fast die ganze Insel rauf, dann an der Dyckman Street ab, links und den Broadway hinauf.

»Wo sind wir?«, fragt Keller.

»Fort Tyron Park, Inwood«, sagt Mullen. »Das ist die Nordspitze von Manhattan und eine Heroinhochburg.«

Keller betrachtet die gepflegten Wohnblocks aus rotem Backstein. Parks, Baseballplätze, Nannys mit Kinderwagen. »Sieht nicht danach aus.«

»Genau«, sagt Mullen. »User gibt es hier nicht viele, dafür befinden sich in Inwood und in Washington Heights ein kleines Stück weiter Richtung Innenstadt die Heroin Mills. Dahin bringen die Mexikaner den Stoff, verkaufen ihn an die Großhändler, die ihn verschneiden, in Tütchen abfüllen und an die Kunden bringen. So eine Art Amazon-Verteilzentren, nur für Drogen.«

»Warum hier?«

Lage, Lage, Lage, erklärt Mullen. Hier hat man Anschluss an die Route 9, die direkt in die Kleinstädte am Hudson führt, die mit dem Mist zugemüllt werden. Ein Katzensprung zur 95 und zur Bronx, ebenso wie raus nach Long Island oder hoch nach New England. Harlem ist nur den Broadway runter, und auch der West Side Highway und der FDR sind nicht weit, wenn man in die anderen Stadtbezirke will.

»Wäre man UPS oder FedEx«, sagt Mullen, »und wollte man den Northeast Corridor beliefern, würde man sich hier niederlassen. Man steigt in den Wagen und ist wenige Minuten später auf dem Jersey Turnpike oder dem Garden State und unterwegs nach Newark, Camden, Wilmington, Philly, Baltimore und Washington. Kleinere Mengen packt man in einen Rucksack, nimmt die Bahn zur Penn Station und steigt dort in einen Zug. Von dort aus geht’s in den Süden in die gerade eben genannten Städte oder nach Norden, nach Providence oder Boston. Niemand wird einen aufhalten, niemand wird den Rucksack durchsuchen, und im Zug gibt es sogar WiFi, sodass man sich mit den Narcos verständigen kann

»Ihre Leute sind da ebenfalls dran. Wir haben Verteilzentren hochgehen lassen – fünfzehn Pfund, zwanzig, fünfunddreißig, Millionen in bar … aber die Narcos schreiben das lediglich als Betriebskosten ab, und der Stoff strömt weiter rein.«

»Man hat das Gefühl, als wollte man den Ozean zurück ins Meer fegen«, sagt Keller.

»So ungefähr.«

»Bekommen Sie von meiner Behörde, was Sie brauchen?«

»Auf kurze Sicht?«, fragt Mullen zurück. »Mehr oder weniger. Sehen Sie, es gibt ständig Spannungen zwischen der lokalen und der Bundespolizei, machen wir uns nichts vor. Einige Ihrer Leute sind zurückhaltend im Weiterleiten von Informationen, entweder weil sie die Festnahmen selbst vornehmen wollen oder weil sie denken, dass alle Cops auf Lokalebene korrupt sind. Meine Leute halten sich ihrerseits gegenüber Ihren Leuten zurück, weil auch sie die Festnahmen selbst durchführen wollen und keine Lust drauf haben, dass die Feds in ihre Bezirke einmarschieren und sich großtun.«

Koordination ist schwierig, das weiß Keller, selbst mit den besten Absichten, die man nicht immer voraussetzen kann. Das Risiko ist viel zu hoch, dass die verschiedenen Behörden es mit den Informanten oder geschützten Zeugen der jeweils anderen zu tun bekommen, vielversprechende Ermittlungen stören oder abbrechen, im Zweifel kann das sogar dazu führen, dass Informanten getötet werden. Und er weiß, dass die DEA sich gegenüber den Polizeikräften vor Ort häufig selbstherrlich verhält, ihnen verbietet, sich in Ermittlungen einzumischen, genauso wie andererseits die Kollegen oft bereit sind, seinen Leuten wertvolle Informationen vorzuenthalten.

Professioneller Neid ist ein echtes Problem, alle wollen die Festnahmen selbst durchführen, denn Festnahmen sind der Schlüssel zur Beförderung. Und es gibt gute Publicity dafür – alle wollen sich neben dem Tisch mit den Drogen und den Waffen fotografieren lassen. Das ist schon zum Klischee geworden, aber ganz und gar nicht harmlos, denn es vermittelt den Eindruck, als würden wir einen Krieg gewinnen, den wir dabei sind, zu verlieren.

Die Drogen auf dem Tisch sind wie die Fotos toter Vietcong.

»Im Großen und Ganzen«, sagt Mullen, »denke ich aber, dass wir doch gut zusammenarbeiten. Natürlich könnte es immer auch besser sein.«

Womit Mullen ihm die Tür aufhält, denkt Keller. Und die Frage stellt: »Was wollen Sie eigentlich wirklich hier?«

»Warum unterhalten wir beide uns nicht mal ohne die Kinder?«, sagt Keller.

»Waren Sie schon mal in The Cloisters?«


Keller und Mullen spazieren durch die Kreuzgänge von The Cloisters in der Nähe von Inwood. Das Gebäude gehörte einst zur Benediktinerabtei St. Michel in den französischen Pyrenäen, wurde 1907 nach New York gebracht.

Keller weiß, dass Mullen ihm etwas sagen will, indem er ihn herführt. Und prompt sagt Mullen: »Ich habe gehört, Sie stehen auf Klöster.«

»Ich habe eine Zeit lang in einem gelebt.«

»Genau, das hab ich gehört«, sagt Mullen. »In New Mexico, richtig? Wie war das?«

»Ruhig.«

»Angeblich waren Sie für die Bienenstöcke dort zuständig«, fährt Mullen fort.

»Das Kloster hat Honig verkauft«, sagt Keller. »Was wollen Sie sonst noch wissen, Brian?«

Denn sollte Mullen Zweifel an ihm haben, wäre es besser, das jetzt zu erfahren.

»Warum sind Sie wieder weg von dort?«, fragt Mullen.

»Weil Adán Barrera aus dem Gefängnis entkommen ist.«

»Und Sie wollten ihn wieder zurückbringen«, sagt Mullen.

»So ungefähr.«

»Mir gefällt es hier«, sagt Mullen. »Ich komme gerne her, gehe spazieren und denke nach. Hier kann ich abschalten. Ich weiß nicht, ob mir die moderne Welt gefällt, Art.«

»Ich auch nicht«, sagt Keller. »Aber wir haben keine andere.«

»Warum sind Sie wirklich hier?«, fragt Mullen. »Bestimmt nicht, um sich von mir herumführen und Heroin Mills zeigen zu lassen, die Sie längst kennen. Hey, wir sind an der Kapelle, wollen Sie reingehen? Ich meine, wenn wir uns gegenseitig alles Mögliche beichten, können wir’s genauso gut auch in einem Gotteshaus tun.«

Sie gehen durch die schweren Eichentüren, die von geschnitzten Tierfiguren flankiert werden. Der große Saal mündet in einen halbkreisförmigen Altarraum am Ende mit Kruzifix. Fresken zu Ehren der Jungfrau Maria an den Seitenwänden.

»Das haben die alles aus Spanien hergeholt«, sagt Mullen. »Wunderschön, oder?«

»Ja, kann man wohl sagen.«

»Was wollen Sie?«

»Sie haben über einzelne Schritte gesprochen«, sagt Keller. »Kurzfristige und langfristige Lösungen. Ich möchte Ihnen sagen, was ich langfristig zu tun beabsichtige. Ich will die DEA auf einen neuen Kurs bringen, eher in die Richtung dessen, wovon Sie vorhin gesprochen haben. Weg von dem Kreislauf aus Festnahme und Haft, stattdessen mehr Wert auf Rehabilitierungsmaßnahmen legen. Mit der Macht und den Mitteln des Bundes lokale Initiativen unterstützen und Hindernisse auf Bundesebene ausräumen.«

»Können Sie das?«, fragt Mullen. »Das wird Ihren Leuten nicht gefallen.«

Keller weiß, was Mullen nicht sagt, aber denkt, nämlich dass die DEA ein Interesse daran hat, den Drogenkrieg weiterzuführen – ihre eigene Existenz hängt davon ab.

»Ich weiß es nicht«, sagt Keller. »Aber ich will es versuchen. Wenn ich Erfolg habe, brauche ich Unterstützung durch den Polizeiapparat, unter anderem durch das NYPD.«

»Und kurzfristig?«

»Bis wir was an der Basis verändern können«, sagt Keller, »müssen wir alles daransetzen, den Heroinstrom einzudämmen.«

»Keine Einwände meinerseits.«

»Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich in Mexiko nicht viel ausrichten kann«, sagt Keller. »Dort sind die Akteure zu geschützt. Wenn ich das Problem angehen will, muss ich das hier in New York tun, dem Hauptumschlagplatz für Heroin.«

Mullen grinst. »Hatten sie noch weitere Erleuchtungen, Art?«

»Allerdings«, sagt Keller. »Wir wissen nicht, warum Menschen Drogen nehmen. Aber wir wissen, warum Menschen damit dealen. Ganz einfach – Geld.«

»Das heißt?«

»Das heißt, wenn wir wirklich etwas unternehmen wollen, müssen wir dem Geld nachgehen«, sagt Keller. »Und damit meine ich nicht, runter nach Mexiko.«

»Sie wissen, wovon Sie gerade sprechen, oder?«

»Das weiß ich«, sagt Keller. »Und ich bin bereit, so weit zu gehen, wahrscheinlich lautet die Frage wohl eher, sind Sie es auch?«

Keller weiß, was er von Mullen verlangt.

Die Entscheidung kann das Ende seiner Karriere bedeuten.

Verfolgt man Junkies und Straßendealer, können sie sich nicht wehren. Greift man die Menschen im Zentrum der Macht an, haben sie jede Menge Möglichkeiten zurückzuschlagen.

Sie können einen begraben.

Mullen wirkt unerschrocken.

»Nur wenn Sie’s auch bis zum Ende durchziehen«, sagt er. »Ich habe kein Interesse daran, ein paar ausgewählte Sündenböcke für einige Jahre hinter Gitter zu bringen. Wenn Sie’s ernst meinen und dranbleiben wollen … was brauchen Sie?«

Einen Banker, erklärt ihm Keller.

Ich brauche einen Banker von der Wall Street.

Im Zug zurück nach Washington isst Hidalgo noch einen Burger und erklärt Keller, dass er eigentlich nicht schlecht schmeckt.

»Das ist gut«, sagt Keller.

Denn du wirst in Zukunft viel Zeit in diesem Zug hier verbringen.

Operation Agitator ist angelaufen.

Guerrero, Mexiko

Bei Heroin muss Ric an Ostern denken.

Der Mohn leuchtet knallig lila im Sonnenlicht, und die Blüten, die nicht lila sind, sind rosa, rot und gelb. Im smaragdgrünen Meer der Stiele und Blätter erinnern die Felder an Osterkörbchen voller Süßigkeiten.

Das Flugzeug dreht an der Sierra Madre del Sur ein und begibt sich in den Landeanflug auf ein privates Flugfeld draußen vor Iguala, einer Stadt im Bundesstaat Guerrero. Rics Vater hat ihn im Rahmen einer Art Lehrgang hergebracht, »damit du das Geschäft von der Pike auf lernst«. Er ist Teil seiner nicht enden wollenden Vortragsreihe über »deine Generation«, alles nach dem Motto: »Deine Generation lebt losgelöst von dem Boden, der euch reich gemacht hat.«

Von wegen, denkt Ric, als hätte mein Vater, der Anwalt, jemals auch nur einen einzigen Tag auf den Feldern verbracht. Einem Campesino kam er am nächsten, als er einmal versucht hatte, Tomaten im Garten anzupflanzen, was damit endete, dass er erklärte, »wirtschaftlich effizienter« sei’s, sie einfach zu kaufen, was dem Inhalt seines Vortrags mit dem Titel »deine Generation weiß nicht, woher das Essen kommt« durchaus widersprach.

Doch, wissen wir, denkt Ric.

Aus dem Supermarkt.

Das Flugzeug landet unsanft.

Ric sieht die Jeeps mit den bewaffneten Männern neben der Landebahn, sie warten darauf, Ric und seinen Vater über die gewundenen Schotterstraßen hinauf in die Berge zu bringen. Dafür ist ein Konvoi notwendig, denn dieser Teil von Guerrero wird immer mehr zum »Banditengebiet«, eine relativ neue Entwicklung für das Sinaloa-Kartell.

Die Bauern in Sinaloa und Durango sind der steigenden Nachfrage nach Heroin nicht gewachsen, deshalb hat das Kartell die Anbaugebiete auf Guerrero und Michoacán ausgedehnt.

Beide Staaten produzieren immer mehr Opiumpaste, weiß Ric. Das Problem ist nur wiederum, dass die Infrastruktur nicht mit der Produktion mithalten kann und wir uns auf kleinere Organisationen stützen müssen, die zwischen den Bauern und dem Kartell vermitteln.

An sich wäre das nicht schlimm, würden sich diese Mittelsmänner nicht gegenseitig bekriegen. In diesem schönen Land, denkt Ric, als der Jeep zwischen hohen Ocote-Kiefern hindurchfährt, wimmelt es nur so von Gangstern, die gegenseitig Jagd aufeinander machen.

Zunächst gibt es die Knights Templar, hauptsächlich in Michoacán, die Überlebenden der alten La Familia, einer Organisation, die noch immer von dem irren religiösen Eifer besessen ist (im wahrsten Sinne des Wortes, denkt Ric), die »Übeltäter« auszulöschen. Sinaloa hatte sie so lange toleriert, wie sie halfen, die Zetas zu bekämpfen, aber jetzt bringen sie kaum noch Vorteile und machen eigentlich mehr Ärger, als sie wert sind. Besonders da diese »Weltverbesserer« vor allem mit dem Meth-Handel, mit Schutzgelderpressungen und Auftragsmorden ihr Geld verdienen.

Die Knights bestehen darauf, Los Guerreros Unidos zu bekämpfen, eine Splittergruppe der Tapia-Organisation, die von dem alten Tapia-Gangster Eddie Ruiz gegründet wurde, inzwischen wohnhaft in einem amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis.

Ruiz war der erste Amerikaner an der Spitze eines mexikanischen Kartells. Ric war Eddie als Kind ein- oder zweimal begegnet, kennt ihn aber vor allem durch die berühmten YouTube-Videos, die »Crazy Eddie« beim Verhör von vier Zetas zeigen, die er anschließend hinrichtet. Er schickte die Aufzeichnungen selbst an alle Fernsehsender und stellte den Clip ins Internet.

Und löste damit einen Trend aus.

Jetzt laufen »Eddies Boys«, wie Los Guerreros Unidos bisweilen auch genannt werden, in Guerrero, Morelos und Edomex Amok, töten Rivalen, entführen Menschen aus purer Geldgier, erpressen Schutzgelder und sind insgesamt einfach unglaublich nervig.

Wir dürfen ihnen nicht auf die Füße treten, weil wir sie noch brauchen, hatte Nuñez Ric erklärt. Besonders hier in Guerrero, wo sie Iguala unter Kontrolle haben. Die Stadt mit circa hunderttausend Einwohnern hat Bedeutung über ihre Größe hinaus, da sich dort verschiedene Highways kreuzen, unter anderem der äußerst wichtige Interstate runter nach Acapulco. Der Bürgermeister von Iguala ist langjähriges Mitglied der Guerreros Unidos, und zumindest vorläufig sind wir darauf angewiesen, gut bei ihnen angeschrieben zu sein.

Die GUs führen eine blutige Fehde gegen Los Rojos, eine weitere Splittergruppe der Tapia-Organisation, die, wie fairerweise gesagt werden sollte, eine Abspaltung des Sinaloa-Kartells war.

»Sie streiten sich über Schmuggelrouten«, erklärte Nuñez, »aber wenn man es mal analysiert, dann streiten sie sich eigentlich um uns. Das ist ein Fehler in dem System, das wir dort installiert haben, und Adán hatte zu viel mit der Bekämpfung der Zetas zu tun, um das in Ordnung zu bringen. In dem Jahr seit seinem Tod ist es noch schlimmer geworden.«

Das Sinaloa-Kartell, erfährt Ric, besitzt eigentlich gar keine Heroinanbaugebiete in Guerrero. Die meisten Felder sind nur wenige Morgen groß, liegen tief in den Bergen versteckt und gehören Kleinbauern, die den Mohn ernten und das Opium an Mittelsmänner, wie die GU und Los Rojos, verkaufen, die es wiederum nach Norden transportieren – größtenteils versteckt in öffentlichen Bussen, die von Iguala nach Acapulco fahren, von wo aus es in unsere Labore an der amerikanischen Grenze in Sinaloa gebracht wird.

Während die Luft beim Übersteigen der Dreihundert-Meter-Marke immer dünner wird, denkt Ric, die ermorden sich also gegenseitig, im Streit um das Vorrecht, an uns verkaufen zu dürfen.

Und dann ist da noch sein alter Freund Damien Tapia.

Der sich jetzt angeberisch »Der junge Wolf« nennt und ebenfalls zum Ärgernis für Sinaloa geworden ist.

Damien hat einige der alten Anhänger seines Vaters zusammengetrommelt und in Culiacán, Badiraguato, Mazatlán und sogar in Acapulco, wo er angeblich wohnt, Schutzgelder in Bars und Nachtclubs erpresst und Kokain und Methamphetamin verkauft. Gerüchten zufolge wurde er in Durango und hier in Guerrero gesehen, was, sollte es wahr sein, vermutlich bedeutet, dass er ebenfalls versuchen wird, in den Heroinmarkt einzusteigen.

»So ein netter junger Mann«, hatte Nuñez über Damien gesagt. »Schade, dass sein Vater den Verstand verloren hat und wir ihn wie einen tollwütigen Hund unschädlich machen mussten.«

Der Konvoi biegt in eine scharfe Kurve, und Ric sieht etwas Buntes vor sich aufblitzen – versteckt hinter hohen Kiefern gedeiht der farbenfrohe Schlafmohn an einem steilen Hang. Er kann die verkohlten Kiefernstämme riechen, die der Bauer abgebrannt hat, um Land für den Opiumanbau zu gewinnen.

Das Feld ist vielleicht nur zwei Morgen groß, aber Nuñez ermahnt seinen Sohn, sich nicht täuschen zu lassen. »Ein gut bewässerter, gekonnt bestellter Morgen in Guerrero kann bis zu acht Kilo Opiumsaft pro Saison bringen, und der reicht für die Herstellung von einem Kilo Rohopium.«

»Letztes Jahr«, sagt er, »bekam man dafür schon circa siebenhundert Dollar, wobei sich der Preis mit der steigenden Nachfrage inzwischen auf tausendfünfhundert Dollar erhöht hat und es uns überhaupt nur gelungen ist, den Preis so niedrig zu halten, weil wir die einzigen Käufer sind, sozusagen WalMart, wenn du so willst.«

»Dieser Bauer kann acht bis zehn solcher Felder haben, versteckt vor den Helikoptern der Armee, die regelmäßig über das Gebiet hinwegfliegen und Herbizide versprühen. Bei dreitausend Dollar pro Feld sprechen wir insgesamt von einer ganzen Menge Geld.«

Dreißigtausend Dollar sind für meinen Alten nicht mal Taschengeld, denkt Ric, aber für einen armen Bauern im ländlichen Guerrero sind sie ein Vermögen.

Er steigt aus dem Jeep und schaut den rayadores bei der Bestellung des Feldes zu.

Sie verdienen gutes Geld, erfährt er. Eine Arbeiterin kann bis zu dreißig, vierzig Dollar pro Tag verdienen, sieben Mal so viel wie ihre Eltern auf den Mais- und Avocadofeldern. Die rayadores sind größtenteils Teenager, meist Mädchen, da sie kleinere Hände haben und geschickter sind. Sie tragen kleine, an Ringen befestigte Rasierklingen am Daumen, mit denen sie vorsichtig die Opiumkapseln anschlitzen, bis der Saft herauskommt.

Die Arbeit ist schwierig – schneidet man nicht tief genug, erhält man keinen Saft, schneidet man zu tief, zerstört man die Kapsel, was im Hinblick auf die Rentabilität katastrophal wäre. Und die rayadora wird zu derselben Pflanze zurückkehren – eine Kapsel kann bis zu sieben oder acht Mal abgeschöpft werden, bis sie das Maximum an Saft produziert hat.

Ist der Schnitt gemacht, lässt man die herausdringende Flüssigkeit zu einer braunen, gummiartigen Masse erstarren. Die rayadores kratzen diese Paste dann in Behälter, die sie in die Schuppen oder Scheunen bringen, wo sie von anderen Arbeiterinnen zu Kugeln oder Fladen verarbeitet werden, die sich, wenn nötig, jahrelang lagern lassen.

Wenn ein Bauer genug Opiumpaste geerntet hat, kontaktiert er einen Mittelsmann, der kommt und sie abholt, bezahlt und an einen Umschlagplatz wie Iguala bringt, wo sie in Busse verladen und nach Norden gebracht werden.

Der Mittelsmann erhöht den Preis um vierzig Prozent – auf bis zu zweitausendeinhundert Dollar pro Kilo – und verkauft die Ware an das Kartell, das die Preise kontrolliert, da es praktisch der einzige Käufer ist.

Ein Kilo Rohopium bringt in den Staaten zwischen sechzig- und achtzigtausend Dollar.

»Eine ausgezeichnete Gewinnmarge«, sagt Nuñez, »und selbst wenn man die Transportkosten, den Schmuggel, Security und natürlich Bestechungsgelder abzieht, können wir die amerikanischen Pharmaunternehmen trotzdem unterbieten und noch einen gesunden Profit erwirtschaften.«

Ric ist ein Stadtkind, aber er kann sich der Schönheit der Landschaft nicht entziehen. Es ist idyllisch hier. Die Luft ist sauber und klar, die Blüten wunderschön, und die jungen Mädchen in ihren weißen Kitteln und den langen schwarzen Haaren, die still und tüchtig ihrer Arbeit nachgehen, bieten einen wunderschönen und überaus friedlichen Anblick.

»Es ist hocherfreulich«, findet Nuñez, »dass dieses Geschäft so vielen Menschen eine lukrative Erwerbstätigkeit beschert, sie verdienen ein Gehalt, das sie andernorts niemals erzielen könnten.«

In ganz Guerrero verteilt gibt es Hunderte solcher Farmen.

Jede Menge Arbeit für alle.

Ja, denkt Ric. Wir sind Wohltäter.

Er steigt wieder in den Jeep, und der Konvoi schlängelt sich den Berg hinunter, die Sicarios halten nach Banditen Ausschau.


Damien Tapia, alias »Der junge Wolf«, beobachtet den Konvoi durch das Zielfernrohr seines Scharfschützengewehrs.

Im Schutz der Bäume am gegenüberliegenden Hang hat er Ricardo Nuñez im Fadenkreuz, den Anführer des Sinaloa-Kartells und einen der Männer, die entschieden haben, seinen Vater zu töten.

Als Damien klein war, war sein Vater einer der drei Bosse des Sinaloa-Kartells, neben Adán Barrera und Nacho Esparza, zwei Männer, die Damien als Onkel betrachtete. Damals waren die Tapia-Brüder mächtig gewesen – Martín als Politiker, Alberto als Gangster, aber sein Vater Diego war der unangefochtene Anführer.

Als Tío Adán in den Staaten gefasst wurde, hatte sich Damiens Vater der Geschäfte angenommen. Als Tío Adán in das Gefängnis Puente Grande nach Mexiko verlegt wurde, hatte Damiens Vater seinen Schutz organisiert. Als Tío Adán entkam, hatte Damiens Vater an seiner Seite gekämpft, um dem Golf-Kartell und den Zetas Nuevo Laredo abzunehmen.

Damals waren sie alle Freunde gewesen, die Tapias, die Barreras, die Esparzas. Damals hatte Damien zu den älteren Jungs aufgeschaut, zu Iván, Sal und Rubén Ascención, und zu Ric Nuñez, der ihm vom Alter her am nächsten war. Sie waren seine Kumpels gewesen, seine cuates. Sie waren Los Hijos, die Söhne, die das allmächtige Sinaloa-Kartell erben würden, und sie würden es gemeinsam führen und für immer Brüder bleiben.

Dann heiratete Tío Adán Eva Esparza.

Die kleine Eva ist jünger als ich, denkt Damien jetzt, als er den Lauf auf Ricardo Nuñez’ ergraute Schläfe richtet, wir haben als Kinder zusammen gespielt.

Aber Tío Nacho wollte Baja für Iván, und dafür hat er seine Tochter verkauft. Nachdem Eva Tío Adán geheiratet hatte, wurde der Tapia-Flügel des Kartells zum Stiefkind – sie wurden geschnitten, ignoriert, beiseitegestoßen. In der Nacht, in der Adán die kleine Eva entjungferte, verhafteten die von ihm gekauften Federales Damiens Onkel Alberto und erschossen ihn. Wie sich herausstellte, hatte Adán die Tapias verraten, um Sal vor einer Mordanklage zu bewahren.

Mein Vater, denkt Damien, war danach nie wieder der Alte. Er konnte nicht glauben, dass die Männer, die er als seine Primos bezeichnete, seine Cousins – Adán und Nacho –, ihn verraten und sein eigen Fleisch und Blut ermordet hatten. Er soff immer mehr Santa Muerte, schniefte immer mehr Koks. Die Wut und die Trauer fraßen ihn auf, und der Krieg, den er lostrat, um sich zu rächen, zerriss das Kartell.

Scheiße, denkt Damien, das ganze Land hat er zerrissen, als er sich mit den Zetas gegen die Barreras und die Esparzas, seine ehemaligen Partner im Sinaloa-Kartell, verbündete.

Tausende starben.

Damien war erst sechzehn an jenem Tag, kurz nach Weihnachten, als die Marines seinen Vater in einem Apartment in Cuernavaca aufspürten, sie rückten an mit Panzerwagen, Helikoptern und Maschinengewehren und ermordeten seinen Vater.

Das Foto hatte er als Hintergrund auf seinem Handy-Display. Diego Tapia, mit Einschusslöchern im Gesicht und auf der Brust, das Hemd aufgerissen, die Hose heruntergezogen, sie hatten Dollarscheine auf ihn geworfen.

Die mexikanischen Marines hatten das seinem Vater angetan.

Hatten ihn getötet, ihn noch im Tod verhöhnt und die widerlichen Fotos ins Netz gestellt.

Aber Damien gab immer Tío Adán die Schuld.

Und Tío Nacho.

Seinen »Onkeln«.

Und Ricardo Nuñez, Rics Vater.

Was Diego Tapia angetan wurde, ist unverzeihlich, denkt Damien. Mein Vater war ein großer Mann.

Und ich bin der Sohn meines Vaters.

Er schrieb eine Narcocorrida darüber, veröffentlichte sie auf Instagram.

»Ich bin der Sohn meines Vaters und werde es immer bleiben.

Ich bin ein Familienmensch.

Bin Geschäftsmann.

Treu gegenüber meinem eigenen Fleisch und Blut.

Das ist mein Leben, bis ich sterbe.

Ich bin der junge Wolf.«

Seine Mutter flehte ihn an, aus dem Geschäft auszusteigen, etwas anderes zu machen, irgendetwas anderes, sie hat bereits zu viele geliebte Menschen verloren. Du siehst gut aus, hatte sie gesagt – werde Filmstar, Rockstar, irgendwas bei Telemundo, Schauspieler, Sänger, Fernsehmoderator? Aber Damien sagte Nein, er würde seinem Vater nicht auf diese Weise den Respekt versagen. Am Grab seines Vaters schwor er, die Tapias wieder dorthin zu bringen, wohin sie gehörten.

An die Spitze des Sinaloa-Kartells.

»Sie haben es uns gestohlen, Mami«, erklärte Damien seiner Mutter. »Und ich hole mir wieder, was sie gestohlen haben.«

Leichter gesagt …

… als getan.

Die Tapia-Organisation existiert noch, besitzt aber nur noch einen Bruchteil der Macht von einst. Ohne die drei Brüder an der Spitze – Diego und Alberto tot, Martín im Gefängnis – operiert sie eher wie eine Gruppe von Lizenznehmern, nominell zwar Tapia verpflichtet, tatsächlich aber handeln sie unabhängig mit Kokain, Meth, Marihuana und jetzt auch mit Heroin. Und sie sind überall verstreut, es gibt Zellen im Süden von Sinaloa, in Durango, Guerrero, Veracruz, Cuernavaca, Baja, Mexico City und Quintana Roo.

Damien hat seine eigene Zelle in Acapulco, und auch wenn ihm die anderen wegen seines Vaters einen gewissen Respekt entgegenbringen, betrachten sie ihn doch nicht als ihren Boss. Sinaloa toleriert ihn, solange er sich unterwürfig zeigt und nicht auf Rache sinnt – vielleicht sogar aus einem Schuldgefühl heraus, wegen allem, was seiner Familie angetan wurde.

Tatsächlich ist es so, und das weiß Damien, dass er keine große Bedrohung darstellt – waffentechnisch ist er dem Barrera- und dem Esparza-Flügel des Kartells hoffnungslos unterlegen.

Zumindest war er es bis jetzt, denkt er.

Aber jetzt sind Tío Adán und Tío Nacho tot.

Und Iván und Elena Sanchez führen Krieg gegeneinander.

Die Karten werden neu gemischt.

Jetzt kann er abdrücken und Ricardo Nuñez erledigen.

»Schieß«, sagt Fausto.

Fausto – untersetzt, stämmig, schnurrbärtig – war einer der loyalen Anhänger seines Vaters, die nach Diegos Tod zu Eddie Ruiz gingen. Jetzt, da Eddie in El Norte im Gefängnis sitzt, ist er wieder bei Damien.

Fausto, der in Mazatlán lebt, geht über Leichen.

Genau, was Damien braucht.

»Schieß«, wiederholt Fausto.

Damien spannt den Finger am Abzug.

Löst ihn aber wieder.

Aus mehreren Gründen.

Erstens ist er sich nicht sicher wegen dem Wind. Zweitens hat er noch nie jemanden getötet, und drittens –

Damien schwenkt das Fadenkreuz rüber zu Ric.

Ric sitzt direkt neben seinem Vater, und Damien will es nicht drauf ankommen lassen, danebenzuschießen und seinen Freund zu töten.

»Nein«, sagt er und lässt das Gewehr sinken. »Sie würden viel zu heftig zurückschlagen.«

»Nicht, wenn sie tot sind«, sagt Fausto schulterzuckend. »Scheiße, ich mach’s.«

»Nein, es ist zu früh«, sagt Damien. »Wir haben noch nicht genug Macht.«

Das sagt er Fausto, und er sagt es sich selbst.

Dann biegt der Konvoi um die nächste Ecke, außer Sicht- und Schussweite.


Das Flugzeug biegt unerwartet ab.

Ric hatte erwartet, direkt nach Culiacán zurückzufliegen, aber das Flugzeug macht einen Bogen in westlicher Richtung zum Ozean, nach Mazatlán.

»Ich will dir was zeigen«, sagt Nuñez.

Ric denkt, dass er Mazatlán eigentlich gut kennt, es war immer einer der Spielplätze der Los Hijos. Schon als Kinder waren sie zum Karneval hergekommen, als sie älter wurden, hatten sie die Strandbars und Clubs besucht, turistas aufgerissen, die wegen der Sonne und der Sandstrände in Scharen aus den Vereinigten Staaten und aus Europa anreisten. In Mazatlán hatte Iván Ric beigebracht, wie man »Willst du heute Nacht mit mir schlafen?« auf Französisch, Deutsch, Italienisch und einmal, bei einer Gelegenheit, an die Ric sich nur noch schemenhaft erinnert, auf Rumänisch, fragt.

Vielleicht war das auch die Nacht gewesen – Ric weiß es nicht mehr ganz genau –, in der er zusammen mit den Esparza-Brüdern und Rubén Ascención wegen irgendeiner Ordnungswidrigkeit auf dem Malecón festgenommen, ins Stadtgefängnis gebracht und sofort wieder, von vielen Entschuldigungen begleitet, entlassen worden war, nachdem man dort ihre Nachnamen in den Computer eingegeben hatte.

Ric ist sich vage bewusst, dass Mazatlán, wie viele Städte in Sinaloa, von Deutschen besiedelt wurde und man der Stadt mit ihrer Musik und der Vorliebe für Bier immer noch etwas Bayrisches anmerkt, ein Kulturvermächtnis, dem Ric sich überaus verpflichtet fühlt.

Ein Wagen wartet auf dem Flugfeld, fährt sie aber nicht an die Strandpromenade oder den Strand, sondern zum Hafen.

Auch den kennt Ric gut, weil hier die Kreuzfahrtschiffe ankommen, und wo es Kreuzfahrtschiffe gibt, gibt es auch willige Frauen. Mit den Esparzas hatte er sich immer an die Promenade oberhalb der Landungsbrücken gesetzt und die Frauen benotet, die von den Schiffen kamen, dann hatten sie sich als einheimische Reiseführer ausgegeben und denen, die notenmäßig am besten abgeschnitten hatten, angeboten, sie in die angesagtesten Bars zu führen.

Wobei Iván einmal auch einer umwerfenden, großen Norwegerin direkt in die blauen Augen gesehen und nüchtern erklärt hatte: »Eigentlich bin ich gar kein Fremdenführer. Ich bin der Sohn von einem Kartellboss. Ich hab viele Millionen Dollar, schnelle Boote und noch schnellere Autos, aber im Moment will ich nur eins, mit einer schönen Frau wie dir ficken.«

Zu Rics großem Erstaunen sagte sie Okay. Sie zogen mit ihr und ihren Freundinnen los, mieteten eine Hotelsuite, tranken Dom, schnieften eine Tonne Koks und vögelten wie die Affen, bis es Zeit für die Mädchen wurde, wieder an Bord zu gehen.

In Mazatlán hätte Ric seinem Vater auch ein bisschen was zeigen können.

Aber sie fahren nicht zu den Anlegestellen der Kreuzfahrtschiffe, sondern dran vorbei, zu dem Teil des Hafens, wo die Frachter ankommen.

»In einem Unternehmen«, sagt Nuñez, als sie vor einer Lagerhalle aus dem Wagen steigen, »darf es keinen Stillstand geben. Stillstand bedeutet Tod. Dein Patenonkel Adán wusste das, deshalb hat er uns ins Heroingeschäft gebracht.«

Ein Wärter an der Tür der Lagerhalle lässt sie rein.

»Heroin ist gut«, sagt Nuñez, als sie eintreten, »es ist profitabel, aber wie alle profitablen Dinge ruft es die Konkurrenz auf den Plan. Andere sehen, wie du Geld verdienst, und machen es dir nach. Zuerst versuchen sie, dich zu unterbieten und den Preis zu drücken, damit sinken die Profite aller.«

Wäre das Kartell wirklich ein Kartell im klassischen Sinn, erklärt er – also ein Zusammenschluss an Unternehmen, die exklusiv eine Ware vertreiben, deren Preis sie gemeinsam festgelegt haben –, wäre das kein Problem.

Aber in unserem Fall ist der Begriff »Kartell« irreführend; tatsächlich ist es ein Widerspruch in sich, wenn man von »Kartellen« im Plural spricht. Sie haben Konkurrenz, erklärt er – die Überreste der Zetas, des Golf-»Kartells« und die Knights Templar, aber was Nuñez wirklich Sorgen macht, ist Tito Ascención.

Ascención hatte Iván um die Erlaubnis gebeten, ins Heroingeschäft einsteigen zu dürfen, was dieser klugerweise abgelehnt hatte, aber was, wenn Tito sich nicht dran hält? Jalisco könnte sehr schnell unser größter Konkurrent werden. Er könnte uns unterbieten, und Nuñez ist nicht geneigt, kleinere Profitmargen hinzunehmen. Also …

Sie treten in ein Hinterzimmer.

Nuñez schließt die Tür hinter ihnen.

Ein junger Asiate sitzt an einem Tisch, auf dem mehrere fest eingewickelte Klötze mit irgendwas liegen …

Ric erkennt nicht, was es ist.

»Auf niedrigere Preise«, sagt Nuñez, »reagiert man am besten mit Qualitätssteigerung. Die Kunden werden für erstklassige Ware auch mehr bezahlen.«

»Und unser Heroin ist von besserer Qualität?«, fragt Ric.

»Nein«, sagt Nuñez. »Das ist Fentanyl. Es ist fünfzig Mal stärker als Heroin.«

Fentanyl ist ein synthetisches Opiat und wurde ursprünglich in Form von transdermalen Pflastern zur Schmerzbehandlung unheilbar an Krebs erkrankter Patienten verwendet, erklärt Nuñez. Es ist so stark, dass schon ein kleines Krümelchen tödlich wirken kann. Richtig dosiert aber, verursacht es einen sehr viel schnelleren, besseren Rauschzustand.

Er führt Ric aus dem Büro hinaus hinter die Lagerhalle. Dort stehen Männer versammelt, von denen Ric einige als ranghohe Kartellmitarbeiter erkennt – Carlos Martinez, der von Sonora aus agiert, Hector Greco, der Boss von Juárez, Pedro Esteban aus Badiraguato und noch ein paar andere, die Ric nicht kennt. Hinter ihnen an der Wand sitzen drei an Stühle gefesselte Männer.

Ein Blick genügt, und Ric weiß, dass es Junkies sind.

Ausgezehrt, zitternd, erschöpft.

Ein Mann, der wie ein Labortechniker aussieht, sitzt an einem kleinen Tisch, auf dem drei Spritzen liegen.

»Meine Herren«, sagt Nuñez. »Ich habe Ihnen von dem neuen Produkt erzählt, aber manches glaubt man erst, wenn man es sieht. Es folgt also eine kleine Demonstration.«

Er nickt dem Labortechniker zu, der eine der Spritzen nimmt und sich vor den ersten Junkie kauert. »Dies ist unser gewöhnliches Cinnamon-Heroin.«

Der Techniker bindet dem Junkie einen Arm ab, findet eine Vene und injiziert. Eine Sekunde später kippt der Kopf des Junkies in den Nacken, und er schwankt hin und her.

Er ist high.

»In der nächsten Spritze befindet sich Heroin, versetzt mit einer geringen Menge Fentanyl«, sagt Nuñez.

Der Techniker injiziert dem zweiten Junkie die Spritze.

Sein Kopf fällt in den Nacken, er reißt die Augen auf, sein Mund verzerrt sich zu einem beinahe glückseligen Lächeln. »Oh Gott. Oh mein Gott.«

»Wie ist es?«, fragt Nuñez.

»Wunderbar«, sagt der Junkie. »So wunderbar.«

Ric kommt sich vor, als würde er Teleshopping schauen.

Und irgendwie ist das auch so. Der Mythos besagt, dass Kartellbosse Diktatoren sind, die Befehle ausgeben und erwarten, dass sie ausgeführt werden. Was die Sicarios, die Gangster und andere auf den niederen Rängen betrifft, stimmt das auch, aber ein Kartell setzt sich aus Geschäftsleuten zusammen, die nur das tun werden, wovon sie glauben, dass es gut ist fürs Geschäft, und deshalb muss man sie überzeugen.

»Die nächste«, sagt Nuñez, »enthält ausschließlich Fentanyl, drei Milligramm.«

Der letzte Junkie reißt an seinen Fesseln und schreit: »Nein!«

Der Labortechniker bindet ihm den Arm ab, sucht eine Vene und injiziert den gesamten Spritzeninhalt. Auch sein Kopf klappt nach hinten, auch er reißt die Augen auf. Aber dann schließt er sie, und sein Kopf sackt nach vorne. Der Labortechniker hält ihm zwei Finger an den Hals und schüttelt den Kopf. »Er ist tot.«

Ric kommt es fast hoch.

Oh Gott, hat sein Vater das gerade gemacht? Hat sein Vater das wirklich gemacht? Hätte er keine Laborratte oder einen Affen oder so was nehmen können, musste er für eine Verkaufsvorführung einen Menschen töten?

»Süchtige, die dieses Produkt probiert haben«, sagt Nuñez, »kehren nie wieder zu herkömmlichen Produkten zurück, könnten gar nicht wieder zu den teureren und weniger starken Tabletten der Pharmaindustrie oder zu Cinnamon-Heroin zurück. Warum soll man den Bummelzug nehmen, wenn es auch einen Express gibt?«

»Was kostet der Stoff?«, fragt Martinez.

»Viertausend Dollar pro Kilo«, sagt Nuñez. »Wobei wir als Großabnehmer wahrscheinlich auf dreitausend gehen können. Mit einem Kilo Fentanyl können wir zwanzig Kilo eines verbesserten Produkts herstellen, das im Einzelhandel über eine Million Dollar einbringt. Die Marge ist nicht das Problem.«

»Was dann?«, fragt Martinez.

»Die Zufuhr«, sagt Nuñez. »In den Vereinigten Staaten und in Europa wird die Fentanyl-Produktion streng kontrolliert. Wir können es in China kaufen und über die von uns kontrollierten Häfen verschiffen, beispielsweise Mazatlán, La Paz und Cabo. Aber das bedeutet eben auch, dass wir die Häfen kontrollieren müssen.

Meine Herren, vor dreißig Jahren hat der großartige Miguel Ángel Barrera – M-1, der Gründer unserer Organisation – bei einer ähnlichen Versammlung ein Kokainderivat vorgestellt. Dieses ›Crack‹ genannte Derivat hat unsere Organisation reich und mächtig gemacht. Ich stelle euch jetzt ein Heroinderivat vor, das uns auf eine noch höhere Ebene katapultieren wird. Ich möchte mit der Organisation ins Fentanylgeschäft einsteigen und hoffe dabei auf eure Unterstützung. Ich habe in einem Restaurant hier vor Ort zum Abendessen reservieren lassen und hoffe, dass ihr mir auch dorthin folgt.«

Sie gehen zum Essen in ein Restaurant am Strand.

Das Übliche, denkt Ric – ein privater Raum hinten, der Rest des Restaurants ebenfalls gekauft, und ein Kontingent an Leibwächtern draußen hält Wache. Sie essen Ceviche, Hummer, Garnelen, geräucherten Speerfisch, Tamale und spülen alles mit Unmengen Pacífico-Bier hinunter, und sollte irgendeiner von ihnen noch einen Gedanken an den toten Junkie in der Lagerhalle verschwenden, so lässt er es sich nicht anmerken.

Nach dem Festessen fliegt das Flugzeug Ric und seinen Vater zurück nach Culiacán.

»Was denkst du?«, fragt Nuñez während des Flugs.

»Worüber …«

»Fentanyl.«

»Ich denke, du hast sie überzeugt«, sagt Ric. »Aber wenn Fentanyl wirklich so gut ist, dann wird die Konkurrenz doch auch dahinterkommen.«

»Natürlich«, sagt Nuñez. »So ist das Geschäft. Ford entwirft einen guten Pick-up, Chevy baut ihn in verbesserter Form nach, also entwirft Ford einen noch besseren. Es kommt immer darauf an, schneller zu sein, Monopole zu beanspruchen, Verkaufskanäle anzulegen, einen treuen Kundenstamm an der Basis aufzubauen und diesen ständig zu beliefern. Du kannst mir dabei sehr helfen, indem du dafür sorgst, dass uns La Paz weiterhin exklusiv erhalten bleibt.«

»Klar«, sagt Ric. »Aber es gibt ein Problem, an das du nicht gedacht hast. Fentanyl ist doch synthetisch, oder?«

»Ja.«

»Dann kann es auch jeder herstellen«, sagt Ric. »Du brauchst keine Farmen wie für Heroin. Du brauchst nur ein Labor, das du theoretisch überall einrichten kannst. Das wird sein wie beim Meth – jedes Arschloch mit ein paar Dollar in der Tasche und einem Chemiebaukasten wird es in der eigenen Badewanne herstellen.«

»Zweifellos wird es billige Nachahmerprodukte geben«, sagt Nuñez. »Aber das wird höchstens ein Ärgernis am Rande des Markts sein. Die Nachahmer werden auf dem Markt nicht die Reichweite haben, um ein ernsthaftes Problem für uns darzustellen.«

Wenn du meinst, denkt Ric.

Auf Einzelhandelsebene wirst du’s nicht kontrollieren können. Die Dealer vor Ort werden nicht die Disziplin haben, die Dosis zu begrenzen, und dann bringen wir allmählich die Kundschaft um. Menschen werden sterben, genau wie der arme Mann im Lagerhaus, und wenn sie in den Vereinigten Staaten sterben, steigt der Ermittlungsdruck, und wir stehen wieder verstärkt unter Beschuss.

Die Büchse der Pandora wurde geöffnet.

Und die Dämonen sind entwichen.

Fentanyl, denkt Ric, ist unser aller Tod.

Staten Island, New York

Jacqui wacht auf und ihr ist schlecht.

Wie jeden Morgen.

Nicht umsonst spricht man von einem »Weckschuss«, denkt sie und wälzt sich aus dem Bett. Na ja, eigentlich ist es kein Bett, eher eine Luftmatratze auf dem Boden eines Transporters, aber wenn man sich drauf bettet … dann ist es irgendwie ja doch ein Bett.

Substantive basieren auf Verben. Was irgendwie blöd ist, denkt sie, denn ihr Spitzname, Jacqui Junkie, lässt sich leicht auf das zurückführen, was sie tut, Junk spritzen.

Jetzt unterdrückt sie das Bedürfnis zu kotzen.

Jacqui hasst kotzen. Sie braucht was, um wach zu werden.

Sie rammt Travis einen Ellbogen in die Seite und sagt: »Hey.«

»Hey.« Er ist total breit.

»Ich geh raus, Stoff besorgen.«

»Okay.«

Fauler Sack, denkt sie, ich besorg schließlich auch was für dich. Sie zieht ein altes University of Connecticut-Sweatshirt über, steigt in ihre Jeans und schlüpft in ein Paar lila Nikes, die sie auf dem Flohmarkt ergattert hat.

Sie schiebt die Tür auf und tritt hinaus in einen Sonntagmorgen auf Staten Island.

Genauer Tottenville, ganz unten an der Südspitze der Insel, gegenüber von Perth Amboy, auf der anderen Seite vom Fluss. Der Transporter parkt auf dem Parkplatz von Tottenville Commons, hinter Walgreens Drugstore in der Amboy Road, aber sie weiß, dass sie heute Morgen noch weiterfahren müssen, bevor die Typen vom Sicherheitsdienst kommen und sie vertreiben.

Jetzt geht sie aber erst mal in den Drugstore, ignoriert die bösen Blicke der Kassiererin und geht nach hinten zu den Toiletten, weil sie pinkeln muss. Danach wäscht sie sich die Hände, spritzt sich Wasser ins Gesicht und ist sauer auf sich, weil sie ihre Zahnbürste vergessen hat. Sie hat einen Geschmack im Mund wie alte Scheiße.

Und genauso siehst du auch aus, denkt Jacqui.

Sie ist ungeschminkt, ihre langen braunen Haare sind schmutzig und strähnig. Irgendwo wird sie sich ein Plätzchen suchen müssen, um sich vor der Arbeit noch darum zu kümmern, aber jetzt gerade hört sie nur die Stimme ihrer Mutter: Du bist so ein hübsches Mädchen, Jacqueline, wenn du dich doch nur ein bisschen mehr pflegen würdest.

Ich versuch’s ja, Mom, denkt Jacqui, als sie den Laden verlässt und der Kassiererin dabei noch schnell ein Leck-mich-Lächeln zuwirft.

Fick dich, Bitch, wohn du doch mal in einem Transporter.

Travis und sie machen das, seit Jacquis Mom sie zu Hause rausgeworfen hat, und das ist jetzt wie lange her? Drei Monate. Sie war früher als gedacht aus der Bar nach Hause gekommen und hatte die beiden, Wunder, oh Wunder – beim Fixen erwischt.

Also sind sie in Travis’ Transporter gezogen und leben jetzt im Prinzip wie Zigeuner. Nicht obdachlos, beharrt Jacqui, denn der Transporter hat ja ein Dach, aber … wie heißt das noch … ohne festen Wohnsitz. Die Vorstellung hat ihr immer gefallen. »Ohne festen Wohnsitz«, sie wünschte, ihr würde ein Reim drauf einfallen, den sie in einem Song verwenden kann, aber ihr fällt nichts ein. Ganz schön erbärmlich, eigentlich, ihre Einfallslosigkeit und überhaupt die ganze Situation, denkt sie.

Sie wollen sich eine Wohnung suchen, nehmen sie sich vor, aber bislang haben sie sich noch jeden Cent in die Venen gejagt.

Draußen auf dem Parkplatz gibt sie eine Nummer in ihr Handy ein und ruft ihren Dealer Marco an, aber die Mailbox schaltet sich ein. Sie hinterlässt eine kurze Nachricht – Hier ist Jacqui. Ich such dich. Ruf an.

Sie will ihn unbedingt ans Telefon bekommen, weil ihr allmählich ernsthaft schlecht ist, und sie will nicht in den Transporter steigen und bis rüber nach Princes Bay oder Richmond fahren, wo die Straßendealer stehen.

Das ist zu weit und viel zu riskant, weil die Cops neuerdings rigoros durchgreifen und Dealer einkassieren.

Oder schlimmer noch, man kauft was bei einem Drogenfahnder und landet selbst im Knast. Jacqui will auf keinen Fall verhaftet werden und in Rikers auf kalten Entzug gehen.

Sie ist schon wieder auf dem Weg zurück zum Transporter, um zum Waldbaums-Parkplatz runterzufahren, wo man meistens was bekommt, als ihr Handy brummt. Es ist Marco, und er ist stinkig: »Es ist Sonntagmorgen.«

»Ich weiß, ich brauch einen Weckschuss.«

»Dann hättest du was von gestern Abend übrig lassen sollen.«

»Ja, Mom.«

»Wie viel brauchst du?«, fragt Marco.

»Zwei Tütchen.«

»Wegen zwanzig Dollar soll ich extra rausfahren?«

Du lieber Gott, wieso nervt der jetzt so? Ihr läuft schon die Nase, und sie glaubt, kotzen zu müssen. »Mir geht’s nicht gut, Marco.«

»Okay, wo bist du?«

»Walgreens in der Amboy Road.«

»Ich bin bei McD«, sagt Marco. »Wir treffen uns hinter dem Waschsalon. Weißt du, wo der ist?«

Klar, sie wäscht ja ständig da. Na ja, nicht ständig, wenn man’s genau nimmt. Eigentlich nur, wenn das Zeug zu eklig wird. »Ja, klar.«

»In einer halben Stunde«, sagt Marco.

»So lange brauchst du, um dich über den Parkplatz zu bewegen?«

»Hab grad erst was zu essen geholt.«

»Okay, ich komm hin.«

»Zehn Minuten«, sagt Marco. »Hinter dem Waschsalon.«

»Bring mir einen Kaffee mit«, sagt Jacqui. »Milch und vier Stück Zucker.«

»Jawohl, Lady Mary«, sagt Marco. »Willst du vielleicht auch noch einen McMuffin dazu?«

»Nur den Kaffee.« Den wird sie gerade so bei sich behalten können, an fettige Nahrung ist nicht zu denken.

Jacqui überquert den Parkplatz und geht raus auf die Page Avenue, dann hoch zur nächsten Geschäftsstraße, wo sich eine CVS-Apotheke, ein McDonald’s, ein Supermarkt, ein Schnapsladen, ein italienisches Restaurant und der Waschsalon befinden.

Sie geht hinter die Apotheke und wartet am Waschsalon.

Fünf Minuten später fährt Marco in seinem Ford Taurus vor. Er kurbelt die Scheibe runter und reicht ihr den Kaffee.

»Du bist über den Parkplatz gefahren?«, fragt Jacqui. »Was ist mit der Erderwärmung, Marco? Schon mal was davon gehört?«

»Hast du Geld?«, fragt Marco. »Und erzähl mir nicht, du besorgst es noch, du hast absolut keinen Kredit mehr bei mir.«

»Ich hab welches.« Sie schaut sich um und gibt ihm einen Zwanziger.

Er greift ins Handschuhfach und steckt ihr zwei Tütchen zu. »Leg noch einen Dollar drauf für den Kaffee.«

»Echt?« Seit er mit dem Dealen angefangen hat, ist er irgendwie ganz schön scheiße drauf. Manchmal vergisst er, dass er selbst bloß ein Junkie ist, der Stoff vertickt, um sich selbst welchen leisten zu können. Das machen heutzutage viele – alle Dealer, mit denen Jacqui zu tun hat, sind gleichzeitig User. Sie kramt in ihrer Jeans, findet einen Dollarschein und gibt ihn ihm. »Und ich hab dich für einen Gentleman gehalten.«

»Ich bin kein Gentleman, ich bin Feminist.«

»Wo bist du später noch?«

Marco hält den kleinen Finger an den Mund, den Daumen ans Ohr –»ruf mich an« – und fährt los.

Jacqui steckt sich die Tütchen in die Tasche und geht zurück zum Transporter.

Travis ist wach.

»Ich hab was«, sagt Jacqui, zieht die Tütchen raus.

»Woher?«

»Von Marco.«

»Der ist ein Arschloch«, sagt Travis.

»Okay, das nächste Mal besorgst du was«, sagt Jacqui.

Scheiß auf die faule Sau, denkt sie. Sie liebt ihn, aber du lieber Gott, manchmal kann er echt nerven. Apropos Gott, Travis sieht tatsächlich ein bisschen aus wie Jesus – schulterlanges Haar und Vollbart, beide mit leichtem Rotstich. Und dünn wie Jesus ist er auch, zumindest so, wie’s die Bilder vermuten lassen.

Jacqui sucht den abgeschnittenen unteren Teil einer Coladose, den sie statt eines Löffels zum Kochen benutzt, und gibt das Heroin hinein. Sie zieht Wasser auf die Spritze, gibt es zum Heroin, dann macht sie ihr Feuerzeug an, hält es unter den Kocher, bis die Lösung Blasen wirft. Sie bricht den Filter von einer Zigarette, tunkt ihn in Wasser und legt ihn sachte in die Lösung. Dann pikt sie die Spitze der Nadel in den Filter und zieht die Flüssigkeit auf die Spritze.

Sie schlingt sich einen schmalen Gürtel, den sie eigens zu diesem Zweck aufbewahrt, um den linken Arm und zieht ihn fest, bis eine Vene hervortritt. Dann sticht sie die Nadel in die Vene und zieht den Kolben zurück, damit eine kleine Luftblase entsteht, anschließend bewegt sie die Nadel hin und her, bis ein bisschen Blut in der Spritze sichtbar wird.

Jetzt drückt Jacqui den Kolben runter.

Löst den Gürtel, bevor sie die Spritze herauszieht, und dann –

Wham!

Es knallt rein.

So schön, so friedlich.

Jacqui lehnt sich zurück an die Wand des Transporters und sieht Travis an, der sich gerade auch einen Schuss gesetzt hat. Sie lächeln sich an, dann driftet sie ab in die Welt des Heroins, die so viel besser ist als die Wirklichkeit.

Was keine Kunst ist.


Als Jacqui klein war, als sie noch klein war, ein kleines Mädchen, sah sie in jedem Mann ihren Daddy, auf der Straße, im Bus oder in dem Restaurant, in dem ihre Mommy gearbeitet hat.

Ist das mein Daddy? Ist das mein Daddy? Ist das mein Daddy?, hatte sie ihre Mom gefragt, bis ihre Mom es nicht mehr hören konnte und ihr erzählte, ihr Daddy sei im Himmel bei Jesus, woraufhin Jacqui sich fragte, wieso Jesus ihn jetzt hatte und sie nicht. Seitdem konnte sie Jesus nicht mehr leiden.

Als Jacqui klein war, blieb sie in ihrem Zimmer, schaute sich Bilderbücher an und dachte sich Geschichten aus, die erzählte sie sich dann, vor allem wenn Mommy dachte, sie würde schlafen, und wenn sie mit Männern nach Hause kam, die sie in dem Restaurant getroffen hatte, wo sie arbeitete. Jacqui lag in ihrem Bett, dachte sich Geschichten aus und sang Lieder darüber, wie es war, als Jacqui klein war, als sie ein kleines Mädchen war.

Eigentlich war sie gar nicht mehr so klein, sie war schon neun, als Mommy einen der Männer aus dem Restaurant heiratete und er Jacqui erklärte, er sei nicht ihr Daddy, er sei ihr Stiefvater, und sie ihm antwortete, das wisse sie schon, weil ihr Daddy nämlich bei Jesus sei, woraufhin er lachte und meinte, kann schon sein, vorausgesetzt, Jesus sitzt irgendwo in Bay Ridge am Tresen.

Jacqui war elf, als Barry sie das erste Mal fragte, ob sie, wenn sie groß sei, auch Hure werden wolle, wie ihre Mutter, und von da an lief Jacqui immer durchs Haus und summte vor sich hin: Ich mein’s, wie ich’s sag, und ich sag’s, wie ich’s mein. Barry ist ein Arschloch, das kann nicht anders sein. Und einmal hörte er sie und schlug ihr ins Gesicht und sagte, vielleicht kannst du mich nicht leiden, aber du wirst mir mit Respekt begegnen, und ihre Mutter saß am Küchentisch und tat nichts. Andererseits hatte sie aber auch nichts getan, als er sie selbst geschlagen und als Hure und eine verfluchte Säuferin beschimpft hatte, Jacqui war weggerannt, hatte sich in ihrem Zimmer versteckt und geschämt, weil sie’s nicht verhindert hatte. Und als Barry in eine Kneipe abgehauen war, war Jacqui aus ihrem Zimmer gekommen und hatte ihre Mutter gefragt, warum sie bei einem Mann blieb, der so gemein zu ihr war, und ihre Mutter hatte erwidert, eines Tages würde sie schon verstehen, dass eine Frau auch Bedürfnisse habe, sie sei einsam.

Jacqui war nicht einsam, weil sie Bücher hatte. Sie schloss sich in ihrem Zimmer ein und las – las sämtliche Harry-Potter-Bände, und weil eine Frau die geschrieben hatte, ging sie in die Bücherei, lieh sich Jane Austen, die Brontës, Mary Shelley und George Eliot aus, später auch Virginia Woolf, Iris Murdoch und Gedichte von Sylvia Plath. Jacqui beschloss, eines Tages aus Tottenville fortzugehen, nach England zu ziehen und selbst Schriftstellerin zu werden. Dort würde sie in einem eigenen Zimmer leben, wo sie nicht weghören musste, weil draußen vor ihrer Tür geschrien, geweint und geschlagen wurde.

Sie hörte Musik – nicht den Pop, auf den ihre wenigen Freunde standen, sondern echt gutes Zeug wie The Dead Weather, Broken Bells, Monsters of Folk, Dead by Sunrise, Skunk Anansie. Sie kaufte eine alte Gitarre bei einem Pfandleiher, setzte sich in ihr Zimmer, brachte sich selbst ein paar Akkorde bei (Jacqui ist sowohl in der Musik als auch in der Literatur Autodidaktin) und schrieb eigene Songs, als Jacqui klein war (C), als sie ein kleines Mädchen war (F), als Jacqui ein kleines Mädchen war (C).

Eines Nachmittags, als ihre Mutter bei der Arbeit war, spielte Jacqui Gitarre, und Barry kam rein. Er nahm ihr die Gitarre ab und sagte: Das wird unser Geheimnis sein, unser kleines Geheimnis, ich mach dir ein tolles Gefühl. Er nahm ihr die Gitarre ab, legte sie aufs Bett und sich oben auf sie drauf, und sie erzählte ihrer Mutter nichts davon und auch sonst niemandem. Das wird unser Geheimnis sein (D), unser kleines Geheimnis (G), ich mach dir ein tolles Gefühl (Em). Sie erzählte nichts, nicht mal, als ihre Mutter sagte: Ich weiß doch, dass du Sex gehabt hast, du kleine Hure, wer ist der Kerl, ich bring ihn hinter Gitter. Barry kam immer wieder in ihr Zimmer, bis sie eines Morgens ihre Mutter schreien hörte und Barry über die Toilette gebeugt sah. Ihre Mutter schrie: Ruf den Notarzt, und Jacqui ging ganz langsam in ihr Zimmer und holte ihr Handy und sang: Das wird unser Geheimnis sein (D), unser kleines Geheimnis (G), ich mach dir ein tolles Gefühl (Em). Dann erst gab sie die Nummer ein, und als der Krankenwagen eintraf, war Barry schon tot.

Jacqui war zu der Zeit auf der Middle School, rauchte ein bisschen Gras, trank mit Freunden mal ein Bier oder Wein, aber meistens blieb sie zu Hause und las oder spielte Gitarre, entdeckte Patti Smith und Debbie Harry, sogar Janis Joplin und schrieb Songs mit sarkastischen Texten: Das wird mein Geheimnis sein / mein kleines Geheimnis / ich hab meinen Stiefvater getötet / passiv aggressiv / und das macht mir ein tolles Gefühl / so toll. Ihre Mutter sagte, sie müsse sich einen Job suchen und was zum Haushalt beitragen, also wurde sie Barista bei Starbucks.

Jacqui hatte gute Noten auf der Highschool, fast schon aus Trotz, weil sie die Highschool hasste und alles, was damit zu tun hatte, außer wenn sie sich dort still beschäftigten. Ihre Noten waren gut genug, sodass sie ein Stipendium bekam, aber nicht gut genug für die Columbia, die NYU oder die Boston University, und es gab auch kein Geld, sie anderswo hinzuschicken, wohin sie wollte. Sie würde niemals in England leben und Schriftstellerin werden und eine eigene Wohnung haben. Ihre Mutter wollte sie auf die Kosmetikschule schicken, damit sie Geld verdiente, aber Jacqui hielt fest an ihrem Traum und schrieb sich auf Staten Island an der Uni ein.

Mit Pillen fing es an.

Sie war Erstsemester an der Uni, wohnte zu Hause bei ihrer Mutter, es waren Weihnachtsferien, und jemand bot ihr eine Oxy an. Sie war ein bisschen betrunken, und ihr war langweilig, also dachte sie, scheiß drauf, und schluckte die Pillen, und es gefiel ihr. Am nächsten Tag zog sie los und besorgte sich noch mehr, denn wenn du’s nicht schaffst, in Tottenville Pillen aufzutreiben, dann schafft es dein Blindenhund. Das Zeug wurde verkauft an den Schulen, an jeder Ecke, in den Kneipen, einfach überall, sogar aus Eiswagen heraus.

Pillen waren überall – Oxy, Vicodin, Percocet –, alle kauften oder verkauften, oder beides. Jacqui nahmen sie ein bisschen was von der Anspannung, die daher rührte, dass sie keine verfluchte Ahnung hatte, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte. Sie war in Tottenville geboren worden, sie lebte in Tottenville, und sie würde in Tottenville sterben, irgendeinem Job an der unteren Lohngrenze nachgehen, ganz egal, was für Noten sie an der Uni bekam. Die Anspannung, die daher rührte, dass ihr Stiefvater sie zu seinem Nachmittagsprogramm gemacht hatte.

Die Pillen bewirkten, dass sie sich gut fühlte. Sie hatte kein Drogenproblem, sie hatte ein Geldproblem. Anfangs noch nicht, als sie nur mal am Wochenende ein paar Oxys nahm, auch nicht später, als sie schon täglich eine schluckte, aber irgendwann war sie auf zwei oder drei pro Tag, und die Dinger kosteten dreißig Dollar das Stück.

Teilweise verdiente sie die Kohle mit ihrem Job bei Starbucks, hin und wieder klaute sie ihrer Mutter was aus der Handtasche, und manchmal brauchte sie gar kein Geld, wenn sie mit Typen fickte, die Pillen hatten. Ficken war für sie kein Ding, schließlich war sie’s gewohnt, sich hinzulegen und ficken zu lassen, also konnte sie’s auch mit einem machen, der was hatte, von dem sie high wurde.

Im Prinzip war Jacqui ihr ganzes zweites College-Semester lang high, dann den ganzen Sommer, und im Herbst ging sie schließlich gar nicht mehr in die Seminare, rutschte von einer Eins minus im Schnitt auf ein Ungenügend. Irgendwann hörte sie einfach auf mit dem Schwindel und brach ab.

Sie jobbte hier und da, schluckte Pillen und vögelte mit Dealern, aber dann lernte sie Travis kennen.

Und der brachte sie auf Heroin.

Wäre einfach, ihm die Schuld zu geben – was ihre Mutter natürlich tat –, aber eigentlich war es nicht die Schuld von Travis. Sie hatten sich in einem Club kennengelernt, so einem grungigen Coffeehouse, wo die Kerouac-Meute abhing und Gitarre spielte. Travis war gerade aus seinem Job beim Bau geflogen – er war Dachdecker –, weil er sich am Rücken verletzt hatte und nicht mehr richtig arbeiten konnte, seine Arbeitsunfähigkeitsversicherung war abgelaufen.

Das war Travis’ Geschichte: Wegen der Rückenschmerzen hatte er mit Vicodin angefangen – vom Arzt verschrieben –, aber nie wieder aufgehört. Aufgrund der uralten Theorie, wenn eine gut ist, müssen fünfzehn besser sein, hatte Travis Pillen gefuttert wie M&Ms.

Als sie sich kennenlernten, waren sie beide high, aber es war wie …

BAM!

Liebe.

Sie vögelten hinten in seinem Transporter, und Jacqui kam, wie sie noch nie gekommen war, und er hatte einen langen dünnen Schwanz, so wie überhaupt sein ganzer Körper lang und dünn war, und er berührte sie an Stellen, wo sie noch nie jemand berührt hatte.

Von da an waren sie unzertrennlich.

Sie standen auf dieselbe Kunst, dieselbe Musik, dieselben Gedichte. Sie schrieben gemeinsam Songs, stellten sich in St. George auf die Straße und spielten für die Leute, die von der Fähre kamen. Sie hatten viel Spaß – wenn nur das mit dem Geld nicht gewesen wäre.

Das Geld, das Geld.

Zusammen konsumierten sie für bis zu dreihundert Dollar täglich, und auf Dauer ließ sich das einfach nicht finanzieren.

Travis wusste die Lösung.

»H«, sagte er, »du brauchst weniger, um high zu werden, und es kostet bloß sechs oder sieben Dollar pro Schuss.«

Statt dreißig.

Aber Jacqui hatte Schiss vor Heroin.

»Ist im Prinzip derselbe Stoff«, erklärte Travis. »Das sind alles Opiate, ob in Pillen- oder Pulverform, wird alles aus Schlafmohn gewonnen.«

»Ich will nicht abhängig werden«, sagte Jacqui.

Travis lachte. »Oh Mann, das bist du doch längst.«

Was er sagte, stimmte, aber Jacqui wandte ein, dass sie keine Spritze benutzen wollte. Cool, sagte Travis, wir können’s auch schnupfen.

Und anfangs machten sie das.

Für Travis ging es ab.

Er guckte ganz verzückt.

Also schniefte Jacqui auch, und das war wirklich gut, so gut, so gut. Besser als alles andere, bis sie draufkamen, dass man das Zeug auch rauchen konnte, was noch viel, viel, viel besser war.

Dann sagte Travis: »Scheiß drauf. Wieso kneifen wir? Das Zeug wirkt viel besser, wenn man’s spritzt, ich lass mich doch von keiner Tripperphobie aufhalten.«

Trypanophobie, dachte Jacqui – die Angst vor Spritzen.

Beide liebten Wörter.

Aber sie fand nicht, dass sie eine Phobie hatte, sie fand ihre Angst ganz vernünftig – von Spritzen bekam man Hepatitis C, HIV, Gott weiß, was.

»Wenn du sauber bist, nicht, wenn du vorsichtig bist, nicht, nicht wenn du … penibel bist«, sagte Travis.

Am Anfang war er das, benutzte nur frische Spritzen, die er Krankenschwestern und Apothekenmitarbeitern abkaufte. Er tupfte seinen Arm mit Alkohol ab, bevor er sich einen Schuss setzte, kochte das Heroin immer ab, um eventuelle Bakterien abzutöten.

Und er wurde high.

Higher als mit Oxy, higher als beim Schniefen oder Rauchen, er wurde so high, wie man nur high werden kann, wenn man direkt in die Blutbahn fixt. Jacqui war neidisch, fühlte sich ausgeschlossen, allein auf der Erde zurückgelassen, während er zum Mond hinaufflog, und eines Abends bot er ihr an, ihr einen Schuss zu setzen, und sie ließ es zu. Statt seines Schwanzes schob er ihr eine Nadel rein, und sie ging ab, wie sie beim Sex nie abgegangen war.

Danach wusste sie, dass es kein Zurück mehr gab.

Man kann Travis also die Schuld geben, soviel man will, Jacqui weiß, dass es an ihr selbst liegt, dass sie es in sich hat, das Herz und die Seele einer Süchtigen, weil sie es liebt, weil sie das Heroin liebt und den Rausch, sie hat es im wahrsten Sinne des Wortes im Blut.

»Du bist zu klug für so was«, erklärte ihr ihre Mutter.

Nein, ich bin zu klug, um es nicht zu tun, dachte Jacqui. Wer will schon in dieser Welt bleiben, wenn man sie auch verlassen kann?

»Du bringst dich um«, jammerte ihre Mutter.

Nein, Mom, ich lebe.

»Daran ist nur dieses miese Arschloch schuld.«

Ich liebe ihn.

Ich liebe unser Leben.

Ich liebe …


Stunden später schaut Jacqui auf die Uhr und denkt, scheiße, ich komme zu spät. Sie steigt aus dem Transporter und geht dieses Mal zu CVS, weil sie Abwechslung mag. Sie geht aufs Klo, schließt die Tür hinter sich ab, holt Shampoo aus ihrer Handtasche und wäscht sich die Haare im Waschbecken. Mit Papierhandtüchern trocknet sie sie ab, trägt Eyeliner auf, ein bisschen Wimperntusche und zieht ihre Arbeitsklamotten an, eine einigermaßen saubere Jeans und ein langärmeliges pflaumenfarbenes Polohemd mit Namensschild.

Zurück im Transporter, weckt sie Travis. »Ich muss zur Arbeit.«

»Okay.«

»Versuch, was zu besorgen, okay?«

»Okay.«

Ich meine, wie schwer kann das sein, Travis? Auf Staten Island bekommt man leichter H als Gras. Es ist überall. Die Hälfte der Leute, die sie kennt, sind User.

»Und park um«, sagt Jacqui.

»Wohin?«, fragt Travis.

»Keine Ahnung, irgendwohin.«

Sie steigt aus und nimmt den Bus zum Starbucks in der Page Avenue. Sie hofft, der Geschäftsführer kriegt nicht mit, dass sie fünf Minuten zu spät kommt, denn das wäre schon das dritte Mal in den letzten zwei Wochen, und sie braucht den Job wirklich.

Sie muss ihr Handy, Benzin und Lebensmittel bezahlen, und inzwischen braucht sie fünfzig Dollar jeden Tag, nur um einigermaßen fit zu werden, von high mal ganz zu schweigen.

Das ist ein Zug, der immer schneller fährt.

Und es gibt keine Haltestellen zum Aussteigen.


Keller steigt am DuPont Circle schwitzend aus der Metro.

Der Sommer in Washington ist wie immer drückend heiß und schwül. Blumen lassen schlaff die Köpfe hängen, Energien und Ambitionen schwinden, heiße Nachmittage gehen über in kaum weniger heiße Nächte, die keine Erleichterung bringen. Keller fällt wieder ein, dass die Hauptstadt auf einem trockengelegten Sumpf errichtet wurde und der alte George diesen Standort gewählt hatte, um sich vor schlechten Immobilieninvestitionen zu schützen.

Der Sommer war insgesamt hässlich gewesen.

Im Juni war eine radikal islamistische Gruppe mit dem Namen ISIS in Syrien und Irak aufgetaucht, ihre Gräueltaten machten denen der mexikanischen Drogenkartelle Konkurrenz.

Im mexikanischen Veracruz wurden einunddreißig Leichen auf einem Grundstück geborgen, das dem ehemaligen Bürgermeister der Stadt gehörte.

Die mexikanische Armee lieferte sich ein Feuergefecht mit den Guerreros Unidos und tötete zweiundzwanzig von ihnen. Später hieß es, die Narcos seien in eine Scheune gebracht und einfach hingerichtet worden.

Auch nach Barrera hört die Gewalt in Mexiko nicht auf.

Im kalifornischen Muriete umstellten im Juli circa dreitausend Flaggen und Transparente schwingende Demonstranten, die »USA, USA«-Sprechchöre anstimmten und »Haut ab!« schrien, drei Busse mit Einwanderern aus Zentralamerika – unter ihnen zahlreiche Kinder – und zwangen diese kehrtzumachen.

»Ist das Amerika?«, fragte Marisol, als sie mit Keller die Nachrichten im Fernsehen sah.

Zwei Wochen später nahmen Polizisten des NYPD auf Staten Island einen Schwarzen namens Eric Garner in den Schwitzkasten und töteten ihn. Garner hatte illegal Zigaretten verkauft.

Im August erschoss ein Polizist in Ferguson, Missouri, den achtzehnjährigen Afroamerikaner Michael Brown und löste damit tagelange, gewalttätige Unruhen aus. Keller fühlte sich an die »langen heißen Sommer« der Sechzigerjahre erinnert.

Im selben Monat beschuldigte der potenzielle Präsidentschaftskandidat John Dennison die Regierung Obama – ohne auch nur den geringsten Beleg anzugeben, von Beweisen ganz zu schweigen –, Waffen an ISIS verkauft zu haben.

»Ist der noch ganz bei Trost?«, fragte Marisol.

»Er wirft einfach so lange Dreck an die Wand, bis was hängen bleibt«, sagte Keller.

Er kennt das aus eigener Erfahrung – Dennison hatte auch ihn schon mit Dreck beworfen. Anlass war Kellers Plädoyer für Naloxon gewesen.

»Ist es nicht eine Schande«, hatte Dennison gesagt, »dass der Direktor der Drogenbekämpfungsbehörde es mit Drogen nicht so genau nimmt? Er ist schwach. Das ist nicht gut. Stammt seine Frau nicht aus Mexiko?«

»Aber wo er recht hat, hat er recht«, sagte Marisol. »Ich stamme aus Mexiko.«

Die konservativen Medien griffen den Kommentar auf.

Keller war wütend, dass Marisol mit hineingezogen wurde, gab aber keine Stellungnahme ab. Dennison kann nicht Tennis mit mir spielen, dachte er, wenn ich den Ball nicht zurückschlage. Trotzdem startete er einen neuen Angriff, als Keller auf Nachfrage der Huffington Post erklärte, hinsichtlich einer Änderung der Höchststrafen für Drogenvergehen vertrete er dieselbe Auffassung wie die Regierung.

»Jämmerlich«, twitterte Dennison. »Der Direktor der DEA will Drogendealer wieder auf die Straße schicken. Der schwache Obama sollte sagen: ›Sie sind gefeuert!‹«

Was anscheinend eine Art Slogan war, den Dennison in seiner Reality-TV-Show, die Keller nie gesehen hatte, ständig brachte.

»Irgendwelche B-Promis machen Erledigungen für ihn«, hatte Mari ihm erklärt. »Und jede Woche wird derjenige gefeuert, der sich am blödesten angestellt hat.«

Keller weiß nicht mal, was ein »B-Promi ist«, Mari aber schon – inzwischen ist sie ungeniert süchtig nach Real Housewives. Sie hatte ihm erklärt, dass es Real Housewives aus Orange County, New Jersey, New York und Beverly Hills gibt, sie gehen zusammen essen gehen, betrinken und beschimpfen sich.

Am liebsten hätte er vorgeschlagen, »Real Housewives of Sinaloa« zu drehen – ein paar davon kannte er persönlich – und zu zeigen, wie sie gemeinsam essen, streiten und gegenseitig mit Maschinengewehren niedermähen, aber klugerweise hatte er doch lieber den Mund gehalten – Marisol kann schnell eingeschnappt reagieren, wenn es um amerikanische Trashkultur geht.

Schlimmer aber ist, dass er mit seinen Bemühungen, die DEA auf eine progressivere Politik hin auszurichten, auf großen Widerstand innerhalb der Behörde stößt.

Keller kann das verstehen.

Ursprünglich war auch er ein Glaubensverfechter, ein echter Hardliner gewesen. In Bezug auf die Kartelle, die das Heroin, das Koks und das Meth ins Land bringen, ist er es geblieben. Aber er ist auch Realist. Was wir jetzt tun, funktioniert nicht, deshalb wird es Zeit, etwas anders zu machen, aber es ist schwer, die anderen davon zu überzeugen, die genauso wie er ihr Leben lang im Krieg gegen die Drogen gekämpft haben.

Bill Howard greift Kellers Aussagen auf, als wären es Steine, und bewirft ihn damit. Wie Keller wurde er aus parteipolitischen Gründen berufen und betreibt Lobbyarbeit in und außerhalb der DEA, achtet darauf, dass potenzielle Unterstützer im Weißen Haus und in den Medien wissen, dass er mit seinem Vorgesetzten nicht einer Meinung ist.

Das spricht sich rum.

Zwei Tage später erscheint in Politico ein Artikel über die »Fraktionsbildung« innerhalb der DEA. Darin wird behauptet, die Agentur sei in eine »Keller-Fraktion« und eine »Howard-Fraktion« gespalten.

»Es ist kein Geheimnis, dass sich die beiden Männer nicht leiden können«, steht dort, »aber das Problem ist eher ein weltanschauliches als ein persönliches. Art Keller ist ein Liberaler und arbeitet auf eine Lockerung der Betäubungsmittelgesetze hin, die Mindeststrafen sollen gesenkt und der Schwerpunkt stärker auf Rehabilitierung denn auf Strafverfolgung gelegt werden. Howard ist Hardliner in Bezug auf Strafverfolgung, vertritt als Konservativer die Ansicht, man solle ›alle einsperren und den Schlüssel wegwerfen‹.«

Laut Artikel hätten sich um diese beiden Positionen herum Fraktionen gebildet.

»Aber es ist komplizierter, denn es handelt sich nicht nur um eine politische Auseinandersetzung gegensätzlicher Auffassungen«, fährt der Artikel fort. »Richtig interessant wird es erst durch das, was man vielleicht als ›empirische Kluft‹ bezeichnen könnte. Vielen der angestammten Mitarbeiter, die Howards unnachgiebigere Haltung möglicherweise unterstützen würden, fehlt es an Respekt für ihn, weil er reiner Bürokrat ist, ein Politiker, der nie draußen am Ort des Geschehens war, während Keller als erfahrener Field-Agent und ehemaliger verdeckter Ermittler den Job auf der Straße gelernt hat. Dagegen betrachten einige der jüngeren Mitarbeiter, die Kellers liberale Positionen grundsätzlich teilen, Keller als eine Art Dinosaurier, als Polizisten alter Schule, der in dem Ruf steht, ›erst zu schießen und später Fragen zu stellen‹, dem es an administrativen Fähigkeiten fehlt und der zum Schaden der eigentlichen Drogenpolitik zu viel Zeit auf einzelne Einsätze verwendet.

Möglicherweise ist der Streit aber sowieso hinfällig, da er nicht innerhalb der DEA, sondern an der Wahlurne entschieden werden wird. Sollten die Demokraten die nächsten Wahlen gewinnen, wird Keller so gut wie sicher seinen Job behalten, Howard höchstwahrscheinlich feuern und dessen Fraktion säubern. Zieht der Kandidat der Republikaner ins Weiße Haus, wird Keller so gut wie sicher seinen Hut nehmen und seinen Schreibtisch für Howard räumen müssen.«


Keller lässt sich den Verfasser des Artikels ans Telefon holen. »Mit wem haben Sie für den Artikel gesprochen?«

»Ich kann meine Quellen nicht preisgeben.«

»Das kenne ich«, sagt Keller. Marisol hat ihn gelehrt, dass Medienvertreter keine Feinde sind und er nett zu ihnen sein muss. »Aber ich weiß, dass Sie nicht mit mir gesprochen haben.«

»Ich hab’s versucht. Sie wollten nicht, dass man mich zu Ihnen durchstellt.«

»Das war ein Fehler«, sagt Keller. Oder Sabotage, denkt er. »Hören Sie, hier ist meine Handynummer. Wenn Sie das nächste Mal einen Artikel über mich und meine Behörde schreiben, rufen Sie mich an.«

»Gibt es etwas in dem Artikel, das Sie korrigieren oder kommentieren wollen?«

»Vielleicht dass ich keineswegs erst schieße und hinterher Fragen stelle«, sagt er. Das war Howard, denkt er, er sorgt für Gerüchte. »Und ich werde auch nichts und niemanden ›säubern‹.«

»Aber Sie würden Howard feuern.«

»Bill Howard wurde aus politischen Gründen berufen«, sagt Keller. »Ich könnte ihn nicht feuern, selbst wenn ich es wollte.«

»Wollen Sie?«

»Nein.«

»Darf ich das zitieren?«

»Sicher.«

Und Howard wie ein Arschloch dastehen lassen.

Keller legt auf und geht ins Vorzimmer. »Elise, hat jemand von Politico für mich angerufen?«

Er ist ein erfahrener Undercover-Ermittler, der geringste Anflug von einem Zögern in ihrem Blick verrät ihm, was er wissen muss.

»Egal«, sagt Keller. »Ich werde Sie versetzen lassen.«

»Warum?«

»Weil ich jemanden brauche, dem ich vertrauen kann«, sagt Keller. »Räumen Sie bitte bis heute Abend Ihren Schreibtisch.«

Er kann es sich nicht leisten, dass eine Howard treu ergebene Anhängerin seine Anrufe entgegennimmt.

Nicht jetzt, wo Operation Agitator angelaufen ist.

Keller gibt Informationen über Agitator nur auf das Nötigste beschränkt und an einen streng ausgewählten Kreis weiter, Zugang dazu haben nur Blair, Hidalgo und er selbst.

Bei der NYPD riskiert Mullen seinen Kopf, indem er die Operation von seinem Schreibtisch aus leitet, er hat weder seine Vorgesetzten noch sonst jemanden aus dem Drogendezernat darüber in Kenntnis gesetzt, mit Ausnahme eines einzigen Detectives – Bobby Cirello, der sie während ihrer Herointour durch New York City im Auto chauffiert hatte.

Dies gehört zu ihrer Von-unten-nach-oben-und-von-oben-nach-unten-Strategie, die Keller und Mullen in intensiven Gesprächen entwickelt haben. Cirello soll in die New Yorker Heroinszene geschickt werden, auf unterster Ebene eindringen und sich hocharbeiten. Gleichzeitig wollen sie Zugang zur Spitze der Finanzwelt bekommen und dorthin vordringen, wo sich beide überschneiden.

Agitator ist langfristig angelegt, es wird Monate dauern, wenn nicht Jahre. Keller und Mullen haben sich gegenseitig versprochen, keine vorschnellen Festnahmen oder Beschlagnahmungen durchzuführen, egal, wie verlockend das auch sein mag.

»Wir werden das Netz erst einholen«, sagte Mullen, »wenn alle Fische drin sind.«

Cirello ist bereits auf der Straße unterwegs.

Eine geeignete Person in der Finanzwelt zu finden, hat länger gedauert.

Dort können sie keinen verdeckten Ermittler einschleusen, weil die Lernkurve auf der Ebene, auf die sie es abgesehen haben, viel zu steil wäre und es zu lange dauern würde.

Das heißt, sie müssen jemanden umdrehen und zum Spitzel machen.

Das ist unschön, aber was sie brauchen, ist ein Opfer. Wie Raubtiere suchen sie in der Herde nach demjenigen, der am angreifbarsten ist, nach einem Verletzten oder Schwachen.

Braucht man Informanten in der Drogenszene, funktioniert das genauso, man sucht jemanden, der geschwächt ist oder in Schwierigkeiten steckt.

Angreifbar sind Menschen immer auf denselben Gebieten.

Immer wenn Geld, Wut, Angst, Drogen oder Sex ins Spiel kommen.

Geld ist am einfachsten. Jemand hat Stoff auf Pump bekommen, wurde überfallen oder übers Ohr gehauen. Jetzt hat er einen Riesenberg Schulden, die er nicht bezahlen kann. Verspricht man ihm Geld oder Schutz, lässt er sich umdrehen.

Wut. Jemand bekommt nicht, was er will, den Deal, auf den er es abgesehen hatte, oder den Respekt, den er verdient zu haben glaubt. Die eigene Frau oder Freundin wird von einem anderen gevögelt. Oder noch schlimmer, der Bruder oder Freund wird getötet. Wenn der Geschädigte alleine nicht die Macht hat, sich zu rächen, geht er zur Polizei, damit diese ihm dabei hilft.

Angst. Jemand hört, dass er auf der Liste steht, zum Abschuss freigegeben wurde. Er kann nirgendwohin außer zu den Bullen. Aber er darf nicht mit leeren Händen kommen, das Gesetz schützt niemanden aus reiner Güte. Er muss Informationen vorlegen oder sich verkabeln lassen. Oder die Angst vor dem Gefängnis – eins der häufigsten Motive für Verräter. Die Bundespolizei hat sich diese Angst zunutze gemacht, um der Mafia das Handwerk zu legen – denn die meisten Männer können die Angst nicht ertragen, im Knast zu sterben. Es gibt nur wenige, die damit klarkommen – John Cozzo, Rafael Caro –, aber solche sind selten.

Drogen. Früher galt im organisierten Verbrechen als unumstößliches Gesetz, dass, wer selbst Drogen nimmt, tot ist. Drogen machen unberechenbar, gesprächig, angreifbar. High oder betrunken sind Menschen zu allen möglichen abgefuckten Sachen fähig. Sie verspielen sinnlos Geld, fangen Streitereien an, bauen Autounfälle. Und ein Süchtiger? Will man Informationen von einem Süchtigen bekommen, muss man ihm nur die Drogen entziehen. Er macht sofort den Mund auf.

Und Sex.

Sexuelle Übergriffe sorgen in der Drogenszene kaum für Aufsehen – es sei denn, man legt jemandes Frau, Freundin, Tochter oder Schwester flach, oder man ist schwul –, in der zivilen Welt dagegen steht Sex in der Liste der potenziellen Schwachstellen unangefochten auf Platz eins.

Männer, die ihren Frauen bereitwillig beichten, dass sie bei der Steuererklärung geschummelt und Millionen unterschlagen oder vielleicht sogar jemanden ermordet haben, werden nicht zugeben, dass sie nebenher was laufen haben. Männer, die Wert darauf legen, ihren Kumpels mitzuteilen, dass sie echte Aufreißer sind – dass sie’s mit Freundinnen, Geliebten, Nutten und teuren Callgirls treiben –, würden lieber sterben, als zuzulassen, dass dieselben Kumpels erfahren, dass sie heimlich in die Dessous besagter Freundinnen schlüpfen, das Make-up ihrer Geliebten benutzen, den Nutten oder Callgirls was extra dafür geben, dass sie ihnen den Hintern versohlen oder auf sie urinieren.

Je abgefahrener der Sex, desto angreifbarer die Zielperson.

Geld, Wut, Angst, Drogen und Sex.

Was Keller sucht, ist eine Kombination aus allem. Mischt man die Zutaten, hat man das ideale Opfer.


Hugo Hidalgo nimmt ein Taxi von der Penn Station zum Four Seasons Hotel.

Er verbringt jetzt den Großteil seiner Zeit in New York, denn das ist der neue Hauptumschlagplatz für Heroin, und um es mit Willie Sutton zu sagen: »Weil hier das Geld ist.«

Mullen erwartet ihn im Wohnzimmer seiner Penthouse-Suite.

Auf einem der Polstersessel sitzt ein Mann, Hidalgo schätzt ihn auf Anfang dreißig. Sein sandfarbenes Haar ist glatt zurückgekämmt, wenn auch ein kleines bisschen zerzaust, als wäre er mit den Fingern durchgefahren.

Er trägt ein teures weißes Hemd und eine schwarze Anzughose, aber er ist barfuß.

Er stützt die Ellbogen auf die Knie, hat das Gesicht in den Händen.

Hidalgo kennt die Körperhaltung.

Es ist die einer Person, die bei etwas erwischt wurde.

Hidalgo schaut Mullen an.

»Chandler Claiborne«, sagt Mullen. »Darf ich vorstellen, Agent Hidalgo von der DEA.«

Claiborne schaut nicht auf, nuschelt aber: »Hallo.«

»Wie geht’s?«, fragt Hidalgo.

»Ihm ging’s schon mal besser«, erklärt Mullen. »Mr Claiborne hat eine Suite hier gemietet, Koks und eine Escort-Dame für tausend Dollar bestellt und dann ein bisschen, sagen wir mal, ›über die Stränge geschlagen‹. Er hat die Frau schwer verprügelt. Sie hat einen Detective angerufen, der herkam, das Koks sah und karrierebewusst genug war, mich zu verständigen.«

Endlich hebt Claiborne den Blick. Sieht Hidalgo an und sagt: »Wissen Sie überhaupt, wer ich bin? Ich bin Syndication Broker der Berkeley Group.«

»Okay …«

Claiborne seufzt wie ein Zwanzigjähriger, der seinen Eltern beizubringen versucht, wie man eine iPhone-App benutzt. »Ein Hedgefonds. Wir haben maßgebliches Kapitalinteresse an einigen der größten Bauprojekte weltweit, verfügen über zwei Milliarden Quadratmeter erstklassiger Immobilien.«

Im weiteren Verlauf zählt er Gebäude auf, die Hidalgo kennt, und auch eine ganze Reihe anderer, die er nicht kennt.

»Ich denke, Mr Claiborne will damit andeuten«, sagt Mullen, »dass er eine große Nummer mit mächtigen Geschäftsbeziehungen ist. Hab ich das korrekt zusammengefasst, Mr Claiborne?«

»Ich meine, wenn’s nicht so wäre«, sagt Claiborne, »wäre ich doch schon im Knast, oder?«

Echt dreist, der Typ, denkt Hidalgo, offensichtlich ist er es gewohnt, dass er mit jedem Scheiß davonkommt. »Was macht denn ein ›Syndication Broker‹?«

Jetzt wird Claiborne verlegen. »Wie Sie sich vorstellen können, kosten diese Immobilien Hunderte von Millionen, wenn nicht Milliarden Dollar. Keine Bank oder Kreditanstalt ist bereit, das gesamte Risiko auf sich zu nehmen. Manchmal braucht es bis zu fünfzig Gläubiger, um ein Projekt zu finanzieren. Und die bilden dann ein Syndikat. Ich stelle Syndikate zusammen.«

»Wie werden Sie bezahlt?«, fragt Hidalgo.

»Ich beziehe ein Gehalt«, sagt Claiborne, »im siebenstelligen Bereich, aber das meiste verdiene ich durch Boni. Im vergangenen Jahr waren das über achtundzwanzig Mille.«

»Mit Mille meinen Sie Millionen?«

Hidalgo verdient bei der DEA siebenundfünfzigtausend Dollar jährlich.

»Ja, natürlich«, sagt Claiborne. »Hören Sie, es tut mir leid, ich habe mich hinreißen lassen. Ich zahle ihr, was sie verlangt, im Rahmen des Vertretbaren, versteht sich. Und wenn ich vielleicht der Polizeistiftung etwas spenden dürfte oder …«

»Ich glaube, er versucht gerade, uns zu bestechen«, sagt Mullen.

»Ich glaube auch«, sagt Hidalgo.

Mullen sagt: »Schauen Sie mal, Chandler … ich darf doch Chandler sagen?«

»Sicher.«

»Schauen Sie, Chandler«, sagt Mullen. »Dieses Mal können Sie sich nicht mit Geld rauskaufen. Geld ist nicht die Währung, die in meinem Reich zählt.«

»Was ist denn dann Ihre Währung?«, fragt Claiborne. Er ist zuversichtlich, dass es eine Währung gibt – es gibt immer eine.

»Der Schwachkopf kommt uns blöd«, sagt Mullen. »Ich glaube, er ist es nicht gewohnt, sich von einem Iren oder einem Mexikaner etwas sagen zu lassen. Das ist in diesem Fall hier aber leider nicht die richtige Einstellung, Chandler.«

Claiborne sagt: »Ich kann auch bestimmte Leute anrufen … ich kann ohne Weiteres John Dennison auf seinem Privathandy erreichen, jetzt sofort.«

Mullen schaut Hidalgo an. »Er kann John Dennison auf seinem Privathandy erreichen.«

»Jetzt sofort«, sagt Hidalgo.

Mullen bietet ihm sein Handy an. »Rufen Sie ihn an. Ich sage Ihnen, was dann passiert: Wir fahren direkt zum Staatsanwalt, zeigen Sie wegen Besitzes und Missbrauchs von Drogen an, wegen Aufforderung zur Unzucht, schwerer Körperverletzung und versuchter Bestechung. Vermutlich wird Ihr Anwalt Sie raushauen, bevor wir Sie nach Rikers bringen, aber man weiß nie. Auf jeden Fall werden Sie’s morgen in der Post und der Daily News nachlesen können. Die Times braucht wahrscheinlich einen Tag länger, zieht aber bestimmt nach. Also rufen Sie an.«

Claiborne nimmt das Handy nicht. »Gibt es Alternativen?«

Im Prinzip hat Claiborne natürlich recht, denkt Hidalgo. Wäre er irgendein dahergelaufener Wichser, wäre er längst beim Staatsanwalt. Er weiß, dass es Alternativen gibt – für reiche Leute gibt es immer Alternativen, so funktioniert das nun mal.

»Agent Hidalgo ist aus Washington gekommen«, erklärt Mullen. »Er interessiert sich sehr dafür, wie Drogengelder Eingang ins Bankwesen finden. Ich auch. Wenn Sie uns dabei helfen würden, die Zusammenhänge besser zu verstehen, wären wir möglicherweise bereit zu verhindern, dass es zu einer Verhaftung und Anzeige kommt.«

Hidalgo denkt, Claiborne ist bereits so weiß im Gesicht, wie man nur weiß sein kann, aber jetzt wird er noch weißer.

Wie ein Geist.

Volltreffer.

»Ich denke, ich lasse es lieber drauf ankommen«, sagt Claiborne.

Hildalgo hört, was Claiborne nicht gesagt hat. Er hat nicht gesagt: »Ich weiß nichts über Drogengelder.« Er hat nicht gesagt: »Damit haben wir nichts zu tun.« Stattdessen hat er gesagt, dass er’s lieber drauf ankommen lässt, und das bedeutet, dass er Leute kennt, die mit Drogengeldern zu tun haben, und er vor denen größere Angst hat als vor ihnen.

»Wirklich?«, fragt Mullen. »Okay. Vielleicht bieten Ihre Leute dem Callgirl ja Geld an, und sie lässt die Anzeige wegen schwerer Körperverletzung fallen, Sie engagieren einen teuren Anwalt, und vielleicht, aber auch nur vielleicht, kann er verhindern, dass Sie wegen Koksbesitzes in den Knast wandern. Aber bis es so weit ist, ist es sowieso zu spät, weil Ihre Karriere längst im Arsch sein wird, genauso wie Ihre Ehe. So oder so, Sie sind im Arsch.«

»Ich werde Sie wegen falscher Anschuldigungen anzeigen«, sagt Claiborne. »Ich werde Ihre Karriere zerstören.«

»Da habe ich schlechte Neuigkeiten für Sie«, sagt Mullen. »Meine Karriere ist mir scheißegal. Jugendliche sterben vor meinen Augen. Mich interessiert nur, wie ich verhindern kann, dass weiter Drogen ins Land strömen. Verklagen Sie mich ruhig. Ich hab ein Haus in Long Island City, das können Sie haben – wobei das Dach undicht ist, wenn ich ganz ehrlich bin.«

»Ich sage Ihnen jetzt mal, wie wir das machen – in circa dreißig Minuten kommt eine Kollegin her. Sie nimmt Ihre Aussage auf, die aus einem vollständigen und unzweideutigen Geständnis bestehen wird. Außerdem wird sie eine kurze schriftliche Vereinbarung aufsetzen, in der Sie Ihre Bereitschaft zur Mitarbeit erklären, die Einzelheiten können Sie gleich noch mit Agent Hidalgo besprechen. Oder aber sie formuliert den Text für die Anzeige mit der gesamten Bandbreite an Vergehen, und anschließend fahren wir alle zusammen ins Präsidium und treten einen Krieg los. Aber, Verehrtester, ich sage Ihnen lieber gleich – und ich bitte Sie, mir das zu glauben –, ich bin niemand, mit dem Sie sich anlegen sollten, weil ich auch noch meine allerletzte Kamikazemission gegen Ihr Flaggschiff fliegen werde. Sie haben eine halbe Stunde, um es sich zu überlegen.«

Hidalgo und Mullen treten hinaus in den Gang.

»Ich bin beeindruckt«, sagt Hidalgo.

»Ahhhh«, sagt Mullen. »Die Nummer ist alt. Ich kann sie auswendig.«

»Wissen Sie, worauf wir uns da einlassen?«

Weil Claiborne nicht ganz unrecht hat. Legt man sich mit Leuten an, die Milliarden auf dem Konto haben, schießen die zurück. Und ein John Dennison ist in der Lage, sehr heftig zurückzuschießen.

»Ihr Chef hat gesagt, er ist bereit, die Sache bis zum Ende durchzuziehen«, sagt Mullen. »Wenn das Blödsinn war, dann will ich es jetzt wissen, damit ich ihm in den Arsch treten kann.«

»Ich ruf ihn an.«

Mullen geht wieder rein zum Babysitten.

Hidalgo hängt sich ans Telefon und bringt Keller auf den aktuellen Stand: »Bist du sicher, dass du das machen willst?«

»Allerdings.«

Keller ist sich sicher.

Höchste Zeit, loszuschlagen.


Eddie Ruiz, auch bekannt als »Crazy Eddie«, zieht die Spülung der an die Betonwand gedübelten stählernen Kloschüssel. Dann schiebt er eine leere Klorolle in den Abfluss und bläst rein, senkt damit den Wasserstand. Danach nimmt er die Schaumstoffmatratze von der Betonplatte, die sein Bett ist, klappt sie zusammen, legt sie aufs Klo und presst rhythmisch, als wollte er sie wiederbeleben. Dann zieht er sie von der Schüssel, steckt drei ineinandergeschobene Klorollen in den Abfluss, legt den Mund an die oberste und brüllt: »¡El Señor!«

Er wartet ein paar Sekunden, dann hört er: »Eddie! ¿Que pasa, m’ijo?«

Eddie ist nicht der Sohn von Rafael Caro, aber er freut sich, dass der alte Drogenbaron ihn so nennt, vielleicht betrachtet er ihn ja sogar ein bisschen als seinen Sohn.

Caro sitzt praktisch seit der Eröffnung 94 in Florence, war einer der ersten Gäste des Supersicherheitsgefängnisses. Eddie ist echt beeindruckt – Rafael Caro sitzt seit 1994 allein in einer zwei mal dreieinhalb Meter großen Betonkiste – Betonbett, Betontisch, Betonhocker –, und er hat trotzdem noch alle Tassen im Schrank.

Kurt Cobain fährt auf Zimmertemperatur runter, Caro sitzt in seiner Zelle. Bill Clinton lässt sich die Zigarre rauchen, Caro sitzt in seiner Zelle. Verfluchte Windelköpfe fliegen mit Flugzeugen in Hochhäuser, wir erobern das falsche Scheißland, ein Schwarzer wird zum Präsidenten gewählt, Caro sitzt in demselben zwei mal dreieinhalb Meter großen Loch.

Dreiundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

Scheiße, denkt Eddie, ich war vierzehn Jahre alt, Erstsemester an der Highschool, hab in der Penthouse die Briefe gelesen und mir dabei einen runtergeholt, da haben sie die Tür hinter Caro zugeknallt, und jetzt ist er immer noch hier und immer noch fit in der Rübe. Der verstorbene Rudolfo Sanchez hat bloß achtzehn Monate gesessen und schon den Verstand verloren. Ich komme demnächst ins zweite Jahr und bin kurz vorm Durchdrehen. Könnte ich nicht durch das »Klophon« mit Caro reden, wär ich’s wahrscheinlich schon längst.

Caro ist immer noch hellwach und auf Zack – Eddie versteht, wieso er früher mal ein wichtiger Akteur im Drogenhandel war. Caro hatte nur einen einzigen Fehler gemacht – und der hat sich als verhängnisvoll herausgestellt –, er hatte in einem Rennen mit nur zwei Teilnehmern auf das falsche Pferd gesetzt – auf Guero Mendez statt auf Adán Barrera.

Kein guter Tipp, denkt Eddie.

Caro hat bekommen, was viele Feinde von Adán bekommen haben – sie wurden an die USA ausgeliefert, wo man ihn mächtig auf dem Kieker hatte, da er im Verdacht stand, am Foltermord an dem DEA-Agenten Ernie Hidalgo beteiligt gewesen zu sein. Nachweisen konnten sie es ihm nicht, also bekam er die Höchststrafe wegen Drogenhandels. Fünfundzwanzig Jahre bis lebenslänglich, statt lebenslänglich ohne Bewährung.

Aber die Bundesbehörden waren stinkig genug, ihn nach Florence zu schicken, wo Typen wie der UnaBomber, Timothy McVeigh (bevor sie ihm das Licht ausknipsten) und eine Menge anderer Terroristen untergebracht waren. Osiel Contreras, der alte Boss des Golf-Kartells, sitzt hier, ebenso wie einige andere hochkarätige Narcos.

Und ich, denkt Eddie.

Eddie Freakin’ Ruiz, der erste und einzige Amerikaner, der es je in einem mexikanischen Kartell bis ganz nach oben an die Spitze geschafft hat, warum auch immer.

Na ja, er weiß jetzt, warum.

Um vier Jahre hier zu sitzen.

Was irgendwie schon ein Problem ist, weil sich ein paar Leute fragen, darunter nicht wenige Insassen dieser Einrichtung, warum es nur vier Jahre sind.

Für jemanden von Eddies Format.

Crazy Eddie.

Der ehemalige »Narco Polo«, benannt nach den von ihm bevorzugten Herrenoberhemden. Derjenige, der die Zetas in Nuevo Laredo lahmgelegt hat, der Diego Tapias Sicarios erst gegen die Zetas und dann gegen Barrera anführte. Der Diegos Hinrichtung durch die mexikanischen Marines überlebte und anschließend seine eigene Organisation anführte, eine Splittergruppe der alten Tapia-Organisation.

Einige dieser Leute fragen sich, weshalb Eddie in die Staaten zurückging, wo er bereits wegen Drogenhandels gesucht wurde, warum er sich selbst gestellt hat und dann aber nur zwei mal zwei Jahre in einem Bundesknast bekommen hat.

Die naheliegendste Erklärung ist natürlich die, dass Eddie ein Verräter ist, dass er Freunde verraten und deshalb nur zu einer so glimpflichen Haftstrafe verurteilt wurde. Eddie hat dies mit Nachdruck verneint. »Nenn mir nur einen Einzigen, der seit meiner Verhaftung eingefahren ist. Nur einen Einzigen

Er wusste, dass es auf die Frage keine Antwort gab, weil nach seiner Verhaftung niemand festgenommen worden war.

»Und wenn ich einen Deal für mich rausgeschlagen hätte«, beharrte Eddie weiter, »glaubt ihr, dann hätte ich mich nach Florence schicken lassen? In das schlimmste Hochsicherheitsgefängnis des Landes?«

Auch darauf keine Antwort.

»Und ein Bußgeld von sieben Millionen Dollar?«, fragte Eddie. »Was zum Teufel soll das für ein Verräter-Deal sein?«

Aber das wirklich entscheidende Argument war seine Freundschaft zu Caro, weil alle wussten, dass Rafael Caro – einer, der fünfundzwanzig Jahre aufgebrummt bekommen und sich nie beschwert, geschweige denn kooperiert hatte – einen soplón nicht mit dem Arsch angucken und sich schon gar nicht mit ihm anfreunden würde.

Wenn Eddie also mit Rafael Caro dicke war, dann war er dicke mit allen.

Jetzt brüllt er durch das Rohr: »Alles gut, Señor. Und bei dir?«

»Prima, danke. Was gibt’s Neues?«

Was es Neues gibt?, denkt Eddie.

Nichts.

Hier gibt’s nie was Neues – jeder Tag ist genauso wie der vorangegangene. Man wird um sechs geweckt, bekommt etwas durch die Luke geschoben, das die als Essen bezeichnen. Nach dem »Frühstück« macht Eddie seine Zelle sauber. Andächtig, penibel. Mit der Einzelhaft wollen sie erreichen, dass man zum Tier wird, aber Eddie wird ihnen nicht dadurch entgegenkommen, dass er im Dreck lebt. Deshalb hält er sich, seine Zelle und seine Klamotten sauber und ordentlich. Wenn er alle Oberflächen in seiner Zelle abgewischt hat, wäscht er seine Klamotten im Waschbecken, wringt sie aus und hängt sie zum Trocknen auf.

Ist nicht schwer, den Überblick über die Klamotten zu behalten.

Er hat zwei orangefarbene Pullover, zwei kakifarbene Hosen, zwei Paar weiße Socken, zwei weiße Unterhosen und ein Paar Plastiksandalen.

Wenn er die Wäsche erledigt hat, trainiert er.

Einhundert Liegestütze.

Einhundert Rumpfbeugen.

Eddie ist ein junger Mann, gerade mal dreiunddreißig, und er hat nicht die Absicht, im Gefängnis alt zu werden. Er wird hier mit fünfunddreißig in Top-Form, gut aussehend und hellwach im Kopf rausspazieren.

Die meisten Jungs hier in dem Laden werden die Welt nie wiedersehen.

Sie werden in diesem Dreckloch sterben.

Wenn er mit dem Training fertig ist, duscht er meist in der winzigen Kabine in einer Ecke seiner Zelle, dann schaut er was auf seinem winzigen Schwarz-Weiß-Fernseher, den er sich durch »ausgezeichnete Führung« verdient hat – was in seinem Block eigentlich nur bedeutet, dass er nicht ununterbrochen herumbrüllt, die Wände mit Scheiße beschmiert oder versucht, die Wärter durch den Schlitz anzupissen.

Der Fernseher wird videoüberwacht und die Senderauswahl streng kontrolliert – ausschließlich informative und religiöse Programme sind erlaubt, aber ein paar von den Moderatorinnen sind einigermaßen scharf, und wenigstens hört Eddie dadurch ab und zu menschliche Stimmen.

Gegen Mittag schieben sie erneut so was wie »Essen« durch die Luke. Manchmal kommen die Wärter am Nachmittag oder am Abend, wann immer ihnen danach ist, und lassen ihn auf eine Stunde raus. Die Zeiten werden ständig variiert, weil man Regelmäßigkeiten vermeiden will, falls Eddie einen Luftangriff organisieren wollte.

Wenn sie dann tatsächlich auftauchen, stellt Eddie sich mit dem Rücken an die Tür und schiebt die Hände durch die Luke, um sich Handschellen anlegen zu lassen. Dann öffnen sie die Tür, und er kniet wie bei der Erstkommunion nieder, während sie ihm Fußfesseln anlegen und die Kette durch die Handschellen ziehen, dann führen sie ihn auf den Hof.

Was ein Privileg ist.

In seinem ersten Jahr durfte Eddie gar nicht nach draußen, sondern nur in eine überdachte, fensterlose Halle, die aussah wie ein Swimmingpool ohne Wasser. Jetzt darf er tatsächlich in einem vier mal sechs Meter großen Käfig mit massiven Betonmauern und dickem Maschendraht, der an roten Sparren befestigt ist, frische Luft schnappen gehen. Dort gibt es Klimmzugstangen und einen Basketballkorb, und wenn man sich’s mit den Wärtern nicht verscherzt hat und sie gute Laune haben, lassen sie vielleicht gleichzeitig noch ein paar andere Gefangene raus, sodass man sich unterhalten kann.

Caro darf allerdings nicht dazustoßen.

Der ist Cop-Killer, der bekommt einen Scheiß.

Normalerweise aber ist Eddie allein. Er macht Klimmzüge, wirft ein paar Körbe oder trainiert mit einem Football. Auf der Highschool in Texas war Eddie ein gefeierter Linebacker gewesen, was ein großes Ding war und ihm erstklassige Cheerleader einbrachte. Jetzt wirft er den Ball, rennt hinterher, fängt ihn, und niemand jubelt.

Früher hatte er’s geliebt, wenn sich die anderen am Ball verschluckten. Er warf ihn so fest und so punktgenau, dass denen die Luft aus den Lungen wich und sie den Ball wieder fallen ließen. Reiß ihnen das Herz aus der Brust.

Highschoolball.

Freitagabends.

Lange ist’s her.

An fünf Tagen im Monat geht Eddie nicht auf den Hof, sondern in den Gang, dann darf er eine Stunde lang telefonieren.

Normalerweise ruft er seine Frau an.

Erst die eine, dann die andere.

Das ist heikel, weil er nie offiziell von Teresa geschieden wurde, die er in den Staaten geheiratet hat, deshalb ist die Ehe mit Priscilla, die er in Mexiko geheiratet hat, theoretisch gar nicht rechtskräftig. Mit Priscilla hat er eine Tochter und einen Sohn – drei und anderthalb – und mit Teresa eine dreizehnjährige Tochter und einen zehnjährigen Sohn.

Die Familien leben, sagen wir mal, in Unkenntnis voneinander, sodass Eddie aufpassen muss, mit wem er gerade telefoniert. Es kam schon vor, dass er sich die Namen der Kinder auf die Hand geschrieben hat, um sich nicht zu versprechen oder nach den falschen zu erkundigen, was gewissermaßen echt peinlich gewesen wäre.

Genauso mit den monatlichen Besuchen.

Er muss abwechseln und entweder gegenüber Teresa oder Priscilla eine Ausrede erfinden, warum er sie in dem Monat nicht sehen kann. Das läuft dann mit der einen Frau mehr oder weniger genauso wie mit der anderen …

»Baby, ich brauch die Zeit, um mit meinem Anwalt zu sprechen.«

»Du liebst deinen Anwalt mehr als deine Frau und deine Kinder.«

»Ich muss mich mit meinem Anwalt treffen, damit ich zu meiner Frau und meinen Kindern nach Hause kann.«

Wobei es natürlich auch noch mal eine knifflige Frage wäre, in welches Zuhause und zu welcher Familie, aber die wird er sich erst in zwei Jahren stellen müssen. Eddie überlegt, ob er vielleicht Mormone werden soll, wie der Typ aus Big Love, dann könnten Teresa und Priscilla »Schwesterfrauen« sein.

Aber dafür müsste er nach Utah ziehen.

Manchmal nutzt er tatsächlich die monatliche Besuchszeit, um sich mit seinem Anwalt zu beraten. »Minimum Ben« Tompkins reist für ihn aus San Diego an, besonders jetzt, wo sein ehemals bekanntester Klient tot ist.

Eddie war dabei, als El Señor der Stecker gezogen wurde.

Aber er hat zu niemandem was gesagt. Eigentlich hätte er gar nicht da unten in Guatemala sein sollen. Er ist diesem Motherfucker Keller echt noch was schuldig dafür, dass er ihn hat Ochoa töten lassen.

Manchmal kramt Eddie die Erinnerung daran hervor, um sich die langen Stunden zu versüßen – wie er einen vollen Benzinkanister über dem Boss der Zetas ausgegossen und ein Streichholz angerissen hat. Man sagt, Rache schmeckt kalt am besten, aber in diesem Fall war sie sogar heiß sehr köstlich – er hatte zugesehen, wie Ochoa den Tod der bösen Hexe des Westens starb und genauso dabei kreischte wie diese.

Vergeltung für einen Freund von Eddie, den Ochoa seinerseits verbrannt hatte.

Eddie ist es Keller also schuldig, dass er die Klappe hält.

Aber Scheiße, denkt er, eigentlich hätten die mir einen Orden verleihen sollen, weil ich Ochoa ausgeschaltet habe, anstatt mich in Florence einzubuchten.

Und Keller auch.

Wir sind verfluchte Helden, der und ich.

Texas Rangers.

Barrera war Futter für die Ameisen, und Tompkins brauchte einen neuen Arbeitgeber, deshalb nahm er bereitwillig Eddies Anweisungen entgegen, wie mit dem Geld auf den über die ganze Welt verteilten Offshore-Konten zu verfahren sei.

Sieben Millionen Bußgeld, fick dich, Uncle Sam, denkt Eddie. Das sind Summen, wie sie mir alltäglich aus der Hosentasche in die Sofaritze fallen.

Eddie gehören vier Nachtclubs in Acapulco, zwei Restaurants, ein Autohaus und aller möglicher Scheiß, den er schon vergessen hat. Außerdem sonnt sich ein Haufen Kohle auf verschiedenen Inseln. Er muss nichts anderes tun, als seine Zeit abzusitzen, rauszuspazieren und das Leben zu genießen.

Aber vorläufig ist er noch in Florence, und Caro will wissen, was es »Neues« gibt.

Eddie ist schon klar, dass Caro nicht wissen will, was es Neues in Florence gibt, sondern draußen in der Welt, über die Eddie hin und wieder etwas erfährt, wenn er in dem Käfig spazieren geht, oder sich aufs Bett stellt und durch die Belüftungsanlage mit seinen anderen Nachbarn quatscht.

»Hast du mitbekommen, was Rudolfo Sanchez passiert ist?«, fragt Eddie.

»Ein Clown?«, fragt Caro und lacht. »Er wurde von einem Clown erschossen?«

»Schöne Scheiße, hm?«

»Wer hat das in Auftrag gegeben?«, fragt Caro.

»Die behaupten, niemand«, sagt Eddie. »Die behaupten, der Typ hatte sie nicht mehr alle und wollte seinen eigenen Stiefel durchziehen.«

Caro sagt dazu nichts, was Eddie zu verstehen gibt, dass er ihm die Lee-Harvey-Oswald-Nummer nicht abkauft. Und das geht vielen so, unter anderem Elena Sanchez. Im Gefängnis wird behauptet, sie denkt, Iván Esparza steckt dahinter.

Dann hört er Caro sagen: »Glaubst du, Nuñez kann den Laden zusammenhalten?«

»Ist ein ziemlich schlauer Typ«, sagt Eddie.

»Aber doch nicht hart genug.«

»Nein, nicht hart genug.« Eddie weiß nicht, wieso Caro sich überhaupt noch für den ganzen Scheiß interessiert. Die Narco-Welt hat ihn längst abgehängt, also wieso denkt er drüber nach? Andererseits, worüber soll er sonst nachdenken? Wahrscheinlich tut es ihm gut, wenn er sich einfach ein bisschen den Kopf über den ganzen Mist zerbricht, als wär er noch im Spiel.

Wie die alten Typen in El Paso, die hängen auf dem Football-Platz rum, erzählen sich Geschichten vom Krieg und von damals, als sie noch mitgespielt haben, streiten darüber, wen der neue Coach als Quarterback einsetzen soll.

Eddie respektiert Caro und schlägt gerne ein bisschen die Zeit mit ihm tot, und wenn der alte Mann Nuñez nicht als ersten Quarterback sieht, dann steht er mit seiner Meinung vermutlich nicht allein da. Aber Scheiße, Sinaloa hatte in den vergangenen dreizehn Jahren Tom Brady auf dem Platz, und es fällt niemandem leicht, in seine Fußstapfen zu treten.

Eddie beneidet Nuñez nicht. Sobald er die erste Entscheidung trifft, werden sie seinen Kopf fordern. Wenn er »dem Anwalt« einen guten Rat geben könnte, würde der lauten, den Ball abzugeben und auszuweichen, soll doch die Defensive das Spiel entscheiden. Das Sinaloa-Kartell ist so weit vorne, die müssen keine Punkte gutmachen, sie müssen einfach nur aufpassen, dass sie keine abgeben.

Aber Gerüchten zufolge hat Nuñez es sowieso auf die langen Bälle abgesehen.

»Ich hab gehört, er kurbelt die Chiva-Produktion an«, sagt Eddie. »Die haben ein neues Produkt, das soll der absolute Hammer sein. Hast du schon mal was von Fentanyl gehört?«

»Nein.«

»Ich auch nicht«, sagt Eddie. »Angeblich will er ganz groß mit Fentanyl ins Geschäft einsteigen.«

Eddie weiß, dass Caro das nicht gefallen wird.

Er ist ein alter gomero, er war schon dabei, als die Amerikaner in den Siebzigerjahren Napalm versprüht, die Mohnfelder vergiftet und die Bauern verjagt hatten. Caro war bei dem legendären Treffen in Guadalajara dabei gewesen, als Miguel Ángel Barrera – Barreras Onkel, der berühmte M-1 – den gomeros befohlen hatte, aus dem Heroingeschäft aus- und ins Kokaingeschäft einzusteigen. Er war dabei, als M-1 die Federación gegründet hatte.

Eddie und Caro reden noch ungefähr eine Minute irgendeinen Bullshit, aber die Kommunikation über die Abwasserrohre ist mühsam. Deshalb haben die Narcos entsetzliche Angst davor, an amerikanische Hochsicherheitsgefängnisse ausgeliefert zu werden – von dort aus ist es praktisch unmöglich, die Geschäfte zu leiten, ganz anders als aus mexikanischen Gefängnissen heraus. Hier haben sie begrenzte Besuchszeiten – wenn überhaupt –, und auch die werden überwacht und aufgezeichnet. Ebenso sämtliche Telefonate. Selbst die mächtigste Nummer eins erhält hier nur bruchstückhaft Informationen und ist kaum in der Lage, Befehle zu erteilen. Binnen kürzester Zeit bricht das System zusammen.

Und Caro sitzt schon sehr lange.

Ginge es um die Aufstellung in der NFL – er wäre Mr Bedeutungslos.


Eddie sitzt Minimum Ben gegenüber am Tisch.

Er bewundert den Anzug seines Anwalts – ein kakifarbenes Leinensakko, dazu ein blaues Hemd und eine karierte Fliege, die einen hübschen Akzent setzt. Dichtes, schneeweißes Haar, Schnauzer und Ziegenbärtchen.

Tompkins wäre Colonel Sanders, ginge es um Hühner, nicht um Drogen.

»Die Gefängnisbehörde will dich verlegen«, sagt Tompkins. »Das ist ein Standardverfahren. Du hast ein gutes Führungszeugnis hier und wirst ›herabgestuft‹.«

Bei den amerikanischen Bundesgefängnissen gibt es eine Hierarchie. Die härtesten sind die Hochsicherheitsgefängnisse wie Florence. Danach kommen die Strafanstalten, dort sitzt man zwar auch hinter dicken Mauern, aber in einem Zellenblock, nicht total isoliert in Einzelhaft. Dann gibt’s die Vollzugsanstalten, das sind Gebäude mit Schlafsälen hinter Stacheldrahtzäunen, und schließlich die Straflager mit geringer Sicherheitsstufe.

»In eine Strafanstalt«, sagt Tompkins. »Im Hinblick auf deine Vergehen, wirst du bis zu deiner Entlassung wahrscheinlich nicht mehr sehr viel tiefer rutschen. Kurz vorher vielleicht noch in eine Einrichtung mit Freigang. Du lieber Gott, Eddie, ich dachte, du würdest dich freuen.«

»Tu ich auch, aber …«

»Aber was?«, fragt Tompkins. »Du sitzt in Einzelhaft, Eddie, bist dreiundzwanzig Stunden am Tag eingesperrt. Du bekommst nie jemanden zu Gesicht …«

»Das ist es ja. Muss ich dir das erklären?« Klar, hier sitzt er in Einzelhaft, und Einzelhaft ist Kacke, aber er kommt gut damit klar, hat sich dran gewöhnt. In seiner Zelle ist er sicher, niemand kommt an ihn ran. Wenn er irgendwo in einem Zellenblock landet, könnte der Verräterverdacht doch noch voll reinknallen und ihm zum Verhängnis werden. Eddie will es nicht laut sagen, weil man nie weiß, auf wessen Gehaltsliste die Wärter stehen. »Man hat mir Schutz zugesichert.«

Tompkins senkt die Stimme. »Und den wirst du auch bekommen. Sitz deine Zeit ab, dann kommst du in ein Zeugenschutzprogramm.«

Um meine Zeit abzusitzen, muss ich sie erst mal überleben, denkt Eddie. Wenn ich verlegt werde, wandert meine Akte mit. Hier können sie die Aussageprotokolle unter Verschluss halten, aber in einer Strafanstalt? Die Wärter dort würden ihre eigene Mutter für einen Donut mit Schokoguss verkaufen. »Wohin schicken die mich denn?«

»Von Victorville war die Rede.«

Am liebsten hätte Eddie sein Gebiss verschluckt. »Weißt du, wer in Victimville das Sagen hat? La Eme. Die mexikanische Mafia. Da können die mich auch gleich nach Culiacán verlegen.«

La Eme machen Geschäfte mit allen Kartellen, außer den Zetas, dachte er, aber mit Sinaloa sind sie am dicksten. Wenn die meine Aussageprotokolle zu Gesicht bekommen, stechen sie mich durch die Augen ab.

»Wir werden dich in einer geschützten Einheit unterbringen«, sagt Tompkins.

Eddie beugt sich über den Tisch. »Hör zu – wenn die mich dort in Schutzhaft nehmen, kann ich gleich über die Lautsprecheranlage durchgeben, dass ich ein Verräter bin. Meinst du, die kommen nicht an mich ran? Du weißt doch, wie das läuft. Ein Wärter schließt die Tür nicht ab. Bevor ich mich in eine geschützte Einheit verlegen lasse, kann ich mir gleich hier die Pulsadern aufschneiden.«

»Was willst du, Eddie?«

»Bleiben, wo ich bin.«

»Das geht nicht«, sagt Tompkins.

»Wieso? Wird die Zelle gebraucht?«

»So ungefähr«, sagt Tompkins. »Du kennst doch die Gefängnisbehörde. Wenn die einmal mit dem Papierkram angefangen haben …«

»Denen ist egal, ob ich sterbe.« Dumm, so was zu sagen, und er weiß es. Natürlich ist denen egal, ob er stirbt. Im Gefängnis sterben ständig Leute, und seitens der Gefängnisverwaltung wird dies meist als Gewinn verbucht, nicht als Verlust. In der Öffentlichkeit auch. Du bist sowieso schon der letzte Dreck, und wenn dich endlich einer rausfegt, umso besser.

»Ich will sehen, was ich machen kann«, sagt Tompkins.

Eddie ist ziemlich sicher, dass Tompkins absolut nichts machen kann. Wenn seine Unterlagen mit nach V-Ville wandern, ist er tot.

»Du musst jemanden für mich anrufen«, sagt Eddie.


Am nächsten Morgen teilt Kellers neue Sekretärin ihm mit, dass Ben Tompkins am Apparat sei und ihn zu sprechen wünsche.

»Was wollen Sie?«, fragt Keller. »Gehen Ihnen nicht allmählich die Barreras aus?«

»Ich vertrete Eddie Ruiz.«

»Warum wundert mich das nicht?«

»Er möchte Sie sprechen.«

»So funktioniert das nicht«, sagt Keller. »Ich melde mich bei einem verurteilten Strafgefangenen, wenn ich mit ihm sprechen möchte, nicht umgekehrt.«

»Er behauptet, er hat wertvolle Informationen.«

»Wissen Sie, wie oft ich täglich angerufen werde, weil angeblich jemand wertvolle Informationen für mich hat?«, fragt Keller.

»Er hat keine wertvollen Informationen für Sie«, sagt Tompkins. »Er hat wertvolle Informationen über Sie.«


Keller fliegt nach Denver und fährt runter nach Fort Carson.

Eddie Ruiz hat plötzlich Bauchkrämpfe bekommen und liegt auf der Krankenstation in Florence. Von dort aus wurde er von ein paar Marshals in das Quartier der Offiziersanwärter in Carson gebracht.

Keller entlässt die Marshals. »Ich mache das schon.«

»Sir …«

»Mr Ruiz und ich kennen uns schon lange«, sagt Keller. »Warten Sie bitte draußen.«

»Sie müssen mir helfen«, sagt Eddie, als die Marshals gegangen sind. Er erzählt Keller von seiner bevorstehenden Verlegung nach Victorville.

»Was hab ich damit zu tun?«, fragt Keller.

»Das ist alles? YOYO? You’re on your own – sieh zu, wie du klarkommst?«

»Geht uns doch mehr oder weniger allen so, oder?«, sagt Keller.

»Sie drängen mich in eine Ecke«, sagt Eddie. »Sie drängen mich in eine Ecke, in der mich keiner von uns beiden haben will.«

»Drohen Sie mir, Eddie?«

»Ich bitte Sie um Hilfe«, sagt er. »Aber wenn ich keine bekomme, werde ich mir selbst helfen. Sie wissen, was das bedeutet.«

Guatemala.

Der Überfall, der niemals stattgefunden hat.

Bei dem Keller untätig zusah, wie Eddie aus Heriberto Ochoa eine lebende Fackel machte.

Anschließend war Keller in den Dschungel gegangen, um Barrera zu suchen.

Und allein wieder rausgekommen.

»Wenn Sie über bestimmte Dinge sprechen«, sagt Keller, »landen Sie schneller im Z-Wing, als Sie denken, Eddie.«

Der Z-Wing.

Im Prinzip noch viel schlimmer als das ADX Florence.

Wenn du im Z-Wing landest, hast du’s verkackt. Die ziehen dich aus, fesseln dich an Händen und Füßen, schmeißen dich rein und lassen dich liegen.

In einem schwarzen Loch.

»Meinen Sie, Sie sind zwei Jahren Z-Wing gewachsen?«, fragt Keller. »Sie kommen als sabbernder Schwachkopf wieder raus, labern allen möglichen Blödsinn, der nie passiert ist. Niemand wird Ihnen auch nur ein einziges Wort glauben.«

»Dann lassen Sie mich bleiben, wo ich bin.«

»Sie haben das nicht richtig durchdacht«, sagt Keller. »Wenn Sie in Florence bleiben, werden sich dieselben Leute, deretwegen Sie sich jetzt Sorgen machen, fragen, warum. Niemand wehrt sich gegen seine Entlassung aus der Isolationshaft, es sei denn, er ist auf Schutz angewiesen.«

»Dann lassen Sie sich was Besseres einfallen«, sagt Eddie. »Ich will ficken und nicht gefickt werden. Und nur damit Sie’s auch wirklich kapiert haben – wenn ich das nächste Mal zum Telefon greife, spreche ich nicht mit Ihnen, sondern über Sie.«

»Ich will sehen, was sich machen lässt«, sagt Keller.

»Und Sie müssen noch was für mich tun«, sagt Eddie.

»Was?«

»Ich will einen Big Mac«, sagt Eddie. »Große Pommes und Cola.«

»Sonst nichts?«, fragt Keller. »Ich dachte, ficken.«

Eddie denkt kurz nach, dann sagt er: »Danke, ich bleib erst mal beim Burger.«


Eddie hört es in der Kloschüssel klappern und weiß, dass Caro mit ihm sprechen will. Also zieht er das ganze Brimborium mit der Spülung und den Klorollen durch und hält sein Ohr ans Rohr.

»Ich hab gehört, du wirst verlegt«, sagt Caro.

Hat ja nicht lang gedauert, denkt Eddie. Caro ist besser vernetzt, als ich dachte.

»Richtig.«

»Nach Victorville.«

»Genau.«

Er hat jetzt keine so große Angst mehr vor der Verlegung, seit er einen Anruf von Keller bekam und dieser ihm mitteilte, dass seine Akte quietschsauber sei. Zwischen den Zeilen war jetzt eindeutig herauszulesen, dass Eddie nur vier Jahre bekommen hatte, weil sein Anwalt einfach überzeugender argumentiert hatte als die Staatsanwaltschaft.

»Keine Sorge«, sagt Caro. »Wir haben Freunde dort. Die werden sich um dich kümmern.«

»Danke.«

»La Mariposa«, sagt Caro.

Eine andere Bezeichnung für La Eme.

Ach du Scheiße, denkt Eddie. Caro ist immer noch voll dabei.

Caro sagt: »Ich werde unsere Gespräche vermissen.«

»Ich auch.«

»Du bist ein guter junger Mann, Eddie. Du zeigst Respekt.« Caro ist kurz still, dann sagt er: »M’ijo, ich möchte, dass du in V-Ville etwas für mich tust.«

»Was auch immer Sie wollen, Señor.«

Eddie hat keine Lust dazu, ganz egal, was es ist.

Er will nur seine Zeit absitzen und raus.

Raus aus dem Knast, raus aus dem Geschäft.

Er spielt immer noch mit der Idee, einen Film über sein Leben zu produzieren, so einer, den man als »Bio-Pic« bezeichnet, würde mit Sicherheit ein Blockbuster werden. Er müsste nur DiCaprio dafür gewinnen, dass er ihn spielt.

Aber er kann Rafael Caro nichts abschlagen. Sonst würden ihn La Eme in V-Ville auf die andere Art willkommen heißen. Entweder gleich abstechen oder links liegen lassen. Ohne Anschluss an eine Gang konnte er dort nicht überleben.

»Ich wusste, dass du das sagst«, erwidert Caro. Er senkt die Stimme, sodass Eddie kaum hört, was er sagt …

Such uns einen mayate.

Einen Schwarzen.

Aus New York.

Mit absehbarem Entlassungstermin.

»Sieh zu, dass er dir einen Gefallen schuldet«, sagt Caro. »Hast du verstanden?«

»Ja, Señor, aber warum?«

»Weil Adán Barrera recht hatte«, sagt Caro.

Heroin ist unsere Vergangenheit.

Und unsere Vergangenheit ist unsere Zukunft.

Das muss er Eddie nicht sagen.


Keller spricht vor Ben McCulloughs Ausschuss über seine Strategien zur Bekämpfung der Heroinepidemie. Er beginnt, indem er die sogenannte »Kingpin-Strategie« verwirft.

»Wie Sie wissen«, sagt Keller, »war ich einer der größten Verfechter dieser Strategie, die darauf abzielt, die Führungsspitzen der Kartelle festzunehmen oder sonst wie aus dem Verkehr zu ziehen. Grob gesagt, lässt sich unser Vorgehen im Krieg gegen den Terror so beschreiben. In Zusammenarbeit mit den mexikanischen Marines haben wir dabei außerordentlich viel erreicht, haben die Köpfe des Golf-Kartells, der Zetas und des Sinaloa-Kartells ebenso wie Dutzende hochrangiger Mitglieder und Plaza-Bosse ausgeschaltet. Nur leider hat das nichts gebracht.«

Er erklärt, dass die Marihuanaexporte aus Mexiko um fast vierzig Prozent zurückgegangen sind, Satellitenfotos und andere Geheimdienstinformationen darauf hinweisen, dass die Sinaloaner Tausende von Morgen Land auf Mohnanbau umstellen.

»Sie haben gerade gesagt, sie hätten die Führungskräfte der großen Kartelle ausgeschaltet«, wirft einer der Senatoren ein.

»Genau«, sagt Keller. »Aber mit welchem Ergebnis? Die Drogenexporte in die Vereinigten Staaten sind gestiegen. Indem wir uns am Krieg gegen den Terror orientiert haben, haben wir uns am falschen Vorbild orientiert. Terroristen übernehmen nicht die Spitzenpositionen ihrer toten Mitstreiter – die Profite im Drogenhandel aber sind so groß, dass sich immer jemand findet, der bereit ist nachzurücken. Wir haben eigentlich nicht mehr getan, als freie Stellen zu schaffen, für die es sich zu morden lohnt.«

Eine andere Strategie sei die der Abriegelung gewesen – also der Versuch, zu verhindern, dass die Drogen überhaupt über die Grenze gelangen –, auch das habe nicht funktioniert, erklärt Keller weiter. Die DEA schätzt, dass bestenfalls fünfzehn Prozent der illegalen Drogen, die über die Grenze kommen, beschlagnahmt werden, und das, obwohl die Kartelle bereits dreißig Prozent Verluste in ihre Geschäftspläne einkalkulieren.

»Warum läuft das nicht besser?«, fragt ein Senator.

»Wegen des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens, das Ihre Vorgänger erlassen haben«, sagt Keller. »Drei Viertel der Drogen kommen auf Sattelschleppern über legale Grenzübergänge – in San Diego, Laredo, El Paso –, den meistgenutzten Handelswegen der Welt. Das sind Tausende von Lastern täglich. Würden wir jeden Laster und jeden Wagen gründlich durchsuchen, könnten wir gleich den internationalen Handel verbieten.«

»Jetzt haben Sie uns erklärt, was alles nicht funktioniert«, sagt McCullough. »Was würde denn Ihrer Meinung nach etwas bringen?«

»Fünfzig Jahre lang haben wir uns vor allem bemüht, den Zustrom an Drogen in den Norden zu stoppen«, sagt Keller. »Ich würde die Prioritäten gern umkehren, mich darauf konzentrieren, den Geldfluss in den Süden zu unterbinden. Wenn kein Geld mehr zurückfließt, gibt es keinen Grund mehr, Drogen in den Norden zu schmuggeln. Wenn wir die Kartelle in Mexiko nicht zerstören können, können wir sie aber vielleicht hier in den Vereinigten Staaten aushungern.«

»Für mich klingt das nach Kapitulation«, erklärt einer der Anwesenden.

»Niemand kapituliert«, sagt Keller.

Das Gespräch findet hinter verschlossenen Türen statt, trotzdem ist er bemüht, sich möglichst unkonkret auszudrücken. Ganz bestimmt wird er nichts von Operation Agitator erzählen – wenn er in D.C. niest, sagt an der Wall Street jemand »Gesundheit«. Er vertraut den Senatoren nicht. Es steht ein Wahlkampfjahr bevor, und mindestens zwei der Männer, mit denen er es hier zu tun hat, sitzen in Wahlkomitees und sind als eifrige Lobbyisten bekannt, die auf Wahlkampfzuschüsse angewiesen sind. Und sie werden, wie er, dorthin gehen, wo das Geld ist.

Nach New York.

Blair hat ihm bereits den Tipp gegeben, dass Bill Howard mit John Dennison unter einer Decke steckt.

»Die waren zusammen in Florida in einem von Dennisons Golfclubs«, hatte Blair erklärt.

Und Keller kann sich denken, was dort im Vereinsheim auf der Speisekarte stand.

Dennison spielt noch immer mit dem Gedanken, sich als Präsidentschaftskandidat aufstellen zu lassen, und hat getwittert: »DEA-Chef will Drogendealer aus dem Gefängnis entlassen! Eine Schande!«

Na schön, denkt Keller, dann will ich eben ein paar Drogendealer aus dem Gefängnis entlassen. Aber er kann es nicht gebrauchen, dass Howard aus dem Nähkästchen plaudert. Nach der Anhörung krallt er sich McCullough im Gang und sagt, dass er Howard loswerden möchte.

»Sie können ihn nicht feuern«, sagt McCullough.

»Aber Sie.«

»Nein, ich auch nicht«, sagt McCullough. »Er steht bei der Tea Party hoch im Kurs, und ich muss mich bei den kommenden Wahlen auf einen Rechtsruck gefasst machen. Ich kann die Wahlen nicht gewinnen, wenn ich die Vorwahlen verliere. Howard wird Ihnen erhalten bleiben.«

»Er hintergeht mich.«

»Was Sie nicht sagen«, erwidert McCullough. »So macht man das hier in der Stadt. Am besten begegnen Sie ihm, indem Sie Ergebnisse vorlegen.«

Er hat recht, denkt Keller.

Zurück im Büro, ruft er Hidalgo zu sich.

»Wie läuft es mit Claiborne?«

»Bislang hat er uns nur Mist verraten«, sagt Hildalgo. »Dass ein bestimmter Broker kokst oder irgendein Hedgefondsmanager voll auf …«

»Das reicht nicht«, sagt Keller. »Du musst mehr Druck ausüben.«

»Mach ich.«

Am unteren Ende läuft Agitator gut – Cirello steigt die Leiter nach oben. Aber oben stagniert es – Claiborne, dieses miese Stück Scheiße, denkt, er kann uns mit ein paar Krümeln hier und da abspeisen.

Wir müssen ihm auf die Sprünge helfen, ihn zwingen, echte Informationen rauszurücken.

Ab jetzt gibt es keine Freifahrten mehr.

Entweder er zahlt den vollen Preis, oder er steigt aus.


Sie treffen sich im Zug.

»Wofür halten Sie uns, Chandler, für blöde Arschlöcher?«, fragt Hidalgo. »Meinen Sie, Sie können uns mit Kleinkram abspeisen und einfach weitermachen wie vorher?«

»Ich geb mir ja Mühe.«

»Nicht genug.«

»Was wollen Sie von mir?«, fragt Chandler.

»Bringen Sie uns etwas, das wir verwenden können«, sagt Hidalgo. »Die Kollegen in New York haben die Schnauze voll von Ihrem Getue. Die werden die Staatsanwaltschaft einschalten.«

»Das können die nicht machen«, sagt Claiborne. »Wir haben einen Deal.«

»Den Sie nicht erfüllen.«

»Ich hab mein Bestes getan.«

»Einen Scheiß haben Sie«, sagt Hidalgo. »Sie haben mit uns gespielt. Wenn Sie sich für so viel schlauer halten als die dämlichen Cops, die ihre Anzüge von der Stange kaufen, dann haben Sie wahrscheinlich sogar recht. Sie sind so schlau, dass Sie direkt in eine Zelle wandern. Der Zimmerservice in Attica wird Ihnen gefallen, Motherfucker.«

»Geben Sie mir noch eine Chance.«

»Sie haben Ihre Chance gehabt. Wir sind fertig miteinander.«

»Bitte.«

Hidalgo tut, als müsste er darüber nachdenken. Dann sagt er: »Na schön, ich will telefonieren, mal sehen, was sich machen lässt. Aber ich kann nichts versprechen.«

Er verlässt das Abteil und den Wagen, bleibt eine Weile im nächsten stehen. Dann kommt er zurück und sagt: »Ich hab noch ein bisschen Zeit rausschlagen können. Aber keine Ewigkeit. Geben Sie uns etwas, das uns weiterbringt, sonst stellen wir Sie in New York vor Gericht.«


Keller erhält einen Anruf von Orduña.

»Der Junge, den du suchst«, sagt Orduña, »kann sein, dass er gesehen wurde.«

»Wo?«

»Guerrero«, sagt Orduña. »Macht das Sinn?«

»Nein«, sagt Keller. Aber seit wann hat irgendwas in Zusammenhang mit Chuy Barajos schon mal Sinn gemacht?

Die Kollegen sind sich nicht sicher, dass er es ist, sagt Orduña, aber sie haben eine Gruppe radikaler Studenten an einem College in Guerrero observiert, und dabei ist ihm ein Junge aufgefallen, der am Rande mitgemischt hat und auf den die Beschreibung passt. Er hat gehört, wie einer der anderen ihn »Jesús« nannte.

Könnte jeder sein, denkt Keller. »Welches College?«

Chuy hat nicht mal die Highschool fertig gemacht.

»Warten Sie«, sagt Orduña und schaut auf seine Notizen. »Das Ayotzinapa Rural Teachers’ College.«

»Nie gehört.«

»Dann sind wir schon zu zweit.«

»Ihr Mann hat wahrscheinlich kein …«

»Schon unterwegs, cuate.«

Keller starrt auf seinen Computerbildschirm.

Du lieber Gott, die Chancen stehen …

Das Foto erscheint.

Keller sieht einen kleinen, dünnen Jungen in zerrissenen Jeans, Sneakern und einer schwarzen Basecap. Seine Haare sind lang und ungekämmt.

Das Foto ist ein bisschen verwackelt, aber es gibt keinen Zweifel.

Es ist Chuy.

5. Heroin Island

»Just sit right back and you’ll hear a tale,

A tale of a fateful trip …«

Titelmelodie Gilligan’s Island

Staten Island


New York


2014

Bobby Cirello ist vierunddreißig.

Noch jung für einen Detective.

Chief Mullen ist sein direkter Vorgesetzter, und er arbeitet schon sehr lange für ihn – vor allem undercover in Brooklyn, schon als Mullen noch Leiter des sechsundsiebzigsten Bezirks war. Später bekam Mullen den Posten bei One Police und nahm Cirello mit. Auf der anderen Seite der Brücke bekam Cirello dann die goldene Dienstmarke.

Er ist froh, nicht mehr verdeckt ermitteln zu müssen. Das ist kein Leben, immer mit Kriminellen, Junkies und Dealern abzuhängen.

Man hat einfach kein eigenes mehr.

Jetzt hat er eine kleine Einzimmerwohnung in Brooklyn Heights, von der Größe her genau richtig für ihn, schließlich muss er sie ja auch sauber und in Schuss halten, außerdem zumindest halbwegs geregelte Arbeitszeiten, wenn auch mit vielen Überstunden. Er macht seinen Job gern.

Jetzt sitzt er bei Mullen im Büro im elften Stock von One Police Plaza.

Mullen hat die Fernbedienung in der Hand und klickt sich auf dem an der Wand befestigten Fernseher durch die verschiedenen Nachrichtensender. Überall wird über den berühmten Schauspieler berichtet, der gerade an einer Überdosis gestorben ist, und überall wird von einer »Heroinflut« und einer »Heroinseuche« gesprochen, die in der Stadt tobt. Alle behaupten, die NYPD »scheint dagegen machtlos« zu sein.

Cirello weiß, dass Mullen den Vorwurf »machtlos« nicht ohne Weiteres auf sich sitzen lassen wird. Ebenso wenig die Anrufe vom Polizeichef, dem Commissioner und dem Bürgermeister. Scheiße, das einzige hohe Tier, das bislang keinen Druck auf Mullen ausgeübt hat, ist der Präsident der Vereinigten Staaten, und das vermutlich nur, weil er Mullens Telefonnummer nicht zur Hand hatte.

»Jetzt haben wir also eine Heroinepidemie«, sagt Mullen. »Weißt du, woher ich das weiß? Aus der New York Times, der Post, der Daily News, The Voice, von CNN, Fox, NBS, CBS, ABC und nicht zu vergessen, Entertainment Tonight. Ganz genau, Entertainment Tonight fickt uns in den Arsch.«

»Aber da draußen sterben Menschen. Schwarze, weiße, junge, arme, reiche – der Stoff ist ein Killer, der sich an die Chancengleichheit hält. Im vergangenen Jahr hatten wir dreihundertfünfunddreißig Mordopfer und vierhundertzwanzig Herointote. Die Medien sind mir scheißegal, mit den Medien komme ich klar. Nur die Menschen, die sterben, sind mir nicht scheißegal.«

Mullen spricht das Offensichtliche aus. Als nur Schwarze in Brooklyn starben, hat sich bei Entertainment Tonight niemand dafür interessiert. Eine Epidemie haben wir erst, seitdem weiße Jugendliche in den Vorstädten und berühmte Schauspieler in Manhattan sterben.

Cirello hält die Klappe. Er hat zu großen Respekt vor Mullen, und außerdem hat der Mann ja recht.

Es sterben wirklich zu viele.

Und wir sind nur ein paar wenige Besen, die einen ganzen Ozean an Heroin ins Meer zurückfegen.

»Die Rahmenbedingungen haben sich verändert«, sagt Mullen, »wir müssen uns mit ihnen verändern. ›Kaufen und festnehmen‹ funktioniert bis zu einem gewissen Grad, greift aber viel zu kurz. Wir haben erfolgreich einige Heroin Mills ausgehoben – haben viel Heroin und sehr viel Bargeld beschlagnahmt –, aber die Mexikaner stellen einfach mehr Heroin her und bekommen dafür auch wieder mehr Bargeld. Solche Verluste rechnen die von vornherein in die Geschäftspläne ein. Wir befinden uns in einem Spiel, das wir niemals gewinnen können.«

Cirello hat geholfen, ein paar Heroin Mills auffliegen zu lassen.

Die Mexikaner bringen das Heroin über Texas nach New York, lagern es in Apartments und Häusern, hauptsächlich in Upper Manhattan und der Bronx. In diesen Mills wird das H in sogenannte dime bags umgefüllt, Tütchen für zehn Dollar das Stück, und an die Einzelhändler, hauptsächlich Gangbanger verkauft, die es dann in den einzelnen Bezirken, den kleineren Städten upstate und in New England an die User weiterdealen.

Das NYPD hat einige Mills ausgehoben – zwanzig Millionen, fünfzig Millionen Dollar beschlagnahmt –, aber das Ganze ähnelt einer Drehtür. Mullen hat recht, die mexikanischen Kartelle können jede beliebige Menge an Drogen und an Geld, die sie verlieren, einfach ersetzen.

Genauso wie die Menschen, die für sie gegen Bargeld arbeiten – Frauen aus der Gegend, die das Heroin verschneiden, und ein paar untergeordnete Manager. Die Großhändler der Kartelle sind selten persönlich vor Ort, abgesehen von den wenigen Minuten, in denen sie die Drogen abliefern.

Und es werden dauernd Drogen abgeliefert.

Mullen verständigt sich täglich mit seinen Kontakten bei der DEA, die ihm erklären, dass überall im Land dasselbe passiert – das neue mexikanische Heroin kommt über San Diego, El Paso und Laredo nach Los Angeles, Chicago, Seattle, Washington, D.C. und nach New York – auf alle wichtigen Märkte.

Und auch die weniger wichtigen.

Straßengangs übersiedeln aus den Großstädten in Kleinstädte, machen Geschäfte aus Motels heraus. Jetzt sind nicht mehr nur die Bewohner urbaner Gebiete von Opiaten abhängig, sondern auch Hausfrauen und Landwirte in der Provinz.

Auch wenn diese nicht in Mullens Zuständigkeitsbereich fallen.

Anders als New York City.

Er kommt direkt auf den Punkt. »Wenn wir die Mexikaner mit ihren eigenen Waffen schlagen wollen, müssen wir wie die Mexikaner vorgehen.«

»Ich kann nicht folgen.«

»Was haben die Narcos in Mexiko, das sie hier nicht haben?«, fragt Mullen.

Erstklassigen Tequila, denkt Cirello, sagt es aber nicht. Er sagt gar nichts – Bobby Cirello weiß, was eine rhetorische Frage ist, wenn er eine gestellt bekommt.

»Cops«, sagt Mullen. »Klar, hier gibt’s auch ein paar korrupte Polizisten, die sich das Wegschauen bezahlen lassen, selbst auf Drogen sind oder welche verkaufen, und sogar einige wenige, die als Leibwächter der Narcos fungieren, aber die sind die Ausnahme. In Mexiko sind sie die Regel.«

»Ich verstehe nicht, worauf du hinauswillst.«

»Ich will, dass du wieder verdeckt ermittelst«, sagt Mullen.

Cirello schüttelt den Kopf. Seine Undercover-Zeit ist vorbei – selbst wenn er wieder verdeckt arbeiten wollte, er könnte es gar nicht. Er ist als Cop inzwischen viel zu bekannt. Er würde innerhalb von dreißig Sekunden auffliegen, das wäre ein Witz.

Das sagt er Mullen. »Die wissen doch alle, dass ich Cop bin.«

»Genau. Ich will, dass du als Cop ermittelst«, sagt Mullen. »Als korrupter Cop.«

Jetzt sagt Cirello nichts, weil ihm nichts einfällt. Er will den Job nicht machen. Solche Aufträge sind Gift für die Karriere – wenn man einmal den Ruf hat, korrupt zu sein, bleibt der Gestank für immer an einem haften. Der Verdacht hält sich, und wenn die Beförderungslisten vorgelegt werden, steht dein Name niemals drauf.

»Ich will, dass du durchblicken lässt, dass du käuflich bist«, sagt Mullen.

»Ich bin über dreißig«, sagt Cirello. »Ich will diese Jobs nicht mehr machen. Es geht hier um mein Leben, Chief. Was du da von mir verlangst, wird alles auf den Kopf stellen.«

»Ich weiß, was ich von dir verlange.«

Cirello klammert sich an Strohhalme. »Außerdem bin ich Sergeant. Das ist schon viel zu weit oben in der Kette. Bestechliche Sergeants hat es zuletzt in den Achtzigern gegeben.«

»Auch richtig.«

»Und alle wissen, dass ich dein Mann bin.«

»Genau, das ist es ja«, sagt Mullen. »Wenn du einen findest, der dich kaufen will, lässt du durchblicken, dass du mich vertrittst.«

Du lieber Gott, denkt Cirello, ich soll verbreiten, dass das gesamte Drogendezernat korrupt ist?

»So funktioniert das in Mexiko«, sagt Mullen. »Die kaufen keine Cops, die kaufen ganze Abteilungen. Die machen mit den Chefs Geschäfte. Das ist der einzige Weg, wie wir mit den Sinaloanern in einem Raum zusammenkommen.«

Cirellos Gehirn läuft auf Hochtouren.

Das ist so verdammt gefährlich, was Mullen da vorschlägt. So viel kann schiefgehen. Wenn die Kollegen mitbekommen, dass er sich bezahlen lässt, werden sie gegen ihn vorgehen. Oder die Feds.

»Wie sieht das auf dem Papier aus?«, fragt er und meint, ob der Einsatz dokumentiert wird, sodass sie auf der sicheren Seite sind, falls was schiefläuft.

»Es gibt kein Papier«, sagt Mullen. »Niemand darf davon erfahren. Nur du und ich.«

»Und Keller?«, fragt Cirello.

»Von dem weißt du nichts.«

»Und wenn wir auffliegen, können wir nicht beweisen, dass wir clean sind.«

»Genau.«

»Wir könnten im Gefängnis landen.«

»Ich verlasse mich auf meinen guten Ruf«, sagt Mullen. »Und auf deinen.«

Ja, denkt Cirello, der wird mir enorm weiterhelfen, wenn ich an andere korrupte Bullen gerate. Was zum Teufel mache ich dann? Ich bin kein verdammter Verräter.

Mullen liest seine Gedanken. »Ich will nur die Narcos. Was dir sonst begegnet, siehst du nicht.«

»Damit verstoßen wir gegen so ziemlich jede Vorschri−«

»Ich weiß.« Mullen steht von seinem Schreibtisch auf und schaut aus dem Fenster. »Was zum Teufel soll ich machen? Mich an die Vorschriften halten und einfach zusehen, wenn Jugendliche sterben wie die Fliegen? Du bist noch zu jung, du kannst dich nicht mehr an die Aids-Epidemie erinnern, aber ich habe gesehen, wie die Stadt zum Friedhof wurde. Ich werde nicht noch mal zusehen.«

»Verstehe.«

»Ich hab sonst niemanden, Bobby«, sagt Mullen. »Du hast den Verstand und die Erfahrung dafür, und ich weiß nicht, wem ich sonst vertrauen kann. Du hast mein Wort, dass ich alles tun werde, um deine Karriere zu schützen.«

»Okay.«

»Okay, du machst es?«

»Ja, Sir.«

»Danke.«

Auf der Fahrt nach unten im Fahrstuhl fragt sich Cirello, ob er jetzt nicht total, gründlich und absolut gearscht ist.


Libby schaut ihn an und sagt: »Dann bist du also ein netter Italiener?«

»Eigentlich bin ich ein netter Grieche«, sagt Cirello.

Sie sitzen an einem Tisch bei Joe Allen, in der Nähe des Theaters, wo sie arbeitet, und futtern Cheeseburger.

»Cirello?«, fragt sie.

»In meinem Job kann’s nicht schaden, wenn man einen italienisch klingenden Namen hat«, sagt Cirello. »Nach irisch gleich das Zweitbeste. Aber das stimmt, eigentlich bin ich Grieche aus Astoria.«

Fast schon ein Klischee. Seine Großeltern waren nach dem Zweiten Weltkrieg rübergekommen, hatten sich die Ärsche aufgerissen und in der 23rd Street ein Restaurant aufgemacht, das sein Vater noch immer führt. Das Viertel ist jetzt nicht mehr griechisch, aber viele von ihnen wohnen noch dort, und auf der Straße hört man auch noch häufig, wie »Elliniká« gesprochen wird.

Cirello wollte nicht ins Restaurant einsteigen, aber zum Glück hat er einen kleinen Bruder, der Lust drauf hatte, sodass seine Eltern nicht allzu verzweifelt waren, als Bobby erst aufs John Jay College of Criminal Justice und dann auf die Polizeischule ging. Bei der Abschlussfeier waren sie sehr stolz auf ihn, auch wenn sie sich immer Sorgen machten und es nie verstanden, wenn er während seiner Undercover-Zeit mit zotteligen Haaren und Vollbart auftauchte, dünn und ausgezehrt wirkte.

Seine Großmutter hatte ihm tief in die Augen gesehen und gefragt: »Bobby, nimmst du Drogen?«

»Nein, yaya.«

Ich kaufe nur welche, dachte er. Es war unmöglich, ihnen sein Leben zu erklären. Auch deshalb sind verdeckte Einsätze so verdammt hart – niemand versteht, was man eigentlich macht, außer andere Undercover-Ermittler, und denen läuft man praktisch nie über den Weg.

»Und du bist Detective«, sagt Libby jetzt.

»Lass uns lieber über dich reden.«

Libby ist wahnsinnig schön. Knallrote Haare, von denen man behaupten könnte, dass sie »schimmern«, denkt Cirello. Eine lange Nase, ein breiter Mund und ein Körper, der alldem in nichts nachsteht. Beine länger als Landstraßen, auch wenn Cirello sich mit Landstraßen eigentlich gar nicht auskennt. Er hat Libby bei Starbucks im Village gesehen, sich umgedreht und gesagt: »Du bist bestimmt ein ›fettarmer Macchiato‹.«

»Woher willst du das wissen?«

»Ich bin Detective.«

»Aber kein sehr guter«, sagte Libby. »Ich bin ein ›fettarmer Latte‹.«

»Aber deine Telefonnummer ist 212-555-6708. Stimmt’s?«

»Stimmt nicht.«

»Das musst du mir beweisen.«

»Zeig erst mal deine Dienstmarke«, sagte Libby.

»Du willst mich doch nicht wegen sexueller Belästigung anzeigen, oder?«, fragte Cirello.

Aber er zeigte ihr seine Dienstmarke.

Und sie gab ihm ihre Telefonnummer.

Erst hatte er sie für ein Cop-Groupie gehalten, aber dann kostete es ihn ungefähr achtzehn Anrufe, bis sie bereit war, sich zu ihm an diesen Tisch zu setzen.

»Da gibt es nicht viel zu erzählen«, sagt sie. »Ich komme aus einer Kleinstadt in Ohio, hab an der Ohio State Tanz studiert. Vor sechs Jahren bin ich in die Stadt gezogen, um groß rauszukommen.«

»Und wie ist es gelaufen?«

»Geht so«, sagt sie schulterzuckend. »Immerhin bin ich am Broadway.«

Libby tanzt bei »Chicago«, und das ist, wie Cirello vermutet, wohl so etwas wie das Tänzerinnen-Pendant zu einer goldenen Dienstmarke. Sie schaut ihn mit ihren grünen Augen direkt an, sie befinden sich auf gleicher Höhe.

Cool, denkt Cirello.

Sehr cool.

»Lebst du in der Stadt?«, fragt er.

»Upper West Side«, sagt sie. »89th zwischen Broadway und Amsterdam. Und du?«

»Brooklyn Heights.«

»Ich schätze mal, geografisch ist beides nicht begehrenswert«, sagt Libby.

»Ach, ich fand Geografie schon immer überbewertet«, sagt Cirello. »Ich glaube, an den Schulen wird das schon gar nicht mehr unterrichtet. Jedenfalls arbeite ich in Manhattan, bei One Police.«

»Was ist das?«

»Das ist das Hauptquartier des NYPD«, sagt er. »Ich bin im Drogendezernat.«

»Dann sollte ich in deiner Gegenwart also lieber nicht kiffen.«

»Mir egal«, sagt Cirello. »Wenn wir nicht ab und zu kontrolliert werden würden, würde ich sogar mit dir kiffen. Darf ich dich was fragen? Hast du Mitbewohner?«

»Bobby«, sagt sie. »Ich werde heute Nacht nicht mit dir schlafen.«

»Hab ich auch gar nicht erwartet«, sagt Cirello. »Ehrlich gesagt, bin ich beleidigt. Sehe ich aus wie eine billige Hure, von der du dich auf einen Burger einladen und hinterher schamlos ausnutzen lassen kannst?«

Libby lacht.

Ein tiefes kehliges Lachen, das ihm sehr gefällt.

»Hast du denn Mitbewohner?«, fragt Libby.

»Nein«, sagt Cirello. »Ich hab eine Einzimmerwohnung, die so klein ist, dass man zum Nachdenken rausgehen muss. Aber mir gefällt sie. Ich bin nicht oft da.«

»Weil du so viel arbeitest?«

»Im Prinzip schon.«

»Woran arbeitest du gerade?«, fragt sie. »Oder darfst du mir das nicht verraten?«

»Wir wollten doch über dich reden«, sagt Cirello. »Zum Beispiel wusste ich nicht, dass Tänzerinnen Cheeseburger essen.«

»Dafür werde ich morgen eine Stunde länger trainieren müssen, aber das ist es mir wert.«

»Trainieren?«, fragt Cirello. »Ich dachte, das hast du am College gemacht.«

»Man muss trotzdem immer weiter an sich arbeiten«, sagt Libby, »um in Form zu bleiben. Besonders wenn man spätabends noch Fleischberge verschlingt, und jetzt, wo ich’s gesagt habe, merke ich, wie eklig das klingt. Was ist mit dir? Ernährst du dich gesund?«

»Nein«, sagt Cirello. »Ich ernähre mich wie ein Cop und esse das, was ich gerade auf der Straße auftreiben kann.«

»Zum Beispiel Donuts?«

»Würde meinem Täterprofil entsprechen.«

»Und was ist mit der wunderbaren griechischen Küche?«

»Die ist gar nicht so wunderbar, wenn man damit aufwächst«, sagt Cirello. »Sag’s nicht meiner Yaya, aber ich esse lieber italienisch. Oder indisch oder karibisch, egal was, Hauptsache, es ist nicht in Weinblätter eingewickelt. Aber ich hab noch eine andere Frage: ›Indians oder Reds?‹«

»Reds«, sagt Libby. »Ich steh voll auf die National League.«

»Sollte Rose in die Hall of Fame aufgenommen werden?«

»Absolut«, sagt Libby.

»Weißt du, das könnte wirklich funktionieren.«

»Mets?«

»Na klar.«

Sie klaut ihm eine Pommes vom Teller und steckt sie sich in den Mund. »Bobby, wegen der billigen Hure …«


Cirello löffelt Kaffee in den briki und dreht den Gasherd voll auf. Dann rührt er, bis Schaum aufsteigt, schenkt zwei Tassen ein und geht damit zum Bett. »Libby? Ich sollte dich wecken.«

»Oh, Scheiße«, sagt sie. »Ich muss zum Training.«

Er reicht ihr den Kaffee.

»Schmeckt wunderbar«, sagt sie. »Was ist das?«

»Griechischer Kaffee.«

»Ich dachte, du hältst nichts von der griechischen Küche.«

»Manchmal rede ich auch einfach Blödsinn …«

Sie geht ins Bad, offensichtlich geniert sie sich nicht wegen ihrer Nacktheit. Na ja, ich würde mich auch nicht genieren, denkt Cirello, bei so einem Körper. Als sie wieder rauskommt, hat sie die roten Haare zum Pferdeschwanz gebunden, trägt ein Sweatshirt und Leggings.

»Zeit, zu gehen«, sagt sie.

»Ich fahr dich.«

»Ich nehm die Subway.«

»Willst du damit sagen, dass das ein One-Night-Stand war?«, fragt Cirello.

»Sieh an, der Detective mit der großen Klappe, auf einmal wirst du ganz unsicher«, sagt sie. Sie küsst ihn auf die Lippen. »Damit will ich sagen, dass die Subway schneller ist.«

Er stürzt seinen Kaffee runter. »Komm, ich bring dich hin.«

»Wirklich?«

»Wie gesagt, ich bin ein netter Grieche.«

Oben am Eingang zur Subway sagt sie: »Trau dich nicht, mich nicht anzurufen.«

»Ich ruf dich an«, sagt Cirello.

Sie gibt ihm ein Küsschen und geht die Treppe runter.

Cirello bleibt an einem Zeitungskiosk stehen, kauft Zeitungen und geht zum Frühstück in einen Diner. Er setzt sich an einen Tisch, bestellt ein großes Käseomelett mit Roggentoast und blättert die Zeitungen durch. In jeder findet sich ein langer Artikel über den Schauspieler, der an einer Überdosis gestorben ist.

Und jetzt, denkt Cirello, muss ich die Fühler ausstrecken und mich an die Leute verkaufen, die ihn umgebracht haben.

Leichter gesagt als getan.

Diese Leute sind nicht Milliardäre geworden, weil sie Idioten sind. Denen gehören keine mexikanischen Cops, weil die da unten käuflicher sind – die gehören ihnen, weil sie genau wissen, wie sie Druck auf sie ausüben. Das Angebot lautet nicht: »Nimm’s oder lass es bleiben.«

Es lautet: »Nimm’s, oder wir bringen dich und deine Familie um.« Sie wissen, dass sie den Cops vertrauen können, die sie gekauft haben – die werden sich nicht gegen sie wenden.

Hier oben funktioniert das so nicht.

Kein Mafioso, der noch ganz klar ist im Kopf, würde einen New Yorker Cop ermorden, geschweige denn, dessen Familie bedrohen. Er weiß, dass er dann achtunddreißigtausend stinkwütende Polizisten auf den Fersen hat. Selbst wenn er seine Festnahme überlebt – was unwahrscheinlich ist –, würde ihn der irische, italienische oder jüdische Staatsanwalt für den Rest seines Lebens in das schlimmste Gefängnis der Vereinigten Staaten schicken. Noch gravierender aber wäre, das Geschäft würde darunter leiden. Die Bosse achten deshalb darauf, dass ihre Leute mit so einem Mist gar nicht erst anfangen.

Auch schwarze und lateinamerikanische Gangs hüten sich davor, einen Cop umzulegen, das würde das Ende ihrer Geschäfte bedeuten.

Polizisten werden trotzdem ermordet, das schon, viel zu viele, aber nicht vom organisierten Verbrechen.

Die Mexikaner denken nicht daran, sich Cops beim NYPD zu kaufen, weil sie nicht entsprechend abgesichert sind.

Also musst du dafür sorgen.

Er geht zum Parkhaus, holt seinen Wagen, einen Mustang GT Baujahr 2012, und fährt raus ins Resorts World Casino.


Eine Woche später sitzt er bei Starbucks auf Staten Island und hört die Barista den Titelsong von Gilligan’s Island singen.

»… with Gilligan,

the Skipper, too.

A millionaire and his wife,

A movie star,

The professor and Mary Ann,

here on Heroin Isle.«

»Du bist viel zu jung für die Serie«, sagt er.

»Wird doch ständig wiederholt«, erwidert sie. »Was darf ich Ihnen bringen?«

Er schaut auf ihr Namensschild. »Einen Latte, bitte, Jacqui.«

»Einen stinknormalen Latte?«, fragt sie. »Ohne nervige Adjektive?«

»Einfach bloß einen Latte«, sagt er und denkt, »vielleicht mit ein bisschen Smack«. Das Mädchen trägt lange Ärmel, und ihre Pupillen sehen aus, als wäre sie high. Und »Heroin Isle«? Witzig, auf eine irgendwie kranke Art, auf jeden Fall sehr zutreffend.

Staten Island ist einer der Hauptumschlagplätze für Heroin. Hier gibt es dreimal so viel Heroin wie noch vor zwei Jahren. Früher war die Droge nur im nördlichen, urbaneren Teil der Insel verbreitet, wo sie mit der Fähre aus Manhattan oder über die Brücke aus Brooklyn in die Wohnblocksiedlungen kam.

Jetzt nicht mehr.

Jetzt ist sie in den besseren Wohnvierteln angekommen, im Zentrum und dem südlichen Teil der Insel, genauso wie in den Arbeitervierteln, in denen viele Polizisten, Feuerwehrleute und Büroangestellte wohnen.

Und seien wir mal ehrlich, denkt Cirello.

Weiße Viertel.

Arbeiterviertel.

Und warum ist er jetzt hier?

Weil er weiß ist.

In Manhattan und in Brooklyn wird der Drogenhandel hauptsächlich von Banden kontrolliert. Die schwarzen und die Latinogangs dominieren die Verkäufe in und um die Wohnblocks herum, und er weiß, dass er da nicht reinkommen wird.

Nicht als weißer Cop.

Nicht mal als korrupter weißer Cop.

Aber hier draußen läuft der Drogenhandel anders – es gibt viele unabhängige Dealer, die meisten sind selbst User und verkaufen Tütchen zu zehn Dollar, die sie von den Einzelhändlern der Mafia beziehen, die den Stoff wiederum von den Mills in der Innenstadt bekommen.

Vor zwanzig Jahren, oder vielleicht auch noch vor zehn, hätte es einen möglicherweise das Leben gekostet, hätte man Heroin an weiße Jugendliche auf Staten Island verdealt, das genauso mafiös durchsetzt wie voller Bullen ist. Scheiße, hier hat Paul Calabrese höchstpersönlich gelebt, und die Mafia ist auch immer noch präsent, trotzdem hat sich etwas geändert. Die Mafia passt nicht mehr auf ihre Leute auf wie früher, und der Mythos, die Mafia würde weiße Jugendliche vor Drogen schützen, ist sowieso längst widerlegt.

Cirello hat gehört, dass inzwischen sogar John Cozzos verfluchter Enkel hier draußen Dope vertickt. Was wirklich kein Wunder ist, wenn man bedenkt, dass Cozzo Calabrese umgebracht hat, um den Weg für den Import von mexikanischem Heroin zu ebnen.

Jedenfalls weiß Cirello, dass er seinen Mann nicht in der Bronx, in Brooklyn oder in Manhattan finden wird, sondern hier auf Staten Island – auf Heroin Isle –, durch Junkies wie Jacqui hier.

Die ihn zu den Haien führen.

Er hat seinen Köder bereits ausgeworfen. Im Casino hatte er drei Tausender auf den Blackjack-Tisch gelegt und irrwitzige Summen gesetzt. Dann noch ein paar Basketballwetten hinterhergeschoben – College und Profis – und noch mal fünf Tausender gelassen. Dann war er nach Connecticut gefahren – zu Mohegan Sun and Foxwoods –, hatte noch ein paar Tausender verjubelt und betrunken rumgegrölt, damit sich bei der Mafiagemeinde Northeast herumsprach, dass ein Detective aus New York aus der Spur geraten war, zockte, verlor und soff.

Das war wie Blut im Wasser.

Jetzt trinkt er seinen Latte und sieht Jacqui bei der Arbeit hinter dem Tresen zu. Sie lächelt und macht ihren Job, wirkt aber ein bisschen zittrig, geht ein bisschen ruckartig, und Cirello weiß, dass ihr höchstens noch drei Stunden bleiben, bis sie wieder einen Schuss braucht.

Wie alt wird sie sein? Neunzehn? Höchstens zwanzig.

Was für eine Welt.

Junge Menschen rafft es dahin wie im Ersten Weltkrieg. Eltern begraben ihre Kinder. Das ist wider die Natur.

Abgesehen von diesem verflixten Auftrag, ist sein Leben jetzt eigentlich ganz schön. Seit ein paar Wochen ist er mit Libby zusammen, und bislang läuft es gut. Ihre Arbeitszeiten passen zueinander – sie kann erst spätabends oder frühmorgens, und zurzeit sind sie beide zufrieden, wenn sie sich drei Mal die Woche zu einem späten Abendessen mit anschließendem Sex verabreden. Sie stellt keine weiter reichenden Forderungen, ebenso wenig wie er.

Ganz locker.

Er trinkt seinen Kaffee aus und geht die Straße hoch zu Zio Toto.

Die Bar ist leer, und er zieht sich einen der schwarzen Hocker heran, setzt sich und bestellt einen Whiskey-Cola.

Angie ist spät dran. Cirello weiß, dass das ein Machtspiel ist.

Den anderen warten lassen.

Er kommt ungefähr fünf Minuten später.

Sollte er Stammkunde bei 24 Hour Fitness sein, dann weiß er das ziemlich gut zu verbergen, denkt Cirello. Angelo Bucci ist immer noch derselbe teigige Fettsack, der er war, als sie zusammen in Astoria die Archbishop Malloy Highschool besucht hatten. Jetzt trägt er die Haare kurz geschnitten, dazu eine Mets-Jacke mit Jeans und Slippern.

Er umarmt Cirello, setzt sich an die Bar und sagt: »Wieso zum Teufel musste ich extra aus Alabama herkommen?«

»Wohnst du jetzt nicht in Richmond?«

»Trotzdem ein weiter Weg«, sagt Angie. »Willst wohl nicht mehr mit deinen alten Freunden gesehen werden, jetzt, wo du eine goldene Dienstmarke hast? Was trinkst du da? Was ist das, Cola?«

»Mit Whiskey.«

»Ich nehm dasselbe«, sagt Angie zum Barmann, »aber nur mit Wodka. Und gib diesem mezzo-finoich auch noch eine Brause.«

Cirello zeigt auf sein leeres Glas, um anzuzeigen, dass er noch mal dasselbe nimmt. »Wie geht’s Gina?«

»Hat immer noch Haare auf den Zähnen, falls du’s wissen willst«, sagt Angie. »Die Kinder wachsen wie Unkraut. Aber du hast mich doch nicht hergebeten, um dich nach meiner Familie zu erkundigen, Bobby.«

Der Barmann bringt die Getränke. Angelo schiebt sein Kinn vor, womit er ihm bedeutet, er möge sich am anderen Ende des Tresens Beschäftigung suchen.

»Ich muss mir Geld leihen«, sagt Cirello.

»Hab ich befürchtet«, sagt Angie. »Wie viel?«

»Zwanzigtausend.«

»Scheiße, Bobby.«

»Ist nur die Schuld von St. John’s«, sagt Bobby.

»Bei wem hast du Schulden?«

»Bei niemandem«, sagt Bobby. »Ich werd bezahlt, aber ich bin pleite. Kleinscheiß wie Miete, die Raten fürs Auto, Lebensmittel …«

»Und noch mehr Wetten …«

»Ich brauch Kohle, Angie. Keine Vorträge.«

»Wenn du wirklich auf St. John’s gesetzt hast, brauchst du allerdings Vorträge«, sagt Angie. »Du lieber Gott, Bobby, ich will dir kein Geld leihen. Ich würde dir Zinsen berechnen müssen.«

»Ich weiß.«

»Und dann willst du’s wieder reinholen und verlierst noch mehr …«

»Ich verdien gutes Geld«, sagt Cirello.

»Und deshalb kommst du zu mir …«, sagt Angie.

»Na ja, ich dachte, du bist mein Freund.«

»Bin ich auch«, sagt Angie. »Deshalb will ich nicht, dass du das Loch, in dem du steckst, noch tiefer gräbst und …«

»Und was?«

»Wie soll ich das formulieren, Bobby?«, sagt Angie. »Einem Detective vom NYPD Geld leihen … wenn du’s mir nicht zurückzahlst, wie soll ich’s mir holen? Ich meine, ich kann ja wohl schlecht Druck auf dich ausüben, oder?«

»Erstens«, sagt Cirello, »werde ich’s zurückzahlen. Und wenn nicht, gibst du einfach denen von der Dienstaufsicht einen Tipp, dann ist meine Karriere im Arsch. Das ist ja wohl ein super Druckmittel.«

»Kann sein. Daran hab ich nicht gedacht.«

»Gut, dass ich auch noch da bin.«

»Na ja, geht so«, sagt Angie. »Okay, dreißig Tage zu zwanzig Prozent Zinsen jeden Freitag, so regelmäßig, wie der Priester seinen Messdiener verführt. Zahlst du nicht, schlagen wir den Zinseszins drauf.«

»Angie, ich weiß, wie das funktioniert.«

»Ich lebe von Zockern«, sagt Angie. »Die sind mein täglich Brot, dank der Zocker kann ich meine Kinder ernähren und kleiden. Aber ich will nicht von dir leben, Bobby. Scheiße, was soll ich deiner Yaya sagen? Wie geht’s ihr überhaupt?«

»Gut. Streitsüchtig wie immer.«

»Ich sollte mal vorbeischauen und Hallo sagen«, sagt Angie. »Das letzte Mal ist viel zu lange her.«

»Sie würde sich freuen, dich zu sehen.«

Angie steht auf, trinkt aus. »Muss zum Training der Little League, ob du’s glaubst oder nicht. Hast du draußen geparkt?«

»Unten an der Ecke.«

»Komm mit raus.«

Sie gehen zu Angies schwarzem Landrover. Cirello steigt auf der Beifahrerseite ein. Angie macht das Handschuhfach auf und nimmt einen Stapel Hundertdollarscheine raus und zählt zwanzigtausend ab. »Lass mich nicht hängen, Bobby.«

»Mach ich nicht.«

»Soll ich dich mitnehmen bis zu deinem Wagen?«

»Steht doch gleich vor Starbucks.«

»Okay«, sagt Angie. »Dann bis Freitag. Pier 76, das ist eine Bar in St. George. Kennst du die?«

»Werd sie finden.«

»Siebzehn Uhr. Komm nicht zu spät.«

»Das bleibt doch unter uns, Angie, oder?«

»Natürlich«, sagt Angie und guckt gekränkt. »Was denkst du denn?«

Cirello steigt aus dem Wagen und weiß genau, was als Nächstes passiert – Angie spaziert schnurstracks zu seinen Bossen und prahlt damit, dass er einen Detective vom NYPD am Haken hat. Sie werden ihn fragen, wo er arbeitet, und er wird ihnen verraten, dass es das Drogendezernat ist. Die Bosse werden die Information abspeichern. Weil sie das nun mal so machen.

Für Cops und Kriminelle sind Informationen Gold wert.

Cirello geht zu seinem Wagen zurück und setzt sich rein.

Und das ist das, was ich mache. Denkt er. Ich sitze rum. Polizeiarbeit besteht zu einem großen Anteil daraus, herumzusitzen und zu warten, dass was passiert. Manchmal passiert was, manchmal aber eben auch nicht.

In Bezug auf Jacqui hat er allerdings so eine Ahnung.

Sie wird sich Stoff besorgen, und zwar bald.

Was normalerweise kein großes Ding wäre – ein paar Tausend Süchtige gehen sich Stoff besorgen, und eigentlich ist das eine Sache für die Kollegen von der Streife oder auch die Zivilen, wenn sie noch ein paar Festnahmen brauchen, um die Zielvorgaben zu erfüllen, die es ja angeblich gar nicht gibt.

Aber Cirello braucht eine Festnahme.

Nicht zu groß, nicht zu klein.

Jacquis Tagesdosis zu beschlagnahmen, wäre zu wenig, aber vielleicht führt sie ihn zu einem Unterhändler vom richtigen Format.

Also bleibt er sitzen und wartet.

Im Hinterhalt.

Wie der Jäger, der er geworden ist.

Ein Cop auf der Jagd nach einem Überbrückungskredit.


Jacqui hat Travis ungefähr fünfundsiebzig Mal getextet, und ihr Chef wird allmählich ungehalten.

Wo zum Teufel steckt der bloß?

Wieso antwortet er nicht wenigstens? Wenn er nichts besorgt hat, soll er mir’s wenigstens sagen, damit ich versuchen kann, Marco oder sonst jemanden zu erreichen. Sie macht ihrem Chef Zeichen, dass sie mal aufs Klo geht, und er sieht sie an, als wollte er sagen: Was, schon wieder? Sie geht aufs Klo und will gerade Marco anrufen, als endlich eine SMS von Travis kommt: »Ich fahr jetzt auf den Parkplatz. Komm raus.«

Als sie vom Klo kommt, stellt ihr Chef sich ihr in den Weg. »Bist du krank?«

»Nein, wieso?«

»Du siehst krank aus.«

»Mir geht’s gut«, sagt Jacqui.

»Mach lieber Schluss für heute«, sagt er. »Ist nicht viel los.«

»Ich brauch die Stunden.«

»Geh nach Hause, Jacqui.«

Sie geht raus auf den Parkplatz. Travis wartet im Transporter, hat am Rand geparkt. Sie steigt hinten ein, und Travis klettert über den Fahrersitz zu ihr.

»Hast du was?«, fragt Jacqui.

»Ja.«

Sie ist dabei, es aufzukochen, als es an die Tür hämmert.

»Das ist mein Scheißchef«, sagt Jacqui. »Ich mach das schon.«

Sie schiebt die Tür einen Spalt auf.

Aber es ist nicht ihr Chef. Es ist der Latte-ohne-Adjektive-Typ.

Und er hält eine Polizeidienstmarke hoch.

»Hallo, Leute«, sagt er. »Was macht ihr denn da?«


Cirello bringt seinen Spruch.

»Ihr seid beide festgenommen«, sagt er. »Ist zwar einfacher Drogenbesitz, sodass ihr wahrscheinlich vors Drogengericht kommt, aber ein paar Wochen Rikers werden es trotzdem sein, wenn ihr keine Kaution zahlen könnt, und ich vermute, das könnt ihr nicht, oder …?«

Er legt eine Kunstpause ein.

Lässt ein kleines bisschen Hoffnung aufkommen.

»Verratet mir, wer euer Dealer ist.«

Der Typ schüttelt den Kopf. Cirello hat das Kennzeichen überprüft, er weiß also bereits, dass er Travis Meehan heißt und keine Vorstrafen hat.

Der Junge tut ihm leid.

»Das geht nicht«, sagt Travis.

»Schade«, sagt Cirello, »dann wird’s euch im Knast ganz schön dreckig gehen. Liebst du das Mädchen?«

Travis nickt.

»Wenn ja«, sagt Cirello und kommt sich dabei echt scheiße vor, »dann willst du nicht wissen, was ihr in der Gemeinschaftszelle der Frauenabteilung auf Rikers alles passieren kann.«

»Wir können niemanden verraten«, sagt Jacqui.

»Ich hab’s gehört«, sagt Cirello. »Echt. Die Sache ist nur die, ich will eigentlich auch gar nicht euren Dealer haben. Ich wette, das ist ein Freund von euch, und selbst ist er auch User, oder? Kommt schon, hab ich recht?«

Die beiden nicken zerknirscht.

»Ich will eurem Freund gar nichts tun«, sagt Cirello. »Und euch will ich auch nichts tun. Ich bin hinter Leuten her, die ihr nicht mal kennt, hinter den Leuten, die eurem Freund den Stoff verkauft haben, und ich wette, das sind nicht eure Freunde.«

»Wir müssen hier leben.«

»Wenn ihr’s noch mal hierher zurückschafft«, sagt Cirello. »Aus Rikers. Ihr wart noch nie im Knast gewesen, ihr kennt das nicht. Das ist noch die Frage. Könnte so oder so ausgehen. Wenn ihr an den falschen Richter geratet und der einen schlechten Tag hat … aber hört mal, ich kann euch verstehen. Wir können das so machen, dass niemand je erfährt, dass ihr das wart. Aber wenn es unbedingt sein muss, kann ich euch auch festnehmen und auf der Straße verbreiten, dass ihr umgefallen seid. Wäre nicht gut.«

»Arschloch«, sagt Jacqui.

»Genau.«

Allmählich kommt sie auf Entzug, das kann er sehen. Alle beide.

Und er hat das überzeugendste Argument, das man im Umgang mit Junkies nur bringen kann. »Ich verlang nicht von euch, dass ihr ihn in die Falle lockt. Nennt mir nur seinen Namen, gebt mir eine Beschreibung, ein Autokennzeichen, wo er abhängt, dann lass ich euch in Ruhe, und ihr könnt euch einen Schuss setzen.«

Winner, Winner.

Chicken dinner.


Am Abend erwischt er Marco.

Kein Problem, der Vollidiot dealt auf dem Parkplatz von McDonald’s (»Große Pommes dazu, Sir?« − »Nein danke, nur Smack«).

Cirello beobachtet Marco, wie er aus seinem Ford Taurus was verkauft, geht direkt zu ihm hin und steigt auf der Beifahrerseite ein.

»NYPD, Marco«, sagt Cirello, zeigt seine Marke. »Zwing mich nicht, die Waffe zu ziehen, leg einfach die Hände ans Lenkrad.«

Marco will den Starken spielen. »Haben Sie einen Haftbefehl?«

»Ich brauch keinen«, sagt Cirello. »Es besteht dringender Tatverdacht. Ich hab gerade gesehen, wie du ein Tütchen verkauft hast. Ich muss dich nicht mal fragen, ob ich den Wagen durchsuchen darf, ich kann’s einfach machen, aber zuerst frage ich dich, ob du bewaffnet bist, insbesondere, ob du Schusswaffen bei dir hast?«

»Nein.«

»Das ist gut, Marco«, sagt Cirello, »damit ersparst du dir vier Jahre. Jetzt wollen wir mal sehen, was wir hier alles haben.«

Er öffnet das Handschuhfach und sieht einen Vorrat an Tütchen.

»Oh-ha«, sagt Cirello. »Drogenbesitz mit Veräußerungsabsicht. Da bewegen wir uns schon im Bereich Schwerverbrechen. Rockefeller Drug Laws. Da sind fünfzehn bis dreißig Jahre Minimum vorgeschrieben.«

Marco fängt an zu weinen. Er ist ein dürrer, verängstigter Junkie, und Cirello kommt sich vor wie ein widerliches Arschloch.

»An deiner Stelle würde ich auch heulen«, sagt Cirello. »Hast du Vorstrafen, Marco?«

»Eine.«

»Weswegen?«

»Besitz«, sagt Marco.

»Was hast du bekommen?«

»Bewährung«, sagt Marco. »Und eine vom Gericht angeordnete Therapie, Methadon-Programm.«

»Hat wohl nicht gezogen, hm?«, sagt Cirello. »Na schön, jetzt bist du gleich doppelt gearscht, Marco. Der Richter wird ein Exempel an dir statuieren. Die meinen es heutzutage echt ernst mit Heroindealern, und du, mein dämlicher junger Freund, dealst in einem weißen Viertel, in dem es jede Menge Herointote gegeben hat. Weißt du, wie viele Gefängniswärter auf Staten Island leben? Die werden dich im Knast erwarten.«

Cirello denkt sich den Scheiß bloß aus, aber er klingt gut. Und der Junge hat Todesangst, seine Hände beben am Steuer.

»Ich will meinen Anwalt sprechen.«

»Ein Anwalt schafft es vielleicht, die Mindeststrafe von fünfzehn Jahren für dich rauszuschlagen«, sagt Cirello. »Wenn du rauskommst, bist du … wie alt? Vierzig? Das wäre wohl das bestmögliche Szenario. Im schlimmsten Fall bist du sechzig. Aber ja, lass ihn uns anrufen. Das Problem ist nur, wenn du erst mal mit ihm gesprochen hast, kann ich dir nicht mehr helfen.«

»Und wie können Sie mir jetzt helfen?«

»Hängt ganz von dir ab«, sagt Cirello.

»Ich weiß, was Sie wollen.«

»Was will ich denn, Marco?«

»Sie wollen, dass ich Ihnen die Leute liefere, die mir den Stoff verkaufen«, sagt Marco.

»Bist doch gar nicht so dämlich, wie du aussiehst«, sagt Cirello. »Das ist gut. Also bevor du noch was sagst, das den guten Eindruck wieder zerstört, will ich dich was fragen: Wären diese Typen hier an deiner Stelle, würden die fünfzehn bis dreißig Jahre hinter Gittern wandern, um dir den Arsch zu retten? Denk nach, bevor du antwortest.«

»Die bringen mich um.«

»Wenn wir’s richtig anstellen, nicht«, sagt Cirello. »Schau mich an, Marco. Marco, schau mich an.«

Marco schaut ihn an.

»Kleiner«, sagt Cirello plötzlich ganz väterlich. »Ich bin der Weg, und die Wahrheit und das Leben. Ich bin deine einzige Zukunftschance, aber ich krieg das nicht allein hin. Ich brauche deine Hilfe. Arbeite mit mir zusammen. Sag mir, was ich wissen muss, und du kannst gehen.«

Marco zögert.

Der Deal droht zu kippen.

Cirello sagt: »Die Typen, die dir den Stoff verkauft haben, wissen, dass du’s im Knast nicht aushältst. Die wissen, dass du keinen kalten Entzug überstehst. Meinst du, die warten ab und schauen erst mal, ob du umfällst?«

Marco denkt nach.

Aber dass Marco nachdenkt, ist so ziemlich das Letzte, was Cirello möchte. Lässt man einen Kriminellen denken, lässt er sich allen möglichen Mist einfallen, um dir dein Leben schwer zu machen. »Nein, weißt du was? Ich bin ein Arschloch. Ich kassiere dich jetzt ein, dann kannst du deinen Anwalt anrufen.«

»Nein.«

»Nein?«

»Nein«, sagt Marco. »Bitte helfen Sie mir.«

Genau deshalb bin ich hier, denkt Cirello.

Ich bin Helfer von Beruf.


Cirello folgt Marcos Wagen in westlicher Richtung über die Arden Avenue im Süden von Staten Island.

Cirello, der den Großteil seiner Dienstzeit beim Drogendezernat in den Gettos von Brooklyn verbracht hat, empfindet es fast als surreal, auf der einen Seite an Einkaufsstraßen und Einfamilienhäusern vorbeizufahren und auf der anderen an Arden Heights. Er kommt sich vor wie in der Vorstadt – einige eingefleischte New Yorker würden sagen, »auf dem Land« –, als sie unter dem Korean War Veterans Parkway durch das grüne Edgegrove fahren, dann Richtung Norden auf die Amboy Road und schließlich in den Blue Heron Park abbiegen. Die Amboy Road ist über mindestens zehn Straßenzüge reines Wohngebiet, dann gelangt man in die Einkaufsstraßen von Eltingville – das Postamt, ein paar Banken und das Eltingville Shopping Center links, rechts noch eine weitere kleine Einkaufsstraße, wo Marco auf einen Parkplatz fährt.

Cirello fährt an ihm vorbei, hält ganz hinten in der Nähe von einem Burgerimbiss und hängt sich ans Telefon. »Wo triffst du sie?«

»Draußen vor Carvel.«

»Dem Eisladen?«, fragt Cirello.

»Genau.«

»Wo’s die Eistorten gibt?«

»Ja, Carvel.«

Du lieber Gott, denkt Cirello. Eistorten und Smack. Die Schöne und das Biest.

Laut Vorschrift hätte er die Adresse notieren, zurück aufs Präsidium fahren und sie melden müssen, sich einen Durchsuchungs- und Haftbefehl ausstellen lassen und dann mit Verstärkung zurückkehren müssen – mit mehreren Detectives, einigen auch von der Streife – vielleicht sogar SWAT, ATF –, und natürlich hätte er sich mit der DEA absprechen müssen.

Auf jeden Fall nicht alleine mit einer Glock und einem hinreichenden Verdacht da reingehen, der bei einer Anhörung vor Gericht keine fünf Minuten lang hätte aufrechterhalten werden können. Das ist bescheuerte Scheiße, wegen genau so einer bescheuerten Scheiße wird man gefeuert, vielleicht sogar angeklagt oder getötet.

Aber er weiß nicht, wie er es sonst machen soll.

Cirello hämmert mit dem Griff seiner Waffe an die Holztür. »NYPD!«

Von drinnen hört er Gepolter, dasselbe Chaos, das er ein paar Dutzend Mal gehört hat, wenn Dealer in Panik verfallen und sich überlegen, was sie mit dem Stoff machen sollen. Ins Klo spülen? Abhauen? Sich verteidigen?

»Ich habe gesagt, öffnen Sie die verdammte Tür, Steve!«, brüllt er, dann tritt er beiseite, falls Steve lieber auf die Tür schießt, als sie aufzumachen.

Cirello greift nach der Klinke.

Die Scheißtür ist nicht mal abgeschlossen.

Diese Arschlöcher sind total selbstsicher.

Er holt noch einmal tief Luft, fährt seinen Herzschlag runter, tritt die Tür auf und macht einen Schritt hinein, hält die Glock ausgestreckt vor sich.

Zwei Typen stehen da, schauen ihn an.

Wie Rehe im Scheinwerferlicht.

An der Wand fehlt ein Stück von der Holzvertäfelung, und Cirello sieht den Heroinvorrat. Die Idioten hatten überlegt, ob sie mit dem Stoff nach hinten raus verschwinden sollten, aber offensichtlich hatten sie nicht schnell genug überlegt. Unzählige Tütchen, insgesamt vielleicht ein Kilo.

»Eine einzige falsche Bewegung, und es spritzt Hirn an die Wand«, brüllt Cirello und hört, wie das Adrenalin seine Stimme hochjagt.

»Bleib locker, ganz locker!« Das kommt vom Dickeren der beiden. Er sieht aus wie Anfang dreißig, im Fitnessstudio aufgepumpt, klassischer Haarschnitt mit ganz kurzen Seiten. Nach Marcos Beschreibung ist das DeStefano.

Der andere ist ungefähr genauso alt, war beim selben Friseur, aber nicht ganz so fleißig beim Bankdrücken. Beide tragen eine Yankees-Cap verkehrt rum, Trainingsanzüge, Goldketten.

Wo finden die bloß immer diese Typen?, fragt sich Cirello.

Keiner von beiden sieht aus wie ein Junkie.

Anadrol, vielleicht.

»Setzt euch«, sagt Cirello. »Beine überschlagen.«

Das machen sie.

»Beine jetzt ausstrecken, auf die Bäuche rollen und Hände auf den Rücken«, sagt Cirello.

»Komm schon«, sagt DeStefano, »ist das wirklich nötig?«

»Kommt auf euch an«, sagt Cirello.

Er sieht ein dreckiges Mafioso-Grinsen in DeStefanos Gesicht. Mafiatypen denken immer, alle sind wie sie – alle haben eine Schwachstelle, alle sind käuflich –, und Cirello hat die beiden gerade in ihrer tiefsten Überzeugung bestärkt.

Das dreckige Grinsen wird zu einem breiten Lächeln. DeStefano schiebt das Kinn Richtung Wand. »Da drin sind siebenundzwanzigtausend in einem Bankeinlagebeutel. Nimm sie, hau ab, trink eine Cola und freu dich.«

Die Waffe weiterhin auf DeStefano gerichtet, geht Cirello zu der Öffnung in der Vertäfelung, greift hinein und zieht die Tasche raus. »Was ist mit dem Stoff?«

»Nimm ihn, wenn du ihn willst«, sagt DeStefano. »Aber wie willst du den verkaufen?«

Cirello schiebt sich das Säckchen hinten in den Hosenbund, unter das Jackett. »Ich verkauf ihn nicht, das macht ihr für mich. Business as usual, nur habt ihr jetzt noch einen Partner mehr.«

»Einen Partner in welcher Größenordnung?«

»Zehntausend pro Woche.«

»Fünf.«

»Sieben.«

»Abgemacht«, sagt DeStefano. »Aber ich hab’s gerne, wenn ich weiß, wie meine Partner heißen.«

»Bobby Cirello. Drogendezernat.«

»Welcher Bezirk?«, fragt DeStefano. »Ich hab dich hier in der Gegend noch nie gesehen.«

»One Police.«

DeStefano erlaubt sich, kurz beeindruckt zu sein. »Wenn ich also ein Problem mit einem von den Cops hier habe, kann ich damit zu dir kommen?«

»Ich klär das.«

»Von deinem Anteil.«

»Hab ich doch gesagt, ich klär das«, sagt Cirello.

»Okay, Bobby«, sagt DeStefano, »ich darf doch Bobby sagen? Wenn ich jemandem siebenundzwanzigtausend Dollar schenke, darf ich ihn auch duzen, oder? Also, Bobby, wie bist du auf uns gestoßen?«

»Machst du Witze?«, fragt Cirello. »Ihr verkauft seit Wochen Stoff auf dem Parkplatz. Ihr müsst schon ein bisschen mehr variieren.«

»Hab ich dir doch gesagt«, sagt der Schmächtige.

»Halt die Klappe, verdammt.«

»Also, Steve«, sagt Cirello. »Ich will euch jeden Freitag sehen. Auf dem Parkplatz von McDonald’s. Wenn ihr nicht auftaucht, finde ich euch. Aber wenn ich euch suchen muss, lass ich euch auffliegen. Haben wir uns verstanden?«

»Mit den siebenundzwanzig sind aber schon mal drei Wochen und ein paar Tage bezahlt, oder?«

»Nein«, sagt Cirello. »Die siebenundzwanzig sind die Strafe dafür, dass ihr dämlich und faul seid. Von jetzt an wechselt ihr öfter den Ort. Bis Freitag.«

Er geht zur Tür raus.

Jetzt gibt es kein Zurück, denkt Cirello.

Jetzt bin ich ein korrupter Bulle.

Er fährt wieder raus nach Tottenville und findet Marco auf dem Parkplatz von McD. Er steigt in den Taurus und gibt dem Jungen zweitausend in bar. »Jag’s dir nicht in die Venen. Fahr los. Hast du Verwandte irgendwo außerhalb von New York?«

»Eine Schwester in Cleveland.«

»Dann fahr zu ihr«, sagt Cirello. »Hauptsache, du kommst nicht hierher zurück, okay?«

Er steigt aus dem Wagen, und Marco fährt los.

Cirello bezweifelt, dass er’s weiter als bis Jersey schafft, aber man soll die Hoffnung nicht aufgeben. Andererseits kennt er genug Junkies und weiß, wenn jemand es fertigbringt, was Dummes, Kontraproduktives und Selbstzerstörerisches zu machen, dann ein Junkie.

So sind sie nun mal.


Der Kredithai staunt.

Vielleicht ist er sogar ein bisschen enttäuscht. An Leuten, die die ganze Summe auf einmal zurückzahlen, verdient er kein Geld.

Aber das macht Cirello. Er sucht Angie in der Happy-Hour-Menge des Pier 76 und steckt ihm einen schweren Umschlag zu. »Das ist alles. Die Kreditsumme mitsamt Zinsen.«

Angie steckt den Umschlag ein. »Hattest du Glück?«

»Kann man so sagen«, meint Cirello. »Kannst du zehn für mich auf North Caroline-Louisville setzen?«

»Du lieber Gott, Bobby, du bist gerade erst raus aus der Scheiße, wieso willst du wieder reinspringen?«, fragt Angie.

»Machst du’s oder nicht?«

Angie zuckt mit den Schultern. »Klar, ich kann’s für dich setzen.«

»Bist mein Mann.«

»Nein, du bist mein Mann.«

Cirello lehnt den Drink ab, den er ihm anbietet.

In den nächsten Wochen rennt er seinem Geld hinterher wie ein Mann in der Midlife-Crisis einem jungen Mädchen, das er niemals bekommen wird.

Er wettet auf Basketball, College und Profiliga, er geht ins Casino, spielt Blackjack.

Er wettet auf Baseball, verdammt noch mal, dabei wettet niemand, der noch alle Tassen im Schrank hat, auf Baseball, es sei denn, er ist ein völlig degenerierter Zocker.

Und genau das ist er.

Angelo sagt es ihm mit genau diesen Worten, als er in der dritten aufeinanderfolgenden Woche Geld verloren hat: »Du bist ein völlig degenerierter Zocker.«

»Und du bist ein Buchmacher und Kredithai.«


Jetzt sitzen sie wieder auf ihren Stammplätzen im Pier 76. »Ich bin aber ein Buchmacher und Kredithai, der seine Rechnungen bezahlt«, sagt Angelo. »Und du stehst mit zweiunddreißigtausend Riesen bei mir in der Kreide und kannst nicht mal die Zinsen aufbringen.«

»Georgia Tech – Wake Forest –«

»Georgia Tech – Wake Forest am Arsch«, sagt Angelo. »Wir sind genau da, wo ich nicht hinwollte. Eigentlich muss ich dir jetzt wehtun, aber wie soll ich einem Freund, und noch dazu einem verdammten Detective vom NYPD, wehtun?«

»Ich besorg dir dein Geld.«

»Goldene Dienstmarke hin oder her«, sagt Angelo, »wir können dich nicht einfach so vom Haken lassen, Bobby.«

»Wer sind denn ›wir‹?«

»Ich kann’s mir nicht leisten, dich mit zweiunddreißigtausend Miesen zu decken«, sagt Angelo. »Ich hab dein Konto abgegeben. Tut mir leid, aber du hast mir keine andere Wahl gelassen.«

Was bedeutet, dass Angelo Cirellos Schulden an jemanden weiter oben in der Organisation verkauft hat.

»Dann ist das eben so«, sagt Cirello.

Angelo schwenkt den Wodka in seinem Glas und sagt: »Die Play Sports Bar. In der Sneden Avenue. Geh dahin.«

»Wovon redest du?«

»Geh hin, Bobby.« Angelo kippt seinen Drink, steht auf und geht.


Cirello parkt in der Sneden Avenue und geht in die Play Sports Bar. An einem Tisch sitzt ein Mann und isst. Mitte vierzig, dünn, schwarze Haare mit silbernen Strähnen. Er blickt auf und sagt: »Bist du Cirello?«

»Wer will das wissen?«

»Mike Andrea.« Er zeigt auf die Bank ihm gegenüber, aber Cirello setzt sich nicht. »Willst du ein Panino? Die sind gut hier. Ich mag das Trio – prosciutto, sopressata, capocollo … solltest was essen, du siehst schmal aus.«

»Was glaubst du, wer du bist? Meine Mutter?«

»Im Moment bin ich dein bester Freund, Bobby, mein Lieber«, sagt Andrea. Er beißt noch einmal in sein Panino und wischt sich mit dem Handrücken über den Mund. »Ich kann dir einen Strick zuwerfen, dich aus der Scheiße ziehen.«

»In was für einer Scheiße stecke ich denn?«

»Angelo Bucci hat mir deine Schulden verkauft«, sagt Andrea. »Angie ist ein netter Kerl, ich hab ihn richtig gern. Ich bin kein netter Kerl. Ich war nicht mit dir auf der Highschool, bin deiner Großmutter nie begegnet und hab kein Problem damit, dir wehzutun.«

»Solltest du vielleicht aber.«

»Ich weiß – goldene Dienstmarke, harter Kerl«, sagt Andrea. »Damit müssen wir gar nicht erst anfangen. Setz dich und iss was, benimm dich wie ein Mensch, hör mir zu.«

Cirello setzt sich.

Andrea gibt der Kellnerin ein Zeichen, dass sie rüberkommen soll. »Lisa, mein gut aussehender junger Freund hier nimmt ein Trio und ein Bier.«

»Haben Sie schon in unsere Bierkarte geschaut?«, fragt sie.

»Bierkarte«, wiederholt Andrea. »So weit ist es schon gekommen in der Welt.«

»Ich nehme ein Sixpoint«, sagt Cirello.

»Das Ale oder das Pilsner?«

»Das Pilsner, danke«, sagt Cirello.

Die Kellnerin lächelt ihn an und geht.

»Ich wette, du könntest sie flachlegen, wenn du deine Karten geschickt ausspielst«, sagt Andrea. »Ach so, hab ich ja ganz vergessen, du spielst deine Karten ja nie geschickt aus. Du spielst sie verdammt bescheuert aus, und willst du auch wissen, wieso?«

»Nein.«

»Weil du verlieren willst«, sagt Andrea. »Alle degenerierten Zocker wollen in Wirklichkeit verlieren. Irgendwie wollen sie sich selbst bestrafen, weiß auch nicht.«

»Was willst du?«

Andrea sagt: »Vielleicht kannst du ein paar Leuten einen Gefallen tun.«

»Was für einen Gefallen? Und welchen Leuten?«

»Leuten, die bereit sind, die Rückforderung deines Darlehens auszusetzen«, sagt Andrea, »wer das ist, musst du gar nicht wissen. Das funktioniert nur im Austausch gegen Informationen. Wenn diese Leute darüber nachdenken, mit wem sie Geschäfte machen, hilft es ihnen zu wissen, wer sauber ist, damit sie sich keine Scherereien einhandeln.«

»Solche Informationen einholen ist viel zu riskant.«

»Nicht so riskant, wie jemandem zweiunddreißigtausend Dollar schuldig zu bleiben, die man nicht hat«, sagt Andrea. Er schiebt einen Zettel über den Tisch.

Das ist eine leere Drohung, denkt Cirello. Schuldet man einem Kredithai Geld, ist es kein Problem, wenn man ihm zu viel schuldet, sondern nur, wenn man ihm zu wenig schuldet. Schuldet man einem Mafioso fünftausend Dollar, steckt man in Schwierigkeiten. Schuldet man ihm zehn oder mehr, kann er’s sich nicht leisten, einem ernsthaft was zu tun. Eher stellt er einem einen Leibwächter zur Verfügung, weil er drauf angewiesen ist, das Geld wiederzubekommen. Willst du ewig leben? Dann borg dir hunderttausend. Wenn’s sein muss, spendet er dir sogar eine Niere.

Cirello schaut auf den Zettel und sieht drei Namen. »Ich werde keine Informanten verraten.«

»Mach dir nicht gleich ins Hemd«, sagt Andrea. »Niemand verlangt von dir, dass du Leute zum Abschuss freigibst. Das sind Personen, mit denen wir noch gar nicht ins Geschäft gekommen sind. Betrachte es als eine Art Einstellungstest. Oder Prüfung. Mehr nicht.«

»Woher weiß ich, dass du nicht verkabelt bist?«

Andrea sagt: »Jetzt hast du mich erwischt, Cirello. Lisa, die Kellnerin hier, ist Undercover-Agentin. Ihre Titten sind Mikros. Willst du aus der Scheiße raus oder nicht?«

»Und du setzt die Zinsen aus?«

»Die Zinsen bleiben«, sagt Andrea, »aber es werden nicht mehr. Und niemand kommt vorbei, um sie einzutreiben, wir überlegen uns eine Art Zahlungsplan.«

»Das hier ist der Zahlungsplan«, sagt Cirello und nimmt den Zettel. »Und das Essen geht auf dich.«

»Jedes kleine bisschen hilft, hab ich recht?«, sagt Andrea. »Scheißcops – voll die Knauser.«

Lisa bringt das Essen.

Andrea hatte recht, denkt Cirello. Schmeckt wirklich gut – prosciutto, sopressata, capocollo.


Er frühstückt bei Mullen in Long Island City.

Judy Mullen hat French Toast gemacht, und sie sitzen am Küchentisch, die beiden Söhne vom Chef spielen Halo, und das Geknatter dringt zu ihnen herüber.

»Mike Andrea ist capo der Familie Cimino«, sagt Mullen. »Aus Bensonhurst. Wenn er Bucci dein Konto abgenommen hat, ist es ernst. Er wird im Zusammenhang mit mindestens einem Dutzend Mordfällen gesucht.«

»Die Ciminos sind aber nicht mehr im Drogengeschäft«, sagt Cirello. »Schon seit Jahren nicht mehr.«

»Vielleicht macht Andrea eigene Geschäfte.«

»Aber wer sind dann die ›Leute‹, die er angeblich vertritt?«

»Das müssen wir rausfinden«, sagt Mullen. Er schaut auf die Liste, die Andrea ihm gegeben hat. »Ich wette, die wissen längst über diese Leute Bescheid. Das ist ein Test.«

»Denke ich auch.«

Mullen betrachtet erneut das Papier. »Markesian und Dinestri sind sauber. Sag ihm, dass wir Beltran im Auge haben.«

»Ist das so?«, fragt Cirello.

Mullen grinst. »Wird so sein.«

Cirello fragt: »Soll ich bei Andrea Druck machen, dass ich diese Leute treffen will?«

»Das ist zu schnell«, sagt Mullen. »Du wirst sie verschrecken. Mach einfach so weiter.«

Mullen weiß, dass er viel verlangt. Er bekommt jetzt schon Geschichten über Cirello zu hören. Erst vor zwei Tagen kam sein Lieutenant zu ihm und wollte mit ihm sprechen, hat extra die Tür hinter sich zugemacht. »Der OC hört allen möglichen Kram über einen unserer Männer. Bobby Cirello wurde mit einem Kredithai namens Angelo Bucci gesehen.«

Er legte ihm Fotos vor, die Cirello am Tresen neben Bucci zeigen.

»Vielleicht arbeitet er an einem Fall«, sagte Mullen.

»Hoffentlich«, sagte der Lieutenant. »Ich hoffe, das ist es und nichts anderes, ich hab nämlich auch gehört, dass Cirello gezockt hat. Und verloren. Anscheinend trinkt er, sieht schlimm aus …«

»Okay, behaltet ihn im Blick.«

»Hören Sie, ich weiß, dass er Ihr Mann ist.«

»Ich hab gesagt, behaltet ihn im Blick. Und mich haltet ihr auf dem Laufenden.«

Das sind genau die Gerüchte, die bei einer Operation wie dieser die Runde machen; gleichzeitig hat Mullen ein schlechtes Gewissen, weil sie Cirellos Karriere schaden. So einen Geruch wird man kaum wieder los. Und wenn die Dienstaufsicht auf Cirello aufmerksam wird, kann das die gesamte Operation gefährden.

Cirello kommt ihm zuvor. »Ich brauche die Bestätigung von dir, dass der OC Andrea nicht überwacht. Wenn ich in ein Aufnahmestudio reinspaziere, komme ich nach Hause, und der IAB nimmt mich vor der Haustür in Empfang.«

»Wenn ich dem OC Fragen stelle«, sagt Mullen, »muss ich ihm auch sagen, warum. Und ich bin noch nicht so weit, andere mit ins Boot zu holen.«

»Okay.«

»Tut mir leid«, sagt Mullen. »Wenn dich der OC, der IAB oder sonst jemand zur Rede stellt, sagst du, dass du deinen Rechtsvertreter sprechen möchtest, und kommst direkt zu mir. Ich verspreche dir, dann bügele ich’s aus.«

»Okay.«

»Super Arbeit, Bobby«, sagt Mullen. »Damit kommen wir schon einen ganz großen Schritt voran, lass uns so weitermachen.«

Uns, denkt Cirello. Das sind nicht »wir«, Chef, das bin »ich«. Ich bin derjenige, der sich in die Schusslinie stellt. Ich muss so tun, als sei ich käuflich.

Und einen Haufen Geld kostet es außerdem.

In Casinos rumhängen, saufen … das sieht ihm nicht ähnlich.

Und Libby gefällt es auch nicht. Die Beziehung läuft eigentlich super, allmählich wird was Festes draus. Nur hat sie neulich gesagt, er sei »anders« geworden, habe sich »verändert«.

»Wie denn?«, fragte Cirello, als sie davon anfing.

Sie waren zum Brunch verabredet (seit er Libby kennt, geht er »brunchen«, was wahrscheinlich ganz normal ist, wenn man mit einer Tänzerin zusammen ist) im Heights Café oder drüben in der Hicks Street, und sie sagte: »Ich weiß nicht. Du kommst mir irgendwie abwesend vor.«

»Ich bin doch hier, Libby.«

»Aber was machst du zum Beispiel, wenn ich arbeite?«, fragte sie. »Was machst du da?«

»Ich weiß nicht«, sagte Bobby. »Ich schaue fern, ich arbeite … ich betrüge dich nicht, falls du das denkst.«

»Das denke ich nicht«, sagte Libby. »Aber irgendwie wirkst du, weiß nicht, gestresst. Und du trinkst mehr als …«

»Mehr als was?«

»Mehr, als du getrunken hast, als wir uns kennengelernt haben.«

»Das liegt an dem Job.«

»Erzähl’s mir.«

»Kann ich nicht«, sagte er. »Hör mal, Libby, keiner von uns beiden hat einen normalen Bürojob, wo man abends nach Hause kommt und fragt: ›Wie war dein Tag, Schatz, danke, gut.‹«

»Meiner ist ziemlich normal.«

»Also meiner nicht«, sagte er und merkte hinterher, dass es barscher geklungen hatte als beabsichtigt. »Ich pass in Zukunft auf mit dem Alkohol, du hast recht, ich hab’s ein bisschen übertrieben.«

»Ich will keine nörgelnde Freundin sein.«

»Bist du nicht«, sagte Cirello. »Nur …«

»Was?«

»Ich muss machen, was ich machen muss«, sagte Cirello. »Das ist so in meinem Job.«

»Okay.«

Aber es gefällt ihr nicht, und es bringt Spannungen in die Beziehung. Cirello will diese Frau nicht verlieren. Jetzt sagt er zu Mullen: »Nein, hör zu, wir kommen erst allmählich dorthin, wo wir hinwollen. Natürlich mache ich weiter.«

»Okay, gut. Ich weiß das zu schätzen, Bobby.«

»Klar.« Er steht auf. »Sag Mrs Mullen, danke fürs Frühstück. Das war echt gut.«

»Werd ich ihr sagen«, verspricht Mullen. »Kommt bald mal zum Abendessen, bring …«

»Libby.«

»… bring Libby mit. Wir würden sie gerne kennenlernen«, sagt Mullen. »Und Bobby, sei vorsichtig, ja?«

»Na klar.«

Er trifft sich erneut mit Andrea, liefert seinen Bericht ab, bekommt seinen Umschlag. In der darauffolgenden Woche sagt Andrea: »Deine Informationen waren korrekt.«

»Ich weiß.«

»Und sehr hilfreich.« Andrea schiebt ihm einen Zettel zu.

Zwei weitere Namen.

»Habt ihr Personalmangel?«, fragt Cirello, nimmt den Zettel nicht.

»Was?«, fragt Andrea. »Wir werden deine Schulden nicht einfach löschen, falls du das denkst.«

»Ich will, dass ihr mir die Zinsen erlasst.«

»Wenn du willst, dass dir was erlassen wird, geh zu einem Priester«, sagt Andrea. »Der gibt dir zehn Rosenkränze auf. Und wenn du die nicht aufsagst, kriegst du zehn obendrauf. Sogar die katholische Kirche verlangt Zinsen.«

»Ich bin griechisch-orthodox.« Cirello schiebt den Zettel zurück über den Tisch. »Die könnt ihr googeln.«

»Du hast hier nicht gerade die stärkste Verhandlungsposition, wenn du verstehst, was ich meine.«

»Ich sag dir was«, sagt Cirello. »Du zahlst an die Buchmacher, übergib ihnen die wöchentlichen Zahlungen, bis die Hauptschuld beglichen ist. Ich bin fertig mit den Namen.«

»Wir wollen nicht gleich abheben.«

Deine Leute wollen lieber einen Polizisten mit goldener Dienstmarke als ihr Geld zurück, denkt Cirello.

»Mal sehen, was sich machen lässt«, sagt Andrea.

Sie erlassen ihm die Zinsen.

Cirello checkt die Namen.

Dann noch ein paar, ein Gebäude, und er überprüft Autokennzeichen, ob es sich um Polizeifahrzeuge handelt.

Dabei zockt er immer weiter, bis er verliert, seine Schulden gehen rauf und runter wie ein Jo-Jo, aber insgesamt steigen sie, ob mit oder ohne Zinsen. Auch trinkt er weiter, sieht allmählich aus, wie er aussehen soll, ein degenerierter Cop auf dem absteigenden Ast.

Mullen kommen immer häufiger Beschwerden über ihn zu Ohren – Cirello ist verkatert zum Dienst erschienen, Cirello ist überhaupt nicht zum Dienst erschienen, Cirello ist arrogant, Cirello wurde wieder bei einem Buchmacher gesehen, Cirello ist abgedreht.


Der Lieutenant will eine Urinprobe nehmen, ihn an einen Lügendetektor anschließen, ihn wenigstens zum Polizeipsychologen schicken.

Mullen sagt Nein.

Der Lieutenant fragt sich, warum der Leiter des Drogendezernats einem Cop den Rücken frei hält, der ganz offensichtlich aus der Spur geraten ist.

Libby fragt sich, was aus dem netten Mann geworden ist, in den sie sich verliebt hat.

Dass sie zusammen zu Mullen nach Hause zum Abendessen gehen, hilft wenig. Mullen und seine Frau sind wunderbar, die Kinder sind toll, aber Bobby ist angespannt und das ganze Essen über gedanklich abwesend, fast schon unfreundlich.

Auf dem Nachhauseweg streiten sie sich.

»Ich mag deinen Chef«, sagt sie.

»Ach ja?«

»Du nicht?«

»Doch, na klar«, sagt Bobby. »Ich meine, er ist halt mein Chef.«

»Was soll das heißen?«

»Bist du jetzt etwa auf seiner Seite?«

»Ich wusste nicht, dass es Seiten gibt«, sagt Libby. »Ich hab nur gesagt, dass ich ihn mag.«

»Schön für dich.«

»Fick dich, Bobby.«

»Ja, fick mich.«

»Selbstmitleid ist ja so wahnsinnig attraktiv«, sagt Libby. »Ich kann’s kaum abwarten, bis wir nach Hause kommen und ich dich bespringen kann.«

Cirello weiß, was er macht, weiß, wie er ist. Kennt die brutale Wahrheit der Undercover-Arbeit – wenn man sich lange genug verstellt, wird man irgendwann wirklich so.

Deshalb ist er auch heilfroh, als Andrea endlich sagt: »Meine Leute wollen dich kennenlernen.«


»Wo findet das Treffen statt?«, fragt Mullen.

»Prospect Park«, sagt Cirello. »Die Bar heißt Erv’s, Flatbush Ecke Beekman.«

»So ein Hipsterladen«, sagt Mullen. »Craft Cocktails und so.« Cirello weiß nicht, woher Mullen so was weiß, aber anscheinend weiß er alles.

»Das Treffen findet dort nicht statt«, sagt Mullen. »Andrea wird dich dort abholen und woanders hinbringen. Ich schicke dir Verstärkung.«

»Das werden die merken.«

»Hör zu, wir wissen nicht, was das wird.«

»Die werden keinen New Yorker Cop umbringen«, sagt Cirello.

»Wir verkabeln dich«, sagt Mullen, »und halten uns zurück. Wenn du Ärger hast, können wir eingreifen.«

»Ich hab den ganzen Scheiß nicht gemacht, um jetzt aufzufliegen.«

»Ich werd dich nicht auf einer einsamen Insel aussetzen, Bobby«, sagt Mullen.

Und was glaubst du, wo zum Teufel ich jetzt gerade sitze?, denkt Cirello.


Er trifft Andrea bei Erv’s.

Mullen hatte den Nagel auf den Kopf getroffen – urbane Hipster, die Bio-Cocktails und hausgemachte Kaffeespezialitäten servieren.

»So einen Laden hätte ich dir gar nicht zugetraut«, sagt Cirello.

»Wir bleiben nicht hier.«

Und wieder behält Mullen recht. Cirello folgt Andrea zu seinem Lincoln Navigator und steigt ein.

»Ich muss dich abklopfen.«

»Spar dir die Mühe«, sagt Cirello. »Ich hab meine Dienstwaffe dabei, eine 9mm Glock, und die werde ich nicht abgeben.«

»Ich meine Mikros.«

»Leck mich am Arsch mit deinen Mikros.«

»Komm schon, Cirello.«

»Wenn du mich anfasst, klatsch ich deine Fresse an die Windschutzscheibe«, sagt Cirello.

»Wieso hast du ein Problem damit?«

Weil ich verdammt noch mal verkabelt bin, denkt Cirello. Aber es ist nur ein kleines Mikro, wie Mullen versprochen hat, auf dem allerneuesten Stand der Technik, und es klebt zwischen dem Absatz und der Sohle seiner Stiefeletten, die zu kaufen Libby ihn überredet hatte. Also gibt er nach. »Okay, klopf mich ab. Aber wenn du mir auch nur eine Sekunde länger als nötig an den Sack packst, passiert was.«

Andrea klopft ihn ab.

»Bist du jetzt zufrieden?«, fragt Cirello.

»Und geil«, sagt Andrea. Er startet den Wagen und schert aus auf die Flatbush.

»Wo fahren wir hin?«, fragt Cirello.

»Wenn ich’s dir verraten würde, hätten wir uns die ganzen cleveren Umstände auch sparen können«, sagt Andrea. »Wirst schon sehen.«

Er nimmt den Eastern Parkway zum Van Wyck Expressway und fährt dann Richtung Süden.

»Fahren wir zum Flughafen?«, fragt Cirello, mehr, damit Mullen es hört, nicht so sehr, weil er’s selbst wissen will.

»Du lieber Gott, du bist schlimmer als meine Kinder«, sagt Andrea. »Sind wir schon da? Wann sind wir endlich da? Du musst doch nicht pinkeln, oder?«

»Hätte nichts dagegen, wenn ich könnte.«

»Halt’s ein«, sagt Andrea und schaut immer wieder in den Rückspiegel.

»Niemand folgt uns«, sagt Cirello. »Es sei denn, du hast was Entsprechendes veranlasst. Und wenn, Mike, dann werde ich dir den Scheißschädel wegblasen.«

»Entspann dich.«

Sie kommen an den Flughafen, und Andrea fährt zur Mietwagenrückgabe, zum billigsten Anbieter.

»Dollar?«, fragt Cirello, damit Mullen weiß, wo sie sind. »Nicht Hertz oder Avis? Läuft es so schlecht bei euch?«

»Komm schon.«

Cirello steigt aus dem Wagen und folgt ihm zu einem Parkplatz, auf dem ein anderer Lincoln steht.

»Beifahrersitz vorne«, sagt Andrea. Er steigt auf der Fahrerseite ein.

Cirello steigt auch ein.

Der Kennedy-Airport ist als Treffpunkt schlau gewählt, denkt Cirello. Seit 9-11 kann nur noch Homeland Security im Umkreis eines Flughafens Audioüberwachungen durchführen. Und Homeland Security interessiert sich einen Scheiß für die Mafia. Das Mikro in seinem Stiefel bringt es nicht, wenn gleichzeitig Flugzeuge starten und landen. Mullen wird kein Wort verstehen. Wahrscheinlich scheißt er sich vor Angst schon in die Hose.

Wenn hier was schiefgeht, bist du auf dich gestellt.

Es sei denn, der Chef flippt aus und platzt rein, aber Cirello hofft, dass er es nicht tut. Zu viel Arbeit wäre dann einfach im Eimer.

Trotzdem, Cirello sitzt nicht gerne vorne auf dem Beifahrersitz, dem »elektrischen Stuhl der Italiener«. Zwei Kugeln in den Hinterkopf. Die Täter steigen in einen anderen Mietwagen um, und er selbst wird zum auf ewig ungelösten Fall. Er hört Andrea schon im Vernehmungszimmer: »Ein korrupter Bulle hat mich gebeten, ihn zum Flughafen zu fahren. Keine Ahnung, was dann passiert ist.«

Cirello fragt jetzt also: »Ist es okay, wenn ich mich umdrehe?«

Der Typ hinter ihm sagt: »Klar, soll ja ein persönliches Treffen sein.«

Cirello dreht sich um.

Der Typ ist noch ein verdammter Teenie – wollte er im Laden ein Sixpack kaufen, würde man ihn nach seinem Ausweis fragen.

Braune Haare, brauner Bart. Breites Gesicht, hohe Wangenknochen. Die Lederjacke sitzt eng an seiner breiten Brust und den breiten Schultern.

Er sieht aus wie sein Großvater, Johnny Boy.

Johnny Boy Cozzo war der letzte Gangster alter Schule – plädierte nicht auf schuldig, um mildernde Umstände zu bekommen, verriet niemanden, auch nicht, als er schließlich zu lebenslänglich ohne Bewährung verurteilt wurde.

Starb in einem Bundesgefängnis an Kehlkopfkrebs.

Inzwischen werden Filme über den Mann gedreht.

Cirello kennt seine Mafiageschichte – weiß, dass Johnny Boy mit dem lange praktizierten Gebot der Familie Cimino – »wenn du dealst, bist du tot« – gebrochen und Kokain aus Mexiko geholt hat. Dafür musste er seinen Boss umbringen und ihm auf seinen Platz folgen, wenig später hat die Familie Cimino Millionen mit Kokain verdient.

Bis Giuliani und seine Leute die Ciminos und den Rest der Five Families hochgehen ließ. Jetzt sind sie, wie man so schön sagt, nur noch Schatten ihrer selbst. Und die »Keine Drogen«-Devise ist wieder in Kraft, angeordnet von Johnny Boys Sohn, Junior, weil einige angesichts langer Haftstrafen doch den Mund aufgemacht hatten.

Nur dass jetzt hier ein neuer John Cozzo neben Steve DeStefano hinten im Wagen sitzt.

»Weißt du, wer ich bin?«, fragt er Cirello.

»Weißt du’s nicht?«, fragt Cirello. »Geht Amnesie um?«

»Hey, heute Abend ist Open Mike«, sagt Cozzo. »Aber tu dir einen Gefallen, kündige deinen Job nicht. Ich bin John Cozzo – ja, das war mein Großvater –, man nennt mich Jay.«

»Was machen wir hier, Jay?«

»Du hast Druck gemacht bei meinem Freund Steve.«

Cirello hat immer noch seine Waffe, aber er wird niemals drankommen, bevor einer von den anderen schießt, so eingezwängt, wie er hier im Wagen sitzt. Und aus dem Augenwinkel sieht er bereits Andreas Hand auf dessen Hosenbund zuwandern.

Wenn die mich wirklich abknallen wollen, denkt Cirello, bin ich tot. Er fragt: »Weiß dein Onkel, dass du hier bist?«

»Was hat mein Onkel damit zu tun?«

»Gab’s bei Junior nicht mal die Regel, dass Drogenverkaufen verboten ist?«

»Jetzt gibt’s nur noch eine Regel«, sagt Cozzo. »Geld verdienen. Wenn man genug Geld verdient, kann man sich seine eigenen Regeln erlauben. Das hat mir mein Großvater beigebracht. Ich komme eher nach ihm als mein Onkel, ohne respektlos klingen zu wollen.«

»Natürlich nicht.« Natürlich nicht. Vor Junior hat niemand Respekt. Seine eigenen Leute nennen ihn »Clown-Prince« und »Urkel«. Er hat so ziemlich alles, was von der Familie übrig war, an die Wand gefahren. Und jetzt ist einer seiner capos ausgeschert und hält seinem Neffen für dessen Drogendeals den Rücken frei.

»Du bist ganz schön anstrengend«, sagt Cozzo. »Du verlangst siebentausend die Woche und zahlst das Geld nicht zurück, das du schuldig bist.«

»Ihr habt ja andere Leistungen dafür erhalten.«

»Deshalb wollte ich dich persönlich kennenlernen«, sagt Cozzo. »Dir in die Augen schauen und sehen, was ich da gekauft habe.«

»Eher gemietet.«

»Was auch immer dich glücklich macht, Detective«, sagt Cozzo. »Ich habe einen entscheidenden Anteil an Steves Geschäften. Angesichts der neuen Vereinbarung, denke ich, dass wir deinen Schutz nicht mehr brauchen und dich künftig auch nicht mehr dafür bezahlen werden. Jetzt kommt die Frage: Legen wir dich jetzt sofort um, oder kommen wir miteinander ins Geschäft?«

»Wir sind schon im Geschäft«, sagt Cirello, bemüht, sich die Angst nicht an der Stimme anmerken zu lassen.

»Schau mal, als ich gesagt habe, wir hätten dich gekauft, hab ich das genau so gemeint«, sagt Cozzo. »Bucci hat deine Schulden an Mike verkauft, Mike hat sie mir verkauft. Das sind abgeschlossene Transfers.«

Er will etwas, denkt Cirello, und er will es unbedingt. Sonst hätte er längst aufgehört zu reden, und Andrea hätte abgedrückt.

»Wenn ich den Schuldschein zerreiße?«, fragt Cozzo. »Was bekomme ich dafür?«

»Hauptschuld und Zinsen?«

»Hauptschuld und Zinsen.«

»Was willst du haben?«, fragt Cirello. Darauf läuft es hinaus, das ist der Grund für die Spielchen.

»Es bahnen sich wichtige Geschäfte für uns an, mit einer ganz bestimmten Person«, sagt Cozzo. »Ich muss wissen, wie sicher das ist. Hör mir jetzt zu, Cirello – ich werde meine Familie wieder dahin bringen, wo sie hingehört. Unser Deal ist ein ganz wesentlicher Schritt in diese Richtung, und ich kann nicht zulassen, dass er danebengeht.«

»Redest du von Heroin?«

»Das musst du gar nicht wissen«, sagt Cozzo.

»Doch, muss er, Jay«, sagt Andrea. »Macht einen Unterschied, wo er hinschaut.«

»Ist das so?«, fragt Cozzo.

»Ist so«, sagt Cirello. »Im Drogendezernat gibt’s unterschiedliche Abteilungen. Zum Beispiel ein Team Heroin. Dann noch die verschiedenen Bezirke …«

»Ja, Heroin«, sagt Cozzo. »Ich muss das klären. Ich muss wissen, was auf lokaler, staatlicher, bundesstaatlicher Ebene los ist.«

»Ich hab nur Informationen über das NYPD«, sagt Cirello. »Zu den staatlichen Behörden und der DEA hab ich keinen Zugang.«

»Beschaff ihn dir.«

»Wenn ich das hinbekomme«, sagt Cirello, »dann kostet dich das mehr.«

»Habgieriges Arschloch.«

»Ich kann nicht mit leeren Händen losziehen«, sagt Cirello. »Der Staat ist das eine, aber die verfluchten Bundes−«

»Wie viel?«

»Fünfzig, denke ich. Bar.«

»Was?«

»Geschäftskosten, Jay«, sagt Andrea.

»Und du behältst davon wie viel?«, fragt Cozzo. »Fünfzehn als Finderlohn?«

»Ich denke eher an zwanzig«, sagt Cirello. »Schließlich muss ich von was leben.«

»Du meinst zocken.«

»Ist dasselbe.«

Cozzo denkt kurz darüber nach, dann sagt er: »Ich besorge dir deine fünfzig. Du beschaffst mir die Informationen. Aber ich will auch eine Garantie – dein verfluchtes Leben, Cirello. Cop hin oder her, wenn das schiefgeht, bring ich dich um.«

»Um wen geht es?«

»Das sagt dir Mike«, sagt Cozzo und macht die Tür auf. »Komm gut zurück. Und Cirello, merk dir, was ich gesagt habe.«

DeStefano und Cozzo steigen aus.

Cirello sieht sie zu einem anderen Wagen gehen, einsteigen und davonfahren.

Auf der Rückfahrt fragt Cirello Andrea: »Bekommt ihr keinen Ärger mit Junior?«

»Junior hat den Hahn immer weiter zugedreht, wie ein alter Mann beim Pissen«, sagt Andrea. »Ich hab Kinder auf dem College, weißt du, was das heutzutage kostet? Ich will sie nicht rausnehmen müssen, die sind jetzt schon völlig daneben.«

»Vertraust du Cozzo?«

»Vertrauen?«, sagt Andrea. »Du bist wirklich ein Komiker.«

»Wen soll ich für euch überprüfen?«

»Einen Schwarzen aus East New York«, erklärt ihm Andrea.

Er heißt Darius Darnell.

6. Victimville

»Wenn sich die Gefängnistore öffnen,


fliegen die wahren Drachen heraus.«

Ho Chi Minh



Eddie zieht die Isolierung von einem Stück Draht und taucht es in den »Stinger«, den improvisierten Kocher, einen Plastikeimer mit altem, starkem Wein, der auf dem Zellenboden steht. Dann schiebt er das andere Ende vom Draht in die Steckdose an der Wand.

Der Wein heizt sich auf.

Es dauert eine Weile, dann destilliert der Alkohol und läuft durch einen Gummischlauch in einen zweiten Eimer, wobei ein »Klarer« entsteht, der doppelt so stark ist wie der normale selbst gebrannte Knastfusel.

Eddie bekommt fünfzig Dollar für einen halben Liter von dem Zeug.

Den Stinger verstaut er immer wieder sorgfältig in der Abstellkammer hinter der Wand und holt ihn erst erneut raus, wenn es wieder Zeit ist, eine Flasche Klaren herzustellen.

Eddie nimmt einen Schluck. »Gut.«

Julio zuckt mit den Schultern. Natürlich ist er gut, er ist der beste Fuselbrauer in Victimville, zumindest unter den Mexikanern, und Eddie gibt ihm zwanzig Prozent vom Profit zusätzlich zum Schutz vor Übergriffen oder Erpressung.

Julio liebt Eddie.

Andererseits geht das natürlich fast allen so.

Er kam auf Empfehlung von Rafael Caro auf den Hof und wurde sofort Benny Zuazo vorgestellt, dem Eme Llavero, der bei ihnen hier das Sagen hat. Zuazo sitzt schon ewig im Staatsgefängnis Victorville, hat von seinen dreißig Jahren bis lebenslänglich bereits fünfundzwanzig Jahre hinter sich.

Er ist der Chef hier drin und auf der Straße.

Eddie stand also schon hoch im Ansehen, als Zuazo ihn persönlich an der Muskelpumpe begrüßte.

»Ich habe Gutes über dich gehört«, sagte Zuazo.

»Dito«, sagte Eddie, unterdrückte ein erleichtertes Seufzen. Keller hatte seine Akte bereinigt, aber man wusste ja trotzdem nie so genau. Zuazo hatte garantiert einen seiner Leute geschickt, der sich die Unterlagen genauer angesehen hatte.

Die Zelle stellte im Vergleich zu Florence eine leichte Verbesserung dar – knapp vier mal zwei Meter –, aber man musste sie sich zu zweit teilen. Eddie hatte nichts dagegen, das Gefängnis ist mit fünfzig Prozent überbelegt, und viele vatos sind zu dritt, der Schwächste muss auf dem Boden schlafen.

Es gab ein Stockbett, ein Edelstahlklo mit Waschbecken und einen kleinen Tisch mit einem einzigen Hocker, der fest am Boden verschraubt war.

Und es gab eine Klimaanlage, wie Eddie sofort auffiel.

Wie im verfluchten Four Seasons.

Ein junger vato – dürr, groß, rasierter Schädel – hockte nervös auf dem unteren Bett, schaute zu Eddie auf.

»Hi«, sagte er. »Ich bin Julio.«

»Was zum Teufel machst du da, Julio?«

»Was meinst du?«

»Ich meine«, sagte Eddie, »was zum Teufel machst du da auf meinem Bett?«

»Hab gedacht, vielleicht willst du das obere«, sagte Julio.

»Wer hat dir gesagt, dass du denken sollst?«, fragte Eddie.

Julio kletterte eilig nach oben.

»Hat Zuazo über mich gesprochen?«, fragte Eddie.

»Ich soll machen, was du sagst«, sagte Julio. »Die Zelle sauber halten, deine Wäsche waschen, dich mit Essen versorgen. Egal, was du willst …«

Eddie sah, dass Julio ihn komisch ansah.

»Entspann dich«, sagte Eddie. »Ich spiel nicht mit. Ich bin nicht dein Daddy, und du bist nicht meine Bitch. Wenn ich was zum Ficken will, besorg ich mir was zum Ficken. Du bist mein Mitbewohner, deshalb wird sich keiner mit dir anlegen. Dabei würde ich nicht gut aussehen. Wenn dich jemand nervt, kommst du zu mir, zu niemandem sonst, hast du verstanden?«

Julio nickte erleichtert.

Eddie fragte: »Bei wem bist du?«

»La Eme.«

»Wenn’s gut läuft«, sagte Eddie, »zieh ich dich aus der Schusslinie.«

»Danke.«

»Jetzt machst du mir mein Bett.«

Am Abend im Speisesaal bekam Eddie einen Platz am Kopfende des Tisches, ganz nah bei Zuazo und den anderen Anführern.

»Da ist ein mexikanisches Gefängnis«, sagte Zuazo. »Hier sind ungefähr hundert Gueros, die meisten Aryan Brotherhood, fünfhundert mayates, aber auch tausend Border Brothers. Sagen wir mal, dreihundert davon sind Norteños, aber der Rest ist linientreu. Die meisten Wärter sind Mexikaner. Wir führen praktisch den Laden.«

»Gut zu wissen.«

»Ist hier nicht so wie im Staatsgefängnis«, sagte Zuazo. »Wir arbeiten mit den Gueros, und wir streiten uns mit den Norteños, aber alle zusammen hassen wir die Schwarzen. Sogar die Wärter hassen die Schwarzen. Todo el mundo gegen die mayates.«

»Verstehe.«

La Eme, die mexikanische Mafia, wurde in den Fünfzigerjahren gegründet, aber es war vor allem eine südkalifornische Gang, die Sureños, größtenteils aus L.A. und San Diego, die ihre Vettern, oft Obstpflücker aus dem ländlichen Norden, ausnahmen.

Um sich davor zu schützen, gründeten die Nordlichter Nuestra Familia, und knapp dreißig Jahre später wurde die Fehde zwischen den Sureños und den Norteños genauso erbittert ausgefochten wie die zwischen allen anderen Fraktionen. Tatsächlich waren La Eme – die die verschiedenen Sureño-Gangs anführten – eng mit der Aryan Brotherhood verbündet.

Die Braunen hassten die Schwarzen mehr als die Weißen.

La Eme, die Aryan Brotherhood und die Black Guerillas entstanden, als die Gefängnisse aus allen Nähten platzten und man Insassen unterschiedlicher Hautfarbe in dieselben Zellenblöcke und Höfe sperrte. Wie Menschen nun mal sind, fingen sie sofort an, einander umzubringen, und sie taten sich zu Banden zusammen, um sich zu schützen. Als die Gefangenen entlassen wurden, nahmen sie die Gangs mit auf die Straße, schoben eine Drehtür an, die niemals mehr zum Stillstand kam.

Genauso lief es bei den großen zentralamerikanischen Gangs.

Ende der Achtzigerjahre hauten viele Salvadorianer, Honduraner und Guatemalteken aus den Dreckslöchern ab, die ihre Länder geworden waren, und kamen nach Kalifornien. Ohne Jobs, Schulbildung oder Beziehungen endeten viele junge Männer in einem System, in dem sie weder schwarz, weiß, norteño noch sureño waren.

Sie waren einfach nur gearscht.

Die Mexikaner, die Schwarzen und die Arier vertrieben sie, raubten sie aus, brachten sie auf Heroin, erpressten sie. Anfangs war das ein gutes Geschäft, aber dann geschah etwas vollkommen Unvorhergesehenes.

Einige von den Jungs entpuppten sich als ziemlich hartgesotten – sie hatten in den Bürgerkriegen ihrer Heimatländer als ehemalige Soldaten oder Guerillas gekämpft, hatten beschlossen, sich zu organisieren und sich zu wehren.

Ein Salvadorianer namens Flaco Stoner gründete Wonder 13, schon bald bekannt als Mara Salvatrucha. Eine alte Gang aus den Fünfzigern namens 18th Street wurde noch einmal als Barrio 18 wiederbelebt, und zusammen wurden sie zu einer der brutalsten Gangs des gesamten Gefängnissystems. Einige der mareros waren verdammt irre – im Krieg zu Hause hatten sie schon ein paar echte harte Sachen gemacht – Enthauptungen, Ausweidungen –, aber jetzt im Knast tobten sie sich erst richtig aus.

Selbst La Eme wich einen Schritt zurück.

Und genau wie bei den anderen Gefängnisgangs nahmen diejenigen, die entlassen wurden, ihre Gang mit nach draußen, gründeten cliquas der Mara Salvatrucha und Barrio 18 nicht nur in L.A. und anderen amerikanischen Städten, sondern außerdem in San Salvador, Tegucigalpa und Guatemala City.

Eddie lacht sich schlapp, wenn er ahnungslose Vollpfosten-Politiker wie John Dennison sagen hört, sie wollen die Gangs »dorthin schicken, wo sie herkommen«.

Die sind heche en Estados Unidos.

Made in the USA.

Die Gefängnisverwaltungen meinten es nie ernst damit, die Gewalt in den Vollzugsanstalten zu senken. Im Gegenteil – die Gefangenen sollen sich gegenseitig bekämpfen und die Wärter in Ruhe lassen.

Scheiße, die sind sogar drauf angewiesen, dass die Gangs die Gefängnisse führen.

Für Disziplin und Ordnung sorgen.

Und wenn ein Haufen weißer Prolls, Bohnenfresser und Nigger sich gegenseitig umlegen, dann ist das schließlich kein Verlust, oder?

»Was für einen Job willst du machen?«, fragt Zuazo.

Eddie weiß es nicht. Er hatte in seinem ganzen Scheißleben noch keinen Job. Außer Drogen verkaufen und Leute erschießen hat er nichts gelernt. Und in Florence hatte sein Job hauptsächlich aus Wichsen bestanden. »Weiß nicht. In der Küche?«

»In die Küche willst du nicht«, sagt Zuazo. »Da musst du wirklich arbeiten. Du willst in die Reinigung und Wartung.«

»Ich soll als verfluchter Hausmeister arbeiten?«

»Tranquilo. Dein Partner macht die Arbeit.«

Also bekam Eddie den Job bei der Reinigung und Wartung, sah zu, wie irgendein Bauer den Boden feucht wischte und die Klos putzte. Die Monotonie des Gefängnisalltags setzte ein. Eine andere Monotonie als in Florence, aber monoton war sie trotzdem.

Er »heiratete« nicht – trat nicht offiziell La Eme bei –, aber als Kartellmann besaß er den prestigeträchtigen Status eines »Camarada« – eines Genossen, eines Verbündeten –, und das genügte. Obwohl er sich das »Schwarze Hand«-Tattoo nicht stechen ließ, wurde er in la cliqua – den inneren Kreis – aufgenommen.

Und er lebte nach las reglas – den strengen Vorschriften, die für alle Mitglieder der La Eme im Gefängnis galten.

Keine Streitereien oder Prügeleien mit anderen Mitgliedern.

Niemand wird verraten.

Keine Feigheit.

Keine harten Drogen.

Trinken durfte man, auch ein bisschen yerba rauchen, aber chiva war untersagt, weil man einem Junkie nicht vertrauen kann und ein Junkie bei einer Auseinandersetzung nicht zu gebrauchen ist.

Kein »Baseball«, Homoscheiß.

Sie durften andere Insassen vermitteln – sie zum Schwanzlutschen oder Arschficken an die Aryans vermieten. War man ein »Baby«, eine Bitch, konnte oder wollte man nicht kämpfen, wurde man von Zuazo oder den anderen vermietet, wobei aber die Eme Carnals oder Camaradas diese Dienste nicht selbst in Anspruch nehmen durften. Das war nur etwas für weiße Proleten oder mayates, nichts für stolze mexikanische Machos.

So etwas machte man nicht, und man mischte sich auch nicht in die Angelegenheiten anderer Mitglieder. Und ganz bestimmt benahm man sich nicht respektlos gegenüber deren ruca oder Freundin, man glotzte sie im Besucherraum nicht lüstern an, und wenn man rauskam, ließ man die Finger von den Frauen anderer Mitglieder.

Verstieß man gegen diese Vorschriften, kam man auf eine Liste, auf der man nicht stehen wollte. Drei vollwertige Mitglieder mussten dafür stimmen, damit ein Name auf die Liste kam, aber war er erst mal drauf, war man so gut wie tot.

Streng, aber Eddie verstand die Gründe. Sie brauchten las reglas, brauchten Disziplin, um ihre Würde und Selbstachtung an einem Ort zu bewahren, der darauf angelegt war, sie ihnen zu nehmen.

Durch las reglas blieb man stark, auch wenn man am liebsten zusammengebrochen wäre.

Eddie war auf dem Hof, wartete, bis er mit Bankdrücken dran war, als Zuazo auf ihn zukam.

»Hab mich gefragt, ob du vielleicht eine Aufgabe übernehmen kannst, campa.«

»Klar, was du willst«, sagte Eddie und hoffte, dass es nichts Schwieriges war. Wenn er hier mit einem Mord erwischt wurde, war sein Deal mit den Feds Geschichte, und er kam nie wieder raus. Andererseits konnte er dem mesa nichts abschlagen, also hoffte er einfach das Beste.

»Gerade hat ein Neuer eingecheckt«, sagte Zuazo. »Einer von uns. Hat überall rumerzählt, er würde wegen bewaffneten Raubüberfalls sitzen, aber ein Spitzel im Büro hat sich seine Akte angesehen – anscheinend ist es ein KF.«

Ein Kinderficker, dachte Eddie. Ein weißer Angestellter hatte seine echte Akte gefunden und sie den Mexikanern übergeben. Das war die Regel – die Weißen erziehen die Weißen, die Schwarzen die Schwarzen, die Braunen die Braunen.

Das ist Gefängnisgerechtigkeit. Man darf nicht Hand anlegen an einen mit einer anderen Hautfarbe. Würde ein Weißer den mexikanischen Kinderficker plattmachen, müssten die Mexikaner erst mal den Weißen verprügeln und damit einen endlosen Kreislauf an Vergeltungsmaßnahmen lostreten. Auf komische Art machte es also durchaus Sinn, dass die Weißen den Mexikanern den Fall übergaben, damit diese sich um ihre eigenen Leute kümmerten.

Und Strafe wurde erwartet. Wäre der Eindruck entstanden, dass Zuazo in seinem Hof schlecht sah und nichts unternahm, hätte er massiv an Respekt verloren. Einen vato wie den durften sie nicht unter sich tolerieren.

»Ich dachte, vielleicht könntest du seine Fassade einreißen«, sagte Zuazo.

»Kein Problem«, erwiderte Eddie, ungeheuer erleichtert, dass es nur um Prügel ging. »Scheiße, wenn ich ihm die Lichter …«

»Nein, nur verprügeln«, sagte Zuazo. »Ich will, dass er aus meinem Hof verlegt wird.«

Und du willst wissen, ob ich sauber bin, dachte Eddie. Du hast ein paar Hundert Typen, die du damit beauftragen kannst, aber du willst mich auf Herz und Nieren prüfen.

Okay.

»Die stecken dich eine Weile in die Sonderverwahrung«, sagte Zuazo, »aber eine Anzeige bekommst du nicht.«

Du willst, dass ich’s ganz offen mache, dachte Eddie.

Es soll eine Show werden.

»Ich hab gerade drei Jahre Florence hinter mir«, sagte Eddie. »Das war eine einzige Sonderverwahrung. Außerdem hab ich selbst Kinder.«

»Respekt, mano.«

Zuazo nannte ihm den Namen und ging.

Worauf soll ich warten, dachte Eddie, und setzte sich am darauffolgenden Morgen zum Frühstück, lauschte dem Kinderficker, der an einem der Nachbartische anderem Abschaum gegenüber damit prahlte, wie er seine Waffe gezogen hatte, aber von den Bullen geschnappt wurde, weil sie blockierte. Eddie dachte, was für ein bescheuerter Wichser.

Als er aufstand, stand Eddie ebenfalls auf, und als er auf Eddie zukam, schwang ihm dieser sein Tablett wie eine Axt an die Kehle, und er wäre auch umgekippt wie ein gefällter Baum, hätte Eddie das Tablett nicht fallen lassen und ihn vorne am Hemd gepackt, um ihm seine Rechte in die Fresse zu ballern – bamm, bamm, bamm, bamm –, vier rechte Gerade, anschließend stieß Eddie ihn zu Boden, setzte sich auf den Kerl drauf und machte noch ein bisschen weiter, bis ihm die Arme müde wurden und er dazu überging, dem Kerl die Knie in die Rippen und in den Schritt zu rammen. Zum Schluss regnete es noch Ellbogen und Unterarme auf die Visage.

Eddie merkte, wie er allmählich außer Puste kam, aber die Wärter hatten es anscheinend nicht eilig, die Prügelei zu beenden – auch sie hatten Kinder –, und der Rest der Jungs johlte, grölte und feuerte ihn an – »Fick ihn, mach ihn fertig, ese!« –, und der Typ winselte und heulte, blutete und flehte Eddie an, aufzuhören, aber Eddie kannte die Regeln – du hörst erst auf, wenn dich die Affen runterziehen –, also zermatschte er dem Typen einfach weiter das Gesicht, bis er endlich Hände hinten an seinem Hemd spürte und, begleitet von den Jubelrufen der anderen, weggezogen wurde.

Der Kinderficker blieb zusammengekauert liegen, aber Eddie konnte noch einen weiteren Tritt in die Eier platzieren und ihm aufs Knie treten, bevor ihn die Wärter außer Reichweite zerrten. Er sah Zuazo anerkennend nicken, und auch einer der Anführer der Aryan Brotherhood nickte respektvoll, als Eddie rausgebracht wurde.

Bei der Anhörung fragte der CO, wie der Streit angefangen hatte, und Eddie sagte: »Bei allem Respekt, Sir, das wissen Sie doch. Ihr wolltet die Akte verstecken, habt dem Idioten eine Geschichte zur Tarnung verpasst, aber Sie wissen doch, dass das hier nicht funktioniert.«

Der CO brummte Eddie dreißig Tage in Sonderverwahrung auf, und Eddie verzichtete auf sein Recht, in Revision zu gehen.

Was zum Teufel gab es da zu revidieren? Das Ganze war auf Video aufgezeichnet worden, er stritt es nicht ab, sondern ließ sich dafür loben. Schnell sprach sich herum, dass Eddie Ruiz nicht nur eine große Narco-Nummer, sondern auch ein knallharter Kerl war, der jetzt bei La Eme mitmischte.

Die Verwaltung drängte nicht auf eine Anzeige wegen Körperverletzung, der Kinderficker ging nicht vor Gericht und wurde in Schutzhaft genommen, verschwand also von Zuazos Hof. Eddie saß seine dreißig Tage ab wie ein Mann.

La Eme kümmerte sich auch im Loch um ihn, schickte ihm durch einen Wärter, den sie im Griff hatte, Sandwiches und kleine Kuchen, und einmal brachte sie Eddie sogar eine Flasche von Julios Klarem, sodass Eddie sich schön besaufen konnte.

Eddie teilte sich den Schnaps mit seinem Zellenkameraden Quito Fuentes, einem sehr alten mexikanischen Narco, der wegen seiner Beteiligung an der Sache mit Hidalgo, damals 1985, lebenslänglich ohne Bewährung bekommen hatte. Anscheinend hatte ihn dieser gottverfluchte Art Keller praktisch durch ein Loch im Grenzzaun auf die andere Seite gezogen, um ihn in den Staaten zu verhaften.

Quito würde niemals rauskommen. Stattdessen warfen ihn die Affen bei jeder sich bietenden Gelegenheit ins Loch, weil er ein Cop-Killer war, und so was vergessen die nicht. Inzwischen war er kaum mehr als ein sabbernder Schwachkopf, der nonstop mit jemandem, den er »Honig-Tropfer« nannte, Gespräche führte, sodass Eddie ihn gerne betrunken machte, weil er und der Honig-Tropfer dann eine Weile lang die Klappe hielten.

Aber ausgerechnet Keller, Mann, echt?

Durch den verfluchten Zaun?

Kam ihm gar nicht so lange vor, bis ein Wärter die Tür aufriss und sagte: »Ruiz, du gehst wieder in den alten Trakt.«

»Hey Quito«, sagte Eddie, »schöne Grüße an den Honig-Tropfer, okay?«

»Der Honig-Tropfer wünscht dir viel Glück.«

»Wer ist denn der Honig-Tropfer?«, fragte der Wärter, als er Eddie zurück in seine alte Zelle brachte.

»Woher zum Teufel soll ich das wissen?«

Er kehrte in seine picobello aufgeräumte Zelle zurück, Julio erwartete ihn wie ein verdammter Butler. »Willkommen zu Hause.«

»Danke für den Klaren. Hab gehört, den hast du selbst gemacht.«

Julio wäre fast rot geworden.

»Darüber müssen wir reden«, sagte Eddie. »Wir lassen uns eine Menge Geld durch die Lappen gehen.«

Eddie ging zur Zelle vom Mesa – ein »Vogelbad«, die letzte am Ende einer Reihe im Erdgeschoss. Drei Eme waren bei ihm, aber Zuazo machte ihnen Zeichen, sie sollten aufstehen, damit Eddie auf dem Hocker Platz nehmen konnte.

»Danke für die Waren«, sagte Eddie.

Zuazo nickte. »Hab gehört, die haben dich zu Quito gesteckt. Wie geht’s ihm?«

»Verrückt. Spinnt total.«

»Schade.«

»Ich will Fusel verkaufen«, sagte Eddie.

Zuazo lachte. »Dieser verfluchte Julio kann brennen, was? Das ist Taschengeld. Geh mit Gott.«

Eddie ging und stieg ins Geschäft ein.

Oder besser die Geschäfte.

Er hatte zwei Babys im Boot, unter anderem eine echte Knastnutte mit Mascara, Lippenstift und langen, lockigen Haaren.

Eddie suchte die dazugehörigen Daddys. »Ab jetzt arbeiten die beiden für mich.«

Der Typ knickte sofort ein, muckte kein bisschen auf, aber was hätte er auch machen sollen? Eddie hatte den Segen der mexikanischen Mafia.

Eddie nahm die Knastnutte beiseite. »Wie heißt du?«

»Martina.«

»Also, Martina, jetzt bin ich dein Daddy«, sagte Eddie. »Wenn ich ein langfristiges Engagement für dich finde, nehme ich das. Ansonsten wirst du auf Zuruf vermietet. Du darfst ein Drittel behalten, der Rest geht an mich. Wenn du ein Problem damit hast, übergeb ich dich den Schwarzen als Wanderpaket. Aber erst nachdem ich dich so hässlich geprügelt habe, dass sie deine Fresse ins Kissen drücken, wenn sie dich ficken.«

Martina hatte kein Problem damit.

Genauso wenig die andere Nutte, ein dürrer kleiner Kerl namens Manuel.

»Du heißt jetzt Manuela«, sagte Eddie. »Und du musst dir ein bisschen mehr Mühe geben. Rasier dich verdammt noch mal und leg ein bisschen Make-up auf.«

Eddie fand einen netten alten Lebenslänglichen und vermietete ihm Martina auf sechs Monate für ein Drittel seines Proviants. Manuela vertickte er für jeweils einzelne Sessions gegen Zigaretten und Briefmarken, die er beide mit Profit weiterverkaufte.

Beziehungsweise Julio – Eddie übertrug ihm die Verantwortung für den Kleinkram.

Und die Brennerei.

Eddie gab einem Wärter ein bisschen Trinkgeld für ein kleines Stück hinter einer Wand in der Abstellkammer, wo er den Stinger versteckte, und ließ den Jungen bei jeder Gelegenheit kochen. Wenn er nicht kochte, ging Julio die Flaschen verkaufen.

Niemals Cash.

Immer Briefmarken, Telefonkarten und Lebensmittel.

Jetzt nippt er an einer frischen Ladung Klarem und findet das Leben schön.

Aber was er eigentlich will, ist endlich mal wieder vögeln.


Sie heißt Crystal und ist reiner weißer Abschaum aus Barstow.

Vielleicht Anfang dreißig, sieht nicht schlecht aus. Rote Haare, Sommersprossen, schmale Nase, schmale Lippen und eine Figur wie ein Kegel. Kleine Tittchen oben und ein Riesenarsch unten.

Der Job als CO ist der beste, den sie je hatte.

Viel besser bezahlt als bei CostCo.

Und sie ist krankenversichert.

Crystal lässt sich eine Menge Mist in V-Ville gefallen. Die mexikanischen Wärter machen ihr das Leben schwer, weil sie finden, dass eine Latina den Job machen sollte, keine Weiße. Und die Häftlinge schauen sie an, als wollten sie sie ficken, was sie natürlich wollen.

Eddie macht so was nicht.

Er behandelt sie mit Respekt, spricht zu ihr wie mit einem Menschen, schaut ihr in die Augen, als wäre was dahinter. Die ganze Zeit denkt er daran, dass er sie ficken will, aber er lässt es sich nicht anmerken, weil er weiß, dass Frauen das nicht mögen.

Später schon, aber erst mal nicht.

»Weißt du, was die empfindlichste Stelle bei einer Frau ist?«, fragt Eddie Julio. »Ihre Ohren.«

»Hab ich auch schon mal gehört.« Julio streckt die Zunge raus und leckt.

»Nein, du Arsch«, sagt Eddie. »Ich meine, du musst mit ihr reden. Dann benutzt du deine eigenen Ohren – du hörst ihr zu. Wenn du willst, dass sie feucht wird, hör ihr zu.«

So fängt er es bei Crystal an. Erst mal nur kleine Sachen, einfach nur ein »Hi«, eine Woche später ein »Wie geht’s?«, dann »Sie sehen aber heute hübsch aus, CO Brenner«. Sie muss ein paar Kisten schleppen, Eddie ist da. Irgendwo muss schnell was weggewischt werden, Eddie ist zur Stelle – so ziemlich das einzige Mal, dass er einen Wischmopp anfasst.

Eines Tages geht er im Gang an ihr vorbei, sie sieht niedergeschlagen aus, traurig, ihre Augen sind ein bisschen geschwollen.

»Alles klar, CO Brenner?«

»Was?«

»Geht’s Ihnen gut?«

»Gehen Sie weiter, Ruiz.« Aber sie rührt sich nicht. Dann sagt sie: »Manchmal setzt einem der Laden hier zu … ich weiß auch nicht … manchmal setzt einem der Laden hier einfach ganz schön zu.«

»Erzählen Sie ruhig mehr …«

»Klar, Sie wissen das ja selbst.«

»Nein, ich meine, erzählen Sie’s mir ruhig«, sagt Eddie. »Wenn Sie Probleme mit jemandem haben …« Crystal lacht. »Was? Dann klären Sie die für mich?«

»Vielleicht.«

Sie sieht ihn lange an. »Nein, es ist nur, na ja, die anderen Wärter … erst mal bin ich eine Frau, dann bin ich weiß … nichts für ungut, Ruiz.«

»Ich weiß, was Sie meinen«, sagt Eddie. »Als ich in Texas gelebt habe, war ich der ›Mexikaner‹, als ich in Mexiko gelebt habe, war ich der ›yanqui‹. Hören Sie, das mit den anderen Wärtern, da kann ich nichts machen, aber wenn Sie Ärger mit einem Insassen haben, dann sagen Sie’s mir.«

»Okay.«

»Ich mein’s ernst.«

»Ich weiß«, sagt sie. »Hören Sie. Wir gehen lieber weiter.«

Eddie grinst. »Wir fraternisieren.«

»Wird nicht gern gesehen.«

Am nächsten Tag holt Eddie Unterstützung in sein Team. »Ortega, tu mir einen Gefallen.«

»Was willst du?«

Eddie sagt es ihm.

»Was ist für mich drin?«, fragt Ortega.

»Eine Flasche Klarer?«

Sie machen den Deal.

Eine Woche später sieht Crystal Eddie in dem Gang, den er angeblich putzt. Sie wirkt besorgt.

»Was ist los?«, fragt Eddie.

Crystal zögert.

»Kommen Sie schon, Sie können es mir sagen.«

»Im C-Flügel ist so einer, Ortega«, sagt Crystal. »Der macht mir echt das Leben schwer. Jedes Mal, wenn durchgezählt werden soll, wird er unverschämt. Beim Einschluss bleibt er an der Tür stehen, glotzt mich an, brummt leise Anzüglichkeiten. Ich will ihn nicht melden, aber …«

»Ich rede mit ihm.«

»Ja?«

»Ja.«

Drei Tage später fängt Crystal Eddie ab, als er aus dem Speisesaal kommt. »Was haben Sie gemacht?«

»Nur mit ihm geredet«, sagt Eddie. »Wieder alles gut?«

»Ja. Danke.«

»Gern geschehen«, sagt Eddie und fügt noch ein »mamacita« an, was fast ein bisschen zu dick aufgetragen ist.

Am nächsten Tag geht er wieder im Gang an ihr vorbei, sagt nichts, sondern steckt ihr nur ein kleines Zettelchen in die Tasche ihrer Uniform. Darauf steht: »Ich denke an dich.« Ist ein großes Risiko, wenn sie’s meldet, wandert er wieder ins Loch.

Als sie ihn später am selben Tag sieht, sagt sie nichts, steckt ihm aber auch ein Zettelchen zu. Eddie wartet, bis er wieder in seiner Zelle ist, dann sieht er nach, was draufsteht: »Ich denke auch an dich.«

Eddie weiß, dass er’s geschafft hat. Jetzt ist die Frage nicht mehr, »ob«, sondern »wo« und »wann«.

Die Antwort erhält er am nächsten Morgen, als er im Gang an ihr vorbeigeht.

»Kapelle«, wispert sie. »Hinten.«

Eddie wird religiös.

Er geht in die Kapelle, die so früh am Morgen leer ist, er geht um den Altar herum nach hinten in den schmalen Durchgang. Dort steht Crystal und wartet auf ihn. Sie sagt genau das, was er wusste, dass sie’s sagen würde. »Das dürfen wir nicht machen.«

Und er sagt genau das, was er wusste, dass er’s darauf entgegnen würde. »Aber wir können’s auch nicht lassen.«

Er zieht sie an sich heran, und sie küssen sich. Dann dreht er sie um, drängt sie an die Wand und zieht ihr die Hose runter. Macht den Reißverschluss auf, holt sein Ding raus und schiebt es ihr rein. Sie kommt vor ihm, was ihn erstaunt. Als er fertig ist, zieht er den Reißverschluss wieder hoch und dreht sie wieder um.

»Und jetzt?«, fragt sie.

Immer weiter so, lautet die Antwort.

Sie haben schnellen, verschwitzten, atemlosen Sex in der Kapelle und in Abstellkammern. Sie tauschen verstohlene Blicke in den Gängen, lächeln sich an, schieben sich Zettelchen zu. Es macht Spaß, ist gefährlich, und Eddie weiß, worauf sie abfährt – gefährlichen Sex mit einem gefährlichen Typen. Der Sex wird immer besser. Er bringt ihr ein paar Dinge bei, von denen man in Barstow nichts weiß.


Zuazo schaut vorbei an den Männern im Hof, die Basketball spielen, Gewichte stemmen oder einfach spazieren gehen. Vorbei an dem Maschendrahtzaun, den Stacheldrahtspiralen, den Türmen, er schaut hinaus in die Wüste.

»Wozu machen wir das, Eddie?«, fragt er und übertönt das Klappern des Stahls auf dem Metallrahmen. »Ich hab den Großteil meines Lebens in Gefängnissen wie diesem verbracht. Ich werde niemals von hier wegkommen, es sei denn, an einen Ort, wo es noch schlimmer ist. Ich besitze Millionen, kann mir aber von den zweihundertneunzig Dollar monatlich, die ich hier maximal auf meinem Konto haben darf, nichts anderes als Nudeln und Kekse kaufen – das ist Essen für ein Kind, nicht für einen Mann. Ich habe eine Frau, Kinder und Enkelkinder, die ich jeden Monat nur für ein paar Stunden sehen darf. Hin und wieder ficke ich irgendeine Wärterschlampe, ich erinnere mich, wie ihr Haar riecht, aber hauptsächlich habe ich den Gestank von Männern in der Nase. Ich bestimme über Leben und Tod, muss mir aber selbst einen runterholen. Und trotzdem mache ich immer weiter Geschäfte. Wozu?«

»Ich weiß es nicht.«

Was er aber weiß, ist, dass er sich einen Schwarzen suchen muss.

Eigentlich sollte man denken, es dürfte kein Problem sein, in einem Gefängnis einen Schwarzen zu finden, aber die Braunen geben sich nicht mit den Schwarzen ab, und wenn doch, dann haben sie einen guten Grund.

Eddie geht zu Crystal. »Du musst ein paar Papiere für mich durchsehen, Baby.«

»Eddie, wenn ich erwischt werde …«

»Dann lass dich nicht erwischen«, sagt Eddie. »Komm schon, COs können sich doch Akten anschauen. Wo ist das Problem?«

Er sagt ihr, was er braucht, und zwar ziemlich genau – einen Schwarzen aus New York, der wegen Drogenvergehen sitzt, aber bald rauskommt. Es dauert eine Woche, dann kommt sie mit Darius Darnell, alias DD. Vierunddreißig Jahre alt, befindet sich am Ende einer zehnjährigen Haftstrafe wegen Kokain-Dealerei. Soll in neunzig Tagen entlassen werden.

Eddie packt ein bisschen extra Zuneigung in den darauffolgenden Quickie, um seiner Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen. Jetzt hat er aber immer noch ein Problem – wie kommt er an den Schwarzen ran, um sich ernsthaft mit ihm zu unterhalten?

Für Eddie ist es ein Glück, dass gerade jetzt Unruhen ausbrechen.

Denn bei Unruhen kommt es vor, dass sich die Hautfarben untereinander, na ja, mischen.


Gefängnisunruhen brechen nicht einfach so aus.

Selbst die spontansten erfordern bereits im Vorfeld sehr viel Überlegung und Planung. Was nach einem plötzlichen Ausbruch von Gewalt auf einem friedlichen Hof aussieht, ist alles andere als das.

Diesen hat Zuazo geplant, um die mayates daran zu erinnern, was ihnen zusteht.

»Hin und wieder muss das sein«, erklärt Zuazo Eddie. »Dieses Mal aber haben sie uns einen Vorwand geliefert.«

Der übliche dämliche Scheiß, denkt Eddie. Testosteronmist. Ein Mexikaner namens Herrera kam vom Hof und wurde von einem Schwarzen gestreift. Es gab einen Wortwechsel, der unvermeidlich in rassistische Beschimpfungen ausartete.

Eddie hatte auf der Highschool gegen jede Menge schwarzer Typen gespielt – scheiße, ein paar von den Teams aus Houston und Dallas waren ausschließlich schwarz, und viele Tex-Mex-Typen brachten gerne mal ein »Nigger« oder ein »mayate« unter, aber Eddie hatte bei so was nie mitgemacht, weil er keinen Sinn darin sah, Männer noch wütender zu machen, die meist sowieso größer und schneller waren als er selbst.

Auf jeden Fall kam es zum Streit zwischen dem Schwarzen – DuPont, ein Neuer aus Louisiana – und Herrera. Die Wärter trennten die beiden, aber erst nachdem DuPont verkündet hatte, er wolle Herrera »Mann gegen Mann« begegnen.

Zuerst bemühte Zuazo sich, den Frieden zu wahren, und fragte Eddie: »Du hast doch schon mal mit mayates gearbeitet, oder?«

»Hab ihnen früher yerba verkauft.«

»Geh, sprich mit Harrison, er soll dafür sorgen, dass der Typ einen Rückzieher macht.«

Eddie spazierte zum Rand des Hofs in die Nähe des Basketballplatzes der Schwarzen und blieb dort mit vor der Brust verschränkten Armen stehen, womit er sofort die Aufmerksamkeit des Anführers der Schwarzen auf sich zog, einem Lebenslänglichen namens Harrison, der zwei seiner Leute zu Eddie schickte.

»Was willst du?«

»Reden«, sagte Eddie.

Sie führten ihn zu den Gewichten, wo Harrison mit DuPont und einigen seiner Homeboys hockte. DuPont sah immer noch rot – was für ein großer Motherfucker, dachte Eddie, einer von den großen schwarzen Motherfuckern aus dem Süden, so wie die, die früher aus East Texas kamen.

»Eddie Ruiz«, sagte Eddie.

»Was willst du?«, fragte Harrison. Er hatte Augen, älter als die Welt, dachte Eddie. Augen, die wissen, dass sie niemals mehr etwas anderes als dieses Wüstenloch zu sehen bekommen werden.

»Der Streit«, sagte Eddie. »Benny Z hält das für eine schlechte Idee. Er sagt, wieso lassen wir’s nicht bleiben und schieben es auf die Hitze.«

»Ich will es nicht bleiben lassen«, sagte DuPont.

Harrison sah ihn an, als wollte er sagen, wer zum Teufel hat dich gefragt? Aber er drehte sich zu Eddie um und sagte: »Dein Junge hat ihn einen Nigger genannt.«

»Und er hat meinen Jungen als Bohnenfresser beschimpft«, sagte Eddie. »Haben wir so was noch nie gehört? Das ist es doch nicht wert, dafür Blut zu vergießen.«

Ein Ausdruck, den Eddie nie so richtig verstanden hat. Er hat noch nie gesehen, dass Blut vergossen wurde wie mit der Gießkanne. Er hat Blut fließen sehen, strömen, sogar Menschen aus den Hinterköpfen spritzen, aber noch nie welches, das vergossen wurde.

Nein.

»Er findet, das ist es wert«, sagte Harrison und zeigte mit dem Kinn Richtung DuPont.

»Aber was interessiert’s dich, was er denkt?« DuPont ist ein Neuer, dachte Eddie, ein Baumwollpflücker mit Kopftuch, der vermutlich seine Schwester in den Arsch fickt und das für eine Verhütungsmethode hält.

»Der Mann hat Rechte«, sagte Harrison.

Das ist wahr, dachte Eddie. Jeder Mann hat das Recht, sich zum verfluchten Idioten zu machen, und genau das tut DuPont, wenn er glaubt, dass es wirklich eine Begegnung von Mann zu Mann geben wird. Eddie zuckte mit den Schultern, ging zurück zu Zuazo und berichtete diesem von dem Gespräch.

»Diese Scheiß-mayates wissen nicht, was ihnen zusteht«, sagte Zuazo.

Eddie wusste, dass er stinkig war, weil dies einen Gesichtsverlust für ihn bedeutete. Ein Eme mesa kann es sich nicht erlauben, das Gesicht zu verlieren. Wenn herauskam, dass Zuazo höchstpersönlich von einem mayate versetzt worden war, würden alle denken, La Eme wären geschwächt und man könnte sie leicht plattmachen.

Das könnte passieren.

Zuazo war wütender auf Harrison als auf DuPont, weil DuPont es offensichtlich nicht besser wusste, aber dass Harrison Zuazos Friedensangebot ablehnte, war eine einstudierte Respektlosigkeit von einem jefe gegenüber dem anderen. Würde ein Mesa so was auf sich beruhen lassen, wäre er erledigt.

Also plante er Unruhen.

An alle La Eme wurde die Botschaft ausgegeben, ihre Pedasos in sichere Verstecke auf dem Hof zu bringen. Dann hielt Zuazo eine Strategiebesprechung mit seinen Spitzenleuten ab, zu denen auch Eddie gehörte.

Jetzt beobachtet Eddie DuPont, wie der zu seiner »Mann-gegen-Mann«-Begegnung mit Herrera vorrückt. Er geht großspurig, weil er weiß, dass ihm der dürre Mexikaner nicht gewachsen ist.

Hinter ihm stehen außerdem zehn Brüder, bereit, sich auf den Gegner zu stürzen.

Was gar nicht schlecht wäre, nur dass Herrera sechzig Mexikaner hinter sich hat. Mit Messern.

Und sie warten nicht.

Sie laufen jetzt schon los.

Messer werden aus Hemden, Jacken und Hosenbeinen gezogen; verdammt, sogar aus Arschlöchern. Eddie hat sich sein pedaso – eine schöne scharfe Klinge aus Dosendeckeln, die er aus der Küche geschmuggelt hat – ans Bein geklebt.

Sechzig irre Bohnenfresser laufen mit Karacho los, die Sonne lässt die Klingen hoch über ihren Köpfen funkeln. Scheiße, das könnte die Schlacht von Alamo sein, nur dass die Texaner schwarz sind und nicht weiß und nicht mal eine Mauer haben, hinter der sie in Deckung gehen können.

Sie hauen ab.

So viele Schwarze sprinten los, dass es aussieht wie bei Olympischen Spielen, denkt Eddie, aber sie können nirgendwo hinlaufen, und der Zaun schützt sie nicht, er wird für sie zur Falle. Dann kommen noch mehr Schwarze über den Hof gelaufen, aber gleichzeitig auch noch viel mehr Mexikaner, von drei Seiten, genau wie geplant, und es dauert nur wenige Sekunden bis die Schwarzen mit dem Rücken zur Wand stehen. Oder mit dem Rücken zum Zaun. Die Wärter werden einen Scheiß unternehmen, das ist völlig klar, denn das Einzige, was alle in Victimville eint, ist der gemeinsame Hass auf die Schwarzen.

Eddie weiß, dass allgemein behauptet wird, Liebe würde die Menschen zusammenbringen, aber er weiß auch, dass Hass das stärkere Band ist.

Hass hält die Gesellschaft emotional zusammen.

Die Wärter sehen und hören nichts als eine Welle von Mexikanern, die die Schwarzen gegen den Zaun wirft. Und schon fangen die muchachos an, zuzuschlagen und zuzustechen.

Und es wird Blut vergossen, wie man so schön sagt.

DuPont, der riesige Motherfucker, der sowieso im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, geht als einer der Ersten zu Boden, weil große Motherfucker im Zentrum der Aufmerksamkeit bei Gefängnisunruhen immer ganz schlecht abschneiden.

Einer der Mexikaner schwingt eine Socke mit einem Vorhängeschloss darin und erwischt ihn seitlich am Kopf. DuPont geht in die Knie, was ebenfalls bei Unruhen ganz schlecht ist, weil ihn die Mexikaner jetzt treten, als wollten sie ihn in die ausgetrocknete Erde pflanzen. Andere Schwarze versuchen, sich zu ihm durchzukämpfen, aber Eddie sieht gleich, dass das nichts wird.

Die Schwarzen vorne schlagen und stechen zurück, aber die ganz hinten versuchen, über den Zaun zu klettern. Die Motherfucker sind so verzweifelt, dass sie sich auf den Natodraht oben schwingen, sich darin verheddern, dann versuchen, sich zu befreien und in den nächsten Hof fallen zu lassen.

Die meisten bleiben schreiend hängen, aber Eddie sieht, dass Darius Darnell einer der wenigen ist, die es schaffen, er greift nach oben und hilft seinem Zellenkameraden, einem älteren Typen namens Jackson, vom Zaun runter.

Eddie zögert nicht.

Er bohrt seinen Fuß in eine Masche des Zauns und klettert rauf.

Er greift in den Natodraht, holt tief Luft und wirft sich darauf, schneidet sich Arme und Beine auf. Dann reißt er sich schreiend los, lässt sich zu Boden fallen und rennt hinter den fliehenden Schwarzen her, als wäre er blind vor Zorn.


Darius sieht aus, als könnte er auch schneller weg, aber er bleibt bei dem langsameren Jackson, was verdammt hardcore loyal von ihm ist, weil ungefähr ein Dutzend Mexikaner gerade Eddies Beispiel folgen, über den Zaun kommen und den Schwarzen folgen.

Aber Eddie hat’s kapiert – auf Darnell kann man sich verlassen.

Darnell rennt zu dem ebenfalls eingezäunten Hof für die Gefangenen in der Sonderverwahrung, ein ungefähr sechs mal sechs Meter großer rechteckiger Käfig. Ein Wärter steht am offenen Tor, winkt Darnell zu sich, und Eddie sieht, dass er ihn und die anderen Schwarzen dort einschließen will.

Aber die anderen schaffen es nicht.

Einer bleibt absichtlich zurück, um die Verfolger aufzuhalten und wird von fünf vatos angefallen.

Jackson will zurück und ihm helfen, aber Darnell packt ihn am Hemd und schiebt ihn in den Käfig, schreit, »beeil dich, Mann. Du kannst nichts für ihn tun!«.

Der Wärter streckt die Hand aus, packt Jackson und zieht ihn durchs Tor. Darnell folgt ihm. Eddie flitzt hinterher, erreicht das Tor genau in dem Augenblick, in dem der Wärter, ein junger Mexikaner, es zuschlagen will. Stattdessen aber grinst er und sagt: »Se mi invitado, mano.«

Sei mein Gast, Bruder.

Eddie tritt ein.

Der Wärter verriegelt das Tor und geht.

Dann sieht Eddie fünf vatos von drinnen auf den Hof rennen, alle breit grinsend und mit Messern.

Darnell und Jackson sind tote mayates.

Einer der vatos erklärt ihnen das. »Was? Habt ihr gedacht, ihr seid in Sicherheit? Wir werden euch aufschlitzen.«

Nur dass Eddie jetzt dazwischengeht. »Suficiente.«

»Was glaubst du, wer du bist, dass du uns sagen kannst, wann es reicht?«, fragt der Ober-vato.

Eddie erkennt ihn als Fernando Cruz, einen dämlichen, gemeinen Motherfucker, der Zuazo nahesteht. Aber so nahe auch wieder nicht. Eddie merkt ihm seine wachsende Unsicherheit an, als er sagt: »Stehst du jetzt auf Nigger, Ruiz?«

»Wir sind fertig. Wir haben unseren Standpunkt klargemacht.«

»Ich hab meinen Standpunkt noch nicht klargemacht«, sagt Cruz. »Meine Klinge ist nicht feucht. Geh mir aus dem Weg, du willst doch nicht, dass sie an dir feucht wird.«

»Und du willst kein braunes Blut vergießen«, sagt Ruiz.

»Du bist kein La Eme. Nur camarada.«

»Ich sitze bei euch im Wagen«, sagt Eddie. »Und ich sitze vorn.«

Womit er Cruz daran erinnert, dass er mit dem mesa Geschäfte macht.

»Meinst du, nur weil du chiva verkaufst, hast du mir was zu sagen?«, fragt Cruz. »Aus dem Weg, hab ich gesagt. Sonst können wir dich auch wie einen mayate behandeln, wenn du unbedingt einer sein willst.«

Eddie reißt sich die mit einem Klebeband befestigte Klinge vom Bein. Hätte eigentlich wie verrückt wehgetan, wenn er nicht zu große Angst davor gehabt hätte, überhaupt etwas zu fühlen.

Er hebt die Klinge hoch.

»Wir sind zu sechst«, sagt Cruz, »und du bist allein.«

»Hauptsache, ich schneide dir die Kehle durch«, sagt Eddie.

»Um zwei mayates zu beschützen?« Cruz schüttelt den Kopf. »Das wird Benny Z nicht gefallen.«

»Ich rede mit ihm.«

»Ich auch.« Aber Cruz zieht sich zurück. Sieht an Eddie vorbei zu Darnell und Jackson und sagt: »Ihr habt Glück, dass Ruiz eine Schwäche für schwarze Schwänze hat. Fickt ihn heute Abend gut durch.«

Eddie überlegt, ob er Cruz die Fresse aufschneiden soll, entscheidet sich aber dagegen. Cruz glotzt ihn böse an, geht dennoch mit seinen Jungs nach drinnen.

»Wieso hast du das gemacht?«, fragt Darnell.

Eddie schaut ihn zum ersten Mal richtig an.

Schätzt Darius Darnell auf ungefähr eins fünfundachtzig, nicht dünn, aber schlank, aufgepumpt vom Knastkrafttraining. Die Haare sind kurz, Schnurrbart und Ziegenbärtchen. Dunkle Haut, ein richtig schwarzer Mann.

Jetzt wiederholt er noch mal die Frage: »Ich hab gefragt, warum du das gemacht hast.«

»Weil du und ich«, sagt Eddie, »zusammen Millionen verdienen werden.«


Cruz hat recht – Zuazo gefällt nicht, was Eddie gemacht hat.

Aber Eddie muss seine Botschaft über einen Drachen empfangen, weil die Wärter nach den »Rassenunruhen« das gesamte Gefängnis abgeriegelt haben. An einer Angelschnur kommt ein Zettel mit der Botschaft, dass der Chef ihn sprechen will, sobald der Einschluss vorbei ist.

Es heißt, Eddie sei geliefert.

»Die werden nichts machen«, sagt Eddie zu Julio.

»Woher willst du das wissen?«, fragt Julio. Er hat Angst, dass Eddie überfallen wird und er gleich mit dran ist, wenn Eddie bei den La Eme keinen guten Stand mehr hat, dass sein eigener Status im Arsch ist und er immer der Blödmann von anderen bleiben wird oder noch schlimmer.

»Weil ich es weiß«, sagt Eddie.

Jetzt gerade macht ihm der Einschluss mehr Sorgen, es nervt. Rund um die Uhr sind sie in die gottverdammte Zelle gesperrt und dürfen nur einmal die Woche duschen. Das Essen ist schrecklich – Erdnussbutter-Marmelade-Sandwiches, dazu Kool Aid und eine kleine Tüte Kartoffelchips.

Zum Mittagessen und zum Abendessen, jeden Tag, anderthalb Monate lang.

Was für ein Scheiß.

Noch größerer Scheiß ist, dass er jetzt nicht an Crystal herankommt.

Das bedeutet kein Sex, keine Informationen von draußen, und er weiß, dass sie gehört hat, was mit ihm und Darius Darnell war. Sie wird zwei und zwei zusammenzählen und draufkommen, dass das vier ergibt. Was er aber nicht will – er muss ihr, sobald sie zwei und zwei zusammenzählt, weismachen, dass das drei oder fünf sind, Hauptsache, nicht vier.

Und jetzt geht das nicht.


Frustrierend.

Frustrierend ist auch, dass er sein Gespräch mit Darnell nicht fortsetzen kann. Nachdem Eddie seinen Spruch mit den Millionen gebracht hatte, hatte Darnell ihm einen Blick zu geworfen, den man am besten wohl als »finster« umschreiben könnte.

»Was zum Teufel redest du da für einen beschissenen Mist?«, fragte Darnell.

»Ich will dir ein Geschäftsangebot unterbreiten«, sagte Eddie, »wenn du rauskommst.«

»Kein Interesse.«

»Du hast es noch nicht gehört.«

»Muss ich nicht hören«, sagte Darnell.

»Ich hab dir gerade dein Scheißleben gerettet«, sagte Eddie. »Ich hab meinen eigenen Arsch für dich hingehalten, und du willst mich nicht mal anhören?«

»Ich hab dich nicht gebeten, dich einzumischen«, sagte Darnell. »Ich bin dir nichts schuldig.«

Doch, bist du, dachte Eddie. Und das weißt du auch. Hinter deiner Fassade weißt du, dass du ohne mich blutend auf dem Boden liegen würdest, du stehst also zumindest unterbewusst in meiner Schuld. Aber er sagte: »Cool. Dann mach ich eben einen anderen Nigger reich.«

Darnell sah ihn einen ausgedehnten Augenblick lang an, überlegte sich, ob er ausflippen oder zuhören sollte. Dann sagte er: »Was hast du?«

»Heroin«, sagte Eddie. »Eine Pipeline aus Mexiko – lang und stark. Ein Exklusivauftrag für das New Yorker Stadtgebiet – Mets and Yankees, Giants and Jets, Knicks und Mets. Im Moment verkaufen die Mexikaner an die Dominikaner und übergehen die Schwarzen. Du könntest der einzige schwarze Großhändler in New York werden. Du hast die Verbindungen, du hast die Leute, du brauchst nur noch das Produkt.«

»Ich werde doch meinen eigenen Leuten kein Gift verkaufen«, sagte Darnell.

»Dann lass es bleiben«, sagte Eddie. »Verkauf’s den Weißen. Die sind ganz scharf auf den Scheiß. Kannst du dich an Meth erinnern? Wir haben ein Vermögen verdient, indem wir’s den Albino-Hillbillies verkauft haben. Jetzt haben wir einen urbanen Markt, sogar einen suburbanen Markt – nach oben sind keine Grenzen gesetzt.«

»Und wieso brauchst du mich?«

»Die Mexikaner übergehen mich auch«, sagte Eddie. »Alte Streitereien und so ein Scheiß. Aber jetzt habe ich ausgezeichnete Unterstützung im Hinblick auf das Produkt und den Transport bekommen, ich brauche jetzt nur noch einen Partner im Einzelhandel. Zu den Braunen kann ich nicht, also gehe ich zu den Schwarzen. Nenn’s von mir aus Multikulti. Eine multikulturelle Narco-Revolution.«

»Und du willst die Geschäfte von Victorville aus führen?«

»In achtzehn Monaten werde ich entlassen«, sagte Eddie. »Und bis es so weit ist, werde ich mich von hier aus um die Geschäfte kümmern.«

Darnell war kurz still, dann sagte er: »Vielleicht will ich ja sauber bleiben, wenn ich wieder draußen bin.«

»Wie soll das funktionieren?«, fragte Eddie. »Was für einen ›Kleine-Pommes-dazu?‹-Job willst du mit deinem Führungszeugnis ausüben? Wenn du ein Jahr, höchstens zwei für mich gearbeitet hast, kannst du aussteigen, dir ein Haus in – wie heißt das noch, Westchester? – kaufen, dem Country Club beitreten und Golf spielen. Hör zu, ich werd dich nicht überreden. Wenn du’s machen willst, super. Wenn nicht, dann vergiss, was heute passiert ist, geht aufs Haus, fühl dich eingeladen.«

»Bekommst du keinen Ärger mit deinen Leuten?«

»Das ist mein Problem, mach dir deshalb keine Sorgen.« Aber er wollte, dass Darnell sich Sorgen machte. Er wollte, dass er ein verdammt schlechtes Gewissen bekam.

»Wenn du ein Problem hast«, sagte Darnell, »such dir Hilfe.«

»Bruder, das hab ich gerade.«

»Lass mich drüber nachdenken«, sagte Darnell.

Dann kamen die Wärter und holten sie rein, und Eddie merkte, dass er von dem Natodraht blutete, weshalb er auf die Krankenstation kam, wo sie ihn erst zusammenflickten und dann zurück in seine Zelle zum Einschluss brachten.

Deshalb weiß er nicht, was Darnell denkt.

Endlich versammelt der Gefängnisdirektor alle Anführer in seinem Büro zu einem ernsten Gespräch, und sie versprechen alle, schön artig zu sein und ihren Nächsten zu lieben und lauter so einen Blödsinn, weil sie alle keine Erdnussbutter-Marmelade-Sandwiches mehr sehen können, und der Einschluss wird aufgehoben.

Eddie wird ins Vogelbad bestellt.

»Gehst du hin?«, fragt Julio.

»Hab ich eine andere Wahl?«

»Wahrscheinlich nicht.«

»Was sollte dann die oberdämliche Frage?«, fragt Eddie. »Du musst was brauen, damit wir wieder Kohle verdienen, La Mariposa überlässt du mir, okay?«

Er geht zu Zuazo in die Zelle.

Der mesa hat vier von seinen schlimmsten Männern da, unter anderem Cruz, daran erkennt Eddie, dass er ernsthaft in der Scheiße steckt.

Zuazo kommt sofort zur Sache. »Hast du vergessen, wer du bist, Eddie? Vielleicht glaubst du inzwischen, dass du nicht mehr braun bist, sondern schwarz?«

Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um Schwäche zu zeigen. »Nein, ich bin ziemlich sicher, dass ich braun bin.«

»Du bist ›ziemlich sicher‹?«, fragt Zuazo.

»Sagt man halt so.«

»Du hast gegen die Reglas verstoßen«, sagt Zuazo. »Du hast dich gegen deine eigenen Leute gestellt. Du sitzt in der Scheiße. Cruz will, dass ich dir den Prozess mache.«

»Ihr könnt mir keinen Prozess machen«, sagt Eddie. »Ich bin kein La Eme. Und wenn Cruz mich umbringen will, warum tut er’s dann nicht selbst?«

Er sieht Cruz an und grinst.

Zuazo sagt: »Weil das so nicht funktioniert.«

Eddie weiß, dass er keine andere Wahl hat, als ins Tiefe zu springen, mit beiden Füßen. Wenn er’s durchzieht, ist er frei und alles los. Wenn nicht, wird Zuazo ihn zum Abschuss freigeben, einem seiner vatos den Auftrag geben – vermutlich Cruz –, der ihn dann erledigt, unter der Dusche, im Hof, irgendwo, aber erledigen wird er ihn, sonst steht er selbst auf der Liste.

Also sagt Eddie: »Ich sag dir, wie’s funktioniert – du wendest dich an Rafael Caro, der dir erklären wird, dass ich auf seine Anweisung hin gehandelt habe, und mehr wird er dir nicht sagen, denn die Frage ›warum?‹ befindet sich über deiner Gehaltsstufe. Er wird dir sagen, dass du mich verdammt noch mal in Ruhe lassen und mir deine rückhaltlose Unterstützung zusichern wirst. So funktioniert das.«

»Kann dauern, bis ich an Caro rankomme.«

»Wenn wir eins genug haben«, sagt Eddie, »dann ja wohl Zeit.«

Und damit spaziert er obercool aus der Zelle, obwohl er sich am liebsten einnässen würde. Er ist ziemlich sicher, dass Caro die richtigen Antworten geben wird, aber andererseits war der Alte jetzt schon so lange in Florence, am Ende hatte er vergessen, was er gesagt und angeordnet hatte.

Aber immerhin hat Eddie sich vorläufig einen Passierschein für die nächsten Wochen verschafft. Solange sie auf Caros Antwort warten, wird ihn niemand anrühren.

Crystal ist der nächste Punkt auf der Tagesordnung.

Sie hat Nachtschicht, und sie treffen sich in der Abstellkammer.

Anderthalb Monate ohne Sex sind eine lange Zeit, und Eddie will ihr am liebsten erst mal die Hose runterziehen. Aber das ist nicht das Erste, was Crystal will.

»Du hast mich ausgenutzt«, sagt sie.

Was du nicht sagst, denkt Eddie. »Baby, ich hab dich vermisst.«

Sie haut ihm auf die Finger. »Ich hab das gehört von dir und Darnell. In was hast du mich da reingezogen?«

»Komm schon, Baby, ich weiß, dass du mich auch vermisst hast.«

Er legt ihre Hand auf seinen Schwanz.

Sie schüttelt ihn ab. »Ich hab genug davon, Eddie. Ich kann das nicht mehr.«

»Doch, kannst du«, sagt er. Eigentlich wollte er noch nicht Klartext sprechen, aber sie lässt ihm keine andere Wahl. »Du wirst machen, was ich von dir will.«

»Du kannst mich nicht zwingen.«

»Hör mir gut zu, du dämliche Hure«, sagt Eddie. »Wenn ich zum Direktor gehe … nein, sei einfach still und hör mir zu … und ihm sage, dass du mit mir gefickt hast, komme ich in die Sonderverwahrung, aber du kommst ins Gefängnis. Wenn ich ihm sage, dass du mir Informationen beschafft hast, kriegst du acht bis fünfzehn Jahre. Und zwar in einem Bundesgefängnis. Hochsicherheit.«

Sie fängt an zu heulen. »Ich dachte, du liebst mich.«

»Ich liebe meine Frau«, sagt Eddie. »Und ich liebe meine Kinder. In Acapulco läuft ein schokoladenbrauner Labrador Retriever rum, den liebe ich vielleicht auch, aber dich? Nein. Ich liebe es, mit dir zu ficken, falls dich das tröstet. Also pass auf, was du tust, Crystal. Du wirst mir weiter Informationen beschaffen. Und jetzt gehst du auf die Knie und bläst mir einen, wenn du’s gut machst, fick ich dich vielleicht. Und wenn nicht, mamacita, wirst du erleben, was die tortilleras mit einer ehemaligen Wärterin im Knast anstellen.«

Während er sie sanft an den Schultern nach unten drückt, fragt sie: »Fahren wir trotzdem noch nach Paris?«

»Du lieber Gott, Crystal«, sagt Eddie. »Lutsch mir einfach den Schwanz.«


»Du überlegst dir das doch nicht, oder?«, fragt Arthur Jackson.

Er sitzt auf seinem Stockbett in der Zelle und schaut Darius Darnell an.

»Ich weiß es nicht«, sagt Darnell und sieht den älteren Mann an. »Vielleicht.«

»Was haben uns Drogen je gebracht«, fragt Jackson, »außer Elend?«

Jackson muss es wissen. Er sitzt dreimal lebenslänglich. Er war zwanzig Jahre alt und Collegestudent in Arkansas, als er einen Freund einem Crackdealer vorstellte und sich dafür tausendfünfhundert Dollar auszahlen ließ.

Sie wurden festgenommen.

Jackson weigerte sich, jemanden zu verraten.

Sein Freund hatte keine solchen Skrupel.

Der Freund bekam Bewährung, der Crackdealer sieben Jahre. Arthur Jackson bekam die ganze Scheiße ab. Er hinterlegte nie eine Kaution, sah nie einen Staatsanwalt, wusste nicht, wie das System funktioniert, weil er vorher noch nie Schwierigkeiten gehabt hatte.

Sein Freund und der Dealer logen im Zeugenstand. Schoben alles auf Arthur.

Die Geschworenen erklärten ihn in allen Anklagepunkten für schuldig, und er wurde verurteilt wegen der Verabredung zum Handel mit Kokain. Die Geschworenen bekamen nicht einmal mehr mit, zu welcher Strafe er verdonnert wurde.

Dreimal lebenslänglich wegen eines Telefonanrufs.

Arthur Jackson hat schwergewichtige Drogenhändler hier herausgehen sehen. Er hat Vergewaltiger, Gangbanger, Kinderschänder und Mörder hier herausgehen sehen, nur er schmort immer noch.

Sein Antrag auf Strafmilderung wurde von Präsident Bush abgewiesen.

Jetzt setzt Jackson all seine Hoffnung auf Obama, aber der hat bereits Tausende von Anträgen abgelehnt, und die Tage seiner Amtszeit sind allmählich gezählt. Damit tickt auch die Uhr für Arthur Jacksons Hoffnung.

Und trotzdem denkt Arthur, dass ein »Brother« die Ungerechtigkeit in seinem Fall erkennen und ihn freilassen wird.

Darius liebt Arthur.

Arthur Jackson ist vielleicht der beste, freundlichste Mensch, den er je kennengelernt hat. Zwanzig Jahre hat er in diesem Höllenpfuhl gelebt, ohne je einem anderen Menschen etwas zuleide zu tun, aber Darius fürchtet, dass sein Freund sich in Obama täuscht.

Der Präsident ist zwar ein Brother, aber einer aus Harvard, ein Brother, der Privatschulen besucht hat. Er hat schon genug damit an der Backe, ein schwarzer Präsident zu sein, und wird es nicht unbedingt eilig haben, sich auch noch dabei erwischen zu lassen, wie er schwarze Drogendealer bevorzugt aus dem Gefängnis entlässt. Das Irre ist, dass Arthur bei einem weißen Präsidenten wahrscheinlich noch bessere Chancen hätte, weil der sich keine Gedanken darüber machen müsste, dass er gegenüber schwarzen Straftätern zu milde erscheint.

Die nackte harte Wahrheit – obwohl Darius Arthur viel zu sehr liebt, um ihm die nackte harte Wahrheit zu sagen – ist, dass Jackson jetzt schwer auf die fünfzig zugeht, seine besten Jahre im Gefängnis verbracht hat und vermutlich im Gefängnis sterben wird.

Und trotzdem wartet Arthur jeden Tag auf einen Brief aus der Pennsylvania Avenue.

Er hat einen »Gnadenkalender« der Obama-Regierung an der Wand hängen und kreuzt jeden Tag ein Datum durch und jetzt sind schon viel mehr Felder durchgekreuzt als noch frei. Arthur sieht das aber nicht so – er sagt, er hat noch siebenhundert Chancen, und das sind eine ganze Menge.

Darnell weiß nicht, wie er das macht, wie er es schafft, nicht einfach völlig verrückt zu werden, wie er es hinbekommt, sich nicht mit den eigenen Zähnen die Pulsadern aufzureißen oder jemanden umzubringen, wo er doch weiß, dass er sein ganzes Leben mit einem einzigen Telefonanruf weggeworfen hat.

Aber Arthur bleibt ruhig, Arthur bleibt freundlich.

Arthur liest in der Bibel und spielt Schach. Und hilft den anderen Insassen, Begleitbriefe zu ihren Gnadengesuchen zu verfassen.

Arthur stiftet Frieden, wenn die anderen Streit suchen.

Und jetzt will er Darius etwas ausreden, von dem Darius längst weiß, dass er’s machen wird.

»Was haben uns Drogen je gebracht, außer Elend?«

Geld, denkt Darnell.

Ganz einfach.

Geld.

Darius ist selbst kein Kind mehr. Er ist jetzt vierunddreißig, seine Kinder sind auf der Middle School, und was hat er schon für Zukunftsaussichten? Ruiz hat recht – wenn er Glück hat, bekommt er einen Job zum Mindestlohn. Wenn er Glück hat. Im Gegensatz zu …

Millionen?

Vielleicht redet Ruiz einen Haufen Scheiß, aber vielleicht auch nicht. Er steht in der Rangordnung nach wie vor ziemlich weit oben, also hat er definitiv Beziehungen.

Und Ruiz hat mit noch etwas anderem recht – du hast die Kontakte, du hast die Leute und wenn du zurück bist auf der Straße, werden sie gewisse Erwartungen haben, und dazu gehört nicht, dass du dir ein Papierhütchen aufsetzt und dich irgendwo an einen Grill stellst.

Die erwarten von dir, dass du wieder ins Geschäft einsteigst.

Und du erwartest das auch.

Aber zu Arthur sagt er: »Nichts als Elend, Bruder.«

»Genau«, sagt Arthur. »Und wenn du noch mal erwischt wirst, kriegst du lebenslänglich. Willst du so werden wie ich?«

»Könnte schlimmer kommen.«

»Aber auch viel besser«, sagt Arthur.

Ja, aber wie?, denkt Darius. Wie soll ich das anstellen?

Arthur fragt: »Also, was wirst du Ruiz sagen?«

»Nein werde ich ihm sagen«, sagt Darius.

Er lügt Arthur nicht gerne an, aber er tut ihm auch nicht gerne weh. Jackson hat in seinem Leben viele Enttäuschungen hinnehmen müssen, und weitere stehen ihm bevor. Darius will nicht eine davon sein.

Manchmal hört er Arthur nachts weinen.


Eddie wartet auf Caros Antwort.

Sie kommt unerwartet.

Eddie geht den Gang entlang – tiefenentspannt, weil er sich gerade den Schwanz hat polieren lassen –, als Cruz auf ihn zukommt.

Mit einem pedaso in der Hand.

Eine in eine Zahnbürste eingeschmolzene Rasierklinge.

Eddie flucht, weil er nichts dabeihat außer seinen Fäusten, und er hätte darauf vorbereitet sein sollen.

Caro hat ihn gefickt.

Und Cruz steht jetzt direkt vor ihm.

Gibt ihm das Messer und sagt: »Stich zu.«

»Was?«

»Zuazo sagt, du kannst zustechen.« Cruz hält ihm buchstäblich die andere Wange hin, bietet sie Eddie an.

»Wegen der Beleidigung.«

Also hat Caro sich gemeldet.

Und durchgegeben, dass Eddie unantastbar ist.

»Nein, vergiss es«, sagt Eddie.

»Du musst.«

»Habt ihr’s immer noch nicht begriffen?« Eddie gibt ihm das Messer zurück. »Ich muss gar nichts.«

Er macht einen Bogen um Cruz und geht weiter.


Drei Monate später kommt Darius Darnell raus.

Ein glücklicher Anlass, nur dass er sich von Arthur verabschieden muss, der inzwischen noch weitere neunzig Felder auf seinem Kalender durchgestrichen hat.

»Bleib anständig, hast du gehört?«, sagt Arthur.

»Du auch.«

Arthur lacht. »Mir bleibt ja gar nichts anderes übrig.«

»Wird schon werden bei dir«, sagt Darius, obwohl er es nicht glaubt. »Wirst sehen.«

»Schreib denen bloß keine Briefe in meinem Namen«, sagt Arthur. »Dann behalten die mich ewig hier drin.«

»Ich schick dir Päckchen.«

»Darauf freu ich mich.«

Die beiden Männer umarmen sich. Sie haben sieben Jahre lang auf einer Fläche von zwei mal vier Metern zusammengelebt und sich kein einziges Mal gestritten.

Dann führt der Wärter Darnell ab.

Die anderen Sträflinge jubeln.

Noch eine Stunde Papierkram, dann ist er draußen.


Knapp über neunhundert Meilen entfernt tritt ein anderer Sträfling durchs Tor nach draußen.

Rafael Caro bleibt einen Augenblick stehen und lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen.

Er ist ein freier Mann.

Er hat achtzig Prozent seiner Strafe abgesessen und wurde dank guter Führung vorzeitig entlassen.

Natürlich wird er sofort abgeschoben.

Das war eine der Bedingungen für seine Freilassung.

Für Caro ist das kein Problem, er kann es nicht abwarten, El Norte zu verlassen und nie wieder zurückzukehren.

Eine Limousine wartet auf ihn. Ein Mann steigt aus, geht zu ihm, umarmt ihn, und küsst ihn auf beide Wangen. »El Señor.«

Er öffnet eine der hinteren Türen, und Caro steigt ein.

Eine geöffnete Flasche Modelo schwitzt in einem Kübel mit Eis.

Caro lässt sich das kalte Bier die Kehle hinunterrinnen, und es fühlt sich herrlich an.

Wie das Leben.

Der Wagen bringt ihn zu einem privaten Flugplatz draußen vor Pueblo, wo bereits ein Jet auf ihn wartet. Eine wunderschöne junge Flugbegleiterin reicht ihm einen frischen Anzug und zeigt ihm, wo er sich umziehen kann.

Als er wieder rauskommt, legt sie ihm ein Handtuch auf die Schulter, schneidet ihm die Haare, rasiert ihn und hält ihm einen Handspiegel vor. »Gut so?«

Caro nickt und bedankt sich bei ihr.

»Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«, fragt sie.

»Nein danke.«

»Gerne.«

Er nickt erneut. Das Flugzeug startet.

Wenige Minuten später kommt die Flugbegleiterin mit einem Tablett zurück, unter einem Leinentuch befindet sich ein Teller mit dünn geschnittenem Steak, Reis und Spargelspitzen.

Und noch ein Modelo.

Er isst und döst ein.

Sie weckt ihn kurz vor der Landung in Culiacán.


Keller schaut fern, als Caro durch die Menge an Reportern geht.

Der alte Narco wirkt gebrechlich, er hat die übliche Gefängnisblässe und schlurft wie ein Sträfling, als hätte er immer noch Fußfesseln.

Hugo explodiert. »Er hat geholfen, meinen Vater zu foltern und zu ermorden, und jetzt ist er schon wieder draußen?! Er wurde zu fünfundzwanzig Jahren bis lebenslänglich verurteilt, und die lassen ihn nach zweiundzwanzig Jahren raus?!«

»Ich weiß.«

Keller hatte Beschwerde bei der Gefängnisbehörde eingelegt, im Justizministerium angerufen, offizielle Briefe verfasst, um sich gegen die vorzeitige Entlassung von Rafael Caro auszusprechen, daran erinnert, was dieser getan hatte, aber vergebens. Jetzt muss er hier sitzen und zusehen, wie der Mann, der Ernie gefoltert hat, freikommt.

All die Erinnerungen werden wieder wach.

Jetzt sieht er, wie Caro stehen bleibt und in eins der Mikros spricht, die ihm vorgehalten werden. »Ich bin ein alter Mann. Ich habe in der Vergangenheit Fehler gemacht und dafür bezahlt. Jetzt will ich nur noch in Frieden leben.«

»Scheißkerl«, sagt Hugo.

»Mach keine Dummheiten«, sagt Keller. »Ich will nicht hören, dass du nach Mexiko fährst.«

»Wird nicht passieren.«

Keller sieht ihn an. »Was wird nicht passieren? Dass ich’s nicht höre oder du nicht hinfährst?«

»Beides.«

Keller wendet sich wieder dem Fernseher zu und sieht, wie Caro von seinen Leuten auf den Rücksitz einer Limousine geschoben wird.

Dann ist Caro jetzt also draußen, denkt er. Du lieber Gott, wann komme ich raus? Oder bin ich lebenslänglich verurteilt, ohne Hoffnung auf Strafmilderung wegen guter Führung? Und dann fällt ihm etwas aus dem anderen Krieg ein, seinem ersten, in Vietnam. Etwas, das Ho Chi Minh geschrieben hat:

»Wenn sich die Gefängnistore öffnen, fliegen die wahren Drachen heraus.«

7. Der Bus

»… entweder seid ihr im Bus oder nicht im Bus.«

Ken Kesey



Im ersten Moment ist Damien entsetzt, enttäuscht von dem kleinen Häuschen, in dem Rafael Caro lebt, den schlichten Klamotten, die er trägt. Das einstöckige Haus, in den Achtzigerjahren gebaut, ist bescheiden – ein Schlafzimmer mit Bad, ein kleines Wohnzimmer und eine kleine Küche. Die Möbel sind alt. Zeug, wie man es auf dem Trödel findet.

Das ist Rafael Caro, einer der Gründer der Federación – er sollte auf einem stattlichen Anwesen leben und Armani tragen, kein altes Jeanshemd und zerknitterte Kakihosen. Er sollte in den besten Restaurants speisen und keine übrig gebliebenen frijoles aus der Pfanne kratzen.

Damien fühlt sich betrogen.

Aber dann setzt er sich zu dem alten Mann und sieht, dass das, was er zunächst für eine Entwürdigung gehalten hatte, tatsächlich Einfachheit ist und dass Caro nicht gefallen ist, sondern über allem steht. Dass die Jahre in Einzelhaft keinen Irren, sondern einen Mönch aus ihm gemacht haben.

Einen Weisen.

Also sitzt er da und hört Caro sagen: »Adán Barrera war der Feind deines Vaters. Und mein Feind war er auch. Er hat deinen Vater in den Tod geschickt und mich in die Hölle. Er war der Teufel.«

»Allerdings.«

»Ich habe deinen Vater nicht gekannt«, sagt Caro. »Ich war immer im Gefängnis. Aber ich habe gehört, dass er ein großer Mann war.«

»Das war er.«

»Und du willst ihn rächen.«

»Ich möchte, dass meine Familie den Platz bekommt, der ihr zusteht«, sagt Damien.

»Ich habe gehört, du bist in den Besitz einer größeren Menge Heroin gelangt«, sagt Caro.

Das ist wahr. Damien und seine Jungs hatten eins von Nuñez’ Laboren in Guerrero ausgenommen und fünfzehn Kilo abgeräumt. Aber woher weiß das der alte Mann?

»Ihr könnt es nicht verschieben, ihr habt keinen Zugang zum amerikanischen Markt«, sagt Caro.

»Ich habe Anlegestellen in Acapulco«, sagt Damien.

Aber er weiß, worauf der alte Mann anspielt. Die Anlegestellen sind nützlich, wenn man Chemikalien ins Land holen will, aber für den Drogenexport sind sie weniger wertvoll. Der pazifische Hafen ermöglicht ihm ausschließlich Zugang zur amerikanischen Westküste, die Fahrt dauert lange, ist beschwerlich und riskant. Marihuana kann man über den Seeweg schicken, es ballenweise vor Kalifornien ins Wasser werfen, wo es anschließend von Booten eingesammelt wird, aber mit Gras ist kein Profit mehr zu machen.

Er braucht den Heroinhandel, wenn er’s mit Sinaloa aufnehmen will, und Caro hat recht – die anderen haben ihn von der Infrastruktur der Transportwege und Märkte ausgeschlossen.

»Ein paar der alten Freunde deines Vaters verschieben Heroin aus Sinaloa mit Bussen über Iguala«, sagt Caro.

Damien weiß das. Die Guerrero Unidos sind Sinaloa-Kunden geworden. Er kann es ihnen nicht verübeln, sie müssen überleben, auch sie müssen essen.

»Wie wär’s, wenn sie Ware für dich verschieben würden?«, fragt Caro.

»Das werden sie nicht«, sagt Damien. »Die Rentería-Brüder stehen unter Nuñez’ Fuchtel.«

»Vielleicht wollten sie sich von ihm befreien.«

Damien schüttelt den Kopf. »Ich hab sie schon drauf angesprochen.«

Die Renterías waren alte Freunde seines Vaters, hatten jahrelang für ihn gearbeitet, mit ihm gegen Adán gekämpft. Nach dem Tod seines Vaters hatten sie sich an Eddie Ruiz gehalten. Er kennt sie seit seiner Kindheit. Aber als er bei ihnen angeklopft hatte, um mal zu hören, ob sie ihm helfen würden, hatten sie ihm die kalte Schulter gezeigt.

»Das ist das eine, wenn du sie ansprichst«, sagt Caro. »Aber wenn ich das mache, ist das was anderes.«


Die Stadt Iguala befindet sich an der Route 95 im Norden des Staates Guerrero, Michoacán und Morelos grenzen direkt an. Es ist eine alte Stadt mit Geschichte, 1347 gegründet. Offiziell endete hier der mexikanische Unabhängigkeitskrieg, die mexikanische Flagge wurde zum ersten Mal hier gehisst.

Es ist eine hübsche Stadt, bekannt für ihre Tamarindenbäume, die neoklassizistischen Kirchen und die See nicht weit außerhalb.

Damien folgt einem Wagen über die Bandera Nacional, dann links auf die Calle Álvarez.

»Wohin fahren wir?«, fragt Fausto.

»Ich weiß es nicht«, sagt Damien. »El Tilde hat gesagt, wir sollen ihm folgen.«

»Das gefällt mir nicht.«

»Halt die Waffe bereit.«

Tilde hält gegenüber dem Central de Autobuses.

»Zum Busbahnhof?«, fragt Fausto.

»Sieht so aus«, sagt Damien und steigt aus dem Wagen. Er setzt eine schwarze Basecap auf, weil die Sonne heiß ist, dazu trägt er ein schwarzes Hemd zur Jeans und den Nikes, eine Sig Sauer .380 beult sich leicht unter dem Hemd. Fausto gibt sich gar nicht erst mit kleinen Waffen ab, sondern nimmt gleich eine MAC-10 vom Rücksitz, obwohl dies eigentlich ein freundschaftliches Treffen werden soll.

El Tilde steigt aus seinem Wagen, ein breites Grinsen im Gesicht, die Arme zur Begrüßung ausgebreitet. »¡Bienvenidos, todos! Ist viel zu lange her!«

Cleotilde »El Tilde« Rentería war einer der Bodyguards bei Damiens Vater, der dann zu Eddie gegangen war. Über Tilde wird erzählt, dass er in Acapulco einmal zwanzig Touristen umgebracht hatte, weil er sie für Mitglieder einer rivalisierenden Bande hielt. Waren sie aber nicht. Tilde meinte hinterher nur: »Lieber einer zu viel als einer zu wenig.«

Nachdem Eddie weg war, gründeten Tilde und einige andere aus der alten Tapia- und Ruiz-Organisation ihr eigenes Ding – die Guerreros Unidos –, und jetzt leitet Tilde diese gemeinsam mit seinen Brüdern Moises und Zeferino.

Damien entgeht nicht, dass Tilde ein blau-gelb gestreiftes Polohemd zur kakifarbenen Hose trägt und damit hinter Eddies altes Gebot zurückfällt, dass sich seine Leute elegant zu kleiden haben. Und jetzt schlingt er die Arme erst um Damien, dann um Fausto.

»Das ist wunderschön«, sagt Tilde. »Die Busse fahren von hier aus überallhin. Guadalajara, Culiacán, Mexico City. Über wie viel sprechen wir?«

»Erst mal fünfzehn Kilo«, sagt Damien. »Später vielleicht mehr. Ich habe die Ware, ich muss sie nur aus Guerrero rausschaffen. Aus Respekt komme ich zuerst zu dir.«

Tilde will nicht wissen, woher Damien fünfzehn Kilo Opiumpaste hat, obwohl er es sich ganz gut vorstellen kann. Vergangene Woche wurde eins der Labore von Ricardo Nuñez in Guerrero von zehn maskierten und mit AK-47s bewaffneten Männern überfallen – fünfzehn Kilo nahmen sie mit –, und Nuñez ist alles andere als amüsiert. Er hat Leute losgeschickt, die seine Ware und die Männer suchen, die sie ihm abgenommen haben.

Wenn Nuñez hiervon wüsste, würde er Backsteine kacken, und zwar quer.

Und dann mit dem Gemetzel beginnen.

Besser, er erfährt es nicht.

Und besser, ich erfahre es auch nicht, denkt er und betrachtet Damien. Also fragt er nicht weiter nach. Dann kann er wenigstens einigermaßen glaubhaft alles abstreiten, auch wenn er gegenüber Nuñez bereits angedeutet hatte, dass Los Rojos hinter dem Überfall steckten.

Scheiß auf Nuñez.

Scheiß auf Sinaloa.

Obwohl sie eigentlich ganz gut dabei waren, sich gegenseitig in den Arsch zu ficken, denkt er. Der Esparza- und der Sanchez-Flügel sind in Baja bereits ziemlich heftig dabei – dort hängen Leichen von Brücken oder liegen in Einzelteilen verstreut auf der Straße.

Nuñez kann nicht ewig neutral bleiben.

»Wir übernehmen den Transport für dich«, sagt er.

»Hast du keine Angst vor Sinaloa?«, fragt Damien.

»Was die in Sinaloa nicht wissen, wissen sie nicht«, sagt Tilde. »Scheiß auf die Arschlöcher. Aber das bleibt doch unter uns, oder?«

»Absolut.«

»Bist ein guter Junge«, sagt Tilde.

Bist der Sohn deines Vaters.


»Schau dir deine Freunde an, Ric«, sagt Melissa. »Eduardo macht sein eigenes Ding, Iván auch. Sogar Damien hat jetzt seine eigenen Leute.«

»Was willst du damit sagen?«, fragt Ric.

Er ist zurück aus Guerrero, sie treffen sich in ihrem Apartment in La Paz.

»Keiner von denen ist der Patensohn von Adán Barrera«, sagt Melissa. »Du könntest alles haben. Aber stattdessen sitzt du rum und spielst mit deinem eigenen Schwanz.«

»Was soll ich denn machen?«, fragt Ric.

»Sei ein Soldat«, sagt sie. »Werde der General deines Vaters. Wenn er sich zur Ruhe setzt, gehört dir der Chefsessel. Und das will er auch.«

»Ich weiß.«

»Du weißt es, aber du tust nichts«, sagt sie. »Dein Vater braucht dich.«

»Wer bin ich jetzt – Michael Corleone?«

»Wer willst du sein – Fredo?«, fragt sie. »Du musst dir den Schwanz nass machen, Ric. Geh endlich mit Santa Muerte ins Bett.«

»Ich hab noch nie …«

»Oh Mann. Mach dir keine Sorgen, ich helf dir bei deiner Entjungferung.«

Ganz Baja befindet sich im Chaos. Weniger wegen des Grenzverkehrs als wegen der Drogenverkäufe und Schutzgelderpressungen im Land. Um die Grenze zu kontrollieren, braucht man Soldaten, und um die Soldaten zu bezahlen, muss man ihnen Bezirke zuteilen, in denen sie Dope verkaufen und Bars, Restaurants und Supermärkte abkassieren können.

Unter dem Monopol von Sinaloa war das gut organisiert gewesen, aber jetzt wird alles neu verteilt – von einem Straßenzug zum nächsten, von einem Tag auf den anderen – in La Paz, Cabo, Tijuana, überall – man weiß nicht, ob Sanchez oder Esparza, Nuñez oder »piraterías« am Drücker sind – Unabhängige, die das Chaos ausnutzen und Geschäfte machen, ohne Steuern an Sinaloa abzuführen. Die Straßendealer wissen nicht mehr, für wen sie arbeiten, die Geschäftsinhaber wissen nicht, an wen sie bezahlen müssen.

Melissa will es ihnen erklären.

Ric steigt also mit Melissa, Gaby und zwei ihrer Jungs, Calderón und Pedro, in einen Wagen, und sie fahren in die Wonder Bar in der Antonio Navarro, nicht weit vom Jachthafen entfernt. Er folgt Melissa in die Bar, wo sie direkt ins Büro marschiert und den Besitzer, einen jungen Mann namens Martín, zur Rede stellt.

»Deine Zahlungen sind fällig«, sagt Melissa.

»Ich hab schon bezahlt«, sagt Martín.

»An wen?«, fragt Melissa. »Wen hast du bezahlt?«

»Monte. Er hat gesagt, er bringt euch das Geld.«

»Monte gehört nicht zu uns«, sagt Melissa.

»Er hat aber gesagt …«

»Was? Dass Adán Barrera tot ist und jetzt jeder sein eigenes Ding machen kann?«, fragt Melissa. Sie zeigt auf Ric. »Weißt du, wer das ist?«

»Nein. Tut mir leid, ich …«

»Das ist Ric Nuñez.«

Jetzt guckt Martín erschrocken.

»Ric«, sagt Melissa, »arbeitet Monte Velázquez für uns?«

»Nein.«

»Aber er hat gesagt …«

»Willst du Ric erklären«, fragt Melissa, »dass er nicht weiß, wer für seinen Vater arbeitet?«

»Nein, ich …«

»Und willst du uns erzählen«, fragt Melissa, »dass Monte behauptet hat, er würde zu Sinaloa gehören? Ehrlich, Martín?«

»Tut mir leid, ich hab nur …«

»Das muss dir nicht leidtun«, sagt Melissa, »gib uns einfach das Geld.«

»Aber ich hab schon bezahlt!«

»Kann sein, aber beim Falschen«, sagt Melissa. »Hör mal, Martín, wenn du einen Fehler gemacht hast, dann ist das dein Problem, nicht unseres. Du schuldest uns trotzdem unser Geld.«

»Ich hab’s nicht.«

»Du hast es nicht?«, fragt Melissa. »Was ist denn da im Safe?«

»Ich kann es mir nicht leisten, zweimal zu bezahlen.«

»Dann bezahl uns und nicht Velázquez.«

»Er hat gesagt, er brennt meinen Laden nieder«, sagt Martín. »Er hat gesagt, er wird mich umbringen, meine Angestellten, meine Familie …«

Dann sieht Ric, dass Martín mehr Eier hat als gedacht.

»Ich zahl euch Schutzgeld«, sagt Martín, »damit ihr mich schützt. Wo zum Teufel seid ihr gewesen, als Velázquez mit seinen Leuten hier war?«

Ric rechnet damit, dass Melissa Martín ins Gesicht schießt, aber auch sie überrascht ihn. »Da hast du nicht ganz unrecht. Wir hätten hier sein sollen, und wir waren es nicht. Das wird ab heute Abend aufhören. Du siehst hier Ric Nuñez, den Patensohn von Adán Barrera, er gibt dir sein Wort. Hab ich recht, Ric?«

»Ganz genau.«

»Genau«, sagt Melissa. »Du machst jetzt Folgendes, Martín, du gehst an den Safe und gibst uns unser Geld. Dafür bekommst du von Ric Nuñez persönlich die Zusicherung, dass weder Velázquez noch sonst irgendjemand dich in Zukunft behelligen wird.«

Martín schaut zu Ric auf.

Ric nickt.

Martín steht auf und öffnet den Safe, zählt das Geld heraus und überreicht es Ric.

»Gib es mir, nicht ihm«, sagt Melissa. »Señor Nuñez rührt kein Geld an.«

»Natürlich nicht, Verzeihung.«

»Pedro hier wird jede Woche vorbeikommen und unser Geld holen«, sagt Melissa. »Wenn du einem anderen Geld gibst, hacken wir dir beide Hände ab und nageln sie an die Haustür. Zwing Señor Nuñez und mich nicht, noch mal herzukommen und es zu tun, okay?«

Sie verlassen den Club und fahren an einer Straßenecke vorbei, die Velázquez’ Leute übernommen haben. Dort stehen zwei melandros, verkaufen eindeutig Crack und Heroin. Eigentlich sind es noch Kinder, verdammt, denkt Ric. Die können noch keine zwanzig sein, tragen Kapuzenjacken und enge Jeans, Basketballschuhe.

»Das sind piraterías«, sagt Melissa. Sie greift nach hinten und gibt Ric eine MAC-10.

»Ist ganz einfach. Du legst den Schaft an die Schulter, schiebst das hier zurück und drückst ab.«

Sie gibt ihm die Maschinenpistole, holt auch eine für sich nach vorne. Ric sieht, dass Gaby, Pedro und Calderón ebenfalls zu den Waffen greifen. Pedro, der fährt, drückt auf den Knopf, öffnet sämtliche Wagenfenster.

»Die Party kann beginnen«, sagt Melissa.

»Sollten wir sie nicht erst mal warnen?«, fragt Ric. »So wie den Clubbesitzer?«

»Die kleinen Wichser zahlen uns kein Geld«, sagt Melissa. »Sie kosten uns welches. Dein Geld, Ric. Und die Lektion muss erteilt werden. Schieb das Ding einfach zum Fenster raus und leg los. Du wirst es lieben – ist wie Vögeln, nur dass man garantiert jedes Mal kommt.«

Gaby lacht.

»Los geht’s«, sagt Melissa.

Pedro wendet den Wagen, fährt zur Straßenecke zurück. Die Pistolenläufe ragen aus den Fenstern wie Boten des Bösen.

Melissa schreit: »Jetzt!«

Ric richtet seine Waffe auf einen der Jungs, dann zieht er den Lauf ein Stück hoch und drückt ab. Das Ding plappert wie ein Speedfreak auf der Endlosrille. Ric sieht den Jungen zucken, taumeln und umfallen, dann hört er Melissa und die anderen lachen.

Die Menschen auf der Straße rennen in Deckung.

Pedro wendet den Wagen.

»Was machen wir jetzt?«, fragt Ric.

»Wir markieren dein Revier«, sagt Melissa.

Sie halten vor den Leichen, die zerknüllt wie Abfall herumliegen. Gaby zieht ein großes Stück Pappe vom Rücksitz, Melissa nimmt eine Dose rote Sprühfarbe.

»Komm mit«, sagt sie zu Ric.

Ric steigt aus, folgt ihnen zu den beiden Leichen.

Als er auf die beiden Jungs runterblickt, staunt er darüber, dass das Blut eher schwarz als rot wirkt, dann schaut er rüber und sieht, wie Gaby den anderen Toten mit einer Machete bearbeitet, ihm die Arme abhackt. Dann legt sie die Pappe auf den verstümmelten Körper. Melissa beugt sich darüber und sprüht die Botschaft: »Ihr verliert die Hände, mit denen ihr dealt. Das ist Sinaloa-Gebiet – Mini-Ric – El Ahijado.«

Der Patensohn.

»Die Arbeit ist erst getan«, sagt Melissa, »wenn der Papierkram erledigt ist.«

»Du lieber Gott, Melissa!«

»Das gilt nicht als Beweis«, sagt Melissa. »Tranquilo.«

Sie steigen wieder in den Wagen und fahren davon.

Zu einem anderen Club, unten am Jachthafen, wo Melissa eine Flasche Dom bestellt, jedem ein Glas einschenkt und sagt: »Auf Rics Entjungferung.«

Ric trinkt.

Sie beugt sich zu ihm rüber und flüstert: »Morgen bist du berühmt. Du wirst jemand sein. Dein Name wird in der Zeitung stehen, in den Blogs auftauchen, bei Twitter …«

»Okay.«

»Komm schon, Baby«, sagt sie. »Sag die Wahrheit – das war gut, oder? War ein gutes Gefühl, hm? Ich bin gekommen, verdammt.«

»Und was jetzt?«

»Jetzt kümmern wir uns um Monte Velázquez.«


Der arrogante Motherfucker lebt auf einer Motorjacht, die im Hafen liegt.

»Er fischt gern«, sagt Melissa. »Und er fickt gern.«

»Wer tut das nicht?«, fragt Gaby.

»Fischen und Ficken haben was gemeinsam«, sagt Melissa und zeigt auf Gaby, »für beides braucht man einen Köder.«

Ric muss zugeben, dass Gaby scharf aussieht. Trägertop, Minirock, hohe Absätze, ihr schwarzes Haar glänzt, die vollen Lippen sind mit Gloss geschminkt – der feuchte Traum eines jeden Narcos. Sie stöckelt über den Steg wie ein beschwipstes Partymädchen, bleibt stehen und zieht die hohen Schuhe aus, dann wackelt sie weiter zu Montes Boot.

Als sie davorsteht, ruft sie: »Jandro?! Baby?! Jandro?«

Wenige Sekunden später kommt Monte raus an Deck, sein dicker Bauch quillt über seine Boxershorts. »Ist schon spät, chica. Du weckst noch die Leute.«

»Ich suche Alejandro«, sagt Gaby.

»Da hat er Glück, dieser Alejandro«, sagt Monte. »Aber das hier ist nicht sein Boot.«

»Wessen Boot ist es denn?«

»Meins. Gefällt es dir?«

»Gefällt mir.«

»Dieser Alejandro«, sagt Monte, »ist das dein Freund?«

»Nur ein Bekannter«, sagt Gaby. »Mit dem ich was habe. Ich bin total geil gerade.«

»Mit mir kannst du auch was haben.«

»Hast du Wodka?«, fragt Gaby.

»Natürlich.«

»Guten Wodka?«, fragt Gaby.

»Den besten«, sagt Monte.

»Wie sieht’s aus mit Koks?«

»Genug, um es mir über den ganzen Schwanz zu reiben«, sagt Monte.

»Hast du denn einen großen Schwanz?«

»Groß genug für dich, mamacita«, sagt Monte. »Komm her und schau ihn dir an.«

»Okay.«

So einfach ist das, denkt Ric.

Der Typ hört nicht mal, als sie in die Kabine steigen, so sehr konzentriert er sich auf den Fick mit Gaby. Melissa geht zu ihm und drückt ihm eine Nadel in den Hals.

Als Monte wieder zu sich kommt, ist er an einen Stuhl gefesselt, seine Füße stehen in einer Spülwanne.

Melissa sitzt vor ihm. »Du hast Leuten erzählt, du würdest zu Sinaloa gehören.«

»Ich gehöre ja auch zu Sinaloa«, sagt Monte.

»Zu wem genau?«, fragt Melissa. »Ich will Namen hören.«

»Ric Nuñez.«

Melissa lacht. »Dann hab ich schlechte Nachrichten für dich, Motherfucker. Rate mal, wer das ist? Ric, gehört der Typ zu dir?«

»Hab ihn noch nie gesehen.«

»Das ist eine schlimme Sache, Leuten erzählen, du würdest zu uns gehören, wenn du’s gar nicht tust«, sagt Melissa. »Du hast uns unser Geld und unseren Namen gestohlen. Dafür musst du bezahlen.«

»Ich gebe euch euer Geld, ich schwör’s.«

»Das wirst du«, sagt Melissa, »aber das ist nicht gut genug, Monte. Du musst auch die Schmerzen spüren.«

Gaby kommt mit einer Flasche aus der Küche.

»Was zum Teufel ist das?«, fragt Ric.

»Säure«, sagt Melissa. »Salzsäure oder so. Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass es einen echt kaputt macht.«

»Oh Gott.«

Ric glaubt, kotzen zu müssen.

»Damit brennen wir dir die Füße weg, Monty«, sagt Melissa. »Das wird wehtun. Aber du wirst es überleben. Jeder, der dich auf Krücken herumhumpeln sieht, wird sich davor hüten, zu behaupten, er würde für Sinaloa arbeiten, wenn er’s gar nicht tut.«

»Bitte«, sagt Monty. »Nein, bitte nicht.«

»Keine Sorge«, sagt Melissa, »wir setzen dich vor der Notaufnahme ab.«

Sie nickt Gaby zu.

Gaby kippt die Säure in die Schüssel.

Ric wendet sich ab.

Aber er hört die Schreie – schrill, unglaublich laut, unmenschlich, ein Geräusch, das eigentlich gar nicht klingt wie von einem Menschen erzeugt. Er hört den Stuhl über den Holzboden hüpfen, dann steigt ihm die Kotze hoch, er beugt sich vor und muss spucken.

Als er wieder aufschaut, ist Montys Genick so weit abgeknickt, dass es aussieht, als müsste es brechen, sein Gesicht ist rot, seine Augen treten hervor.

Dann hört er auf zu schreien, und sein Kopf sinkt auf seine Brust.

»Scheiße«, sagt Melissa. »Der hat den Geist aufgegeben.«

»Zu viel Kohlenhydrate«, sagt Gaby. »Und dann noch der ganze Alkohol.«

»Und jetzt?«, fragt Melissa.

»Haifischfutter?«, fragt Gaby.

Melissa hat eine bessere Idee.

Am Morgen bietet sich den Bewohnern des Jachthafens ein ungewöhnlicher Anblick.

Der nackte Monte Velázquez hängt an einem Strick von seinem Bootsmast, um den Hals ein großes Schild, auf dem steht:

»Setzt die Segel und haut ab, piraterías – EL AHIJADO.«

Das Video verbreitet sich millionenfach im Netz.

Ric hat jetzt einen Ruf und einen Namen.

El Ahijado.

Der Patensohn.


Der Bus steht eine Straßenecke vom Busbahnhof in Iguala entfernt an der Wartungsrampe. Damien sieht zu, wie der Mechaniker vorsichtig den letzten Packen Opiumpaste, den letzten von insgesamt fünfzehn, fest eingewickelt in Stoff, unter dem doppelten Boden des Gepäckraums verstaut. Dann schiebt er die Abdeckung drüber und schraubt sie mit einem Elektroschrauber fest.

Würde man’s nicht wissen, denkt Damien, würde man’s nicht sehen.

Zufrieden verlässt er die Werkstatt und überquert die Straße.

Tilde wartet im Wagen. »Alles klar?«

»Ja.«

Wegen der Freundschaft zu seinem Vater bezahlt ihn Eddie Ruiz gleich doppelt – er kauft ihm die Opiumpaste zu einem guten Preis ab und beteiligt ihn außerdem mit zwei Prozent an den New Yorker Verkaufseinnahmen.

Das ist nett von Eddie, denkt Damien, eigentlich muss er das nicht machen.

Er ist ein guter Freund.

So wie er auch meinem Vater ein guter Freund war.

Eddie Ruiz war einer der Letzten, die Diego Tapia lebend gesehen haben. Er hatte das Wohngebäude, in dem er sich versteckt hatte, nur wenige Minuten vor der Razzia durch die mexikanischen Marines verlassen. Danach hatte er versucht, sich einen Weg wieder hinein zu bahnen, um mit ihm zu sterben, aber er war nicht an der Militärabsperrung vorbeigekommen.

Auch nach dem Tod von Damiens Vater war Eddie der wahren Lehre treu geblieben. Er organisierte von Acapulco aus sein eigenes Ding und führte den Kampf gegen die Barreras weiter, bis die Federales ihn schnappten und die mexikanische Regierung ihn an die Vereinigten Staaten auslieferte.

Jetzt kämpft er von dort aus weiter.

Sogar noch aus dem Gefängnis, denkt Damien.

Mit fünfzehn Kilo Heroin unterwegs nach New York werden sie endlich zurückschlagen können.


Jesús »Chuy« Barajos sucht Streit.

Er ist neunzehn Jahre alt und hat in seinem Leben eigentlich kaum etwas anderes gekannt außer Gewalt. Er hat für die Zetas gekämpft, für La Familia und dann wieder für die Zetas, aber jetzt ist er allein auf sich gestellt und sucht das Einzige, das er kennt.

In einer besseren Welt wären die Filme, die sich auf der Innenseite seiner Lider abspielen, frei erfundene Fantasieprodukte eines Drehbuchautors und Regisseurs, aber in Chuys Welt sind es eher Reportagen, oder vielleicht könnte man sie auch als Erinnerungen bezeichnen, nur dass sie sich nicht im Fluss befinden wie Erinnerungen, sondern bruchstückhaft aufblitzen – surrealistische Bruchstücke, die nur allzu real sind.

Er sieht geschundene Körper und abgetrennte Köpfe.

Tote Kinder.

Verstümmelte Leichen, verkohlte Tote in Benzinfässern, und die Erinnerung daran hat er nicht nur im Kopf, sondern auch in der Nase. Und in den Ohren, er hört die Schreie immer noch – kann nichts dagegen tun –, die Schreie, das Flehen um Gnade, das schrille höhnische Gelächter, das häufig sein eigenes war.

Er selbst war Täter solcher Gräuel, manchmal auch nur Zeuge, obwohl er dazwischen kaum noch unterscheiden kann – vor Monaten schon hat er aufgehört, seine Medikamente zu nehmen, und jetzt rauscht erneut die Psychose in ihm, durchströmt ihn wie eine rote Flut, immer tiefer, immer unaufhaltsamer und undurchdringlicher.

Einst hat er sorgfältig das Gesicht eines Mannes, der ihn gefoltert hatte, von dessen Kopf abgeschält, auf einen Fußball genäht und immer wieder an eine Mauer gekickt. Grausamerweise besitzt er gerade genug Selbsterkenntnis, um zu begreifen, dass er ein Monster ist, aber es reicht nicht, um seinem Monsterkäfig zu entfliehen.

Sein Körper spiegelt die Qualen in seinem Inneren – er bewegt sich ruckartig, unbeholfen, sein Gang wirkt wie abgekoppelt vom Rest seines Körpers. Er war immer schon schlank, doch jetzt wirkt er ausgezehrt, vergisst meist über lange Strecken zu essen und schaufelt dann gierig und anfallartig Junkfood in sich hinein.

Er wandert durchs Land, ein Don Quichotte ohne Windmühle. Grundlos, sinnlos, ziellos, er schließt sich anderen Verlorenen an, reist eine Zeit lang mit ihnen im Rudel, bis er spürt – zu Recht –, dass sie seinen Wahnsinn nicht länger dulden, seine Schnorrerei und das ständige Klauen, seinen Hang zur Gewalt, dann zieht er wieder davon.

Jetzt ist er in Guerrero.

In der Stadt Tixtla, auf dem Campus des Ayotzinapa Rural Teachers’ College, wo die Studenten ebenfalls Streit suchen.

Chuy weiß nicht, worüber sie streiten, er weiß nur, dass sie sich versammeln, um in die Hauptstadt zu fahren und gegen irgendetwas zu protestieren. Sie haben Gras und Bier und hübsche Mädchen, und sie verbreiten eine Atmosphäre jugendlicher Normalität, die er sich sehnlichst wünscht, auch wenn er gleichzeitig weiß, dass sie für ihn unerreichbar bleiben wird.

Konflikte ziehen ihn an – sie wirken auf ihn wie Leuchtsignale oder Scheinwerferlicht, dem er nicht entkommen kann. Also steht er jetzt zusammen mit Dutzenden »anderer Studenten«, stimmt Sprechchöre an und lauscht aufgeregt, um zu erfahren, was für den Abend geplant ist. Die Studenten haben keine Fahrmöglichkeit nach Mexico City, aber es gibt eine Tradition, die von der Polizei toleriert wird: Sie entführen einen öffentlichen Bus.

Der nächste Busbahnhof befindet sich im nahe gelegenen Iguala.


Die Bürgermeisterin von Iguala ist ebenfalls kämpferischer Stimmung.

María Palomas veranstaltet am Wochenende eine Konferenz mit anderen Bürgermeistern und will weder sich noch ihre Stadt in ein schlechtes Licht stellen.

Wenn die Studenten – die bekanntermaßen links bis kommunistisch oder sogar anarchistisch sind – nach Iguala kommen und randalieren wollen, dann wird sie ihnen eine Lektion erteilen, wie diese es von der Universität her nicht kennen, wo sie von Sozi-Profs verhätschelt werden.

Schließlich muss jemand für Recht und Ordnung einstehen, und das sagt sie auch dem Chef der Bundespolizei vor Ort. Jemand muss eintreten für Eigentumsrechte, erklärt sie dem Kommandanten des nahe gelegenen Militärstützpunkts, und wenn die Schwächlinge von der Busgesellschaft nicht das Zeug dazu haben, dann wird sie es eben an deren Stelle tun.

Sie erteilt der kommunalen Polizei klare Befehle: Sollten die Studenten Busse kapern, sind sie zu behandeln wie die kriminellen Straftäter, die sie sind.

In der Stadt gibt es jetzt einen neuen Sheriff.

María Palomas wird keine Gesetzlosigkeit tolerieren.


Keller starrt das Telefon an, will, dass es klingelt.

Von Orduña hat er erfahren, dass Chuy erneut gesehen wurde und dass er Leute losgeschickt hat, um Chuy zu suchen.

»Die werden ihn finden«, sagt Marisol.

»Ich hoffe es«, sagt Keller.

Er hat einen Grund zur Hoffnung. Orduñas Leute sind die besten, die Mexiko zu bieten hat, und verdammt gut. Er hat ein ziviles Team auf den Campus ausgesandt, die jetzt nach Chuy Ausschau halten. Schnappt ihn euch, haltet ihn fest und ruft den Chef an, der sich wiederum bei Keller melden wird.

»Und dann?«, denkt Keller.

Was machen wir mit ihm, wenn wir ihn haben?

Wir können ihn nicht in Mexiko lassen, dort haut er nur wieder ab. Also bringen wir ihn her? Er ist amerikanischer Staatsbürger, das wäre also kein Problem. Aber das Problem ist … na ja, die Probleme sind … entmutigend, vielleicht sogar unlösbar.

Was macht man mit einem neunzehnjährigen Schizophrenen? Der gemordet, gefoltert und Leichen verstümmelt hat? Einem jungen Menschen, der so beschädigt ist, dass er sich nicht mehr reparieren lässt. Keller weiß, was sein alter Freund Pater Juan gesagt hätte. »Er ist ein Mensch, kein Auto. Mag sein, dass er sich nicht reparieren lässt, aber er lässt sich gewiss erlösen.«

Gibt es Erlösung in diesem Leben oder erst im nächsten?, fragt sich Keller.

Wir müssen in diesem Leben klarkommen, und was macht man da mit einem Chuy Barajos?

»Vielleicht kann er irgendwo die Fürsorge bekommen, die er braucht«, sagt Marisol.

»Vielleicht«, sagt Keller.

Aber zuerst müssen wir ihn finden.

Klingel jetzt endlich, verdammt noch mal.


Chuy hat einen Riesenspaß.

High auf Gras und Bier, mischt er sich unter die Menge von circa einhundert Studenten, die es auf den Busbahnhof in Iguala verschlagen hat. Mit einer Basecap über den langen Haaren und einem roten Stirnband, das einen Teil seines Gesichts bedeckt, fällt er in den Sprechchor ein und nähert sich dem Bus.

Der Fahrer macht die Tür auf und lässt die Studenten einsteigen.

Er ist genervt, aber er hat keine Angst. So was kommt durchaus öfter vor – die Studenten lotsen den Fahrer und sein Fahrzeug an ihren Zielort, protestieren ein paar Stunden lang, dann fahren sie wieder zurück. Auch wenn es echt nervt, bislang ist dabei weder dem Bus noch dem Fahrer je etwas passiert, und das Unternehmen hat seine Mitarbeiter angewiesen, zu kooperieren und sich die »Entführung« gefallen zu lassen. Das ist einfacher, billiger und sicherer, als dagegen anzugehen, und meist laden die Studenten die Fahrer auch auf etwas zu essen und ein paar Bier ein.

Chuy steigt ein und setzt sich neben ein hübsches Mädchen.

Wie er trägt sie eine Cap und ein Stirnband, aber ihre Augen sind wunderschön, ihre langen Haare glänzen, ihre Zähne blitzen weiß, wenn sie Slogans mitsingt, deren Bedeutung Chuy nicht versteht, die er aber trotzdem mitgrölt.

Die Studenten kapern fünf Busse, von denen zwei die Stadt in südlicher Richtung verlassen. Chuys Bus ist der erste in einer Reihe von insgesamt drei, die über die nördliche Route fahren.

Alles ist gut.

Eine Fahrt ins Blaue.

Die Jugendlichen scherzen, lachen, singen und skandieren, lassen den ein oder anderen Joint rumgehen, trinken Bier und Wein.

Chuy findet es toll.

Er war nie weiter als bis zur Highschool gekommen.

Mit dreizehn war er bereits ein Killer.

Jetzt hat er die Chance, etwas von dem Spaß nachzuholen, den er verpasst hat.


Tilde erhält einen Anruf von einem seiner Brüder.

»Ich bin in der Stadt«, sagt Zeferino. »Und wir haben hier ein Problem.«

»Haben wir doch immer«, sagt Tilde. »Welches denn dieses Mal?«

»Studenten haben den Bus gekapert.«

Tilde fragt sich, was sein Bruder so problematisch daran findet, dass Studenten einen Bus gekapert haben, und sagt ihm das.

»Weil sie den Bus gekapert haben«, sagt Zeferino.

»Scheiße«, sagt Tilde. »Wieso hast du das nicht verhindert?«

»Das waren hundert«, sagt Zeferino. »Was hätte ich machen sollen, mit den Armen fuchteln und sagen: ›Ihr könnt da nicht einsteigen, da drin ist chiva versteckt!‹?«

»Du hättest irgendwas tun sollen«, sagt Tilde.

Weil das jetzt tatsächlich ein Problem ist.

Ein verdammt großes Problem.

Ein Haufen Studenten hat einen Bus gekapert, der nicht nur Heroin, sondern zu allem Überfluss auch noch Sinaloa-Heroin geladen hat, das Heroin, das Ricardo Nuñez abhandengekommen ist, und wenn das rauskommt, wird er sich fragen, wie zum Teufel es in einen Bus der Guerreros Unidos gekommen ist.

Maria wird Blut spucken.

»Was soll ich jetzt machen?«, fragt Zeferino.

Keine Ahnung, denkt Tilde. Was macht man, wenn einem was geklaut wurde?

Man ruft die Polizei.


Endlich klingelt das Telefon.

Marisol guckt erschrocken.

»Ja?«, sagt Keller.

»Wir haben ihn verloren«, sagt Orduña. Er erklärt, dass Studenten in Iguala Busse gekapert haben und Barajos vermutlich in einem davon sitzt.

Keller kapiert es nicht. »Wieso haben die Busse gekapert?«

»Ist dort fast schon Tradition«, sagt Orduña. »Das machen die andauernd, die fahren damit zu Demos. Dieses Mal nach Mexico City.«

»Du lieber Gott.«

»Ist ein Schuljungenstreich«, sagt Orduña. »Die fahren in die Stadt, haben Spaß beim Demonstrieren, dann kommen sie wieder. Meine Leute warten am Busbahnhof, dann nehmen wir Barajos in Empfang.«

»Okay.«

Orduña hört die Besorgnis. »Hören Sie, Sie müssen sich keine Sorgen machen. Das ist – wie sagt man so – business as usual


Zuerst halten die Studenten es für Feuerwerk.

Partykracher.

Chuy weiß es besser.

Er weiß, wie sich Schüsse anhören.

Der kleine Konvoi aus drei Bussen ist gerade auf die nördliche Umgehungsstraße stadtauswärts gefahren. Chuy schaut zur Heckscheibe hinaus und sieht, dass sie von Polizeifahrzeugen verfolgt werden.

Weitere Schüsse.

Das Mädchen neben ihm, das, wie sie ihm verraten hat, Clara heißt, schreit.

»Keine Angst«, sagt Chuy. »Die schießen in die Luft.«

Der Fahrer will rechts ranfahren, aber ein Student namens Julio, einer der Anführer und ein echter Hitzkopf, sagt ihm, er soll weiterfahren. Sollen sie doch in die Luft schießen, ist doch bloß Show, die wollen das Gesicht wahren.

Die Jugendlichen singen lauter, übertönen den Lärm.

Dann hört Chuy das dumpfe Geräusch, wenn Metall auf Metall trifft – Kugeln schlagen in den Bus ein. Er schaut vorne raus und sieht ein Polizeifahrzeug die Straße blockieren.

Der Konvoi hält.


Damien glaubt, sich übergeben zu müssen.

»Wie konntet ihr das zulassen?«, fragt er ins Telefon. »Wie zum Teufel konntet ihr das zulassen?«

»Wir holen es uns ja wieder«, sagt Tilde.

»Wie denn?«

»Keine Sorge«, sagt Tilde. »Wir kümmern uns drum.«


»Sie dürfen uns nicht aufhalten!«, brüllt Julio.

Chuy folgt ihm aus dem Bus. Er und zehn andere stürzen sich auf das Polizeifahrzeug und versuchen, es von hinten aus dem Weg zu ziehen.

Ein Polizist steigt aus dem Wagen.

Chuy schleicht sich an ihn heran, will ihm die Waffe abnehmen. Der Polizist wirbelt herum und feuert.

Die Kugel durchschlägt Chuys Arm.

Er spürt den Schmerz, aber er ist wie losgelöst davon, auch das ist nur ein Film. Er rollt unter den Wagen und geht in Deckung, denn jetzt eröffnen die Cops am Straßenrand das Feuer auf sie.

Julio lässt sich zu Boden fallen und kriecht ins Gebüsch.

Chuy stößt sich vom Boden ab und springt zurück in den Bus. Ein Junge, der vor ihm läuft und Aldo heißt, bekommt eine Kugel in den Kopf und sackt zu Boden. Ein anderer kommt aus dem Bus und will ihm helfen, wird aber an den Händen getroffen. Er geht auf die Knie und starrt wie benommen auf seine drei abrasierten Finger.

Chuy rennt an ihnen vorbei in den Bus.

Jetzt schreien die Studenten.

Auf sie wurde noch nie geschossen.

Auf Chuy schon.

»Runter!«, brüllt er. »Runter!«

Er kriecht zu Clara, stößt sie zu Boden und legt sich auf sie. Ein anderer kauert auf dem Boden, spricht in ein Handy, ruft einen Krankenwagen.

»Wir müssen hier raus«, sagt Chuy.

Clara hört ihn nicht – sie schreit und schreit. Sie hat schon Schaum vor dem hübschen Mund. Er kriecht von ihr runter, packt sie an der Hand und zieht, schleift sie über den Boden, der jetzt glitschig ist vom Blut, bis zur hinteren Tür. Er öffnet sie und zieht Clara raus, sie fallen hin. Er zieht sie im Schutz des Busses weiter bis an den Straßenrand, wo er sich erneut flach auf sie legt.

Mit der Hand hält er ihr den Mund zu, damit sie aufhört zu schreien.

Dann hört er sie wimmern.

Und das Jaulen des Krankenwagens.


Marías Handy brummt in ihrer Handtasche, aber sie ignoriert es.

Ihr Essen war ein großer Erfolg, ihre Gäste sind satt und zufrieden nach dem tollen Essen und den ausgezeichneten Weinen und machen sich gerade über den Dessertgang her, auf den etwas später noch Kaffee und Brandy folgen sollen.

Der Abend wird sie politisch zum Star machen.

Das Handy hört auf zu klingeln und beginnt sofort von Neuem.

Das Ganze geht noch einige Male so, bis sie endlich aufsteht, sich entschuldigt und in den Gang hinaustritt.

Es ist Tilde. Genervt fragt sie: »Was?«


Die Polizisten halten die beiden Busse auf der südlichen Strecke an.

Schlagen die Windschutzscheiben ein und werfen Tränengas, um die Studenten auszuräuchern. Ein paar laufen weg, die Cops sammeln den Rest ein und verfrachten sie in die Polizeiwagen.


Chuy hört Schritte, schaut aber nicht auf, hofft, dass er unter seiner schwarzen Cap verborgen bleibt.

Aber dann leuchtet ihm der Strahl einer Taschenlampe in die Augen.

»Aufstehen«, sagt der Cop, packt ihn am Ellbogen und zerrt ihn auf die Füße. Ein anderer Bulle schnappt sich Clara.

Chuy sieht sich um. Bullen durchkämmen den Straßenrand, packen Jugendliche – schlagen, treten und zerren sie zu den Fahrzeugen. Wenigstens haben sie aufgehört zu schießen. Der Krankenwagen parkt neben dem ersten Bus, das Rotlicht blitzt Chuy ins Gesicht, während die Sanitäter die Verletzten einsammeln.

Der Polizist haut ihm eine runter.

»Ich hab nichts gemacht«, sagt Chuy.

»Hast mich mit Blut beschmiert, pinche pendejo.« Er stößt Chuy vor sich her zu seinem Wagen und auf den Rücksitz.

Clara landet neben ihm.

Die Studenten werden in sechs Polizeifahrzeugen auf die Wache nach Iguala verfrachtet.

»Alles okay«, sagt Chuy zu Clara.

Auf der Wache bringen sie einen nicht um.


María geht in ihr Büro, um sich der Krise anzunehmen.

Bislang ist nur bekannt, dass es einen »Vorfall« gegeben hat, dass Studenten Busse gekapert haben und dass geschossen wurde. Mehrere Menschen wurden in die Notaufnahme gebracht.

Sie spricht mit ihrem Polizeichef, der bestätigt, dass seine Beamten »nach Provokationen« auf die Studenten geschossen hatten. Die meisten Studenten seien entkommen, aber circa vierzig – ganz genau könne er es nicht sagen – befänden sich derzeit in Gewahrsam.

María ruft Tilde an.

»Wir kommen nicht an den Bus ran«, sagt er. »Er steht noch draußen auf der Straße. Ein paar Studenten sind zurückgekommen. Mit Lehrern vom College und Journalisten.«

»Ihr müsst euch den Bus holen.«

»Ich weiß.«

»Journalisten?«, fragt sie. »Das darf nicht passieren.«

Das wird sie nicht zulassen – das geht nicht –, Artikel, die mit den idealistischen Collegestudenten sympathisieren, die in ihrer Stadt brutal angegriffen wurden. Und wenn sie herumschnüffeln und das Heroin finden, nicht auszudenken. Und das ist nur die öffentliche Ebene – wenn man in Sinaloa begreift, dass sie mit dem Herointransport zu tun hat, gibt es Krieg, bevor sie weiß, wie ihr geschieht.

Also brauchen wir zwei Geschichten, denkt sie – eine für die Öffentlichkeit und eine für die Narcos. Erstens, radikale Studenten kaperten Busse und griffen Polizisten an, die nur ihre Arbeit machten. Die Polizei verteidigte sich – wobei leider einige wenige Studenten zu Schaden kamen. Eindeutig lag die Schuld aber bei den Studenten und nicht bei der Polizei.

Zweitens, ein paar Studenten hatten mit Los Rojos gemeinsame Sache gemacht – oder sich zumindest von diesen benutzen lassen – und die Busse in der irrtümlichen Annahme gekapert, dass in einem davon Sinaloa-Ware versteckt sei.

Das ist die Geschichte, die sie Nuñez erzählt.

Die Geschichte, die sie ihren eigenen Leuten erzählt.


Keller hat das Telefon auf »stumm« geschaltet, sodass es Mari nicht weckt, auch wenn er bezweifelt, dass sie schläft. Er lässt es ganz nah bei seiner Hand liegen, damit er merkt, wenn es klingelt, während er im Sessel sitzt und Strafmilderungsanträge liest.

Er denkt daran, dass Althea und er bereits geschieden waren, als ihre gemeinsamen Kinder das Teenageralter erreichten, und sie mit den Kindern hauptsächlich in den Staaten gelebt hatte und er in Mexiko, sodass er nie spätnachts noch aufgeblieben war und auf Geräusche draußen in der Auffahrt gelauscht hatte, ob die Tür aufging und Schritte ins Haus kamen.

Oder auf das Klingeln des Telefons gewartet hatte, in der Hoffnung, dass eines seiner Kinder anrief, um ihm mitzuteilen, dass alles okay war, oder aufgeregt zu erklären, was passiert war, eine Ausrede zu suchen, zu bitten, nicht ausgeschimpft oder bestraft zu werden, ohne dabei zu merken, dass er vor allem erleichtert war und nicht wütend. Er hatte nie gebetet, dass kein Anruf von der Polizei kam.

Das alles hatte Althea gemacht.

Ich sollte sie anrufen und mich entschuldigen, denkt er. Ich sollte sie anrufen und mich für vieles entschuldigen.

Nein, sagt er sich, bei den Kindern musst du dich entschuldigen, inzwischen sind sie beide schon erwachsen. Und die grausame Wahrheit ist, dass du Chuy Barajos mehr Fürsorge hast zuteilwerden lassen als ihnen. Kein Wunder, dass sie für dich heute praktisch Fremde sind. Und es hilft auch nicht, wenn du dir sagst, dass es ihnen gut geht – es geht ihnen gut, obwohl du ihr Vater bist.

Das Telefon vibriert auf dem Beistelltisch.

Keller nimmt es, Orduña ist dran und sagt: »Es ist was passiert.«


Der Polizeiwagen fährt auf den Parkplatz der Wache in Iguala.

Ein Polizist kommt nach draußen, und Chuy hört ihn sagen: »Hier könnt ihr die nicht herbringen.«

»Warum nicht?«

»Der Boss sagt: Sie sollen nach Cocula.«

»Wieso nach Cocula?«

»Weiß ich nicht, bringt sie einfach hin.«

Der Wagen fährt erneut los, diesmal zu der kleineren Wache in der kleinen Stadt Cocula.


Tildes Wagen, ein weißer Landrover, fährt langsam an dem Bus vorbei. Inzwischen sind an die hundert Leute da – Studenten, Lehrer, Reporter –, sie stehen rum, machen Fotos, untersuchen die Einschusslöcher im Bus.

»Näher können wir nicht ran«, sagt Tilde.

»Wenn du glaubst, dass ich mir Heroin im Wert von einer Million Dollar durch die Lappen gehen lasse, bist du verrückt«, sagt Fausto. »Dreh um.«

»Was hast du vor?«

»Die von dem Scheißbus da verscheuchen«, sagt Fausto. »Halt an.«

Tilde hält am Straßenrand, und Fausto steigt aus. »Komm mit.«

Die beiden anderen steigen hinten aus.

Sie stellen sich vor den Wagen, heben die AKs und eröffnen das Feuer. Zwei Studenten fallen tot um, andere werden verletzt.

Die Leute um den Bus herum rennen davon.

»Los geht’s«, sagt Fausto.

Er trottet zum Bus, die anderen beiden feuern weiter in die Luft, dann schraubt er die Abdeckung vom Gepäckfach, zieht die Heroin-Bricks heraus.

Ein paar Minuten später ruft Tilde Damien an. »Wir haben es. Es kommt auf einen anderen Bus, der morgen früh abfährt.«

Dann ruft er María an und sagt es ihr.

»Was ist mit den Studenten?«, fragt sie.

»Wieso? Was soll mit denen sein?«

»Wer weiß, was die in dem Bus gesehen haben?«, fragt sie. »Wer weiß, was die für Geschichten erzählen?«

»Das sind doch bloß Kinder«, sagt Tilde. »Studenten.«

»Das sind keine Kinder«, sagt Maria. »Das sind Los Rojos.«

»Blödsinn.«

»Das ist die Wahrheit«, sagt Maria. »Los Rojos instrumentalisieren die Studenten, um uns eins auszuwischen. Das dürfen wir nicht zulassen.«

»Was soll das heißen?«

»Das soll heißen, das ist das absolute Chaos, Tilde. Schaff gefälligst Ordnung!«

Sie legt auf.


Keller legt das Telefon hin.

»Orduña sagt, die Polizei hat ein paar der Jugendlichen festgenommen und auf die Wache gebracht«, erzählt er Mari. »Seine Leute sind auf die Wache nach Iguala gefahren, aber da waren sie nicht. Sie haben gehört, dass einige davon nach Cocula gebracht wurden …«

»Was ist das?«

»Die Stadt liegt nicht weit entfernt. Dort auf die Wache«, sagt Keller. »Orduñas Leute fahren jetzt hin.«

»Denken Sie, Chuy ist …«

»Das wissen sie nicht«, sagt Keller. »Sie wissen überhaupt nicht viel. Anscheinend hat die Polizei von Iguala die Busse angehalten, es wurde geschossen, die Studenten wurden aus den Bussen geholt …«

»Wie viele?«

»Das wissen sie nicht«, sagt Keller. »Vierzig? Fünfzig?«

»Oh Gott.«

»Und wurde jemand erschossen?«

»Mari, das wissen sie nicht«, sagt Keller. »Orduñas Leute sind sehr gut. Wenn die nach Cocula kommen, werden sie die Sache in die Hand nehmen, und die einheimischen Polizisten werden sich ihnen nicht in den Weg stellen. Sie werden die Studenten zusammentreiben und auf sie aufpassen.«


Der Wagen hält.

Ein Polizist kommt heraus, fuchtelt mit den Armen: »Nicht hier! Fahrt nach Pueblo Viejo.«

»Das ist am Arsch der Welt!«, schreit der Fahrer.

»Ist ein Befehl.«

Der Konvoi setzt sich erneut in Bewegung, über die Route 51, die sich am nördlichen Stadtrand entlangzieht, dann in nordöstlicher Richtung nach Del Jardín und auf das einsame kleine Dorf Pueblo Viejo in den Gebirgsausläufern.

Chuy presst das Gesicht an die Scheibe.

Es fängt an zu regnen.

Ein Tropfen trifft die Scheibe und gleitet daran herunter.

Chuy wischt ihn weg, als wär’s seine Wange.

Ein paar Lehrer bringen die Studenten vom zweiten Busüberfall in eine Notfallklinik, aber es sind keine Ärzte im Dienst.

Sie versuchen, Hilfe herbeizutelefonieren, aber es kommt niemand.

Ein Lehrer geht nach draußen und ruft den Soldaten zu, die auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen, aber keiner rührt sich.

Die beiden toten Studenten bleiben im Regen liegen.


Die Autotür öffnet sich, und ein Polizist zieht erst Chuy heraus.

Dann Clara.

Er steht da und sieht sich um, während die Polizisten die Studenten von den Sitzen zerren und ihnen befehlen, sich im Regen aufzustellen.

Laster fahren vor.

Keine Polizeifahrzeuge, sondern Lieferwagen, Kastenwagen, ein eigenartiges Sammelsurium an Fahrzeugen.

Ein Mann steigt aus einem weißen Landrover und geht zu den anderen beiden Männern. Sie unterhalten sich kurz, dann brüllt er Befehle, und die Polizisten treiben die Studenten auf die Ladeflächen der Pick-ups.

Chuy wird in einen der Lieferwagen gestoßen, aber darin ist kaum Platz zum Stehen, von sitzen ganz zu schweigen. Er hält Clara fest, während immer mehr Studenten auf der Ladefläche zusammengepfercht werden, dichter gedrängt als Vieh. Einige schreien, andere weinen, wieder andere sind sprachlos, stumm vor Angst.

Die Türen werden geschlossen.

Absolute Dunkelheit.

Feuchte, heiße Luft.

Jemand schreit: »Ich kriege keine Luft!«

Andere hämmern gegen die Tür.

Chuy wird schwindlig. Er würde umkippen, aber da ist kein Platz, die anderen halten ihn aufrecht.

Einer kotzt.

Chuy muss so dringend pissen, dass es wehtut.

Er schwankt, als sich die Laster in Bewegung setzen.

»Wo bringen wir sie hin?«, fragt Zeferino.

»Wohin bringt man Müll?«, fragt Tilde zurück.


Die Sanitäter brauchen zwei Stunden bis in die Klinik.

In der Zeit sind zwei weitere Studenten verblutet.


»Sie waren nicht da«, sagt Keller.

»Wie meinst du das?«

»Sie waren nicht in Cocula«, sagt Keller.

»Wo denn?«

»Das weiß niemand«, sagt Keller. »Orduña sagt, seine Leute suchen sie, aber …«

Die Studenten sind verschwunden.


Chuy lässt seiner Blase freien Lauf. Er schämt sich vor Clara, aber sie merkt es gar nicht mehr, er spürt, wie sie bewusstlos gegen ihn kippt.

Es ist egal.

Es stinkt nach Urin, Scheiße, Schweiß und Angst. Jetzt, wo er nicht mehr die Augen schließen muss, um seine Filme zu sehen, erfüllen sie sein ganzes Gehirn, und er hat Mühe zu atmen, in seiner Brust wird es immer enger, seine Lungen verlangen nach Sauerstoff, den es hier nicht gibt.

Sie verbringen eine gefühlte Ewigkeit in dieser dunklen Hölle, bis endlich die Türen aufgehen und Luft hereinkommt. Von den zweiundzwanzig Jugendlichen auf dem Laster sind elf bereits erstickt.

Clara gehört dazu.

Sie werfen ihren leblosen Körper wie einen Sack Mehl vom Laster.


Die Heroin-Bricks werden vorsichtig in drei Reisetaschen umgepackt. Fausto und seine beiden Männer steigen in den Bus und stellen die Taschen ab.

Dieses Mal wird es keine Fehler mehr geben.


Julios Leiche wird irgendwo im Gebüsch in der Nähe des Überfalls gefunden – ihm wurde Fleisch aus dem Gesicht geschnitten, seine Augen sind ausgehöhlt, der Schädel gebrochen, die inneren Organe gerissen.

Er wurde gefoltert und zu Tode geprügelt.


Chuy schnappt nach Luft, auf allen vieren wie ein Tier.

Tilde tritt ihm erneut in den Magen. »¡Los Rojos!«

Chuy hat keine Ahnung, wovon er spricht.

»Sag die Wahrheit!«, brüllt Tilde. »Du bist einer von den Los Rojos!«

Chuy antwortet nicht. Warum sollte er? Sein ganzes Leben lang war er bei irgendwem gewesen, und es waren immer die Falschen.

Und jetzt schon wieder.


Er blickt auf und sieht, dass sie auf einer Schutthalde sind, an einem riesigen Berg von Müll, der trotz Regen teilweise schwelt.

Die toten Studenten, die auf den Lastern erstickt sind, werden wie Abfall daraufgeworfen.

Die lebenden knien oder liegen zusammengekauert auf dem Boden.

Manche schluchzen, andere beten.

Die meisten sind still.

Einige versuchen davonzulaufen und werden niedergemäht, die meisten verhalten sich passiv, können es kaum glauben, dass die Männer hinter ihnen die Reihe entlanggehen und einem nach dem anderen in den Hinterkopf schießen.

Sie kippen vorwärts in den Dreck.

Chuy wartet geduldig, bis er dran ist. Als der Mann hinter ihn tritt, dreht Chuy sich um, schaut auf und lächelt.

Hofft, dass jetzt endlich alle Filme zu Ende sind.

Aber als er den Lauf der Waffe sieht und sich der Finger am Abzug spannt, ruft er »Mami!«

Den Schuss, der ihn tötet, hört er nicht.


Die Stille ist verdächtig, so viel ist Keller bewusst. Entweder weiß Orduña nichts. Oder er will nicht sagen, was er weiß.

Das Telefon schweigt und rührt sich nicht.

Mari ist oben, zapft ihre eigenen Beziehungen in Mexiko an und hat bislang erfahren, dass sechs Menschen tot sind und fünfundzwanzig verletzt. Vierunddreißig junge Menschen, darunter wahrscheinlich auch Chuy, sind schlicht verschwunden.

»Wie können dreiundvierzig Menschen einfach verschwinden?«, fragt Mari.

Keller weiß es nur zu gut. Er hat Massengräber gesehen, die die Zetas, Barrera und andere angelegt haben. Über zwanzigtausend Vermisstenfälle gab es in den letzten zehn Jahren in Mexiko, diese dreiundvierzig jungen Menschen sind nur die jüngsten in einer langen Reihe.

»Wann wird es je enden?«

Er hat bereits Blair und die anderen Abteilungsleiter angerufen und sie angewiesen, jede verfügbare Kraft auf die Suche nach den vermissten Kindern zu verwenden, obwohl er weiß, dass sie vermutlich nach Leichen Ausschau halten.

»Die Polizei hat einfach geschossen«, sagt Mari in der ersten Empörung. »Die haben die Busse angehalten und das Feuer eröffnet! Wie konnten sie das machen? Warum?!«

Darauf hat er keine Antwort.

»Und wo sind die vermissten Jugendlichen?«, fragt Mari.

Auch darauf hat er keine Antwort.

Nur die Gewissheit, dass die gequälte Psyche von Chuy Barajos nun wahrhaftig nicht mehr repariert werden kann und er nur noch auf Erlösung hoffen darf.


Die Rentería-Brüder – Tilde, Zeferino und Moises – werfen die dreiundvierzig Leichen auf die Müllhalde, tränken sie mit Benzin und Diesel, werfen Holz, Plastik und Gummireifen drauf und zünden sie an.

Leichen brennen nicht gut.

Es dauert die ganze Nacht und den Großteil des darauffolgenden Tages.


Der Leichenberg schwelt noch, da versammeln sich in Iguala Menschen vor dem Büro des Staatsanwalts. Einige haben den Angriff durch die Polizei überlebt, manche gehören zum Lehrkörper, andere sind Journalisten oder besorgte Bürger.

Viele sind Eltern. Einige weinen und umarmen erleichtert ihre Kinder.

Andere hatten nicht so viel Glück – ihre Kinder sind tot oder vermisst, und die Eltern Letzterer verlangen verzweifelt nach Antworten.

Dreiundvierzig Jugendliche sind verschwunden.

Wo können sie sein?

María Palomas hält eine Pressekonferenz ab.

»Diese Studenten sind gewalttätige Radikale«, sagt sie. »Einige darunter sind, so leid es mir tut, das sagen zu müssen, Kriminelle im Bunde mit dem organisierten Verbrechen, das den Staat terrorisiert. Natürlich ist es eine Tragödie, wenn ein junger Mensch ums Leben kommt, aber die Studenten haben gegen geltende Gesetze verstoßen, sich der Festnahme widersetzt und die Polizei angegriffen.«

»Dann haben sie’s wohl ›verdient‹, erschossen zu werden?«, fragt ein Reporter.

»Das haben Sie gesagt, nicht ich«, erwidert Maria. Auf die entsprechende Frage hin erklärt sie, sie habe keine Ahnung, wo die vermissten dreiundvierzig Personen sein könnten. »Sie sind flüchtig. Vermutlich verstecken sie sich.«


Die Renterías sammeln die Überreste ein, packen sie in acht Plastiksäcke und werfen sie in den Fluss.


Ein paar Stunden später treffen die fünfzehn Heroin-Bricks sicher in Guadalajara ein. Dort werden sie zu »Cinnamon« verarbeitet, umgefüllt und nach Juárez verschifft, wo das Heroin auf Sattelschlepper verladen und über die Grenze gefahren wird.


Einige Wochen später finden SEIDO-Agenten die verkohlten Überreste auf der Müllhalde und in Plastiksäcken im Fluss, doch sie lassen sich nicht definitiv als die Überreste der Studenten identifizieren. Später, in derselben Woche, zünden maskierte Demonstranten Regierungsgebäude in der Hauptstadt von Guerrero, in Chilpancingo, an. Zwei Tage später demonstrieren fünfzigtausend Menschen in Mexico City. Auch in Paris, London, Buenos Aires und Wien ziehen Menschen protestierend auf die Straßen. Studenten an der University of Texas in El Paso halten eine Mahnwache und verlesen laut die Namen der Vermissten.

In Iguala zünden Demonstranten das Rathaus an.

Es wird spekuliert, dass María Palomas das Vorgehen gegen die Studenten angeordnet hatte, weil sie ihre Tourismuskonferenz nicht von Protesten gestört sehen wollte, und sie, als der Einsatz aus dem Ruder lief, ihre Kontakte zu den Guerreros Unidos aktivierte und diese bat, endgültig für Ruhe zu sorgen.

Kein Wort über das Heroin im Bus.

Der Ministerpräsident von Guerrero gibt dem enormen öffentlichen Druck nach und beantragt seine Freistellung, die ihm gewährt wird. In der darauffolgenden Woche wird María Palomas in Mexico City verhaftet und in ein Hochsicherheitsgefängnis in Altiplano gebracht. Sie sagt aus, sie habe keinerlei Informationen über den Verbleib der vermissten Studenten. Woher auch?, fragt María. Sie war an dem Abend bei einem Dinner.

Der mexikanische Präsident schickt neunhundert Federales und dreitausendfünfhundert Soldaten nach Guerrero, um die Ordnung wiederherzustellen.

Die Proteste dauern an.


Das Heroin aus dem Bus trifft in einer der New Yorker Mills ein, wo Darius Darnell es in Tütchen umfüllen lässt. Von denen wiederum einige in der Armbeuge von Jacqui Davis landen.

Und auf beiden Seiten der Grenze fragen sich trauernde Eltern, was um Himmels willen aus ihren Kindern wurde.

Buch drei:

Los Restornados

»Werde wohl ich, der ich meine Bewahrer vernichtete,


nach Hause zurückkehren?«

Alexander der Große

8. Die Feiertage

»Weihnachten ist vorbei, und Business ist Business

Franklin Pierce Adams

Washington, D.C.


Dezember 2014

Keller wird den Gedanken nicht los, dass es zu dem Massaker in Iguala nicht gekommen wäre, würde Adán Barrera noch leben.

Gewiss hätte Barrera nicht aufgrund von moralischen Bedenken darauf verzichtet, die Jugendlichen zu töten, aber er wäre klug genug gewesen, einen solchen öffentlichen Sturm der Empörung zu vermeiden. Und Sinaloa wäre noch die herrschende Macht gewesen – damals war das, was Barrera sagte, Gesetz.

Jetzt gibt es kein Gesetz mehr.

Du hast den Wolf getötet, denkt Keller, und die Kojoten treiben ihr Unwesen.

Im November fuhr ein Team forensischer Experten von einer deutschen Universität nach Coluca und identifizierte die Knochen einer verkohlten Leiche als die eines der vermissten Studenten. Die Wahrheit über das »Massaker von Iguala«, wie es jetzt bezeichnet wird, kommt ans Licht – dreiundvierzig Jugendliche waren zu der Müllhalde verschleppt und erschossen worden, ihre Leichen hatte man anschließend mitsamt dem Müll verbrannt. Einige hatten zweifellos noch gelebt, als sie mit Benzin übergossen und angezündet wurden.

Keller geht durch den Schneematsch zu Second Story Books in der »P«-Street, sucht einen Bildband mit Gemälden von Leonora Carrington, die Marisol sehr mag. Der Bildband ist eine Rarität, er hätte ihn auf Amazon bekommen können, aber er geht lieber in einen Laden, und manchmal gibt es bei Second Story Bücher, die es in anderen Läden gar nicht gibt.

María Palomas Geschichte, sie habe die radikalen Studenten nur aufhalten wollen, aber die Situation sei aus dem Ruder gelaufen, ist ganz offensichtlich Blödsinn. Die Studenten an jenem College demonstrierten seit Jahren, und es hatte sie nie interessiert. Auch die Version, sie habe auf ihrer großen Konferenz nicht bloßgestellt werden wollen, haut nicht hin – der Konferenzort war weit vom Busbahnhof entfernt, und keiner der Teilnehmer hatte überhaupt etwas von den Protesten mitbekommen, die ohnehin erst im achtzig Meilen entfernten Mexico City hätten stattfinden sollen.

Nein, Palomas vertuscht etwas oder deckt jemanden, der so mächtig ist, dass sie bereit ist, den Rest ihres Lebens im Gefängnis zu verbringen.

Aber bislang kauft die mexikanische Regierung ihr die Geschichte ab.

Nur die mexikanische Bevölkerung nicht. Die Menschen, die Medien, die Angehörigen, alle schreien »Verschleierung«, und Keller kann es ihnen nicht verdenken.

Zu denjenigen, die die Geschichte ebenfalls nicht akzeptieren, gehört – natürlich – auch Marisol.

Im November bestand sie darauf, an einer Demonstration in Mexico City teilzunehmen.

Sie hatten darüber gestritten.

»Das ist riskant, Mari«, hatte Keller gesagt.

»Als das letzte Mal in der Hauptstadt demonstriert wurde«, hatte Mari erwidert, »bist du mitgelaufen. Hast du das vergessen?«

Keller hatte es nicht vergessen.

Das war zu Beginn ihrer Beziehung. Zu der Zeit hatte es überall Massendemonstrationen wegen der von vielen Mexikanern als fingiert betrachteten Präsidentschaftswahlen gegeben. Keller war mitgelaufen, hatte mit Marisol in einem Schlafsack auf dem Zócalo geschlafen. Auch in Juárez hatte er mit ihr demonstriert – vielleicht hatte sie das vergessen, aber … »Ich hab’s nicht vergessen, das war aber, bevor …«

»Die mich zum Krüppel gemacht haben?«

»Ich hab nicht gesagt, dass du ein Krüppel bist.«

»Dann behandle mich auch nicht so.«

»Aber sei doch mal realistisch«, hatte Keller gesagt. »Du bist in deiner Mobilität eingeschränkt. Es könnte zu Ausschreitungen kommen und …«

»Dann humpel ich ihnen eben aus dem Weg«, hatte sie ihm entgegengehalten. »Wenn du dir Sorgen machst, komm doch einfach mit.«

»Du weißt, dass das nicht geht.«

Die Schlagzeilen wären brutal und die diplomatischen Reaktionen noch schlimmer ausgefallen. Ob es ihm gefiel oder nicht, er musste mit der aktuellen Regierung in Mexico City zusammenarbeiten.

»Wärst du noch der Alte, hättest du’s gemacht«, hatte Marisol behauptet.

»Das ist nicht fair.«

»Was ist nicht fair?«, fragte sie gereizt. »Dass dreiundvierzig Studenten vermisst werden, vermutlich tot sind, drei weitere ermordet wurden und der Regierung das scheißegal ist?«

»Ich bin nicht der Feind, Mari.«

Sie beruhigte sich etwas. »Nein, natürlich bist du das nicht. Und du hast recht. Ich bin nicht fair. Tut mir leid. Wirst du Schwierigkeiten bekommen, wenn ich hinfahre?«

»Wahrscheinlich.« Marisol ist in Mexiko prominent, die Kameras werden sie finden, die amerikanischen Medien, besonders die von der Alt-Right-Bewegung. »Ich mache mir Sorgen um deine Sicherheit.«

»Ich muss dabei sein.«

Sie fuhr trotz seiner Bedenken.

Tausende von Menschen – die Angehörigen der vermissten Studenten, Sozialaktivisten, besorgte Bürger –, alle demonstrierten in der Hauptstadt, und größtenteils verliefen die Proteste friedlich. Dann lösten sich mehrere Hundert Menschen von der Hauptdemonstration und marschierten zum Palacio Nacional.

Mari befand sich unter ihnen.

Ebenso Ana Villanueva.

Natürlich, dachte Keller, als Marisol ihn anrief und ihm mitteilte, er müsse sich keine Sorgen machen, sie habe eine Begleiterin, die Journalistin sei aus Valverde angereist, um mitzudemonstrieren. Vor dem Palacio Nacional zogen einige der radikaleren Demonstranten Masken über, warfen Flaschen und Kracher an die Tore des Regierungsgebäudes. Die Polizei trieb sie mit Wasserwerfern zurück, aber sowohl Mari wie auch Ana riss es um. Als Keller dies im Fernsehen sah, war er gleichzeitig wütend und entsetzt. Später am Telefon fragte er Marisol: »Alles in Ordnung?«

»Bisschen nass vielleicht, aber ansonsten geht’s mir gut.«

»Das ist nicht witzig«, sagte Keller.

»Das ist nur Wasser, Arturo.«

»Du hättest ernsthaft verletzt werden können.«

»Wurde ich aber nicht.«

Er seufzte. »Ich bin froh, wenn du wieder zu Hause bist.«

»Ich fahr vorher aber noch nach Iguala.«

»Was?!«

»Hast du mich nicht gehört«, fragte Mari, »oder hast du mich nicht verstanden?«

»Ich hab dich nicht verstanden, weil das nicht zu verstehen ist«, sagte Keller. »Was denkst du, was du dort ausrichten kannst?«

»Die Studenten finden.«

Keller ging hoch. Wie zum Teufel, fragte er, käme sie auf die Idee, dass einer Gruppe von Demonstranten gelingen könne, was die Regierung, die Polizei, internationale forensische Teams und seine eigenen Leute nicht hinbekamen? Und ob sie ernsthaft glaube, dass nur ein einziger Student auf die Müllhalde gebracht und dort erschossen worden war und die anderen … wo waren? Irgendwo in einem geheimen Gefängnis? Im Keller des Palacio Nacional? Auf dem Mars? Die Überreste der Studenten, erklärte er ihr, sind auf der Müllhalde und im Fluss, die sind Asche und werden niemals gefunden werden.

»Bist du jetzt fertig?«, fragte sie, als er kurz Luft holte.

»Vorläufig.«

»Wir fahren nach Iguala«, sagte sie, »damit die vermissten Studenten im öffentlichen Bewusstsein bleiben und sich die Regierung gezwungen sieht, echte Ermittlungen einzuleiten. Außerdem …«

»Oh Gott, was?«

Marisol sagte: »Es gibt Informationen, dass die Studenten an einem Stützpunkt außerhalb der Stadt festgehalten werden.«

»Das glaubst du doch nicht.«

»Kannst du mir tausendprozentig versichern, dass es nicht so ist?«

»Das kann schon logisch und rational nicht stimmen«, sagt Keller. »Du hältst nur die ganze Affäre am Laufen.«

»Und sie muss am Laufen gehalten werden«, sagte sie. »Was willst du damit sagen? Überlass das den Profis?«

»Genau.«

»Aber die tun nichts.«

»Wir tun, was wir können«, sagte Keller.

»Ich meine die Leute hier in Mexiko«, sagte Marisol. »Warum streiten wir uns, Arturo? Ich dachte, wir stünden auf derselben Seite.«

»Stehen wir doch auch«, sagte Keller. »Ich will nur nicht, dass du nach Iguala fährst. Mexico City ist das eine. Aber Guerrero ist Kriegsgebiet.«

»Ana kommt mit.«

Sie war auch dabei, als du angeschossen wurdest, dachte Keller. Sie wird genauso hilflos sein und dich nicht schützen können wie damals. »Ich sage Orduña, er soll euch beide abholen und in ein Flugzeug setzen.«

»Ich glaube, nicht mal dem Direktor der DEA ist es gestattet, Menschen zu entführen«, sagte Mari. »Und wenn du dich plötzlich in einen patriarchalen …«

»Hör bloß auf.«

»… überbehütenden …«

»Machst du dich jetzt lustig über mich?«

»Du kannst mir nicht sagen, was ich zu tun und zu lassen habe«, erwiderte sie.

Sie fuhr nach Iguala, schaute in die Fernsehkameras und sagte: »Wir tun das, was die Behörden nicht tun.« Sie zogen los, Massengräber suchen.

Das Ganze ging inzwischen weit über das Massaker von Iguala hinaus. Ana schrieb wieder für den innenpolitischen Teil von El Periódico in Juárez und berichtete, dass in den vergangenen anderthalb Jahren möglicherweise bis zu fünfhundert Leichen dort in der Gegend vergraben worden waren.

Keller sah Marisols Behauptung auf der Breitbart-Seite, die Überschrift lautete: »Frau von DEA-Chef führt linke Proteste an.« Dort wurde nicht nur ein Video ihres Statements in Iguala gezeigt, sondern auch ein Foto von ihr mit einem Transparent, auf dem stand: »YA ME CANSÉ« (»Mir reicht’s«). Außerdem ein kurzer Clip, auf dem zu sehen war, wie sie der Wasserwerfer vor dem Palacio Nacional umfegte, darunter die Zeile »die rote Mari geht baden«.

Ein anderes Foto von Keller daneben erweckte den Anschein, als würde er seine Frau ansehen und lächeln.

Die New York Times, die Washington Post und CNN waren zurückhaltender, brachten aber dennoch Beiträge darüber, dass die Frau des Direktors der DEA protestierend auf die Straße gegangen war. Der Guardian sprach sie praktisch heilig. Auf Fox News war ein Film der Demonstranten zu sehen, die, mit Kapuzen auf den Köpfen, Flaschen und Kracher warfen, während Sean Hannity die Frage stellte, ob Art Keller seine Frau wohl bei ihren radikalen Aktivitäten unterstütze.

Keller wurde gezwungen, ein Statement abzugeben. »Da es sich um eine landesinterne Angelegenheit handelt, kooperiert die DEA rückhaltlos mit der mexikanischen Regierung in der Bemühung, die Wahrheit über die Geschehnisse in Iguala ans Licht zu bringen. Unsere Gedanken und Gebete gelten den vermissten Studenten, ihren Freunden und Familien.«

Zögerlich zeigte sich Keller auf CNN und ließ sich von Brooke Baldwin ein Video der Proteste vorspielen. Während sie ihn mit hochgezogenen Augenbrauen fragend ansah, erklärte er: »Meine Frau kann selbstverständlich tun, was sie für richtig hält.«

»Aber unterstützen Sie sie, in dem, was sie tut?«

»Ich unterstütze sie«, sagte Keller. »Marisol ist mexikanische Staatsbürgerin und hat das Recht zu demonstrieren.«

»Gewalttätig?«

»Wenn wir die Filmaufnahmen betrachten«, sagt Keller, »sehen wir deutlich, dass sie selbst an den Ausschreitungen nicht mitgewirkt hat.«

»Aber sie war dabei.«

»Dabei war sie.«

John Dennison schaltete sich ein und twitterte: »Die rote Mari stellt ihren Mann bloß. Traurig.«

Keller erhielt einen Anruf von McCullough. »Haben Sie Ihre Frau nicht im Griff?«

»Ich tue Ihnen einen Gefallen, Ben«, sagte Keller, »und verrate niemandem, dass Sie das gesagt haben. Tatsächlich habe ich kein Interesse daran, meine Frau ›in den Griff zu bekommen‹. Sie ist eine Frau und keine Weimaraner Stute.«

»Hey, ich bin auf Ihrer Seite, schon vergessen?«, sagte McCullough.

Wenn du dich entschließt, bei den Präsidentschaftswahlen zu kandidieren, dachte Keller, wirst du mich fallen lassen wie ein Blind Date. »Werden Sie denn nun kandidieren, Ben?«

»Derzeit konzentriere ich mich darauf, den Menschen in meinem Bundesstaat zu dienen«, sagte McCullough. »Aber hey, wenn die schöne Ärztin vielleicht davon Abstand nehmen könnte, sich – ich weiß nicht, dem ISIS anzuschließen …«

»Schönen Tag noch, Ben.«

Als Mari nach Hause kam, sagte sie: »Ich hab dich auf CNN gesehen. Danke.«

»Wir werden jetzt aber nicht so ein Washingtoner Power-Paar, das nur noch über die Nachrichtensender miteinander kommuniziert, oder?«, fragte Keller.

»Nein.«

»Was hast du in Iguala herausgefunden?«

»Was du dir gedacht hast«, sagte Marisol. »Nichts. Bitte keine Häme.«

»Es gibt keinen Anlass zur Häme.«

Was untertrieben ist. Sechsundvierzig Tote – dreiundvierzig davon gelten offiziell als »vermisst«, drei wurden ermordet – vermutlich ist auch Chuy Barajos unter ihnen. Keller war absolut nicht nach Häme zumute.

Marisol hatte weitere schlechte Nachrichten. »Ana will recherchieren. Sie ist überzeugt davon, dass die Bundesregierung etwas vertuscht, und sie will einen Enthüllungsbericht schreiben. Oscar wird sie unterstützen.«

»Oscar sollte es besser wissen.«

»Er konnte ihr noch nie etwas abschlagen«, sagte Marisol. »Ich mache mir Sorgen, Arturo. Kannst du ihr nicht helfen?«

»Ich kann Roberto anrufen«, sagte Keller, »ihn bitten, die Augen und Ohren offen zu halten.«

Das wird allerdings nicht viel helfen, dachte Keller. Die Sondereinheiten der mexikanischen Marines haben anderes zu tun, als auf Reporter aufzupassen, besonders wenn sie so unabhängig und stur sind wie Ana. Aber er würde ihn trotzdem anrufen.

Vorher aber rief Ana Keller an. »Was kannst du mir über die Familie Palomas erzählen?«

»Ana …«

»Komm schon«, sagte Ana, »du weißt, die Geschichte ist mamadas. Meine Quellen haben mir verraten, dass die Familie Palomas eng mit Sinaloa verbandelt ist.«

Ihre Quellen haben recht, dachte Keller. Die Palomas sind seit Generationen über die Tapia-Fraktion mit Sinaloa verbunden. Als die Tapias gegen Barrera in den Krieg zogen, blieb die Familie loyal, aber als sie den Krieg verloren, krochen sie vor Adán zu Kreuze, man erteilte ihnen Absolution und genehmigte gewisse Unternehmungen in Guerrero.

»Ana, bist du in Guerrero?«, fragte Keller.

»Wo sonst?«

»Ich weiß nicht. Sicher in deinem eigenen Zuhause?«

»Ich war zu lange sicher in meinem eigenen Zuhause«, sagte Ana. »Ich brauche deine Hilfe dabei, Arturo. Man hört immer wieder, dass die Guerreros Unidos was mit der Sache zu tun hatten. Kannst du das bestätigen? Natürlich ganz im Vertrauen.«

»Wir haben Quellen, die das behaupten.«

»Warum deckt die mexikanische Regierung die Guerreros Unidos?«, fragt Ana. »Das sind doch kleine Fische.«

Das weißt du längst, dachte er.

Am Morgen nach dem Massaker hatte Keller seine geheimdienstliche Abteilung angewiesen, ihn auf den aktuellen Stand bezüglich der Guerreros Unidos zu bringen. Dabei hatte er erfahren, dass das Sinaloa-Kartell stark in Guerrero als neuem Opiumanbaugebiet investiert und die Guerreros Unidos mit den Los Rojos – beides Splittergruppen der zerschlagenen Tapia-Organisation – um die Vormachtstellung gegenüber dem Kartell konkurrieren. Und wenn Sinaloa involviert war, dann waren mindestens Teile der Regierung bereit, alles Mögliche zu vertuschen.

»Die Menschen hier behaupten, die Polizei von Iguala habe die Studenten den Narcos übergeben«, sagte Ana. »Kannst du das bestätigen?«

»Ich kann bestätigen, dass das behauptet wird.« Er wusste, dass es stimmte. Blair hatte Vernehmungsprotokolle der Polizei von Iguala gesehen, und einzelne Beamte hatten zugegeben, dass sie die Jugendlichen an Personen aus dem Umfeld der Guerreros Unidos übergeben hatten.

Und zwar auf Anweisung von María Palomas.

Aber von wem hatte sie die Anweisung?, fragte Keller sich jetzt. Eine Kleinstadt-Bürgermeisterin ordnet nicht allein die Ermordung von sechsundvierzig Jugendlichen an.

So was machen nur Kartellbosse.

Aber welche?

Wer?

Niemand weiß, wer überhaupt zurzeit an der Spitze der Guerreros Unidos steht.

Vielleicht die Rentería-Brüder, vielleicht aber auch nicht.

Oder ging es noch höher?

Bis Sinaloa?

Zumindest nominell führt Ricardo Nuñez das Sinaloa-Kartell. Anscheinend bereitet er seinen Sohn, Adáns Patensohn, darauf vor, seine Nachfolge zu übernehmen. Mini-Ric steht in dem Ruf, ein verantwortungsloser Playboy zu sein, ein typischer Hijo, aber in letzter Zeit gab es Anzeichen dafür, dass er sich nun doch ernsthafter in die Geschäfte einbringt.

Nuñez senior ist andererseits aber nicht unbedingt als brutaler oder unbedachter Mensch bekannt. Vermutlich ist er konservativer, als Adán es gewesen ist. Ein Massaker wie dieses anzuordnen oder auch nur zu dulden, würde ihm nicht ähnlich sehen. Vielleicht ist sein Sohn hitzköpfiger, aber noch hat er nicht die Macht, eine solche Aktion anzuordnen.

Zwei weitere Sinaloa-Fraktionen beziehen Heroin aus Guerrero.

Elena Sanchez befindet sich Berichten zufolge in tiefer Trauer, führt aber nichtsdestrotz einen blutigen Stellvertreterkrieg gegen Iván Esparza, setzt dabei Straßendealer als Schachfiguren ein. Luis, ihr einziger noch lebender Sohn, ist nominell der Kopf des Sanchez-Flügels, tatsächlich aber ist er Ingenieur, kein Killer.

Iván Esparza ist allerdings durchaus ein Killer.

Ein dummer Hitzkopf und darüber hinaus gemein genug, um ein solches Massaker zu befehlen oder abzunicken.

Bislang weist aber nichts auf seine Beteiligung hin.

Andererseits weist auch nichts auf die Beteiligung einer der anderen genannten Personen hin.

Vielleicht, denkt Keller, steckt ja doch nicht Sinaloa dahinter.

Geheimdienstberichte lassen vermuten, dass das neue Jalisco-Kartell nach Guerrero zieht.

Tito Ascención wuchs als armer Junge auf den Avocadoplantagen von Michoacán auf. Er saß im brutalen Hexenkessel von San Quentin und hat schon einmal Unschuldige ermordet – beispielsweise fünfunddreißig Menschen in Veracruz, die er für Zetas gehalten hatte. Wären ihm die Studenten irgendwie in die Quere gekommen, hätte er sie getötet, ohne mit der Wimper zu zucken.

Aber wie?

Inwiefern konnten ihm ein paar Dutzend Collegestudenten in die Quere gekommen sein, die eigentlich nur Spaß haben wollten?

Und warum sollte die Regierung dies vertuschen?

Genau das versuchen Ana und er herauszubekommen.

Dann stellte Ana ihm eine sehr interessante Frage. »Die Guerreros Unidos gehörten früher zu Tapia. Ob sie gegenüber Damien Tapia noch loyal sind?«

Das kam ein bisschen zu unvermittelt, dachte Keller.

Was hatte sie gehört, was wusste sie?

»Warum fragst du?«

»Nur so, Arturo.«

Apropos Bullshit, dachte Keller. Ana ist eine erfahrene Journalistin, einst von den Narcos bis hin zu Kabinettsangehörigen, ja sogar Staatspräsidenten, gefürchtet. Sie stellt niemals Fragen »nur so«. »Wie kommst du darauf, dass Damien Tapia etwas damit zu tun hat?«

»Das hab ich gar nicht behauptet«, sagte Ana. »Aber Damien wurde in Iguala und Umgebung gesehen.«

»Von wem?«

»Wenn du mir die Namen deiner Informanten verrätst«, sagte Ana, »verrate ich dir die von meinen.«

»Tust du nicht.«

»Nein, tu ich auch nicht«, lachte Ana. »Aber was weißt du über Damien?«

Vermutlich genau dasselbe wie du, erklärte ihr Keller. Diegos Sohn hegt einen tiefen Groll gegen Sinaloa, weil er ihnen die Schuld am Tod seines Vaters und dem Ruin der Familie gibt. Er hat Rache geschworen, bislang aber nichts unternommen, außer ein paar Videos auf YouTube hochgeladen und ein paar schlechte Songs geschrieben.

Sinaloa hätte ihn vermutlich längst getötet, wäre er nicht von Kindheit auf ein guter Freund der Esparza-Brüder und von »Mini-Ric« Nuñez gewesen. Auch Titos Sohn Rubén stand er sehr nah. Er ist der Jüngste der Los Hijos und galt als eine Art Maskottchen, also wurde er geduldet. Und wenn sie ehrlich waren, hatten die Mächtigen in Sinaloa auch ein bisschen ein schlechtes Gewissen wegen dem, was sie den Tapias angetan hatten.

»Ana, sei vorsichtig«, sagte Keller und legte auf.

Dann ließ er Eddie Ruiz aus seiner Zelle an ein besonderes Telefon holen.

»Was wissen Sie über Iguala?«, fragte Keller.

»Nichts«, sagte Ruiz.

»Es heißt, die Guerreros Unidos hatten damit zu tun.«

»Und?«

»Das waren früher Ihre Leute«, sagte Keller. »Und Damien Tapia war Ihr Freund.«

»Freund würde ich nicht sagen«, behauptete Eddie. »Ich hab auf ihn aufgepasst, wenn sein Alter zugekokst war und sich nicht um ihn kümmern konnte.«

»Hatten Sie in letzter Zeit Kontakt zu ihm?«

»Na klar, Keller«, sagte Eddie. »Er kommt jeden Donnerstag hier vorbei, und dann spielen wir Pokémon. Was denken Sie denn?«

»Was können Sie mir über Iguala erzählen?«, fragte Keller.

»Selbst wenn ich was wüsste, was nicht der Fall ist«, sagte Ruiz, »meinen Sie, ich würde Ihnen Informationen geben, die mich belasten? Ich stehe kurz vor der Entlassung, Keller. Das mache ich mir nicht kaputt.«

»Vielleicht würde Ihnen ja eine weitere Verlegung auf die Sprünge helfen«, sagte Keller. Eddie ging es inzwischen in Victorville sehr gut, er war sicher. Seine Familie lebte in der Nähe, sodass sie ihn besuchen konnte. Würde er in eine neue Einrichtung verlegt, sei’s auch nur für die wenigen verbleibenden Monate, würde das einen Haufen Komplikationen nach sich ziehen und wäre möglicherweise auch gefährlich. Er müsste sich erneut die Gunst eines La Eme-Anführers erarbeiten, neue Allianzen schließen. Und dann würde Keller ihn noch mal verlegen und noch mal und noch mal.

»Haben Sie’s nicht manchmal einfach satt, so ein Arschloch zu sein, Keller?«, fragte Ruiz.

»Wenn Sie mir was verraten«, sagte Keller, »garantiere ich, dass es nicht auf Sie zurückfällt. Und vielleicht können wir Ihre Entlassung sogar ein kleines bisschen beschleunigen.«

Zwei Tage später erhielt Keller einen Anruf.

»Schauen Sie sich die Rentería-Brüder an«, sagte Eddie.

»Dann haben die Guerreros Unidos nichts damit zu tun.«

»Ich freue mich auf meine Entlassungspapiere.«

»Von wem kam der Befehl?«

»Frohe Weihnachten«, sagte Eddie.

Keller rief Orduña an, und die FES stellte bei der Suche nach den Renterías alles auf den Kopf. Sie durchsuchten Privathäuser, Lagerräume, durchkämmten die Provinz auf der Suche nach Opiumfeldern, und wurden zum gewaltigen Störfaktor des Heroinhandels in Guerrero.

Aber die Brüder fanden sie nicht.

Keller dachte über eine mögliche Verbindung zwischen den Guerreros Unidos und Damien Tapia nach. Welcher Art könnte diese sein, und wer hatte die Macht, die Morde von Iguala anzuordnen? Er gab seinen Mitarbeitern die Vorgabe, größtmöglichen Druck auf alle Informanten, Angeklagten und Gefängnisinsassen auszuüben, um mehr über Iguala in Erfahrung zu bringen. Alle legalen Mittel wurden voll ausgeschöpft, Deals angeboten, Drohungen ausgesprochen, Personen festgenommen, Häuser durchsucht. Alle CIs wurden über Iguala befragt und gedrängt, Informationen zu beschaffen.

Die Mitarbeiter vor Ort begriffen sehr schnell – der Chef befindet sich auf einem Kreuzzug. Hoch die Fahnen und losmarschieren, sonst muss man damit rechnen, dass die Karriere ins Stottern gerät wie ein Vierhundert-Dollar-Gebrauchtwagen.

Keller wendete sich an die Immigration and Customs Enforcement, die Zollbehörde der USA, sowieso an Border Patrol – wenn ihr einen Wagen mit auch nur einer Unze Marihuana anhaltet, stellt den Insassen bitte Fragen über Iguala. Er ließ seine Beziehungen bei den City und State Police Departments spielen – bat alle, Fragen über Iguala zu stellen, und alles auch nur eventuell »Handfeste« sofort weiterzuleiten.

Bislang, zweieinhalb Monate später – ohne Ergebnis.

Jetzt findet Keller das Buch, das er sucht – Leonora Carrington – Gemälde, Zeichnungen und Plastiken, 1940 bis 1949. Marisol wird sich freuen. Er geht zur Kasse und bezahlt, dann tritt er wieder hinaus auf die Straße.

Jemand hat die Studenten ermordet.

Keller wird herausfinden, wer, und diejenigen vor Gericht bringen.

Weil es jetzt an mir liegt, denkt er.

Du hast ein Monster vernichtet, sagt sich Keller.

Jetzt musst du das nächste auch vernichten.

Philosophisch wurde schon immer spekuliert: »Was, wenn es keinen Gott gäbe?«, denkt Keller, während er durch den Schneematsch geht. Aber niemand hat die andere Frage gestellt, geschweige denn beantwortet: »Und was, wenn es keinen Satan gäbe?«

Die Antwort auf die erste Frage lautet, es würde Chaos im Himmel und auf Erden geben. Die Antwort auf die zweite Frage aber lautet, es würde Chaos in der Hölle geben – und all die geringeren Dämonen würden losgelassen und um die Vorherrschaft als neuer Prinz der Finsternis kämpfen.

Der Kampf um den Himmel ist das eine.

Aber der um die Hölle …

Wenn Gott tot ist, und Satan auch, na dann …

Frohe Weihnachten.


Hugo Hidalgo hat ein Geschenk für ihn.

Er kommt herein, grinst zufrieden wie eine Katze vor dem Sahnetopf und sagt: »Claiborne macht sich vielleicht endlich bezahlt. Hast du von Park Tower gehört?«

»Klingt nach einer Serie auf PBS.«

Park Tower, erklärt Hidalgo, ist ein Hochhaus mit Büros, Geschäften und Eigentumswohnungen in Lower Manhattan. Ein Unternehmen namens Terra hat es 2007, während des Immobilienbooms, gekauft und bislang fünfzig Millionen der insgesamt knapp zwei Milliarden Dollar Verkaufswert angezahlt.

»Das sind gerade mal zweieinhalb Prozent«, sagt Keller.

Hildalgo sagt: »Der Rest steckt in hoch verzinsten Krediten und ist erst in achtzehn Monaten fällig.«

Das Problem, sagt Hidalgo, besteht darin, dass das Gebäude ein Reinfall ist. Terra konnte nicht genug Mieter finden, um auch nur die Zinsen zu bezahlen, geschweige denn die Hauptschuld. Und das Gebäude muss grundlegend umgebaut und saniert werden, um auf dem Markt bestehen zu können.

Und da kommt Berkeley ins Spiel, der Hedgefonds, für den Claiborne arbeitet.

Berkeley hat ein Syndikat gebildet, um Park Tower umzufinanzieren und den Kredit abzubezahlen. Im Gegenzug erhalten sie einen Anteil von zwanzig Prozent an dem neuen Gebäude. Claiborne hat siebzehn Kreditgeber von Banken in den Vereinigten Staaten und aus Übersee zusammenbekommen – aus Deutschland, China und den Arabischen Emiraten.

»Und wo ist das Problem?«, fragt Keller.

»Die Deutsche Bank hat gerade einen Rückzieher gemacht«, sagt Hidalgo. »Jetzt befindet Claiborne sich im Wettlauf mit der Zeit, damit ihm die anderen nicht auch noch abspringen, und bislang fehlen ihm zweihundertfünfundachtzig Millionen Dollar. Ist nicht einfach, jemanden zu überzeugen, denn Terra ist nicht besonders kreditwürdig. Claiborne sucht also das, was er als einen ›Kreditgeber letzter Instanz‹ bezeichnet.«

»Das ist ziemlich freundlich ausgedrückt«, sagt Keller.

»Claiborne hat nur damit rausgerückt, weil ich gedroht habe, ihm den Stecker zu ziehen«, sagt Hidalgo. »Bei ähnlichen Problemen in der Vergangenheit sei man zur HBMX gegangen.«

Keller kennt den Namen. Die HBMX ist eine private Investmentbank, die hauptsächlich im Auftrag des Sinaloa-Kartells Geld wäscht.

Alle großen Organisationen im Drogenhandel haben dasselbe Problem, nämlich genau das Gegenteil dessen, womit sich die meisten Unternehmen herumschlagen müssen.

Drogenhandelsorganisationen haben nicht zu wenig Geld, sie haben zu viel.

Und das meiste kommt in bar herein.

Kartelle sind Unternehmen, die Kredite in Bargeld verwandeln, sie übergeben Drogen an Mittelsmänner, die bezahlen, wenn sie diese an ihre Einzelhändler weitervermittelt haben. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Kartell Drogen im Wert von Millionen Dollar im guten Vertrauen weitergibt – das Leben derjenigen, die diese in Empfang nehmen, dient ihnen als Sicherheit, und die ihrer Familien.

Das Risiko ist für alle beteiligten Parteien gering, denn die Drogen werden so gut wie sicher verkauft. Schiefgehen kann das nur, wenn ein Exekutivorgan die Waren beschlagnahmt, bevor sie verkauft werden, wobei der Mittelsmann dem Kartell meist in Form eines Polizeiberichts beweisen muss, dass die Drogen tatsächlich durch die Regierung beschlagnahmt wurden. Dann wachsen die Schulden, oder falls es sich um einen treuen Stammkunden handelt, wird Vergebung gewährt.

Viel Geld ist also unterwegs.

Aber da gibt es ein Problem: Es werden ungeheure Summen an Bargeld generiert, die gewaschen, das heißt in legale Unternehmen umgeleitet, werden müssen, um später verwendet werden zu können.

Vor ungefähr zehn Jahren wuschen die Kartelle das Geld noch elektronisch, transferierten es so lange digital um die ganze Welt, bis es sauber wieder zurückkam. Aber Interpol und andere Behörden haben die Möglichkeiten der elektronischen Überwachung verbessert, weshalb die Kartelle wieder auf alte Methoden zurückgreifen mussten – sie schafften das Geld in Scheinen nach Mexiko, wo es bei domestizierten Banken hinterlegt wurde.

So weit, so gut, aber die mexikanischen Banken konnten das ganze Bargeld nicht aufnehmen, und da sich die wichtigsten Investitionsmöglichkeiten in den Vereinigten Staaten befinden, transferierte man das Geld aus Mexiko zu den amerikanischen Banken. Diese allerdings werden sehr viel strenger überprüft – sie dürfen keine Bargeldeinzahlungen von über zehntausend Dollar entgegennehmen, ohne dies zu melden – das gilt für sämtliche Einzahlungen größerer Summen, deren Herkunft verdächtig scheint.

Ein paar Banken in den Vereinigten Staaten und Großbritannien wurden dabei erwischt, dass sie Drogengelder angenommen hatten, ohne dies zu melden, und wurden zu ein paar Milliarden Strafe verdonnert, was zunächst nach viel Geld klingt, aber gar nicht so viel war, wenn man bedenkt, dass von Transaktionen in Höhe von sechshundertsiebzig Milliarden Dollar die Rede ist und die betroffenen Banken jährlich über zweiundzwanzig Milliarden Profit damit gemacht haben.

Es lohnt sich, mitzuspielen.

Aber das Geld darf nicht einfach auf der Bank liegen bleiben, sich nützlich machen und Rendite bringen, es muss investiert werden, und zwar am besten in Immobilien.

Weil Immobilien teuer sind.

Häuserbauen ist teuer.

Arbeitskräfte sind teuer.

Und das ganze Geld kann durch Kredite gewaschen, von den Baukosten abgeschöpft werden, man kann Arbeiter bezahlen, die nicht gearbeitet haben … und so weiter.

Bei einem Projekt wie Park Tower gibt es unendlich viele Möglichkeiten.

Wenn Terra bei Park Tower auf halber Strecke das Geld ausgeht und das Unternehmen keine weiteren Kredite bekommt, wird es sich von jedem helfen lassen, der seine Hilfe anbietet, nur um doch noch das Ziel zu erreichen.

Wenn Drogengeld der Rettungsring ist, dann werden sie danach greifen.

»Haben die sich an die HBMX gewandt?«, fragt Keller.

»Werden sie nicht«, sagt Hidalgo. »Erst wenn alle Alternativen ausgeschöpft sind.«

Daher auch der Begriff »Kreditgeber letzter Instanz«, denkt Keller.

Hidalgo guckt komisch.

»Was?«, fragt Keller.

»Weißt du, wer einer der Haupteigentümer von Terra ist?«

»Nein.«

»Jason Lerner«, sagt Hidalgo.

»Wer ist das?«

»John Dennisons Schwiegersohn«, sagt Hidalgo, und ihm fällt wieder ein, dass Claiborne bei seiner verhinderten Festnahme Dennisons Namen ins Spiel gebracht hatte. »Bist du sicher, dass du das durchziehen willst?«

Weil ich befangen bin, denkt Keller.

Dennison hat mich angegriffen, es könnte als Rache oder politische Strategie oder beides betrachtet werden. Wenn Dennison bei den Präsidentschaftswahlen kandidiert, könnte das eine ganze Reihe neuer Probleme aufwerfen.

Wir müssen vorsichtig sein.

Dürfen uns nichts zuschulden kommen lassen.

»Auf keinen Fall«, sagt Keller, »darfst du gegenüber Claiborne vorschlagen, er solle sich an die HBMX oder ein anderes Unternehmen wenden. Aber du kannst verlangen, dass er dich mit Informationen über die Treffen versorgt, die so oder so stattfinden würden.«

Das ist eine hauchdünne Unterscheidung, das weiß Keller, und wahrscheinlich ist sie vor Gericht auch nicht haltbar, aber sie müssen es damit versuchen.

»Hol so viele geheimdienstliche Informationen ein, wie wir über die HBMX, Terra und Berkeley bekommen können«, sagt er. »Aber sieh zu, dass du’s vertuschst – versteck es zwischen Anfragen über ähnliche Institutionen. Zugangsbeschränkt. Und du kommst damit zu mir und nur zu mir.«

Wenn Howard etwas davon mitbekommt, rennt er direkt zu Dennison, und dann ist es vorbei, noch bevor es angefangen hat.

»Was ist mit Mullen?«, fragt Hidalgo.

»Ich halte ihn auf dem Laufenden«, sagt Keller. »Das sind wir ihm schuldig. Aber sonst niemanden.«

»Southern District?«, fragt Hidalgo.

»Noch zu früh«, sagt Keller. Geldwäsche in Zusammenhang mit Terra und Berkeley fällt in die Zuständigkeit der Staatsanwaltschaft des Southern District of New York, und sie sollte miteinbezogen werden, aber bislang gibt es noch keine echten Beweise, es besteht nur der Verdacht, dass möglicherweise eine Straftat begangen werden könnte.

Und es könnte dort eine undichte Stelle geben, durch die nicht nur die Operation, sondern auch Claiborne selbst gefährdet wäre, vielleicht sogar das Callgirl, die Hauptzeugin des Vorfalls, durch den er zum Spitzel wurde.

»Wo ist sie jetzt?«, fragt Keller.

Hidalgo zuckt mit den Schultern.

»Ich werde Mullen bitten, sie abzuholen und aus der Stadt zu bringen«, sagt Keller.

Er glaubt nicht, dass Claiborne dazu fähig wäre, das Mädchen zu töten, aber er weiß, dass die Kartelle es sind.


Marisol streift am Regal mit der lateinamerikanischen Literatur entlang, politische Sachbücher und Belletristik, als sie hört – »Verzeihung. Dr. Cisneros?«

Sie dreht sich um und sieht eine attraktive Frau mittleren Alters mit aschblondem Haar. »Ja?«

»Althea Richardson«, sagt die Frau. »Früher hieß ich Althea Keller.«

»Oh. Encantada.«

Beide lachen verlegen, weil sich Ex-Frau und Frau begegnen.

»Ich habe Fotos in Zeitschriften gesehen und Sie erkannt«, sagt Althea, »aber die werden Ihnen gar nicht gerecht.«

»Sie sind sehr freundlich«, sagt Marisol, »und noch viel schöner, als Arturo immer behauptet hat.«

»Ich bin sicher, Art hat so etwas nie behauptet«, sagt Althea lächelnd. »Er kann manchmal unbedarft sein, aber nicht so unbedarft, dass er seiner Frau von seiner Ex-Frau vorschwärmt.«

»Kann sein, dass wir da noch gar nicht verheiratet waren«, sagt Marisol.

»Hören Sie, klingt vielleicht eigenartig«, sagt Althea, »aber haben Sie Lust, einen Kaffee trinken zu gehen?«

»Okay, warum nicht?«

Marisol stellt fest, dass sie Arturos erste Frau sehr mag. Eigentlich nicht erstaunlich, er hat immer gut von ihr gesprochen und die Schuld für das Scheitern der Ehe ehrlich auf sich genommen. Aber Marisol staunt, wie witzig Althea ist, witzig und schlau, verschmitzt und selbstironisch.

Die beiden Frauen lachen über Art-Keller-Geschichten und merken, dass sie vieles gemeinsam haben.

Nicht nur Art.

Auch politisch sind sie sich nah, Altheas Vorstellungen von der Rolle der Frau sind sehr sympathisch, und schon nach wenigen Minuten denkt Marisol, dass sie vielleicht eine echte Freundin in dieser Stadt gefunden hat.

»Die Angriffe auf dich waren beschämend«, sagt Althea.

Marisol zuckt mit den Schultern. »Die Rechte ist in allen Ländern gleich, oder? Die mögen es nicht, wenn Frauen – wie sagt man noch gleich? – ›die Nase oben tragen‹.«

»Was wirst du machen, wenn …« Althea hält inne.

»Arturo gefeuert wird?«

»Verzeihung«, sagt Althea. »Das war sehr unhöflich.«

»Nein, so ist die Realität«, sagt Marisol.

»Würdet ihr in Washington bleiben?«

»Ich denke, ja«, sagt Marisol. »Aber erzähl mir von dir.«

»Da gibt es nicht viel zu erzählen«, sagt Althea. »Ich lehre Politikwissenschaften an der American University. Bin seit Kurzem Witwe –«

»Das tut mir sehr leid.«

»Bob und ich haben das typische Leben eines akademischen Ehepaars gelebt«, sagt Althea. »Das war schön – im Wohnzimmer sitzen, zusammen NPR hören, täglich lange Spaziergänge machen. Am Wochenende zu einer Weinprobe fahren, in den Sommerferien nach Martha’s Vineyard oder an der Küste in Maryland. Aber dann wurde er krank, und das vergangene Jahr war nicht gerade schön.«

»Tut mir wirklich leid.«

»Mir geht’s ganz gut«, sagt Althea. »Ist nur eigenartig, weißt du, morgens aufwachen, sich umdrehen und sehen, dass die andere Seite vom Bett leer ist. Und ich krieg’s auch nicht richtig hin, nur für eine Person zu kochen. Meistens lass ich es bleiben und hole mir was vom Imbiss. Ich bin sowieso keine gute Köchin, vielleicht hat Art dir das ja schon erzählt.«

»Nein.«

»Der arme Mann hat aus Gründen der Selbstverteidigung kochen gelernt.«

»Ich bin sicher, dass das nicht stimmt.«

»Ist traurig«, sagt Althea. »Aber bei Mr Chen kennt man mich mit Namen. Ansonsten verbringe ich meine Zeit mit Stöbern in Buchläden, manchmal quatsche ich dann auch die Frauen meines Ex-Mannes an.«

»Ich bin froh, dass du’s getan hast.«

»Ich auch.«

Als Keller am Abend nach Hause kommt, sagt Marisol: »Rate mal, wen ich heute Nachmittag getroffen habe? Althea.« Er guckt total perplex, was sie lustig findet. »Sie hat mich angesprochen und sich mir vorgestellt. Wir waren zusammen einen Kaffee trinken.«

»Habt ihr über mich geredet?«

»Du hast aber auch ein Ego«, sagt Marisol. »Zuerst natürlich schon, aber dann, ob du’s glaubst oder nicht, haben wir andere Gesprächsthemen gefunden.«

»Das kann ich mir vorstellen«, sagt Keller.

Marisol erwidert: »Ich kann verstehen, warum du sie liebst.«

»Geliebt hast.«

»Unsinn«, sagt Marisol. »Mit einer Frau wie ihr kann man nicht so lange verheiratet sein, Kinder bekommen und sie nicht mehr lieben. Ich bin nicht eifersüchtig, Arturo. Soll ich Althea nicht mögen, nur weil du mit ihr verheiratet warst? Entschuldigung, aber ich habe keine Lust, den Klischees zu entsprechen.«

»Stereotypen.«

»Wie bitte?«

»Ein Klischee«, sagt Keller, »ist eine abgedroschene Ausdrucksweise, ein Stereotyp ist ein …«

Sie lässt ihn mit einem Blick erstarren. »Tatsächlich? Willst du jetzt mein Englisch korrigieren?«

»Nein, lieber nicht.«

»Gute Entscheidung«, sagt Marisol.

»Also, wenn du ihr wieder begegnest …«

»Oh, das werde ich«, sagt Marisol. »Und du auch, sie kommt Nochebuena zu uns. Ach, Arturo, lass uns Weihnachten dieses Jahr richtig mexikanisch feiern. Lass uns Leute einladen. Wir hatten so viel mit dem Tod zu tun. Ein bisschen Leben im Haus wird uns guttun.«

»Sicher, das ist super, aber …«

»Was?« Sie sieht ihn gespielt unschuldig an.

»Wegen Althea. Du hättest mich vielleicht vorher fragen können.«

»Aber du hättest Nein gesagt.«

»Stimmt.«

»Warum sollte ich dich dann fragen?«, sagt Marisol. »Sie wäre allein gewesen, und das ist nicht richtig. Und ich mag sie wirklich, sehr sogar. Ana kommt übrigens auch. Du wirst eine einsame Insel in einem Östrogenmeer sein.«

»Na toll.«

»Was macht Hugo?«

»Keine Ahnung.«

»Frag ihn.«

Keller weiß, was sie vorhat, auch wenn sie’s nicht mal selbst weiß. Er ist ein Einzelgänger, zufrieden in seiner Einsamkeit, aber Mari ist ein soziales Wesen, am glücklichsten ist sie im Kreis enger Freunde, und ein neues Gesicht ist schon ausreichender Anlass für eine Party. Er war bei einigen dieser Zusammenkünfte dabei – immer wurde getrunken, leidenschaftlich diskutiert, gesungen und gelacht. Zu viele dieser Freunde leben inzwischen nicht mehr – wurden im Drogenkrieg ermordet –, und sie ist, vielleicht sogar unbewusst, dabei, die Herzlichkeit jener Freundschaften, die Wärme, die sie für ihre Freunde empfand und die diese ihr wiederum entgegenbrachten, neu aufleben zu lassen. Er weiß, dass sie einsam ist in diesem kalten Land, also sagt er sich, hör auf, ein Arschloch zu sein, und stell dich ihren Plänen für Weihnachten nicht in den Weg.


Hugo Hidalgo lacht Keller an. »Ich will nur sichergehen, dass ich das auch richtig verstanden habe – du willst, dass ich vorbeikomme und mit dir, deiner Frau und deiner Ex-Frau zu Abend esse? Nein. Oder lass es mich anders formulieren – ganz bestimmt nicht.«

»Und was hast du sonst an Weihnachten vor?«

»Das nicht.«

»Du bist schlauer, als du aussiehst«, sagt Keller.

»Ist keine Kunst, Chef.«

Keller spielt seinen Trumpf aus. »Mari würde sich so freuen, wenn du kämst.«

»Verdammt.«

»Du hättest dir was anderes vornehmen sollen«, sagt Keller. »Wer sich nicht vorbereitet, bereitet sich darauf vor, zu scheitern.«

Ana trifft Heiligabend ein.

Bemerkenswert, denkt Keller, wie sie von Jahr zu Jahr einem Vögelchen immer ähnlicher wird, mit ihrer kleinen spitzen Nase und der zarten Statur, die aussieht, als würde sie von hauchdünnen Knochen getragen, ihr Pagenkopf ist inzwischen weiß.

Ana steht in ihrem Mantel auf den Stufen, den Koffer in der Hand wie ein altes Waisenkind. Keller öffnet die Tür, und sie drückt ihm ein Küsschen auf die Wange.

Sie riecht nach Alkohol.

»Dein Zimmer ist fertig für dich«, sagt Keller.

»Ach, und ich dachte, ich würde in einer Krippe schlafen.«

»Wenn du willst, leg ich ein bisschen Stroh aus«, sagt Marisol.

Würde ihr ähnlich sehen, wenn sie welches hätte, denkt Keller. Mari hatte sich kopfüber in die Weihnachtsvorbereitungen gestürzt, das Haus mit den traditionellen roten Weihnachtssternen geschmückt, ein nocimiento aufgestellt, ein Krippenspiel, und außerdem besonderes Essen gekauft, unter anderem bacalao, gesalzenen und getrockneten Kabeljau. Jetzt läuft sie hin und her zwischen Küche und Esstisch, deckt Teller und Gläser auf, rührt in den Töpfen, trinkt Wein und plaudert mit Ana.

Dann gehen Ana und sie zur Mitternachtsmesse.

»Wir treffen Althea dort«, sagt Marisol zu Keller. »Bist du sicher, dass du nicht mitkommen willst?«

»Ich lass es aus.«

»Aber Finger weg vom ponche, bis wir wieder da sind, und es wird nicht geschummelt«, sagt sie.

»Auf keinen Fall.« Auch wenn der Punsch großartig duftet – das Fruchtmark, Zimt und der Rum köcheln auf dem Herd. Truthahn und Schinken sind im Ofen. Marisol hat sich selbst übertroffen, von dem, was übrig bleibt, werden sie sich noch bis zum Groundhog Day ernähren können.

»Und du vergisst auch nicht, den Truthahn zu übergießen, oder?«, fragt sie. »Dafür grüßen wir das Christkind von dir.«

Kaum sind sie zur Tür raus, macht er sich über den ponche her.

Der knallt ganz schön rein, ist genauso gut, wie er riecht.

Keller hat sich gerade hingesetzt, um It’s a Wonderful Life zu schauen, als es an der Tür klingelt und Hidalgo davorsteht.

»Verdammt«, sagt Hidalgo.

»Was?«

»Ich hab meine kugelsichere Weste vergessen.«

»Spielt keine Rolle«, sagt Keller, »Frauen zielen immer auf den Kopf. Willst du ein bisschen ponche?«

»Ich will ganz viel ponche«, sagt Hildalgo. »Du liebe Zeit, riecht das hier gut.«

»Mari hat schon die ganze Woche tamales gemacht.«

»Ist es nicht nach deiner Bettzeit, Chef?« Keller ist bekanntermaßen Frühaufsteher und berühmt dafür, morgens immer als einer der Ersten im Büro zu erscheinen.

»Das ist es wirklich.«

»Hey, wenn du ein Nickerchen machen willst, ich halte die Stellung.«

»Werd bloß nicht übermütig.«

»Was läuft im Fernsehen?«, fragt Hidalgo. Er nimmt ein Glas Punsch und setzt sich. »Wo sind denn die verschwisterten Ehefrauen?«

»Bei der Messe. Und die Witze kannst du dir verkneifen, Hugo.«

»Haben wir so viel Zeit?«, fragt Hidalgo.

»Und noch was«, sagt Keller. »Heute Abend wird nicht über die Arbeit geredet.«

»Geht klar«, sagt Hidalgo. »Aber bevor das Redeverbot in Kraft tritt, wir haben Geheimdienstinformationen über Damien Tapia eingeholt.«

»Und?«

»Die Reporterin hat recht«, sagt Hidalgo. »Tapia wurde in Iguala und Umgebung gesehen, an dem Abend, mit den Renterías. Es heißt, die Guerreros Unidos hätten sowohl für Sinaloa wie auch für Damien Heroin transportiert.«

»Meinst du, die hatten den Mumm, Sinaloa zu hintergehen?«

»Es gibt alte Zwistigkeiten, oder?«, fragt Hidalgo. »Warst du nicht dabei, als Damiens Vater ermordet wurde?«

»Hast wohl auch in meiner Akte nachgesehen, Hugo?«

»So was spricht sich rum in der Agentur, Chef«, sagt Hidalgo. »Vielleicht haben sich die Renterías auf ihre alten Wurzeln bei den Tapias besonnen und für den Sohn gearbeitet.«

»Kann sein«, sagt Keller. »Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er die Studenten ermordet hat. Damien Tapia hat nicht genug Gewicht, um so was allein durchzuziehen. Jemand hat ihm die Order gegeben.«

»Wer?«, fragt Hidalgo. »Soweit wir wissen, gehört der ›junge Wolf‹ keiner Organisation an.«

»Ich weiß es nicht«, sagt Keller. »Bleib dran. Nur nicht heute Abend. Und sag der Reporterin nichts davon.«

»Ich dachte, sie ist eine Freundin von dir.«

»Ebendeshalb.« Er wünscht, sie würde sich aus der Sache raushalten.

Er hat bereits zu viele Freunde verloren.


Die Frauen kommen singend zurück.

Bleiben wie Sternensänger vor der Tür stehen und singen villancicos. Oder versuchen es zumindest, unterbrochen von Lachanfällen.

Althea sieht hinreißend aus.

Sie ist, wie man so sagt, in Würde gealtert. Ihre aschblondes Haar ist kurz geschnitten, ihre blauen Augen strahlen hinter der Brille auf der Spitze ihrer langen Adlernase. Keller hatte vergessen, wie schön sie ist, und jetzt, als er sie singen sieht, fällt ihm wieder ein, dass sie unbedingt fließend Spanisch hatte lernen wollen, als sie zusammen in Mexiko gelebt hatten.

Sie sieht zu ihm auf und lächelt.

Der Song endet, und die drei Frauen fallen mit der spanischen Version von Stille Nacht ein.

Noche de paz, noche de amor,

Todo duerme en derredor …

Es ist sanft und schön und weckt bei Keller Erinnerungen an ein Weihnachten, oh Gott, vor dreißig Jahren, dem letzten Heiligabend, den er mit seiner Familie verbracht hatte, damals, als alles noch gut war, kurz bevor Ernie ermordet wurde. An jenem Heiligabend hatte Althea die Kinder genommen und ihn in Guadalajara zurückgelassen, weil sie Angst um sie und um sich selbst hatte.

Entre sus astros que esparcen su luz,

Bella anunciando al niñito Jesús …

An dem Abend hatten Kinder draußen auf der Straße vor ihrem Haus ebenfalls villancicos gesungen, und als er Althea geküsst hatte und sie und die gemeinsamen Kinder in ein Taxi zum Flughafen setzte, hatte er geglaubt, dass sie schon bald wieder vereint sein würden, entweder in Mexiko oder in den Vereinigten Staaten. Den Weihnachtstag hatte er mit den Hidalgos verbracht und zugesehen, wie der kleine Hugo seine Geschenke aufgemacht hatte. Nur wenige Tage später wurde Ernie entführt, gefoltert und ermordet, und die ganze Welt wurde dunkel, und Keller kam nie wieder mit Althea zusammen, kehrte nie wieder zu seiner Familie zurück.

Brilla la estrella de paz.

Brilla la estrella de paz.

Das Lied endet, und einen Augenblick lang herrscht vollkommene Stille.

Vollkommene Ruhe.

Zeitlosigkeit.

Dann sagt Keller: »Kommt rein.«


Weitere Gäste treffen ein.

Wie sich herausstellt, hat Marisol alle eingeladen, die sie kennt, oder alle, die sie in den vergangenen Wochen getroffen hat, deshalb sind Leute aus ihren Wohltätigkeitsorganisationen und Ausschüssen dabei, Mitarbeiter der mexikanischen Botschaft, Angestellte aus ihren Lieblingsrestaurants, aus Buchhandlungen, der Reinigung, die Nachbarn …

Keller kennt die meisten, aber nicht alle.

Obwohl er Einzelgänger ist, stellt er erstaunt fest, dass er es nicht furchtbar findet, sondern sogar irgendwie Spaß hat.

Das Essen schmeckt großartig.

Wenn sie an mexikanisches Essen denken, denken die meisten Amerikaner an Burritos und Tacos mit Huhn, Rind oder Schwein, erstickt unter Käse und aufgewärmten Bohnen, aber Keller weiß, dass mexikanische Küche sehr viel abwechslungsreicher, raffinierter und feiner ist.

Der Truthahn in mole-Soße ist köstlich, aber am meisten haut Keller bei den romeritos en revoltijo rein – Garnelen, Kartoffeln und nopales mit Rosmarin in einer Soße aus ancho mulato, chile pasilla, Mandeln, Zimt, Zwiebeln und Knoblauch.

Der bacalao ist das traditionelle Weihnachtsessen. Marisol hat den gesalzenen Kabeljau einen ganzen Tag lang gewässert, die Haut abgezogen und den Fisch entgrätet; die chiles anchos entkernt und frische Tomaten dazugegeben. Dann ließ sie die Soße mit einem Lorbeerblatt, Zimt, roter Paprika, Oliven und Kapern einköcheln und einen verführerischen Duft im ganzen Haus verbreiten, zum Schluss gab sie noch Kartoffeln dazu und rundete das Ganze mit chiles güeros ab.

Aber Weihnachten ist nicht Weihnachten ohne tamales.

Marisol hat die Maisblätter mit Schwein, Rind und Huhn (»nur das dunkle Fleisch, bitte, Arturo, die Brustfilets werden zu trocken«) gefüllt, aber außerdem auch noch welche so gemacht, wie man sie in Oaxaca kennt, Hühnerfleisch, Zwiebeln, poblanos und Schokolade mit Bananenblättern umwickelt.

Als würde das nicht genügen, köchelt ein großer Topf pozole auf dem Herd, und es gibt eine riesige Schüssel ensalada de noche buena – Kopfsalat, Rüben, Äpfel, Karotten, Orangenschnitze, Ananasstücke, Yambohnen, Pekannüsse, Erdnüsse und Granatapfelkerne.

Zum Nachtisch hat Marisol Berge von buñuelos gemacht und mit Zucker bestreut, aber da die meisten Gäste Mexikaner sind und Mexikaner nie mit leeren Händen zu einer Einladung erscheinen, gibt es außerdem rosca de reyes, Reispudding, Tres leches-Kuchen, polvorones de canele und flan.

Ganz gewiss bleibt niemand hungrig – und durstig auch nicht.

Es gibt dampfenden Apfelsaft und heiße Schokolade für die Nicht-Trinker und rompope – mit Rum angesetzter Eierlikör – und ponche navideño für die, die Alkohol trinken. Marisol hat sich große Mühe gegeben, atole champurrado (»passt so gut zu den tamales«) und Noche Buena-Bier aufzutreiben, aber nur von Cuauhtémoc-Moctezuma (Keller hat es noch nicht über sich gebracht, ihr zu sagen, dass die Brauerei von Heineken gekauft wurde).

Als Keller einen Schritt zurücktritt, sich zwingt, sein zugegebenermaßen mürrisches Ich abzulegen, sieht er, dass Marisol in ihrem Element ist. Ihr Zuhause ist voller Menschen, Essen, Getränke, es wird geredet und gelacht. Einer der Gäste hat eine bajo sexto mitgebracht, eine ruhige Ecke gefunden und spielt unaufdringlich Norteño auf seinem zwölfsaitigen Instrument. Keller fällt auf, dass sich seine Frau unbewusst im Takt der Musik bewegt, auch als sie Hugo eine sehr hübsche junge Frau vorstellt, die Keller von Busboys and Poets zu kennen glaubt.

»Willst du ihn verkuppeln?«, fragt er Marisol, als diese die beiden verlässt.

»Sie passen perfekt zueinander«, sagt sie. »Und es wäre schön für ihn, wenn er jemanden hätte. Hast du mit Althea gesprochen?«

»Wow, was für eine Überleitung. Nein, noch nicht.«

»Aber du wirst noch mit ihr sprechen, oder?«

»Ja, Mari, werde ich.«

Wenige Minuten später begegnet er Althea zufällig im Flur, als sie von der Toilette kommt.

»Wie in alten Zeiten, Art«, sagt sie. »Schön, dich zu sehen.«

»Dich auch. Tut mir leid, das mit Bob.«

»Danke. Er war ein guter Mann.«

Sie stehen sich wie erwartet verlegen gegenüber, bis Keller fragt: »Was hörst du denn so von den Kindern?«

Die Kinder sind keine Kinder mehr, ruft Keller sich in Erinnerung – Cassie ist dreiunddreißig, Michael ist einunddreißig – und er hat sie größtenteils nicht aufwachsen sehen.

Stattdessen hat er Adán Barrera gejagt.

»Na ja«, sagt Althea, »Cassie hat einen Freund. Endlich. Ich denke, es ist was Ernstes – sie nimmt sich sogar ein bisschen Zeit von der Arbeit.«

Cassie ist eine engagierte Sonderschulpädagogin in der Bay Area.

»Ich will nichts vorwegnehmen«, sagt Althea, »aber könnte sein, dass du schon bald eine Hochzeitseinladung bekommst.«

»Meinst du denn, sie will mich überhaupt dabeihaben?«, fragt Keller.

Keller war ein so guter Vater gewesen, wie er konnte – er hatte seine Kinder finanziell unterstützt, aufs College gebracht, getroffen, wenn es möglich war und sie ihn sehen wollten, aber sie hatten sich auseinandergelebt und waren inzwischen praktisch Fremde für ihn. Hin und wieder bekam er einen Anruf oder eine E-Mail, aber das war’s. Falls sie Interesse daran hatten, ihn zu sehen, dann hatten sie ihn dies nicht wissen lassen.

»Natürlich«, sagt Althea, »wird sie sich wünschen, dass ihr Vater sie zum Altar führt. Und wir sollten ihr wohl auch beide bei den Kosten helfen.«

»Gerne. Und Michael?«

»So wie Michael nun mal ist«, sagt Althea. »Er lebt jetzt in New York, aber das weißt du vielleicht schon.«

»Nein.«

»Dieses Mal ist es Film«, sagt Althea. »Er versucht, in einen Studiengang an der NYU zu kommen, aber bis es so weit ist, arbeitet er freiberuflich als ›PA‹, was auch immer das ist.«

»Wo wohnt er?«

»Mit Freunden in Brooklyn«, sagt Althea. »Steht alles auf seiner Facebook-Seite.«

»Ich kommuniziere doch nicht über die sozialen Medien mit meinen Kindern«, sagt Keller.

»Besser so als gar nicht«, sagt Althea. »Aber von mir aus ruf ihn an.«

»Ich hab seine Nummer nicht.«

»Gib mir dein Handy.«

Keller gibt ihr sein Handy, und sie tippt die Nummer ein. »Jetzt hast du sie. Ruf ihn an, er wird sich freuen, von dir zu hören.«

»Nein, wird er nicht, Althie.«

»Er war verletzt«, sagt sie. »Du bist einfach verschwunden. Er hatte nichts außer einem abwesenden Heldenvater, der in der Welt herumreist und Edles vollbringt, er konnte dich nicht einmal verachten, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.«

»Ich dachte, es wäre besser, wenn ich nicht ständig in euer Leben trete und dann wieder verschwinde.«

»Vielleicht war es das auch«, sagt Althea. »Ruf die Kinder an, unterhalte dich über Unverfängliches mit ihnen, plauder ein bisschen.«

»Mach ich.«

»Das hast du gut gemacht mit Marisol«, sagt Althea. »Sie ist wunderbar.«

»Ich hab über meine Verhältnisse geheiratet.«

»Schon zum zweiten Mal.«

»Stimmt«, sagt Keller.

»Ich freue mich für dich, Art.«

»Danke.«

»Und versuch wenigstens, glücklich zu sein, ja?«, sagt Althea. »Du bist nicht an allen Problemen der Welt schuld.«

»Und wie ist es mit dir? Bist du denn glücklich?«

»Jetzt gerade im Moment würde mich ein Stück Tres leches-Kuchen sehr glücklich machen«, sagt sie und zwängt sich an ihm vorbei. »Ruf die Kinder an.«

Es ist ungefähr drei Uhr morgens, als Marisol die Wunderkerzen verteilt und die noch verbliebenen Gäste zu einem relativ betrunkenen kleinen Umzug auf die Straße führt.

»Die Nachbarn werden die Polizei rufen«, sagt Keller.

»Die meisten Nachbarn sind hier«, sagt Marisol, »und die Polizei auch. Ich hab mindestens drei Polizisten eingeladen.«

»Schlau.«

»Ist nicht mein erstes Nochebuena. Und schau mal.« Sie zeigt mit dem Kinn zu Hugo, der den Arm um die junge Frau aus dem Buchladen gelegt hat. »Ob ich wohl weiß, was ich tue?«

»Noch stehen sie nicht vor dem Altar.«

»Wart’s ab.«

Althea kommt und umarmt Marisol. »Ich werd mal gehen. Danke für den schönsten Abend, den ich seit Langem hatte.«

»Wäre nicht halb so schön gewesen ohne dich.«

»Pass bloß gut auf sie auf, Art«, sagt Althea. »Streng dich an, damit du sie behältst, hm?«

Keller sieht ihr hinterher, wie sie mit einer Wunderkerze in der Hand die Straße hinuntergeht.

Die Sonne geht fast schon wieder auf, als die letzten Gäste davonschwanken. Marisol steht im Wohnzimmer und sagt: »Vielleicht sollten wir das Haus einfach abbrennen?«

»Lass es uns morgen früh abbrennen«, sagt Keller.

»Es ist morgen früh«, sagt Ana.

»Egal, ich geh ins Bett«, sagt Marisol. »Gute Nacht, meine Lieben.«

Keller versucht zu schlafen, aber es geht nicht. Mari schläft noch tief und fest, als er aufsteht, in sein Arbeitszimmer geht und zum Telefon greift.

Zuerst ruft er Cassie an.

Sie war immer die Sanftere, die Versöhnlichere. »Cassie Keller.«

»Cassie, hier ist dein Dad.«

»Alles in Ordnung mit Mom?«

»Allen geht’s gut«, sagt Keller. »Ich wollte nur mal Hallo sagen. Und frohe Weihnachten.«

Kurzes Schweigen, dann: »Na ja, dann auch Hallo und frohe Weihnachten.«

»Ich weiß, es ist lange her.«

Eigentlich will sie abwarten, was er zu sagen hat, aber dann fragt sie ihn doch: »Und wie geht’s dir?«

»Gut, mir geht’s gut«, sagt Keller. »Mom hat mir erzählt, dass du einen Freund hast und es was richtig Ernstes ist.«

»Fang jetzt bloß nicht an, den ›Dad‹ raushängen zu lassen.«

»Aber stimmt es denn?«

»Ja, ich denke, das stimmt«, sagt Cassie.

»Na, das ist doch schön«, sagt Keller. »Hat er einen Namen?«

»David.«

»Und was macht David?«

»Er unterrichtet.«

»Bei dir an der Schule?«, fragt Keller.

»Ja.«

»Das ist schön.«

»Ist das dein Kommentar zu allem?«, fragt Cassie. »Das ist schön?«

»Wahrscheinlich, weil ich nicht weiß, was ich sonst sagen soll. Tut mir leid.«

»Nun, ist ja auch schön«, sagt Cassie. »Du solltest ihn irgendwann mal kennenlernen.«

»Würde ich gern.«

»Fänd ich auch gut.«

Sie reden noch ein paar Minuten – belanglosen Small Talk –, dann verabreden sie sich zum Telefonieren, er verspricht, sie nächste Woche anzurufen. Keller trinkt ein paar Schluck Kaffee, bevor er Michaels Nummer eingibt.

Die Mailbox springt an. »Hier ist Michael. Ihr wisst, wie’s geht.«

»Michael, hier ist dein Dad. Krieg keinen Schrecken, alles in Ordnung. Ich wollte dir nur frohe Weihnachten wünschen. Kannst mich ja zurückrufen, wenn du magst.«

Zehn Minuten später klingelt sein Telefon.

Es ist Michael.

Keller sieht ihn vor sich, wie er dasitzt und überlegt, was er tun soll. Er ist froh, dass er sich entschlossen hat zurückzurufen und sagt ihm das.

»Ja, na ja, ich hab gezögert«, sagt Michael.

»Kann ich verstehen.«

»Ich meine, ich hab gedacht, ich hab Geburtstag oder so«, sagt Michael, »und dann erst gemerkt, dass es nicht meiner ist, sondern der von Jesus.«

Ich hab’s verdient, denkt Keller.

Er hält den Mund.

»Also, was gibt’s?«, fragt Michael.

»Nur was ich gesagt hab. Ich wollte Hallo sagen, mal sehen, wie’s dir geht.«

»Mir geht’s gut«, sagt Michael. »Und dir?«

»Ja, auch gut.«

Schweigen.

Keller weiß, dass Michael darauf wartet, dass er den nächsten Schritt tut und wenn nötig ewig warten würde, die Sturheit ist in seiner DNA verankert. Keller sagt also: »Hör mal, morgen oder so könnte ich in den Zug springen, dann wäre ich in drei Stunden bei dir da oben.«

Schweigen, dann …

»Nichts für ungut«, sagt Michael, »aber ich hab ganz schön zu tun. Ich muss zu einem Shooting, Arbeit ist Arbeit, und ich kann es mir nicht leisten, die Leute da zu verärgern.«

»Nein, natürlich nicht.«

Michaels sanfte Seite gewinnt dann aber doch die Oberhand. »Dir geht’s gut, oder?«

»Mir geht’s gut.«

»Okay, na dann …«

»Bis zum nächsten Mal«, sagt Keller, »ich ruf an, warn dich ein bisschen früher vor.«

»Das wäre toll.«

Ist immerhin ein Anfang, denkt Keller, und legt auf. Er versteht, dass sein Sohn zu stolz ist, um gleich beim ersten Mal auf das Friedensangebot einzugehen. Aber es ist ein Anfang.

Marisol kommt ein paar Stunden später nach unten und sieht ziemlich mitgenommen aus. »Wenn du mich wirklich liebst, erschießt du mich. Hoppla, das war wahrscheinlich geschmacklos, ich nehm’s zurück. Frohe Weihnachten, Arturo.«

»Frohe Weihnachten«, sagt Keller. »Ich hab Cassie und Michael angerufen.«

»Wie ist es gelaufen?«

»Mit Cassie ganz gut, mit Michael weniger«, sagt Keller. Er erzählt ihr von seinem ausgeschlagenen Angebot, nach New York zu fahren. »Ich hab bekommen, was ich verdiene. Er ist ein stolzer Junge, hat mich ganz schön schroff abgefertigt. Und weißt du was? Gut so.«

»Er wird eine Weile brauchen«, sagt sie. »Aber er kommt wieder zu dir zurück, du wirst sehen.«

Falscher Feiertag, denkt Keller, das ist Ostern.

Nicht alle kommen wieder.


Er hat die Statistiken zum Jahresende gesehen – 2014 sind achtundzwanzigtausendsechshundertsiebenundvierzig Menschen an einer Überdosis Heroin oder anderer Opiate gestorben.

Außerdem sechsundvierzig Jugendliche in einem Bus in Mexiko.

Kein Einziger von ihnen wird wiederkommen.

Und du versagst in deinem Job.

»Ich liebe dich, aber ich geh wieder ins Bett«, sagt Marisol.

»Ich fahr ins Büro.«

»Es ist Weihnachten.«

»Dann ist es wenigstens schön ruhig dort«, sagt Keller. »Bis du aufstehst, bin ich wieder da.«

Er fährt nach Arlington, geht ins Büro und brütet über den Geheimdienstinformationen aus Iguala.

Weil er weiß, dass er etwas übersehen hat.

Er denkt zurück in der Geschichte – das letzte Mal wurden 2010 unschuldige Menschen aus einem Bus geholt und ermordet, die Zetas stoppten einen Bus auf dem Highway 1 und töteten alle an Bord in der irrtümlichen Annahme, es handele sich um Rekruten des Golf-Kartells.

Konnte es in Iguala genauso gewesen sein?

Wenn es die Guerreros Unidos waren, konnten sie die Studenten für Mitglieder der Los Rojos gehalten haben?

Vielleicht, aber wieso? Erfahrene Drogenschieber wie die Guerreros Unidos konnten unmöglich geglaubt haben, dass die irgendwie links gesinnten Jugendlichen frisch angeheuerte Narcos waren.

Oder doch? Hatten tatsächlich einige der Studenten mit den Los Rojos zu tun und die Guerreros Unidos einfach alle getötet, um auf jeden Fall die »Schuldigen« zu erwischen?

Überprüf das, denkt Keller.

Die Guerreros Unidos und die Los Rojos streiten darüber, wer Sinaloa mit Heroin beliefert. Damien Tapia steht in Kontakt zu den Guerreros Unidos. Tapia wurde mit den Renterías in der Nähe des Busbahnhofs in Iguala gesehen, also …

Du lieber Himmel, denkt er, wir haben uns auf die Falschen konzentriert.

Wir haben uns auf die Studenten konzentriert, aber …

Er ruft Hugo an.

»Oh Mann, Chef, es ist Weihnachten.«

»Es ging nicht um die Studenten«, sagt Keller. »Es ging um den Bus.«

Im Bus war Heroin.


Drei Tage nach Weihnachten, am Día de los Santos Inocentes, macht sich Rafael Caro Frühstück in seiner Küche zu Hause in Badiraguato.

Der mit Propangas betriebene Herd hat vier Kochstellen. Auf einer steht ein Topf mit Pozole, eine Pfanne für seine morgendlichen Eier auf einer anderen, auf der dritten eine alte Kaffeekanne. Caro sitzt in seinem Jeanshemd und einer alten kakifarbenen Hose am Klapptisch, trägt eine blaue Basecap auf dem Kopf, obwohl er sich im Haus befindet, isst seine Eier und denkt an Arturo Keller.

Keller, dessentwegen er vor dreißig Jahren durch die Hölle ging, macht erneut enorme Schwierigkeiten, übt auf alle möglichen Leute Druck aus wegen dieser Sache in Iguala. Ausgerechnet, wo geschäftlich gerade alles droht, im Chaos zu versinken, wenn wir vor allem Ruhe brauchten, um ein paar Dinge neu zu ordnen, rückt uns Keller erneut auf die Pelle.

Wird der Mann denn niemals sterben?

Er hat dafür gesorgt, dass es zu Ermittlungen kam, und wer weiß, was dabei noch herauskommen wird? Caro ist zu einer schwierigen Entscheidung gelangt – er muss die Heroin-Pipeline zwischen den Guerreros Unidos und Ruiz kappen. Wenigstens sind die fünfzehn Kilo durch und haben ihren Bestimmungsort in New York erreicht. Das ist schon mal gut, aber an dieser Stelle weiterzumachen, wäre zu gefährlich.

Sie werden andere Vereinbarungen treffen müssen. María Palomas muss ihre dämliche Klappe halten, und die Rentería-Brüder … wie konnten sie nur so bescheuert sein und sich von einem Haufen Studenten … von Kindern … einen Bus mit chiva wegschnappen lassen?

»Hol Tilde«, sagt Caro zu dem jungen Mann, der mit ihm am Küchentisch sitzt. Der junge Mann, Caros einziger Angestellter, der ihn auf einem alten Motorrad herumkutschiert und in die grocería fährt, ihm Bohnen, Tortillas, Fleisch, Eier und Bier besorgt, geht hinaus und kehrt einen Augenblick später mit Tilde Rentería zurück.

Caro zeigt mit dem Kinn auf den freien Holzstuhl.

Tilde setzt sich.

»Du warst leichtsinnig«, sagt Caro.

»Tut mir leid.«

»Es ›tut dir leid‹?«, wiederholt Caro. »Ich musste den Mord an sechsundvierzig jungen Menschen befehlen – Kindern –, und es tut dir leid?«

»Du hast den Befehl gegeben«, sagt Tilde, »ich hab sie nur getötet.«

»Was würde passieren«, fragt Caro, »wenn Ricardo Nuñez herausbekäme, dass du das Heroin verschoben hast, das ihm gestohlen wurde? Dass du dich mit Damien verbündet hast? Dass du mit Eddie Ruiz Geschäfte in El Norte machst? Was dann?«

»Es gäbe Krieg.«

»Du bist nicht bereit für einen Krieg gegen Sinaloa«, sagt Caro. »Du kannst einen Krieg gegen Sinaloa nicht gewinnen, aber das ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist: Kriege sind schlecht fürs Geschäft.«

Und in seinem Plan auch nicht vorgesehen, der darin besteht, das Sinaloa-Kartell zu zerschlagen, ohne je dagegen kämpfen zu müssen. Es dazu zu bringen, sich selbst zu zerstören.

»Ich sage dir, wie das läuft«, sagt Caro. »Die Bundespolizei wird einen anonymen Tipp erhalten, wo ihr seid, und wird eine Hausdurchsuchung veranlassen. Du und deine Brüder, ihr werdet euch ergeben. Bei der Vernehmung wirst du gestehen, die Studenten ermordet zu haben.«

»Ist das ein Witz?«, fragt Tilde.

Heute ist der Tag des Gedenkens an die unschuldigen Kinder, an Herodes’ Ermordung der Neugeborenen in Bethlehem, der in Mexiko so was Ähnliches ist wie der erste April, mitsamt der Streiche, die man sich gegenseitig spielt.

»Siehst du mich lachen?«, fragt Caro.

»Dafür bekomme ich lebenslänglich!«

»Besser als die Todesstrafe, oder?«, fragt Caro. Er hatte überlegt, die Renterías einfach umzubringen – wäre eigentlich ganz einfach, sie bei der Hausdurchsuchung von den Federales erschießen zu lassen –, aber damit wäre die Beziehung zur alten Tapia-Organisation hinüber. »Du gestehst und erzählst deine Geschichte von den Los Rojos, dann werden die Ermittlungen eingestellt. Du bekommst lebenslänglich, sitzt zwanzig Jahre davon ab und bist immer noch relativ jung, wenn du rauskommst.«

»Ich kann nicht zwanzig Jahre lang in den Knast.«

»Ich war dreißig Jahre drin«, sagt Caro.

Und ich war sehr viel älter, als ich rauskam, als du bei deiner Entlassung sein wirst, denkt Caro.

»Bei allem Respekt«, sagt Tilde, »aber du bist nicht der Boss. Du bist, sagen wir mal … ein hoch geachteter Onkel, der uns freundlicherweise berät.«

»Und als dein hochgeachteter Onkel«, erwidert Caro, »empfehle ich dir dringend, meinen Rat anzunehmen. Ich leihe dir dein Leben, Rentería. Wenn du’s heute nimmst, kann ich es nie mehr zurückfordern.«

Auch das ist eine Tradition am Día de los Santos Inocentes – was man an diesem Tag geliehen bekommt, muss man nicht zurückgeben.

»Wenn du willst, können wir bis nach den Feiertagen warten«, sagt Caro.

Und starrt Tilde an, bis dieser wegschaut.

Er hat die Botschaft verstanden und geht.

Scheiß auf den Blödmann, denkt Caro.

Der ist ein Nichts.

Und scheiß auf Art Keller.

Wegen dem habe ich dreißig Jahre in der eiskalten Hölle verbracht.

Ich werde ein Geschenk für ihn finden müssen.

Eines, das er nicht zurückgeben kann.


Die Glocke läutet, und Marisol steckt sich die letzte Traube in den Mund.

Das ist so Brauch an Silvester – man steckt sich zwölf Trauben, las doces uvas de la suerte, in den Mund – für jedes Glockenläuten eine – denn das bringt Glück im kommenden Jahr.

Ana läutet jetzt die Glocke, und Marisol schluckt die Trauben. Dann hält sie Keller einen Löffel voll Linsen hin. »Komm.«

»Ich mag keine Linsen.«

»Bringen aber Glück. Du musst!«

Keller schluckt die Linsen.

Marisol hat an Silvester beinahe genauso viel Aufwand betrieben wie an Weihnachten. Wie es dem mexikanischen Brauch entspricht, sind alle Lichter im Haus eingeschaltet, sie hat gründlich sauber gemacht, darauf geachtet, von drinnen nach draußen zu fegen, und es duftet immer noch nach Zimt, weil sie welchen in Wasser aufgekocht und dann mit der duftenden Mischung gewischt hat. Nach dem Wischen gingen sie gemeinsam nach oben ans Badezimmerfenster und kippten den Eimer Wasser auf die Straße.

Ana war dabei ihre begeisterte Verbündete, bestand gemeinsam mit Marisol darauf, dass alle ihre »negativen Gedanken« auf einen Zettel schreiben – alles, was ihnen im vergangenen Jahr an Schlimmem widerfahren war –, und ihn verbrennen, um sicherzugehen, dass ihnen die schlimmen Dinge nicht ins neue Jahr folgen.

Ich wünschte, es wäre so einfach, denkt Keller, trotzdem er »46«, »28 647«, »Bill Howard«, »John Dennison«, »Guatemala« und »Iguala« aufschrieb und jetzt ein Streichholz an das Papier hält, um es anzuzünden.

»Was hast du geschrieben?«, fragt er Mari.

»Darf ich nicht verraten!«, sagt sie und verbrennt ihren Zettel.


Silvester, denkt Ric, ist sowieso immer ein Anlass für ein heftiges Trinkgelage mit den Los Hijos.

Aber dieses Jahr hat Iván es wirklich auf die Spitze getrieben.

Er hat die gesamte Rooftop »Skybar« des Splash gemietet, des neuesten und exklusivsten Strip-Clubs in Cabo. Seine Sicherheitsleute – und die von Ric – sind in voller Stärke aufmarschiert für den Fall, dass Elena doch noch vor Ablauf des Steuerjahrs die Bilanzen ausgleichen möchte.

Die »Butler« im Splash, langbeinige wunderschöne Frauen mit nichts außer G-Strings bekleidet, bedienen sie exklusiv, servieren flaschenweise Dom, Cristal und die hauseigenen Cocktails des Clubs, benannt nach Sinnesempfindungen – Schmutzig, Rauchig, Süß, Geschmeidig, Salzig und Würzig.

Ric entscheidet sich für Rauchig, irgendwas auf Scotch-Basis, und raucht eine Arturo Fuente Opus X-Zigarre zu dreißigtausend Dollar die Kiste, die Iván herumgehen lässt. Schalen mit Koks – keine Lines, Schalen – stehen ebenso herum wie Loud Dream Hybrid Gras, das sonst für achthundert Dollar die Unze verkauft wird.

Auf der Bühne winden sich sechs unglaublich schöne Frauen im Rhythmus eines pulsierenden Techno, jede in eigens für Silvester von Iván ausgewählten Dessous, und jetzt erklärt er, was es damit auf sich hat: »Jedes Mädchen hat eine Farbe – Rot steht für Leidenschaft, Gelb für Wohlstand, Grün für Gesundheit, Rosa für Freundschaft, Orange für Glück und Weiß für Frieden.«

Keine trägt Schwarz.

An Neujahr bedeutet Schwarz Unglück.

Weshalb Melissa natürlich ein aufreizendes schwarzes Kleid trägt, als trotziges »Du kannst mich mal« an die Tradition und die Angst. Sie ist die einzige Frau, die zu der Party eingeladen ist; Ehefrauen und Geliebte – außer La China – wurden ausgeschlossen, und Rics Frau Karin war alles andere als erfreut darüber, dass er es vorzog, den Silvesterabend mit Los Hijos anstatt mit ihr zu verbringen.

Was zum Teufel will die?, denkt Ric. Früher am Abend hatte Iván einen mehrfachen Grammy-Gewinner mit seiner Band für ein Privatkonzert in Casiano engagiert, sie hatten dort mit allen Familien zusammen gegessen. Karin ließ sich mit dem Sänger fotografieren, das volle Programm. Beim Dessert hatte Ric eine goldene Halskette in ihr Champagnerglas fallen lassen. Gemeinsam mit ihr hatte er bis Mitternacht gewartet und dann sogar die dämlichen zwölf Trauben runtergewürgt. Jetzt sitzt sie draußen auf dem Balkon einer Suite mit Blick auf den Ozean, also was zum Teufel will die blöde Schlampe eigentlich?

»Ist Arbeit«, hatte er ihr erklärt.

»Arbeit?«, hatte Karin gefragt. »Willst du mich auf den Arm nehmen?«

Nein, wollte er nicht.

Die Silvesterparty ist Iváns Art, erneut Kontakt zu Ric aufzunehmen. Seit Rics Vater die Führung übernommen und Baja an Elena zurückgegeben hatte, war die Lage angespannt gewesen. Jetzt signalisierte Iván, dass er dies alles hinter sich lassen und die Freundschaft erneut aufleben lassen wollte. Daher war es schon was Persönliches, aber irgendwie eben auch geschäftlich, es ging darum, Gräben zu überwinden, als Botschafter seines Vaters gegenüber einem wichtigen Flügel des Kartells aufzutreten.

»Dann bist du jetzt jefe von La Paz, oder wie?«, hatte Iván Ric gefragt, als er anrief, um ihn einzuladen.

»Komm schon, Mann.«

»Nein, finde ich ja gut«, sagt Iván. »Du hast deine Ansprüche geltend gemacht und ihnen Nachdruck verliehen. Der kleine Ric meint es inzwischen wohl ernst. Nur dass dich jetzt niemand mehr Mini-Ric nennt, oder? Du bist jetzt ›El Ahijado‹.«

»Das bin ich«, sagte Ric, versuchte, es herunterzuspielen.

»Dein Vater bereitet dich auf Größeres vor«, sagte Iván.

»Mein Vater«, sagte Ric, »hält mich für eine Oberniete.«

»Jetzt nicht mehr«, sagte Iván. »Nicht nach dem, was du in La Paz gemacht hast.«

»Das war eher Melissa.«

»Fickst du die irre Schlampe immer noch?«, fragte Iván. »Sei vorsichtig, mano, hab gehört, Geisteskrankheiten werden über den Schwanz übertragen. Und du bist jetzt eine große Nummer, Ric. Ein Rockstar.«

»Ich versuch nur, meinem Vater zu helfen«, sagte Ric. »Mehr nicht.«

»Der Patensohn will nicht der Pate sein?«, fragte Iván. »Was ist denn das für ein beschissener Spielfilm?«

»Genau so war’s in dem Film.«

»Und sieh dir an, wie’s geendet hat.«

»Das war ein Film, Iván.« Erst Melissa, jetzt Iván, dachte Ric. Wieso wollen mich alle in eine Position drängen, die ich gar nicht haben will?

Als Karin sich darüber aufgeregt hatte, dass er sie am Silvesterabend »sitzen ließ«, hatte Ric erklärt: »Ich muss was wiedergutmachen bei Iván. Wenn ich die Einladung ausschlage, ist er beleidigt.«

»Und ob ich beleidigt bin, ist egal.«

»Das gehört zum Geschäft, Baby«, hatte Ric gesagt.

»Das ist doch nur ein Vorwand, um Nutten zu ficken.«

Im Prinzip schon, denkt Ric, als er die Mädchen tanzen sieht. Er ist tierisch high von dem ganzen Koks, dem Gras, dem Alkohol – sogar von der Zigarre –, und er ist einigermaßen sicher, dass sie zum Schluss auch Nutten ficken werden. Was wünschst du dir fürs neue Jahr, fragt er sich – Leidenschaft, Wohlstand, Gesundheit, Freundschaft oder Frieden?

Iván wird es dem Schicksal überlassen. Er hält einen Hut hoch und sagt: »Hier sind sechs Zettel drin. Jeder in einer Farbe, passend zu einem der Mädchen. Du ziehst einen Zettel aus dem Hut, und die bekommst du dann.«

Die Mädchen drehen noch weiter auf, werfen ihre Dessousoberteile ab und winden sich umeinander, küssen und befummeln sich.

»Das ist der Himmel«, sagt Melissa.

Ric lacht – sie hat eine Zigarre im Mund und beäugt die Tänzerinnen wie ein geiler Kerl. Da sind sie und Iván, Oviedo, Marco und Rubén – sie sind zu sechst, für jeden ein Mädchen.

Ein zusätzlicher Platz mit einer Flasche Dom und einer Zigarre wurde für Sal eingedeckt.

Ric dreht sich zu Melissa um. »Bist du eifersüchtig, wenn ich’s mit einem von den Mädchen mache?«

»Bist du eifersüchtig, wenn ich’s mit einer von denen mache?«

Ric schüttelt den Kopf. »Aber Gaby wird stinksauer sein.«

»Siehst du sie hier irgendwo?«

»Nein.«

»Ich auch nicht«, sagt Melissa und presst die Hände zusammen.

»Was machst du da?«, fragt Ric.

»Für Frieden beten.«

Ric kann es ihr nicht verdenken – das Mädchen in Weiß ist scharf. Langes, glänzendes schwarzes Haar, das ihr bis zu ihrem Knackarsch reicht. Er selbst hofft, dass er Grün zieht – Gesundheit ist immer gut, und die Blonde hat volle Lippen, die sich ausgezeichnet zum Schwanzlutschen eignen, dazu eine Oberweite, auf der man sich niederlegen und sterben könnte.

»Ladies first«, sagt Iván und stellt sich vor Melissa. Sie greift nach oben, schiebt die Hand in den Hut und zieht einen weißen Zettel heraus. »Yes!«

Oviedo zieht Rosa.

Marco Gelb.

Rubén zieht Grün, verdammt.

»Oooooch«, sagt Melissa zu Ric. »Pobrecito.«

Ric greift rein und bekommt Rot.

»Die Leidenschaft«, sagt Melissa.

Sein Mädchen ist auf jeden Fall sexy, denkt Ric. Dieselben dichten schwarzen Haare wie Melissa, lange Beine und schöne Titten.

»Ich hab das Glück!«, verkündet Iván und nimmt den letzten, den orangefarbenen Zettel aus dem Hut.

Die Mädchen kommen in einer Reihe von der Bühne und knien sich jeweils vor ihren Kunden.

Die Leidenschaft kniet vor Ric und zieht ihm den Reißverschluss runter. Ihr Mund fühlt sich unglaublich an auf ihm. Er schaut zu Melissa, die den Kopf in den Nacken wirft, die Hände auf den Hinterkopf ihres Mädchens legt und deren Gesicht in ihren Schritt presst. Dann packt sie die Stuhllehnen mit den Händen, ihre Fingerknöchel werden weiß.

Iván … na ja, Iván hat tatsächlich Glück.

Er kommt mit einem Schrei. »¡Madre de Dios! Das war so gut, ich schenk dir mein Auto, mamacita!«


Die Party geht weiter.

Koks, Gras, Alkohol und Frauen.

Irgendwann döst Ric ein.

Und wird von Schüssen geweckt.

Neben ihm schlabbert Melissa an einer der Tänzerinnen wie ein Kätzchen aus einer Schüssel warmer Milch. Rubén ist bewusstlos, sein linker Arm baumelt vom Stuhl, stößt unten an eine Bierflasche. Die Esparza-Brüder stehen auf dem Dach und feuern mit ihren Kalaschnikows in die Luft.

Hier ist kein Rudolfo, der ihnen sagt, dass sie aufhören sollen.

Ric ist das eigentlich scheißegal, er versucht, wieder einzuschlafen, aber wegen des Geballers gelingt es ihm nicht. Dann macht er die Augen auf und sieht das Glück in einem schwarzen T-Shirt, Jeans und hohen Schuhen auf Iván zugehen.

»Kann ich den Wagen haben?«, fragt sie.

Iván lässt sein Gewehr sinken. »Was?«

»Du hast gesagt, du schenkst mir dein Auto.«

Iván lacht. »Glaubst du im Ernst, ich schenke dir einen Fünfundsiebzigtausend-Dollar-Porsche dafür, dass du mir einen geblasen hast?«

»Das hast du gesagt.«

Scheiße, denkt Ric. Er lässt sich vom Sofa rollen, steht auf und geht rüber.

»Mach, dass du verschwindest, estúpida conchuda«, sagt Iván. Er hebt erneut die Kalaschnikow an die Schulter und feuert einen Ladestreifen in die Luft.

Aber das Mädchen ist hartnäckig. Sie bleibt stehen und schaut ihn an.

»Bist du immer noch da?«, fragt Iván, lässt das Gewehr sinken. »Welchen Teil von ›Verschwinde‹ hast du nicht verstanden?«

»Du hast mir dein Auto versprochen.«

»Ist das zu fassen?«, fragt Iván Ric. Dann schaut er das Mädchen an. »Ich will dich mal was fragen. Schwänze kannst du lutschen, das wissen wir schon, aber kannst du auch Kugeln aus einem Gewehrlauf saugen, bevor ich abdrücke? Komm schon, wir wollen es sehen.«

Er hält ihr den Gewehrlauf an die Lippen und will ihn ihr reinschieben. »Mach den Mund auf, du Schlampe.«

Ric sagt: »Komm, hör auf, Mann.«

Iván ist völlig zugekokst. »Halt dich da raus.«

»Iván, du bist high«, sagt Ric. »Das willst du gar nicht.«

»Sag du mir nicht, was ich will.«

Das Mädchen hat Angst. Zitternd öffnet sie den Mund, umschließt den Gewehrlauf mit den Lippen, den Iván ihr immer tiefer in den Rachen schiebt, sie in die Knie zwingt. »Lutsch die Kugeln raus, Puta, bevor ich abdrücke.«

Ric sieht, wie ihr Urin an den Beinen hinunterläuft.

Oviedo, der dazugekommen ist, lacht. »Sie pisst sich voll!«

Alle schauen jetzt hin, sprachlos. Aber keiner rührt sich.

»Willst du immer noch meinen Wagen?«, fragt Iván.

Sie schüttelt den Kopf und brummt Nein.

»Mit vollem Mund kann ich dich nicht verstehen«, sagt Iván.

»Es reicht, Iván«, sagt Ric.

»Fick dich.« Iván sieht zu dem Mädchen runter. »Ich weiß nicht, was du gesagt hast, aber ich glaube, du hast gesagt: ›Ich bin eine dumme, wertlose Hure, also bitte tu mir einen Gefallen und erlöse mich aus meinem Elend.‹ Hab ich recht?«

Er wackelt mit dem Gewehrlauf, zwingt das Mädchen zu nicken.

»Siehst du?«, sagt Iván. »Sie will sterben.«

Ric weiß kaum, wie es dazu kommt, aber plötzlich zieht er seine eigene Pistole und richtet sie auf Iváns Kopf. »Es reicht.«

Oviedo und Marco richten nun ihrerseits die Waffen auf Ric.

Iváns Leute kommen näher.

Rics auch.

Iván sieht Ric an und grinst. »Das ist es dann also, ›El Ahijado‹? Wegen einer Scheißnutte?«

»Lass sie gehen, Mann.«

»Bist jetzt wohl ein ganz harter Kerl?«

Ric spürt die auf ihn gerichteten Waffen. Jede Sekunde kann einer der Typen abdrücken, weil er seinen Boss retten will. Jeden Augenblick kann es zum Blutbad kommen.

Iván starrt ihn an, sein Blick durchdringt ihn.

Dann zieht er langsam den Gewehrlauf aus dem Mund der Frau, lässt die Waffe sinken, streckt die Arme aus und zieht Ric an sich. »Freunde für immer, hm? ¡Los Hijos siempre! ¡Feliz año nuevo a todos!«

Iván zieht Ric noch näher an sich heran und flüstert ihm ins Ohr: »Wer hätte gedacht, dass du solche Eier hast? Wenn du noch einmal eine Waffe auf mich richtest, mano, bring ich dich um.«

Er lässt Ric los.

Ric sieht, wie sich das Mädchen aufrappelt und auf wackligen Beinen zum Fahrstuhl geht. Niemand wagt sich in ihre Nähe, keins der anderen Mädchen geht zu ihr.

Sie ist eine Aussätzige.

Ric folgt ihr. »Hey.«

Sie dreht sich um. Ihr Blick ist voller Angst und Zorn, die Haare sind zerzaust, mit dem verschmierten Lippenstift sieht sie aus wie ein Clown.

Ric kramt in den Taschen seiner Jeans, zieht einen Schlüssel heraus und wirft ihn ihr zu. »Ist ein Audi, kein Porsche, aber ein guter Wagen. Hat auch nur dreißigtausend Meilen auf der Uhr.«

Sie starrt ihn an, unsicher, was sie machen soll.

»Nimm ihn«, sagt Ric. »Nimm den Wagen.«

Die Fahrstuhltür öffnet sich, und sie steigt ein.

Ric geht zurück zur Party.

Iván hat mitbekommen, was er gemacht hat.

Er schüttelt den Kopf, grinst dreckig und sagt: »Du bist ein Idiot, Ric.«

Kann schon sein, denkt Ric.

Trotzdem frohes neues Jahr.


Damien Tapia sitzt im ersten Wagen eines Konvois, der sich irgendwo in Sinaloa über Serpentinen einen Berghang hinaufschlängelt.

Zehn Fahrzeuge mit fünfzig schwer bewaffneten Männern, die er von den fünfzehn an Eddie Ruiz geschickten Kilo Heroin bezahlt hat. Wie Damien sind alle schwarz gekleidet – schwarze Hemden oder Sweatshirts, schwarze Jeans, schwarze Schuhe – Stiefel oder Sneaker. Einige haben die schwarzen Kapuzen bereits übergezogen, andere haben sie noch auf dem Schoß liegen.

Damien zieht sich den Schal enger um den Hals, will sich gegen die Kälte der Morgendämmerung schützen. Der Himmel verändert gerade seine Farbe von Pechschwarz in Schiefergrau, aber Damien hat den Fahrern nicht erlaubt, die Scheinwerfer einzuschalten, obwohl die in den Hang gehauenen Straßen schmal sind und ein falscher Schlenker genügen würde, damit ein Fahrzeug dreißig Meter tief in den Abgrund stürzt.

Der Konvoi darf auf keinen Fall entdeckt werden, der Überfall muss unerwartet kommen.

Was hinhauen müsste am Silvesterabend.

Damien hat vor, seine Präsenz deutlich zu verkünden. Der junge Wolf ist auf der Jagd und wird so laut heulen, dass alle ihn hören.

Man muss sich abhärten, hat Damien festgestellt. Als er begriffen hatte, dass María Palomas die Ermordung der Studenten angeordnet hatte, um seine Heroinlieferung zu vertuschen, war Damien bestürzt gewesen. Er hatte weder essen noch schlafen können, unter Bauchschmerzen gelitten. Seine Fantasie quälte ihn mit drastischen Bildern der toten Studenten, deren Leichen auf dem Müllhaufen schwelten. Er hatte überlegt, sich zu stellen und zu gestehen. Sogar an Selbstmord hatte er gedacht, überlegt, sich eine Pistole an den Kopf zu halten und abzudrücken.

»Hätte dein Vater das gewollt?«, hatte Tío Rafael ihn gefragt.

Damien war zu dem alten Mann nach Hause gegangen, um sich Rat von ihm zu holen. Er wusste nicht, wohin er sonst hätte gehen sollen – sein Vater war tot, seine Freunde waren nicht mehr seine Freunde – mit Iván, Ric oder Rubén hätte er schlecht darüber reden können.

»Du bist in Sicherheit«, sagte Caro. »Niemand kann dich mit dem, was in Iguala passiert ist, in Verbindung bringen.«

»Aber es quält mich.«

»Du fühlst dich schuldig?«

»Ja, tío.«

»Ich will dich was fragen«, sagte Caro. »Hast du die Studenten getötet?«

»Nein.«

»Nein«, sagte Caro. »Du hast nichts anderes gemacht, sobrino, als Ware in einen Bus zu verladen. Du hast denen vertraut, aber sie haben dich hängen lassen. Du bist nicht verantwortlich für den Tod dieser jungen Menschen.«

Zu seiner Beschämung brach Damien in Tränen aus.

Er weinte vor Rafael Caro.

Aber Caro saß einfach nur da und wartete, bis Damien sich wieder beruhigt hatte.

»Unsere Geschäfte«, sagte Caro, »bringen viel ein und verlangen viel von uns ab. Man kann große Gewinne erzielen und muss entsetzliche Verluste hinnehmen. Wir können wunderbare Dinge tun, aber manchmal sind wir gezwungen, Schreckliches zu tun. Wenn wir das eine hinnehmen, müssen wir auch das andere akzeptieren. Darf ich dich fragen, ob du genug Geld hast zum Leben?«

»Ja.«

»Haben deine Mutter und deine Schwestern genug Geld zum Leben?«

»Ja.«

»Dann solltest du die Sache vielleicht auf sich beruhen lassen«, sagte Caro. »Lass die Toten begraben sein und leb dein eigenes Leben.«

»Das kann ich nicht.«

»Dann musst du wissen«, sagte Caro, »dass du beide Seiten hinnehmen musst. Genieß die Vorzüge, akzeptiere die Nachteile, tu die schrecklichen Dinge, die du manchmal tun musst. Vergieß kein Blut, das du nicht vergießen musst, aber wenn es nötig ist, härte dich ab und tu’s.«


Jetzt sieht Damien das schmale Tal unten und die hinter der gegenüberliegenden Bergkette fast völlig verborgene Hacienda. Bescheidener, als er erwartet hatte, und kleiner, als er sie aus seiner Kindheit in Erinnerung hatte. Das einstöckige Gebäude wurde offenbar gerade frisch rosa gestrichen, das Dach kürzlich mit Terrakottaziegeln neu gedeckt. Mehrere Nebengebäude verteilen sich in der Talsohle – die Häuser der Angestellten, denkt Damien, eine Garage, und einige Wellblechbaracken für die Sicherheitskräfte.

Ein bisschen weiter unten im Tal, das weiß Damien, befinden sich noch eine schmale Flugbahn und ein Hangar für ein kleines Flugzeug.

Durch das Nachtsichtgerät sieht Damien, dass nur ein Wärter im Dienst ist, an einem kleinen Kohlefeuer steht und wegen der Kälte mit den Füßen stampft. Sein Gewehr hängt über der Schulter seiner Armeejacke, er hat seine Wollmütze tief ins Gesicht gezogen.

Damien zwingt sich, nicht darüber nachzudenken, ob der Mann eine Frau hat, eine Familie. Kinder. Er verdrängt den Gedanken daran, dass er ein Leben hat, das er ihm gleich nehmen wird.

Der junge Wolf hat bis heute nie getötet.


Elena zieht sich die alte Decke über die Schultern und versucht, wieder einzuschlafen.

Der Hahn lässt sie nicht.

Elena lebt schon so lange in der Stadt, dass sie die Geräusche auf dem Land nicht mehr gewohnt ist – das Geschrei der Esel, das Muhen der Kühe, das unaufhörliche braggadocio dieses gottverdammten Hahns. Wie überhaupt jemand bei dem Lärm schlafen konnte, war ihr ein Rätsel, und tatsächlich hört sie ihre Mutter durch den Gang schlurfen, die dabei sehr geräuschvoll versucht, leise zu sein.

Wie oft hat Elena sie schon überreden wollen, in die für sie bequemere Stadt zu ziehen, in eine der vielen Eigentumswohnungen oder eins der Häuser der Familie in Culiacán, Badiraguato, Tijuana oder Cabo. Aber die sture alte Dame weigert sich standhaft, das einzige Heim zu verlassen, das sie ihr Leben lang gekannt hat. Sie kommt zu Besuch (wenn auch weniger häufig als früher; dieses Mal hat sie es sich kurzfristig einfach anders überlegt und beschlossen, lieber doch nicht über die Feiertage nach Tijuana zu kommen, sodass Elena gezwungen war, sich auf die beschwerliche Reise hierherzubegeben) und fährt einmal im Jahr zu den Gräbern ihrer Söhne, aber sie beharrt darauf, weiter hier zu leben, und behauptet: »Yo soy una campesina.«

Elena hat ihrer Mutter den Spruch von wegen, sie sei bloß eine einfache Bäuerin, nie ganz abgenommen. Sicherlich ist ihr bewusst, dass die Familie mehrere Milliarden Dollar besitzt, dass ihre verstorbenen Söhne über ein riesiges Drogenimperium geherrscht haben. Gewiss hat sie eine Ahnung, warum sie als campesina über ein riesiges Aufgebot an bewaffneten Wachleuten und ein eigenes privates Flugfeld verfügt.

Aber sie spricht nie darüber, trägt Schwarz, ein Tuch und einen Schleier und lehnt es jedes Mal ab, wenn sie gedrängt wird, das Haus zu vergrößern, umzubauen oder sonst wie komfortabler zu gestalten. Es war schon ein Kampf gewesen, sie überhaupt von dem dringend nötigen frischen Anstrich zu überzeugen (und dann hatte sie auf das hässliche Rosa bestanden) und das Dach neu decken zu lassen, obwohl in der Regenzeit das Wasser schon ins Wohnzimmer gelaufen war und Elena ihr einen strengen Vortrag darüber halten musste, wie gesundheitsschädlich Schimmelpilze sind, ganz besonders für alte Lungen.

Und jetzt ist sie auf, wie immer vor Tagesanbruch, als müsste sie noch einem Bauern das Frühstück zubereiten. Manchmal möchte Elena sie am liebsten anschreien, du kommst zwar aus einer Bauernfamilie, aber einer, die Schlafmohn angebaut hat.

Und jetzt hat sie etwas Entsetzliches mit ihrer Mutter gemein.

Beide trauern sie um ihre Söhne.

Und dann, denkt sie, als sie aus dem Bett steigt (wozu soll sie liegen bleiben?), staucht mich Nuñez, dieses schmierige Arschloch von einem Anwalt, zusammen, weil ich Vergeltung will. Er hat keine Ahnung, was Vergeltung ist, denkt Elena als sie ihren Morgenmantel überzieht. Ich werde sie und ihre Familien vernichten. Ich werde sie mitsamt ihren Häusern und Feldern niederbrennen, werde ihre Asche in den kalten Nordwind streuen.

Der Gedanke wärmt sie.

Dann hört sie Schüsse.


Damien drückt ab.

Der Wachposten kippt ins Feuer, wodurch eine kleine Qualm- und Staubwolke aufgewirbelt wird.

Damien zieht sich die Kapuze über den Kopf, gibt ein Handzeichen, und die Fahrzeuge rasen hinunter ins Tal direkt auf die Hacienda zu, während weitere Wachleute aus der Baracke stürzen und zurückschießen. Damiens Männer aber – gut bezahlte, ausgezeichnet ausgebildete Veteranen – erwidern das Feuer aus den Fahrzeugen, und die Wachleute rennen Schutz suchend in die Baracke zurück.

Aufgekratzt springt Damien aus dem Wagen und geht zur Haustür der Hacienda. Erstaunt findet er sie unverschlossen – wenn man die Mutter von Adán Barrera ist, hat man es wahrscheinlich gar nicht nötig, abzuschließen.

Eine Hausangestellte, vielleicht eine Köchin, steht erschrocken da. Sie fingert an ihrer Schürze herum und zieht ein Handy heraus. Damien reißt es ihr aus der Hand und stößt sie an die Wand. Sie schreit: »Señora! Señora! Laufen Sie weg!«

»Señora?«, denkt Damien, als er ihr seine Hand auf den Mund legt und sie in die Küche zurückzerrt. Barreras Mutter sollte doch gar nicht hier sein, sie sollte doch Angehörige in Tijuana besuchen. Laut Plan wollten sie das Haus niederbrennen, in dem Adán Barrera seine Kindheit verbracht hatte, aber nicht seine Mutter überfallen. Inzwischen waren seine Männer bereits hinter ihm in das Haus eingedrungen und fackelten nun die Vorhänge vor den Fenstern ab.

»Wartet!«, brüllt Damien und lässt die Köchin los. »Hört auf! Die alte Dame ist hier!«

Aber es ist zu spät.

Flammen kriechen die Vorhänge hinauf an die Decke. Aus dem Fenster sieht Damien die Personalunterkünfte und die Baracken in Flammen aufgehen. Seine Männer fahren Autos und Motorräder aus der Garage, deren Dach bereits lichterloh brennt.

Er dreht sich um und sieht eine alte Frau in Schwarz, die ihn anschreit.

»Raus«, brüllt sie. »Raus aus meinem Haus!«

Eine jüngere Frau kommt hinter ihr heran, packt sie an den Schultern und schiebt sie beiseite. »Wenn Sie meiner Mutter etwas tun, wenn sie auch nur einen einzigen Kratzer abbekommt … wissen Sie, wer ich bin? Wissen Sie, wessen Haus das ist?«

Damien erinnert sich aus seiner Kindheit an sie.

Tía Elena.

»Ihr solltet doch gar nicht hier sein«, sagt Damien und kommt sich blöd vor.

»Elena, mach, dass die verschwinden!«, schreit die Alte.

Qualm erfüllt den Raum.

»Ihr müsst raus hier«, sagt Damien. »Jetzt sofort.«

»Tapfere Männer seid ihr.« Elena spuckt ihm ins Gesicht. »Einer alten Frau das Dach über dem Kopf anzünden …«

Damien hört einen seiner Männer sagen: »Erschieß die Schlampen!«

»Los!«, brüllt Damien. Er packt Elena an der Schulter ihres Morgenmantels und zieht sie zur Tür. Sie lässt ihre Mutter dabei nicht los, sodass sie zusammen ein ungelenkes Knäuel ergeben, Damien stößt sie beide zusammen zur Tür hinaus.


Elena legt ihrer Mutter den Arm um die Schulter, will sie vor dem Wind und der kalten Morgenluft abschirmen.

Aber ihre Mutter schüttelt sie ab, will zurück. »Mein Haus! Mein Haus!«

»Wir müssen weg, Mami!«

Elena weiß nicht, ob ihre Mutter sie bei dem Lärm überhaupt hört – der Wind, die schreienden Männer, die Bediensteten, die über das Gelände laufen, das Rattern der Maschinengewehre und das Knistern der Flammen. Verrückt, denkt sie, sie hört die Hühner. Den Hahn allerdings nicht – der hat das Krähen endlich eingestellt –, aber das irre Gackern der Hühner, die aufgescheucht herumlaufen wie … na ja, wie Hühner. »Mami, kannst du gehen?!«

»Ja!«

Elena hat weiterhin einen Arm um die dünnen Schultern ihrer Mutter gelegt, mit der anderen Hand drückt sie sanft ihren Kopf hinunter, schützt sie unzureichend vor den vorbeizischenden Kugeln, dann hört sie einen ihrer Männer schreien: »Hört auf zu schießen! Feuer einstellen! ¡Las Señoras!«

Ein Sicario rennt aus der Baracke auf sie zu, aber er wird von einer Gewehrsalve niedergemäht und fällt wenige Meter von ihren Füßen entfernt in den Schmutz, er hebt den Kopf und schreit: »Señora, schnell!«

Um sie herum herrscht Wahnsinn. Menschen stehen in Flammen, lebende Fackeln, sie taumeln, schreien und fallen.

Das Flugfeld ist zu weit, denkt Elena. Ihre Mutter würde das nicht schaffen. Und wer weiß, ob diese Schweine es nicht längst in Besitz genommen haben, ebenso wie das Flugzeug, und ob der Pilot überhaupt noch lebt. Aber sie weiß, dass sie nicht hierbleiben können – auch wenn sie nicht weiß, wer diese Männer sind. Entweder sind es unglaublich dumme Räuber, oder Iván hat sie geschickt.

Sie darf nicht hierbleiben und es herausfinden.

Darf sich nicht entführen und gegen ein Lösegeld wieder befreien lassen.

Oder vergewaltigen.

Oder ermorden.

Oder einfach versehentlich in diesem Chaos erschießen lassen.

Das Flugfeld ist ihre beste Chance.

Sie senkt den Kopf und geht weiter.


Fausto sieht sie.

Damiens engster Freund und Mitarbeiter entdeckt Elena Sanchez, nur mit einem Morgenmantel bekleidet, wie sie zusammen mit einer Frau, die nur Adán Barreras Mutter sein kann, das in Flammen stehende Gelände verlässt. Er lenkt den Jeep durch den Zirkus an Motorradfahrern und hält neben den beiden Frauen. »Einsteigen!«

»Lass uns in Ruhe!«, sagt Elena.

Fausto hält ihr seine Pistole vor die Brust. »Ich habe gesagt, steigt in den Scheißjeep!«

Elena hilft ihrer Mutter hinein und steigt dann selbst hinterher. Und natürlich spielt sie die »Weißt du überhaupt, wer ich bin«-Karte.

»Natürlich weiß ich, wer Sie sind!«, sagt Fausto. Er tritt aufs Gas und rast zum Flugfeld.

Der Propeller des Flugzeugs rotiert bereits, das Flugzeug rollt an, um so schnell wie möglich von hier zu verschwinden. Fausto blockiert seinen Weg, zieht die Kalaschnikow von der Rückbank, zielt auf die Windschutzscheibe und brüllt: »Nicht so eilig, cabrón! Du hast Passagiere!«

Das Flugzeug hält.

Fausto steigt aus, läuft drum herum und hilft Elena und ihrer Mutter aus dem Jeep. Dann führt er sie zum Flugzeug, öffnet die Tür und sagt zum Piloten: »Du wolltest die beiden wohl gerade zurücklassen, was bist du bloß für ein Feigling?«

Er hilft ihnen ins Flugzeug.

»Warum machen Sie das?«, fragt Elena.

Weil ich ein bescheuerter Schwachkopf bin, denkt Fausto. Damien kann überleben – ja, sogar davon profitieren, dass er Barreras Haus niederbrennt. Aber wenn er Adán Barreras Schwester und Mutter etwas antut? Damit hätte er das gesamte Land gegen sich, es wäre der Auftakt zu einem Rachefeldzug, der nur mit Damiens Tod enden konnte.

Und meinem.

»Jetzt kannst du starten!«, brüllt er den Piloten an.


In den folgenden zwei Tagen wüten Damiens Männer durch das Tal, brennen Häuser und Nebengebäude nieder, stehlen Fahrzeuge und versetzen die Bevölkerung einer Gegend in Angst und Schrecken, die zuvor vielleicht die sicherste der Welt gewesen sein mochte.

Es hört erst auf, als die Bundesregierung Soldaten schickt, aber da haben sich Damiens Leute – von den Medien Los Lobos genannt – bereits in die Berge zurückgezogen.

Der Überfall schockiert das Land.

Ein kaum bekannter Emporkömmling greift das Haus von Adán Barreras Mutter an, jagt sie in die Dunkelheit davon.

Vielleicht ist das Sinaloa-Kartell doch nicht so mächtig, wie alle dachten.

Die meisten Menschen betrachten den Angriff als das, was er war …

Damien Tapias Kriegserklärung.

Das neue Jahr wird Krieg bringen.


»Ich bin ja so froh, dass du in Sicherheit bist«, sagt Nuñez am Telefon. »Geht’s deiner Mutter gut?«

Er sieht Ric an und verdreht die Augen. Er hat das Telefon auf »laut« geschaltet, sodass Ric und Melissa Elena sagen hören: »Sie hat Beruhigungsmittel bekommen, jetzt schläft sie. Wir sind hier in Enseñada.«

»Das ist ungeheuerlich, Elena«, sagt Nuñez am Telefon. »Absolut ungeheuerlich.«

»Findest du’s wirklich ungeheuerlich, Ricardo? Ich gebe dir nämlich die Schuld.«

»Mir?!«, fragt Nuñez, seine Stimme eine perfekte Parodie verletzter Unschuld. »Ich versichere dir, damit hatte ich nichts zu tun! Das war dieses Tier von einem Tapia-Spross. Mein Gott, Elena, er prahlt damit in den sozialen Medien.«

»Natürlich hast du was damit zu tun«, sagt Elena. »Du hast zugelassen, dass mein Sohn ermordet wird, und anschließend nichts unternommen. Warum sollte man nicht auf die Idee kommen, dass es in Ordnung ist, uns zu überfallen? Deine Schwäche hat signalisiert, dass es jetzt möglich ist, gegen Sinaloa vorzugehen.«

»Wir wissen nicht, wer hinter dem Mord an Rudolfo steckt.«

»Dein Sohn hat gestern Nacht mit seinen Mördern gefeiert«, sagt Elena. »Meinst du, ich bekomme so etwas nicht mit? Nein, du hast meine Familie einfach hängen lassen, und jetzt besitzt du die Dreistigkeit, mich anzurufen und dich empört über die Ereignisse zu äußern? Bitte verzeih mir, wenn mich das kaltlässt. Und keineswegs beschwichtigt.«

»Wir werden alles tun, was in unserer Macht steht, um Damien Tapia zu bestrafen.«

»Genau das ist unser Problem«, sagt Elena, »was in unserer Macht steht. Die Menschen werden zu Recht fragen: ›Wenn Sinaloa nicht mal Adán Barreras Mutter beschützen kann, wen kann es dann beschützen? Kann es uns beschützen?‹ Würde Adán noch leben, hätte er längst den Kopf dieses jungen Dreckskerls aufgespießt. Aber würde Adán noch leben, hätte der junge Dreckskerl überhaupt nie die Frechheit besessen, so etwas zu tun.«

»Wir suchen ihn bereits.«

»Wer? Die Armee?«, fragt Elena. »Die würden keinen Fisch im Goldfischglas fangen. Nein danke, Ricardo – zugegeben, ich werde älter, aber nicht milder. Unsere Familie wird sich selbst des jungen Tapia annehmen.«

»Spiel diesen Leuten nicht in die Hände«, sagt Nuñez. »Genau das wollen die – uns auseinandertreiben.«

»Das hast du doch längst allein hinbekommen«, sagt Elena. »Ruf mich an, wenn du bereit bist, dich wie ein echter patrón zu verhalten. Bis dahin …«

Sie legt auf.

»Hast du gestern Nacht mit Iván gefeiert?«, fragt Nuñez Ric.

»Mit allen Esparzas«, sagt Ric, ohne sich herauszureden. »Und Rubén Ascención.«

»Meinst du, das war klug?«

»Ich gebe mir Mühe, die guten Beziehungen aufrechtzuerhalten.«

»Indem du einer Hure deinen Wagen schenkst?«, fragt Nuñez. »Wolltest du mit der auch die guten Beziehungen aufrechterhalten?«

Er bekommt wirklich alles mit, denkt Ric. Meine Bodyguards sind seine Spitzel. »Hättest du heute lieber die Schlagzeile ›Sinaloa-Sohn ermordet Callgirl‹ in der Zeitung gelesen?«

Nuñez starrt ihn kurz an, dann sagt er: »Nein, du hast das Richtige getan.«

Du lieber Himmel, denkt Ric, ganz was Neues.

»Du kennst diesen Damien«, sagt Nuñez.

Du auch, denkt Ric. »Du kennst ›diesen Damien‹, seit er ein kleiner Junge war.«

»Was treibt ihn an?«, fragt Nuñez. »Warum tut er so was Entsetzliches? Ein verkrachter Jugendlicher? Oder rebelliert er einfach grundlos?«

Nein, denkt Ric, ich bin ziemlich sicher, dass er seine Gründe hat.

»Ich weiß, er ist ein Freund von dir«, sagt Nuñez. »Aber dir ist klar, dass ich was unternehmen muss.«

Ric ist bewusst, dass sich sein Vater in einer schwierigen Lage befindet. Die gesamte Sinaloa-Organisation ist stinkwütend wegen des Affronts gegen den verstorbenen Adán, der Kränkung gegenüber den Frauen der königlichen Familie. Wenn der Anführer des Kartells nichts unternimmt, werden sie ihn für schwach halten, vielleicht nicht stark genug, um Boss zu sein.

Aber …

»Verstehe«, sagt Ric. »Im Moment regen sich alle auf. Aber wir wollen nicht vergessen, dass Damien sie nicht getötet hat. Anscheinend hat er sie sogar ausfliegen lassen.«

»Nachdem er sämtliche Häuser niedergebrannt, fünf ihrer Männer erschossen und ein gesamtes Dorf verwüstet hat, das sich auf unseren Schutz verlassen hatte«, sagt Nuñez. »Ich weiß deine Loyalität gegenüber deinem Freund zu schätzen, aber …«

Wahrscheinlich ist er jetzt fertig, denkt Ric. »Ich kenne Damien, er hat sich irgendwo verkrochen, genauso erschrocken über das, was er getan hat, wie alle anderen auch. Lass mich Kontakt aufnehmen, ihn herholen, dann sehen wir, ob wir nicht irgendwie einen Rückweg für ihn finden.«

»Was schlägst du vor?«, fragt Nuñez. »Aufschub?«

Ich weiß nicht, was ich vorschlage, denkt Ric. »Vielleicht eine Geldstrafe, eine Entschädigung? Er entschuldigt sich und baut alles wieder auf, was er niedergebrannt hat …«

»Womit?«, fragt Nuñez. »Woher soll er so viel Geld haben?«

Na ja, denkt Ric, er hatte genug Geld, um eine kleine Armee aufzustellen. »Ich sage ja nur, dass es schon Leute gab, die Schlimmeres getan haben und auch damit durchgekommen sind.«

»Ich bin nicht frei von Gefühlen«, sagt Nuñez, »was die Vergangenheit dieses jungen Mannes betrifft. Aber sein Vater war ein Hitzkopf, der durch seine Drogensucht den Verstand verloren hat, und verschwinden musste. Jetzt legt der Sohn dasselbe unberechenbare Verhalten an den Tag. Würden wir unserem Mitleid nachgeben, würden wir uns auf sträfliche Weise aus der Verantwortung ziehen.«

»Womit du sagen willst, dass er sterben muss.«

Nuñez wendet sich an Melissa, und Ric begreift jetzt, warum sie da ist.

Sterben ist nicht genug.


Ric lässt den Motor an. »Ich mach das nicht.«

»Was?«

»Einen Freund foltern, das mache ich nicht.« Er fährt aus der Auffahrt. »Und du auch nicht.«

»Sag mir nicht, was ich mache«, sagt Melissa. »Ich folge den Befehlen deines Vaters.«

Und diese lauten: Suche Damien, töte ihn langsam und qualvoll und zeichne das Ganze auf Video auf. Es muss ein Exempel statuiert werden, die Welt soll erfahren, dass El Abogado alles andere ist als schwach.

»Und dir macht das sogar Spaß, stimmt’s?«, fragt Ric.

»Ist mein Job«, sagt Melissa. »Denkst du etwa, du kannst ihn retten? Wenn wir’s nicht machen, macht es jemand anders. Was glaubst du, was Elenas Leute tun, wenn sie ihn zuerst finden?«

»Ich finde ihn zuerst«, sagt Ric, »ich schieße ihm zwei schnelle Kugeln in den Hinterkopf.«

»Hör sich das einer an, plötzlich bist du voll der abgebrühte Killer«, sagt Melissa. »Ich meine, du willst mich jetzt verarschen, oder? Wir machen, was der Boss sagt.«

Ric fährt mit dem Wagen rechts ran, dreht sich um und sieht sie an. »Ich sage dir, was wir machen. Wir suchen Damien überall dort, wo er nicht ist. Wir drehen jeden Stein um, unter dem er sich nicht versteckt. Und rate mal, was passiert, Melissa? Wir werden ihn nicht finden.«

»Mach, was du für richtig hältst«, sagt sie, »ich mache, was ich für richtig halte.«

Ric macht, was er für richtig hält.

Zumindest das, was er als der neue Ric, der er inzwischen ist, für richtig hält – der engagierte, konzentrierte Sohn vom Kartellboss, der Verantwortung übernimmt und die Leute seines Vaters zu führen versteht, als wären es seine eigenen. Er schickt Flugzeuge mit zweihundert Sicarios nach Sinaloa, um Damien zu suchen, und sagt, sucht Damien Tapia, und wenn ihr ihn findet, bringt ihr ihn zu mir.

Lebend.

Ich werde mich persönlich seiner annehmen.

Die meisten deuten dies genauso falsch, wie er sich das vorstellt – sie denken, er will Damien höchstpersönlich in tausend Stücke reißen, um sich wegen des Affronts gegenüber seinem Paten zu rächen, und sie respektieren ihn dafür.

El Ahijado gewinnt an Format.


Nuñez kommt am Dreikönigstag.

War nur eine Frage der Zeit, denkt Caro, dass einer von denen hier aufkreuzt. Zum Schluss kommen sie alle, das weiß er, fragt sich nur, in welcher Reihenfolge.

Caro empfängt den Besuch im Wohnzimmer. Das Sofa ist alt und viel zu hart gepolstert, der Sessel einer von diesen Fernsehsesseln, die ein alter Mann nach hinten kippen kann, wenn er gemütlich vor dem Fernseher dösen will.

Nuñez widersteht dem Impuls, das Sofa erst mal abzuklopfen, bevor er sich darauf niederlässt.

Im Fernsehen laufen Nachrichten. Caro hat in jedem Zimmer ein kleines Gerät stehen – er schaut gerne Baseball.

Nuñez hat einen rosca mitgebracht und stellt den Kuchen auf den Küchentisch, als wär’s ein teures Geschenk, wie Weihrauch und Myrrhe. Caro fragt sich, ob das eine Botschaft sein soll – im Kuchen ist eine kleine Jesusfigur versteckt. Wer das Stück mit der Figur bekommt, muss an Mariä Lichtmess für das leibliche Wohl aller aufkommen.

»Hast du gehört, was Damien Tapia gemacht hat?«, fragt Nuñez.

»Wer nicht?«

»Das ist unerhört«, sagt Nuñez. »Ich will ihm nicht wehtun …«

»Vielleicht musst du das aber.«

»Hätte ich deinen Segen dafür?«

»Du brauchst meinen Segen nicht«, sagt Nuñez. »Ich bin im Ruhestand.«

»Aber du genießt noch immer unseren Respekt, Don Rafael«, sagt Nuñez. »Ich bin aus Respekt dir gegenüber hier. Du weißt, dass Adán mich als seinen Nachfolger bestimmt hat. Aber jetzt haben mir Iván Esparza und Elena Sanchez den Kampf angesagt. Von Damien einmal ganz zu schweigen.«

»Was willst du von mir?«, fragt Caro. »Wie du siehst, ich bin ein armer alter Mann. Ich habe keine Macht.«

»Aber du hast Einfluss«, sagt Nuñez. »Du stammst aus einer großartigen Generation. Bist einer der Männer, die unsere Organisation gegründet haben. Deine Zustimmung bedeutet mir viel, dein Rat … ich weiß deine Unterstützung sehr zu schätzen.«

»Wie soll ich dich unterstützen?«, fragt Caro. »Hast du da draußen etwa Sicarios gesehen? Fahrzeuge? Flugzeuge? Mohnfelder? Labore? Du hast das alles, Nuñez, nicht ich.«

»Würde Rafael Caro mich in meiner Führungsposition bestätigen«, sagt Nuñez, »hätte das großes Gewicht.«

»Du willst meinen Namen«, sagt Caro. »Mehr ist mir nicht geblieben.«

»Natürlich bin ich nicht mit leeren Händen gekommen.«

»Hast du außer dem rosca noch etwas mitgebracht?«, fragt Caro. »Frijoles? Reis?«

»Du machst dich lustig über mich«, sagt Nuñez. »Ich weiß, mein Verhalten macht mich anfällig für Spott, aber ich meine es ernst. Adán hat dir alles genommen, vielleicht kann ich dir etwas wiedergeben.«

»Kannst du mir dreißig Jahre meines Lebens schenken?«, fragt Caro.

»Natürlich nicht«, sagt Nuñez. »Ich wollte nicht anmaßend sein. Ich hätte sagen sollen, dass ich dir möglicherweise teilweise ersetzen kann, was dir genommen wurde. Dir deine verbleibenden Jahre … angenehmer machen.«

»Mit einem neuen Sessel?«

»Und wieder verspottest du mich.«

»Dann hör auf, um den heißen Brei herumzureden«, sagt Caro. »Wenn du glaubst, dass du mich kaufen kannst, dann mach mir ein Angebot.«

»Eine Million Dollar.«

Du bist verzweifelter, als ich dachte, denkt Caro. Hättest du mir die Hälfte geboten, hätte ich vielleicht Ja gesagt. Aber bei einer Million muss ich annehmen, dass du verlierst, und wie soll ich einen Mann in seiner Macht bestärken, der verliert?

»Du hast gesagt, du schätzt meinen Rat«, sagt Caro. »Ich will dir einen geben: Du sitzt zwischen zwei Stühlen, zwischen Iván und Elena. Deshalb wird niemand loyal zu dir stehen, du wirkst schwach. Keine von beiden Seiten respektiert dich, niemand fürchtet dich. Die Damiens und die Ascencións sehen das und rücken auf dein Territorium vor. Und du unternimmst nichts.«

»Ascención rückt nicht auf mein Territorium vor.«

»Das wird er aber«, sagt Caro. »Er hat seine Unabhängigkeit erklärt – wie nennt er seine Organisation? Cartel Jalisco Nuevo?«

Nuevo-Jalisco-Kartell.

»So oder so ähnlich.«

»Er wird dein Konkurrent werden«, sagt Caro. »Und wenn ihm das gelingt, was hält dann die anderen noch auf? Ich nehme dein Geld nicht, Nuñez, und ich werde dir auch nicht meinen Namen geben. Ich sage dir, was ich für dich tun kann – ich werde keinen anderen unterstützen. Anders als du, kann ich es mir leisten, neutral zu bleiben, möglicherweise bei Bedarf sogar zu vermitteln. Aber du, Ricardo, du musst stärker werden, die anderen dazu bringen, dich zu fürchten. Wenn du das schaffst, können wir uns vielleicht weiter unterhalten.«

Caro steht auf. »Und jetzt muss ich pissen.«

Es ist der Día de los Tres Reyes, der Dreikönigstag, denkt Caro, als er da steht und darauf wartet, dass sein Wasser kommt, und tatsächlich gibt es jetzt im Sinaloa-Kartell drei Könige. Nuñez denkt, er ist der Einzige, aber außerdem sind da noch Iván Esparza und Elena, die Königinmutter, die ihren einzigen überlebenden Sohn zum König machen will.

Tito Ascención, der treue alte Diener, denkt möglicherweise auch, dass er König werden kann, auch wenn er es sich gar nicht eingesteht.

Damien genauso.

Er hat der Krone gerade eine lange Nase gezeigt.

Nuñez befindet sich in einer schrecklichen Lage. Er muss auf jemanden losgehen, aber Elena Sanchez oder Iván Esparza kann er nicht angreifen. Und Damien wird er nicht finden.

Bleibt nur eine Möglichkeit.

Und das ist eine schlechte, denkt Caro, als die Pisse endlich kommt und er schmunzelnd an den rosca auf der Anrichte in der Küche denkt.

Im Kuchen ist ein König versteckt.


Das kleine Jesuskind starrt Tito Ascención mit weit aufgerissenen Augen an.

Er hat einen frischen Farbanstrich bekommen und wurde in feine Seide gekleidet, jetzt liegt er auf dem Tresen des Puppengeschäfts und schaut zu ihm auf.

Die meisten Menschen nehmen nicht gerne Blickkontakt zu El Mastín auf, aber Jesus hat damit kein Problem.

Titos Frau hatte ihn geschickt, den Niño Dios aus dem Laden abzuholen, wo er restauriert worden war, und ihn anschließend in die Kirche Día de la Candelaria zu bringen. Danach wird sich die Familie zur Feier des letzten Weihnachtstages zum Essen treffen, es gibt tamales und atole.

Schon komisch, denkt er, als er darauf wartet, dass der Ladeninhaber die Rechnung ausstellt, du bist der Boss deiner eigenen Organisation, befehligst Hunderte von Männern, aber wenn deine Frau dir eine Liste mit Aufgaben gibt, erledigst du sie selbst. Etwas so Wichtiges wie Jesus abholen delegierst du nicht.

Auch der kleine Sohn vom Ladeninhaber wirft einen verstohlenen Blick auf Tito. Er tut so, als würde er hinter dem Tresen die Regale abstauben, späht aber unter seinem Arm hindurch zu dem bekannten Drogenbaron, der die Stadt kontrolliert. Selbst ein Zehnjähriger weiß, wer El Mastín ist.

Tito streckt ihm die Zunge raus.

Der Junge grinst.

Der Ladeninhaber kommt und reicht Tito die Rechnung – darauf steht »0«, und er sagt: »Frohe Lichtmess, Señor.«

»Nein, Ortiz, das kann ich nicht annehmen«, sagt Tito.

Er gibt dem Mann zweihundert Dollar.

Beide wissen, was sich gehört.

»Danke. Danke, Señor.«

Tito nimmt die Puppe und geht hinaus zu seinem neuen Mercedes SUV, den er vor dem Laden geparkt hat. Sein Bodyguard sitzt auf dem Beifahrersitz, seine MAC-10 ragt aus dem Fenster.

»Steig hinten ein«, sagt Tito. »Jesus sitzt vorne.«

Der Bodyguard steigt aus, und Tito schnallt Jesus an.

Die meisten Männer von Titos Format haben Fahrer, aber er setzt sich lieber selbst ans Steuer. Tito liebt das Autofahren, und jetzt fährt er in Guadalajara an Graffiti vorbei: ADAN VIVA.

Tito hat so seine Zweifel daran.

Tot ist tot.

Er muss es wissen. Er hat selbst Hunderte von Menschen ermordet – irgendwann hat er den Überblick über die genauen Zahlen verloren – aber ganz sicher ist keiner von denen je wiedergekommen.

Sein Wagen ist der zweite in einem Konvoi aus drei.

Vorne fährt der Explorer und hinten der Ford 150 Pick-up mit Titos Sicherheitsleuten, wobei dieser Teil von Guadalajara, genauso wie der Staat Jalisco insgesamt, als sicheres Gebiet gilt. Das Jalisco-Kartell befindet sich mit niemandem im Krieg, es ist mit Sinaloa verbündet, und die Staatspolizei ebenso wie die einheimischen Federales stehen auf Titos Gehaltsliste.

Aber es schadet nicht, aufzupassen.

In einer Welt, in der Menschen es sich herausnehmen, das Haus von Adán Barreras Mutter anzuzünden …

Du lieber Gott, was hat sich der Junge bloß dabei gedacht?

Andererseits, vielleicht ist Sinaloa auch gar nicht mehr Sinaloa.

Bevor er in das Puppengeschäft fuhr, hatte Tito mit Rafael Caro telefoniert.

»Wer ist Iván Esparza, dass er dir sagen darf, was du zu tun und zu lassen hast?«, hatte Caro ihn gefragt.

Die Rede war davon, dass Iván Tito nicht hatte erlauben wollen, mit seiner Organisation ins Heroingeschäft einzusteigen.

»Esparza verdanke ich alles.«

»Ohne respektlos erscheinen zu wollen«, sagte Caro. »Nacho lebt nicht mehr. Würde er noch leben, würde ich so etwas nie vorschlagen. Aber der Sohn ist nicht der Vater.«

»Ich bin ihm trotzdem Loyalität schuldig«, sagte Tito und erinnerte sich an den Tag von Nachos Beerdigung, als er zur Witwe gegangen war und gefragt hatte, ob er etwas tun könne. Sie hatte ihn an beiden Händen gefasst und gesagt: »Kümmere dich um meine Söhne.«

Er hatte geschworen, es zu tun.

»Loyalität ist aber nicht einseitig«, sagte Caro. »Sind sie dir gegenüber loyal? Lassen sie dich ins Heroingeschäft einsteigen – das sind Milliarden von Dollar jedes Jahr? Haben sie dir Michoacán angeboten, deine Heimat? Du hast alles für Sinaloa getan – hast für sie getötet, für sie geblutet. Und was tun sie für dich? Tätscheln sie dir den Kopf wie einem guten Hund? Werfen sie ihrem loyalen, treuen El Mastín ein paar Knochen zu? Du hast etwas Besseres verdient.«

»Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe.«

»Milliarden von Dollar aus dem Heroingeschäft?«, fragte Caro. »Und ein amerikanischer Markt, der reif dafür ist? Es wäre geradezu Misswirtschaft, würde man sich das nicht zunutze machen. Du hast Kokainlabore und Methlabore. Wäre ein Leichtes, auf Heroin umzurüsten.«

»Sinaloa wird mir nie erlauben, ihre Plazas zu nutzen«, erwiderte Tito. »Oder sie verlangen die Höchstabgaben von mir.«

»Ah, hör zu«, sagte Caro. »Wir unterhalten uns vorläufig nur, richtig? Wir quatschen ein bisschen.«

Aber es ist ernst, denkt Tito jetzt auf der Fahrt. Sich mit dem Sinaloa-Kartell anzulegen, ist verdammt ernst. Nuñez, Sanchez und die Esparzas haben zusammen Hunderte, wenn nicht Tausende Sicarios. Außerdem haben sie den Großteil der Bundespolizei, der Armee und der Politiker gekauft.

Könntest du Baja übernehmen? Tijuana?

Du hast eine Familie, ermahnt er sich.

Du hast einen Sohn.

Was bist du Rubén schuldig?

Wenn du Krieg gegen Sinaloa führst, kann es sein, dass du getötet wirst. Scheiße, Rubén könnte dabei getötet werden. Dann wäre ein frühes Grab sein einziges Erbe. Oder eine Gefängniszelle, das Schicksal vieler anderer, die sich Sinaloa entgegengestellt und gemerkt haben, dass sie es auch gleich mit der Polizei, dem Militär und der Bundesregierung zu tun bekamen. Die Friedhöfe und die Gefängnisse sind voller Feinde von Sinaloa.

Rubén würde das Gefängnis nicht überleben.

Er ist klein und zart gebaut.

Tapfer, ein kleiner Tiger, aber im Kampf gegen eine Bande muskelbepackter Sträflinge würde ihm das kaum helfen. In manchen Gefängnissen kannst du deine Macht geltend machen und ihn schützen, aber in anderen nicht, besonders nicht, wenn du dich im Krieg gegen Sinaloa befindest.

Die Gefängnisse, die sie nicht kontrollieren, werden von den Zetas kontrolliert, und Tito erschaudert bei dem Gedanken daran, was passieren würde, wenn die Zetas herausbekämen, dass der Sohn von Tito Ascención in einem ihrer Knäste sitzt. Sie würden dafür sorgen, dass er jede Nacht mehrfach vergewaltigt wird, bis ihnen der Spaß vergeht und sie ihn töten.

Aber auch dafür würden sie sich tagelang Zeit lassen.

Und auf der Plusseite?

Grenzenloser Reichtum.

Würdest du gewinnen, würde Rubén ein Imperium im Wert nicht von Millionen, sondern von Milliarden erben. Die Art von Vermögen, die Familien für immer verändert, die aus Bauern Herren macht. Ein Vermögen, dank dessen Rubéns Söhne sich niemals die Hände schmutzig machen müssen.

Die Avocadofelder würden ihnen gehören.

Und wie möchtest du, dass Rubén dich sieht?

Als Hund von Iván Esparza?

Oder soll dein Sohn seinen Vater als El Patrón, El Señor, als den Herrn der Lüfte betrachten? Rubén war drei Jahre alt, als Tito ins Gefängnis kam.

Ein kleiner Junge, der jedes Mal geweint hat, wenn er seinen papi besucht und nach langer Zeit wiedergesehen hat, und auch jedes Mal, wenn er am Ende der Besuchszeit wieder gehen musste. Tito stand dort in seinem orangefarbenen Overall und sah seinen hijo, sein vida, sein Leben, wie es jaulend herausgetragen wurde, wie er die Hände nach ihm ausstreckte – und es hatte ihm das Herz gebrochen.

Was er natürlich nicht hatte zeigen dürfen.

Wenn man sich so etwas anmerken ließ, wenn man in San Quentin Schwäche zeigte, nahmen die Wölfe sofort Witterung auf und rissen einen in Fetzen. Sie fickten einen in den Arsch, den Mund – und verdammt, wenn alle Öffnungen ausgeleiert waren, schnitten sie neue Löcher in dich rein, um dich noch weiter zu ficken.

Nein, man musste ein Herz aus Stein haben und dazu den entsprechenden Gesichtsausdruck.

Das war damals 1993, als Adán Barrera fünfzehn Runden gegen Guero Mendez geboxt und um den Titel El Patrón gekämpft hatte. Tito war ein Jahr im Knast gewesen, als er gehört hatte, dass Rafael Caro verhaftet, zu dreißig Jahren verurteilt und an die Vereinigten Staaten ausgeliefert worden war, höchstwahrscheinlich, weil er den Fehler gemacht hatte, sich hinter Mendez zu stellen.

Tito hatte nur vier Jahre bekommen.

Was auch gereicht hatte.

Eintausendvierhundertundsechzig Tage hinter den Mauern von La Pinta waren mehr als genug, denn das Gefängnis ist der schlimmste Ort auf Erden.

Vier Jahre lang so tun, als wäre die eigene rechte Hand eine Pussy. Vier Jahre lang im Hof Gewichte stemmen, damit die anderen dich nicht zu ihrer Pussy machten. Vier Jahre lang Abfälle fressen, sich allen möglichen Scheiß von den Wärtern gefallen lassen. Vier Jahre, in denen du deine Frau und deinen Sohn nur einmal im Monat im »Besucherraum« sehen darfst.

Er hat viele Männer in La Pinta durchdrehen sehen. Starke Kerle, harte Kerle gingen dort zu Boden und heulten wie die Babys. Oder sie wurden süchtig nach Heroin, das dort sehr leicht zu bekommen war – sie verwandelten sich in Geister. Er hat gesehen, wie aus Männern Frauen wurden – wie sie Perücken aufsetzten und sich schminkten, sich den Schwanz und den Sack ans Bein klebten und in den Arsch ficken ließen. Andere saßen im hoyo und verloren den Verstand – kamen raus wie lallende Trottel.

La Pinta war darauf angelegt, dich kaputtzumachen, aber bei Tito hatten sie es nicht geschafft und das hatte er hauptsächlich La Eme zu verdanken.

Er hatte sich an die Regeln gehalten und sich jeden Tag bei La Máquina gemeldet und das Pflichttraining der Eme absolviert.

Freiübungen, Liegestütze und Bauchbeugen, außerdem Klimmzüge und Gewichtestemmen. Ohnehin schon kräftig von der Arbeit auf den Avocadoplantagen, wurde er jetzt stark wie ein Bulle.

Er berührt die Narbe, die sich über seine rechte Wange zieht und erinnert sich. Schöne Scheiße, denkt er, die hat er nicht den mayates oder den Gueros zu verdanken, sondern seinen eigenen Leuten. Passenderweise war’s in der »Blood Alley« geschehen.

Der llavero – der Anführer der La Eme – hatte ihn gewarnt, nicht in den Teil des Hofes zu gehen, zumindest nicht allein – aber wenn er nicht die nächsten vier Jahre damit zubringen wollte, Norteños abzuwehren, die mit den La Eme im Krieg lagen, musste Tito beweisen, dass er sich vor nichts fürchtete.

Er wollte es hinter sich bringen, also ging er gleich am nächsten Tag in der Blood Alley spazieren, allerdings verschwendeten auch die Norteños keine Zeit. Er sah einen auf sich zukommen und hörte einen anderen hinter sich.

Tito drehte sich um und holte aus. Legte seine ganzen hundertzwanzig Kilo in den Fausthieb und zertrümmerte dem anderen den Kiefer. Dann drehte er sich um, allerdings ein bisschen zu langsam – das pedaso schlitzte ihm die Wange auf. Tito spürte den Schmerz nicht. Er packte die Messerhand und zerdrückte sie wie eine Tüte Kartoffelchips.

Der Mann schrie und ließ das Messer fallen.

Tito hielt die kaputte Hand fest und schlug den Mann mit seiner Linken in den Dreck. Er hätte immer weiter auf ihn eingeschlagen, aber er wollte nicht wegen Mordes angeklagt werden und den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen, also hörte er auf, ließ sich von einem Wärter Pfefferspray ins Gesicht sprühen, mit dem Schlagstock niederschlagen und auf die Krankenstation bringen, wo sein Gesicht wie ein aufgeplatzter Postsack zusammengeflickt wurde.

Dann warfen sie ihn in den hoyo, ins Loch.

Tito verbrachte neunzig Tage dort, hörte aber, dass der andere seine Scheißhand verloren hatte. Und es kam noch besser: Der Staat Kalifornien entschied, er habe in Notwehr gehandelt, und die Vorwürfe gegen ihn wurden fallen gelassen.

Tito saß die verbliebene Zeit ab.

Mit Kraft, Würde und Respekt.

Wie ein Strafgefangener, nicht wie ein Insasse.

Innerlich aber litt er.

Er vermisste seine Frau und seinen Sohn.

Als er herauskam und ausgewiesen wurde, schwor er sich, nie wieder zurückzukehren – weder in die Vereinigten Staaten noch ins Gefängnis.

Nie wieder wollte er von seinem Sohn getrennt sein.

Aber kannst du Nacho hintergehen, dem du alles zu verdanken hast?, denkt er jetzt. Kannst du’s drauf ankommen lassen, dein Leben zu riskieren und das deines Sohns?

Nein, denkt Tito.

Kannst du nicht.

Das Leben hat dir mehr gegeben, als du je gedacht hättest; bringe es nicht in Versuchung, dir alles wieder zu nehmen.

Dann hört er den Helikopter.

Der Explorer vor ihnen bremst abrupt, und seine Sicarios steigen einer nach dem anderen aus.

Tito reißt das Lenkrad herum. »Was ist los?«

»Kontrollpunkt der Armee an der nächsten Ecke«, sagt der Fahrer.

Beim Blick in den Rückspiegel sieht Tito Militärfahrzeuge heranrasen. Der Ford Pick-up stellt sich seitlich und blockiert die Straße. Seine Männer steigen aus und gehen hinter dem Truck in Deckung. Tito hört Schüsse, biegt rechts in eine Seitenstraße. Er schaut aus dem Fenster und nach oben, sieht den Helikopter über sich.

Diese Scheißarschlöcher, denkt er.

Ich geh nicht zurück.

Die können mich töten, aber ich geh nicht noch mal ins Gefängnis.

»¡Jefe!«

Tito sieht den Panzerwagen, der vor ihm die Straße blockiert. Er legt den Rückwärtsgang ein und tritt aufs Gas.

Der Fahrer brüllt aus dem Fenster. »Der jefe ist hier! Die wollen den jefe!«

Männer kommen aus Bars und bodegas gerannt. Einige davon sind seine Sicarios, andere einfach Leute aus dem Viertel, die wissen, was das Beste für sie ist. Sie werfen alles auf die Straße, was sie finden können – Stühle, Tische, ein Parkschild. Andere klettern auf die Dächer und werfen Mauersteine, Rohre und Dachziegel hinunter.

Eine Gruppe von fünf Männern schiebt einen Wagen in eine Straße und kippt ihn um. Dann noch einen und noch einen, sie errichten eine Barrikade.

Tito fährt rückwärts zurück auf die Hauptstraße und geradeaus, weg von dem Pick-up, wo seine Leute die heranrückenden Soldaten heftig unter Beschuss genommen haben. Links findet er eine Gasse und fährt dort hinein.

Hinter ihm laufen seine Sicarios die Straße rauf und runter, öffnen Tanks, stopfen Lappen rein und zünden sie an.

Autos gehen in Flammen auf.

Dichte schwarze Rauchwolken steigen in den Himmel.

Tito rast durch die Gasse, bremst auch nicht ab, als er an eine Querstraße gelangt. Er weicht einem Bus aus und schwenkt in die nächste schmale Nebenstraße um, schrammt mit der Beifahrerseite seines neuen Wagens an der Wand entlang.

Der Hubschrauber ist immer noch über ihm.

Er hört die Armeefahrzeuge vor sich hupen.

Der Hubschrauber führt die Jagd an.

Tito legt wieder den Rückwärtsgang ein.

Aber er weiß, dass er in der Falle sitzt. Weder seine Männer noch die improvisierten Barrikaden werden die Panzerwagen lange aufhalten.

Dann sieht er, wie sich eine Tür öffnet. Ein Mann tritt heraus und winkt ihm. »¡Jefe!«

Tito bleibt stehen, reißt die Autotür auf und steigt aus. Dann schnallt er das Jesuskind vom Sitz und nimmt es mit. Seine Frau macht ihm das Leben zur Hölle, wenn er die Puppe nicht sicher in der Kirche abliefert.

Der Mann zieht ihn beiseite. »Jefe, komm mit.«

Sie befinden sich hinten in einem Kino.

Hinter der Leinwand.

Tito hört das Geschehen im Film – Explosionen, Schüsse –, eine lebendigere Version der gedämpften Geräusche draußen. Er folgt dem Mann über die gesamte Leinwandlänge bis an eine Stahltreppe, dann steigt er diese in einen Keller hinab.

Kisten mit Süßigkeiten, Limodosen, Servietten und Pappbecher.

Der Mann öffnet eine Stahltür und macht Tito Zeichen, durchzugehen.

Er muss ihm vertrauen, ihm bleibt keine andere Wahl.

Tito geht durch die Tür, der Mann kommt hinterher und schließt sie. Macht das Licht an, und jetzt weiß Tito, wo er ist.

»Wie heißt du?«, fragt er.

»Fernando Montoya.«

»Fernando Montoya, du bist von jetzt an ein reicher Mann.«

Sie gehen durch einen Gang in einen Raum, der einer Kantine ähnelt. Runde Tische, Korbstühle, eine Bar aus einer Sperrholzplatte auf zwei Fässern, ein an der Wand befestigter Flachbildfernseher. Ein halbes Dutzend Männer sitzen hier, trinken Bier, schauen ein fútbol-Spiel, und stehen auf, als sie Tito entdecken.

Guadalajara Cops, alle wissen, wer er ist.

Früher war er einer von ihnen. Kam auch immer her, um sich die Zeit zu vertreiben, die Schicht ein bisschen schneller hinter sich zu bringen.

Jetzt wirken die Cops nervös.

»Worauf wartet ihr?«, fragt Tito. »Bekomme ich kein Bier, oder was?«

Er muss den Coolen markieren, auf Macho machen, damit sie eine Geschichte zu erzählen haben, aber innerlich brodelt er. Und sich selbst kann er es ja eingestehen, er hat Angst. Seit zehn Jahren liegen Haftbefehle gegen ihn vor, aus Mexiko und den Vereinigten Staaten, aber niemand hat je versucht, ihn zu festzunehmen.

Nicht in Jalisco.

Jetzt ist die Armee hinter ihm her.

Und hätte Fernando Montoya die Tür zum Kino nicht aufgemacht, hätten sie ihn gehabt.

Tito sitzt da, trinkt ein Bier, als zwei der Cops sagen, sie wollen mal hochgehen und nachsehen, was los ist, es ihm erzählen – er sollte erst mal hierbleiben, bis sich draußen alles ein bisschen beruhigt hat, dann bringen sie ihn hin, wo auch immer er hinwill.

Sie wissen, dass es ein paar zusätzliche Umschläge für sie geben wird, prall gefüllte.

Warum jetzt, fragt Tito sich. Warum jetzt und warum die Armee?

Aber er glaubt, es zu wissen.

Weil die Armee Sinaloa gehört. Irgendwie hat das Kartell Wind davon bekommen, dass er auf dem Heroinmarkt einsteigen will, und entschieden, schon mal vorsorglich gegen ihn vorzugehen.

Das ist Knastmentalität – du musst sie erwischen, bevor sie dich erwischen.

Tito zieht sein Handy aus der Tasche.

Kein Empfang hier unten. Er gibt Montoya die Nummer. »Hey, ruf meinen Sohn an, sag ihm, mir geht’s gut. Sag ihm, er soll von zu Hause verschwinden, irgendwohin, bis er wieder von mir hört.«

Montoya geht.

Kommt fünfzehn Minuten später zurück, und sagt, die Mailbox sei gleich angesprungen.

Jetzt macht Tito sich Sorgen.

Anderthalb Stunden später kommen die Cops wieder, erklären ihm, die Luft sei rein. Es habe Unruhen auf den Straßen gegeben – Mülltonnen wurden angezündet, Autos, ein Bus. Schließlich habe sich die Armee zurückgezogen. Warte noch ein paar Minuten, dann bringen wir dich raus.

Im Fernsehen kommen die Nachrichten, und da sieht Tito es.

Rubén wird in Handschellen aus seinem Haus abgeführt.

Die Scheißsoldaten haben ihre Hände auf ihm drauf. Drücken seinen Kopf runter und stoßen ihn in einen Panzerwagen.

»Ich will jetzt gehen«, sagt Tito. »Ich muss ein paar Anrufe machen.«

Hinten im Polizeiwagen, ruft er zuallererst Caro an. »Die haben Rubén.«

»Schon gesehen«, sagt Caro. »Die behaupten, sie haben dreißig Gewehre und fünfhunderttausend Dollar in bar bei ihm gefunden. Wenn das stimmt, kann ihn kein Richter rauspauken. Das wird lange dauern.«

»Wie lange?«

»Keine Ahnung«, sagt Caro. »Tito, du musst dich beruhigen.«

Tito ist wütend.

Und hat Angst um seinen Sohn. Den Zetas gehören keine Gefängnisse in Jalisco, dafür besitzt Sinaloa die meisten.

»Das war Sinaloa«, sagt Tito.

»Aber welches Sinaloa? Das von Elena? Von Nuñez? Oder von Iván?«

Tito weiß es nicht. »Egal. Verflucht seien sie alle zusammen.«

»Heißt das, du steigst mit dem Heroin ein?«, fragt Caro. »Auch wenn es Krieg gegen Sinaloa bedeutet?«

»Sinaloa hat den Krieg gegen mich begonnen«, sagt Tito. »Scheiß drauf, ja, ich bin dabei.«

Tito legt auf.

Wenn meinem Sohn was passiert, denkt er, wird das einigen das Leben kosten.

Und sie werden tot bleiben.

Er packt das Jesuskind und steigt an der Kirche aus.


Ric steht in einer Traube von Menschen, als die Gläubigen die Virgen de Candelaria an ihnen vorbei in die Kirche Nuestra señora de Quilá tragen.

Dieses Ritual wird seit dreihundert Jahren immer an Lichtmess gefeiert, und die Straßen der kleinen Stadt am Rande von Culiacán sind voller Menschen, Zehntausende haben Spaß auf dem Fest mit den vielen Ständen, es gibt Essen, Spiele und Wanderkapellen. Jetzt drängt die Menge nach vorne, alle wollen die Jungfrau berühren oder wenigstens sehen. Sie ist hinter Plexiglas geschützt, bekleidet mit einer wasserblauen Seidenrobe mit Goldrändern.

Obwohl er auf Geheiß seines Vaters hier ist – weil das Kartell vertreten sein sollte und jemand aus der Familie gesehen werden muss, wobei bereits über das Erscheinen von El Ahijado getuschelt wurde –, gefällt Ric das pittoreske Fest in Quilá aus Gründen, die er gar nicht so genau benennen könnte.

Die meisten Menschen hier sind indios, und Ric findet ihren schlichten, wenn auch naiven Glauben an die Jungfrau rührend. Sie bitten sie um ihren Segen, um Gesundheit für einen geliebten Menschen, Heilung von einer chronischen Krankheit, Läuterung eines ungezogenen Kindes. Einige stehen am Weg, danken und lobpreisen sie wegen der Wunder, die sie bereits vollbracht hat. Ric hört von einem Mann, der plötzlich von der Arthrose in seiner Hüfte geheilt wurde, einer Frau, die nicht schwanger werden konnte und nun ihr erstes Kind geboren hatte, und einer alten Frau, die an grauem Star erkrankt war und deren Sehkraft nach einer erfolgreichen Operation auf wundersame Weise wiederhergestellt worden war.

Stell sich das mal einer vor, denkt Ric.

Die Ärzte bekommen keinen Dank, er geht allein an die Puppe in dem Plexiglaskasten. Das Ding erinnert ihn an die freakigen Spielzeugsammler, die eine Action-Figur kaufen, aber nicht auspacken, weil sie sonst sofort an Wert verlieren würde.

Trotzdem ist er wirklich gerührt von alldem.

Heute ist Karin bei ihm, und auch ihre gemeinsame Tochter Velaria, inzwischen zwei Jahre alt, die unglaublich aufgeregt ist, wegen des Lärms und der Farben – von dem ganzen Zucker, den sie an den verschiedenen Ständen zu sich genommen hat, mal ganz zu schweigen. Ihr hübsches weißes Festtagskleid ist verschmiert mit Schokolade, Puderzucker und etwas, das Ric nicht identifizieren kann, und jetzt hängt sie an Papas Hand, versucht, etwas von der Straße aufzuheben. Wir sind schreckliche Eltern, denkt Ric, obwohl er sich auf das Zuckertief freut, wenn er sie in ihren Buggy setzt und sie einschläft.

»Willst du in die Kirche gehen?«, fragt Karin, als die Jungfrau vorbeigezogen ist.

»Lieber nicht«, sagt Ric. Velaria wird in der Kirche durchdrehen, und sie müssen sie sowieso rausnehmen und …

Er sieht Ärger auf sich zukommen.

Melissa schiebt sich durch die Menge auf ihn zu. Das ist nicht richtig, denkt Ric. Ein Festtag wie dieser ist Ehefrauen vorbehalten, Freundinnen haben da nichts zu suchen, und Melissa weiß das.

Karin sieht sie ebenfalls. »Was will die denn?«

»Ich weiß es nicht«, sagt Ric, beunruhigt weil La China so ein ernstes Gesicht macht. Normalerweise würde sie bei so einer Gelegenheit höhnisch grinsen und eine abfällige Bemerkung machen, dass sie selbst auch noch Jungfrau wäre, wenn sie ihr Leben hinter Plexiglas hätte verbringen müssen, aber sie sieht eindeutig beunruhigt aus.

»Es geht um deinen Vater«, sagt Melissa, bevor Ric sie fragen kann. »Es wurde auf ihn geschossen.«

»Ist er …«

»Wissen wir nicht.«

Ric übergibt Karin seine Tochter und folgt Melissa zu einem wartenden Wagen.


Schon eigenartig, denkt Ric, als der Wagen zum Krankenhaus rast, dass er so intensiv empfindet. Es geht um den Vater, den er ganz gewiss nicht liebt, vielleicht nicht einmal leiden kann, und trotzdem pulsiert die Angst in ihm wie ein andauernder Stromschlag, und er betet stoßweise: Bitte, lass ihn nicht sterben, bitte, lass ihn nicht sterben … bitte, lass ihn nicht schon tot sein, bevor ich …

»Bevor du was?«, fragt Ric.

Dich verabschieden kannst?

Um Vergebung bitten?

Ihm vergeben kannst?

Melissa telefoniert, versucht herauszubekommen, was passiert ist. Im Moment wissen sie nur, dass Nuñez das Haus verlassen hat, um zum Gottesdienst in seiner Kirche in Eldorado zu gehen. Sein Wagen war der dritte in einem Konvoi, und als sie die gewundene Auffahrt des Anwesens verlassen wollten, war ihnen mit hoher Geschwindigkeit ein Truck entgegengekommen, aus dem heraus auf Nuñez’ Mercedes geschossen wurde.

»Und meine Mutter?«, fragt Ric.

»Ihr geht’s gut, sie wurde nicht getroffen.«

Gott sei Dank, denkt Ric.

»Wissen wir schon, wer das war?«, fragt Ric, denkt, bloß nicht Iván.

Und nicht Damien.

»Nein, die Täter sind abgehauen«, sagt Melissa. Sie liest die SMS. »Oh Gott …«

»Was?«

Sie antwortet nicht.

»Was?«

»Auf der Straße wird überall herumerzählt, dass dein Vater tot ist«, sagt sie.

Bitte mach, dass das nicht stimmt, denkt Ric.

»Du lieber Gott, Ric, das heißt, du bist …«

»Halt die Klappe, verdammt.«

Die Fahrt kommt ihm ewig lange vor, aber endlich treffen sie in dem kleinen Krankenhaus in Eldorado ein. Ric springt aus dem Wagen, noch bevor er richtig zum Stehen kommt, und rennt ins Wartezimmer. Seine Mutter steht auf und bricht in Tränen aus, als sie ihn sieht.

Sie wischt sich Glassplitter vom Kleid.

»Die Ärzte sagen, sie wissen es nicht«, sagt sie. »Sie wissen es nicht.«

Wahrscheinlich hat ihm die schwere Wagentür das Leben gerettet, erklärt der Arzt. Sie hat die Kugel in ihrer Wucht gebremst, bevor sie ihn in den Magen traf, den sie andernfalls vermutlich durchschlagen, und dann auch noch die Leber verletzt hätte. Die Kugel war bereits entfernt worden und die inneren Blutungen gestoppt, aber es gab immer noch das Risiko einer Sepsis. »Er braucht jetzt Ruhe«, ist die abgedroschene Formulierung, die der Arzt verwendet.

Ric holt seiner Mutter eine Tasse Tee aus der Krankenhaus-Cafeteria und findet Melissa draußen im Wagen.

»Ich will wissen, wie zum Teufel das überhaupt passieren konnte«, sagt Ric. »Ich will wissen, wer dahintersteckt, und ich will Vergeltung, noch bevor morgen früh die Sonne aufgeht.«

»Ich hab meine Leute drauf angesetzt«, sagt Melissa. »Alle seine Wachleute werden vernommen …«

»Was auch immer nötig ist, Melissa.«

»Natürlich«, sagt sie. »Und von wegen, wer dahintersteckt, bislang hat sich niemand dazu bekannt. Wahrscheinlich warten die erst mal, ob er’s überlebt oder nicht. Aber wenn du’s wissen willst, für mich steht dein lieber Freund Damien ganz oben auf der Liste der Kandidaten.«

Er ignoriert die Spitze. »Verbreite über Twitter, dass mein Vater im Sterben liegt. Lass seinen Priester kommen und eine Riesenshow abziehen. Dann wollen wir sehen, ob sich jemand zu dem Anschlag bekennt. Schick Leute rüber zu Damiens Mutter. Wenn er es war, wird er versuchen, seine Familie fortzubringen. Erklär ihnen, dass wir ihnen nichts tun wollen, aber sie sollen bleiben, wo sie sind.«

»Und wenn sie fortwollen?«

»Töte sie.«

Damien Tapia ist die eine Möglichkeit, denkt Ric.

Elena Sanchez ist die andere.

Sie ist unzufrieden damit, dass mein Vater nach dem Mord an Rudolfo nichts gegen Iván unternommen hat. Sie hat den Führungsanspruch meines Vaters infrage gestellt und behauptet, er würde das Kartell schwächen. Vielleicht hat sie beschlossen, ihren Worten Taten folgen zu lassen.

Aber sie ist klüger, denkt Ric. Sie weiß, dass sie Baja nicht gegen Iván und uns verteidigen kann, sollten wir beschließen, uns zusammenzutun, und das würden wir bestimmt. Ihrer Organisation fehlen jetzt schon Leute, und sie ist nicht so dumm, sich isolieren zu lassen.

Du musst auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass es Iván war.

Er ist immer noch sauer, weil er Baja aufgeben musste, denkt immer noch, dass eigentlich er das Kartell führen sollte. Vielleicht hält er den Esparza-Flügel für stark genug, um gegen den Nuñez-Flügel und Elena zu kämpfen; und machen wir uns nichts vor, vielleicht denkt er auch, dass er gewinnen kann, wenn du die Führung innehast und nicht dein Vater.

Wahrscheinlich hat er damit sogar recht.

Gerade im Krieg ist er ein viel besserer Anführer als du; und auch sonst, er ist ein besserer Anführer, Punkt.

Melissa gibt ihm das Handy und formt ein leises »Elena« mit den Lippen.

»Ich hab’s gerade erfahren«, sagt Elena. »Tut mir so leid. Wie geht es ihm?«

»Das wissen wir noch nicht.«

Schweigen, dann sagt sie. »Ich weiß, was du denkst.«

»Wirklich? Was denke ich denn, Elena?«

»Ich hatte meine Meinungsverschiedenheiten mit deinem Vater«, sagt Elena, »aber so etwas würde ich nie tun.«

»Das ist gut zu wissen.«

»Bitte grüße deine Mutter von mir«, sagt Elena. »Sag ihr, ich bete für ihn, für euch alle.«

Ric bedankt sich bei ihr und legt auf. Fragt sich, ob Elena aus echter Besorgnis angerufen hat oder um zu demonstrieren, dass nicht sie es war, die den Befehl gegeben hat. Oder um zu vertuschen, dass sie ihn gegeben hat. Er wendet sich an Melissa. »Wer hat meinen Vater heute gefahren?«

»Lopez.«

Gabriel Lopez, ein ehemaliger Polizist der Sinaloa State Police und schon, solange Ric denken kann, der Fahrer seines Vaters. Immer elegant gekleidet mit Krawatte, immer pünktlich, professionell und diskret. Er ist unverheiratet, kümmert sich hingebungsvoll um seine alte Mutter, die an Alzheimer leidet.

»Lebt er?«, fragt Ric.

»Er wurde nicht getroffen.«

»Wo ist er jetzt?«

»Hab ihn nicht mitgenommen«, sagt Melissa. »Ich hätte nie gedacht …«

»Hol ihn.«

Lopez geht nicht ans Telefon.

Die Mailbox schaltet sich ein.

Ric hinterlässt keine Nachricht.

»Er war’s«, sagt Ric.

»Aber wer hat ihn gekauft?«, fragt Melissa.

»Das werden wir erst erfahren, wenn wir mit ihm reden«, sagt Ric.

»Er ist weg«, sagt Melissa. »Wir kommen nicht an ihn ran.«

Wir müssen, denkt Ric. Wer auch immer versucht hat, meinen Vater zu töten, wird es wieder versuchen. Wir müssen herausfinden, wer es war.


Ric nimmt ein Video von Lopez’ Mutter auf und schickt es dem Fahrer seines Vaters. Sekunden später klingelt Rics Telefon.

Es ist Lopez.

»Du musst kommen, ich will mich mit dir unterhalten«, sagt Ric.

»Wenn ich komme, bringst du mich um.«

Ich kann nicht mehr der alte Ric sein. Ich habe jetzt selbst eine Familie, die ich beschützen muss. »Wenn du nicht kommst«, sagt Ric, »töte ich deine Mutter.«

Lopez verlässt sich drauf, dass ich noch der alte Ric bin, denkt Ric. Der nette, lockere Typ, dem es nicht im Traum einfallen würde, jemandes Familie etwas anzutun, ganz zu schweigen von einer hilflosen, dementen alten Dame, die, wenn überhaupt, nur wenig davon mitbekommt, was um sie herum geschieht.

Du lieber Gott, dachte er, als ich reingekommen bin, hat sie mich für ihren Gabriel gehalten.

Und tatsächlich sagt Lopez: »Das würdest du nicht tun.«

Ric nimmt die Pistole und hält sie der alten Dame an den Kopf. Mit der anderen Hand hält er sein Handy hoch: »Willst du’s sehen?«

Er spannt den Hahn.

»Nein!«, schreit Lopez. »Ich komme!«

»Du hast dreißig Minuten«, sagt Ric. »Und komm allein.«

Er ist in achtundzwanzig da.

Melissa tastet ihn ab und kassiert seine Glock.

Lopez küsst seine Mutter auf die Wange. »Mami, alles in Ordnung? Haben die dir was getan?«

»Gabriel?«

»Sí, Mami.«

»Hast du mir meine chilindrinas mitgebracht?«

»Dieses Mal nicht, Mami«, sagt Lopez.

Sie macht ein düsteres Gesicht und schaut zu Boden.

»Wo können wir reden?«, fragt Ric.

»In meinem Arbeitszimmer«, sagt Lopez.

Sie gehen in das kleine Zimmer, das ebenso aufgeräumt und sauber ist wie Lopez selbst. Ric macht Lopez Zeichen, er möge sich setzen. Melissa stellt sich vor die Tür, eine Waffe in der Hand.

»Ich war’s nicht«, sagt Lopez.

»Lüg mich nicht an, Gabriel«, sagt Ric. »Das macht mich wütend. Ich habe keine Zeit, die Wahrheit aus dir rauszupressen. Wenn du’s mir nicht gleich sagst, erschieße ich die alte Dame vor deinen Augen. Sag mir die Wahrheit, dann sorge ich dafür, dass sie die beste Pflege in Culiacán bekommt. Wer hat dich gekauft?«

Bitte, denkt Ric, lass ihn nicht »Iván« sagen.

»Tito«, sagt Lopez. »Ascención.«

»Warum?«

»Dein Vater hat die Armee auf ihn gehetzt«, sagt Lopez. »Hast du einen Schalldämpfer? Ich will nicht, dass sie Angst bekommt.«

Ric schaut Melissa an, die nickt und sagt: »Ich mach das.«

»Nein«, sagt Ric. »Ich muss es selbst machen.«

Wenn ich das delegiere, werden mich die Leute für schwach halten.

Und sie hätten recht damit.

Es muss sein, und ich muss es selbst machen.

»Bist du sicher?«, fragt Melissa. »Ich meine, ich weiß, dass du in Baja nur so getan hast als ob.«

»Ich bin sicher.«

Melissa befestigt den Schalldämpfer an ihrer Pistole und reicht sie Ric. Sein Herz rast, und er hat das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Er sagt zu Lopez: »Dreh dich um. Schau aus dem Fenster.«

Lopez dreht sich um und sagt: »Meine Papiere sind in der Schublade oben links. Alles ist geordnet. Donnerstags bringe ich ihr immer chilindrinas mit.«

»Wir schreiben es in die Dienstanweisung.« Ric muss sich anstrengen, damit seine Stimme nicht zittert.

Er hebt die Pistole.

Melissa hat gesagt, dass es ganz einfach ist – zielen und schießen.

Aber es ist nicht einfach.

Er richtet den Lauf auf Lopez’ Genick.

Das ist es, denkt er, wenn du jetzt abdrückst, gibt es kein Zurück mehr. Dann bist du ein Killer. Aber wenn du nicht abdrückst, werden dich die Leute, mit denen du Geschäfte machst, für schwach halten, sie werden deine Familie in Stücke reißen.

Deinen Vater in seinem Krankenhausbett umbringen.

Wenn er nicht schon tot ist.

Rics Hand zittert.

Er legt eine zweite Hand auf die Waffe, um sie ruhig zu halten.

Lopez weint.

Ric drückt ab.


Sein Vater wirkt grau.

Mit heiserer Stimme sagt er: »Ich muss dich sprechen … wir müssen herausfinden …«

»Tito war’s«, sagt Ric. »Er hat Lopez gekauft, damit er dich in die Falle lockt. Keine Sorge. Ich hab mich um ihn gekümmert.«

Nuñez nickt.

»Warum?«, fragt Ric. »Warum bist du auf Tito losgegangen?«

Nuñez schüttelt erneut den Kopf, als wollte er die Frage zurückweisen, weil sie ihn zu große Anstrengung kostet. »Ein Präventivschlag. Er wird es als Nächstes auf dich abgesehen haben. Du musst dich in Sicherheit bringen, geh …«

Er verliert das Bewusstsein.

Alle möglichen Signaltöne erklingen.

Eine Krankenschwester eilt herein, schiebt Ric beiseite und überprüft die Monitore.

Sie schlägt Alarm, woraufhin weitere Schwestern hereinkommen, dann ein Arzt, sie schieben Nuñez in den Gang hinaus und in den Operationssaal. Ric bekommt nicht alles mit, was gesagt wird, nur genug, um zu wissen, dass der Blutdruck seines Vaters gesunken ist und sie ihn noch mal »aufmachen« müssen, um die Blutungen zu stoppen.

Ric setzt sich zu seiner Mutter ins Wartezimmer.

Er hat Angst um seinen Vater, aber sagt sich, dass er sich jetzt keine Gefühle erlauben darf, er hat die Verantwortung, muss einen kühlen Kopf bewahren und nachdenken.

Wir befinden uns im Krieg gegen Tito Ascención und das Nuevo-Jalisco-Kartell, das nicht nur Jalisco kontrolliert, sondern größtenteils auch Michoacán und Gebiete in Guerrero. Außerdem haben sie Unternehmen in Mexico City und einen Hafen in Puerto Vallarta. Tito wird jetzt gegen Baja, Juárez und Laredo vorgehen und sich die Häfen in Manzanillo und Mazatlán aneignen wollen.

Tito ist ein Kämpfer – ein erfahrener bewährter Feldgeneral und ein skrupelloser Killer. Er hat bereits Kriege gewonnen. Die Menschen haben zu Recht Angst vor ihm, sie werden davor zurückschrecken, gegen ihn anzugehen, und auch einige unserer eigenen Leute werden auf seine Seite überwechseln, aus Angst oder einfach nur, weil sie glauben, er werde gewinnen.

Aber noch schlimmer ist, und Ric denkt dies wirklich ungerne, dass Tito seit Langem schon Iván eng verbunden ist. Er war Nacho Esparzas treuer Leibwächter, befehligte seine Sicherheitskräfte und seinen bewaffneten Flügel. Er kämpfte gegen das Golf-Kartell, Juárez und die Zetas, und das alles im Auftrag der Esparzas, und er hat sie alle geschlagen.

Sein nächster Schritt wird sein, sich an Iván zu wenden und ein Bündnis gegen uns und Elena vorzuschlagen. Wenn er das tut, und Iván darauf eingeht, sind wir erledigt.

Wir können nicht gewinnen.

Wenn das Nuevo-Jalisco-Kartell und der Esparza-Flügel ihre Kräfte vereinen, können wir nicht mehr mithalten. Sie werden ein neues Kartell bilden und uns zerstören.

Es gibt nur eine Möglichkeit.

Er weiß, er sollte sich Rat und Zustimmung bei seinem Vater holen – eigentlich müsste er diese Entscheidung treffen –, aber die brutale Wahrheit ist, er ist momentan nicht in der Lage dazu, und Ric hat keine Zeit zu warten.

Er geht nach draußen und telefoniert.


Auf der Fahrt zu dem Treffen weiß Ric, dass er tot ist, wenn er sich verrechnet hat – wenn Iván und Tito bereits einen Deal geschlossen haben.

Sie werden ihn in der Sekunde töten, in der er auftaucht.

Es war dumm, keine Security mitzunehmen, aber Ric fürchtet, damit genau das anzustoßen, was er unbedingt verhindern möchte – einen Krieg gegen Iván. Der ist so schon paranoid genug, hat Angst, den Anschlag auf Nuñez in die Schuhe geschoben zu bekommen, und wenn Ric mit Waffengewalt bei ihm auftaucht, wird Iván denken, es sei ein Angriff aus dem Hinterhalt.

Ric lässt es also drauf ankommen.

Er hat eine 9mm Glock im Hosenbund seiner Jeans, versteckt unter einer Tomateros-Baseball-Jacke.

»Die ist nicht gesichert, also schieß dir nicht in den Hintern«, hatte Melissa gesagt, als sie eine Kugel in die Kammer schob. »Einfach zielen und abdrücken.«

»Ich hoffe, das wird nicht nötig sein.«

»Du musst das nicht machen«, sagte sie, als er in den Wagen stieg. »Ich sollte dich das nicht machen lassen.«

»Du hast das gar nicht zu entscheiden.«

Sie grinste. »Hey, Ric? Jetzt bist du ja doch Michael Corleone.«

Iván hatte die Pemex-Raststätte am Highway 15 am südlichen Stadtrand als Treffpunkt vorgeschlagen, und als Ric dort auffährt, wünscht er, er hätte sich nicht damit einverstanden erklärt. Die Tankstelle befindet sich mitten auf einem großen Parkplatz, der spätnachts fast leer ist, nur einige wenige Sattelschlepper parken am Rand.

Und in jedem davon könnten bewaffnete Esparza-Leute sitzen.

Oder welche vom Nuevo-Jalisco-Kartell.

Oder beiden.

Er steigt aus dem Wagen und geht zur Raststätte. Ist ein langer Weg – er spürt die auf ihn gerichteten Waffen im Rücken.

Iván sitzt an einem Tisch in der Nähe der Kaffeemaschine, der Mikrowelle und dem Junkfood-Regal.

Ric schiebt sich auf den Sitz ihm gegenüber.

»Ich war’s nicht«, sagt Iván.

»Hab ich auch gar nicht behauptet.«

»Aber du hattest mich im Verdacht«, sagt Iván.

»Okay, ich hatte dich im Verdacht.«

»Kann ich dir nicht vorwerfen«, sagt Iván. »Wäre ein kluger Schachzug von mir gewesen. Wenn’s nicht um deinen Dad gegangen wäre …«

»Tito war’s«, sagt Ric, achtet auf Anzeichen von Erstaunen in Iváns Gesicht. Er wirkt tatsächlich überrascht, aber vielleicht tut er auch nur so.

»Siehst du, und ich hätte getippt, dass Damien dahintersteckt«, sagt Iván.

»Tito«, sagt Ric. »Mein Dad hat gegen ihn losgeschlagen.«

»Das ist ein schwerer Fehler«, sagt Iván. »Wenn man es auf Tito Ascención abgesehen hat, darf man ihn nicht verfehlen. Aber Rubén verhaften lassen? Das macht dich jetzt auch zur Zielscheibe.«

»Glaub mir, genau so fühle ich mich.«

»Also, warum sitzen wir hier?«

»Ich brauche dich auf unserer Seite«, sagt Ric.

»Ich weiß«, sagt Iván. »Aber … wenn ich ein paar Tage zurückdenke, daran, wie du mir eine Waffe an den Kopf gehalten hast – warum sollte ich zu dir halten?«

»Baja«, sagt Ric. »Wir geben es dir wieder.«

Iván denkt darüber nach und sagt: »Tito würde es mir auch geben.«

»Er hat Baja aber nicht, also kann er’s dir nicht geben.«

»Du auch nicht«, sagt Iván. »Elena hat Baja.«

»Ich werde ihr sagen, dass sie sich irrt.«

Iván grinst dreckig. »Du willst ihr das sagen?«

»Allerdings.«

»Dann läuft sie zu Tito über«, sagt Iván.

»Siehst du?«, sagt Ric. »Es wird also funktionieren.«

»Wir müssen gegen sie kämpfen, um es ihr abzunehmen.«

»Mit uns könntest du gewinnen«, sagt Ric.

»Mit Tito auch.«

»Kann sein.«

»Hey, Ric«, sagt Iván, »egal, auf wessen Seite ich mich stelle, es wird die Seite sein, die gewinnt.«

»Und das ist wohl der Grund, warum ich hier bin.«

Iván schaut sich um, dann aus dem Fenster. Er wendet sich wieder an Ric und sagt: »Ich könnte dich jederzeit an Tito verkaufen. Er würde viel bezahlen. Dann könnte er dich gegen Rubén tauschen.«

»Aber das wirst du nicht machen«, sagt Ric, obwohl er sich da keineswegs so sicher ist.

Iván lässt sich mit der Antwort lange Zeit, dann sagt er: »Nein, mache ich nicht. Also dann Baja, hm?«

»Du bekommst die Grenzübergänge und fast den gesamten Binnenmarkt. Ich will nur La Paz und Cabo behalten, die Bezirke, die wir sowieso schon haben.«

»Was ist mit Mazatlán?«

»Gehört dir.«

»Nichts für ungut«, sagt Iván. »Aber hat dein Vater das abgesegnet?«

»Noch nicht.«

»Wow«, sagt Iván. »Sieh mal einer an, du bist erwachsen geworden.«

»Haben wir einen Deal?«

»So weit schon«, sagt Iván. »Aber – und noch mal nichts für ungut – was ist, wenn dein Vater nicht durchkommt? Dann bist du der patrón. Ich weiß, du bist El Ahijado und so, aber ich weiß nicht, ob mir das passt.«

»Was willst du?«

»Ich bin der Nächste in der Reihe«, sagt Iván. »Natürlich nach deinem alten Herrn.«

»Wie schon gesagt«, erklärt Ric, »ich will’s gar nicht machen, aber …«

»Was?«

»Würde ich mich darauf einlassen«, sagt Ric, »hättest du ein Motiv, meinen Vater zu töten.«

Iván mustert ihn einige Sekunden lang. »Total erwachsen. In dem Fall, nein, wir haben keinen Deal, El Ahijado. Tito wird mir den Chefsessel überlassen.«

Alles bricht auseinander, denkt Ric, und ohne Deal kann ich nicht von dem Tisch hier aufstehen. Mein Vater wird mich hassen, aber …

»Ich sage dir, was wir machen«, sagt Ric. »Wenn mein Vater friedlich in seinem Bett stirbt oder sich zur Ruhe setzt, werde ich dir den Vortritt lassen. Wird er ermordet – egal von wem –, behalte ich den Job.«

»Ich werde deine Führung anfechten.«

»Dann wollen wir hoffen, dass es nicht dazu kommt«, sagt Ric. Er streckt die Hand aus. »Deal?«

Iván schüttelt seine Hand.

»Noch was«, sagt Ric. »Mein Vater wird nie etwas von unserer Verabredung erfahren.«

»Richte ihm meine besten Wünsche aus«, erwidert Iván. »Sag ihm, ich wünsche ihm eine vollständige und schnelle Genesung.«

Ric geht zurück zum Wagen und weiß, dass er den Deal hat, den er so dringend braucht, aber auch, dass er Iván ein Motiv geliefert hat, seinen Vater und ihn zu ermorden.

Er greift zum Telefon, um sich zu erkundigen, ob sein Vater noch lebt.


Am Abend des Lichtmesstags schwindet selbst Marisols Begeisterung für die Festtage.

Sie ist nicht in die Kirche gegangen, trinkt keinen atole, und kauft ganz bestimmt auch keine kleine Jesusfigur.

»Ich bin ausgefeiert«, sagt sie zu Keller, bemüht sich aber trotzdem, seinen Ausführungen zum Groundhog Day zu folgen.

»Also ein Murmeltier kommt aus seinem Bau«, sagt sie.

»Genau.«

»Und wenn es seinen eigenen Schatten sieht … was passiert da noch mal?«

»Dann dauert der Winter noch sechs Wochen.«

»Und wenn nicht«, sagt sie. »Ist dann Frühling?«

»Genau.«

»Was hat das eine mit dem anderen zu tun?«, fragt sie. »Wie kann ein Murmeltier, das seinen Schatten nicht sieht, dafür verantwortlich sein, dass es Frühling wird?«

»Ist nur so eine Tradition.«

»Eine bescheuerte.«

»Schon wahr«, sagt Keller. »An die tiefe innere Logik von Trauben um Mitternacht und aus dem Fenster gekipptem Wischwasser kommt das natürlich nicht heran.«

Er versucht erst gar nicht, ihr die Bedeutung des Groundhog Day zu erklären, den endlos wiederholten Tag, obwohl ihm sein eigener Tag definitiv wie ein Murmeltiertag vorgekommen war.

Zuerst der gescheiterte Versuch, einen mexikanischen Drogenbaron festzunehmen, in diesem Fall Tito Ascención vom Nuevo-Jalisco-Kartell. Dann der Mordanschlag auf den Kopf des Sinaloa-Kartells, Ricardo Nuñez.

In der Zwischenzeit hatte Roberto Orduña Erfolg gehabt. Nachdem er einen Hinweis erhalten hatte, hatte er mit seiner FES ein Haus in Zihuatanejo durchsucht und alle drei Rentería-Brüder festgenommen.

Orduña hatte Keller angerufen und es ihm erzählt.

»Was haben sie als Motiv angeführt?«, fragte Keller.

»Dass sie die Jugendlichen für Los Rojos gehalten haben«, sagte Orduña. »Traurig, oder?«

Keller kauft den Renterías die Los Rojos-Geschichte nicht ab, genauso wenig, wie er glaubt, dass Orduña einfach Glück hatte und alle gleichzeitig festnehmen konnte. Eddie Ruiz hatte ihre Namen genannt. Hatte er jetzt auch noch ihren Aufenthaltsort verraten?

Und von wem hat er den Befehl dazu erhalten?

Wenn Ruiz etwas anordnet, dann hat er entsprechende Anweisungen von oben bekommen.

»Wir denken, dass in dem Bus Heroin versteckt war«, sagte Keller.

»Haben Sie geheimdienstliche Informationen, die das bestätigen?«, fragte Orduña.

»Wir arbeiten daran.«

»Und wessen Heroin?«

»Von Sinaloa?«, schlug Keller vor. »Ricardo Nuñez?«

»Na ja, den hat es ja nun erwischt.«

»Wird er durchkommen?«

»Sieht so aus«, sagte Orduña. »Jetzt werden sich erst mal die beiden größten mexikanischen Kartelle an die Kehle gehen.«

Und täglich grüßt das Murmeltier, dachte Keller.

Wieder Krieg.

Wieder Tote.

Die Feiertage, sofern sie überhaupt etwas zum Feiern waren, sind vorbei.

9. Kojoten

»Fordere nie einen Kojoten heraus.«

Lora Leigh, Del-Reys Schwur

Bahia de los Piratas


Costa Rica


2015

Sean Callan dreht die Zündkerze aus dem Außenbordmotor seines panga und ersetzt sie durch eine neue.

Das Boot, ein sieben Jahre altes Yamaha-Modell, ist zweiundzwanzig Fuß lang, mit einem anderthalb Meter langen und fünfzehn Zentimeter breiten Deckbalken und noch gut in Schuss, weil Callan sich fast schon akribisch seiner Instandhaltung und Pflege verschrieben hat. Er fährt mit den Gästen zum Speerfischen, Schnorcheln oder einfach nur so raus, um den Sonnenuntergang zu bewundern, und deshalb hält Callan sein Boot tipptopp in Ordnung.

Mit dem Motor verbindet ihn eine Hassliebe, es ist ein Zweitakter, ein Fünfundvierzig-PS-E-Arrow, den er einem Fischer in Playa Carillo abgekauft hat. Er verlangt mehr Aufmerksamkeit als die reichen Frauen aus L.A., die das einfache Leben suchen, ohne dafür auf die Annehmlichkeiten der Zivilisation verzichten zu wollen – ein durchaus widersprüchliches Bedürfnis, dem Callan und Nora nur mit Mühe entsprechen können.

Nora, denkt Callan, gelingt dies meist sehr viel eleganter als mir.

Seit etwas mehr als zehn Jahren führen sie jetzt schon die kleine »Pension« – vier Bungalows und ein zwischen Bäumen versteckt liegendes Haupthaus ganz nah am Strand –, Nora hat es zu einem Erfolg gemacht, und inzwischen können sie ganz gut davon existieren. Es ist ein ruhiges Leben, besonders außerhalb der Saison, wenn sie den Ort praktisch für sich haben.

Callan liebt es hier.

Bahia de los Piratas ist ihm zur Heimat geworden, und er will nie wieder weg. Obwohl es ein eher abgelegener Ort ist, gerade weit genug von der größeren Urlaubsanlage Tamarindo und der Kleinstadt Matapalo entfernt, hat Callan alle Hände voll zu tun. Es gibt immer etwas, das erledigt werden muss.

Wenn er gerade keinen Motor repariert oder sich um das Boot kümmert, fährt er mit den Gästen raus aufs Wasser. Oder sie zwängen sich in seinen alten Landrover, und er verfrachtet sie nach Rincón de la Vieja, wo sie reiten oder wandern, oder er bringt sie zum Palo Verde Park, wo sie Krokodile, Nabelschweine und jaguarundis beobachten. Manchmal begleitet er die Vogelkundler, die immer wieder Zimmer bei Nora buchen, bringt Gäste in die Bars und Clubs in Tamarindo (meist fährt er sie nüchtern hin und holt sie betrunken wieder ab), zu Surf-Sessions oder eines der größeren Boote für Sportangler, die man mieten und auf denen man Speerfische fangen kann.

Wenn er sich nicht um die Kunden kümmert, dann sieht er in der Pension nach dem Rechten. Es gibt immer etwas zu reparieren, zu streichen oder zu flicken. Wenn das Dach nicht gedeckt werden muss, dann ist irgendwo frischer Putz nötig, oder es muss ein undichtes Rohr repariert werden. In der Nebensaison kümmert er sich um die Instandhaltung, verputzt Wände, schleift Fußböden ab und streicht die Decken.

Oder er arbeitet im Haupthaus, das ursprünglich in den Zwanzigerjahren gebaut wurde, leider aber völlig heruntergekommen war, als sie es zu einem Spottpreis erstanden. Jetzt restauriert er das Holz, die Geländer, die Handläufe, die Böden, die Terrasse mit Blick auf den Pazifik.

In der Werkstatt, die er ein ganzes Stück weit hinter dem Haus gebaut hatte, zimmert er gerade einen Esstisch aus wiederverwerteter spanischer Zeder. Er soll eine Geburtstagsüberraschung für Nora werden, und immer wenn er Zeit hat, arbeitet er daran.

In New York war Callan Tischler gewesen, ein hervorragender Handwerker, und er liebt diese Arbeit. Tatsächlich liebt er jegliche Arbeit – er liebt sie, egal ob draußen in den Parks, im Regenwald, am Ufer des Tempisque, auf dem Wasser.

Das Leben ist schön.

Nora nimmt sich der alltäglich anfallenden Aufgaben an, wobei Callan sie auch dabei unterstützt. Sie haben sich in ihrem Alltag eingerichtet. Sie wohnen oben im Haupthaus, stehen vor Morgengrauen auf und beginnen mit dem Frühstück unten in der Küche.

Ihre Helferin Maria ist meist schon da, wenn sie runterkommen, und Nora und sie machen Platten mit gallo pinto mit Eiern, Sauerrahm und Käse. Dazu stellen sie Schüsseln mit Papaya, Mango und Tamarinden bereit. Mehrere Kannen mit starkem Kaffee und Tee, außerdem Krüge mit horchata, dem Getränk aus Maismehl und Zimt, das hier in der Provinz Guanacaste serviert wird.

Normalerweise kommt Callan auf einen schnellen Kaffee herunter, und während die Gäste essen, vergewissert er sich, dass der Landrover funktioniert oder das Boot fit ist, wofür auch immer es am Vormittag gebraucht wird. Wenn es eine längere Fahrt werden soll, machen Nora und Maria Lunchpakete, dann räumen sie die Tische ab und fangen mit den Vorbereitungen für das Mittagessen an, das normalerweise aus casado besteht – Reis und Bohnen, serviert mit Huhn, Schwein oder Fisch.

Nach dem Mittagessen geht Nora meist nach oben zur Siesta – hält ihren »Schönheitsschlaf«, wie sie es nennt, wobei Callan findet, dass sie gar keinen nötig hat –, während die wenigen Angestellten, hauptsächlich Verwandte von Maria, Bettwäsche und Handtücher erneuern und die Zimmer für neu eintreffende Gäste fertig machen.

Callan hat meist keine Zeit für eine Siesta, obwohl er sich manchmal kurz zu Nora auf die mit kaltem Wasser besprenkelten Laken legt – eigentlich ist das seine Lieblingszeit des Tages.

Das Abendessen fällt meist bescheiden aus, da die meisten Gäste lieber in einem der Restaurants in Playa Grande oder Tamarindo essen. Aber Nora und Maria stellen boquitas mit patacones und arracaches bereit, außerdem kleine Teller mit ceviche oder chicharrón, anschließend servieren sie gegrillten Fisch – je nachdem, was Nora gerade in Playa Carrillo bekommen konnte –, oder es gibt olla de carne, der einheimische Eintopf aus Rind und cassava. Oder manchmal wird Nora auch kreativ und kocht französisch – steak frites oder coq au vin.

Zum Nachtisch gibt es meist Obstsalat, oder wenn Nora mal der Sinn nach etwas Gehaltvollerem steht, einen Tres leche-Kuchen, gefolgt von Kaffee und Brandy auf der Terrasse, wo sie sitzen und dem Wellenrauschen am Strand und den Geräuschen des Regenwaldes lauschen.

Normalerweise gehen sie früh zu Bett, es sei denn, Callan hat noch eine »Stadtfahrt« zu machen, muss noch Gäste abholen. Am nächsten Morgen starten sie wieder früh in den Tag.

Die Hochsaison – »die trockene Saison« – dauert ungefähr von Dezember bis April. Dann kommt der Regen, die grüne Saison, was in Guanacate meist bedeutet, dass es am späten Nachmittag oder frühen Abend ein paar Regenschauer gibt. Dadurch bleiben die Touristen fern, und Callan und Nora kümmern sich um alle liegen gebliebenen Reparaturarbeiten, haben mehr Zeit für Strandspaziergänge, fahren auch mal selbst mit dem Boot raus, gönnen sich mittags lange und liebevolle Siestas, essen ungestört zusammen und lieben sich, während der Regen auf das Blechdach prasselt.

Im Juli kommen die Touristen wieder.

Jetzt ist es März, die Hochsaison geht ihrem Ende entgegen, und Callan hat das panga auf den Strand gezogen, um die Zündkerzen auszutauschen, weil er manchmal an einem Riff vor Anker geht, und das Letzte, was er möchte, ist, kilometerweit draußen auf dem Meer von seinem Motor im Stich gelassen zu werden.

Jetzt um die Mittagszeit ist es heiß, um die 32 Grad, aber Callan lässt sein Hemd an. Die weiblichen Gäste scherzen gerne darüber, dass sie ihren gut aussehenden, muskulösen Gastgeber ohne Hemd sehen möchten, aber für einen so lässigen Typen ist Callan ganz schön schüchtern und findet, das wäre nicht »anständig«. Er trägt also ein übergroßes verwaschenes Jeanshemd zu alten Kakishorts, huaraches und eine ausgefranste Basecap. Beim Herausdrehen der Zündkerze schürft er sich die Fingerknöchel auf und flucht kurz.

Dann hört er hinter sich jemanden lachen.

Es ist Carlos.

Callan kennt Marías Sohn schon seit dessen Kindheit und muss sich ins Gedächtnis rufen, dass Carlos inzwischen kein Kind mehr ist, sondern ein erwachsener Mann mit einer Frau und zwei Kindern, für deren Unterhalt er ackert wie ein Pferd. Carlos hilft auf den Charterbooten aus und fährt mit den Fischern raus, er hat sich so den Arsch aufgerissen, dass er inzwischen genug Geld gespart hat, um ein 32’ Topaz Convertible Baujahr 1989 mit 735 hp Dieselmotor, Angelstuhl, Vorderkabine und voll ausgestatteter Bordküche anzuzahlen. Er will sich selbstständig machen.

Callan hat ihm geholfen, das Boot auf Vordermann zu bringen, so wie auch Carlos ihm hilft, wenn er jemanden zusätzlich braucht, der mit den Touristen aufs Wasser rausfährt, sie in einen der Parks bringt oder das Dach repariert.

Jetzt lacht Carlos und fragt: »Will der Motor nicht?«

»Er hat keine Chance«, sagt Callan.

»Du wirst alt«, sagt Carlos.

Callan ist vierundfünfzig und derselben Meinung. Sein schulterlanges Haar ist von silbrigen Strähnen durchzogen. »Aber dafür siehst du scheiße aus.«

»War die ganze Nacht draußen.«

»Mit Bustamente?«

»Klar.«

Callan fragt: »Was gefangen?«

»Thunfisch«, sagt Carlos. »Soll ich die Zündkerze rausdrehen?«

»Nein, ich hab sie.« Callan dreht die Zange noch einmal und hat endlich die Zündkerze in der Hand. »Hast du schon was gegessen? Im Haus gibt’s jetzt Mittagessen, und es ist nicht viel los.«

Nur vier Gäste – zwei Vogelkundler mittleren Alters und ein Hippiepärchen.

»Hab keinen Hunger«, sagt Carlos und klopft sich auf den Bauch.

Den er ebenso wenig hat. Wie María sagt: »Wenn Carlos irgendwo Fett hat, dann höchstens im Kopf.« Er ist schlank, muskulös und sieht teuflisch gut aus. Wäre er Elisa kein so treuer Ehemann, käme er wegen der vielen Touristinnen hier nächtelang nicht zum Schlafen.

Jetzt hilft er Callan beim Auswechseln der Zündkerzen, und sie verabreden sich, um weiter an Carlos’ Boot zu arbeiten – er will einen neuen Holzboden in die Vorderkabine legen. Sie unterhalten sich noch ein bisschen – über das Wetter, das Fischen, Baseball, den üblichen Blödsinn –, dann geht Carlos zur Arbeit auf einem Charterboot, Speerfische fangen.

Callan kehrt ins Haus zurück, er will nachfragen, ob die Gäste Lust haben, zum Schnorcheln rauszufahren.

Nora ist in der Küche, schneidet Gemüse.

Sie sind jetzt – von ein paar Unterbrechungen abgesehen – seit sechzehn Jahren zusammen, und er bekommt immer noch Herzklopfen bei ihrem Anblick.

Nora Hayden ist eine umwerfend schöne Frau.

Haare, die man nicht anders als golden bezeichnen kann und die sie, seit sie in den Tropen lebt, kürzer trägt als früher.

Blaue Augen so klar und warm wie der Pazifik.

Sie ist jetzt vierundvierzig, denkt Callan, und hat nie besser ausgesehen, sie ist schlank vom Schwimmen und dem Yoga, und die kleinen Falten um die Augen und den Mund machen sie nur noch interessanter.

Aber das ist nur die Verpackung.

Unter der äußeren Hülle, das weiß Callan, verbirgt sich reines Gold.

Nora ist klug, viel klüger als er, eine tolle Geschäftsfrau, und sie besitzt das Herz einer Löwin.

Er liebt sie über alles.

Jetzt tritt er von hinten an sie heran, schlingt seine Arme um ihre Hüfte und sagt: »Wie ist dein Tag?«

Sie neigt den Kopf nach hinten und küsst ihn auf die Wange. »Gut. Und deiner?«

»Gut«, sagt Callan. »Was willst du heute Abend zu essen machen?«

»Weiß nicht«, sagt Nora. »Kommt drauf an, was ich finde.«

»Carlos sagt, sie haben Thunfisch gefangen.«

»Wer?«

»Bustamente.«

Nora schüttelt den Kopf. »Nein, hat er nicht. María war heute Morgen dort, er hatte gar nichts.«

»Komisch«, sagt Callan. »Carlos hat gesagt, sie waren gestern Nacht draußen.«

Nora zuckt mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ist das Boot bereit?«

»Ja.«

Er fährt mit den Gästen zum Schnorcheln raus und bringt genauso viele wieder zurück, wie er mit aufs Wasser genommen hat, was schon mal eine Mindestanforderung ist – dann duscht er und fährt die Gäste in ein Restaurant in der Stadt.

Kommt zurück, um mit Nora zu essen.

Da die Gäste nicht mitessen, hat sie nur ein ganz schlichtes Gericht aus Reis und Bohnen gemacht, das Callan verschlingt.

»Freust du dich auf die Nebensaison?«, fragt Nora.

»Ein bisschen.«

Total, denkt Nora. Sie kennt ihren Mann. Er ist ein sehr in sich gekehrter Mensch, eine stille Person, aber, soweit ihr kleiner Betrieb dies erfordert, im Umgang mit den Gästen sehr gewandt – wenn er will, kann er äußerst charmant sein –, trotzdem weiß sie, dass ihm dies nicht von Natur aus leichtfällt und er eigentlich die Einsamkeit vorzieht.

Er wäre lieber mit seiner Arbeit allein. Und mit ihr.

Auch Nora freut sich auf ein bisschen Ruhe.

Ihr macht das Hotel Spaß, sie ist gerne Gastgeberin, mag die meisten Gäste, viele kommen immer wieder, aber es wird auch schön sein, ein bisschen mehr Zeit für sich und mit Sean zu haben. Bei Sonnenuntergang am Strand spazieren gehen, wofür kaum Zeit bleibt, wenn das Haus voll ist.

Nora ist sehr glücklich mit ihrem Leben.

Dem Rhythmus der Tage und Nächte, den verschiedenen Jahreszeiten.

Sie hätte nie gedacht, dass sie einmal so glücklich werden würde, aber sie ist es.

Nach dem Essen und dem Kaffee fährt Callan wieder nach Tamarindo und holt die Gäste ab. Er trifft sie am Crazy Monkey. Die Vogelkundler beenden gerade noch ihr Dessert, die Hippies sind zum Tanzen in der Disco, er hat also noch ein bisschen Zeit totzuschlagen. Er setzt sich und trinkt ein Bier.

Von der Bar aus sieht Callan Mexikaner vor der Disco stehen. Sie fallen auf in ihren Norteño-Cowboyklamotten.

Das ist eine relativ neue Entwicklung hier in Guanacaste, dass Dutzende von Mexikanern, hauptsächlich Männer, hin und wieder auch mit ihren Freundinnen, im Rudel auftauchen. Er sieht sie im Crazy Monkey, dem Pacífico oder im Sharkey, wo sie fútbol oder einen Boxkampf im Fernsehen schauen.

Callan gefällt das nicht.

Er hat nichts gegen Mexikaner. Wirklich nicht – aber gegen diese Mexikaner schon.

»Bald kommt die Regenzeit«, sagt der Barmann, reicht ihm ein Rancho Humo und schüttelt den Kopf, als Callan nach seiner Brieftasche greift.

Callan legt ihm ein Trinkgeld hin, mehr, als das Bier gekostet hätte. »Bleibst du hier?«

»Nein«, sagt der Barmann, »ich fahr nach San José, meine Familie besuchen.«

»Schön.«

Er dreht sich um und sieht Carlos.

In der Disco, wie er mit einem der Mexikaner redet. Ein stämmiger, korpulenter Typ Mitte dreißig, ganz offensichtlich ein Alphatier und der Anführer seines Rudels. Er ist ein kleines bisschen besser gekleidet als die anderen, ein bisschen gepflegter.

Der jefe, denkt Callan. Er hat ihn schon öfter mit den anderen beiden in Tamarindo gesehen. Jetzt sieht er Carlos nicken und dem jefe die Hand schütteln.


Callan trinkt sein Bier aus, holt die Gäste und fährt sie nach Hause.

Aber er kann nicht einschlafen.

Callan ist einer, der sich nie in anderer Leute Angelegenheiten mischt, und er weiß, er sollte es auch jetzt nicht tun.

Aber Carlos ist Marías Sohn.

Und Callan mag Carlos.

Also geht er am nächsten Morgen zu Carlos’ Boot, als dieser gerade daran arbeitet, und springt an Bord.

»Ich dachte, wir wären für Samstag verabredet«, sagt Carlos.

»Sind wir auch«, sagt Callan. »Ich wollte mit dir reden.«

»Worüber?«

»Das, was du machst.«

Carlos guckt beunruhigt. »Was mache ich denn?«

»Komm schon, Mann«, sagt Callan.

»Ich weiß nicht, wovon du sprichst.«

»Von den Kokstransporten für Bustamente«, sagt Callan.

Deretwegen sich die Mexikaner hier herumtreiben. Sie fliegen das Kokain aus Südamerika her, verladen es auf kleine Boote, die es zu größeren Schiffen bringen, die es wiederum nach Mexiko oder sogar bis Kalifornien fahren.

Die einheimischen Fischer lassen sich für diese Transporte bezahlen.

Callan kann das verstehen – mit der Fischerei läuft es oft nicht gut, und selbst wenn, bringt sie nicht annähernd so viel ein, wie man mit den Kokstransporten verdienen kann – ein Monatslohn und mehr in einer einzigen Nacht.

»Ich hab nicht …«

»Komm mir nicht blöd.«

Carlos wird sauer. »Das geht dich doch überhaupt nichts an.«

»Hör mal, ich kann’s ja verstehen«, sagt Callan. »Mit ein paar solcher Fahrten kannst du das Boot abbezahlen, und dann hast du dein eigenes Unternehmen. Und das ist dein Traum, oder? Aber ich kenne diese Leute. Glaub mir, mit denen willst du keine Geschäfte machen. Wenn du das Geld für das Boot zusammenhast, meinst du, dann kannst du einfach so wieder aufhören. Das lassen die nicht zu, Carlos. Die werden wollen, dass du mit deinem Boot rausfährst.«

»Dann sage ich Nein.«

»Solchen Leuten kann man nichts abschlagen.«

»Wie kommt es, dass du dich so genau damit auskennst?«, fragt Carlos.

»Ich weiß es eben«, sagt Callan. »Das ist nichts für dich.«

»Nein?«, fragt Carlos. »Was ist denn was für mich, Callan? Soll ich den Rest meines Lebens dein kleiner süßer Bootsjunge bleiben?«

»Wenn du dir dein eigenes Boot kaufst, kannst du dein eigenes Charterunternehmen gründen.«

»Das würde Jahre dauern.«

Callan zuckt mit den Schultern.

»Du hast leicht reden«, sagt Carlos. »Du hast die Pension.«

Schon wahr, denkt Callan. Aber er sagt: »Ich will dir nur ein Freund sein, Mann.«

»Dann sei ein Freund«, sagt Carlos. »Und sag meiner Mom nichts davon.«

»Mach ich nicht«, sagt Callan. »Aber was glaubst du, wie’s ihr geht, wenn sie dich ins Gefängnis stecken?«

Carlos grinst. »Dafür müssen sie mich erst mal erwischen.«

»Liest du Zeitung, Carlos?«, fragt Callan. »Schaust du Nachrichten? Die Regierung von Costa Rica hat gerade ihr Abkommen mit den Vereinigten Staaten erneuert. Da draußen fährt die verdammte US-Küstenwache rum. Zusammen mit der DEA.«

Das kann nicht gut gehen.


Gleich am nächsten Nachmittag, als Callan im Boot sitzt und Salzwasser herausschrubbt, kommt der jefe zu ihm.

»Schönes Boot«, sagt er mit schmierigem Grinsen im Gesicht.

»Danke.«

»Bist du Donovan?«

»Richtig.« Das ist der Name, den Callan hier benutzt.

»Der Freund von Carlos.«

»Schon wieder richtig«, sagt Callan, denn es hat keinen Sinn, es rauszuzögern. »Was willst du?«

Das Grinsen verschwindet. »Ich will, dass du dich um deinen eigenen Scheiß kümmerst.«

»Woher weißt du«, fragt Callan, »was mein eigener Scheiß ist?«

»Ich weiß, dass meine Angelegenheiten nicht deine sind«, sagt der jefe.

»Schau mal«, sagt Callan, »du kannst so viel Boote und Fischer haben, wie du willst. Ich bitte dich nur, lass diesen einen Jungen in Ruhe.«

»Du weißt doch, wie das läuft«, sagt der jefe, »wenn man bei einem eine Ausnahme macht, muss man bei allen eine machen. Und dann ist es keine Ausnahme mehr.«

»Nur der eine Junge, mehr will ich nicht.«

»Wir brauchen keine Scheiß-yanquis«, sagt der jefe, »die hier runterkommen und uns sagen, was wir zu tun und zu lassen haben.«

»Scheißmexikaner brauchen wir auch keine.«

»Hast du was gegen Mexikaner?«

»Ich hab was gegen dich«, sagt Callan.

»Weißt du, wer wir sind?«

»Ungefähr.«

»Wir gehören zu Sinaloa«, sagt der jefe. »Mit uns legt man sich nicht an. Und du lässt Carlos machen, was er will.«

»Er ist ein erwachsener Mann«, sagt Callan. »Er kann machen, was er will.«

»Richtig.«

»Eben«, sagt Callan.

»Leg dich nicht mit uns an.«

»Das hast du schon gesagt.«

Der jefe bedenkt ihn mit einem bösen Bobby-Badass-Blick und geht. Callan sieht ihm hinterher.

Ich hätte mich nicht einmischen sollen, denkt er.

Die nächsten Wochen über bleibt alles ruhig. Der Regen kommt, und die Touristen reisen ab, abgesehen von einigen wenigen Abenteurern, die auf neue Erfahrungen und ein Schnäppchen aus sind. Callan sieht den jefe noch ein paarmal in der Stadt, einmal in der Monkey Bar, ein anderes Mal im Pacífico. Und einmal sogar mit Carlos, aber Callan schaut weg, als der jefe ihn dreckig angrinst.

Callan spricht das Thema nicht noch einmal gegenüber Carlos an. Sie arbeiten an seinem Boot, flicken die Dächer der Gästehäuser und reden dabei über alles Mögliche, nur nicht das. Ich hab’s versucht, denkt Callan, Carlos ist ein erwachsener Mann, und es wäre kränkend, würde ich noch mal auf das Thema zu sprechen kommen.

Das Leben geht seinen gewohnten Gang.

Callan verbringt den Großteil seiner Zeit mit Reparaturen, schleicht sich nachmittags in seine Werkstatt, um an Noras Esstisch zu arbeiten. Kurz vor Sonnenuntergang, geht er mit Nora am Strand spazieren, oft sogar im Regen, denn der Regen ist warm, und es macht ihnen nichts aus, nass zu werden. Sie essen zu zweit, lieben sich unter dem Blechdach.

Eines frühen Morgens im Mai wacht er im Dunkeln auf, weil er von unten Geräusche hört.

Es ist María, und sie weint.

Als er in die Küche kommt, hält Nora María in den Armen.

»Sie haben Carlos!«, schluchzt María. »Sie haben Carlos!«

Sie warten, bis sie sich ein bisschen beruhigt hat, um mehr aus ihr herauszubekommen. Oder zumindest das, was sie weiß. »Es gab einen Polizeieinsatz draußen auf dem Wasser, angeblich haben sie Kokain gefunden. Elf Ticos wurden verhaftet.«

Unter anderem Carlos.

Callan fährt in die Stadt, um weitere Einzelheiten in Erfahrung zu bringen.

Der örtliche Polizeichef spricht mit ihm.

Es sieht nicht gut aus. Es handelt sich um die größte Beschlagnahme, die es in Costa Rica je gegeben hat. Zwei Tonnen Koks. Auf Bustamentes Boot und noch einem anderen. Elf Festnahmen, allesamt junge Männer, kein Einziger davon vorbestraft.

Alles Fischer, das weiß Callan.

Wegen des Geldes in Versuchung geraten.

Und jetzt sind sie erledigt.

Zwei Tonnen Koks? Egal, ob sie in Costa Rica oder den Vereinigten Staaten vor Gericht gestellt werden, ihnen stehen Jahrzehnte hinter Gittern bevor.

Callan fährt zurück, und Nora und er versuchen, María zu beruhigen. Sie werden Carlos einen Anwalt besorgen, vielleicht kann er ja irgendeine Art Deal heraushandeln …

Aber Callan weiß, dass das nicht funktionieren wird.

Wenn Carlos sich auf einen Deal einlässt, wenn er Namen nennt oder aussagt, ist er tot. Die kommen auch im Gefängnis an ihn ran.

Und vielleicht bringen sie ihn einfach sowieso um, nur um auf Nummer sicher zu gehen.

In der Nacht kommt der jefe zurück.

Er hat zwei Männer bei sich.

Sie bleiben ein Stück weiter hinten und an der Seite stehen.

Callan deckt die panga ab, weil wohl ein schwerer Sturm aufziehen soll. Er springt vom Boot, als sich der jefe nähert.

»Hast du gehört, was passiert ist?«, fragt er.

»Hab ich.«

»Ich frag mich, ob du was damit zu tun hast.«

»Hab ich nicht.«

»Ich weiß nicht«, sagt der jefe. »Sprich lieber mit deinem Jungen und sag ihm, dass er den Mund halten soll.«

»Wahrscheinlich weiß er das schon.«

»Und wenn nicht?«, fragt der jefe. »Wenn er redet, töte ich ihn, seine Mutter, dich und deine hübsche Frau …«

Mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung zieht Callan die Pistole unter seinem Hemd hervor.

Noch bevor der jefe die Augen aufreißen kann, setzt Callan ihm zwei Kugeln dazwischen.

Einer der Männer des jefe will nach seiner Waffe greifen, aber er ist viel zu langsam. Callan schießt ihm zweimal mitten ins Gesicht, schwenkt herum und wiederholt den Vorgang bei dem Dritten.

Drei Tote in genauso vielen Sekunden.

Sean Callan, alias John Donovan, war in seinem früheren Leben auch bekannt als »Billy the Kid« Callan.

Killer im Auftrag der irischen Mafia.

Killer im Auftrag der italienischen Mafia.

Und Killer im Auftrag von Adán Barrera.

Das alles ist lange her, aber manche Dinge verlernt man nicht.

Callan packt die drei Leichen auf sein Boot und fährt mit ihnen raus, steckt ihnen Tauchergewichte in die Klamotten und hievt sie über Bord. Dann wirft er die Pistole, eine 9mm Sig, hinterher – er hat sie lange besessen und wird sie vermissen.

Inzwischen regnet es stark, und Nora ist neugierig, als er völlig durchnässt nach Hause kommt. Er sagt ihr genau, was passiert ist, weil sie einander nicht anlügen und sie nach allem, was sie selbst erlebt hat, sich auch nicht so leicht aus der Fassung bringen lässt.

Aber es beunruhigt sie, dass die Sinaloaner bis nach Tamarindo vorgerückt sind. Es ist lange her, und die meisten, die sie damals kannte, sind inzwischen tot oder im Gefängnis, aber damals war sie Adán Barreras legendäre Geliebte gewesen. Er war der Herr der Lüfte und sie seine Frau, und möglicherweise gab es immer noch Personen, die sie erkennen und sich an sie erinnern würden.

Sie hofft es nicht, sie ist hier glücklich, hat endlich Frieden gefunden, und sie will nicht wieder fliehen müssen. Aber wenn es nicht anders geht ….

Sie haben Geld auf Nummernkonten auf den Kaimani-Inseln, in der Schweiz und auf den Cook-Inseln. Sie versuchen, möglichst nur von dem zu leben, was die Pension abwirft, aber wenn sie verschwinden müssen und Geld dafür brauchen, dann ist genug da.

»Ruf María an«, sagt Callan. »Sag ihr, es ist okay, wenn Carlos Namen nennt.«

»Bist du sicher?«

»Diejenigen, deren Namen er nennen wird, sind tot«, sagt Callan. Wenn Carlos einen Deal herausschlagen kann, sollte er das machen. Alle elf sollten das machen – dem Kartell ist scheißegal, wenn die Namen von Toten verraten werden.

»Und wenn das Kartell dann noch mehr Leute schickt?«, fragt Nora.

»Das werden sie nicht müssen«, sagt Callan.

Weil er zum Kartell hingeht.

Callan war seit achtzehn Jahren nicht mehr in Mexiko gewesen.

Nach einer Schießerei am Flughafen Guadalajara, bei der der beste Mensch, den er je gekannt hatte, ums Leben kam, hatte er das Land verlassen und war nie wieder zurückgekehrt.

Padre Juan Parada war sein bester Freund gewesen.

Und auch der von Nora.

Adán Barrera hatte ihn in eine Falle gelockt und ermorden lassen.

Danach war Callan ausgestiegen – es war der Gnade Gottes zu verdanken, dass Nora und er sich gefunden hatten, und manchmal denkt Callan, dass das Padre Juan zu verdanken war und er seitdem auf sie beide aufpasst.

Aber jetzt ist Callan wieder in TJ.

Nora ebenfalls. Sie wollte ihn nicht allein fahren lassen, und schließlich war es ihr gelungen, ihn zu überreden. Er hatte zugeben müssen, dass sie bei ihm sicherer war als allein in Costa Rica.

Er weiß, wenn er ihrer beider Leben retten will, dann hier.

Am Flughafen mieten sie einen Wagen.

»Werden bei dir auch alte Erinnerungen wach?«, fragt Nora, als sie durch Tijuana fahren.

»An ein anderes Leben.«

»So anders anscheinend doch nicht.«

Sie fahren zum Marriott in Chapultepec und checken als Mr und Mrs Mark Adamson ein, mit Pässen, die ihnen Art Keller vor Jahren besorgt hat. Das Zimmer ist hell und freundlich – weiße Bettwäsche und Kissen, weiße Vorhänge, sauber, fast schon antiseptisch.

Callan vermisst Bahia jetzt schon.

Er duscht und rasiert sich vorsichtig, kämmt sich die Haare und zieht ein sauberes weißes guyabera zur Jeans an.

»Bleib im Hotel«, sagt er zu Nora.

»Jawohl, Sir.«

Callan lächelt schuldbewusst. »Bitte bleib im Hotel.«

»Mach ich.«

»Ich hätte ein besseres Gefühl, wenn du in San Diego wärst.«

Bis zur Grenze sind es keine zwei Meilen.

»Aber ich nicht«, sagt Nora. »Mir wird nichts passieren. Wie willst du sie finden?«

»Gar nicht«, sagt Callan. »Ich lasse mich finden. Ich schätze, dass ich in ein paar Stunden wieder da bin. Wenn nicht, nimmst du deinen Pass, überquerst die Brücke und kontaktierst Keller. Er wird wissen, was zu tun ist.«

»Ich hab seit sechzehn Jahren nicht mehr mit Art Keller gesprochen.«

»Er erinnert sich bestimmt an dich.« Er küsst sie. »Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich auch.«

Der Hoteldiener bringt den Wagen, und Callan fährt nach Rosarito. Der Club Bombay befindet sich direkt am Strand. Früher war das einer ihrer Treffpunkte gewesen.

Er setzt sich an die Bar und bestellt ein Tecate.

Fragt den Barmann: »Gehört der Laden noch den Barreras?«

Dem Barmann gefällt die Frage nicht. Er zuckt mit den Schultern und fragt: »Sind Sie Reporter?«

»Nein«, sagt Callan. »Ich hab früher für Adán gearbeitet.«

»Ich glaube nicht, dass ich Sie kenne.« Der Barmann betrachtet ihn genauer.

»Bin lange nicht mehr hier gewesen«, sagt Callan.

Der Barmann nickt und geht in die Küche. Callan weiß, dass er telefonieren wird.

Zwanzig Minuten später trifft ein Polizist ein.

Keiner von hier, sondern ein Baja State Cop in Zivil.

Er geht zu Callan und kommt gleich zur Sache. »Wir beide sollten mal spazieren gehen.«

»Ich wollte noch mein Bier austrinken.«

»In der Sonne schmeckt es noch viel besser«, sagt der Cop. »Keine Sorge, Sie bekommen keinen Strafzettel.«

Sie gehen hinaus auf die Avenida Eucalipto.

»Amerikaner?«, fragt der Cop.

»Früher mal.«

»Aus New York?«, fragt er.

»Woher wissen Sie das?«

»Ist eine Touristenstadt hier«, sagt der Cop. »Da kennt man die verschiedenen Akzente. Was führt Sie her, warum erkundigen Sie sich nach den Barreras?«

»Wegen der alten Zeiten.«

»Was haben Sie für El Señor gemacht?«

Callan sieht ihn direkt an. »Getötet.«

Der Cop zuckt mit keiner Wimper. »Und deshalb sind Sie hier?«

»Ich bin hier, damit ich das nie wieder machen muss.«

Der Cop geht mit ihm zu seinem am Strand parkenden Wagen. »Steigen Sie ein.«

»Die erste Regel, die ein yanqui beachten muss, wenn er in Mexiko überleben will, lautet: Steig niemals in den Wagen eines Cops«, sagt Callan.

»Das war keine Bitte, Mister …«

»Callan. Sean Callan.«

Innerhalb von Sekunden hat der Cop seine Pistole gezogen und hält sie Callan an den Kopf. »Steigen Sie in den Scheißwagen, Callan.«

Callan steigt ein.


Auch achtzehn Jahre später lebt die Legende von »Billy the Kid« Callan. Der Amerikaner war einst einer der wichtigsten Killer von Adán Barrera im Krieg gegen Guero Palma. Er hatte ihm bei einem Attentatsversuch in Puerto Vallarta das Leben gerettet, in Tijuana in der Avenida Revolución neben Raúl gekämpft und war auch am Flughafen dabei gewesen, als Padre Parada erschossen wurde.

Über »Billy the Kid« Callan werden Lieder gesungen, und jetzt sitzt er hinten in einem zivilen Polizeifahrzeug und lauscht dem Bullen, der telefoniert, um herauszufinden, was er mit ihm anstellen soll.

Callan spricht inzwischen ganz gut Spanisch, er versteht also, was der Cop sagt. Unter anderem schnappt er den Satz auf: »Sollen wir ihn einfach umlegen?« Der Cop telefoniert ziemlich lange mit verschiedenen Leuten, anscheinend gibt es eine Diskussion, dann aber steckt er das Handy ein und lässt den Wagen an.

»Wo fahren wir hin?«, fragt Callan.

»Werden Sie schon sehen.«

Cops sind Cops, denkt Callan. Ganz egal, welcher Nationalität sie angehören, sie stellen immer lieber Fragen, als dass sie welche beantworten. Er lehnt sich zurück und gibt den Versuch auf, sich weiter zu unterhalten. Der Wagen fährt über die Route 10 an der Küste entlang durch Puerto Nuevo und La Misión, am Anfang der Route 3 fährt er ab.

Am Straßenrand steht ein Transporter.

Drei Männer mit Mac-10-Maschinenpistolen steigen aus und richten diese auf Callan, während ihn der Cop aus dem Wagen zerrt und übergibt. Einer der Sicherheitsleute tastet Callan ab.

»Meinst du nicht, ich hätte es mitbekommen, wenn er bewaffnet wäre?«, fragt der Cop genervt.

»Ich geh nur auf Nummer sicher.«

Der Cop schüttelt den Kopf, steigt in seinen Wagen und fährt davon. Der Sicherheitsmann führt Callan zum Transporter, schiebt ihn hinein.

Während der Transporter in südlicher Richtung nach El Sauzal fährt, nimmt ein anderer Mann, den Callan auf Mitte vierzig schätzt, ihn sich vor: »Was willst du? Was machst du hier?«

Er ist kein Mexikaner, Callan hält ihn für einen Israeli. Was ihn nicht sonderlich wundert – die Barreras hatten früher viele ehemalige israelische Militärangehörige als Sicherheitskräfte engagiert.

»Ich will mit Señora Sanchez sprechen.«

»Warum? Wozu?«, fragt der Israeli.

»Es gibt ein Problem.«

»Was für eins?«, fragt der Israeli. »Hat Iván dich geschickt?«

»Wer ist Iván?«

»Wer hat dich geschickt?«

»Niemand«, sagt Callan. »Ich komme allein.«

»Warum?«

»Soll das jetzt ewig so weitergehen?«, fragt Callan.

»Nicht unbedingt«, sagt der Israeli. »Wir können dich auch erschießen und tot am Straßenrand liegen lassen.«

»Könnt ihr«, sagt Callan, »aber das würde deiner Chefin nicht gefallen.«

»Warum nicht?«

»Weil ich ihrem Bruder das Leben gerettet habe«, sagt Callan.

»Davon hab ich gehört, darüber werden Lieder gesungen«, sagt der Israeli. »Aber in Liedern wird immer viel behauptet, was nicht stimmt, ›I’ll love you forever‹, ›You’re my everything‹ …«

»›Santa Claus is coming to town‹ …«

»Genau.« Er ruft nach vorne, lässt den Transporter halten. Der Wagen kommt zum Stehen, und Callan wird auf ein freies Feld gezerrt, das wohl mal ein Baseballplatz war, jetzt aber einfach nur noch aus Staub und Kies besteht.

Sie prügeln auf ihn ein. Es hagelt Schläge und Tritte, alle auf den Körper, nicht ins Gesicht oder auf den Kopf, Callan gibt sich Mühe, sich zu decken und auf den Füßen zu bleiben, während ihm der Israeli weiter Vorträge hält. »Du kommst nicht hierher und stellst Fragen über die Barreras. Du kommst nicht her, ohne dass du darum gebeten wurdest. Meinst du, wir schauen zu, wenn ein bekannter Gangster einfach so auf unser Gebiet spaziert? Warum bist du wirklich hier? Was willst du? Sag es mir, dann hören wir auf.«

»Ich hab es dir gesagt.«

»Mir reicht’s«, sagt der Israeli.

Die Sicherheitsleute zwingen Callan in die Knie. Der Israeli richtet eine Pistole auf Callans Kopf: »Iván hat dich geschickt!«

»Nein.«

»Sag die Wahrheit! Iván hat dich geschickt!«

»Nein!«

»Wer dann?!!«

»Niemand!«

»Lügner!«

»Das ist die Wahrheit!«

Der Israeli drückt ab.

Der Knall ist entsetzlich. Das Mündungsfeuer versengt Callans Ohr. Er knallt mit dem Gesicht vorwärts in den Dreck. Die Sicherheitsleute drehen ihn um, und er schaut dem Israeli direkt ins Gesicht. Er hört nichts, außer einem lauten Summen, aber er liest dem Israeli die Worte von den Lippen ab, als dieser sagt: »Das ist deine letzte Chance – sag die Wahrheit!«

»Hab ich schon.«

Sie heben ihn auf.

»Bringt ihn zum Wagen.«

Sie setzen ihn in den Wagen, geben ihm eine Flasche Wasser, und Callan trinkt, während der Israeli telefoniert.

Dann fährt der Transporter wieder auf die Straße und Richtung Süden.

»Du sagst die Wahrheit«, sagt der Israeli.

»Ich weiß.«

»Worüber willst du mit Señora Sanchez sprechen?«

»Das geht dich nichts an.«

Der Israeli lächelt.

Manchmal stimmt eben doch, was in Liedern behauptet wird.


Nora liegt draußen am Pool, erinnert sich an ihre Jugend.

Sie war ein California Girl, ein Laguna Beach Babe, das von sämtlichen Vätern ihrer Freundinnen angegraben wurde. Auch Haley hatte sie am Pool kennengelernt, damals in Cabo, hatte sich von ihr als Callgirl vermitteln lassen und das Leben begonnen, mit dem alles anfing.

Auf das alles andere folgte.

Adán.

Sie wurde die Geliebte des weltweit größten Drogenhändlers.

Und später Kellers wertvollste Informantin.

Dann rettete Callan ihr das Leben.

Und zwar auf jede nur erdenkliche Weise, durch ihn wurde ihr Leben erst lebenswert.

Und auch sie rettete seins.

Zusammen bauten sie sich ein Leben auf, das sich zu leben lohnte, und jetzt plötzlich kam die Vergangenheit aus dem Morast gekrochen, alte Sünden, für die es keine Wiedergutmachung gibt, höchstens einen Aufschub der gerechten Strafe, ein Aussetzen der Urteilsvollstreckung. Jetzt sind wir wieder in Mexiko.

Als würde Adán aus dem Grab heraus nach ihnen beiden greifen, um sie mit sich ins Verderben zu ziehen.

Er hatte sie geliebt, das weiß sie. Vielleicht hatte auch sie ihn geliebt, bevor sie begriff, wie er wirklich war. Art Keller hatte es ihr gesagt, hatte ihr die Augen geöffnet, ihr gezeigt, wer Adán war, und dann hatte Keller sie genauso benutzt, wie alle anderen Männer sie benutzt hatten.

Bis Sean kam.

Aber du hast sie auch benutzt, denkt sie. Wenn du ehrlich bist zu dir selbst, dann musst dir das eingestehen.

Also spiel jetzt nicht das Opfer.

Du bist besser als das.

Stärker.

Callan hatte gesagt, sie solle die Brücke überqueren, wenn er nicht zurückkommt, aber das wird sie nicht tun. Wenn er nicht zurückkommt, wird sie ihn suchen, ihn zurückbringen, tot oder lebendig, sie wird herausfinden, was mit ihm geschehen ist. Jetzt ist sie wütend auf sich selbst, weil sie ihn allein gehen ließ.

Ich hätte mitkommen, ihn zwingen sollen, es mir zu »erlauben«. Ich kann mindestens so gut mit Elena reden wie er, wenn nicht besser.

Immerhin habe ich sie persönlich gekannt.

Wir haben zusammen gegessen, geshoppt, Familienfeste gefeiert. Sie weiß, dass ihr Bruder mich geliebt hat, sie weiß, dass ich gut zu ihm war.

Bis zu einem gewissen Grad.

Sie hat nie erfahren, dass ich ihn verraten habe.

Wenn, dann …

Ich hätte mitkommen sollen.


Das Haus befindet sich nördlich von Enseñada.

Der Transporter hält vor einem Sicherheitstor, die Wärter winken ihn durch, dann hält er in der Auffahrt.

Callan geht nicht hinein. Der Israeli führt ihn auf eine gepflegte Rasenfläche mit Blick aufs Meer und die schwarzen Felsen weiter unten. Hochgewachsene Palmen wiegen sich im Wind auf der Nordseite, im Süden befindet sich ein langer Strand und daran anschließend ein Jachthafen mit Segelbooten. Das Haus, denkt Callan, muss Millionen wert sein. Weiß verputzt, riesige Panoramafenster – getönt –, großzügige Terrassen und Veranden, mehrere Nebengebäude.

Der Israeli weist ihm einen Platz auf einem weißen, schmiedeeisernen Stuhl am Tisch an und entfernt sich – weit genug, um nichts mehr zu hören, bleibt aber in Sichtweite, wie Callan bemerkt. Eine junge, schwarz gekleidete Frau kommt heraus und fragt ihn, ob er etwas trinken oder essen möchte. Vielleicht ein Bier, einen Eistee oder etwas Obst?

Callan lehnt dankend ab.

Wenige Minuten später tritt Elena Sanchez aus dem Haus.

Sie trägt ein langes weites Kleid, die schwarzen Haare hat sie zurückgebunden. Sie setzt sich Callan gegenüber und mustert ihn kurz, dann sagt sie: »Ich entschuldige mich für die grobe Behandlung. Sie verstehen, dass meine Leute erst sicher sein mussten. Ich glaube, Sie selbst haben für meinen Bruder ähnliche Aufgaben übernommen. Wenn man den Geschichten und Gerüchten Glauben schenken darf, haben Sie ihm einmal sogar das Leben gerettet.«

»Mehr als einmal.«

»Weshalb ich bereit war, Sie zu empfangen«, sagt Elena. »Lev hat gesagt, es gibt ein Problem?«

Callan kommt sofort zur Sache. »Ich habe drei Ihrer Leute getötet.«

»Oh.«

Callan erklärt ihr, was sich in Bahia zugetragen hat, und sagt: »Ich bin gekommen, um es wiedergutzumachen.«

»Bleiben Sie bitte kurz sitzen«, sagt Elena. »Ich bin gleich wieder da.«

Callan sieht sie im Haus verschwinden. Er bleibt sitzen und schaut aufs Meer hinaus. Allmählich lässt das Adrenalin nach, und er spürt die Schmerzen. Levs Männer sind Profis – sie haben ihm keine Knochen gebrochen, nur sehr schwere Prellungen zugefügt.

Er spürt sein Alter.

Fünfzehn Minuten später kommt Elena zurück.

Ein junger Mann ist bei ihr.

»Das ist mein Sohn, Luis«, sagt Elena. »Er ist jetzt für die Geschäfte verantwortlich, deshalb dachte ich, er sollte bei unserem Gespräch dabei sein.«

Wäre er wirklich für die Geschäfte verantwortlich, denkt Callan, wäre sie nicht dabei, aber er nickt Luis zu. »Mucho gusto.«

»Mucho gusto.«

Ein einziger Blick auf Luis genügt, und Callan begreift, dass er die Geschäfte keinesfalls übernehmen möchte, tatsächlich an jedem Ort der Welt lieber wäre als hier bei dieser Unterhaltung. Callan hat viele Narcos kennengelernt – und Luis ist keiner.

»Die drei Männer, die Sie getötet haben, waren unabhängige Unterhändler«, sagt Elena, »standen aber gewissermaßen unter unserem Schutz.«

Und haben dafür einen Anteil ihrer Profite an euch abgeführt, denkt Callan. »Ich bin bereit, eine Entschädigung zu bezahlen, wenn das nötig sein sollte.«

»Sie können unmöglich den Wert dieser Leute mit Geld ersetzen«, sagt Elena. »Ich befinde mich im Krieg, Mr Callan, und ich bin sicher, Sie haben nicht vergessen, wie teuer Kriege sind. Ich brauche all meine Einkünfte, auch das Geld, das aus Costa Rica hereingekommen ist.«

»Ich möchte nur, dass meine Frau sicher ist«, sagt Callan. »Adán hätte das auch gewollt.«

Elena sieht ihn erstaunt an. »Warum?«

»Er hat sie geliebt«, sagt Callan.

Es kommt selten vor, aber Elena lässt sich ihre Verwunderung anmerken. »Sie sind mit Nora Hayden verheiratet?«

»Ja.«

»Seltsam«, sagt Elena. »Ich war immer neidisch auf sie, sie ist eine solche Schönheit. Aber eigentlich habe ich sie immer sehr gemocht. Richten Sie ihr bitte meine besten Grüße aus. Die Legenden kehren zurück. Erst Rafael Caro, jetzt Sie und Nora …«

Plötzlich wird es laut, als drei Kinder auf der Südseite des Hauses über den Rasen rennen, lachen, schreien, von einer Nanny verfolgt werden, während eine andere Frau zuschaut.

»Meine Enkel … Kinder sind ja so unverwüstlich.« Sie sieht Callans verständnislosen Blick und setzt hinzu: »Ihr Vater kam erst kürzlich ums Leben. Er wurde ermordet. Vor ihren Augen. Auf Anordnung von Iván Esparza.«

Und deshalb herrscht jetzt Krieg, denkt Callan. Und erklärt, warum ich so ruppig empfangen wurde. Iván hat dich geschickt!

Sie lehnt sich zurück und schaut hinaus auf den Ozean. »Wunderschön, oder?«

Wenn man Bahia nicht kennt, denkt Callan.

»So viel Schönheit, so viel Reichtum«, sagt Elena. »Trotzdem schlachten wir einander ab wie die Tiere. Was ist nur schiefgegangen, Mr Callan?«

Callan vermutet, dass es sich um eine rhetorische Frage handelt.

»Vielleicht können wir eine Art Vereinbarung treffen«, sagt Elena. »Ich gewähre Ihnen Amnestie für den Mord an meinen Leuten, lasse Ihr kleines Dorf in Frieden, einschließlich der schönen Nora …«

»Und was wollen Sie dafür?«

»Iván Esparza«, sagt sie. »Töten Sie ihn.«


Während Lev ihn nach Rosarito zurückfährt, denkt Callan über Elenas Angebot nach.

Kämpfen Sie für mich, kämpfen Sie für Luis. Helfen Sie uns, das Kartell wieder vollständig zu übernehmen, und wenn wir gewinnen, schenken wir Ihnen, was Sie wollen.

Absolution.

Sicherheit.

Ihre Frau, Ihr Zuhause.

Ihr Leben.

Er weiß, dass er keine Wahl hat.

Er muss wieder in den Krieg.


Keller sitzt neben Marisol und schaut Abendnachrichten.

John Dennison kündigt seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen an. »Ich werde eine große Mauer bauen, und niemand baut Mauern besser als ich, das könnt ihr mir glauben. Ich werde eine sehr große Mauer an unserer Grenze im Süden bauen, und ich werde Mexiko für diese Mauer bezahlen lassen. Lasst euch das gesagt sein.«

»Lasst euch das gesagt sein«, wiederholt Marisol. »Wie will er denn Mexiko dazu zwingen, seine verdammte Mauer zu bezahlen?«

»Die Vereinigten Staaten sind zur Müllhalde der Probleme aller anderen geworden. Wenn Mexiko Leute herschickt, dann nicht die besten. Die schicken nicht euch. Sie schicken Leute mit Problemen, und die bringen ihre Probleme mit. Sie bringen Drogen, sie bringen Waffen, sie bringen Kriminalität. Es sind Vergewaltiger.«

»Das ist ein teurer Fernseher«, sagt Keller. »Bitte schmeiß nicht dein Glas drauf.«

»›Vergewaltiger‹?!«, wiederholt Marisol. »Er bezeichnet uns als ›Vergewaltiger‹?!«

»Ich glaube nicht, dass er dich persönlich meint.«

»Wie kannst du darüber Witze machen?«, fragt Marisol.

»Weil das ein Witz ist«, sagt Keller. »Der Typ ist ein Witz.«

Kann sein, dass die Republikaner die nächste Wahl gewinnen und ich arbeitslos werde, denkt Keller, aber dieser Mann wird mir nicht meine Papiere geben, auch wenn er dafür bekannt ist, dass er gerne Leute feuert.

Dennison fährt fort: »Wissen Sie, was mich wirklich erstaunt hat, als ich herkam und so viele kennengelernt habe. So viele sind im Saal, so viele großartige Freunde – sie haben gesagt, das größte Problem, das sie hier oben haben, ist Heroin. Und ich habe gesagt, wie geht denn Heroin mit diesen schönen Seen und Bäumen zusammen? Wir müssen die Grenzen schließen. Drogen strömen herein. Wissen Sie, wenn ich sage, ›Baut eine Mauer‹, dann ist das kein Spiel – wir werden eine echte Mauer bauen. Wir werden die Mauer bauen und verhindern, dass das Gift weiter hereinströmt und unsere Jugend vernichtet und viele unserer Leute. Und wir werden an den Menschen arbeiten, die süchtig wurden und süchtig sind.«

Am nächsten Morgen wird Keller von der Washington Post zu Dennisons Vorhaben befragt, eine Mauer zu bauen.

»In Bezug auf Drogen«, sagt Keller, »wird eine Mauer gar nichts bewirken.«

»Warum nicht?«

»Ganz einfach«, sagt Keller. »Weil die Mauer Tore hat. Die drei größten heißen San Diego, El Paso und Laredo – das sind die kommerziell meistfrequentierten Grenzübergänge weltweit. Alle fünfzehn Sekunden überquert ein Sattelschlepper die Grenze in El Paso. Fünfundsiebzig Prozent aller illegalen Drogen, die aus Mexiko verschoben werden, kommen über diese legalen Grenzübergänge ins Land, die meisten auf Lastern, ein paar auch mit Autos. Wir können nicht mal einen kleinen Teil der Laster anhalten und durchsuchen, ohne dass der Handel komplett zum Erliegen kommt. Es hat keinen Sinn, eine Mauer zu bauen, wenn die Tore rund um die Uhr geöffnet bleiben.«

Er weiß, er sollte es dabei belassen, aber das tut er nicht.

»Mussten Sie unbedingt Ihren Senf zu der Mauer geben?«, fragt McCullough.

»Das ist eine dämliche Idee«, sagt Keller. »Schlimmer noch, ein zynischer politischer Trick – er macht trauernden Eltern in New Hampshire weis, man könne den Zustrom an Heroin stoppen, indem man eine Mauer baut.«

»Ich bin ganz Ihrer Meinung«, sagt McCullough. »Aber ich renne nicht zur Post und erkläre denen das.«

»Sollten Sie aber«, sagt Keller.

»Es geht um die Optik«, sagt McCullough. »Der Leiter der DEA spricht sich gegen eine Maßnahme aus, die dazu beitragen könnte, den Zustrom an Drogen aus Mexiko …«

»Ich sag’s noch mal, das wird sie nicht.«

»… und dann ist er auch noch mit einer Mexikanerin verheiratet.«

»Ich sage Ihnen das voller Respekt und Zuneigung, Ben«, erwidert Keller. »Sie können mich mal.«

»Dennison wird nicht gewinnen«, sagt McCullough. »Diese Mauer wird nicht gebaut werden. Lassen Sie’s gut sein, warten Sie’s einfach ab, bis der ganze blöde Trubel vorbei ist. Wieso wollen Sie sich mit dem Arschloch anlegen?«

Unter anderem deshalb, denkt Keller, weil Dennisons Schwiegersohn bis zum Hals in Drogengeldern steckt.

Terra war mindestens schon drei Mal am Brunnen, hat sich von der HBMX Millionenkredite für Bauprojekte in Hamburg, London und Kiew geben lassen. Claiborne hat für die ersten beiden Syndikate gebildet, der Deal für Kiew wurde über die Sberbank abgewickelt, eine russische Institution, die inzwischen in den USA verboten wurde.

Die HBMX hat ihre eigenen Probleme. 2012 wurde eine US-amerikanische Tochtergesellschaft zu zwei Milliarden Dollar Bußgeld verurteilt, weil sie es versäumt hatte, die »kriminelle Nutzung des Bankensystems zu Zwecken der Geldwäsche zu unterbinden«. Die Ermittlungen gingen nur schleppend voran, in einem Zeitraum von fünf Jahren schickte die mexikanische HBMX über fünfzehn Milliarden Dollar bar oder in Form von Travellerschecks an Filialen in den Vereinigten Staaten. Die Bank wurde außerdem mit einem Bußgeld belegt, weil sie sich weigerte, verdächtige Konten zu sperren – es gab siebzehntausend Fälle ungeprüfter verdächtiger Transaktionen.

Kein Wunder, denkt Keller, dass sie als »Kreditgeber letzter Instanz« gilt.

Jetzt berichtete Claiborne, Lerner sei verzweifelt.

Er hat keinen Ersatz für das Geld der Deutschen Bank gefunden, die Uhr tickt für die Plaza Towers, und die Gebäude fressen Geld.

»Jason will, dass ich nach Russland fliege«, erzählte Claiborne Hidalgo, »oder nach Mexiko.«

So oder so geht es um schmutziges Geld, denkt Keller, aber ob Claiborne nach Russland fliegt, ist ihm egal. Ganz und gar nicht egal ist ihm dagegen, ob er nach Mexiko fliegt.

Denn dort geht einiges vor sich.

Die größte Entwicklung zurzeit ist der rasante Aufstieg von Tito Ascención mit seinem Nuevo-Jalisco-Kartell. Er drängt aggressiv auf den Heroin- und Fentanylmarkt, macht Sinaloa die Vorherrschaft streitig. Ascención verschiebt mit seiner Organisation Ware an den Übergängen in Baja und ist nicht nur in Jalisco, sondern auch in Michoacán und Guerrero sehr präsent. Außerdem hat er sich mit den Zetas in Veracruz angelegt.

Dabei geht es nicht nur um Drogenexporte. In Mexiko gibt es einen großen inländischen Drogenmarkt, und der Konkurrenzkampf um einzelne Gebiete hat Städte wie Tijuana, La Paz und Dutzende andere in Schlachtfelder verwandelt. Die Mordrate ist so hoch wie seit der »schlimmen alten Zeit« 2010 und 2011 nicht mehr.

Die ausländischen und inländischen Verkäufe sind unauflöslich miteinander verknüpft – die Kartelle zahlen ihre Soldaten, indem sie diesen Inlandsgebiete überlassen – so werden die Arbeitskräfte finanziert, die zur Kontrolle der Grenzübergänge nötig sind.

Es geht nicht nur um Drogen – die einheimischen Gangs, die sich mit den Kartellen verbünden, leben größtenteils von Schutzgeldern, die sie den Betreibern von Bars, Restaurants, Hotels und praktisch allen geschäftlichen Einrichtungen auf ihrem jeweiligen Territorium abpressen.

Das ist eine relativ neue Entwicklung – das alte dominante Sinaloa-Kartell hat Schutzgelderpressungen nicht geduldet, weil man glaubte, die an sich neutrale Bevölkerung damit abzustoßen und die Regierung zum Handeln zu zwingen.

Das Nuevo-Jalisco-Kartell hat keine solchen Skrupel. Es erpresst Betriebe in Mexico City direkt vor den Augen der Bundesregierung und fordert die regierende PRI-Partei heraus, etwas dagegen zu unternehmen.

Die mexikanische Regierung hat es versucht.

Im Januar gab es einen Versuch der Federales, Ascención festzunehmen, aber der Einsatz war gescheitert. Stattdessen war es aber gelungen, Ascencións Sohn Rubén zu verhaften.

Ascención hatte sich gerächt, indem er in Ocotlán einen Konvoi von Federales mit Maschinengewehren und Raketenwerfern überfiel und fünf Männer tötete.

Die Regierung schlug ihrerseits zurück und überfiel noch vor Morgengrauen Ascencións Ranch im ländlichen Jalisco.

Zwei in Frankreich gebaute Helikopter der mexikanischen Air Force EC 725 »Super Cougars« – flogen tief über den Bäumen heran. Jeweils zwei 7.62-mm-Maschinengewehre schauten links und rechts aus den Fenstern heraus, in jedem Helikopter saßen zwanzig Federales beziehungsweise Elite-Fallschirmspringer mit dem Befehl, Tito Ascención zu töten oder festzunehmen.

Der Plan bestand darin, Ascención auf einer seiner vielen Ranches schlafend zu erwischen und dafür zu sorgen, dass er nicht mehr aufwachte.

Nur dass Tito längst hellwach war.

Mit einem nicht zurückverfolgbaren Handy in der Hand sah er die Hubschrauber von seinem bunkerartig gesicherten Schlafzimmer seiner Hacienda aus herankommen, wartete, bis der erste Helikopter über ihm schwebte und sich die Fallschirmjäger abseilten, wie Lollipops am Stiel.

Und hilflos in der Luft baumelten.

Fünf Panzerfahrzeuge, versteckt unter Tarnnetzen, kamen mit jaulenden Motoren hinter den Bäumen hervor. Titos Hausgarde – bei israelischen Spezialeinheiten ausgebildete Elitesoldaten – die »NJC SPECIAL FORCES HIGH COMMAND«, eröffnete das Feuer mit Kalaschnikows.

Und es regnete Lollipops vom Himmel.

Ein Schütze des NJC feuerte eine Rakete auf den zweiten Hubschrauber, traf ihn am hinteren Rotor. Die Maschine wirbelte herum, krachte zu Boden und ging in Flammen auf.

Der »Überraschungsangriff« war zu Ende.

Neun Soldaten waren tot, andere trugen entsetzliche Brandwunden davon.

An den darauffolgenden beiden Tagen randalierten Schützen des Nuevo-Jalisco-Kartells überall in Jalisco, kaperten Autos und Busse, zündeten sie an, setzten Tankstellen und sogar Banken in Brand, auch im Ferienort Puerto Vallarta. Um auch nur eine Spur von Ordnung wiederherzustellen, musste die Regierung zehntausend Soldaten schicken, was enorme Kosten verursachte.

Drei Wochen später entdeckte eine Gruppe von Federales einen Konvoi mit bewaffneten Männern auf dem Weg zu einer Ranch in Michoacán in der Nähe der Grenze zu Jalisco. Sie hatten geheimdienstliche Informationen erhalten, Tito Ascención verstecke sich möglicherweise in seiner »Rancho del Sol«, und sie versuchten, die Fahrzeuge anzuhalten.

Titos Männer eröffneten das Feuer und rasten zurück zur Ranch.

Die Federales forderten Verstärkung an.

Zunächst zersiebten vierzig Federales, später dann sechzig, mit über zweitausend Patronen einen Black-Hawk-Helikopter und sämtliche Gebäude der Ranch, töteten dabei sechs Schützen des Nuevo-Jalisco-Kartells und nahmen drei weitere fest.

Zwei der Getöteten waren Beamte der Jalisco State Police.

Ein Federal wurde erschossen.

Aber Tito Ascención gehörte weder zu den Toten noch zu den Gefangenen.

Mexico City war das nicht genug.

Sie brauchten einen Sieg.

Bessere Schlagzeilen.

Die Federales fuhren durch die Gegend und griffen dreiunddreißig weitere Personen auf, von denen man wusste oder vermutete, dass sie auf der Gehaltsliste des NJC standen. Sie wurden auf die Ranch gebracht und durch Schüsse in den Hinterkopf hingerichtet. Anschließend verteilten sie die Leichen auf der Ranch, legten den Toten Sturmgewehre und Raketenwerfer in die Hände und behaupteten, sie hätten im Verlauf eines dreistündigen Feuergefechts zweiundvierzig Angehörige des Nuevo-Jalisco-Kartells getötet.

Was allerdings Schlagzeilen brachte.

Die mexikanischen Medien – einschließlich Ana – stürzten sich darauf und veröffentlichten Artikel, in denen behauptet wurde, das »Feuergefecht« sei fingiert gewesen, und die Federales hätten im Prinzip zweiundvierzig Männer hingerichtet, die teilweise in gar keiner Verbindung zum Nuevo-Jalisco-Kartell gestanden hatten.

»Sechsundvierzig in Iguala«, schrieb Ana, »und jetzt zweiundvierzig in Jalisco. Fällt der Regierung nichts Besseres ein, als ihre Gegner zu ermorden?«

Oder ermordet sie nur Gegner von Sinaloa?, denkt Keller. Etwas Ähnliches hatte es schon einmal gegeben, und er war daran beteiligt gewesen, hatte Orduña und dem FES Geheimdienstinformationen zugespielt, damit diese die mit Adán Barrera verfeindeten Zetas vernichteten.

Zwischen Sinaloa und dem Nuevo-Jalisco-Kartell herrscht zurzeit eindeutig Krieg.

Sämtliche Quellen der DEA berichten, dass Ascención Sinaloa für die Übergriffe auf ihn und die Inhaftierung seines Sohns verantwortlich macht. Konsens ist, dass er hinter dem gescheiterten Mordversuch an Ricardo Nuñez steckt, auch wenn eine Minderheit der Ansicht ist, es sei Iván Esparza gewesen.

Das scheint mir unwahrscheinlich, denkt Keller, vor allem, wenn man bedenkt, dass Nuñez anscheinend seine ursprüngliche Entscheidung rückgängig gemacht und Baja den Esparzas zurückgegeben hat. Wenn das stimmt, dann war das ein kluger Schachzug, auch wenn er Elena Sanchez damit vor den Kopf stößt und Ascención in die Arme treibt. Nuñez braucht Esparzas Leute für seinen Krieg gegen Ascención.

Aber dadurch wird Baja ins absolute Chaos gestürzt, es tobt ein Krieg mit vielen Parteien, da Nuñez und die Esparzas nun mit neuerlich vereinten Kräften gegen die »aufständische« Sanchez-Organisation und das mit ihr verbündete Nuevo-Jalisco-Kartell vorgehen. Bislang hat sich keiner der Anführer direkt gegen einen der anderen gestellt – seit dem Anschlag auf Nuñez nicht mehr –, vielmehr tragen sie den Kampf auf der Straße aus, lassen ihre Straßendealer und Schutzgelderpresser sich gegenseitig abschlachten.

Die »Straße« leidet.

Dealer, Soldaten, Bar-Betreiber wissen kaum mehr, wer gerade am Ruder ist, wem sie Abgaben zu zahlen haben, wem gegenüber sie sich loyal zeigen müssen, da sich die Verhältnisse täglich ändern. Und jeder Fehler kann tödliche Folgen haben, sie sind blinde Figuren in einer dreidimensionalen Schachpartie und werden in immer kürzeren Abständen vom Brett gefegt.

Und mit zunehmender Brutalität.

Leichen hängen von Brücken und Überführungen, Menschen werden verbrannt, enthauptet, zerstückelt und in Einzelteilen auf den Gehwegen verteilt. Eine Sinaloa-Agentin – die Sicherheitschefin von Nuñez’ bewaffneter Streitmacht –, eine psychotische kleine Person mit dem Spitznamen La China, ist dazu übergegangen, Leichen grün anzusprühen, da dies angeblich die Farbe von Sinaloa sei. Sie verkündet: »Baja ist grün«.

Baja ist ein Schlachthaus, denkt Keller.

Und leider nicht das einzige.

Sinaloa und das Nuevo-Jalisco-Kartell streiten sich um die Hafenstädte, nicht nur wegen der Drogenverkäufe und der Schutzgelder, sondern auch wegen des Schiffsverkehrs aus China, da sie von dort nicht nur Fentanyl, sondern auch die chemischen Grundsubstanzen für die Methamphetaminproduktion her beziehen.

Aber Hafenstädte sind häufig auch Urlaubsorte, und inzwischen kam es auch an so bekannten Ferienzielen wie Acapulco, Puerto Vallarta und Cabo San Lucas zu bislang beispiellosen Gewalttätigkeiten, was wiederum dazu führte, dass wichtige Einnahmen aus dem Tourismus ausblieben.

Die weniger pittoresken Häfen wie Lázaro Cárdenas, Manzanillo, Veracruz und Altamira wurden zu Schlachtfeldern, in Veracruz bekriegen sich Sinaloa, das Nuevo-Jalisco-Kartell und die Zetas. In Acapulco werden die Auseinandersetzungen zwischen Sinaloa und dem Nuevo-Jalisco-Kartell durch die Präsenz von Damien Tapia und den Überresten der alten Organisation von Eddie Ruiz verkompliziert.

Im Großen und Ganzen aber gibt es nur noch zwei Super-Kartelle, denkt Keller – Sinaloa und Nuevo Jalisco. Daneben aber eine ganze Reihe zweitrangiger Organisationen: das »Nuevo-Tijuana-Kartell« der Familie Sanchez; die Zetas haben in Tamaulipas und Teilen von Chihuahua frischen Auftrieb erhalten; und die Guerreros Unidos, die sich anscheinend mit der alten Tapia-Organisation unter Damien Tapia verbündet haben. Und dann noch die Überreste der Knights Templar und der Familia Michoacán. Dies sind die Hauptakteure, aber in Mexiko gibt es inzwischen über achtzig DTOs.

Müsste Keller auf einen davon setzen, würde er auf Nuevo Jalisco tippen, wenn auch nur mit knappem Vorsprung. Sie haben riesige Gewinne im Heroinhandel erzielt, und Tito ist erfahrener Kriegsherr. Nuñez ist zweifelsohne persönlich geschwächt, er erholt sich noch von seinen Verletzungen, und derzeit wird seine Organisation von seinem Sohn Ric geführt. Mini-Ric scheint sich allerdings allmählich in seine Rolle einzufinden, und er ist mit Iván Esparza im Bunde, der ebenfalls ein starker Kriegsherr ist. Ascención dagegen ist in seiner Handlungsfreiheit eingeschränkt, da sich sein Sohn in Haft befindet. Müsste er sich entscheiden, würde Keller aber trotzdem behaupten, Nuevo Jalisco sei das derzeit mächtigste Kartell in Mexiko.

Und das bedeutet eine tektonische Verschiebung in der Machtstruktur.

Die mexikanische Regierung macht Tito die Hölle heiß, das heißt, es ist ihm bislang nicht gelungen, seine neue Macht in politischen Einfluss zu verwandeln.

In Mexico City hält man nach wie vor an Ricardo Nuñez und Sinaloa fest.

Während John Dennison bei den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen kandidiert.

Und sein Schwiegersohn um Drogengelder buhlt.

Auch er ist ein Hijo, denkt Keller.


Die Party ist in vollem Gange.

Iván hat anlässlich Oviedos Geburtstag das ganze Restaurant in Puerto Vallarta gemietet und alle Hijos mit ihren Frauen eingeladen.

Segunderas sind nicht erlaubt.

Freundinnen und Geliebte kommen zur After-Party-Party, die in eine Orgie mit Drogen und Alkohol ausarten wird, das weiß Ric, das Essen in dem vornehmen Restaurant ist aber erst einmal eine relativ erwachsene Angelegenheit – die Männer sind ordentlich gekleidet, die Frauen bis zum Anschlag aufgedonnert. Alle in Schwarz, der Einladung entsprechend, denn das Restaurant ist ganz weiß – weiße Wände, weiße Möbel, weiße Tischdecken.

Elegant und erwachsen.

Auch das Essen ist sehr erwachsen – Rindertartar, aguachile als Vorspeise, dann Schweineschulter, Meeresfrüchte-Ravioli und Entenragout, hinterher eine Schokoladen-Crème brûlée und ein Bananen-Brot-Pudding.

Ric trinkt einen Gurken-Martini – ein ihm neues Getränk – und unterhält sich mit seiner Frau, auch das ist relativ neu, obwohl er es in letzter Zeit öfter getan und tatsächlich sogar immer häufiger Abende zu Hause mit Karin und der Kleinen verbracht hat.

Eigenartigerweise war Ric durch den Anschlag auf seinen Vater und dessen langwierige Genesung gezwungen, der zu werden, für den die Leute ihn halten und der er nach Ansicht seines Vaters sein sollte. Allmählich findet er sogar Gefallen daran. Er hat festgestellt, dass es ihm, wenn er weniger Partys feiert, weniger trinkt und weniger Drogen nimmt, durchaus Spaß macht, sich um die Geschäfte zu kümmern, Strategien zu entwerfen, Ressourcen und Personal zu verteilen, ja, sogar Krieg gegen Elena und Tito zu führen.

Ric und Iván setzen sich regelmäßig zusammen und koordinieren ihre Aktivitäten gegen das »Cartel Baja Nueva Generación«. Es ist kompliziert – teilweise mussten Straßendealer von Nuñez an Esparza übergeben werden und umgekehrt; ebenso müssen auch Gangster, Spione und Cops klare Ansagen bezüglich der Aufteilung der Gebiete bekommen, um zu verhindern, dass sie sich gegenseitig auf die Füße treten.

Das alles erfordert gewissenhafte Arbeit, vor der Ric wenige Monate zuvor noch schreiend Reißaus genommen hätte, der er sich nun aber eifrig widmet. Gemeinsam brüten sie über Google Maps, besprechen die Berichte der halcones, vereinheitlichen die Summen, die sie den Polizisten zahlen, damit diese sie nicht gegeneinander ausspielen können.

»›Baja Nueva Generación‹«, hatte Ric bei einem ihrer Treffen gesagt, »ist nur Luis’ Art, uns mitzuteilen, dass er der Chef ist.«

»Das wird nicht genügen«, sagte Iván. »Alle wissen, dass seine Mami das Heft fest in der Hand hält. Luis ist Ingenieur. Was versteht er schon von Organisations- oder Kriegführung?«

Aber was verstehen wir davon, dachte Ric, ohne es laut zu sagen. Scheiße, uns allen ist das neu, selbst Iván. Keiner von uns hat diesen ganzen Kram wirklich ernst genommen, bis vor Kurzem, und jetzt sind wir schon im Job, müssen dabei das Handwerk aber erst noch lernen.

Luis hat vielleicht keinen blassen Schimmer, wie man einen Krieg führt, aber Tito Ascención kennt sich bestens aus, der hat mehr vergessen, als wir jemals wissen werden.

Iván erkundigte sich auch nach Damien. »Gibt’s was Neues von der Jagd auf den jungen Wolf?«

»Nichts«, sagte Ric. »Bei dir?«

»Er ist verschwunden«, sagte Iván. »Wahrscheinlich das Beste. Echt abgefuckt, was er gemacht hat.«

»Keine Frage, aber …«

»Aber?«, fragte Iván.

»Ich weiß nicht«, sagte Ric. »War’s wirklich so schlimm? Schließlich wurde niemand von Bedeutung verletzt.«

»Das ist nicht der Punkt«, sagte Iván. »Er hat uns respektlos behandelt.«

»Er hat Elena angegriffen«, sagte Ric. »Die Frau, gegen die wir jetzt Krieg führen.«

Das heißt, sollten wir uns nicht besser mit Damien verbünden?

»Spielt keine Rolle«, sagte Iván. »Er hat Adán Barreras Mutter angegriffen. Die Mutter deines Paten. Wenn wir jemanden mit so was davonkommen lassen, können wir uns genauso gut gleich bücken und in den Arsch ficken lassen. Nein, Damien muss weg.«

»Okay, aber es gibt ›weg‹ und ›weg‹«, sagte Ric. »Wenn du verstehst, was ich meine.«

»Er muss auf die harte Tour verschwinden, Ric.«

»Okay.«

»Ric …«

»Ich hab’s kapiert«, sagte Ric. Einen Versuch war’s wert, und außerdem ein Themawechsel. »Apropos respektlos, hast du diesen Scheiß-yanqui gesehen, der gesagt hat, dass er uns in den Arsch treten will?«

»Wen?«, fragte Iván. »Dennison? Der als Präsident kandidieren will? Der mit der Mauer?«

»Wenn er gewählt wird, will er dem ›Sinaloa-Kartell kollektiv in den Arsch treten‹«, sagte Ric. »Das hat er getwittert.«

Iván machte sein Iván-Gesicht, das normalerweise immer Ärger verhieß. »Komm, den machen wir fertig.«

»Wie denn?«

»Der twittert doch ständig, oder?« Iván nahm sein Handy. »Wir twittern zurück.«

»Das ist nicht klug.«

»Ach, komm schon«, sagte Iván. »Wir waren in letzter Zeit viel zu brav. Immer nur Arbeit und kein Vergnügen. Ab und zu müssen wir auch mal ein bisschen Spaß haben.«

Er tippte etwas in sein Handy und zeigte es Ric.

»Wenn du weiter nervst, zwingen wir dich, alles zurückzunehmen – du fettes Ronald-McDonald-Sackgesicht – das Sinaloa-Kartell.«

»Oh Gott, Iván, schick das bloß nicht ab.«

»Zu spät, schon passiert«, sagte Iván. »Der pisst sich voll vor Angst.«

»Ich glaub, ich piss mich gleich selbst voll«, sagte Ric.

Aber er lachte trotzdem.

Iván lachte auch. »Wir ficken das Sinaloa-Kartell, mano! Wir haben mehr Geld als dieser Typ, wir haben mehr Leute, mehr Waffen, mehr Hirn und die dickeren Eier! Wollen mal sehen, wer hier wem in den Arsch tritt. Der kann uns mal. Los Hijos siempre!«

Los Hijos für immer, dachte Ric.

Er verließ die Besprechung und widmete sich erneut der Suche nach Damien an allen möglichen Orten, an denen dieser nicht war. Wobei Ric natürlich gar nicht wusste, wo Damien war.

Melissa machte währenddessen ihr Melissa-Ding.

Ihre Leute fanden heraus, dass der Einsatzleiter der »CBNG« in einer palanque in Enseñada abhing.

Er stand auf Hahnenkämpfe.

Sie fiel dort ein und tötete vier CBs, aber der Mann konnte entkommen.

Nicht lange.

Zwei Wochen später fuhr er nach einem Treffen um vier Uhr morgens über den Highway 1, als La China und ihre Leute seinen Navigator auf Motorrädern einholten und ihn, seinen Fahrer und seinen Bodyguard zersiebten.

Melissa und Gaby stiegen ab und sprühten die Toten grün.

»Das ist unsere Farbe«, erklärte Melissa. »Sinaloa in Baja ist grün, das ist der ›grüne Himmel‹. So was nennt man Optik.«

»Optik?«

»Die Optik ist wichtig«, sagte Melissa. »Ich gucke CNN

Optik mochte wichtig sein, aber Worte waren es auch, weshalb sie außerdem ein Transparent bei den Leichen liegen ließ. Darauf stand: »Der Himmel ist grün, ihr CB-Motherfuckers. Wir sind hier und werden es auch immer bleiben – Sinaloa in Baja.«

Einen Monat später fand sie einen anderen CB-Agenten in einem Strip-Club in YTJs Zona Rio und stopfte ihn, in (grüne) Teile zerhackt, in einen schwarzen Plastiksack. Dazu die Botschaft: »Zur Erinnerung: Wir sind immer noch hier und werden immer hier bleiben. Ihr existiert nicht mal. Der Himmel ist auf ewig grün, das gilt auch für Stripperinnen und CB/Jalisco-Nutten.«

»Was hast du gegen Stripperinnen?«, fragte Ric.

»Nichts«, sagte sie. »Ich mag Stripperinnen. Sehr sogar. Aber wenn sie sich ausziehen, dann für uns und nicht für die CB-Verräter und ihre Jalisco-Kumpels.«

»Und wieso dann ›Nutten‹?«

Melissa machte eine besorgte Miene. »Findest du das sexistisch? Ich bin nämlich Feministin, mir geht’s um Frauen-Power. Ich meine, ich bin immerhin die erste Sicherheitschefin eines großen Kartells, oder? Ich will nicht, dass die Leute denken …«

»Nein, alles gut.«

»Befindest du dich immer noch auf deiner Suchen-ohne-zu-finden-Mission?«, fragte sie.

»Wir finden Damien wirklich nicht«, sagte Ric. »Wir haben nur gehört, dass er sich irgendwo tief in Guerrero versteckt.«

»Soll ich dir ein paar von meinen Leuten schicken?«

»Konzentrier du dich auf Baja.«

»Was denkst du, was ich mache?«, fragte sie.

Jaja, grüner Himmel, dachte Ric.

»Schmeckt köstlich«, sagt Karin jetzt und hält einen Löffel Pudding hoch. »Hast du den probiert?«

»Echt lecker.«

»Wie alt ist Oviedo überhaupt geworden?«, fragt Karin.

»Fünfundzwanzig, aber in Wirklichkeit geht er stramm auf die dreizehn zu«, sagt Ric.

Oviedo ist theoretisch der Plaza-Boss in Baja, aber Ric findet es leichter, ihn zu übergehen und sich stattdessen mit Iván abzusprechen, dem es ohnehin schwerfällt, die Kontrolle abzugeben. Oviedo ist ein netter Junge, aber eben ein Junge, nicht ernst zu nehmen, und Ric findet es mühsam, irgendwas mit ihm zu erledigen.

Iván kommt zu ihnen an den Tisch. »Ich muss telefonieren. Verstehst du?«

Ric nickt.

»Wohin geht er wirklich?«, fragt Karin.

»Nach der Party gibt’s noch eine Party«, sagt Ric. »Wahrscheinlich will er sich noch um ein paar Einzelheiten kümmern.«

Koks, Nutten … Koks.

»Gehst du auch dahin?«, fragt Karin.

»Nein, ich fahre mit dir ins Hotel zurück.«

»Tut es dir leid, dass du nicht hinfährst?«

»Nein«, sagt Ric. »Nein, gar nicht.«

Ungefähr fünf Minuten später öffnet sich die Tür des Restaurants, und Ric, der eigentlich Iván erwartet hat, sieht stattdessen einen schwarz gekleideten Mann mit Kapuze über dem Kopf und einer Kalaschnikow in der Hand, die er auf ihn richtet.

Er legt Karin die Hände auf die Schultern und schiebt sie unter den Tisch. »Bleib da unten.«

Weitere Männer kommen durch die Tür.

Ric sieht Oviedo nach seiner Waffe greifen, die aber gar nicht in seinem Hosenbund steckt. Keiner von ihnen ist bewaffnet, schließlich ist das ein schickes Abendessen in Jalisco, und Tito Ascención hat ihnen persönlich Sicherheit garantiert. Sie sind also absolut hilflos, während die Bewaffneten – ungefähr fünfzehn – Männer und Frauen trennen.

Karin schreit, als ein Mann unter den Tisch greift und sie am Handgelenk packt.

»Schon okay, Babe«, sagt Ric zu ihr und zu dem Bewaffneten: »Wenn du ihr was tust, bring ich dich um.«

Der Bewaffnete, der als Erster hereinkam, brüllt jetzt Befehle. »Frauen an die Wand hier! Die Männer an die andere! Bewegt euch!«

Ric kennt die Stimme.

Es ist Damien.

Er geht rüber und stellt sich neben Oviedo, Marco und die anderen sechs Männer. Schaut rüber zu Karin, die Todesangst hat und weint.

Er lächelt sie an.

Auf dem Boden liegen Handtaschen, Brieftaschen und Schuhe mit Absätzen verstreut.

»Los!«, brüllt Damien.

Seine Leute drehen einen Mann nach dem anderen mit dem Gesicht zur Wand, packen sie an den Handgelenken, fesseln sie mit Kabelbindern hinter dem Rücken und führen sie nach draußen.

Ric als Allerletzten ganz zum Schluss.

»Den nicht!«, brüllt Damien. »Lasst ihn hier!«

Er geht zu Ric. »Wo ist Iván?«

»Ich weiß es nicht, Mann«, sagt Ric schulterzuckend.

Damien lehnt sich zurück und richtet den Lauf seiner Kalaschnikow auf Rics Gesicht. »Verdammte Scheiße, wo ist er?!«

Ric wird schwummrig, als würde er gleich ohnmächtig werden. Er hat das Gefühl, gleich in die Hose zu scheißen, aber er zwingt sich, mit fester Stimme zu sprechen: »Ich hab dir gesagt, ich weiß es nicht.«

Er sieht Damiens Augen durch die Schlitze in der Kapuze.

Sie flackern im Adrenalinrausch.

»Wir warten auf ihn«, sagt Damien.

»So viel Zeit hast du nicht, D«, sagt Ric mit einer Ruhe, von der er nicht wusste, dass er sie besaß. »Wir haben Leute die Straße runter. Die werden jede Sekunde hier sein. Wenn ich du wäre, würde ich gehen, bevor ich mir den Weg freischießen muss.«

»Hab gehört, dass du für mich eingetreten bist«, sagt Damien.

»Und jetzt tut es mir leid.«

»Muss es nicht«, sagt Damien. »Das ist der einzige Grund, weshalb ich dich nicht mit den anderen zusammen mitnehme.«

Dann weicht Damien zurück und schreit. »Okay! Los geht’s! Wir haben, was wir wollten!«

Na ja, zumindest zwei von drei Brüdern, denkt Ric.

Die Bewaffneten gehen raus, und Damien verschwindet als Letzter durch die Tür.

Ric geht zu Karin, schließt sie in die Arme und sagt: »Ist okay, ist okay. Jetzt ist alles gut.«

Aber er weiß, dass das nicht stimmt.


Keller sitzt bei Marisol auf der kleinen Terrasse draußen im ersten Stock, versucht, sich nach dem glühend heißen Augustabend abzukühlen. Die Sommer in D.C. sind das, was er als »Drei-Hemden-Wetter« bezeichnet – geht man öfter als einmal nach draußen, muss man zweimal das Hemd wechseln.

Marisol hat eine Karaffe Sangría gemacht, und sie trinken ihn auf Eis, wie kulturlose yanquis, und sie erklärt ihm gerade, dass man in der Hitze am besten klarkommt, wenn man einfach vollkommen still sitzen bleibt. Dann klingelt sein Handy.

Es ist Hidalgo. »Jemand hat die Esparza-Brüder verschleppt. Jedenfalls zwei davon.«

»Welche beiden?«

»Das ist noch unklar«, sagt Hidalgo. »Bislang haben wir alle drei Varianten gehört – überleg dir das mal – eine Gruppe bewaffneter Männer platzt in ein Restaurant in Puerta Vallarta, wo sie ein Fest feiern, schnappen sich alle Männer und bringen sie zu einem Transporter draußen. Dort lassen sie alle außer den Esparzas wieder laufen.«

»Wer hat denn die Eier für so was?«

»Ich weiß es nicht«, sagt Hidalgo. »Aber es sagt einiges über Sinaloa, oder?«

Allerdings, denkt Art – die Leute haben keine Angst mehr vor dem Kartell.

Obwohl sie mit ihren Drohungen gegen »den Präsidentschaftskandidaten«, wie Keller Dennison inzwischen nennt, doch vorübergehend für Aufregung in den Medien hierzulande gesorgt haben.

Jetzt sagt er: »Wir treffen uns im Büro.«

»Von wegen still sitzen bleiben«, sagt Marisol.

»Das kann ich auch noch, wenn ich tot bin.«

Dann wird er mehr als genug Zeit dafür haben, denkt Keller.


Iván tobt vor Wut. »Er hat meine Brüder! Er hat meine Brüder!«

»Beruhig dich«, sagt Ric.

»Beruhig du dich, verdammt«, brüllt Iván. »Er hat meine Brüder! Vielleicht hat er sie schon ermordet, woher soll ich das wissen!«

Es sind fünfundvierzig Minuten vergangen, denkt Ric.

Hätte Damien ihre Leichen irgendwo abgeladen, hätten sie’s vermutlich schon mitbekommen. Iván und er haben in ganz Puerto Vallarta Leute, sie fahren die Straßen ab, die Nebenstrecken, suchen auch die Strände ab. Sie sprechen mit Taxifahrern, Leuten auf der Straße, sogar Touristen, sie fragen alle, ob sie was gesehen haben.

Bislang nichts.

Und auch kein Anruf.

Keine Lösegeldforderung.

Was zum Teufel hat Damien vor?, fragt Ric sich. Wenn er die Esparzas töten wollte, hätte er’s auch in dem Restaurant tun können. Aber jetzt hält er sie als Geiseln. Wozu? Lösegeld? Oder geht es um etwas anderes?


»Warum hat er dich nicht mitgenommen?«, fragt Iván.

»Damit er jemanden zum Verhandeln hat«, sagt Ric. »Jemanden, dem er vertraut.«

»Ich hoffe, dass das stimmt«, sagt Iván.

»Was willst du damit sagen?«, fragt Ric.

»Weiß nicht«, sagt Iván. »Im Moment kann ich nicht klar denken. Ich schwöre bei Gott, ich hol mir Damiens Schwestern, seine Mutter …«

»Tu nichts Unüberlegtes«, sagt Ric. »Nichts, was die Situation noch schlimmer macht. Wir kriegen das hin. Lass uns zurück nach Culiacán fahren. Hier können wir nichts tun.«

»Sag mir nicht, was ich machen soll«, fährt Iván ihn an. »Das ist der Typ, dem gegenüber du Gnade walten lassen wolltest. Der, der eigentlich gar nichts Schlimmes gemacht hat … wenn ich den finde, und ich werde ihn finden, zerteile ich ihn wie ein Huhn, zuerst schäl ich ihm die Haut vom Leib, dann mache ich Ernst.«

»Wenn er deine Brüder töten wollte, hätte er’s schon getan.«

»Woher weißt du, dass er’s nicht schon getan hat?«

»Weil er nicht kann«, sagt Ric. »Das hat er jetzt kapiert. Er hat alles auf eine Karte gesetzt, um die Esparzas auszuschalten. Aber der Wichtigste ist ihm entwischt – du. Die Sache ist schiefgegangen, Iván. Jetzt muss er mit dir verhandeln.«

»Und warum tut er’s dann nicht?«

Damien muss seinen Strike-Out wie einen Treffer aussehen lassen, denkt Ric. In den Medien kann er so tun, als wäre es nur eine Maßnahme gewesen, um der Welt zu zeigen, dass das Sinaloa-Kartell nicht mehr das ist, was es mal war, dass er’s ihnen heimzahlen kann und er keine Angst hat und auch sonst niemand Angst haben muss. Er erlaubt den Medien, die Sache auszuschlachten, genauso wie nach dem Überfall auf Barreras Hacienda. Vielleicht, hoffentlich genügt es ihm nicht, die Esparzas zu demütigen.

»Er wird sie festhalten, bis sich keiner mehr für die Geschichte interessiert«, sagt Ric. »Dann lässt er sie laufen. Es sei denn, du machst was Dummes, Iván.«

Wenn Iván sich wie Iván benimmt, durchdreht und die Tapia-Frauen entführt, werden Oviedo und Marco vermutlich mit dem Gesicht zuerst in einem Graben landen.

Und das, denkt Ric, wird dann der Beginn eines Krieges sein, der niemals endet.


Seinen Vater trifft er nicht im Büro, sondern im Wohnzimmer an.

Nuñez sitzt in einem großen Sessel, der Stock, den er inzwischen immer seltener braucht, ist daran angelehnt.

Er wirkt immer noch sehr geschwächt, denkt Ric.

Außer Lebensgefahr, aber sehr geschwächt. Er hat noch nicht wieder zugenommen, sein Gesicht wirkt verhärmt, die Haut fahl.

Und er spricht leise, als würde ihn das Sprechen sehr anstrengen. »Egal, wie es ausgeht, man wird mir die Schuld geben. Sie werden sagen, ich bin zu passiv, zu schwankend, zu schwach, sodass der junge Wolf glaubt, er kann einfach zwei Mitglieder der königlichen Sinaloa-Familie entführen. Und wenn die Esparza-Brüder tot sind, wird Iván sich vom Kartell lossagen und sich auf einen blutigen Rachefeldzug gegen die Tapia-Organisation begeben, die weiterhin Angst und Schrecken im Land verbreiten wird. Die Regierung wird sich gezwungen sehen, zu reagieren, und sich fragen, warum ich den Gegner nicht im Griff habe. Und dann suchen sie sich jemanden, der das hinbekommt. Vielleicht Tito.«

»Tito war eingeweiht«, sagt Ric. »Er muss zumindest stillschweigend sein Einverständnis signalisiert haben, sonst hätte so was nicht in Jalisco passieren können.«

»Das ist richtig«, sagt Nuñez. »Tito ist der Schlüssel zu allem, aber wir können uns schlecht an ihn wenden.«

Dann müssen wir uns eben an jemand anders wenden.


Rafael Caro lässt seinen Fernsehsessel nach hinten kippen. Ric sieht die Sohlen unter den Schuhen des alten Mannes.

Im linken ist ein Loch.

»Don Rafael«, sagt Nuñez sen. »Danke, dass du dieses Treffen bei dir stattfinden lässt. Als verehrte und respektierte Autorität, als graue Eminenz sozusagen …«

»Wovon redet er?«, fragt Caro.

»Ich glaube, er meint, dass du graue Haare hast«, sagt Tito.

»Die sind weiß«, sagt Caro. »Ich bin ein alter Mann, hab mich zur Ruhe gesetzt, mit den Geschäften hab ich nichts mehr zu tun. Hab keine Pferde in diesem Rennen. Wenn ich mich dadurch als objektiver Vermittler eigne, dann tu ich gerne, was ich kann, um bei der Lösung des Problems zu helfen.«

Vielleicht ist er der Einzige, der das kann, denkt Ric. Die einzige neutrale Partei mit ausreichend Prestige, um alle dazu zu bringen, sich in einem Raum zu versammeln und zu akzeptieren, was auch immer dabei herauskommt.

Bei seinem Eintreffen war Ric zunächst entsetzt darüber, in welch schäbigen Verhältnissen der berühmte Rafael Caro lebt. Jetzt sitzen sie alle eng beisammen in dessen kleinem, muffigem Wohnzimmer, in dem ein alter Fernseher bei gedämpfter Lautstärke läuft. Es gibt keinen Tisch, kein Festmahl, das normalerweise ein solches Treffen begleiten würde. Caros Laufbursche hat gerade mal jedem ein Glas Wasser angeboten – ohne Eis –, und Ric sitzt auf einem Fußschemel und trinkt aus einem alten Marmeladenglas.

Draußen sieht es dagegen ganz anders aus.

Das Aufgebot an Security ist gewaltig.

Die Leute seines Vaters sind da, außerdem die von Iván und Tito – alle stehen sie bei ihren Fahrzeugen, bewaffnet bis an die Zähne, warten nur darauf, dass irgendwo ein Funke fliegt und das Ganze hochgeht. Weiter entfernt hat die Staatspolizei das Gelände abgesperrt, um die neugierige Öffentlichkeit oder, um Gottes willen, die Medien auf Abstand zu halten.

Von der Armee oder den Federales einmal ganz zu schweigen.

Mit einer einzigen Razzia könnte man jetzt sämtliche Anführer der weltweit größten Drogenhändlerorganisationen erwischen.

Auf einen einzigen Schlag.

Ric weiß aber, dass das nicht passieren wird. Die Regierung hat ein ebenso großes Interesse daran, dass das Treffen gut läuft, wie die hier Anwesenden. Sie wollen nicht, dass es schiefgeht.

»Warum ist Damien nicht hier?«, fragt Iván.

»Ich kann für ihn sprechen«, sagt Tito.

»Warum?«

»Weil er weiß, dass ihr ihn töten würdet, wenn er käme«, sagt Tito. »Und wie schon gesagt – aber ich sage es auch gerne noch mal –, ich kann für ihn sprechen und euch garantieren, dass er die Entscheidungen, die hier einvernehmlich getroffen werden, akzeptieren wird.«

»Das heißt, ihr macht gemeinsame Sache«, sagt Iván und springt auf. »Und das heißt, du warst eingeweiht.«

»Setz dich«, sagt Caro. »Setz dich, junger Mann.«

Erstaunlicherweise, denkt Ric, setzt Iván sich.

Er starrt Tito an, aber »der Mastiff« würdigt ihn keines Blickes. Stattdessen wendet er sich an Caro. »In diesem Raum befinden sich Personen, die mich umbringen wollten. Dieselben Personen haben meinen Sohn ins Gefängnis geworfen, wo er noch immer ist, weil sie ihren Richtern verboten haben, ihn freizulassen. Aber … aus Respekt vor Ignacio Esparza bin ich hergekommen, um vermittelnd einzugreifen und die Freilassung seiner Söhne zu ermöglichen.«

»Kannst du denn für die Sicherheit der Esparza-Brüder garantieren?«, fragt Caro ihn.

»Sie sind sicher, und es geht ihnen gut«, sagt Tito.

»Ich will, dass sie freigelassen werden!«, fordert Iván.

»Alle wollen, dass sie freigelassen werden«, erklärt Caro. »Deshalb sind wir hier, oder nicht? Also, Tito, warum sagst du uns nicht, was dafür nötig ist. Was will der junge Wolf?«

»Zuallererst will er eine Entschuldigung für den Mord an seinem Vater.«

Iván sagt: »Wir haben nicht …«

»Dein Vater hat die Entscheidung mitgetroffen«, sagt Tito. »Ebenso wie andere Personen hier im Raum.«

»Und du«, sagt Nuñez. »Ich erinnere mich, dass du ganz besonders eifrig warst im Kampf gegen die Tapias.«

Tito schaut Caro an. »Sag diesem Menschen, er soll mich nicht ansprechen.«

»Sprich ihn nicht an«, sagt Caro. »Also?«

»Er möchte Vergebung für den Überfall auf das Haus von Barreras Mutter«, erklärt Tito.

»Wie soll das funktionieren?«, sagt Iván. »Das wäre nicht richtig!«

»Es geht nicht um richtig oder falsch«, erklärt Caro. »Es geht um Macht. Tapia hat deine beiden Brüder, und deshalb kann er solche Forderungen stellen.«

»Aber es gibt Richtlinien«, sagt Iván. »Und Regeln. Familien rührt man nicht an.«

»Ich bin alt genug, mich daran zu erinnern, wie Adán Barrera die Frau meines alten Freundes enthauptet und seine beiden Kinder von einer Brücke geworfen hat«, sagt Caro. »Also lasst uns nicht über ›Regeln‹ sprechen.«

»Ich kann nur für unsere Organisation sprechen«, sagt Nuñez, seine Stimme klingt müde. »Ich kann nicht für Elena sprechen. Vielleicht kannst du das, Tito. Aber was uns betrifft, so sind wir bereit, den Überfall auf die Barreras zu vergessen. Gibt es sonst noch etwas?«

»Wenn Damien seine Geiseln freilässt«, sagt Tito, »will er eine Garantie dafür, dass ihm keinerlei Schuld zugewiesen wird.«

»Der hat sie nicht mehr alle«, sagt Iván. »Ich bring ihn um, seine ganze Familie bring ich um …«

»Halt die Klappe, Iván«, sagt Ric.

Iván sieht ihn stinksauer an.

Hält aber den Mund.

Nuñez sagt: »Damien wird nicht glauben, dass er wichtige Angehörige des Kartells entführen, in den Medien der Lächerlichkeit preisgeben und hinterher ungestraft davonkommen kann. Was sollen denn die Leute denken? Wir würden alle an Ansehen verlieren und uns angreifbar machen.«

»Aber du wirst nicht erwarten, dass der Junge sein Leben zur Verhandlung stellt«, sagt Tito. »Wenn ihr ihn sowieso ermorden wollt, kann er vorher auch noch die Esparzas töten, er hat ja nichts zu verlieren.«

»So kommen wir nicht weiter«, sagt Nuñez.

»Ich bin müde.« Caro zieht ein Handy aus seiner Hosentasche und tippt ein paar Zahlen ein. Während die Verbindung aufgebaut wird, sagt er: »Sinaloa wird eine Entschuldigung in Umlauf bringen und ihm den Überfall auf Barreras Haus verzeihen. Aber für die Entführung gibt es keine Amnestie.«

Tito schaut Iván an. »Dann sind deine Brüder tot.«

»Du hast mir ihre Sicherheit garantiert«, sagt Iván.

Caro hält das Handy hoch.

Ric beugt sich vor und sieht Rubén, Titos Sohn, in einem Büro von Gefängniswärtern umgeben. Sein alter Freund scheint Angst zu haben.

Kein Wunder.

Einer der Wärter hält ihm ein Messer an den Hals.

»Die Esparzas werden freigelassen«, sagt Caro zu Tito, »sonst kannst du zusehen, wie deinem Sohn die Kehle durchgeschnitten wird. Sobald sie frei sind, wird ein Richter feststellen, dass die Vorwürfe gegen deinen Sohn unbegründet sind, die Hausdurchsuchung bei ihm nicht rechtens war, und seine Haftentlassung anordnen.«

Zum Schluss, denkt Ric, geht es wirklich nicht um richtig oder falsch.

Sondern um Macht.

»Haben wir eine Vereinbarung, Tito?«, fragt Caro.

»Ja.« Er sieht Nuñez und Iván an. »Das ist nur ein Waffenstillstand, kein Frieden.«

»Gut«, sagt Iván.

Nuñez nickt.

»Ruf lieber Damien an«, sagt Caro zu Tito. »Wenn wir hören, dass die Esparzas frei sind, werden wir die Entlassung deines Sohnes einleiten.«

»Ich brauche mehr Einzelheiten.«

»Du brauchst mehr als mein Wort?«, fragt Caro und starrt ihn nieder.

Tito antwortet nicht.

»Gut«, sagt Caro. Er erhebt sich mühevoll aus seinem Sessel. »Jetzt lege ich mich aufs Ohr. Wenn ich aufstehe, will ich keinen von euch mehr hier sehen, und ich will nicht hören, dass ihr euch gegenseitig umgebracht habt. Ich habe mit am Tisch gesessen, als M-1 das alles aufgebaut hat. Und ich saß im Gefängnis, als ihr alle zusammen es eingerissen habt.«

Er geht in sein Schlafzimmer und schließt die Tür.

Auf der Rückfahrt fragt Ric seinen Vater: »Das mit Rubén und dem Gefängnis hast du gewusst, bevor du da rein bist, oder? Du hast gewusst, dass Caro so viel Einfluss bei der Regierung hat.«

»Sonst wäre ich nicht da rein«, sagt Nuñez.

»Darf ich dich was fragen«, sagt Ric. »Wenn er nicht nachgegeben hätte, hättest du Rubén töten lassen?«

»Die Entscheidung lag nicht bei mir«, sagt Nuñez. »Aber Caro hätte es getan, da kannst du sicher sein. Aber eigentlich war klar, dass Tito nachgeben würde – kaum ein Mann will zum Abraham werden.«

»Was soll das heißen?«

»Dass kaum ein Mann seinen eigenen Sohn opfern will.«

Ric grinst. »Was die Frage aufwirft …«

»Natürlich nicht«, sagt Nuñez. »Ich bin entsetzt, dass du mich das fragst. Du bist mein Sohn, und ich liebe dich, Ric. Und ich bin stolz auf dich. Was du in letzter Zeit getan hast …«

»Das heißt jetzt also, dass wir gewonnen haben.«

»Nein«, sagt Nuñez. »Die Welt da draußen hat mitbekommen, dass Damien sich sicher genug fühlt, um uns anzugreifen. Das ist verheerend für unser Ansehen. Ich will über die sozialen Medien bekannt geben, was wir mit Rubén gemacht haben. Das wird helfen, wird zeigen, dass wir keine Skrupel haben und immer noch mächtig sind. Lass das durch einen unserer Blogger verbreiten, damit es nicht auf uns zurückgeführt werden kann. Wenn jemand fragt, ob es wirklich passiert ist, werde ich es abstreiten – dann glauben sie’s umso mehr.«

»Wenn Damien sich jetzt mit Tito verbündet hat«, sagt Ric, »was hält Elena davon?«

»Was hat sie für eine Wahl?«, sagt Nuñez. »Es wird ihr nicht gefallen, aber sie muss es hinnehmen. Mit Tito und Damien an ihrer Seite, glaubt sie, uns besiegen zu können. Und vielleicht hat sie sogar recht. Möglich, dass auch Caro jetzt auf ihrer Seite ist.«

»Aber er hat sich doch gerade auf unsere Seite gestellt!«

»Hat er das?«, fragt Nuñez. »Überleg mal. Tito hat bekommen, was er wollte. Sein Sohn wird freigelassen. Und das kostet ihn nicht mehr, als dass er Damien überreden muss, die Esparzas laufen zu lassen. Würde mich nicht wundern, wenn Caro vorher sein Okay zu ihrer Entführung gegeben hat. Würde mich nicht wundern, wenn Caro überhaupt hinter der ganzen Sache steckt.«

»Warum sollte er?«

»Damit wir zu ihm kommen«, sagt Nuñez. »Jetzt sind wir ihm etwas schuldig, Tito ist ihm etwas schuldig, Damien ist ihm etwas schuldig. Und er hat der Welt bewiesen, dass er der Einzige ist, der eine Einigung herbeiführen kann. Jetzt lehnt er sich zurück, wartet ab, wer gewinnt. Erst dann wird er über seinen nächsten Schachzug entscheiden.«

Nuñez legt seinen Kopf zurück auf die Sitzlehne und schließt die Augen.

»Caro«, sagt er, »will El Patrón werden.«

10. La Bestia

»Hey, mister, can you tell me where a man might find a bed?

He just grinned and shook my hand. ›No‹ was all he said.«

Robbie Robertson, The Weight

Guatemala City

In den ganzen zehn Jahren, die Nico Ramirez jetzt alt ist, hat er nie etwas anderes gekannt als El Basurero.

Die Müllhalde ist seine Welt.

Er ist ein guarejo, einer von Tausenden, die mehr schlecht als recht davon leben, dass sie hier nach Essbarem suchen.

Und Nico ist sehr gut darin.

Ein kleiner dürrer Junge in zerrissenen Jeans, Turnschuhen und seinem einzigen Schatz – einem fútbol-Trikot des FC Barcelona mit dem Namen seines Helden Lionel Messi und der Nummer 10 auf dem Rücken –, er beherrscht es meisterhaft, den Wächtern an den großen grünen Toren auszuweichen. Kinder dürfen nicht hier rein – auch wenn Nico eines von Tausenden von Kindern ist, die sich hier herumtreiben –, er hat keinen der wertvollen Ausweise, mit denen man Zutritt als »Angestellter« erhält, also muss er sich genau überlegen, wie er es schafft, trotzdem hineinzukommen.

Klein sein hilft dabei, und jetzt, mit einer schwarzen Plastiktüte in der rechten Hand, duckt er sich hinter einer Frau und wartet, bis der Wächter sich wieder umgedreht hat. Dann flitzt Nico los.

Die Müllhalde erstreckt sich über sechzehn Hektar in einer tiefen Schlucht, und Nico blickt hinauf zu den gelben Mülllastern, die über die Serpentinen herunterfahren und hier täglich über fünfhundert Tonnen Abfall abladen. Jeder Laster ist mit einem Code aus Buchstaben und Zahlen versehen, und auch wenn Nico kaum lesen und schreiben kann, kennt er deren Bedeutung so gut wie die labyrinthischen Gassen und Straßen der Slumsiedlung, in der er lebt. Die Kürzel beziehen sich auf die Stadtviertel, in denen der Müll abgeholt wird, und Nico hält nach den Lastern Ausschau, die aus den reichen Vierteln kommen, denn dort gibt es die besten Abfälle.

Reiche Leute werfen jede Menge Essen weg.

Nico hat Hunger.

Er hat immer Hunger.

Er wirft nie etwas weg.

Die Haare und die Haut des Jungen sind weiß wegen der Wolke aus Qualm und Staub, die ständig über der Müllhalde schwebt und sich auf alles legt – auf Klamotten, Haut, Augen, Lippen, Lungen. Seine Augen sind blutunterlaufen, sein Husten ist chronisch. Der Gestank des schwelenden Mülls – sauer, widerlich, beißend – hängt ihm ständig in der Nase, aber er kennt nichts anderes.

Niemand in El Basurero kennt etwas anderes.

Nico wischt sich die Nase am Ärmel ab – sie läuft immer –, und er späht durch den Smog zu den Lastern auf der Fahrt in die Schlucht hinunter.

Dann entdeckt er ihn – NC-3510A.

Playa Cayalá, ein reiches Viertel ganz weit draußen in Zone 10.

Die Menschen dort werfen ganze Schätze weg.

Er geht tiefer in die Müllhalde hinein, versucht abzuschätzen, wo der Cayalá-Laster halten wird. Er weiß, dass die anderen basureros ihn ebenfalls entdeckt haben und seine Ladung hart umkämpft sein wird. Einige behaupten, dass es an die fünftausend Müllsucher gibt, andere schätzen eher siebentausend. Auf jeden Fall ist es immer voll dort, und immer wird um die guten Sachen gestritten.

Irgendwo ist auch seine Mutter, aber Nico konzentriert sich zu sehr auf den Laster aus Cayalá, um nach ihr Ausschau zu halten. Später wird er sie zu Hause sehen, hoffentlich mit ein bisschen Geld in der Tasche, weil er eine Tüte voll Sachen gefunden hat.

Dann entdeckt er La Buitra.

Die Geierfrau.

Über ihnen kreisen Tausende echte Geier, sie warten nur darauf, mit den guajeros um die besten Stücke zu ringen, aber La Buitra – Nico weiß nicht, wie sie wirklich heißt – hat die besten Augen von allen. Und nicht nur das, sie hat auch lange scharfe Fingernägel, die sie sich nicht einzusetzen scheut. Sie klammert, kratzt, tritt und beißt – um an die besten Stücke zu kommen.

Außerdem hat sie einen Stock – einen kurzen aus Holz mit einem Metallstachel unten dran –, mit dem sie Sachen aus dem Müll pickt und in eine Tüte packt. Oder andere Leute vertreibt.

Oder Schlimmeres.

Einmal sah Nico, wie sie Delmy damit in die Hand gestochen hat. Delmy ist seine Freundin, sie ist genauso alt wie er, und einmal hat sie sich an La Buitra vorbei nach einem in gelbes Papier eingewickelten Sandwich gebückt, und La Buitra hat ihr einfach den Stachel in den Handrücken gerammt.

Die Wunde hat sich entzündet, und ihre Hand ist bis heute nicht wieder gesund.

Es ist ein Loch drin, genauso dick wie La Buitras Stachel, drum herum ist alles ganz rot, und gelber Glibber kommt aus dem Loch, Delmy kann die Hand nicht mehr richtig schließen.

So was macht La Buitra.

Aber Nico hat keine Angst vor ihr, zumindest redet er sich das ein.

Ich bin schneller, denkt Nico, und schlauer. Ich kann unter ihren Fängen durch und zur Seite springen, wenn sie tritt. Sie bekommt mich nicht zu fassen – das schafft niemand in El Basurero.

Nico gewinnt nämlich jedes Wettrennen, sogar gegen die älteren Kinder. Sie nennen ihn »Nico Rápido«, den schnellen Nico, und bei den seltenen Gelegenheiten, wenn sie so was Ähnliches wie einen fútbol finden, ist Nico der Star – er ist schnell, raffiniert und geschickt.

Jetzt sieht er, dass La Buitra den Laster aus Cayalá auch schon entdeckt hat.

Nico darf nicht zulassen, dass sie als Erste an dessen Ladung kommt.

Er braucht das Geld, das ihm diese vielleicht bringt, er braucht es unbedingt, denn seine Mutter und er schulden dem mara eine Wochenzahlung, und wenn sie noch eine weitere Woche zurückbleiben, wird die Gang sie schrecklich bestrafen.

Ein guter guajero kann bis zu fünf Dollar am Tag verdienen, und davon schuldet er dem mara zwei Dollar fünfzig, oder die Hälfte von allem, was er bekommen kann. Alle in El Basurero, alle in allen Barrios, zahlen Abgaben an einen mara – entweder von den MS-13 oder den Barrio 18.

Nico hat gesehen, was mit Leuten geschieht, die nicht zahlen – er hat gesehen, wie sie mit Stöcken und Stromkabeln verprügelt wurden, wie Gangster Kindern kochendes Wasser übergekippt und deren Mütter auf den Boden gezwungen und vergewaltigt haben.

Seine Mutter und er haben jeden quetzal zusammengekratzt – das Geld, von dem sie eigentlich heute Morgen gefrühstückt hätten, befindet sich in einer Blechdose, die sie im Boden ihrer Behausung vergraben haben –, aber sie liegen trotzdem zurück, und heute Abend kommt jemand zum Abkassieren.

Gestern schon waren zwei mareros da und haben ihnen das gesagt.


Einer von ihnen war Pulga. Er wird Floh genannt, weil er immer wieder zubeißt und allen im Viertel das Blut aussaugt. Nico hat eine Wahnsinnsangst vor ihm – er ist im ganzen Gesicht tätowiert –, auf der Stirn hat er die römischen Ziffern XVIII, rechts von der Nase die Buchstaben UNO, und links steht OCHO. Maya-Muster bedecken den Rest, sodass kein Zentimeter Haut mehr zu sehen ist.

Der andere – Nico hatte ihn noch nie gesehen – hat keine Tätowierungen im Gesicht, und das ist was Neues. Die Polizei ist dazu übergegangen, Männer mit Tätowierungen zu verhaften oder einfach zu erschießen, sodass die Chef-mareros die Jüngeren angewiesen haben, sich keine sichtbaren Tattoos mehr stechen zu lassen.

Pulga hat auf Nicos Mutter hinuntergesehen, sie kniete vor ihm. »Wo ist mein Geld, puta?«

»Ich hab es nicht.«

»Du hast es nicht?«, fragte Pulga. »Dann besorgst du’s besser.«

»Das mache ich.« Ihre Stimme zitterte.

Pulga hockte sich vor sie. Er war dünn, spannte die Muskeln an, nahm ihr Kinn zwischen zwei Finger, hob es und zwang sie, ihn anzusehen. »Puta, morgen hast du mein Geld, sonst hol ich’s mir aus deiner Pussy, deinem Arsch und deinem Mund.«

Er sah Zorn in Nicos Augen aufblitzen.

»Was ist, du kleine Schwuchtel?«, fragte Pulga. »Was willst du machen? Mich dran hindern? Vielleicht lass ich mir vorher von dir den Schwanz lutschen, damit er schön hart ist für deine Mami.«

Nico schämte sich, aber er drückte sich fest gegen die Wand, die aus einem Stück von einem alten Filmplakat bestand, das sie auch auf der Müllhalde gefunden hatten.

Pulga sagte: »Du willst doch, dass deine Mami Spaß hat, oder?«

Nico schaute nach unten.

»Antworte, Hijo«, sagte Pulga. »Willst du nicht, dass deine Mami Spaß hat, wenn sie mit mir fickt?«

»Nein.«

»Nein?«, fragte Pulga. »Mit welchem Schlappschwanz hat sie denn gefickt, als sie dich gemacht hat? Da hatte sie bestimmt keinen Spaß, oder?«

Die Beleidigung tut Nico im Herzen weh. Er war erst vier, als sein Papi starb und sie ihn an der Muro de las Lágrimas, der Mauer der Tränen, beerdigen mussten – das sind die winzigen Gruften, die über der Müllhalde in den Fels gehauen wurden, wie kleine Wohnblocks, eine über der anderen. Nico und seine Mutter müssen zwanzig Dollar im Jahr aufbringen, damit seine Überreste dort bleiben dürfen. Wenn man nicht bezahlt oder sich erst gar keinen Platz dort leisten kann, wird die Leiche einfach in die Schlucht unter der Mauer geworfen.

Nico darf nicht zulassen, dass sein Papi in die Totenschlucht geworfen wird.

Das ist der schlimmste Ort auf Erden.

Nico erinnert sich an seinen Papi, und er hat ihn geliebt, und jetzt sagte der mara schreckliche Sachen.

»Ich hab dich was gefragt«, sagte Pulga.

»Ich weiß nicht.«

Pulga lachte. »›Nico Rápido‹ nennen sie dich, oder? Weil du schnell bist?«

»Ja.«

»Okay, schneller Nico«, sagte Pulga. »Morgen kommen wir wieder, und dann hast du mein verfluchtes Geld.«

Danach gingen sie.

Nico lief zu seiner Mutter und umarmte sie. Sie ist jung und hübsch, er weiß, dass Pulga sie will, er sieht, wie die mareros sie ansehen.

Er weiß, was sie wollen.

Und er kennt die Geschichte seiner Mutter.

Sie war vier Jahre alt, als die PAC in ihr Dorf kamen, tief im Land der Maya, und kommunistische Aufrührer suchten, die sie nicht fanden. Zornig packten sie die Dorfbewohner, erhitzten Drähte über offener Flamme und schoben ihnen diese in den Rachen. Sie zwangen die Frauen, ihnen Frühstück zu machen und zuzusehen, wie Väter ihre Söhne töteten und Söhne ihre Väter. Wer sich weigerte, wurde mit Benzin übergossen und angezündet. Anschließend vergewaltigten sie die Frauen. Als keine mehr übrig waren, machten sie sich über die kleinen Mädchen her.

Auch Nicos Mutter.

Sechs Soldaten vergewaltigten sie bis zur Bewusstlosigkeit, aber sie gehörte noch zu denjenigen, die Glück hatten. Andere wurden erst vergewaltigt, dann an Bäumen aufgeknüpft, mit Macheten aufgeschlitzt oder mit Steinen erschlagen. Sie sahen, wie schwangeren Frauen die Bäuche aufgeschlitzt und die Babys herausgerissen wurden.

Die PAC waren zivile Milizen, fast selbst noch Kinder und in denselben Maya-Dörfern aufgewachsen wie die Menschen, die sie drangsalierten, folterten und mordeten. Sie wurden von den Kaibiles – im Zuge des globalen Kriegs gegen den Kommunismus in den Vereinigten Staaten ausgebildete Elitesoldaten – brutal entmenschlicht und unter Drogen gesetzt, sodass sie selbst zu Bestien wurden. Nach dem guatemaltekischen Bürgerkrieg zogen einige in die Vereinigten Staaten, wo sie Rassismus, Arbeitslosigkeit und Vereinzelung ausgesetzt waren und trotz massiver Psychosen keine Hilfe bekamen. Nicht wenige landeten im Gefängnis und gründeten Banden wie die Mara Salvatrucha und Barrio 18.

Die grausamen mareros waren in einem von Amerika unterstützten Krieg entstanden und sind das Produkt amerikanischer Gefängnisse.

Als die PAC das Dorf verließen, war Nicos Mutter eine von zwölf Überlebenden.

Zwölf von sechshundert.

Wie Tausende anderer Maya zog auch sie in die Stadt.

Jetzt muss Nico vor La Buitra an den Laster aus Cayalá kommen. Nein, denkt er, stell dich lieber nicht vor sie, dann kann sie dich sehen. Bleib hinter ihr, beobachte sie, achte darauf, was sie entdeckt, dann flitzt du in letzter Sekunde hin und schnappst es ihr weg.

Wenn sie ein Geier ist, denkt er, dann bist du ein Falke.

La Buitra, mach dich gefasst auf Nico Rápido, El Halcón.

Er bückt sich, macht sich noch kleiner, zwängt sich durch die Menge der anderen, späht zwischen Beinen hindurch und um Arme herum, behält La Buitra genau im Blick, während sie dem Laster aus Cayalá entgegengeht.

Der Laster hält, die Ladefläche kippt, die Hydraulik ächzt wie ein riesiger mechanischer Esel, und der Müll wird abgeladen. La Buitra stürzt sich drauf, sie wackelt resolut mit dem Hintern, fährt die Ellbogen aus und stößt die anderen beiseite.

Andere Laster werfen ihre Ladung ab, die guajeros eilen über den Abfall wie Ameisen auf einem Ameisenhügel. Nico schaut nicht auf das, was sie finden, er konzentriert sich nur auf La Buitras stämmige Beine.

Er ist total aufgeregt – was der Laster aus Cayalá wohl geladen hat? Kleidung, Papier, Lebensmittel?

Er bleibt hinter ihr, achtet darauf, dass mindestens zwei gujaeros zwischen ihnen sind.

Sie überholt alle anderen, erreicht als Erste den Laster aus Cayalá, und dann sieht Nico ihn.

Den Schatz.

Aluminiumleisten.

Für Aluminium bekommt er vierzig Cent das Pfund. Nur drei Pfund – ein Dollar zwanzig – würden genügen, um die Pandilleros zu bezahlen.

Natürlich sieht La Buitra es auch. Da sie das Metall nicht aufspießen kann, klemmt sie sich ihren Stock unter den Arm und will mit der Hand danach greifen.

Nico rennt los.

Er schießt hinter seinem menschlichen Schutzschild hervor, duckt sich unter La Buitras ausgestrecktem Arm hindurch und packt das Aluminium.

Sie kreischt wie ein Vogel.

Packt ihren Stock und holt nach ihm aus, aber er ist Nico Rápido, El Halcón, und er weicht ihr lässig aus. Sie schlägt eine Rückhand, verfehlt knapp seinen Kopf, hebt den Stock, um damit zuzustechen, aber er entwischt, presst sich den wertvollen Metallstreifen an den Bauch.

Er bleibt nicht stehen, um noch mehr in seine Tüte zu stopfen. Er muss zuerst zum vendedor und das Aluminium verkaufen. Dann kann er zurückkommen und noch mehr holen. Erst mal muss er raus und sich sein Geld sichern.

Sein Geld, denkt er.

Das Wort ist Musik in seinem Kopf – sein Geld.

Er kann nicht aufhören zu grinsen, während er sich ausmalt, wie er in die Hütte spaziert, die Scheine aus der Tasche zieht und sagt: »Hier, Mami. Mach dir keine Sorgen. Ich hab mich um alles gekümmert. Ich bin der Mann in der Familie.«

Vielleicht, denkt er, suche ich Pulga sogar, baue mich vor ihm auf und sage: »Hier ist dein Scheißgeld, du Schlappschwanz-Pendejo.«

Er weiß, dass er’s nicht tun wird, aber es ist ein schöner Gedanke, und er bringt ihn zum Lachen. Er senkt den Kopf, trottet zum Tor, und in diesem Moment sieht er es …

Das Papier mit dem McDonald’s-Logo.

Weißes Papier.

Ein Hamburger.

Unberührt.

Oh Gott, Nico will den Burger.

Oh Gott, er will ihn unbedingt.

Er hat so einen Hunger, und der Burger duftet so herrlich, sieht so schön aus mit dem roten Ketchup und dem gelben Senf, der aus dem Brötchen läuft. Einer von McDonald’s – davon hat er schon so oft gehört, aber so was hat er noch nie gegessen. Er will ihn sich in den Mund schieben und ihn verschlingen, aber …

Nico weiß, dass er ihn lieber einem der Fleischverkäufer in El Basurero verkaufen sollte, der dann einen Eintopf draus macht. Wahrscheinlich kann er zehn Cent dafür bekommen, von denen er fünf an Pulga und die Calle 18 abgeben muss.

Aber die restlichen fünf Cent könnten seine Mutter und er behalten.

Er steckt den Burger ein.

Aus den Augen, aus dem Sinn, denkt er.

Aber das ist er nicht.

Nicht aus dem Sinn.

Er bleibt dort hängen wie ein schlechter Traum. Er kann den Burger trotz des Müllgestanks, des beißenden Qualms und der vielen Tausend schmutzigen Menschen, die hier in den Abfällen wühlen, riechen.

Mami würde gar nichts davon mitbekommen, denkt er, als er zum Tor geht.

Die Calle 18 und Pulga würden gar nichts davon mitbekommen.

Aber du.

Und Gott.

Jesus würde dich den Burger essen sehen, und er würde weinen.

Nein, denkt er, verkauf den Burger und bring Mami so viel Geld nach Hause, dass ihr Freudentränen kommen.

Nico malt es sich aus, da trifft ihn der Stock im Gesicht.

Er wird umgeworfen und beinahe bewusstlos. Durch tränenfeuchte Augen sieht er La Buitra nach dem Aluminium greifen.

»Ladrón!«, brüllt sie ihn an. »Dieb!« La Buitra holt erneut mit dem Stock aus, schlägt ihm auf die Schulter und auf den Rücken.

Er liegt da und schaut zum Himmel hinauf.

Oder das, was davon zu sehen ist.

Eine Qualmwolke.

Und Geier.

Nico fasst sich ins Gesicht und tastet Blut. Seine Nase schmerzt wie verrückt, und er spürt, wie sie anschwillt.

Er weint.

Er hat das Geld verloren.

Und heute Abend kommt Pulga.

Nico bleibt ein paar Minuten liegen, ein kleiner Junge auf einem Haufen Müll. Er will für immer dort liegen bleiben, einfach aufgeben, sterben. Er ist so müde, und man sagt doch, Totsein ist wie Schlafen. Es wäre so schön, zu schlafen.

So schön, einfach zu sterben.

Aber wenn du stirbst, denkt er, lässt du Mami mit Pulga alleine.

Er zwingt sich, sich aufzusetzen.

Dann stützt er sich mit einer Hand ab und rappelt sich auf die Beine. Er hat immer noch den Burger, und der wird auch ein bisschen Geld bringen. Dann kann er zurück zur Müllhalde und vielleicht noch mehr finden.

Vielleicht genug, um doch noch die Schulden beim mara zu bezahlen.

Er trottet los, den Fleischmann suchen.


Der Fleischmann nimmt den Burger und riecht am Papier. »Der ist nicht gut.«

»Das kann nicht sein, er ist nicht verdorben«, sagt Nico, und denkt, dass ihn der Mann übers Ohr hauen will.

»Nein, verdorben nicht«, sagt der Mann, »aber McDonald’s besprüht die Abfälle mit Öl, damit man sie nicht mehr essen kann. Den kann ich nicht verkaufen – davon wird man krank. Geh und such was, das ich verkaufen kann.«

Nico geht. Warum machen die das?, fragt er sich. Wenn die’s nicht selbst essen, wieso haben sie was dagegen, dass andere es essen? Nur weil sie’s nicht bezahlen können? Das ergibt doch keinen Sinn.

Hungrig, müde und entmutigt versucht er, sich erneut auf die Müllhalde zu schleichen. Sein Gesicht brennt wie die Hölle, das Blut in seinem Gesicht ist klebrig und mischt sich mit Ruß. Die Lasterladungen aus den reichen Vierteln sind garantiert inzwischen abgesucht, deshalb geht er einfach alles durch und fischt heraus, was er vielleicht verkaufen kann – ein paar alte Socken, altes Papier, egal was.

Als er ein Glas Marmelade findet, riecht er zuerst dran, dann steckt er einen Finger rein und leckt ein bisschen Marmelade ab. Sie schmeckt gut, süß, aber sie facht nur seinen Hunger an. Er lässt das Glas in die Plastiktüte fallen – vielleicht kann er ein paar Cent dafür bekommen.

Sein Magen schmerzt schon vor Hunger, aber noch mehr vor Angst.

Die Zeit läuft ihm davon, er hat nichts gefunden, wovon er die mareros bezahlen kann, und er weiß, dass er’s bis zum Abend nicht mehr schaffen wird.


»Was willst du machen?«, fragt Delmy ihn. Sie reißt die Tortilla auseinander und gibt ihm die Hälfte.

Nico schiebt sie sich in den Mund. »Ich weiß nicht.«

»Ich wünschte, ich hätte Geld, dann würde ich’s dir geben.« Sie ist neun Jahre alt, wirkt aber viel kleiner. Nur nicht jünger – sie ist unterernährt und leidet an einer chronischen Entzündung, sie ist blass und hat dunkle Ringe unter den Augen. »Pulga wird machen, was er gesagt hat.«

»Ich weiß.« Das wird er, denn Pulga muss jede Woche einen bestimmten Betrag abkassieren und nicht nur seinen Boss bei den mara bezahlen, sondern auch die Polizei. Wenn nicht, ist er erledigt – tot oder im Gefängnis.

Außerdem muss Pulga sich beweisen – er ist noch kein vollwertiges Mitglied der Barrio 18, sondern ein paro – das heißt, er arbeitet nur für sie. Er muss Geld ranschaffen, das dann ein Sicario oder ein llavero bekommt, der es wieder einem ranflero, dem Boss der clica, der lokalen Zelle der Barrio 18, weitergibt. Und der Ranflero, denkt Nico, hat wahrscheinlich auch wieder einen Boss, den er bezahlen muss, und der muss der Polizei was abgeben, damit er im Geschäft bleiben darf.

So läuft das nun mal in der Welt, denkt Nico. Alle müssen dem Nächsthöheren was abgeben. Vielleicht stehen ja irgendwo ganz oben an der Spitze Leute, die einfach nur einsammeln, aber er hat keine Ahnung, was das für Leute sind.

»Dich wird Pulga auch nicht in Ruhe lassen«, sagt Delmy. Sie weiß, was Männer Frauen antun und was manche Männer Kindern antun.

»Ich weiß«, sagt Nico.

»Ich kann mir ein Messer borgen«, sagt Delmy, »und La Buitra töten.«

»Sie hat das Aluminium längst verkauft.«

»Dann töte ich Pulga.«

»Nein«, sagt Nico. »Besorg mir das Messer, dann mach ich das selbst. Das ist eine Aufgabe für einen Mann.«

Sie wissen beide, dass sie den Gangster nicht töten werden, nicht mal, wenn sie könnten. Es würden nur noch mehr mareros kommen, und die Strafe wäre noch viel schlimmer.

»Da gibt es nur eins, das du tun kannst«, sagt Delmy.

Nico weiß es.

Und er hat eine wahnsinnige Angst.

»Ist okay.« Delmy streckt die Hand aus und nimmt seine. »Ich komme mit.«

Sie warten, bis die Sonne tief am diesigen Himmel steht, dann gehen die beiden Kinder in die Schlucht der Toten.


Allein der Abstieg ist gefährlich.

Der Pfad ist schmal, steil und matschig, führt direkt an einem dreißig Meter tiefen Abgrund entlang. Nico will nicht nach unten schauen – ihm wird davon schwindlig und übel. Er hat Leute Witze über den Pfad reißen hören – »wenn du abstürzt, landest du wenigstens gleich da, wo du hingehörst« –, aber jetzt findet er’s gar nicht mehr lustig. Und seine Füße rutschen in seinen Schuhen herum – ein altes Paar Nikes, das er vor einem Jahr von dem Laster in Cayalá gefischt hat. Sie sind ihm viel zu groß, die Sohlen sind abgetragen und dünn, und jetzt, wo er den Hang hinuntergeht, stoßen seine Zehen schmerzhaft an den Schuh.

Unten in der Schlucht angekommen, muss Nico würgen.

Seine Augen, ohnehin schon wässrig, füllen sich wegen des entsetzlichen Gestanks noch mehr mit Tränen, und er kann das wenige Essen, das er im Magen hat, kaum dort behalten.

Einige der Leichen sind alt, einfach Skelette mit leeren Brustkörben, dunklen Augenhöhlen in knochigen Schädeln. Andere sind relativ frisch, noch vollständig bekleidet, und Nico versucht, sich einzureden, dass sie nur schlafen. Am schlimmsten sind die Leichen, die erst seit ein paar Tagen hier liegen – sie sind aufgedunsen und sondern Verwesungsgase ab.

Hungrige Hunde flankieren Nico und Delmy argwöhnisch, warten auf ihre Chance, sich satt zu fressen. Ein Geier landet auf einem Toten, pickt ihm ein Loch in den Bauch und fliegt mit einem Stück Darm im Schnabel davon.

Nico beugt sich vornüber und kotzt.

Er möchte am liebsten weglaufen, zwingt sich aber zu bleiben.

Er muss es tun, er muss bleiben und etwas finden, womit er die mareros bezahlen kann. Also steigt er über die modernden Leichen und Skelette, sucht Wertsachen, irgendetwas, was die anderen übersehen haben. Das ist gar nicht so einfach, und er stolpert und fällt immer wieder, manchmal auf einen Toten, manchmal auf die harte Erde.

Aber er steht immer wieder auf und sucht weiter. Er zwingt sich, die Toten anzufassen, greift ihnen in die Hemden und die Taschen, sucht Kleingeld, Taschentücher, etwas, das die anderen Leichenfledderer noch nicht gefunden und mitgenommen haben.

Erneut stolpert er, fällt und tut sich dabei furchtbar weh. Er schaut direkt in das Gesicht eines toten Mannes. Die Augen starren ihn vorwurfsvoll an. Dann hört er Delmy rufen: »Nico!« Als er zu ihr hinsieht, kniet seine Freundin neben dem aufgedunsenen Körper eines Toten.

»Schau mal!« Sie lächelt und hält eine Kette hoch.

Sie ist schmal, zart, sieht aber aus wie aus Gold, und es hängt ein Medaillon dran.

»Die heilige Teresa«, sagt Delmy.

Sie steigen den Hang hinauf, verlassen die Schlucht.


An die dreißigtausend Menschen leben zusammengepfercht in der Talsohle um die Müllhalde herum. Ihre Hütten und Verschläge sind aus alten Kisten, Schildern, Plastikplanen und Brettern gebaut – wer Glück hatte, hat ein Wellblechdach, wer weniger Glück hatte, schläft im Freien.

Die Straßen – matschige Pfade, durch die Abwasser fließt – bilden ein verworrenes Labyrinth, das Nico und Delmy jetzt zielstrebig auf dem Weg zu dem Trödelhändler, der die Kette kaufen soll, durchqueren. Inzwischen ist es dunkel, und El Basurero wird von den Feuern in den Mülltonnen und Kohleöfchen erleuchtet. Hier und da glüht ein elektrisches Licht, das illegal an eines der Stromkabel angeschlossen wurde, die sich über das Barrio ziehen.

Gonzalves ist noch in seinem »Laden« – ein halber Schiffscontainer, notdürftig mit Strom versorgt. Er sieht die Kinder hereinkommen und sagt: »Ich hab schon geschlossen.«

»Bitte«, sagt Nico. »Wir haben nur eine Sache.«

»Was?«

Delmy hält die Kette hoch. »Die ist aus Gold.«

»Das bezweifle ich.« Aber Gonzalves nimmt die Kette und hält sie unter die nackte Glühbirne. »Die ist gefälscht.«

Nico weiß, dass der alte Mann lügt. Gonzalves lebt davon, dass er betrügt – er kauft billig ein und verkauft teuer weiter.

»Weil ich ein netter Mensch bin«, sagt Gonzalves, »gebe ich dir acht Quetzal.«

Nico ist am Boden zerstört. Er braucht zwölf, um Pulga zu bezahlen.

»Gib her«, sagt Delmy. »Herrera gibt uns zwanzig dafür.«

»Dann geht zu Herrera.«

»Machen wir auch«, sagt sie und streckt die Hand aus.

Aber Gonzalves gibt ihr die Kette nicht zurück. Er betrachtet sie genauer. »Ich denke, vielleicht kann ich euch zehn dafür geben.«

»Ich denke«, sagt Delmy, »du kannst uns fünfzehn dafür geben.«

Nein, Delmy, nein, denkt Nico. Treib es nicht zu weit – ich brauche nur zwölf.

»Du hast gesagt, Herrera gibt dir zwanzig«, sagt Gonzalves.

»Ist aber ein langer Weg bis zu ihm hin.«

»Na ja, wenn ihr euch für einen Quetzal mehr den Weg sparen wollt …«

»Drei«, sagt Delmy. »Dreizehn, dann gehört sie dir.«

»Du bist ein gemeines kleines Miststück«, sagt Gonzalves. »Sehr hart.«

»Herrera mag mich.«

»Das möchte ich wetten«, sagt Gonzalves.

»Und?«

»Ich gebe euch zwölf.«

Nimm sie, denkt Nico, Delmy, nimm sie.

»Zwölf«, sagt Delmy und schaut an Gonzalves vorbei zu dem aus zwei Böcken und einem Brett gebauten Tresen, »und die Tafel Schokolade da.«

»Die kostet einen Quetzal.«

»Willst du die ganze Nacht streiten?«, fragt Delmy. »Oder die Schokolade drauflegen?«

»Wenn ich mich selbst so betrüge«, sagt Gonzalves, »versprichst du mir dann, in Zukunft gleich zu Herrera zu gehen und nie wieder herzukommen?«

»Mit Vergnügen«, sagt Delmy, während Gonzalves zwölf Quetzal abzählt und ihr gibt.

»Und die Schokolade?«

Gonzalves nimmt sie von der Auslage und reicht sie ihr. »Du wirst nie einen Ehemann finden.«

»Versprichst du mir das?«, fragt Delmy.

»Wir müssen rennen«, sagt Nico, als sie rauskommen.

Während sie durch das Barrio flitzen, reißt Delmy das Papier von der Schokolade und gibt Nico die Hälfte. Er steckt sie sich im Laufen in den Mund, und sie schmeckt wunderbar.

Als er zu Hause ankommt, ist Pulga bereits da.

Seine Mutter sitzt auf dem Boden und weint.

»Ich hab dein Geld«, sagt Nico. Er gibt Pulga, was sie ihm schuldig sind. »Jetzt ist alles beglichen.«

»Bis nächste Woche«, sagt Pulga und steckt das Geld ein. »Dann komme ich wieder.«

»Ich werde hier sein«, sagt Nico mutig.

Er ist der Mann in der Familie.

Pulga mustert ihn genauer. »Wie alt bist du jetzt?«

»Zehn«, sagt Nico. »Fast elf.«

»Alt genug, um einzusteigen«, sagt Pulga. »Ich könnte einen schnellen Jungen gebrauchen, der für mich Päckchen ausliefert.«

Drogen.

Crack. Heroin.

Pulga sagt: »Wird Zeit, dass du deiner Pflicht gegenüber den mara nachkommst, Nico Rápido. Zeit, dass du endlich ein Barrio 18 wirst.«

Nico weiß nicht, was er sagen soll.

Er will kein marero werden.

»Setz dich«, sagt Pulga und zieht ein Messer. »Ich hab gesagt, setz dich.«

Nico setzt sich.

»Streck die Beine aus.«

Nico streckt die Beine aus.

Pulga hält die Klinge in die Kohleschale, bis sie rot glüht. Dann hockt er sich vor Nico. Er packt sein linkes Bein und presst ihm die Klinge über dem Knöchel ins Fleisch.

Nico schreit.

»Sei still, sei ein Mann«, sagt Pulga. »Wenn du kreischst wie ein Mädchen, werde ich dich wie ein Mädchen behandeln, hast du verstanden?«

Nico nickt. Tränen strömen ihm übers Gesicht, aber er beißt die Zähne fest aufeinander, während Pulga ihm das »XV« und die »III« an den Knöchel brennt.

Der Gestank nach verbranntem Fleisch erfüllt den Verschlag.

»Ich komme wieder«, sagt Pulga und steht auf. »Dann bekommst du deine Willkommensprügel. Schau nicht so ängstlich, Nico Rápido, dauert nur achtzehn Sekunden. Ein zäher Junge wie du steckt so was doch locker weg, oder? Du hast das hier überstanden, dann überstehst du auch den Rest.«

Nico antwortet nicht. Er schluckt einen Schrei hinunter.

»Ich komme wieder«, sagt Pulga. Er lächelt Nicos Mutter an, macht ein schmatzendes Knutschgeräusch mit den Lippen und geht.

Nico lässt sich fallen, packt sein Fußgelenk und schluchzt.

»Er wird wiederkommen«, sagt Nicos Mutter. »Er wird dich zwingen, in die Gang einzutreten. Wenn’s die Zahlen nicht machen, dann machen es die Buchstaben.«

Die »Zahlen« sind die Mara Salvatrucha, die »Buchstaben« die Barrio 18.

Nico weiß, dass sie recht hat, aber er will nicht weg. Er weint. »Ich will nicht weg ohne dich.«

Was soll sie ohne ihn machen?

Wenn er ihr nicht mehr Gesellschaft leistet, sie nicht weckt, wenn sie im Schlaf schreit, wenn er nicht zur Müllhalde geht und Sachen sucht, sodass sie Geld für Essen haben?

»Du musst«, sagt sie.

»Ich kann doch nirgendwohin.« Er ist zehn Jahre alt und war noch nie woanders als in El Basurero.

»Du hast einen Onkel und eine Tante in New York«, sagt seine Mutter.

Nico ist sprachlos.

In New York?

In El Norte?

Das ist Tausende von Meilen weit weg, man muss durch Guatemala durch, durch ganz Mexiko und dann noch mal Hunderte von Meilen durch die Vereinigten Staaten.

»Nein, Mami, bitte.«

»Nico –«

»Bitte schick mich nicht fort«, sagt Nico. »Ich verspreche, dass ich brav sein werde, ich werde noch besser. Ich arbeite noch mehr, finde mehr Sachen …«

»Nico, du musst gehen.«

Seine Mutter kennt die Fakten.

Die meisten mareros sterben einen gewaltsamen Tod, noch bevor sie zwanzig sind. Sie will, was jede Mutter will – dass ihr Kind überlebt. Und deshalb ist sie bereit, ihn für immer fortzuschicken.

»Gleich morgen früh«, sagt sie, »gehst du.«

Aber um fortzukommen, gibt es nur eine Möglichkeit.

Den Zug, den sie La Bestia nennen.

Die Bestie.


Nico liegt im Gebüsch neben den Gleisen.

Er ist nicht allein, ein Dutzend andere verstecken sich im Dunkeln und warten auf den Zug. Zitternd – vielleicht wegen der Kälte, vielleicht auch vor Angst – versucht er, bei dem Gedanken an seine Mutter und seine beste Freundin nicht zu weinen.

Gestern Nacht war er bei Delmy gewesen.

Um sich zu verabschieden.

»Wo willst du hin?«, hatte sie gefragt.

»Nach El Norte.«

Sie guckte erschrocken. »Mit der Bestie?«

Er zuckte mit den Schultern – wie denn sonst?

»Oh, Nico, ich hab so schlimme Sachen gehört.«

Sie alle haben schlimme Sachen gehört. Jeder kennt jemanden, der versucht hat, mit dem Zug durch Mexiko und die Vereinigten Staaten in den Norden zu fahren. Der Zug hat viele Namen – El Tren Devorador – der Zug, der Menschen verschlingt – El Tren de Desconocidos – Der Zug der Unbekannten – El Tren de la Muerte – der Zug des Todes.

Die meisten schaffen es nicht.

Sie werden von der mexikanischen Migra, der Einsatztruppe zur Bekämpfung der illegalen Einwanderung, erwischt und mit dem Bus der Tränen – El Bus de Lágrimas zurückgeschickt. Aber das sind die, die Glück haben – Nico und Delmy kennen Leute, die unter die Räder kamen und beide Beine verloren haben, sie rollen auf kleinen Karren durchs Viertel.

Andere sind gestorben.

Oder zumindest nimmt man das an, denn man hat nie wieder etwas von ihnen gehört.

Aber die Kinder wissen auch, dass manche es trotzdem fünf, sechs oder zehn Mal versucht haben.

Und einige wenige haben es bis El Norte geschafft.

Die meisten nicht.

Delmy schlang ihre Arme um ihn und drückte ihn fest an sich. »Bitte geh nicht.«

»Ich muss.«

»Ich werde dich vermissen.«

»Ich dich auch.«

»Du bist mein bester Freund«, sagte Delmy. »Mein einziger Freund.«

Sie saßen auf dem Boden der Hütte und hielten sich lange gegenseitig in den Armen. Nico spürte Delmys feuchte Tränen an seinem Hals. Schließlich riss er sich los und sagte, er müsse gehen.

»Bitte, Nico!«, sagte Delmy. »Lass mich nicht allein!«

Als er ging, hörte er sie hinter sich weinen.

Jetzt liegt er im Gebüsch, dreht den Kopf und schaut zu dem Jungen, der neben ihm liegt. Er ist älter, vielleicht vierzehn oder fünfzehn, groß und dünn, er trägt ein weißes T-Shirt, Jeans und eine Basecap der New York Yankees, die er sich tief in die Stirn gezogen hat.

»Ist das dein erstes Mal?«, fragt der Junge.

»Ja«, sagt Nico.

Der Junge lacht nur. »Du musst schnell rennen. Die fahren extra schneller, damit wir nicht aufspringen können. Versuch möglichst, eine Leiter weit vorne am Waggon zu erwischen, wenn du’s nicht schaffst, erwischst du vielleicht eine weiter hinten.«

»Okay.«

»Und wenn du fällst«, sagt der Junge, »dann stoß dich so fest ab, wie du kannst, damit du nicht mit den Beinen unter den Zug kommst, sonst …«

Er macht eine Schnittbewegung quer über die Beine.

»Okay.«

»Ich heiße Paolo«, sagt der Junge.

»Ich bin Nico.«

Jetzt hört er den Zug kommen, über die Gleise rattern. Allmählich rühren sich die Wartenden, erheben sich aus dem feuchten Gras. Einige haben Bündel dabei, andere Plastiktüten, viele gar nichts. Nico hat eine Plastiktüte mit – darin sind eine Flasche Wasser, eine Banane, eine Zahnbürste, ein T-Shirt und ein Stück Seife.

Er trägt eine alte Jacke, sein Messi-Trikot und seine Turnschuhe.

»Bind dir die Tüte an den Gürtel«, rät ihm Paolo. »Du wirst beide Hände brauchen. Und bind dir die Jacke um die Hüfte.«

Nico macht es genau so.

»Okay«, sagt Paolo, steht gebückt auf, »mir nach.«

Der Zug ist jetzt da – ein langer Güterzug mit vielleicht zwanzig Waggons und offenen Wagen. Der Motor rülpst beim Beschleunigen schwarzen Rauch aus.

»Komm!«, schreit Paolo.

Und fängt an zu laufen.

Nico fällt es schwer, mit dem langbeinigen, athletischen Jungen mitzuhalten, aber er tut sein Bestes, sagt sich, du bist schnell. Du bist Nico Rápido, du kannst das. Du wirst den Zug erwischen.

Überall um ihn herum laufen Menschen zum Zug. Die meisten sind Teenager, darunter auch ein paar erwachsene Männer und Frauen. Sogar ein paar Familien mit kleinen Mädchen und Jungen.

Er rennt die Böschung hinauf zum Gleis und erschrickt, als der Zug direkt an ihm vorbeirast. Paolo springt und packt die Leiter vorne an einem der Güterwaggons, er zieht sich schon rauf, während Nico weiterrennt und mitzuhalten versucht. Fast hätte er es nicht geschafft, aber da streckt Paolo ihm seine Hand hin.

Nico greift danach, und Paolo zieht ihn auf die Leiter hinauf.

»Halt dich fest!«, ruft Paolo.

Nico schaut zurück und sieht einen älteren Mann stolpern und fallen.

Einige haben es geschafft, auf den Zug zu springen, andere sind zurückgeblieben, sie geben auf und bleiben stehen.

Aber ich hab’s geschafft, denkt Nico. Nico Rápido lässt sich durch nichts aufhalten.


Paolo klettert die Leiter weiter hinauf bis auf das Dach des Waggons. »Komm!«

Nico will hinterher, aber dann sieht er …

Delmy.

Die neben dem Waggon herrennt.

Sie schreit, streckt die Arme aus.

Paolo sieht sie mit einem einzigen kurzen Blick und sagt: »Lass sie!«

»Ich kann nicht! Sie ist meine beste Freundin!«

Er klettert die Leiter wieder runter.

Delmy läuft zu ihm, aber sie ist außer Atem und fällt zurück.

»Komm schon!«, schreit Nico ihr zu und streckt die Hand aus.

Sie greift danach.

Verfehlt sie aber.

Nico steigt bis auf die letzte Sprosse hinunter und beugt sich zu ihr, hängt mit dem Körper nur knapp über den Gleisen, während der Zug immer mehr Fahrt aufnimmt. Allmählich verliert er den Halt an der Leiter, aber er streckt Delmy dennoch die Hand entgegen. »Ich fang dich!«

Delmy springt.

Er spürt ihre Fingerspitzen, packt fest zu und erwischt sie am Handgelenk.

Eine Sekunde lang fliegt sie in der Luft, knapp über den Rädern.

Nico kann sie nicht festhalten.

Weder Delmy noch die Leiter.

Er rutscht langsam ab, aber er hält Delmy fest, dann …

Merkt er, wie er hochgezogen wird.

Wie sie beide hochgezogen werden.

Paolo ist sehr stark, seine Muskeln sind gespannt wie Drahtseile, und er zieht sie beide auf die Leiter hinauf und schreit: »Jetzt kommt!«

Sie folgen ihm nach oben auf den Waggon, vier Meter über dem Boden.

Hier ist es voll.

Die Menschen sitzen dicht gedrängt, halten sich fest, wo sie nur können. Paolo schiebt die anderen ein bisschen zur Seite, damit sie sich setzen können, dann sagt er zu Nico: »Ich hab dir gesagt, du sollst das lassen. Mädchen bringen nichts außer Ärger. Hat sie was zu essen dabei? Geld?«

»Ich hab zwei Mangos«, sagt Delmy, »drei Tortillas und zwanzig Quetzal.«

»Immerhin etwas«, sagt Paolo. »Gib mir eine Tortilla dafür, dass ich dir das Leben gerettet habe.«

Sie zieht eine Tortilla aus der Tüte und gibt sie ihm.

Er verschlingt sie und sagt: »Ich hab die Reise schon vier Mal gemacht. Das letzte Mal bin ich sogar bis in die Staaten gekommen.«

»Und dann?«, fragt Nico.

»Haben sie mich erwischt und zurückgeschickt«, sagt Paolo. »Meine Mutter ist in Kalifornien. Sie arbeitet für eine reiche Frau. Dieses Mal werde ich es schaffen.«

»Wir schaffen es auch«, sagt Nico.

Paolo schaut die beiden an. »Das glaube ich kaum.«

Denn um in die Vereinigten Staaten zu kommen, müssen sie erst mal durch Mexiko.


Die Schienenstrecke führt durch die guatemaltekischen Berge und biegt dann scharf Richtung Norden und Grenze ab.

Nico versteht das alles eigentlich gar nicht, seine Geografiekenntnisse enden am Rand von El Basurero. Er war nie draußen auf dem Land, hat nie Wälder gesehen, kleine Dörfer oder Farmen. So wie er jetzt mit Delmy und Paolo auf dem Dach des Güterwaggons sitzt, ist das Ganze für ihn ein großartiges Abenteuer.

Er hat Hunger, aber das ist er gewohnt.

Der Durst ist schlimmer, aber die anderen lassen das Wasser rumgehen, das sie mitgebracht haben, meist abgefüllt in alte Limoflaschen, und einmal, als der Zug in der Nähe eines Dorfes hält, springt Paolo runter und erbettelt Wasser bei den Bauern.

»In Mexiko wird das alles anders sein«, sagt er, als er wieder oben angekommen ist. »Da hassen sie uns.«

»Warum?«, fragt Delmy.

»Einfach so«, sagt Paolo.

Oben auf dem Zug gibt es nicht viel mehr zu tun, als die Landschaft zu betrachten und zu reden und sich festzuhalten, wenn sich die Schienen hierhin und dorthin neigen, oder sich zu ducken, wenn überhängende Äste drohen sie hinunterzufegen. Nico findet allmählich Spaß an dem Ritual, »¡Rama!« zu rufen, wenn sie einen Ast auf sich zukommen sehen – fast ist das wie ein Spiel.

Paolo übernimmt die Rolle des erfahrenen Veteranen und damit auch größtenteils das Reden.

»Das Erste, was ihr lernen müsst«, sagt er, »ist, niemandem zu vertrauen.«

»Wir vertrauen dir«, sagt Delmy.

»Ich bin anders«, sagt Paolo leicht beleidigt. »Aber vertrau nicht den Männern, die tun kleinen Mädchen was an, du weißt, was ich meine. Geht nicht in die Güterwaggons rein, besonders nicht zu den Männern. Manchmal kommen auch Migra vorbei und schließen Leute ein.«

Paolo ist ein einziger Quell an Informationen.

An der Grenze werden sie vom Zug absteigen müssen, denn die mexikanische Polizei wird am Grenzübergang warten. Zwischen Guatemala und Mexiko fließt ein Fluss, und sie werden Geld brauchen, um jemanden dafür zu bezahlen, dass er sie auf einem Floß auf die andere Seite bringt.

»Aber ich hab kein Geld«, sagt Nico.

»Dann besorg dir lieber welches.«

»Wie denn?«, fragt Nico.

»Geh betteln«, sagt Paolo schulterzuckend. »Oder klauen. Kennst du dich aus mit Taschendiebstahl?«

»Nein«, sagt Nico.

Paolo schaut Delmy an. »Manchmal nehmen sie Mädchen auch mit rüber, wenn die ihnen dafür einen runterholen, aber das würde ich an deiner Stelle nicht machen.«

»Keine Sorge, werd ich nicht.«

»Aber ihr dürft euch nicht zu lange Zeit lassen, um auf die andere Seite zu kommen«, erklärt ihnen Paolo, »die Stadt, in der ihr warten müsst, ist voller schlechter Menschen – Diebe, Gangster, Drogendealer, Perverse. Einige von denen sind mit La Bestia gefahren, mussten ihre Pläne aber aufgeben – die waren früher selbst mal Opfer, aber jetzt hängen sie in der Stadt rum und lauern anderen auf.«

»Du willst uns nur Angst machen«, sagt Delmy.

Paolo zuckt wieder mit den Schultern. »Ich sag nur, wie’s ist. Macht, was ihr wollt.«

Nico hat Angst, aber der Sonnenuntergang ist wunderschön.

Er hat die Sonne noch nie ohne den Smog der Stadt oder den Qualm der Müllhalde untergehen sehen. Jetzt betrachtet er die leuchtenden Rot- und Orangetöne und fragt sich, ob es auf der ganzen Welt so ist. So schön.

Wenn es dunkel wird am Himmel, sieht er sogar Sterne.

Nico sieht zum ersten Mal in seinem Leben Sterne.

Delmy teilt eine Tortilla und eine Mango mit ihm, und er wird schläfrig. Aber er fürchtet sich davor, einzuschlafen. Das Dach des Waggons ist zu den Seiten hin abschüssig, und man kann leicht abrutschen. Dann hört er jemanden singen. El Rey Quiche wird ein paar Waggons weiter angestimmt, und das Lied wandert langsam auf dem Zug weiter. Die Migranten singen, um wach zu bleiben.

Nico fällt mit ein.

Dann auch Delmy.

Sie singen, klatschen und lachen. So fröhlich waren sie den ganzen Tag nicht, vielleicht überhaupt noch nie in ihrem Leben. Als das Lied zu Ende ist, stimmt jemand El Grito an und danach Luna Xelajú, aber dann verklingt der Gesang, und Nico merkt, wie er schwankt, kurz davor ist, einzunicken.

»Lehn dich an mich«, sagt Paolo. »Ich werde nicht einschlafen.«

Nico schläft. Er weiß nicht, wie lange er geschlafen hat, als Paolo ihn anschubst und sagt: »Die Grenze. Wir müssen runter.«

Schläfrig nimmt Nico Delmys Hand, und sie folgen Paolo über die Leiter nach unten. Die meisten Migranten steigen hier vom Zug, als würde Eis vom Metalldach schmelzen und ins Gebüsch neben den Schienen strömen.

Das ganze Gelände ist eine Migrantenherberge – Reste von Plastikplanen, Pappe, zerrissene Socken, Unterwäsche, kaputte Plastikflaschen.

Es stinkt nach Urin und Scheiße.

Nico und Delmy finden ein Stück Pappe und legen sich darauf. Sie schmiegen sich eng aneinander, um sich zu wärmen. Erschöpft schlafen sie ein, aber nur kurz, denn jetzt müssen sie Geld für die Überfahrt über den Fluss auftreiben.

Als sie aufstehen, ist Paolo weg.

»Wo ist er?«, fragt Nico.

»Keine Ahnung«, sagt Delmy. »Weg.«

Auf dem Weg in die kleine Stadt sehen sie Huren in den Hauseingängen stehen, Kinder mit Schüsselchen zum Betteln sitzen an Mauern gelehnt, Männer mustern sie wie hungrige Kojoten.

Aus einer cantina dringt Musik nach draußen, und sie gehen rein.

Hinter dem Tresen steht eine Frau mit rot gefärbten Haaren, sie sieht sie und schreit: »Raus, ihr kleinen Dreckschweine! Hier wird nicht gebettelt!«

Sie rennen raus.

Und gehen weiter.

Ein alter Mann sitzt in einem Rohrstuhl in einer Gasse. Er raucht eine Zigarette, hält ein Bier in der anderen Hand und starrt Delmy unverhohlen an. Dann macht er seinen Hosenstall auf, zieht seinen Schwanz raus und zeigt ihn ihr.

»Dem tret ich in den Arsch«, sagt Nico.

»Nein, ich hab eine Idee«, sagt Delmy. Sie dreht sich zu dem alten Mann um und lächelt.

»Was hast du vor?«, fragt Nico.

»Halt dich bereit«, sagt sie.

Sie lässt ihn stehen und geht zu dem Mann. »Soll ich ihn anfassen?«

»Wie viel?«

»Fünf Quetzal«, sagt sie.

»Na gut.«

»Gib mir das Geld.«

»Fass ihn erst an«, sagt der Mann.

Seine Wangen sind voller weißer Stoppeln, seine Augen sind wässrig.

Er ist betrunken.

»Okay«, sagt Delmy. »Zieh die Hose runter.«

Er steht auf, löst den Gürtel, dreht sich um und zieht sich die schmutzige kakifarbene Hose bis zu den Knien runter.

Blitzschnell kommt Nico Rápido angeflitzt, greift in die Hosentasche des Alten und zieht das Geld heraus. Scheine.

»Lauf!«, schreit Nico.

Er nimmt Delmy an der Hand, und sie flitzen die Straße runter. Der Mann brüllt und will ihnen hinterher, aber er stolpert und fällt.

Leute schauen zu.

Niemand versucht, sie zu fangen.

Nico und Delmy lachen, als sie hinter ein paar Bäumen abtauchen.

»Wie viel haben wir?«, fragt sie.

»Zwölf Quetzal!«, sagt Nico.

»Das reicht!«

Es ist nicht schwer, die Stelle zu finden, wo das Floß übersetzt, man muss nur dem Strom der Migranten folgen. Einige gehen, andere sitzen auf Wagen, die von Kindern auf Dreirädern gezogen werden. Nico und Delmy gehen zu Fuß, weil sie kein Geld ausgeben wollen.

Paolo steht am Ufer.

»Habt ihr das Geld?«, fragt er.

»Ja«, sagt Delmy.

»Woher?«

Er guckt sie irritiert an, als beide loslachen. »Egal. Kommt, wir müssen weiter. Gebt mir euer Geld.«

»Warum sollen wir dir unser Geld geben?«, fragt Delmy.

»Weil die euch bescheißen«, sagt Paolo. »Aber mich nicht.«

Sie geben ihm das Geld, und er geht zu einer Gruppe von Männern, die an einem aus Plastikrohren und Brettern gezimmerten Floß stehen. Sie sehen zu, wie er verhandelt, mit den Armen fuchtelt, den Kopf schüttelt, Geld zeigt und es wieder einsteckt. Schließlich gibt er ihnen was davon und kommt zurück.

»Alles klar«, sagt Paolo. »Sie nehmen uns alle drei mit.«

»Wieso müssen wir für dich bezahlen?«, fragt Delmy.

Nico schaut sie mit gerunzelter Stirn an. »Na, weil er uns hilft.«

»Ich traue ihm nicht.«

Aber Paolo geht bereits weiter, und sie folgen ihm bis ans Wasser, waten knietief hinein und klettern auf das Floß, das unter ihnen schaukelt, bis sie endlich das Gleichgewicht gefunden haben.

Einer der Männer steigt als Letzter auf und rudert sie über den Fluss.

Sie steigen vom Floß und sind in Mexiko.

»Jetzt gehen wir ein Stück zu Fuß«, sagt Paolo. »Draußen vor Tapachula können wir wieder auf einen Zug steigen.«

»Was ist Tapachula?«, fragt Nico.

»Eine Stadt. Ihr werdet sehen.«

Sie laufen zehn Kilometer auf einer einspurigen, geteerten Straße durch Felder und Obstgärten. Die Einheimischen starren sie an oder beschimpfen sie.

Nico trottet über die Straße.

Er ist hungrig, durstig und müde.

Paolo geht mit ihnen am Zugdepot vorbei, wo Nico andere Migranten ausruhen sieht.

»Warum gehen wir nicht auch dahin?«, fragt er.

»Da sind zu viele Gangster«, sagt Paolo. »Die Mara 13 kontrollieren die ganze Gegend.«

Er geht mit ihnen zu einem Friedhof.

Er befindet sich ganz nah bei den Schienen, und man kann sich gut dort verstecken.


Der Zug kommt früh.

Nicos Beine fühlen sich an wie aus Holz. Sein Gehirn ist vernebelt, sein Mund trocken.

Er hat die ganze vergangene Nacht mit Delmy versteckt hinter einem Grabstein verbracht. Nico hat von der Schlucht der Toten geträumt, von Leichenhänden, die aus den Gräbern nach ihnen greifen, weil sie dem Toten die Goldkette gestohlen hatten.

Der Friedhof ist allerdings voller Lebender. Im silbrigen Morgendunst stehen sie auf, stopfen ihre wenigen Habseligkeiten in Tüten oder Taschen und marschieren wie eine Armee Verlorener zurück zu den Schienen.

Verschlafen stolpern sie den Weg entlang, überqueren einen Abwasserkanal, klettern die Böschung hinauf, wo sie kauern und auf den Zug warten, von dem sie hoffen, dass er sie in eine neue Heimat bringt, die sie noch nie gesehen haben.

Der Zug beschleunigt, als er sich dem Friedhof nähert.

Jetzt bricht Hektik aus.

Nico schiebt Delmy zwischen sich und Paolo. Paolo erreicht die Leiter zuerst und greift nach unten, um Delmy zu helfen, Nico klettert als Letzter hinauf. Oben schaffen sie sich ein bisschen Platz und lassen sich nieder.

Wenige Minuten später fährt der Zug langsamer, kommt fast zum Stehen, und jetzt steigen mareros auf.

Sie befinden sich auf einem Waggon, drei Wagen hinter dem von Nico. Er dreht sich um und sieht Aufruhr, hört Rufe und Schreie.

»Woher kommst du?«, fragt Paolo Nico.

»Guatemala City.«

»Das weiß ich, du Trottel«, sagt Paolo. »Aber woher da?«

»El Basurero.«

»Das gehört den Barrio 18«, sagt Paolo. »Bist du tätowiert?«

Nico rollt sein Hosenbein hoch, zeigt ihm die ins Fleisch gebrannte 18.

»Wenn die Mara 13 sehen, dass du zur Barrio 18 gehörst«, sagt Paolo, »bringen sie dich um. Hau lieber ab.«

»Wohin?«

Paolo zeigt auf den vorderen Teil des Zugs.

Der sich jetzt erneut in Bewegung setzt. Der Lokführer hatte nur abgebremst, um die mareros aufsteigen zu lassen, und jetzt beschleunigt er wieder, sodass die Migranten auf den Dächern in der Falle sitzen. Nico dreht sich um – die Gangster sind auf dem Nachbarwaggon und gehen immer weiter.

»Los, beeil dich!«, schreit Paolo.

Nico steht auf.

Delmy auch.

»Du nicht«, sagt Paolo. »Mit dir ist er langsamer. Nico, lauf!«

Nico läuft los.

Vier Meter über dem Boden rennt der Zehnjährige auf einem fünfundsechzig Stundenkilometer schnell fahrenden Zug vor bis an den Rand des Waggons und springt über die einen Meter breite Lücke auf den nächsten Waggon. Er kommt hart auf, fällt auf alle viere, steht auf und stolpert über die Beine eines Mannes. Der Mann flucht, aber Nico steht auf, schaut sich um und sieht, dass die mareros ihm folgen.

Wie Hunde, die alles jagen, was sich bewegt.

Nico rennt weiter, steigt über Füße, Beine, Arme. Zwei mareros springen auf seinen Waggon und laufen ihm hinterher. Er springt auf den nächsten, dann auf den nächsten und …

Der nächste Wagen ist kein Güterwaggon, sondern ein Tank.

Oben rund.

Und auch die Lücke ist nicht nur einen Meter breit, sondern mehr als zwei.

Nico schaut über seine Schulter zurück und sieht die mareros auf sich zukommen. Sie grinsen, lachen, wissen, dass er in der Falle sitzt. Sie sind jetzt nah genug, sodass er die Tätowierungen in ihren Gesichtern und auf ihren Hälsen sehen kann.

Wenn er stehen bleibt, werden sie ihn mindestens verprügeln, vielleicht sogar umbringen.

Aber wenn er springt und die zwei Meter nicht schafft, wird er zwischen die Waggons fallen und unter den Rädern des Zuges zermalmt werden. Und wenn er es schafft, besteht immer noch die Gefahr, dass er seitlich am Tank herunterrutscht und auf den Schienen landet.

Zum Nachdenken bleibt ihm keine Zeit mehr.

Nico tritt ein paar Schritte zurück, rennt, so schnell er kann, und springt.


»Warum ist der Junge weggelaufen?«, fragt der mara Paolo.

»Keine Ahnung. Ich kenne ihn nicht.«

Der mara schaut Delmy an. »Und du? Kennst du ihn?«

»Nein.«

»Lüg nicht.«

»Ich kenne ihn nicht.«

»Gehört er zu den Barrio 18?«, fragt der Mara.

»Nein!«, sagt Delmy.

»Hast du nicht gesagt, dass du ihn nicht kennst«, sagt der mara und sieht Delmy böse an.

Delmy guckt böse zurück. »Ich kenne aber die MS-13, und ich kenne die Barrio 18. Der gehörte zu keinem von beiden.«

Um sie herum arbeiten sich die mareros systematisch durch die Migranten, stehlen Geld, nehmen ihnen Kleidungsstücke ab, verlangen die Telefonnummern ihrer Angehörigen, um diese zu erpressen. Die Jungen und die jungen Männer stellen sie zur Rede – »Woher kommst du? Gehörst du zu einer Gang? Zu welcher? Zu uns? Oder zu den Barrio 18?« Dann ziehen sie sie aus, suchen nach Tattoos. Wer das falsche hat, wird verprügelt oder mit dem Messer geritzt und vom Zug gestoßen.

»Hast du Geld?«, fragt der mara Delmy. »Gib her.«

»Bitte, ich brauch es.«

»Was du brauchst, ist ein guter Fick, niña.«

Sie gibt ihm die wenigen Münzen, die sie hat. Der Mara überlegt sich, ob er sie trotzdem ficken soll, findet sie aber zu mickrig, dann schlägt er Paolo ein paarmal ins Gesicht, nimmt ihm die Yankees-Basecap ab und geht weiter.


Nico kommt unsanft auf.

Seine Finger klammern sich an das glatte Metall, aber er gleitet seitlich am Tank hinunter wie ein Spiegelei von einer Bratpfanne.

Er kommt mit einem dumpfen Knall unten auf der Brüstung auf, die den Tank umgibt.

Der Aufprall nimmt ihm die Luft zum Atmen, aber er hält sich weiter fest. Mit dem Gesicht nach unten, sieht er die Schienen vorbeizischen, hört das Kreischen des Stahls und weiß, dass nur wenige Zentimeter fehlen, dann wird er zermalmt oder zerrissen. Eine Strebe verbindet die Brüstung mit dem Waggon, und er riskiert es, danach zu greifen, er zieht sich daran entlang, bis er eine Leiter in der Mitte erreicht.

Er klammert sich daran fest, kommt wieder zu Atem und keucht vor Anstrengung, Panik, Schmerz und Adrenalin. Er hat Angst, die Füße zu bewegen und hinunterzufallen, aber er zwingt sich. Streckt sein rechtes Bein aus und setzt einen Fuß auf eine Sprosse.

Der Zug fährt langsamer, damit die mareros absteigen können, weshalb Nico seitlich am Tank hängen bleibt und hofft, dass sie ihn nicht entdecken, oder er ihnen doch egal ist. Als der Zug erneut Fahrt aufnimmt, steigt er langsam und unter Schmerzen die Leiter hinauf. Oben befindet sich ein Handlauf, und er hält sich daran fest.


Der Zug fährt an der Pazifikküste von Chiapas entlang Richtung Norden.

Nico hat noch nie zuvor den Ozean gesehen und findet ihn trotz allem aufregend und wunderschön. Die grünen Berge zu seiner Rechten und das blaue Meer zu seiner Linken kommen ihm vor wie eine andere Welt.

Ihm ist ein bisschen schwummrig vor Hunger und Hitze – es sind über 40 Grad, und die Sonne knallt auf die Waggons, verwandelt die Metalldächer in heiße Herdplatten – Nico befindet sich in halb wachem Zustand, glaubt zu halluzinieren, als er Bananenbäume und Kaffeeplantagen wie eigenartige Gewächse aus einem Traum vorüberziehen sieht.

Sein Körper schmerzt.

Bei seinem letzten Sprung hat er sich die Rippen geprellt, vielleicht sogar angeknackst, die rechte Seite seines Gesichts ist geschwollen, weil er damit gegen die Brüstung geknallt war. Dennoch ist er geistesgegenwärtig genug, vom Tank zu klettern, als er die anderen vor dem Kontrollpunkt La Arrocera vom Zug steigen sieht.

Delmy und Paolo finden ihn im Gebüsch neben den Gleisen, zusammen laufen sie um den Kontrollpunkt herum und warten auf den nächsten Güterzug, dann helfen sie ihm an Bord.

Jetzt sitzt er wieder oben auf dem Zug und schaut auf eine Welle, die wie ein weißer Bleistiftstrich auf einem blauen Papier bricht.

Delmy reißt eine Tortilla in zwei Hälften und gibt ihm ein Stück. »Kannst du kauen?«

Nico schiebt sich die Tortilla in den Mund und versucht zu kauen. Es tut weh, aber er hat Hunger, und sie schmeckt gut. »Sehe ich komisch aus?«

»Ein bisschen«, sagt sie. »Du redest komisch.«

Er grinst, und auch das tut weh. »Wieso?«

»Als hättest du immer den Mund voll«, sagt sie.

Er sieht sich um. »Hier ist es schön.«

»Sehr schön.«

»Vielleicht können wir irgendwann mal auf dem Land leben«, sagt Nico.

»Das wäre schön.«

Sie reden ein bisschen darüber, dass sie später mal eine Farm haben wollen, Hühner halten und Ziegen, irgendwas anbauen, auch wenn sie nicht wissen, was.

»Blumen«, sagt Delmy.

»Die kann man nicht essen«, sagt Paolo.

»Aber anschauen«, sagt Delmy. »Und riechen.«

Paolo schnaubt angewidert.

Nico findet, er sieht komisch aus ohne seine Yankees Cap. Seine Haare sind unregelmäßig kurz geschnitten, wie mit einem Messer, und er hält sich ein Stück Pappe über den Kopf, um sich vor der Sonne zu schützen.

»Wir könnten Mais anbauen«, sagt Nico. »Oder Tomatillos und Orangen.«

Paolo schüttelt den Kopf. »Ich werde später mal ein Restaurant besitzen. Dann kann ich essen, wann ich will und was ich will. Huhn, Kartoffeln, Steak …«

»Ich esse jetzt eins«, sagt Nico. Er tut, als würde er ein Stück von einem Steak abschneiden und es sich in den Mund stecken. »Mmmh. Fein.«

Er hat noch nie Rindfleisch gekostet, aber er hat genug Fantasie, um sich die Lippen zu lecken und genüsslich die Augen zu verdrehen.

Sogar Paolo muss lachen.

Der Zug fährt an einer Reihe großer Seen vorbei, die das Festland von einem schmalen Küstenstreifen trennen, dann weiter Richtung Norden, weg von der Küste und an Farmen und Dörfern vorbei.

Nico bedauert, dass sie den Ozean verlassen.

Er glaubt, New York liegt auch an einem Ozean, aber er ist nicht sicher.

In der Nacht steigen sie vom Zug und gehen in eine kleine Stadt, um etwas zu essen, auch wenn sie kein Geld haben, um etwas zu kaufen. Das ist gefährlich, denn einheimische madrinas helfen der Migra, sie gehen das Gelände links und rechts der Gleise ab und suchen Migranten. Manchmal übergeben sie diese der Polizei, die ein hohes Bestechungsgeld verlangt. Wer bezahlen kann, hat Glück, denn die madrinas sind dafür bekannt, dass sie die, die es nicht können, verprügeln, vergewaltigen und ermorden.

Paolo erklärt ihnen das alles. »An der Kirche gibt es eine Unterkunft. Wenn wir es dorthin schaffen, bekommen wir was zu essen und einen Schlafplatz.«

Unter einem Viertelmond führt Paolo sie am Bachbett entlang, weg von den Gleisen.

In der Ferne sieht Nico die Lichter der Taschenlampen, das sind die madrinas, die nach Opfern suchen. Er hält den Kopf gesenkt und folgt Delmy, stützt sich mit einer Hand auf ihre Schulter, versucht, möglichst nicht zu stolpern oder Krach zu machen. Sie steigen aus dem Bachbett und gehen zum Stadtrand, wo Nico eine kleine Kirche sieht und daneben ein einstöckiges Betongebäude.

»Das ist es«, sagt Paolo und klingt erleichtert. »Es wird von einem Priester geführt, Padre Gregorio. Die madrinas gehen da nicht rein, die haben nämlich Angst vor ihm. Er droht ihnen mit der Hölle.«

Sie treten ein.

An der Wand stehen Stockbetten, und auf dem Boden liegen Matratzen. Töpfe mit Eintopf und Bohnen köcheln auf dem kleinen Küchenherd. Tortillas stapeln sich auf dem Tisch daneben. Ungefähr ein Dutzend Migranten schlafen oder essen.

Padre Gregorio ist ein großer, silberhaariger Mann mit einem langen Kinn und einer Hakennase. Er steht mit einer Schöpfkelle in der Hand am Herd. »Kommt rein. Ihr müsst Hunger haben.«

Nico nickt.

»Du siehst aus, als hättest du dich verletzt«, sagt Padre Gregorio zu ihm.

»Mir geht’s gut.«

Padre Gregorio tritt auf ihn zu und betrachtet sein geschwollenes Gesicht. »Ich denke, du brauchst einen Arzt. Ich kann dich in die Klinik bringen. Niemand wird dich belästigen, das verspreche ich.«

»Nur was zu essen, bitte«, sagt Nico.

»Iss erst mal, dann sprechen wir weiter«, sagt Padre Gregorio. Er gibt etwas von dem Eintopf in Suppenteller, Bohnen obendrauf und reicht ihnen Tortillas dazu.

Nico hockt sich auf den Boden und isst.

»Du musst dich zuerst bekreuzigen«, flüstert Delmy. »Sonst wird der Padre sauer.«

Nico bekreuzigt sich.

Das Essen ist heiß und köstlich. Obwohl das Kauen noch wehtut, verschlingt Nico alles, was er auf dem Teller hat. Dann kommt Padre Gregorio zu ihm und fragt: »Was ist mit einem Arzt?«

Nico sieht Paolo andeutungsweise den Kopf schütteln und sagt: »Schon okay.«

»Da bin ich gar nicht so sicher«, sagt Padre Gregorio, »aber na schön. Die Betten und Matratzen sind schon belegt, ihr müsst auf dem Boden schlafen. Hinter dem Haus gibt es eine Dusche, wenn ihr euch waschen wollt.«

Nach dem Essen geht Nico raus und sucht die Dusche, ein Hahn an der Wand hinter einer Lamellentür. Das Wasser ist eher ein Rinnsal, und es gibt auch kein heißes, aber dank der Sommerhitze ist es ohnehin lauwarm. Er stellt sich darunter und wäscht sich mit dem kleinen Stück Restseife in der Plastikschale, dann trocknet er sich, so gut es geht, mit dem von den anderen Benutzern feuchten Gemeinschaftshandtuch ab.

Er berührt seine rechte Seite und zuckt zusammen – ein riesiger Bluterguss. Und er hat Mühe, den Arm zu heben und sein Trikot wieder anzuziehen. Dann steigt er in seine Jeans und geht hinaus.

Paolo wartet hinter der Lamellentür, will auch duschen.

»Gut, dass du nicht in die Klinik gehst«, sagt Paolo. »Die Migra beobachtet die Leute dort mit Habichtsaugen, und sobald Padre Gregorio weg ist, stürzen sie sich auf dich.«

»Danke für die Warnung.«

»Ohne mich würdest du’s niemals schaffen.«

»Ich weiß.« Nico tritt beiseite und lässt Paolo duschen. Aber anstatt wieder ins Haus zu gehen, setzt er sich auf das kleine Stück Rasen und betrachtet den Himmel und die Sterne. Doch dann sieht er etwas ganz Unglaubliches durch die Lamellen der Tür – Paolo wickelt sich Klebeband von der Brust.

Und Nico sieht Brüste.

Paolo ist ein Mädchen.

Dann wird das Wasser wieder abgedreht, und Nico sieht, wie Paolo – wohl in Wirklichkeit Paola – das Band wieder um ihren Oberkörper wickelt und ihre Brüste unter ihrem Hemd versteckt. Als Paola herauskommt, sieht sie Nico im Gras sitzen und verdattert gucken.

»Was machst du da?«, fragt sie.

»Nur hier sitzen.«

»Spionierst du mir nach?«

»Ich werd’s niemandem sagen, versprochen«, sagt Nico.

»Was wirst du niemandem sagen?«, fragt Paola und kommt auf ihn zu. »Was wirst du nicht verraten?!«

»Nichts!«, sagt Nico, steht auf und rennt ins Haus.

Aber als er später neben Delmy liegt, flüstert er ihr ins Ohr: »Paolo ist ein Mädchen.«

»Was? Das ist doch Quatsch.«

»Nein, ich hab’s gesehen …«

»Was?«

»Du weißt schon.« Er wölbt die Hände vor seiner Brust. »Warum macht sie das …«

»Sei nicht dumm.«

»Na, wieso wohl?«

»Wegen dem, was Männer Mädchen antun, natürlich«, sagt Delmy.

»Sag niemandem, dass ich’s dir erzählt hab.«

»Schlaf jetzt.«

»Aber sag’s niemandem.«

»Werde ich nicht«, sagt Delmy. »Und jetzt schlaf.«

Plötzlich schläft er, und genauso plötzlich ist es Morgen.

Aufstehen ist schwer. Nicos Rippen brennen, als er sich erst auf die Knie und dann auf die Beine stemmt. Padre Gregorio gibt jedem eine Tortilla, zwei Scheiben Mango und ein Glas Wasser. Während Nico seine Tortilla isst, schaut er Paola an, die ihn böse anstarrt und dann wegschaut.

Wenig später sagt Paola: »Wir müssen zum Zug. Kommt.«

Nico ist traurig, weil er gehen muss, dabei weiß er gar nicht so genau, warum.

Ihm ist nicht bewusst, dass dies einer der wenigen Orte ist, an denen er je freundlich empfangen wurde.


Plötzlich tauchen Kinder mit Fahrrädern auf den unbefestigten Straßen auf, die mitten durch Maisfelder führen, und radeln an der Bahnstrecke entlang.

Sie lachen, winken und rufen Hallo.

Nico winkt vom fahrenden Zug und ruft zurück, dann rasen sie an ihnen vorbei, und er verliert sie aus dem Blick. Wenig später schaut er nach vorne und sieht eine Baumgruppe am Streckenrand. In den Ästen hängt etwas, das er nicht richtig erkennen kann.

Sind das Ballons? Weiße Ballons?

Oder piñatas?

Nein, dafür sind sie zu dick.

Dann fährt der Zug langsamer.

Was ist das nur?, fragt sich Nico. Er schaut erneut hin und begreift, dass da Matratzen liegen.

In den Bäumen, auf den Ästen.

Er versteht es nicht.

Dann sieht er die Kinder auf ihren Fahrrädern zwischen den Bäumen, sie schreien und zeigen auf den Zug. Männer erheben sich von den Matratzen und fallen wie reifes Obst von den Bäumen. Dann hält der Zug, und die Männer kommen mit Macheten und Holzknüppeln heran. Mareros sind das nicht – sie haben keine Tattoos, keine Bandeninsignien, sie sehen einfach aus wie Bauern –, aber es sind Banditen, sie schlafen in den Bäumen, bis ihnen die Kinder aus den Dörfern Bescheid geben, dass ein Zug kommt.

Paola schreit: »Lauft!«

Sie schiebt sich zwischen den anderen Migranten durch und klettert die Leiter herunter, springt von der fünften Sprosse. Einer der Banditen packt Nico vorne an dessen Trikot, aber er reißt sich los, nimmt Delmys Hand und zieht sie zur Leiter.

Sie klettern runter und laufen in die Maisfelder.

Der Mais ist hochgewachsen und überragt sie, ringsherum sehen sie praktisch nichts, aber Nico glaubt, Paola zwischen den Stängeln laufen zu sehen.

Möglich, dass es Paola ist, aber Nico sieht nicht genug, um sicher zu sein.

Schmerzens- und Angstschreie hallen vom Zug herüber.

Atemlos bleiben sie stehen und kauern sich zusammen, verstecken sich zwischen den Maisstauden.

Nico spürt sein Herz hämmern, er hat Angst, die Banditen könnten es hören. Dann kommen Schritte auf sie zu, und er legt sich die Hände über die Ohren. Sie kommen näher und näher, und er kann sich nicht entscheiden, ob er loslaufen oder still sitzen bleiben soll, er hofft, dass sie ihn nicht sehen werden.

Er ist starr vor Angst.

Dann hört er Schreie. »Ich hab einen! Kommt her! Ich hab einen!«

»Lass mich in Ruhe! Hände weg!«

Es ist Paola.

Nico denkt, er sollte ihr helfen, aber er kann sich nicht bewegen. Er kann nur da sitzen und dem Kampf lauschen, den Stimmen … sie sind zu viert, vielleicht auch zu fünft – sie schreien und lachen, dann sagt einer: »Schaut mal! Das ist ein Mädchen! Hast du gedacht, du kannst uns reinlegen, du kleine Hure?!«

Geh und hilf ihr, sagt Nico sich.

Du bist doch Nico Rápido.

Nico, der Schnelle.

Nico, der Tapfere.

Geh hin und kämpf mit ihnen.

Aber er kann sich nicht bewegen. Er ist zehn Jahre alt, und seine Beine wollen ihm nicht gehorchen. Er hört Paola schreien, als sie ihr das Klebeband von der Brust reißen und ein anderer ruft: »Halt sie fest!« Nico hört, wie sie schreit und sich wehrt, dann wird ihre Stimme erstickt unter der Hand eines Mannes.

Nico ist aus El Basurero.

Er weiß, wie Sex sich anhört, er weiß, wie es klingt, wenn Männer Frauen vergewaltigen, er kennt das Grunzen, das Stöhnen, die schmutzigen Flüche, und jetzt hört er all das und auch Gelächter und Schreie und unterdrücktes Weinen und Schluchzen, während sie sich abwechseln, Paola auf jede erdenkliche Art missbrauchen, so wie er es von frühester Kindheit an von der Müllhaldensiedlung kennt.

Nico wäre gern ein Held, er will seiner Freundin helfen, die Männer von ihr herunterprügeln und töten, er will Paola retten, aber seine Beine bewegen sich nicht.

Er kann nur still dort kauern und lauschen.

Er schämt sich.

Und es wird still.

Nur einen kurzen Augenblick lang, dann hört Nico die Männer gehen, und er schämt sich, dass er froh ist, dass sie weg sind und ihn nicht gefunden haben, und er bleibt sitzen, hört Paola wimmern und wütend mit den Füßen austreten.

Wenig später hört er den Zug.

Delmy rührt sich als Erste.

Sie kriecht zu Paola.

Nico bleibt noch ein bisschen länger sitzen, dann folgt er ihr.

Paola steht auf einer winzigen Lichtung im Feld, der Mais wurde platt gedrückt, wo sie sie auf den Boden gezwungen haben. Sie zieht ihre Jeans hoch, und Nico sieht Blut an ihren Beinen herunterlaufen. Sie bückt sich nach ihrem T-Shirt, zieht es über und knöpft es zu. Dann sieht sie Nico und Delmy und sagt: »Haut ab. Lasst mich in Ruhe.« Sie geht zurück zu den Gleisen.

Sie folgen ihr, aber Paola brüllt über ihre Schulter: »Ich hab gesagt, lasst mich in Ruhe! Mir geht’s gut! Glaubt ihr, das war das erste Mal?!«

Der Zug ist weg, und außer zwei Toten ist jetzt niemand mehr an den Gleisen – der eine hat einen eingeschlagenen Schädel, der andere wurde mit einer Machete zerstückelt. Müll, Plastiktüten und leere Wasserflaschen liegen verstreut, aber alles, was irgendeinen Wert besaß, wurde mitgenommen.

Die Kinder bleiben an den Gleisen sitzen und warten.

Ein paar Stunden später kommt der nächste Zug, dann steigen sie erneut auf die Bestie.


Sie fahren nach Norden, durch Oaxaca und nach Veracruz.

Paola sitzt allein da und schweigt.

Sie will sie nicht ansehen, nicht mit ihnen sprechen.

Der Zug fährt nach Veracruz, und sie durchqueren Ananas- und Zuckerrohrfelder. Auch die Menschen werden freundlicher – einige warten sogar an der Strecke und werfen ihnen etwas zu essen zu.

Paola will nichts essen, Delmy will ihr etwas geben, aber sie nimmt es nicht.

Der Zug überquert die Berge.

In den Bergen wird aus der sengenden Hitze schnell Eiseskälte. Nico und Delmy drängen sich zitternd aneinander. Nachts besteht sogar die Gefahr zu erfrieren, und auch bei Tagesanbruch ist die schwache Sonne kaum stark genug, sie beide zu wärmen.

Draußen vor Puebla schwenkt der Zug Richtung Mexico City um, und endlich spricht Paola wieder mit ihnen. Sie steht auf, sieht zum vorderen Teil des Zuges, dann dreht sie sich wieder zu Nico um und sagt: »Ist nicht eure Schuld.«

Dann sieht Nico das Starkstromkabel herankommen und schreit: »Runter! Paola, runter!«

Aber sie bleibt stehen.

Paola dreht sich erneut um und breitet die Arme aus. Das Kabel erwischt sie an der Brust, und sie verwandelt sich mitten an diesem sonnigen Tag in einen grellen Blitz.

Nico schlägt sich den Arm vor die Augen.

Als er ihn wieder senkt, ist Paola weg, geblieben ist nur der entfernte Gestank nach verbranntem Fleisch, aber auch der verfliegt rasch im kalten Nordwind.


Draußen vor den Ausläufern von Mexico City hält der Zug.

Auch hier warten Gangs.

Geduldig und selbstsicher wie die Geier fallen sie über die Migranten her, sobald diese vom Zug klettern, und nehmen ihnen Geld dafür ab, dass sie die zwanzig Kilometer bis zur Notunterkunft in Huehuetoca gehen dürfen.

»Wir haben kein Geld«, sagt Nico.

»Das ist euer Problem, nicht meins«, sagt der Gangster. Sein Blick wandert an Delmy rauf und runter.

»Ich hab nur das Trikot hier«, sagt Nico.

»Messi, hm?«, sagt der Gangster. »Okay, Nummer zehn, gib her. Ist wahrscheinlich mehr wert als das Mädchen.«

Nico zieht das Trikot aus und gibt es dem Mann.

Dann gehen Delmy und er zur Unterkunft.

Die freiwilligen Helfer dort finden ein T-Shirt für ihn. Es ist ihm viel zu groß und reicht bis an die Knie, aber er ist froh, dass er es hat.

Am Morgen gehen Delmy und er zur Bahnstrecke zurück. Weil sie sich in der Unterkunft mit anderen Migranten unterhalten und erfahren haben, dass mehrere Züge nach Norden fahren. Die Ruta Occidente führt nach Tijuana, die Ruta Centro nach Juárez, die Ruta Golfo nach Reynosa. Nico will einen Zug auf der dritten Strecke erwischen, weil er am weitesten nach Osten fährt und damit New York am nächsten kommt.

Die Gleise draußen vor dem Bahnhof bilden ein verwirrendes Durcheinander, aber endlich findet er die Strecke, die er für die Ruta Golfo hält, und sie gehen an den Schienen entlang, bis sie einen einigermaßen sicheren Ort zum Aufspringen finden, dann warten sie auf den Zug.

Immer wieder hat es geregnet, aber jetzt gerade ist es trocken, und der Himmel ist perlgrau.

»Was machen wir, wenn wir an die Grenze kommen?«, fragt Delmy.

Nico zuckt mit den Schultern. »Den Fluss überqueren.«

Wobei auch er nicht weiß, wie das gehen soll. Inzwischen hat er die ganzen Geschichten gehört – über all die, die ertrunken sind, über die »Kojoten«, die für das Übersetzen Geld verlangen, und die amerikanischen Migra, die auf der anderen Seite lauern.

Er weiß noch nicht, wie sie auf die andere Seite kommen, er weiß nur, dass sie’s schaffen werden, und es hat keinen Sinn, sich jetzt schon Sorgen darüber zu machen, denn erst mal müssen sie überhaupt dort ankommen.

Noch fünfhundert Meilen auf La Bestia.

»Und was dann?«, fragt Delmy.

»Dann ruf ich meine Tante und meinen Onkel an«, sagt er. Die Telefonnummer hat er sich auf den Bund seiner Unterhose geschrieben. »Die werden uns schon sagen, was wir machen sollen. Vielleicht schicken sie uns Fahrkarten, dann können wir im Zuginneren fahren, im Abteil.«

Sie bleibt einen Augenblick still sitzen, dann fragt sie: »Und wenn die mich nicht haben wollen?«

»Werden sie.«

»Aber wenn nicht?«

»Dann gehen wir woandershin«, sagt Nico. Wenn meine Tante und mein Onkel Delmy nicht haben wollen, dann wollen sie mich auch nicht, denkt er. Aber ihnen gehört ja nicht ganz New York, dann finden wir eben irgendwo anders einen Platz.

Ist schließlich Amerika.

Da gibt es für jeden einen Platz, oder?

Er sieht den Zug kommen.

Hier sind weniger Migranten, und die Züge sind anders, es werden nicht so viele landwirtschaftliche Erzeugnisse transportiert, sondern eher Industriewaren wie Kühlschränke und Autos.

»Bist du bereit?«, fragt Nico.

Delmy steht auf. »Paola fehlt mir.«

»Mir auch.«

Sie laufen neben dem Zug her.

Der Regen hat das Teeröl an den hölzernen Bahnschwellen glitschig gemacht, und es ist gar nicht so leicht, Halt zu finden, inzwischen sind sie durch die viele Übung aber richtig gut geworden. Nico ist allerdings immer noch ein bisschen beeinträchtigt wegen seiner angeknacksten Rippe. Delmy überholt ihn, will nach der Leiter greifen und ihm helfen.

Sie kommt fast an den Waggon heran, packt die Leiter und streckt Nico die andere Hand hin.

Er will einschlagen, rutscht aber auf dem Teeröl aus.

Fällt aufs Gesicht.

Er steht wieder auf und versucht es erneut, aber jetzt ist ihre Hand schon Meter weit entfernt, und der Zug gewinnt immer mehr Tempo.

»Nico, beeil dich!«, brüllt Delmy.

Er rennt schneller, aber nicht so schnell wie der Zug.

»Nico!!!«

Delmy hängt an der Leiter und überlegt, ob sie abspringen soll, aber jetzt ist der Zug auch dafür schon zu schnell, und sie würde sich verletzen. Er winkt ihr, signalisiert, sie soll schon mal vorfahren.

»Ich nehm den nächsten!«, schreit er. »Wir sehen uns in …« Aber jetzt ist sie schon ganz weit weg, wird kleiner und schreit mit verhallender Stimme: »Nicooooo ….!!!!!«

Zum ersten Mal in seinem Leben ist er ganz alleine.

Nico klettert auf den nächsten Zug, bleibt für sich, vertraut niemandem, spricht wenig und wenn, dann nur, um nach Delmy zu fragen. Immer wenn er vom Zug steigt, um etwas Essbares aufzutreiben, erkundigt er sich nach ihr. Am ersten Haltepunkt ist sie nicht und auch nicht am zweiten. Er erkundigt sich in den Notunterkünften nach ihr, den Kliniken. Er hat kein Foto von ihr, er kann sie nur beschreiben, aber niemand hat sie gesehen, oder zumindest gibt es niemand zu.

Er steigt wieder auf den Zug und fährt weiter nach Norden.

Einsam, traurig, verängstigt.

Er freundet sich mit niemandem an, versucht es erst gar nicht, weil er niemandem trauen darf. Außerdem verschwinden Freunde nur – in grellen Blitzen oder auf Zügen in der Ferne.

Endlich hält die Bestie.

Nico weiß, dass er jetzt in Reynosa ist, aber mehr eigentlich nicht. Paola hatte ihm von einer Unterkunft erzählt, wo er die Nacht vor der Überfahrt über den Fluss verbringen kann, und er findet den Weg in das von Priestern geführte Casa del Migrante.

Dort bekommt er eine einfache Mahlzeit und erfährt Neuigkeiten über Delmy.

Sie wurde verhaftet, erzählt ihm eine Frau. Ja, ein kleines Mädchen, auf das die Beschreibung passt, wurde von der Polizei aus Reynosa mitgenommen.

»Haben Sie das gesehen?«, fragt Nico.

»Ja, ich hab’s gesehen«, sagt die Frau.

»Was machen die mit denen?«, fragt Nico. »Mit denen, die sie verhaften?«

Mit denen, die kein Geld haben, um Schmiergeld zu bezahlen.

»Die schicken sie zurück«, erwidert die Frau.

Dann sitzt Delmy jetzt im Bus der Tränen, El Bus de Lágrimas, und befindet sich auf dem Weg zurück nach Guatemala City und El Basurero.

Wenigstens lebt sie, denkt Nico. Wenigstens ist sie in Sicherheit.

Er schläft auf dem Betonboden ein.


Der Fluss, der Río Bravo, den die Amerikaner Rio Grande nennen, ist breit und voller Strudel und Strömungen.

Nico steht am Ufer.

Er kann nicht schwimmen.

Er ist tausend Meilen gefahren, und jetzt weiß er nicht, wie er die letzten hundert Meter bewältigen soll. Die »Kojoten« wollen hundert Dollar oder mehr dafür, dass sie einen auf die andere Seite bringen. Nico hat nicht mal einen Dollar.

Jetzt sieht er zu, wie die »Kojoten« Gruppen von Menschen auf Schlauchbooten rüberfahren und auf der anderen Seite im Gestrüpp absetzen. Die Menschen steigen aus dem Boot und rennen los, um nicht von den amerikanischen Migra erwischt zu werden.

Nico findet eine versteckte Stelle zwischen den Mesquitesträuchern und wartet auf den Sonnenuntergang.

Als es endlich so weit und das Wasser schwarz geworden ist, geht Nico eine Viertelmeile weiter flussaufwärts, entfernt sich von den anderen Migranten, die darauf warten, überzusetzen, und kauert sich ans Ufer. Er hat die Stelle den ganzen Tag lang beobachtet, und sie scheint relativ flach zu sein – er hat Leute gesehen, die hier mithilfe von Stangen durchgekommen sind.

Nico hat einen kleinen Ast.

Es wird dunkler, und als die Gestalten weiter oben nur noch schemenhaft zu erkennen sind, tritt er ans Ufer und schaut rüber. Er sieht keine Scheinwerfer, hört keine Motorengeräusche, anscheinend sind keine Migras da. Es ist ein ruhiger Flussabschnitt, die Stelle ist relativ schmal und liegt in einer Biegung, er ist sicher, dass er es auf die andere Seite schaffen, die steile Böschung hochklettern und sich im Gestrüpp verstecken kann.

Zusammengekauert wartet er, bis es vollkommen dunkel geworden ist, dann steigt er in das schwarze Wasser.

Es ist kalt, viel kälter, als er gedacht hatte, aber er zwingt sich, weiterzugehen, spürt den steinigen Grund unter seinen Füßen, bemüht sich, nicht über Steine und Äste zu stolpern. Zweimal wäre er beinahe gefallen, aber er stützt sich auf seinen Stock und bleibt stehen.

Das Wasser wird tiefer.

Erst reicht es ihm bis an die Knie, dann bis zur Taille, und erst da begreift er, dass die Leute, die er durchs Wasser hatte waten sehen, ausgewachsene Männer waren und keine Zehnjährigen.

Ihm reicht das Wasser schon bis zur Brust, und er spürt, wie ihn die Strömung mit sich zieht, flussabwärts reißen will.

Er stemmt sich mit den Beinen fest dagegen, aber inzwischen geht ihm das Wasser schon bis zum Kinn, dann bis zum Mund und bis zur Nase, und er muss sich auf die Zehenspitzen stellen, um noch Luft zu bekommen, aber er weiß, dass hier in der Mitte die tiefste Stelle ist und es danach wieder besser wird.

Aber dann sackt er in ein Loch.

Das Wasser strömt über seinen Kopf, der Strudel reißt ihm den Stock aus der Hand, und er verliert den Halt unter den Beinen, sie werden unter ihm weggezogen, das Wasser umgibt ihn jetzt ganz, und er hält die Luft an, denn obwohl seine Lungen nach Luft schreien, wird er Wasser schlucken und ertrinken, wenn er den Mund aufmacht.

Dann spürt er wieder Boden unter sich, stößt sich, so fest er kann, mit den Zehen ab und kommt nach oben, holt tief Luft, dann fällt er nach vorne, klatscht mit dem Gesicht voran ins Wasser. Er schlägt wild mit den Armen um sich, während ihn die Strömung flussabwärts treibt, ein Strudel ihn herumwirbelt, bis er gar nicht mehr weiß, wo das Ufer ist. Um ihn herum ist alles dunkel, das Wasser zieht ihn immer weiter, immer wieder taucht er unter, schluckt Wasser und kommt hustend und keuchend an die Oberfläche. Er ist jetzt so müde, dass er nicht mal mehr mit den Armen rudert, und seine Beine fühlen sich an wie aus schwerem Stein, sie wollen nicht mehr austreten, und sein Körper will nur noch im Wasser einschlafen, das jetzt gar nicht mehr kalt ist, sondern sehr warm, und dann trägt ihn die Strömung ans Ufer.

Sein T-Shirt verfängt sich in einem Ast. Nico greift danach und zieht sich in den Sand hoch.

Dort bleibt er liegen, keuchend, hustend und erschöpft. Plötzlich spürt er Licht im Gesicht.

Das Licht einer Taschenlampe.

Nico hört eine Stimme. »Oh Gott, das ist ein Kind.«

Hände packen Nico an den Armen und heben ihn auf.

Er blinzelt und sieht ein Abzeichen.

Die amerikanischen Migra.

11. Verkehrte Welt

»Wir sind, was wir vortäuschen,


und deshalb müssen wir bei dem,


was wir vortäuschen, vorsichtig sein.«

Kurt Vonnegut, Mutter Nacht



Cirello hasst seinen Job.

Er hat es satt, sich bei Drogenhändlern einzuschleimen, Geld von ihnen anzunehmen, so zu tun, als wäre er genauso verkommen wie sie. Ein halbes Dutzend Mal hat er Mullen jetzt schon um eine neue Aufgabe gebeten – irgendwas anderes, Hauptsache, nicht mehr das –, aber der Chef hat Nein gesagt.

»Wir sind kurz davor, Fortschritte zu machen«, hatte Mullen gesagt. »Jetzt ist nicht die richtige Zeit, aufzugeben.«

Das Problem ist, denkt Cirello, dass ich einfach zu gut bin in dem, was ich mache.

Er hat mit Mike Andrea und Johnny Cozzo gespielt wie ein Pianist auf einem Flügel in einer jener Bars, wo man nur hingeht, wenn man Geburtstag hat. Sie dachten, sie spielten mit ihm – verlangten Gefälligkeiten, um seine Wettschulden zu begleichen – er sollte Autokennzeichen überprüfen, feststellen, ob jemand ein Cop war, potenzielle Geschäftspartner durchleuchten, sich vergewissern, ob sie bereits unter polizeilicher Beobachtung standen.

Richtig los ging es, als er Darius Darnell ein einwandfreies Gesundheitszeugnis ausstellte.

»Er war in Victorville«, erklärte Cirello Andrea, »aber ein Vorzeigesträfling. Das NYPD hat ihn nicht auf dem Schirm.«

»Garantierst du uns das?«

»Hundert Prozent«, sagte Cirello.

»Was ist mit der DEA?«

»Die interessieren sich nicht für ihn«, sagte Cirello. Eigentlich war’s ganz einfach gewesen – er hatte Cozzos fünfzigtausend genommen, angeblich um sich einen Kontakt bei der DEA zu »kaufen«, war zu Mullen gegangen, der wiederum zu Gott weiß wem ging, und mit der Nachricht zurückkehrte, dass die DEA mit Darnell nichts am Hut hatte – sollte sie ihn je im Auge gehabt haben, dann hatte sie ihren Blick abgewandt. »Aber mal im Ernst, arbeitet ihr jetzt mit Niggern?«

»Wir sind mental vorne«, sagte Cozzo.

»Ihr seid was?«

»Mental vorne«, sagte Cozzo. »Das heißt, so was wie Rassismus haben wir hinter uns gelassen.«

»Und das heißt, ja, wir arbeiten mit Niggern«, sagte Andrea, »vor allem, wenn sie uns erstklassiges Heroin besorgen.«

Was Darius Darnell offensichtlich tat, wollte man dem glauben, was Cozzo und Andrea jetzt überall in der Stadt verbreiteten.

Cirello wusste dies aus eigener Erfahrung, weil er engagiert wurde, um die Security für die Heroinlieferungen zu stellen und zu gewährleisten, dass das Drogendezernat keine ihrer Anlaufstellen im Visier hatte und die Lieferungen nicht von Gangs, Gangstern oder korrupten Cops geklaut wurden.

Die Arbeit ist quälend, widerspricht allem, woran Cirello in seinem bisherigen Leben als gesetzestreuer Drogenfahnder geglaubt hatte. Er hilft den Arschlöchern, Stoff im Wert von Millionen Dollar zu verschieben, jede einzelne Lieferung wäre ein Riesenfund gewesen. Sie hätten Cozzo und Andrea jederzeit hochgehen lassen können, aber Mullen hatte Nein gesagt.

»Das sind fünfzehn Pfund, Chef«, hatte Cirello gesagt. »Du weißt, was die auf der Straße anrichten?«

»Ich weiß«, hatte Mullen gesagt, »aber dafür machen wir das nicht. Wir machen das nicht, um eine Schlacht zu gewinnen, wir wollen den Krieg gewinnen.«

Dann verstieg er sich zu irgendeinem Vergleich mit dem Zweiten Weltkrieg, in dem Churchill zugelassen hatte, dass die Deutschen Städte bombardieren, obwohl er vorgewarnt war und wusste, was kommen würde.

»Sonst hätten die Deutschen doch kapiert, dass wir den Code geknackt haben«, sagte Mullen, »und vielleicht hätten wir dann den Krieg verloren. Also hat Churchill zugesehen, wie Tausende unschuldiger Menschen starben, denn er musste den Krieg gewinnen.«

Cirello versteht nichts von Krieg, er versteht nur, dass an der gesamten East Coast Süchtige sterben werden, wenn er diese Lieferungen durchlässt.

Das macht ihn völlig fertig.

Er hat um seine Versetzung gebeten.

»Ich schreib auch Strafzettel in Park Rockaway«, hatte er zu Mullen gesagt.

»Bleib dran, Bobby«, sagte Mullen. »Ich weiß, was es dich kostet, aber bleib dran. Du bist der Beste. Du weißt, dass ich das weiß? Früher war ich nämlich selbst der Beste.«

Jaja, dachte Cirello, jetzt lutscht er mir den Schwanz.

»Du musst weiter die Leiter aufsteigen«, sagte Mullen. »Bau eine Beziehung zu Darnell auf.«

»Wie soll ich das hinkriegen?«

Weißer Cop, schwarzer Drogendealer.

Vergiss es.

»Hab Geduld«, sagte Mullen. »Was du auch tust, leg es nicht zu sehr drauf an. Warte, bis er zu dir kommt.«

Das wird niemals passieren, dachte Cirello.

Aber zwei Wochen später, genau wie der Chef gesagt hatte, kam Andrea zu ihm und sagte: »Darnell will dich kennenlernen.«

Mach einen Rückzieher, denkt Cirello. Such nach Ausflüchten, lass dir nicht anmerken, dass du scharf drauf bist. »Wozu?«

»Wir erwarten demnächst eine größere Lieferung«, sagt Andrea, »und Darnell möchte dich vorher persönlich kennenlernen. Er will dir ›in die Augen schauen‹.«

»Was? Vertraut er mir nicht?«

»Er will dir nun mal in die Augen schauen.«

»Lasst ihr euch jetzt von Niggern rumkommandieren?«, fragte Cirello. »Ich will ihn nicht kennenlernen.«

»Wieso denn nicht?«

»Je mehr Leute mich kennen«, sagte Cirello, »umso bekannter bin ich.«

»Deinen Namen kennt er sowieso.«

»Wer hat ihm den gegeben?«, fragt Cirello.

»Ich.«

»Fick dich, Mike.«

»Du kommst mit.«

»Sagt wer?«

»Sagen die Lakers, wenn sie keine drei Spiele hintereinander gewinnen«, sagte Andrea. »Meinst du, das krieg ich nicht mit?«

Also findet sich Cirello jetzt zu einem Meet-and-Greet mit Darius Darnell ein.

Cirello denkt, dass er Mullen lieber erst hinterher davon erzählt, damit der Chef nicht alles versaut, indem er ihm die gesamte Abteilung zur Verstärkung mitschickt. Er steigt einfach zu Andrea in den Wagen, und sie fahren raus zu den Linden Houses in East New York.

»Kann sein, dass wir die einzigen Weißen dort sind«, sagt Cirello, als sie aus dem Wagen steigen.

»Bist du weiß?«, fragt Andrea. »Ich bin Italiener, du bist Grieche. Wir sind doch nicht weiß.«

Eine kleine Delegation G Stone Crips erwartet sie am Eingang des Wohnblocks und geht mit ihnen in eines der Gebäude, sie steigen gemeinsam in den Fahrstuhl und fahren hinauf ins oberste Stockwerk, dann noch ein paar Treppen weiter aufs Dach.

Dort steht ein großer Schwarzer an der Kante und schaut auf die Stadt.

»Da ist er!«, sagt Andrea. »Der König blickt auf sein Reich!«

Typisch Andrea, immer am Schleimen, denkt Cirello.

Darnell dreht sich um.

Er trägt eine Yankees-Jacke und eine Designer-Jeans. Nicht die üblichen hohen Basketballschuhe, die Cirello an den Füßen eines schwarzen Drogenhändlers erwartet, sondern Arbeitsstiefel.

»Ich hab ein paar Jahre in geschlossenen Räumen verbracht«, sagt Darnell, »wenn ich kann, bin ich gerne draußen.«

»Ist ein wunderschöner Tag«, sagt Andrea. Darnell ignoriert die Bemerkung und mustert Cirello von oben bis unten. »Du musst der Polizist sein, von dem die Jungs ständig reden.«

»Bobby Cirello.«

»Wie du heißt, weiß ich«, sagt Darnell. »Aber weißt du, was ich im Gefängnis gelernt habe, Bobby Cirello?«

»Wahrscheinlich einiges.«

»Ganz genau, einiges«, sagt Darnell. Er tritt dicht an ihn heran, befindet sich nur noch Zentimeter von Cirellos Gesicht entfernt. »Unter anderem hab ich gelernt, wie man einen Spitzel erkennt, wenn man einen vor sich hat, und weißt du was, Bobby Cirello, ich glaube, du bist einer. Ich glaube, du bist ein Undercover-Agent, und die Frage ist nur noch, ob wir dich erschießen oder vom Dach werfen.«

Cirello hat eine Scheißangst.

Er hätte doch zuerst Mullen davon erzählen sollen.

Hätte Verstärkung anfordern sollen.

Jetzt ist es zu spät.

Er geht es anders an. »Erschießt mich doch und werft mich anschließend vom Dach. Oder, wenn ihr was echt Abgefahrenes machen wollt, dann werft ihr mich vom Dach und erschießt mich hinterher. Gibt immer mehrere Möglichkeiten. Die Sache ist nur die, ihr werdet nichts von alldem machen, weil ein schwarzer Drogendealer keinen weißen New Yorker Polizisten mit goldener Dienstmarke ermordet, also warum sparen wir uns den ganzen Scheiß nicht einfach.«

Langes Schweigen.

Dann sagt Darnell: »Wäre er verkabelt, wären die Schwarz-Weißen jetzt schon im Anmarsch, um ihrem Mann das Leben zu retten. Der ist sauber.«

»Schön«, sagt Cirello. »Können wir jetzt gehen? Ich hasse Frischluft.«

»Heute Abend hab ich ein Treffen«, sagt Darnell. »Mit einer Person, der ich nicht besonders traue. Ich will, dass du als Security mitkommst.«

»Die G-Boys hier sind dir nicht gut genug?«

»Die sind gut«, sagt Darnell. »Aber wie du gesagt hast, mit einer goldenen Dienstmarke legt sich keiner an. Um neun Uhr treffen wir uns im Gateway Drive, vor dem Red Lobster. Pass auf, dass dir niemand folgt, du fährst.«

»Wen treffen wir denn?«

»Wirst du sehen.«

Cirello geht und lässt sich einen Sender am Wagen anbringen. Punkt neun hält er vor dem Red Lobster.

Darnell ist bereits da und steigt auf den Beifahrersitz.

»Was habt ihr Weißen bloß mit euren Mustangs?«, fragt er.

»Wegen Steve McQueen«, sagt Cirello. »Bullitt.«

»Das ist nicht der Bullitt-Wagen.«

»Nein, den konnte ich mir nicht leisten«, sagt Cirello. »Du musst mir sagen, wo wir hinfahren, ich weiß es nämlich nicht.«

Er ist beeindruckt, dass Darnell allein gekommen ist, ohne Entourage. Ungewöhnlich für einen Drogenhändler.

»Nimm die südliche Umgehungsstraße«, sagt Darnell. »Brighton Beach.«

»Machst du jetzt Geschäfte mit den Russen?«

»Was hast du dabei?«, fragt Darnell.

»Meine Dienstwaffe«, sagt Cirello. »Eine 9mm Glock. Und du?«

»Das müsstest du besser wissen«, sagt Darnell. »Wenn wir angehalten werden und ich mich als ehemaliger Sträfling mit einer Schusswaffe erwischen lasse, wander ich zurück nach V-Ville.«

»Wenn wir angehalten werden«, sagt Cirello, »zeige ich meine Dienstmarke, und wir ziehen fröhlich unserer Wege.«

»Schönes Leben habt ihr Weißen.«

»Nicht wir Weißen, wir Blauen«, sagt Cirello. »Du hast wohl für Weiße nicht viel übrig?«

»Ich kann euch nicht ausstehen.«

»Schön zu wissen, woran ich bin.«

Cirello fährt auf die Umgehungsstraße und dann runter zum Ocean Parkway.

»Die Person, die ich treffe«, sagt Darnell, »ist einer, mit dem ich mich über Grenzen streite.«

»Kennt er keine?«

»Doch, aber sie sind nicht so weit gesteckt, wie er glaubt«, sagt Darnell. »Wir müssen verhandeln, wer hier unten an wen verkauft. Ich lasse ihm seine Grenzen, wenn er den Stoff exklusiv von mir bezieht.«

»Klingt nach einem Plan.«

»Ich werde dich als NYPD Detective vorstellen«, sagt Darnell, »aber deinen Namen nicht nennen.«

»Muss ich ihm meine Dienstmarke zeigen?«

»Nein, scheiß drauf. Benimm dich einfach wie ein Cop.«

»Ich streng mich an«, sagt Cirello. »Wo soll ich abbiegen?«

»Ich schau auf dem Handy nach.«

»Bei Google Maps?«

»Der hochnäsigen Alten, die einem immer sagt, wo man hinfahren soll«, meint Darnell. »Ich schalte den Ton ab.«

»Ich weiß, ich kann das Gequatsche auch nicht leiden.«

Rechts auf die Surf Avenue, links auf die Ruby Jacobs.

»Das ist nicht Brighton Beach«, sagt Cirello. »Das ist Coney Island. An der Achterbahn, wie heißt das Ding noch, dem Thunderbolt.«

»Ich fahr mit keiner Achterbahn«, sagt Darnell. »Mein Leben ist Achterbahn genug.«

»Okay.«

»Am Ende der Straße gibt’s einen Mexikaner.«

»Bin nicht sicher, was ich davon halte«, sagt Cirello.

»Wovon?«

»Zum Beispiel, warum hier?«, fragt Cirello, sieht sich um. »Hier ist alles leer. Parkplatz, eine Baustelle …«

»Hast du Schiss, Weißer?«

»Ich bin nicht weiß, ich bin Grieche«, sagt Cirello. »Hast du 300 gesehen, den Film? Das waren Griechen.«

»Der wurde in V-Ville nicht gezeigt. Viel zu schwul.«

Cirello fährt mitten auf der Ruby Jacobs in eine Parklücke. Ist der letzte freie Parkplatz, immer noch ein halber Straßenzug vom Restaurant entfernt, was ihm überhaupt nicht gefällt. Man muss den sogenannten Polar Bear Club Walk runter, um hinzukommen.

»Polar Bear Club?«, fragt Darnell.

»Neujahr«, sagt Cirello. »Da springen die ins Meer.«

»Schwarze würden so was Bescheuertes nie machen.«

Als sie den Rand des Parkplatzes erreichen, sieht Cirello es. Eine Bewegung aus dem linken Augenwinkel.

Er wirft sich auf Darnell, stößt ihn zu Boden.

Die Kugeln zischen über ihre Köpfe weg.

Cirello schaut auf, sieht Männer davonlaufen.


Im Wagen sagt Cirello: »Hab ich dir doch gesagt. Ich hab gesagt, dass das Scheiße ist!«

»Hätte besser auf dich gehört.«

Cirello merkt, dass er viel zu schnell über die Umgehungsstraße rast, und nimmt den Fuß vom Gas. In seinem Kopf dreht sich alles. Ich hab mich wie ein Gangster verhalten, nicht wie ein Cop, denkt er. Ich hätte mich verhalten sollen wie der Cop, der ich bin – am Tatort bleiben, Meldung machen, auf die Kollegen in Uniform und die Detectives warten. Stattdessen suche ich das Weite, wie der korrupte Drecksack, den ich spiele.

Er überlegt, ob er umkehren und zurückfahren sollte, aber er lässt es bleiben.

Er kann nicht zurück, kann unmöglich erklären, warum er vom Ort des Geschehens geflohen ist, ohne sich die Karriere kaputt zu machen. Und die verdeckten Ermittlungen wären beendet – die ganze Arbeit, die ganzen Monate, in denen er sich an die Kriminellen herangeschleimt hatte, vergeudet.

Er fährt weiter.

Eigentlich müsste er Mullen anrufen. Darnell absetzen und Mullen anrufen. Sich zu ihm in die Küche setzen und ihm alles erzählen, den Chef entscheiden lassen, was er tun soll.

Cirello fährt Darnell zum Red Lobster zurück.

»Du hast mir das Leben gerettet«, sagt Darnell.

»War ja mein Job«, sagt Cirello. Meine Aufgabe als Polizist, sein Job ist es nun mal, die Menschenleben zu retten. Sogar einem Stück Scheiße wie dir, das Jugendlichen Gift verkauft.

»Du hättest auch bloß selbst in Deckung gehen können«, sagt Darnell. »Hast du aber nicht gemacht.«

Hätte ich aber machen sollen, denkt Cirello.

»Ab jetzt arbeitest du nicht mehr für die Italiener«, sagt Darnell. »Ich übernehme deine Schulden und kauf dich denen ab.«

»Musst du nicht.«

»Wenn ich’s müsste, würde ich’s lassen«, sagt Darnell.

»Das wird die nicht glücklich machen.«

»Ist nicht meine Aufgabe, die glücklich zu machen«, sagt Darnell. »Ist deren Aufgabe, mich glücklich zu machen. Ich bin nicht der Nigger von denen, das sind meine. Wenn denen das nicht gefällt, sind sie raus, und ich such mir andere Nigger. Ruf mich an, wenn’s dir besser geht, wir überlegen uns was.«

»Was hast du mit den Russen vor?«, fragt Cirello.

»Ich kümmer mich drum.«

Cirello fährt nach Hause.

Geht erst mal ins Bad und kotzt.

Als Libby nach Hause kommt, fragt sie ihn, wie sein Tag war, und er sagt, gut. Später streckt sie sich nach ihm, will Sex, aber er tut, als würde er schlafen. Aber er schläft nicht, er schläft fast die ganze Nacht nicht – und als er endlich aufsteht, ist sie schon wieder beim Training.


So kommt es, dass Bobby Cirello Darius Darnells persönlicher Fahrer und Bodyguard wird, er ist für die Security bei allen wichtigen Lieferungen zuständig, behält darüber hinaus die Radarschirme im Blick, um sicherzugehen, dass Darnell nicht irgendwo aufblinkt. Den Italienern gefällt das tatsächlich nicht, auch wenn sie Darnell das natürlich nicht direkt sagen.

Nur zu Cirello sagen sie alles Mögliche.

»Hast es ganz schön weit gebracht«, sagt Andrea zu Cirello. »Chauffeur bei einem ditzune? Du liebe Zeit, Bobby, mir tut der Rücken weh, so wie du bei deinem rasanten Aufstieg über mich drübergetrampelt bist.«

»Ich hab ihn nicht darum gebeten.«

»Wurdest aber trotzdem rasant befördert.«

Mullen ist ein bisschen enthusiastischer. »Wie hast du das geschafft?«

»Weiß nicht, du hast gesagt, ich soll näher an ihn ran, also bin ich näher an ihn ran.«

Er erzählt von dem Treffen auf dem Dach, lässt das, was auf Coney Island geschehen war, aber aus.

»Du hättest nicht ohne Verstärkung da raufgehen sollen«, sagt Mullen.

»Wahrscheinlich nicht«, gibt Cirello zu.

»Aber jetzt bist du drin, Bobby, du bist drin«, sagt Mullen. »Im nächsten Schritt musst du herausfinden, woher Darnell sein Heroin bezieht.«

Der nächste Schritt, denkt Cirello. Immer gibt es einen nächsten Schritt.

Wann hört das auf?

Das Verrückte ist, wenige Wochen später kommt Mike Andrea mit exakt demselben Anliegen zu ihm.

»Arbeitest du gerne für Darnell?«, fragt er.

»Lohnt sich.«

»Könnte sich noch mehr lohnen«, sagt Andrea. »Darnell hält sich für den King of New York, aber genau betrachtet, ist er bloß Mittelsmann. Wenn wir eine direkte Verbindung zu seinem Zulieferer bekämen, könnten wir direkt von ihm kaufen, ohne dass Darnell was draufschlägt.«

»Okay.«

»Weißt du, von wem er den Stoff bezieht?«

»Nein.«

»Aber du kannst es herausfinden«, sagt Andrea. »Wenn du die Verbindung für uns herstellst, springt auch für dich was raus, Bobby. Wir streichen Darnells Beteiligung, dafür bekommst du was.«

Cirello muss zugeben, dass das einen gewissen Witz hat, zwei Mafiatypen und der Leiter des Drogendezernats des NYPD wollen alle dasselbe von ihm. Dass ihm das sogar einleuchtet, gehört inzwischen zum Alltag seines bizarren Lebens, das eine ganz eigene innere Logik zu entwickeln scheint. In dieser Welt werden Heroindealer nicht verhaftet, sondern unterstützt; der Korruption entzieht man sich nicht, sondern man lässt sich darauf ein, und je schlimmer man ist, umso besser.

Das ist wie in den alten griechischen Tragödien, in denen die Rede ist von einem »Wolkenkuckucksheim«.

Er weiß, dass er das nicht ewig durchhalten kann.

Andererseits wird das auch nicht nötig sein, denn im Prinzip ist die Situation sowieso untragbar, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihn die eine oder die andere Seite auffliegen lässt. Unter den Kollegen hat sich längst herumgesprochen, was mit Bobby Cirello los ist. Niemand sagt es laut, aber genau das ist es ja. Die anderen Cops meiden ihn, enthalten ihm Informationen vor, wollen nicht mit ihm gesehen werden. Eines Abends geht er in eine Bar in der Nähe von One Police, und plötzlich starren sämtliche Kollegen in ihre Drinks und verstummen.

Da draußen hat man irgendwie das Gefühl, Cirello – »Mullens Schoßhund« – sei nicht ganz sauber. Polizeiwachen sind Gerüchteküchen, und das gilt für One Police Plaza gleich zehnfach. Gerüchte verbreiten sich dort schneller als Grippeviren, und Cirellos Name fällt immer wieder – Cirello hat ein Problem mit dem Glücksspiel, Cirello ist bei Kredithaien tief verschuldet, hey, Zivilfahnder haben Bobby Cirello zusammen mit Mike Andrea in einer Bar auf Staten Island gesehen.

Er weiß, dass die Dienstaufsicht kommen und herumschnüffeln wird, weil die Kollegen nun mal sind wie Köter im Park, sie stecken ihre Nase ständig in die Scheiße der anderen. Wenn sie ihm nicht schon auf den Fersen sind, dann werden sie es bald sein.

Und es besteht immer die Möglichkeit, dass jemand, einer von den Italienern oder einer von den Schwarzen, verhaftet wird, man ihm mit einer langen Haftstrafe droht und er ihn gegen einen Deal verkauft. Fast hofft er, dass das passiert, weil Mullen dann eingreifen und die Sache beenden muss.

Aber es ist nicht nur die Dienstaufsicht und das NYPD, die Cirello Sorgen machen, sondern auch noch die New York State Police und die DEA. Die Feds haben die Cozzos seit Generationen auf dem Kieker, und was, wenn sich unter ihnen ein Spitzel befindet? Scheiße, bei den New Yorker Familien gibt’s mehr Ratten als unter einem stillgelegten Landungssteg. Und was, wenn Andrea oder Cozzo bereits als Informanten kooperieren?

Mullen versucht, ihn zu beruhigen. »Die Operation wurde auf Bundesebene abgesegnet, auf allerhöchster Ebene.«

Na toll, denkt Cirello. Und was ist mit der mittleren und der untersten? Wissen die Bescheid, dass sie die Finger von Cirello lassen müssen? Ein einziges Wort von einem korrupten Bullen gegenüber den Italienern oder Darnell würde genügen, und Cirello wäre tot.

Auch in der Hinsicht wird es immer enger. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er Scheiße baut oder jemand anders Scheiße baut und seine Tarnung auffliegt. Nur eine Frage der Zeit, bis Darnell ihn um etwas bittet, das er nicht tun kann, und dann wird Darnell wissen wollen, warum. Das alles raubt Cirello nachts den Schlaf … vieles raubt ihm nachts den Schlaf … auch dass Darnell von ihm verlangen könnte, verdeckte Ermittler zu enttarnen, Namen von Spitzeln zu nennen, um diese zu ermorden.

Oder schlimmer noch, Darnell könnte verlangen, dass Cirello sie tötet.

Einmal hatte er schon darauf angespielt. »Du bist 007.«

»Was heißt das?«

»Du hast die Lizenz zum Töten«, hatte Darnell gesagt.

Dabei ist Darnell derjenige mit der Lizenz.

Cirello weiß das, weil er auch derjenige ist, der noch mal runter nach Brighton Beach fährt, wo ihm ein russischer Mafiatyp eine Reisetasche übergibt und sagt: »Da sind hunderttausend drin. Bitte sagen Sie Mr Darnell, dass es uns leidtut. Das war ein Fehler, und wir haben die dafür Verantwortlichen bestraft.«

Jemand hatte die Russen zu Tode erschreckt und ihnen gesteckt, dass man Darius Darnell nicht blöd kommen darf. Cirello rechnet sich aus, dass das gewisse Leute in Mexiko waren, die über das entsprechende Format verfügen.

Er bringt Darnell die Reisetasche nach East New York. Darnell macht sie auf, schaut rein und reicht Cirello einen eingewickelten Stapel Hundertdollarscheine als »Bearbeitungsgebühr«.

So funktioniert das. Cirello steht bei Darnell auf der Gehaltsliste, bekommt aber keine wöchentlichen Schecks mit Zulage für die Altersvorsorge. Es funktioniert eher so, dass er etwas für Darnell erledigt und dieser ihm einen willkürlichen Betrag bar übergibt.

Damit geht Cirello zu Mullen, und gemeinsam notieren und dokumentieren sie die Einkünfte, die anschließend in einen Safe wandern.

Jedenfalls größtenteils.

Ein bisschen was muss er davon ausgeben, um als korrupter Cop überzeugend zu bleiben. Zum Beispiel kauft er sich Klamotten, führt Libby teuer zum Essen aus, wettet. Das muss er, sonst würde Darnell misstrauisch werden. Einmal hat ihn der Dealer sogar direkt gefragt: »Was machst du eigentlich mit dem Geld, das ich dir gebe?« Cirello erklärt, dass er das meiste auf die hohe Kante legt und für die Zeit spart, wenn er sich zur Ruhe setzen will, denn wenn er jetzt wie ein Kardashian damit um sich wirft, würde nur die Dienstaufsicht auf ihn aufmerksam werden – die achten dort immer auf Cops, die über ihre Verhältnisse leben.

Darnell kauft es ihm ab, es leuchtet ihm ein.

Aber undercover wird man nie gekauft, man wird immer nur gemietet. Schließlich ist die Idee ja, dass man irgendwann wieder aussteigt und was anderes macht, und Cirello kann’s nicht abwarten, bis es so weit ist. Dafür muss er aber die Namen von Darnells Zulieferern herausbekommen.

Von denen, die den Russen gesagt haben, dass sie gefälligst auf die Knie fallen und Darnell den Schwanz lutschen sollen.

Das sind einflussreiche Menschen.

Und sie bringen die Jugendlichen auf Staten Island um.

Also bleibt Cirello dran.

Für seine Beziehung zu Libby ist das Gift. Der ganz gewöhnliche Polizeidienst ist schon schlimm genug, aber undercover arbeiten ist praktisch Liebesmord. Bei One Police zieht er von neun bis fünf wie gewohnt seine Schicht durch – hält sich gleichzeitig aber auf Abruf, muss springen, sobald Darnell ihn braucht. Cirello kann seiner Freundin nicht erklären, wieso sein Handy um ein Uhr morgens klingelt und er wegmuss, kann ihr nicht sagen, wohin er geht oder warum.

»Das ist der Job«, sagt er einmal.

»Ich weiß.«

»Es gibt keine andere Frau«, sagt er.

»Weiß ich auch.«

Ja, wahrscheinlich weiß sie das, denkt Cirello. Sie weiß, dass sie schön ist und klug, und sich jeder Mann glücklich schätzen darf, der sie bekommt, und sich nicht im Traum einfallen lassen würde, was nebenher laufen zu lassen.

Nein, sie weiß, dass es sein Job ist, aber sie hasst seinen Job.

Sie hasst es, dass er ihr von diesem Teil seines Lebens nichts erzählen darf.

Und sie sieht die Veränderungen an ihm – die Anzüge von Zegna, die Hemden von Battistoni, die Krawatten von Gucci und die Socken von Ferragamo. »Was ist das, Mafia-Chic?«

»Gefällt’s dir nicht?«

»Ich hab nichts dagegen«, sagt sie. »Ist nur, na ja, ganz schön anders.«

Und sie fragt sich, woher das Geld dafür kommt. Der Bobby Cirello, den sie vorher kannte, war bescheiden, hatte auf jeden Dollar geachtet. Er war immer schon gut angezogen, aber er hatte stets auf das Preisschild geschaut. Und jetzt gibt er Tausende für Klamotten aus? Das sieht ihm nicht ähnlich.

Aber es sind nicht nur Äußerlichkeiten wie Kleidung.

Bobby verändert sich auch sonst.

Ständig wirkt er angespannt. Steht mitten in der Nacht auf und geht in ein anderes Zimmer, oft hört sie leise den Fernseher. Er trinkt mehr – er betrinkt sich nicht, aber auf jeden Fall trinkt er mehr als früher.

Und er redet weniger – schweigt beinahe griesgrämig.

Und es kommt vor, dass er einfach irgendwohin fährt. Dass er ohne Erklärung geht und ohne Erklärung zurückkommt, oft geladen und wütend, dann sucht er Streit mit ihr, den sie nicht mit ihm haben will.

Libby liebt Bobby, ganz bestimmt, aber so kann es nicht weitergehen.

Sie ist kurz davor, ihn zu verlassen.

Und er weiß das.

Libby sagt nichts, droht ihm nicht und stellt keine Ultimaten, aber er weiß, dass sie schon mit einem Fuß vor der Tür steht.

Cirello kann es ihr nicht vorwerfen.

Scheiße, wenn ich könnte, würde ich mich selbst verlassen, denkt er.

Er liebt sie, ganz bestimmt, aber bevor er aus der Sache raus ist, kann er nicht mal dran denken, sich Ringe im Schaufenster anzusehen. In seiner verkehrten Welt entfernt er sich immer weiter von Libby und nähert sich immer mehr Darnell an. Das ist eine bekannte Gefahr bei der verdeckten Arbeit, jeder weiß, dass man dazu neigt, sich mit den Zielpersonen zu identifizieren. Das ist fast schon eine Voraussetzung erfolgreicher Ermittlungen, aber allmählich stellt Cirello fest, dass er Darius Darnell mag.

Was keinen Sinn ergibt, weil er Darnell andererseits natürlich verdammt noch mal hasst.

Trotzdem freunden sie sich immer mehr an.

Eines Nachts fahren sie runter nach Inwood, vorbei an Grant’s Tomb, und Darnell sagt: »Hab in V-Ville ein Buch über ihn gelesen.«

»Ach ja?«

»Der hat den Krieg gewonnen.«

Wie sich herausstellt, hat Darnell im Knast jede Menge Bücher gelesen, vermutlich mehr, als Cirello je gelesen hat, weshalb er in amerikanischer Geschichte ziemlich bewandert ist.

Und klare Standpunkte vertritt.

»In der Geschichte dieses Landes gibt es keinen einzigen Weißen«, sagte er einmal, »der je etwas für einen Schwarzen getan hat, ohne dass er selbst was davon hatte.«

Ich hab dir dein Leben gerettet, du Motherfucker, denkt Cirello, sagt aber: »Und was ist mit Grant?«

»Er wollte Präsident werden.«

»Okay, und Lincoln?«, fragt Cirello.

»Der war Rassist.«

»Er hat die Sklaven befreit.«

»Nur um die Union zu retten«, sagt Darnell.

»Du bist ganz schön streng, Darius.«

»Worauf du dich verlassen kannst.«

Ein anderes Mal erzählte Darnell von seiner Zeit im Gefängnis. »Weißt du, woraus das Strafjustizsystem besteht? Aus Niggern in Käfigen.«

»Im Gefängnis gibt’s doch auch Weiße«, sagt Cirello.

»Arme Weiße«, sagt Darnell. »Arme Schwarze, arme Braune. Theoretisch würde es auch arme Gelbe geben, aber die gibt es ja auch sonst wo nicht.«

»Dann geht es gar nicht um die Hautfarbe«, sagt Cirello, »sondern aus welcher Gesellschaftsschicht man kommt.«

Sie stehen auf dem Dach, trinken Bier und sehen die Sonne untergehen. Darnell sagt: »Doch, es geht schon um die Hautfarbe. Ein Weißer, der für das Amt des Präsidenten kandidiert, spricht offen darüber, dass er Frauen zwischen die Beine grapscht. Was, meinst du wohl, würde passieren, wenn Obama sagen würde, er fasst weißen Frauen zwischen die Beine? Die würden die Lynchjustiz wieder einführen.«

»Wahrscheinlich.«

»Da kannst du dich drauf verlassen«, sagt Darnell. »Die würden ihn lynchen und die Hälfte aller Brothers in D.C. zur Sicherheit gleich mit. Hast du noch nie was von Emmett Till gehört?«

»Wer ist das?«

»Er war vierzehn Jahre alt«, sagt Darnell, »da haben sie ihn gelyncht, weil eine weiße Frau behauptet hat, er hätte ihr hinterhergepfiffen. Vierzehn Jahre alt, Bobby Cirello.«

Cirello sieht ihn an und glaubt, eine Träne über Darnells Wange rollen zu sehen.

»Weinst du, Darius?«

»Ich hab nicht mehr geweint, seit mir der Doktor einen Klaps auf meinen schwarzen Arsch gegeben hat.«

»Okay.«

»Aber ich hab Männer weinen hören«, sagt Darnell. »Ich hab gehört, wie sie nachts in ihren Zellen geweint haben.«

»Darauf möchte ich wetten.«

Darnell lacht. »Das solltest du lieber lassen, Bobby Cirello. Du solltest überhaupt nicht mehr wetten. Auf gar nichts. Dadurch bist du nämlich in die ganze Scheiße reingeraten. Wie geht’s überhaupt damit?«

»Hab’s runtergefahren.«

»Gut«, sagt Darnell. »Gehst du zu den Treffen? Wie die Süchtigen?«

»Bin nicht so der Typ dafür.«

Ein anderes Mal fährt Cirello ihn nach Hause, und Darnell bittet ihn, einen Abstecher in die 91st Street zu machen.

»Wo wollen wir hin?«, fragt Cirello.

»Meinen Sohn abholen.«

»Ich wusste nicht, dass du einen hast.«

»Er ist auf der Schule, gleich da drüben.«

Cirello kennt die Trinity, eine Privatschule, für die man eine deftige Jahresgebühr zahlen muss. Darnells Sohn steht draußen in seinem Schulblazer und seiner grauen Hose, eine Tasche mit Büchern auf dem Rücken und einen Lacrosse-Schläger in der Hand.

Hübscher Junge, ungefähr dreizehn Jahre alt.

»Devon«, sagt Darnell, »sag Mr Cirello Guten Tag.«

»Bobby«, sagt Cirello.

»Nein, Mr Cirello«, sagt Darnell. »Mein Junge hat Manieren.«

Er ist schüchtern. »Guten Tag.«

»Wie war das Training?«, fragt Darnell.

»Hab ein Tor geschossen.«

»Gut gemacht.«

Sie fahren ihn zu seiner Mutter nach Hause Ecke 123rd und Amsterdam. Cirello wartet, während Darnell seinen Sohn ins Haus bringt.

»Netter Junge«, sagt Cirello, als Darnell in den Wagen steigt.

»Das ist seiner Momma zu verdanken«, sagt Darnell. »Ich war den Großteil seiner Kindheit nicht da.«

»Hey, und jetzt geht er auf die Trinity, echt?«

»Und danach aufs College. Hast du Kinder?«

»Nein«, sagt Cirello.

»Du verpasst was.«

»Ich denke, ich hab noch Zeit.«

»Das denken alle«, sagt Darnell. »Stimmt aber nicht. Wir haben keine Zeit. Die Zeit hat uns. Die Zeit ist unbesiegbar, Mann. Gegen die kannst du nicht gewinnen. Willst du was über Zeit wissen, dann frag einen Sträfling. Bei dem Thema sind wir Experten.«

Danach geht Cirello mit einer Theorie zu Mullen. Sie sitzen am Frühstückstisch, als Cirello sie erläutert. »Darius Darnell hat acht Jahre in einem Bundesgefängnis gesessen. Vor seiner Verurteilung war er Koksdealer in Brooklyn auf niedrigem bis mittlerem Niveau. Sechs Monate nach seiner Entlassung verschiebt er riesige Mengen Heroin. Was sagt uns das? Er muss den Kontakt in Victorville gemacht haben.«

»Schwarz und Braun mischen sich nicht im Knast.«

»Wir wissen, dass er mit mexikanischem Stoff dealt«, sagt Cirello, »also müssen sie irgendwo zusammengekommen sein. Hör mal, wir wissen, dass die Mexikaner ihre East Coast Deals normalerweise über ihre eigenen Leute abwickeln oder über andere Latinos – Dominikaner und Puerto Ricaner. Das ist deren Modus Operandi. Dieser Händler macht Geschäfte mit Schwarzen, was bedeutet, dass es einen neuen Akteur in dem Spiel gibt, der sich entweder nichts aus Tradition macht oder aus irgendwelchen Gründen nicht über die gewohnten Kanäle verfügt.«

»Ein mexikanischer Außenseiter.«

»Wäre eine Theorie.«

»Okay«, denkt Cirello, »ein mexikanischer Außenseiter.«

Wie es ist, Außenseiter zu sein, damit kennt er sich ein bisschen aus.


Eddie Ruiz blieb ungefähr siebenunddreißig Minuten lang im Zeugenschutzprogramm.

So lange dauerte es ungefähr, bis er sich das Städtchen St. George in Utah angesehen und gesagt hatte: »Ich glaube eher nicht.«

Wobei offenblieb, ob sich die Justizbehörde mit seiner Umsiedlung nach St. George ins Herz des polygamen Mormonenstaates einen feinsinnigen Scherz in Anspielung auf seine ungeklärten ehelichen Verhältnisse erlaubt hatte – er hatte mit einer Frau, die er noch als Teenager in den Vereinigten Staaten geheiratet hatte, eine Familie und eine zweite aus einer weiteren, etwas später in Mexiko geschlossenen Ehe – da in den Vereinigten Staaten nur die erste Familie juristisch anerkannt wurde, durfte aber nur diese mit ihm umziehen.

Seine erste Frau Teresa, eine ehemalige Cheerleaderin aus Texas, war dabei über die Vorzugsbehandlung keinesfalls erfreut. »Hier gibt’s ja überhaupt nichts.«

Die beiden Kinder schlossen sich pflichtschuldigst ihrer Ansicht an: »Hier gibt’s nichts.«

Eddie aber hatte bereits einen anderen Plan gefasst. »Was soll das heißen? Hier gibt’s alles. Costco, Target, McDonald’s, Yoghurt Barn …«

»Hier wohnen nur Maronen«, sagte Eddie jr.

»Mormonen.«

Eddie war lange weg gewesen und hatte nicht mitbekommen, wann sich seine fünfzehnjährige Tochter und sein zwölfjähriger Sohn in Donny and Marie verwandelt hatten (apropos Mormonen), und wechselte lieber schnell das Thema. »Die Regierung hat Daddy hierherversetzt, damit er seiner geheimdienstlichen Tätigkeit nachgehen kann.«

Eddie jr., der erst kürzlich den Glauben an den Weihnachtsmann verloren hatte, nahm ihm die Geschichte vom »Geheimagenten« noch ab, aber Angela war dank Internet viel zu schlau und wusste bestens über die Vergangenheit ihres Vaters im Drogenhandel Bescheid. Auch dass er jemanden ans Messer geliefert haben musste, wenn die Regierung bereit war, ihn umzusiedeln.

»Woher hast du das denn?«, fragte Eddie, als sie ihn deshalb zur Rede stellte.

»Mob Wives«, sagte Angela. »Das ist eine Fernsehserie. Sonny Gravanno ist der Vater von einer der Frauen, und der kam in ein Zeugenschutzprogramm, weil er die anderen verraten hat.«

»Ich bin kein Verräter.«

»Wie auch immer«, sagte sie. »Ich frag mich, wieso die uns ›Martin‹ genannt haben? Wir sind Hispanier, wir sehen nicht aus wie Martins.«

»Ricky Martin ist auch Hispanier und heißt Martin«, sagt Eddie, wobei er seinen kleinen Sieg genießt, denn gegen seine fünfzehnjährige Tochter hat er nur noch selten welche zu feiern.

Als Eddie im Knast war, hatte er die anderen endlos jammern hören: »Ich will nur wieder zurück zu meinen Kindern, ich will bei meinen Kindern sein.« Bei allem, was recht ist, auch er hatte sich beklagt, aber jetzt, wo er wieder mit ihnen zusammen war, wird ihm bewusst, dass Familie ganz allgemein überschätzt wird.

Sein Sohn ist eine wandelnde Kieferorthopädenrechnung, und wenn er sich nicht in seinem Zimmer einschließt und wichst, ist er beim Zahnarzt. Seine Tochter ist immer noch stinksauer, weil sie ihre Freunde in Glendora zurücklassen musste, insbesondere einen gewissen Trevor oder so, von dem Eddie ziemlich sicher war, dass er sich von ihr den Schwanz lutschen ließ.

»Oralsex ist kein Sex«, hatte Angela auf der Fahrt nach Utah erklärt. »Das hat sogar ein Präsident gesagt.«

»Wieso heißt es dann Sex?«, hatte Teresa gefragt.

»Ich wette, im Gefängnis gab’s jede Menge Oralsex«, sagte sie zu Eddie.

»Wieso im Gefängnis?«, fragte Eddie junior.

»Daddy hat eine Weile lang undercover im Gefängnis gearbeitet«, erklärte Eddie.

»Wow.«

Eddie war ein bisschen traurig darüber, dass sein nach ihm benannter Sohn ein Schwachkopf war.

»Sie hat ihm einen geblasen«, sagte Teresa am Abend zu ihm im Bett. »Ich weiß es genau.«

»In Utah wird sie niemandem einen blasen.«

»Woher weißt du das?«

»Weil hier nur Mormonen leben«, sagte Eddie, »sich einen blasen lassen, ist eine schwere Sünde. Außerdem haben die so komische Unterwäsche an.«

»Wovon redest du?«

»Die haben so eine Unterwäsche an«, sagte Eddie erschöpft von der Fahrt und den Quengeleien seiner Kinder, »die man kaum ausbekommt.«

»Du musst ja wissen, wie man Männern die Unterwäsche auszieht.«

»Danke auch«, sagte Eddie. »Siehst du, von dir hat sie das.«

Trotzdem gelang es Eddie, Familie Nummer eins in einem hübschen Haus mit vier Zimmern am Ende einer Sackgasse im vorstädtischen St. George unterzubringen und seinen Job als stellvertretender Geschäftsführer in einem NAPA-Autoteilelager anzutreten.

Sechsunddreißig Minuten lang behielt er seinen Job. Erst nachdem sein neuer Chef Dennis ihn für den Abend auf eine vergnügliche Partie Uno mit seiner Familie und einen seiner Spezial-Eisbecher (»Walnüsse sind das Geheimnis«) eingeladen hatte, war Eddie losgegangen, hatte das Geld für einen Chevy Camaro bar auf den Tisch gelegt und war über die 15 nach Las Vegas gefahren.

Eddie checkte in Mandalay Bay ein, bestellte eine Flasche Wodka und ein Callgirl und feierte endlich seine Entlassung aus Victorville. Er feierte drei Tage lang, dann stieg er wieder in den Wagen und fuhr nach San Diego, wo Familie Nummer zwei ihn bereits erwartete.

Priscilla war stinksauer. »Du bist seit einer Woche draußen und kommst erst jetzt zu uns?«

»Baby, ich hatte zu tun.«

»Hast du mich nicht vermisst?«, fragte Priscilla. »Hast du deine Tochter und deinen Sohn nicht vermisst?«

»Doch, natürlich.«

Na ja, in Wirklichkeit nicht so richtig. Seine kleine Tochter war jetzt fünfeinhalb und der Junge fast drei, und beide waren entsetzliche Blagen. Verwöhnt, weil Priscilla ihnen immer alles gab, was sie haben wollten. »Dafür haben sie ja keinen Daddy, oder?«

Eddie staunte nach wie vor darüber, dass seine Frauen fröhlich sein Drogengeld in Empfang nahmen, sich dann aber selbstgerecht darüber beschwerten, wenn er im Gefängnis saß. Er kannte Männer, die dreißig Jahre lang schmorten und deren Frauen die Klappe hielten.

Und die Beine zusammen.

Er verdächtigte Priscilla, dass sie in seiner Abwesenheit was mit einem anderen hatte, weil sie immer viel glücklicher wirkte, als sie eigentlich hätte sein dürfen. Wenn Teresa ihn besucht hatte, war sie immer frustriert und schlecht gelaunt gewesen, Priscilla aber hatte gestrahlt wie frisch gefickt.

Am ersten Abend in San Diego, nachdem sie die Kinder endlich so weit bestochen hatten, dass sie freiwillig ins Bett gingen, fragte Eddie sie.

»Darf ich dich was fragen?«, sagte er. »Hattest du was mit anderen Männern, als ich weg war?«

»No.« Sie hatte sich bereits einen kalifornischen Akzent angewöhnt, sodass ihr spanisches Nein eher wie ein »Noah« klang.

»Okay«, sagte Eddie. Verlogenes Luder. »Mit wem hattest du dann Sex?«

Priscilla griff in die Nachttischschublade und zog einen Vibrator heraus. »Nur mit dem Rabbit, Baby. Meinst du, mit dem kannst du mithalten?«

Sie schaltete ihn ein, und er sah ihn sich an. »So viele Umdrehungen krieg ich mit meinem Schwanz nicht hin.«

»Komm her, Baby. Ich mach, dass er sich dreht.«

Und sie hielt ihr Versprechen. Eddie war praktisch bewusstlos, als sein Handy klingelte und er sah, dass es Teresa war. Er sprang in die Jeans und lief nach draußen, um den Anruf entgegenzunehmen. »Hey, Baby.«

»Hey Baby, am Arsch. Wo zum Teufel steckst du?«

»Auf Geschäftsreise.«

»Dieser Dennis hat angerufen, total besorgt«, sagte Teresa. »Er sagt, er muss dich feuern.«

Oh nein, dachte Eddie. »Hör mal, Teresa, ich will nicht Autoteileverkäufer in Utah sein.«

»Und dann lässt du uns einfach hier sitzen?«

»Nein, Baby«, sagte Eddie. »Warte nur, bis ich mich niedergelassen habe, und dann hole ich euch nach.«

»Niedergelassen? Wo bist du?«

»In Kalifornien.«

»Wieso in Kalifornien?«

Weil dort die Geschäfte gemacht werden, dachte Eddie. »Wirklich? Muss ich dir das wirklich erklären?«

»Was sagt die Polizei dazu?«

»Wen interessiert’s?«, sagte Eddie. »Ich hab keine Bewährung, ich kann jederzeit aus dem Zeugenschutz aussteigen, wenn ich will. Hör mal, sag Eddie jr., ich bin auf einer geheimen Mission, und Angela … ich weiß nicht, sag ihr irgendwas und dann entspann dich. Ich ruf an.«

Er legte auf und wollte wieder ins Bett, endlich schlafen.

Nichts zu machen.

»Mit wem hast du telefoniert?«, fragte Priscilla.

»Was?«

»Draußen, damit ich’s nicht höre«, sagte sie. »Wer war da am Telefon?«

»Ging um Geschäfte.«

»Frauengeschäfte.«

»Willst du Zeugin werden, ist es das, was du willst?«, fragte Eddie. »Das war zu deinem Schutz, Herrgott noch mal.«

Er stand auf, ging nach unten, um sich Kaffee zu machen und zu frühstücken. Die Kinder waren bereits in der Küche, verteilten überall Cheerios und Milch.

»Priscilla!«, schrie er. »Komm her und kümmere dich um deine Kinder!«

»Sind auch deine!«

Die Kinder starrten ihn an.

»Was?«, fragte Eddie.

Das kleine Mädchen, Brooke, fragte: »Bist du unser Daddy?«

»Sagt ihr denn zu sonst noch jemandem Daddy?«

Brooke starrte ihn weiter an.

Eddie griff in seine Jeans und zog einen verkrumpelten Schein heraus. »Willst du zwanzig Dollar haben, Brooke?«

»Ja.«

»Ich will auch zwanzig Dollar«, sagte Justin.

Ich bin reiner Mexikaner, dachte Eddie, Priscilla ist reine Mexikanerin, und unsere Kinder heißen Brooke und Justin. »Okay, wer will die zwanzig Dollar? Gibt es sonst jemanden, zu dem ihr Daddy sagt?«

Priscilla kam rein. »Zwanzig, Eddie? Billig.«

»Ich geh zu Starbucks.«

»Geh doch.«

Eddie ging.

Er landete in einem Hotel am Strand oben in Carlsbad und entspannte sich ein paar Tage.

Jetzt hängt er am Handy und ruft Darnell an. »Ich bin draußen.«

»Willkommen zurück in der Welt, Bruder.«

»Danke. Hast du mein Geld?«

»Liegt hier für dich. Alles bis auf den letzten Cent.«

Eddie hat Darnell das Heroin bis zu seiner Entlassung vorgeschossen. Inzwischen bekommt er so was wie drei Millionen von ihm.

»Ich vertrau dir. Kannst du veranlassen, dass es zu mir kommt?« Eddie braucht das Geld, um wiederum Caro zu bezahlen. So funktioniert das, Caro schießt Eddie die Ware vor, Eddie schießt Darnell was vor, Darnell schießt es den Dealern vor. Die Dealer verkaufen an die User, und dann fließt das Geld über denselben Kanal wieder zurück. »Hast du einen Kurier, dem du so viel Geld anvertrauen kannst?«

»Ich denke schon«, sagt Darnell. Dann sagt er: »Eddie, es gibt aber ein Problem.«

Natürlich, denkt Eddie – es gibt immer irgendein Scheißproblem.

Das Problem ist, erklärt Darnell Eddie, dass sie Konkurrenz bekommen haben. Sinaloa hat Leute nach New York geschickt, die wie Pharmavertreter die Runde machen, sie gehen zu den Dealern und bieten an, ihnen Heroin vorzustrecken. Hauptsächlich wenden sie sich an die Dominikaner in Upper Manhattan und der Bronx, aber inzwischen suchen sie auch immer öfter Darnells Kundschaft in Brooklyn und Staten Island auf.

Die dominikanischen Gangs sind auch ein Problem, da sie Sinaloa-Ware den ganzen Hudson rauf verkaufen, in New England und unten in Baltimore und D.C., lauter Gebiete, die Darnell haben will. Früher war Chicago für Sinaloa der Hauptumschlagplatz gewesen, von dort wurde das Kokain im ganzen Land verteilt. Jetzt, wo Sinaloa auf Heroin umgestiegen war, wollen sie auch noch New York haben. Und nicht nur Sinaloa. Darnell hat es mit Dealern zu tun, die Stoff aus Jalisco kaufen.

»Das ist nicht in Ordnung, Eddie«, sagt Darnell. »Das musst du regeln.«

Eddie ist nicht sicher, ob er das kann. Als das Sinaloa-Kartell noch eine einheitliche Organisation war, konnten Adán Barrera und Nacho Esparza die Vereinigten Staaten einfach in unterschiedliche Gebiete aufteilen. Jetzt aber bestand Sinaloa aus mindestens drei Kartellen – Nuñez, Esparza und Sanchez, alias »Nuevo Baja« –, und Eddie will Darnell nicht unbedingt einweihen und ihm stecken, dass ihre gemeinsame Ware tatsächlich von einem alten Sinaloa-Außenseiter, von Damien Tapia, stammt. Und außerdem gibt es auch noch Tito Ascención und das Nuevo-Jalisco-Kartell. Alle wollen in New York verkaufen.

Und es kommt noch schlimmer.

Die Ware der Konkurrenz ist besser, erklärt ihm Darnell.

Sie unterbieten ihn im Preis und liefern bessere Qualität.

»Das ist diese Fentanyl-Scheiße«, sagt Darnell. »Cinnamon ist nicht mehr gut genug. Wir müssen endlich dazu aufschließen.«

»Hab’s kapiert.«

»Kannst du Fentanyl beschaffen?«

Warum nicht?, denkt Eddie. Fentanyl kommt mit Schiffen aus China, und seine alte Crew kontrolliert immer noch Acapulco mitsamt Hafen, eigentlich dürfte das kein Problem sein. »Wir können zwei Dinge machen, D. Wir versetzen das H mit Fentanyl und verkaufen außerdem Fentanyl pur. Wir lassen den Kunden die Wahl.«

»Aber in ganz geringer Dosis«, sagt Darnell. »Wir wollen die Kundschaft ja nicht ausrotten. Du musst was unternehmen, Eddie. Ich verlier Boden und Geld. Und du musst dafür sorgen, dass sich diese Sinaloa-Wichser aus meinem Revier verziehen, sonst mach ich das selbst.«

»Immer mit der Ruhe, D«, sagt Eddie. »Wir wollen keinen Krieg.«

»Nein, aber ich werde auch nicht zusehen, wie die mich überrennen, wenn du verstehst, was ich meine.«

»Nichts überstürzen, ich kümmer mich darum«, sagt Eddie.

Und hängt sich gleich wieder ans Telefon.


Cirellos Doppelleben wird bald enden.

Mit einer Riesenbeschlagnahme.

Zwanzig Kilo Fentanyl sind auf dem Weg zu Darius Darnell. Ein Lieferwagen mit zwanzig Kilo der tödlichen Droge rollt an, fünfzig Mal so stark wie Heroin. Darnell wird sie in eine seiner Mills in Upper Manhattan bringen und in Form von Pillen oder Tütchen als sogenanntes »Fire« weiterverkaufen – mit Fentanyl versetztes Heroin.

Cirello ist bei der Lieferung für die Sicherheit zuständig.

Hier können sie endlich die Festnahme vornehmen, die sie seit beinahe zwei Jahren vorbereiten – Darnell vor Gericht stellen und Fentanyl in einer Menge beschlagnahmen, die ausreichen würde, um Millionen von Menschen zu töten.

Cirello kennt die Zahlen, und die sind unglaublich. Ein Kilo Fentanyl kostet circa drei- bis viertausend Dollar in der Herstellung. Darnell wird für dieses Kilo sechzigtausend Dollar zahlen, das heißt also schlappe 1,2 Millionen Dollar für diese Lieferung. Wenn er sein Heroin damit versetzt, bringt ihm jedes Kilo Fentanyl ungefähr zwanzig Kilo Verkaufsware, sogenanntes »Fire«, im Wert von über einer Million pro Kilo. Verkauft er reines Fentanyl in Form von Pillen, wird es total verrückt – eine Pille enthält weniger als zwei Milligramm (mehr wäre tödlich), das heißt, aus jedem Kilo lassen sich sechshundertfünfzigtausend Einzeldosen gewinnen und für je zwanzig bis dreißig Dollar verkaufen.

Sie könnten mit dieser Lieferung also dreizehn Millionen Pillen auf die Straße bringen.

Dreizehn Millionen Fentanyl-Pillen, die sich wie eine Epidemie an der gesamten East Coast verbreiten und Süchtigen in New York, Boston, Baltimore und D.C. das Leben kosten werden. Ganze Kleinstädte in New England, Pennsylvania, Ohio und West Virginia werden daran zugrunde gehen.

Nur dass das alles nicht passieren wird, denkt Cirello.

Weil wir es nämlich verhindern.

Jetzt ist Cirello unterwegs zu Mullen in die Küche, um ihm die guten Neuigkeiten zu überbringen, die Festnahme zu planen – welches Personal (Drogendezernat und SWAT?) hinzugezogen wird und wie das Ganze ablaufen soll. Er kennt noch nicht den genauen Übergabeort – sobald er ihn kennt, wird er eine Möglichkeit finden müssen, sich mit Mullen zu verständigen. Außerdem muss sich Verstärkung bereithalten, um unverzüglich zugreifen zu können.

Es ist kompliziert, aber beglückend.

Sie werden unzähligen Menschen das Leben retten.

Einschließlich mein eigenes, denkt Cirello.

Es entgleitet ihm. Er kommt mit dem Stress nicht mehr klar, mit der Isolation, mit der Lüge und damit, dass er das Gegenteil desjenigen sein muss, der er wirklich ist.

Aber vielleicht ist er das auch gar nicht, denkt er auf dem Weg zu Mullen. Vielleicht ist das auch nur ein anderer Teil von mir, einer, der das leicht verdiente Geld liebt, die abgefahrenen Nächte, die schönen Klamotten, das Glücksspiel, die Sauferei, den Adrenalinrausch. Und wenn das so ist, denkt Cirello, sollten wir die Sache besser schnell beenden, bevor ich mich wirklich noch in den verwandle, der ich zu sein vorgebe.

Mullen empfängt ihn an der Haustür. »Komm rein, komm rein. Was gibt’s?«

Sie gehen in die Küche. Mrs Mullen sagt kurz Hallo, drückt Cirello ein Küsschen auf die Wange und verzieht sich.

Cirello erzählt Mullen von der bevorstehenden Fentanyl-Lieferung.

Wartet darauf, dass sein Chef vom Stuhl aufspringt und fäustepumpend ein siegessicheres Kriegsgeheul anstimmt.

Aber das tut er nicht.

Mullen hört zu und bleibt einfach sitzen, runzelt die Stirn, denkt nach.

»Was?«, fragt Cirello.

»Wir lassen die Lieferung durch«, sagt Mullen.

»Was?!«

»Wir lassen sie durch«, sagt Mullen. »Denk doch mal nach, Bobby. Wenn wir den Stoff jetzt beschlagnahmen, verhindern wir, dass zwanzig Kilo Fentanyl auf die Straße gelangen. Aber das bedeutet nur, dass Hunderte Kilo, Tausende, nachkommen werden. Wir wollen nicht die Drogen, wir wollen die Hintermänner.«

»Wir kriegen Darnell.«

»Aber wir wollen auch die Leute, die Darnell beliefern«, sagt Mullen.

»Du hörst mir nicht zu«, sagt Cirello. »Das ist eine Lieferung. Diejenigen, die ihn beliefern, werden dort sein.«

»Da kommen Handelsvertreter auf mittlerer Geschäftsebene«, sagt Mullen. »Die sind entbehrlich. Wenn wir die festnehmen, rücken Dutzende andere nach. Und wenn wir Darnell festnehmen, suchen sich seine Zulieferer einen anderen Darnell.«

Cirello sagt nichts.

Er weiß nicht, was er sagen soll.

Die Enttäuschung ist niederschmetternd.

»Ich will mit jemandem darüber reden«, sagt Mullen.

»Ich gehe.« Cirello steht auf.

»Nein, bleib. Du sollst das mithören.«

Mullen nimmt sein Handy. Zwanzig Minuten später hat er Art Keller am Telefon. Cirello hört, wie er dem Direktor der DEA erzählt, was los ist, und fragt: »Was meinen Sie? Ist jetzt die richtige Zeit, abzudrücken?«

Cirello hört lange nichts, dann: »Nein.«

»Der Meinung bin ich auch«, sagt Mullen. »Aber, Art, Ihnen ist bewusst, dass diese Entscheidung den Tod vieler Menschen zur Folge haben wird.«

Wieder Stille. »Das ist mir bewusst.«

»Okay. Ich melde mich wieder, wenn wir weitere Einzelheiten haben.« Er legt auf. »Bobby …«

»Sag’s nicht«, sagt Cirello. »Bitte, sag’s nicht. Ich will nicht hören, wie wichtig das ist und dass wir das Gesamtbild betrachten müssen, ich will nichts hören von Bomben auf Coventry …«

»Ich weiß, dass ich viel verlange …«

»Das sind Kinder, die da sterben.«

»Verdammt noch mal, ich weiß!«

Sie bleiben eine Minute lang stumm sitzen, dann sagt Mullen: »Ich weiß, dass du am Ende deiner Kräfte bist. Ich weiß, was es dich kostet …«

Nein, weißt du nicht, denkt Cirello.

»Wenn ich die Wahl hätte, würde ich dich von dem Fall abziehen«, sagt Mullen. »Aber du bist der Einzige, der eine Beziehung zu Darnell hat, du bist die Leiter höher aufgestiegen, als das sonst irgendjemandem gelungen ist, und wenn wir wieder von vorne anfangen müssen …«

… sterben noch mehr Kinder, denkt Cirello.

»Bobby«, sagt Mullen, »kannst du noch ein bisschen länger dranbleiben? Wenn nicht, dann nicht. Sag es mir, und ich zieh dich sofort ab.«

Er bietet dir einen Ausweg an, denkt Cirello, nimm ihn.

Er bietet dir dein Leben an, greif zu.

»Nein«, sagt Cirello. »Ich komme klar.«

In dieser verkehrten Welt komme ich klar.


Als er nach Hause kommt, parkt Mike Andrea vor dem Haus. Cirello geht zu Andreas Wagen, bevor dieser aussteigen kann. Er stellt sich vor die Tür, macht Andrea Zeichen, er möge die Scheibe runterlassen.

»Was zum Teufel willst du hier?«, fragt Cirello.

»Hast dich in letzter Zeit nicht oft blicken lassen, Bobby«, sagt Andrea.

»Komm nicht zu mir nach Hause.«

»Ich hab sie reingehen sehen«, sagt Andrea, »kann ich verstehen, dass du ungestört sein willst mit ihr. Wir dachten, inzwischen hätten wir mal was von dir hören sollen, Bobby. Über das, worüber wir gesprochen haben? Woher Darnell seinen Stoff bezieht?«

»Ich hab dir gesagt, ich weiß es nicht.«

»Aber er erwartet eine größere Lieferung, oder nicht?«, fragt Andrea.

»Wer hat das gesagt?«

»Er«, sagt Andrea. »Wir sind auch Kunden, unter anderem verkauft er an uns. Und du wirst bei der Übergabe dabei sein, Bobby, darauf aufpassen, dass alles wie am Schnürchen läuft. Wirst neue Leute kennenlernen, neue Freundschaften schließen. Vergiss dabei nur deine alten Freunde nicht, ja? Deine alten Freunde sorgen für deine Sicherheit und die von dem hübschen Mädchen da drin …«

Cirello packt ihn am Jackenaufschlag und zerrt ihn halb durchs Fenster. »Halt dein dreckiges Maul und wag es nicht, noch mal von ihr zu sprechen. Halt dich fern von ihr. Sonst bring ich dich um, Mike. Hast du mich verstanden? Erst verspritz ich dein Gehirn, und dann töte ich deinen schwachsinnigen Boss.«

Er drückt Andrea wieder auf den Sitz.

Andrea zieht sich den Jackettaufschlag glatt. »Halt dich lieber zurück … und lass dir nicht einfallen, noch mal Hand an mich zu legen … ich steh nicht auf Drohungen …«

»Vergiss nicht, was ich gesagt hab.«

»Vergiss du nicht, wer du bist«, sagt Andrea. »Wir erwarten, etwas von dir zu hören, Cirello.«

Er lässt die Scheibe hoch und fährt los.

Cirello geht nach Hause.

Libby sieht ihn nur einmal kurz an und sagt: »Bobby, was ist? Du zitterst.«

»Wirklich?«

»Ja, komm her.« Sie schlingt die Arme um ihn.

»Kann sein«, sagt er, »vielleicht ist was im Anflug.«


Cirello fährt Darnell zu dem Treffen.

»Bist du sicher?«, fragt Darnell.

»Ich hab dir gesagt, alles klar«, sagt Cirello. »Die haben dich nicht auf dem Schirm.«

»Die Feds auch nicht?«

»Hab ich dir doch schon gesagt.«

»Wollen wir’s hoffen«, sagt Darnell. »Hat mich genug gekostet.«

Es geht nicht ums Geld, weiß Cirello, er meckert nur herum, um seine Nervosität zu überspielen. Für ihn steht einiges auf dem Spiel – zehn Millionen Dollar und das eigene Abschneiden in einem Rüstungswettlauf der Drogenhändler, bei dem es darum geht, wer den stärksten Stoff verkauft. Durch die Konkurrenz – die Dominikaner, Puerto Ricaner und die Chinesen – steht Darnell unter großem Druck – und er braucht die Lieferung, um sich an die Spitze zu setzen und weiter mithalten zu können.

Dabei könnte einiges schiefgehen – ein Schwindel, eine Festnahme, ein Überfall. Ein anderes Fahrzeug – ein Transporter – mit vier von Darnells bewaffneten Jungs aus Brooklyn. Ein weiteres Team wartet am Übergabeort – sie beobachten die Lage, stehen Wache, sind bereit einzugreifen, sollte irgendwas danebengehen. Eine dritte Crew wartet aus demselben Grund an der Mill.

Falls nötig, wird Darnell es ausfechten.

Cirello trägt seine Glock an der Hüfte und eine weitere Waffe, eine .380 »Throwaway« am Fußgelenk, außerdem liegt ein Mossberg 590 unter einem Mantel auf dem Rücksitz.

Auch er ist bereit zu kämpfen.

Er weiß nur nicht, gegen wen.

Inzwischen sind zu viele Leute in die Sache verwickelt – Mullen, die DEA, die Italiener –, gleichzeitig schnüffelt ihm die Dienstaufsicht hinterher, Gott weiß, wer noch.

Er fährt den West Side Highway rauf.

»Nimm den GW«, sagt Darnell.

»Fahren wir nach Jersey?«, fragt Cirello.

»Wonach sieht es denn aus?«

»Jersey ist nicht mehr mein Zuständigkeitsbereich«, sagt Cirello. »Wenn die dich in Jersey auf dem Schirm haben, würde ich nichts davon wissen.«

»Dann solltest du hoffen, dass sie mich nicht auf dem Schirm haben.«

Das ist die klassische Drogendealermethode, denkt Cirello, man wechselt ständig die Gebiete, um den Cops den Zugriff zu erschweren, Drogen werden erst nach New Jersey verschoben, dann nach New York rübergebracht. Funktioniert auch auf Mikroebene, Kleindealer stehen auf der Grenze zwischen zwei Stadtbezirken, und wenn die Cops aus dem einen auftauchen, überqueren die Dealer einfach die Straße, weil sie wissen, dass sich die Polizisten nicht mit dem Papierkram herumschlagen wollen, der anfällt, sobald sie in einem anderen als dem eigenen Bezirk aktiv werden.

Cirello fährt auf die Brücke.

»Bleib auf der 95 und fahr auf die 4 Richtung Norden«, sagt Darnell. Nur wenige Minuten hinter der Grenze von New Jersey sagt er: »Fahr hier ran.«

»Ins Holiday Inn?«, fragt Cirello.

»Ist dir wohl nicht gut genug?«, fragt Darnell.

Praktisch, denkt Cirello. Einfach runter von der 95. Die Mexikaner übergeben den Stoff und schwingen sich sofort wieder auf den Highway. Nur drei Parklücken weiter sieht er ein Wohnmobil, ein paar von Darnells Leuten steigen aus und überprüfen den Parkplatz.

»Wir müssen auf den Nerd warten«, sagt Darnell.

»Hä?«

»Auf den Computernerd im Wohnmobil«, sagt Darnell. »Die Software ist verschlüsselt. Er redet mit den Mexikanern, sagt ihnen Bescheid, dass wir hier sind.«

Darnell erhält einen Anruf und sagt: »Los geht’s. Zimmer 104.«

Sie steigen aus, gehen durch die Lobby und biegen rechts in einen Gang. Als Darnell an die Tür klopfen will, schiebt Cirello ihn beiseite. »Stell dich nicht vor die verdammte Scheißtür. Wenn dich da drin jemand umbringen will, muss er bloß durch die Tür schießen.«

Darnell tritt einen Schritt beiseite und hämmert mit den Fingerknöcheln an die Tür.

»¿Quién es?«

»Darnell.«

Die Tür öffnet sich einen Spalt, dann wird die Kette abgezogen, und sie geht ganz auf. Cirello streckt den linken Arm aus, hält Darnell zurück, und geht mit der rechten Hand an der Glock ins Zimmer.

Der Mann an der Tür ist Mitte vierzig und sieht eher aus wie ein kleiner Straßendealer, weniger wie ein Schieber, der kiloweise Drogen transportiert. Was vermutlich auch genau so sein soll, denkt Cirello, denn das ist die Sorte Hotel, in der ein handelsüblicher Vertreter absteigen würde. Oder ein Touristenpaar, das irgendwo, nicht zu weit von Manhattan entfernt, günstig übernachten möchte. Die Frau auf dem Stuhl ist ebenfalls Mitte vierzig und wirkt ein bisschen altbacken, sie hat gut zehn Kilo zu viel auf den Hüften.

Kein Hotelangestellter würde zweimal hinschauen.

Der Fernseher ist auf einen spanischen Sender eingestellt, die Lautstärke runtergedreht. Ein offenes MacBook Pro befindet sich auf dem kleinen Schreibtisch.

Zwei gebrauchte unauffällige Koffer stehen auf dem Boden unter dem Fenster.

»Ich werde euch beide abtasten, okay«, sagt Cirello zu dem Mann.

Der Mann zuckt mit den Schultern, signalisiert damit sein Einverständnis.

Cirello filzt ihn, kann keine Waffe und kein Kabel finden, dann sagt er: »Dich auch.«

Die Frau steht auf, dreht sich um und streckt die Arme auf Schulterhöhe aus, und Cirello weiß, dass sie das nicht zum ersten Mal macht. Er klopft sie ab, und sie guckt sauer.

Cirello winkt Darnell rein.

Es ist nicht wie im Kino, sie befinden sich in keinem Lagerhaus, und hier steht auch keine Armee mit Maschinengewehren bewaffneter Kerle herum. Es ist profan – ein langweiliges Paar in einem billigen Hotelzimmer. Sie sind nicht bewaffnet, weil sie sich kein Feuergefecht mit den Cops liefern würden. Auch nicht mit Gangstern, falls sie überfallen werden sollten. Sie würden den Stoff einfach übergeben, und das Kartell würde die Diebe aufspüren, sobald sie versuchen würden, ihn weiterzuverkaufen.

Und kurzen Prozess machen.

Nein, sie packen den Stoff einfach in ein Auto oder einen Transporter und fahren von Kalifornien her, das Kartell vertraut ihnen, dass sie ihn nicht selbst klauen, denn normalerweise bleibt ein enger Verwandter in Mexiko als Geisel zurück, womit garantiert wird, dass sie sich gut benehmen. Keine Mutter und kein Vater auf der Welt würde mit Stoff im Wert von einer Million Dollar abhauen, wenn er oder sie wüsste, dass dann das eigene Kind zu Tode gefoltert wird. Und selbst wenn – was Cirello nicht hofft –, wo würden sie ihn überhaupt verkaufen?

Darnell wird seinem Zulieferer kommunizieren, dass er die Ware hat, dann wird die Geisel aus der luxuriösen Suite entlassen, in der sie gefangen gehalten wurde, und die beiden hier dürfen sich eine schöne Stange Geld abholen.

Die Frau sagt zu Darnell: »Schöne Grüße von deinem Freund.«

»Schöne Grüße zurück.«

Dann sieht sie Cirello an. »Ich mach den Koffer auf. In Ordnung?«

»Schieb nur nicht die Hände rein.«

Sie bückt sich, öffnet einen der Koffer, und Cirello sieht fest in Plastik eingewickelte Bricks, die zusätzlich noch mit dickem Klebeband verschnürt wurden. Als sie sich wieder aufrichtet, sagt sie: »Ich würde die Päckchen nicht aufmachen.«

Darnell schüttelt den Kopf. »Nein, ich vertraue meinem Freund.«

Außerdem ist es zu gefährlich, weiß Cirello. Es sind schon Cops und EMTS gestorben, weil sie nur flüchtig mit Fentanyl in Kontakt kamen. Kann schon passieren, dass einem die Lichter ausgehen, nur weil man eine offene Schnittwunde hat oder was von dem Zeug einatmet. »Zwei Koffer«, sagt sie. »Jeweils zehn Kilo. Willst du’s wiegen?«

»Wie gesagt, ich vertraue meinem Freund.«

Sie macht den Koffer zu.

Die nächste Überraschung ist für Cirello das, was nicht passiert.

Es wird kein Geld übergeben. Kein Cent.

Darnell nimmt einen der Koffer, gibt Cirello Zeichen, den anderen zu nehmen, und sie fahren los.

Sie stellen die Koffer in den Kofferraum von Cirellos Wagen.

Darnell hängt sich ans Telefon. »Sag ihnen, wir haben es.«

Dann zurück über den GW, in nördlicher Richtung auf den Riverside Drive, rechts abbiegen auf die Plaza Lafayette und dann links in den Cabrini Boulevard nach Castle Village, eine Anlage mit fünf Apartmenthochhäusern, jeweils mit vier Flügeln und Blick auf den Hudson.

Eine kleine Zweizimmerwohnung liegt hier im sechsstelligen Bereich.

Nicht der Ort, an dem man eine Heroin Mill erwarten würde, aber genau darum geht es ja, denkt Cirello.

Lage, Lage, Lage.

Ein ruhiges Viertel der gehobenen Mittelklasse, die Route 95, Route 9 und die 181st Street führen über die Brücke und in die Bronx, nach Queens, nach Brooklyn und Staten Island – alles bequem erreichbar.

Cirello fährt in die Tiefgarage.

Darnell und er steigen aus dem Wagen, nehmen die Koffer mit dem Stoff und fahren mit dem Fahrstuhl ins oberste Stockwerk des nördlichsten Gebäudes.

Darnell hat alle drei Apartments in dem Flügel gekauft.

Ein bewaffneter Wächter empfängt sie am Fahrstuhl und geht mit ihnen zur Tür eines Apartments. Cirello sieht, dass es eine Art Büro-Warteraum ist – ein paar Stühle, ein Sofa, ein Fernseher und eine Kleiderstange mit einer Reihe von Schutzanzügen befinden sich hier.

»Zieh einen an«, sagt Darnell.

Cirello kommt sich blöd vor, aber er steigt in einen der weißen Overalls.

Darnell tut es ihm gleich und reicht ihm Latexhandschuhe.

Eine bewachte Tür führt in das nächste Apartment. Der Wächter öffnet ihnen die Tür, und Cirello betritt die Heroin Mill.

Fünf Frauen in Schutzanzügen warten wie gewöhnliche Arbeiterinnen auf ihren Schichtbeginn.

Und irgendwie sind sie das ja auch, denkt Cirello.

Er stellt seinen Koffer auf einen Klapptisch neben den von Darnell. Eine der Frauen geht zu Cirello und gibt ihm eine Atemmaske. Anschließend zieht er selbst eine Maske über Mund und Nase, öffnet einen der Koffer, nimmt einen Brick heraus und schlitzt ihn mit einem Klappmesser auf.

»Debbie hat ihren Magister in Chemie an der NYU gemacht«, sagt Darnell. »Ich hab sie von Pfizer abgeworben.«

Mit einem Stäbchen nimmt Debbie eine kleine Menge Pulver auf und gibt es in ein Reagenzglas. Dann steckt sie einen Teststreifen in das Reagenzglas und zieht ihn wenige Sekunden später wieder raus. »Achtzig Komma fünf. Ausgezeichnet.«

Die Frauen machen sich an die Arbeit, packen das Fentanyl auf die Tische und verteilen es in Schalen, wo es mit dem Heroin gemischt wird, anschließend füllen sie das »Fire« in kleine Tütchen, die auf der Straße verkauft werden.

Debbie nimmt den zweiten Koffer und führt Cirello und Darnell in einen dritten Raum. Auf den Tischen befinden sich makellose Edelstahlgeräte.

»RTP 9s«, sagt Debbie. »Rotierende Tablettenpressen auf dem allerneusten Stand der Technik. Damit stellen wir sechzehntausend Pillen pro Stunde her.«

»Woher habt ihr die?«, fragt Cirello.

»Aus dem Internet«, sagt Debbie. »Werden in Großbritannien hergestellt, aber wir bekommen sie von unserem texanischen Vertreter in Fort Worth.«

»Weißt du, wie man damit umgeht?«, fragt Darnell.

»Ist kinderleicht«, sagt Debbie. »Man gibt das Pulver hier rein, es gelangt in dieses Rondell, wird in Röhrchen gepresst und kommt in Pillenform unten raus. Wollt ihr zusehen?«

Es ist genauso einfach, wie sie gesagt hat.

Cirello hat Mikrowellen gesehen, die sehr viel komplizierter zu bedienen waren, und er bleibt stehen und schaut zu, während das Gerät im Rhythmus eines Maschinengewehrs Pillen ausspuckt.

Spätestens morgen sind sie verpackt und auf der Straße.

Und wahrscheinlich wird auch schon morgen jemand daran sterben.

Der letzte Raum ist die Kontrollstation. Am Ende seiner Schicht muss jeder Angestellte hier durch, muss sich nackt ausziehen und in alle Körperöffnungen schauen lassen. Anschließend fährt ihm ein anderer Wachmann mit einem Handschuhfinger in den Mund, um sich zu vergewissern, dass nichts in der »Backe« versteckt ist.

»Kenn ich alles aus V-Ville«, sagt Darnell.

»Was machst du, wenn du jemanden erwischst?«, fragt Cirello.

»Weiß nicht«, sagt Darnell. »Ist noch nicht passiert. Die wissen alle, dass sie durchsucht werden, und ich zahle gut. Aber Vorsicht ist immer besser als Nachsicht.«

»Hey, Darius?«, sagt Cirello. »Mir steckt aber niemand einen Finger in den Arsch, es sei denn, ich bitte darum, und ich habe noch nie darum gebeten.«

»Ich dachte, du bist Grieche.«

»Das ist ein rassistisches Vorurteil.«

»Schwarze können gar nicht rassistisch sein«, behauptet Darnell.


Darnell beugt sich über die Brüstung auf dem Dach und schaut auf die andere Seite des Flusses auf die Lichter von Manhattan.

»Neulich war ich mit meinem Jungen im Zoo«, sagt er.

»Im Zoo?«, fragt Cirello.

»In der Bronx«, sagt Darnell. »Er schreibt ein Referat über Gorillas, also sind wir in den ›Kongo Gorilla-Wald‹ und haben uns dort die Affen angesehen. Mein Junge hat sich Notizen gemacht. Um uns rum standen lauter Leute, die haben die Gorillas angegafft, aber ich, ich stand da, und mir wurde klar, dass ich nicht wie die anderen Leute bin, sondern wie die Gorillas. Ich meine, ich weiß genau, was der Gorilla denkt, wenn er aus seinem Käfig rausguckt.«

»Aber das ist doch kein Käfig mehr, oder? Das ist doch so eine ›natürliche Lebenswelt‹.«

»Das ist es ja«, sagt Darnell. »Es sieht nicht aus wie ein Käfig, ist aber trotzdem einer. Die Gorillas können nicht weg, und die lassen Leute in den Zoo rein, die sie anstarren. Als ich in V-Ville war, wusste ich, dass es ein Käfig ist, weil ich zwischen Gitterstäben durchgeschaut hab. Aber jetzt bin ich draußen, und hier sieht es nicht aus wie in einem Käfig, ist aber trotzdem einer. Ich bin immer noch der Gorilla. Als Schwarzer bist du in diesem Land hier immer im Käfig.«

Dann fragt er plötzlich: »Woher weiß ich, dass ich dir vertrauen kann?«

Cirello dreht sich der Magen um. Darnell klingt, als würde er’s ernst meinen, nicht bloß Quatsch machen. »Scheiße, ich hab dir das Leben gerettet, oder?«

»Woher weiß ich, dass das nicht zu deinem Spiel dazugehört«, fragt Darnell, »dass du nicht undercover bist?«

»Wenn du mich abtasten willst, dann mach.«

»Du bist zu schlau, um mit Mikro hier aufzukreuzen«, sagt Darnell. »Vielleicht muss ich dich was machen lassen, was du als Undercover nicht machen darfst. Zum Beispiel ein Kapitalverbrechen begehen.«

»Was schwebt dir denn vor, D?«

»Vielleicht musst du einen Mexikaner für mich erschießen.«

»Das steht nicht in meinem Arbeitsvertrag.«

Darnell sagt: »Ein Mexikaner drängt in mein Revier, klaut mir die Kundschaft. Ich muss mich verteidigen. Wahrscheinlich kann ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, mein Revier verteidigen und testen, ob ich dir vertrauen kann.«

»Ich dachte, du vertraust mir schon.«

»Mir schwebt Größeres vor für dich«, sagt Darnell. »Aber vorher muss ich das wissen.«

Darnell hält mir die Tür auf, denkt Cirello, ein Ausweg raus aus diesem Scheißauftrag. Geh und komm nicht mehr zurück. Niemand kann es dir vorwerfen. Nicht mal Mullen würde einen Mord genehmigen.

Nicht mal, wie heißt er noch, dieser verfluchte Art Keller wird einen Mord abnicken.

Geh zum Licht, Bobby, denkt er.

Geh zum Licht.

»Für einen Mord bin ich nicht zu haben, Darnell, tut mir leid.«

»Du hast keine Kinder«, sagt Darnell, »aber vielleicht eines Tages. Und die werden schlau sein, so wie du, die werden aufs College gehen. Willst du, dass die ihren Abschluss machen und deine Schulden auf dem Buckel haben, oder willst du, dass sie schuldenfrei ins Leben starten? Ich rede nicht von dem Geld, das man für die Fordham University braucht oder für die Polizeischule. Ich rede von Geld für Harvard oder Yale. Schlaf drüber, Bobby Cirello, dann sagst du mir Bescheid.«


Cirello schläft überhaupt nicht.

Er liegt wach und denkt nach.

Gerade eben hat er zwanzig Kilo Fentanyl auf die Straße gebracht, obwohl er den Scheiß eigentlich davon hatte fernhalten wollen, und jetzt wird er aufgefordert, einen Mord zu begehen.

»Was ist denn, Bobby?«, fragt Libby.

»Ich überlege, ob ich kündigen soll«, sagt er plötzlich und staunt über sich selbst.

»Ich dachte, du bist gerne Polizist.«

»Bin ich ja auch«, sagt Cirello.

Oder war ich.

Jedenfalls glaube ich das.

Kann mich gerade kaum noch dran erinnern.


Am nächsten Abend steht er draußen vor dem Word Enlightenment House of Jesus Christ, direkt neben dem Umbrella Hotel in der Bronx.

Wo Fermín Aguilar abgestiegen ist.

Darnell hatte sich gefreut, als Cirello ihm gesagt hatte, er habe es sich anders überlegt. »Jetzt hast du’s kapiert, Bobby Cirello.«

Fermín Aguilar ist im Prinzip Pharmavertreter eines konkurrierenden Kartells und verkauft als solcher Fentanyl, bei drei von Darnells Einzelhändlern in Brooklyn hat er Darnells Preise unterboten, und Darnell möchte eine Botschaft senden.

Cirello hatte schon den ganzen Tag an dem Wichser drangehangen und wartet jetzt, dass er vom Einkaufen im Nine West Outlet auf der anderen Seite der Third Avenue kommt. Anscheinend will er noch Geschenke für seine Familie oder seine Freundin besorgen, bevor er wieder mit vollen Auftragsbüchern nach Mexiko zurückkehrt.

Eddie hatte daran gedacht, ihn sich auf der Third zu schnappen, aber dann beschlossen, dass da zu viel los ist. Außerdem gibt es dort ein Geschäft für Kinderkleidung und eine Zoohandlung, und Cirello möchte nicht riskieren, dass Kinder verletzt werden.

Er hat ein schlechtes Gewissen bei dem, was er tut, beschließt dann aber doch, drauf zu scheißen.

Wie vielen hat Aguilar mit seiner Ware den Tod gebracht? Das ist wie in dem alten Song, »God damn the Pusher Man«, und in der Hölle gibt’s einen ganz besonderen Platz für den Dreckskerl, der den Stoff verkauft.

Jetzt sieht er Aguilar die Straße raufkommen.

Tatsächlich, er hat Einkaufstüten in der Hand.

Cirello geht auf ihn zu.

Aguilar ist nicht darauf vorbereitet, hätte es kommen sehen müssen, hat er aber nicht. Cirello ist schon an ihm dran, bevor er was merkt, er lässt ihn vorbeigehen, dreht sich um, schiebt ihm den Lauf in den Rücken und sagt: »Siehst du den weißen Transporter, der da parkt, Motherfucker? Geh hin und steig ein.«

»Bitte erschieß mich nicht.«

»Geh.«

Aguilar geht zu dem Transporter. Als er danebensteht, wird die Tür aufgezogen, und Cirello stößt ihn rein, steigt hinter ihm ein und schließt die Tür.

Hugo Hidalgo fährt an.

Cirello zwingt Aguilar auf den Boden, stopft ihm einen Lappen in den Mund und zieht ihm eine Kapuze über den Kopf. Hidalgo fährt zum St. Mary’s Park, zusammen zerren sie Aguilar aus dem Wagen und gehen über einen Fußweg zu einer abseits gelegenen Rasenfläche hinter ein paar Bäumen, wo Cirello Aguilar in die Knie zwingt, ihm die Kapuze vom Kopf reißt und ihm den Pistolenlauf an die Stirn drückt. »Jetzt sag Gute Nacht.«

»Bitte«, sagt Aguilar.

Seine Augen sind rot vom Weinen, seine Nase läuft, und er hat sich vollgepisst.

»Du hast eine Chance«, sagt Cirello.

»Was ihr wollt.«

»Leg dich hin.« Cirello stößt Aguilar auf den Rücken, steckt seine Pistole zurück ins Holster, dann nimmt er einen Kugelschreiber und malt ihm ein hübsches Loch mitten auf die Stirn. »Augen weit auf und Mund auch.«

Aguilar öffnet Mund und Augen.

Cirello nimmt sein Handy und macht ein Foto.

Schickt es an Darnell.

»Zurück zum Transporter«, sagt Cirello. »Du bist jetzt tot. Wenn du irgendjemandem was anderes erzählst, finden wir dich und bringen dich in echt um. ¿comprendes?«

»Kapiert.«

»Hast dein Glück gar nicht verdient, du Arschloch.«

Hidalgo fährt Cirello zurück zu dessen Wagen und verschwindet mit Aguilar, der jetzt mit Handschellen gefesselt hinten liegt.


»Was hast du mit ihm gemacht?«, fragt Darnell.

»Du hast nichts dagegen, wenn ich drauf verzichte, dich zum potenziellen Zeugen gegen mich zu machen, oder?«, fragt Cirello. In Wirklichkeit ist Aguilar in einen geschützten Auffangort für